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Warum darf ich heute nicht zur schule? Wie unser Kidshouse den Spagat zwischen Normalität und Krisensituation schafft Seit Jahren ist Kaschmir in Indien eine Krisenregion. Immer wieder kommt es zu Terroranschlägen, gewalttätigen Übergriffen, tagelangen Streiks und Ausgangssperren. Meistens sind es Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus, die sich an konkreten Vorfällen entzünden. Aber eigentlich geht es um die politische Kontrolle in der Kaschmir-Region, also um den alten Konflikt zwischen Indien und Pakistan, zwischen Hindus und Muslimen.

Schlimme Tage

Trotz Krise Normalität leben

Immer jedenfalls sind die Kaschmiris selber die Leidtragenden. Da sind die Hausbootbesitzer und Taxibootfahrer, denen die Touristen wegbleiben. Die Ladenbesitzer, denen das Gemüse im geschlossenen Geschäft verfault. Frauen mit Wehen, die zur Geburt nicht ins Krankenhaus gelangen können, weil die Strassen blockiert sind. Patienten – gross und klein – die nicht rechtzeitig zum Arzt kommen und nicht einmal in einer Apotheke die dringend benötigten Medikamente kaufen können. Tausende von Schülern, die nicht in die Schule können und folglich auch bei den Examen schlecht abschneiden. Geschäftsleute, die tagelang nicht einen einzigen Kunden bedienen. Hunderttausende von Familien, die keine Lebensmittelvorräte mehr im Haus haben und auch nichts einkaufen können.

Es ist nicht leicht, in diesem immer wiederkehrenden Spannungsfeld zu leben. Es ist wie ein Spagat. Im Kidshouse versuchen wir, so weit es möglich ist, die Kinder abzuschirmen und ihnen soviel Normalität wie es irgendwie geht, zu geben. Wir sind sehr dankbar für das grosse Haus, das wir mieten können, das sogar noch einen Garten hat, so dass sie selber einen kleinen Spielplatz haben. Dankbar auch, dass es in einer Ortschaft liegt, wo es meistens nicht so heiss her geht, wenn es Streiktage gibt. Froh, um gemässigte Nachbarn, die wissen, dass wir Christen sind und sich auch nicht steinewerfend an Protestmärschen beteiligen, dafür aber Gemüse aus dem eigenen Garten vorbeibringen, wenn alle Läden geschlossen sind. Dankbar um all die wohlwollenden Ladenbesitzer, die gemerkt haben, dass wir z.B. mehr Milch als andere Haushalte brauchen und sie an uns verkaufen, anstatt sie zu horten und dann dem Meistbietenden zu geben. Dankbar, um die befreundeten Ärzte, die man zur Not telefonisch um Rat bitten kann, wenn man nicht zur Untersuchung gehen kann wegen der Unruhen. Dankbar, genügend Bargeld im Haus zu haben, wenn am Bankautomaten nichts mehr kommt und man dringend einkaufen muss, weil für die folgenden Tage die nächsten Streiks angekündigt sind.

Mussa (links) und Yaqoub sind bereit, mit ihrem grossen Bruder Nehemia in die Schule zu gehen.

Schöne Tage

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Mariam

Das sind die schlimmen Tage in Kaschmir. Die Tage, an denen man aus den Moscheen rundum wütende „Predigten“ hört und an denen nachher junge Männer in Massen auf die Strassen gehen, um zu demonstrieren und Steine werfen. Die Tage, an denen die Willkür regiert. Die Tage, an denen man am liebsten davonlaufen möchte.

Und dann gibt es auch die schönen Tage: Dann, wenn alles ruhig ist, wenn wieder Normalität einkehrt. Wenn das Leben wieder in geordneteren Bahnen verläuft. Wenn die Geschäfte offen haben, man selber Geschäfte erledigen kann. Wenn man wieder Lebensmittel und Vorräte einkaufen kann. Wenn man zum Arzt kann, wenn man muss, und Medikamente in der Apotheke holen kann, wenn man welche braucht. Wenn die Kinder mit dem Schulbus in die Schule können und nachmittags wieder nach Hause kommen. Wenn man den schönen Sonnenuntergang am See geniessen kann oder in einem der wunderschönen Parks spielen kann. Das sind die schönen Tage in Kaschmir. Die Tage, an denen man sich vorstellen kann, warum man früher das Hochtal im Himalaya auch„ Paradise on Earth“ (Paradies auf Erden) genannt hat.

Strassenszene in Kaschmir

Wenn man nicht in die Schule darf Aber ganz gelingt uns dieses Abschirmen nicht immer. Denn drei unserer Kinder gehen schon in die Schule. Für unsere drei kleinen Schulbuben ist jeder Schultag interessant, immerhin sind sie jetzt die „Grossen“, die mit dem Schulbus am Vormittag wegfahren und erst am Nachmittag wieder nach Hause kommen. Wenn es ein normaler Tag

Aber die Lehrerin hat doch gesagt, „wir sehen uns morgen wieder“! Und die Hausaufgaben haben sie auch ordentlich erledigt! Die Enttäuschung steht den beiden deutlich ins Gesicht geschrieben. Noch verstehen sie nicht, was Krisen und ausufernde Gewalt sind. Und wir wünschen ihnen, dass sie das auch noch lange nicht verstehen müssen. Und auch die Kidshouse-Eltern und ihre Mitarbeiter können sich an diesen Krisentagen nicht frei bewegen. Die KidshouseMutter und die eine Mitarbeiterin kommen beide nicht aus Kaschmir, sondern aus viel südlicheren Gebieten in Indien, was man ihnen auch ansieht. Manchmal könnte das

Simon und Simone Allenbach, Standortleiter Kaschmir

Infobox

11 Von der Mutter verlassen, doch von Gott gewollt: Im Kidshouse Kaschmir in Indien nehmen wir Babys auf, die nach der Geburt von ihrer (häufig unverheirateten) Mutter ausgesetzt worden sind, und geben ihnen Liebe, Nahrung und eine Identität in einer christlichen einheimischen Familie, die diese Kinder adoptiert.

Jemima

Sarah

gefährlich für sie werden, und sie vermeiden es daher, das Haus zu verlassen, wenn es heikel ist. An einem dieser heiklen Tage stand letzthin in den Losungen: Psalm 146,9 „Der Herr behütet die Fremdlinge und erhält die Waisen.(...)“ So eine tröstliche Verheissung für die gesamte Kidshouse-Familie. Daran wollen wir festhalten. Besonders in den „Spagatzeiten“.

ist. Wenn nicht, wenn wieder einmal ein ausserordentlicher Streik angesagt ist und auch nach langem Warten keine Schulbusse kommen, können Yaqoub und Mussa (3 ½ Jahre alt) gar nicht verstehen, warum sie denn jetzt schon wieder nach Hause sollen. Warum die Schuluniform wieder ausziehen, die sie doch gerade erst angezogen haben? Was soll das denn? Keine Schule heute?

Jetzt sind es sieben aufgenommene Kinder im Alter von anderthalb bis fast vier Jahren.

Ruth

kaschmir krise  

Das sind die schönen Tage in Kaschmir. Die Tage, an denen man sich vorstellen kann, warum man früher das Hochtal im Himalaya auch„ Paradise...