Page 1

kairos

Richtiges zur richtigen Zeit Seit mehr als 30 Jahren habe ich alles versucht, um meine Zeit in den Griff zu bekommen und somit effizienter zu werden. Ich habe mehr als 130 Seminare zu diesem Thema gegeben und dabei über 5000 Menschen trainiert. Ich darf wohl von mir sagen, dass ich das Zeitmanagement beherrsche.

4

Die Zeit im Griff zu haben ist nur der Anfang! Doch vor 15 Jahren wurde mir klar, dass Zeitmanagement allein nicht genug ist, dass es um eine ganzheitliche Betrachtung des Lebens gehen muss. Vom Zeitmanagement zum Lebensmanagement! Für mich selber bedeutete dies, bei mir selbst anzufangen und durch Disziplin falsche Lebensgewohnheiten zu korrigieren, ja sogar gänzlich fehlende Lebensbereiche neu zu entwickeln. Es ging für mich dabei unter anderen darum, die täglichen Essgewohnheiten zu verändern und meinem Körper durch tägliches Sporttreiben mehr Bewegung zu verschaffen. So wurde der sorgsame Umgang mit meinem Körper erst nach meinem 50. Geburtstag zu einem festen Bestandteil meines Lebens – und ich praktiziere ihn, wo immer ich mich auf der Welt aufhalte. Durch meine weltweite Arbeit in den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen für „Agape international“, durch die Arbeit im „Weizenkorn“ mit behinderten Menschen und mein Engagement in der Job Factory AG in Basel wurde meine Lebensphilosophie noch einmal ganz gewaltig auf den Kopf gestellt. Mit diesen ganz neuen Herausforderungen hat Gott mich dazu eingeladen, meine Sicht auf die Welt radikal zu ändern. Und da ich mit dieser Veränderung sehr positive Erfahrungen gemacht habe, möchte ich möglichst viele Menschen davon überzeugen, es für sich selbst auszuprobieren.

5


kairos

Als moderne Menschen sind wir alle stets versucht, unsere Zeit als dahinfliessenden Strom zu betrachten. Das verführt uns zu der Auffassung, unser Leben sei eine lose Kette von Zufällen, die nur selten miteinander in einem Zusammenhang stünden. Dabei verfallen wir durch diese Sichtweise dem Irrtum, mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit besser umgehen und die uns gestellten Aufgaben besser bewältigen zu können. So ist es gar nicht verwunderlich, dass wir uns mehr und mehr als Opfer unseres Terminkalenders fühlen. Schliesslich teilen wir unsere Lebenszeit in Minuten, Stunden, Tage und Wochen ein und lassen uns von diesem Zeittakt beherrschen. Unsere Zeit wird so zum unnachgiebigen Metronom unseres verrinnenden Lebens. Sie besteht nicht mehr aus Augenblicken, in denen wir uns an Gott und seiner Schöpfung erfreuen oder anderen unsere Aufmerksamkeit schenken. Die Zeit, die eigentlich zum Feiern, Beten oder Träumen gedacht ist, wird bis ins Letzte ausgepresst. Kein Wunder, dass uns das müde macht und auslaugt. Kein Wunder, dass wir uns in unserem Erleben und unserer Wahrnehmung manchmal hilflos und armselig fühlen.

Unsere Interpretation der uns zugemessenen Lebenszeit muss demnach übertragen werden aus dem Konzept des Chronos (der chronologisch ablaufenden Zeit) hin zum Konzept des Kairos. Doch was bedeutet dieser Begriff aus dem Griechischen, der uns auch im Neuen Testament begegnet? Der Kairos ist der Moment, der mit ganzem Herzen ergriffen werden muss, der Augenblick, der reif ist für etwas, was gerade in diesem Moment Gestalt werden soll. So gesehen erfährt unser Leben auch in chaotisch erscheinenden Zeiten oder in schwierigsten Situationen eine neue Dimension, denn inmitten all dessen, was uns beschwert, geschieht auch Gutes. Wir erhaschen einen Blick darauf, wie Gott auch in unserer Zeit seine Pläne realisiert. Unsere Lebenszeit ist dann nicht mehr etwas, durch das man hindurch muss, das man ausnutzen oder im Griff haben muss, sondern unsere Zeit ist dann der Schauplatz des Wirkens Gottes in und an uns. Was auch geschieht – Gutes oder Schlimmes, Angenehmes oder Problematisches, wir sehen hin und fragen: „Was könnte Gott damit wohl gerade vorhaben?“ Wir sehen dann die Ereignisse als ständig neue Gelegenheiten zur inneren Veränderung. Auf diese Art verweist unsere Zeit auf einen anderen und beginnt, uns etwas über Gott zu erzählen.

Den Kairos ergreifen heisst vorbereitet sein Es ist nicht einfach, Ungeduld und Langeweile zu widerstehen. Jesus erzählt das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem kommenden Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht. Sie reagierten überstürzt und dachten nicht daran, genügend Öl mitzunehmen(Mt 25,3). Als der Bräutigam endlich kam, waren ihre Lampen erloschen. Die anderen fünf aber waren auf das grosse Ereignis vorbereitet. Sie konnten den Kairos ergreifen und ihrem Herrn begegnen. Genau wie die törichten Jungfrauen setzen auch wir uns manchmal einfach hin und bedauern uns und unser Schicksal. Dann gehen uns die Lampen aus. Wir riskieren es, uns die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsüchte entgehen zu lassen. Aber das ungeduldige Verlangen, grosse Dinge ins Leben zu rufen, oder die dumpfe Langeweile, die wir empfinden, wenn die Dinge nicht so geschehen, wie wir es wollen, sind Ausdruck davon, dass wir vergessen haben, wie das Leben durch geduldiges Warten und mitunter sogar Leiden zur Erfüllung gelangt.

Wenn wir die Zeit aber als Kairos sehen, hilft uns das, im Glauben geduldig zu sein. Und wenn wir auf diese Weise geduldig sind, können wir alle Begebenheiten und Ereignisse – erwartete wie unerwartete – als für uns verheissungsvoll sehen. Geduld wird zu einer Grundhaltung in uns, die zum Ausdruck bringt, dass wir das Leben nicht zwingen können, sondern dass wir uns von ihm mit der ihm eigenen Zeit und dem ihm eigenen Tempo führen lassen sollten, wie wir uns von einem guten Tanzpartner führen lassen. Die Kehrseite unserer Ungeduld ist Langeweile. Wenn unsere Pläne nicht aufgehen, wenn wir nicht sehen, dass etwas Grosses geschieht, wenn wir nicht mehr abgelenkt sind durch all unsere Träume, dann empfinden wir vielleicht ganz einfach Langeweile. Langeweile entwickelt sich ebenfalls aus unserem chronologischen Blick auf die Zeit, entsteht daraus, dass wir unsere Erlebnisse und Erfahrungen in keinen sinnvollen Zusammenhang einordnen können. Ein Tag löst einfach den anderen ab, ein Jahr folgt dem anderen. Alles ist schon einmal gesagt worden, es gibt nichts Neues unter der Sonne und das Leben ist dann wie ein Stück Holz, das in fast stehendem Wasser bewegungslos liegt.

Gott füllt unsere Lebenszeit mit Sinn Unser Leben ist keine zufällige Aneinanderreihung von Ereignissen, die das unterbrechen, was wir „schaffen müssen“. Vielmehr

Fotos: Deborah Jahrling

Wenn die Zeit uns beherrscht, verlieren wir unser Leben!

Wer sich nicht vom Strom der Zeit mitreissen lässt, kann sein Leben für Gottes Fügung öffnen.

6

Ohne Geduld geht es nicht Wir sind sehr ungeduldige Zeitgenossen geworden. Wir wollen so vieles - und wir wollen es sofort. Wir haben das Gefühl, dass wir in der Lage sein sollten, Schmerzen zu beheben, Wunden zu heilen, Leere und Mangel auszufüllen und bedeutsame Leistungen hervorzubringen – und zwar sofort. Ungeduldig verfolgen wir Pläne und Projekte, von denen wir überzeugt sind und deren Umsetzung wir verbissen verfolgen. Und wir werden ärgerlich, wenn sich uns dabei jemand oder etwas in den Weg stellt.

sind wir dazu eingeladen, unser Leben im Licht des Glaubens an unseren Schöpfer zu sehen. Nur so können wir erleben, dass all das, was wir in einer bestimmten Zeitspanne erleben, keine wahllose Verkettung glücklicher oder unglücklicher Umstände ist, sondern Ausdruck der gestaltenden Hände Gottes, der möchte, dass wir innerlich reifen und erwachsen werden. Roland Kurth Leiter Agape international

7

kairos  

Seit mehr als 30 Jahren habe ich alles versucht, um meine Zeit in den Griff zu bekommen und somit ef- fizienter zu werden. Ich habe mehr als...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you