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oder ganz aufgehoben, in der Schweiz war

verdingte sich daher beim Meister Oster-

die Beseitigung der Macht der Zünfte in

tag als Seiler, dem er für die Ausbildung

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den Stadtkantonen um 1830 mit der er- 18 Goldgulden Lehrlingsgeld bezahlte.21 zwungenen politischen und wirtschaftli-

In den Urkundenbüchern vieler Städte

chen Gleichberechtigung der Land- mit

finden sich Nachweise von Bürgern mit

der Stadtbevölkerung verbunden.

den Namen Seiler. 1265 in Hamburg Ri-

Die modernen Nachfolger der Zünfte

cardus Repslegere. 1395 in Kassel Hein

sind die Handwerkerinnungen oder Ver- Seilwinder und in Riga Jacobus dictus Rebände. Mancherorts bestehen Zünfte noch

pere. Um 1246 H. Saeiler in Winterthur

als folkloristische oder gesellschaftliche

und 1260, ebenfalls in Winterthur, gab es

Vereine wie z.B. in Zürich. In Basel sind

einen Funicularis (lateinisch: Seiler). In

dank der ununterbrochenen Autonomie

Zürich war es 1397 Rüdiger Seiler von Alt-

der Zünfte die Archive von seltener Reich-

stetten und Hans Seiler, 1405 sesshaft zu

haltigkeit. Die Tuchhändler führten seit

Zug; 1480 tritt Werena Seyler sesshaft zu

1370 ununterbrochen Buch über alles

Lentzburg als Zeuging gegen Bern auf.22

Wissenswerte. Die Seiler hatten wie auch

Es ist daher anzunehmen, dass zumindest

in anderen Städten keine eigene Zunft,

die Vorfahren dieser Familien den Seiler-

sondern sie gehörten der Zunft der Gärt-

beruf einmal ausgeübt haben.

ner an. Die Gärtner, die bei der Gründung der Zunft anno 1264 am stärksten vertre- Industrielle Revolution

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Handwerk 2/2011

ten waren, gaben der Zunft den Namen. In

Die Schweiz gehört zu den am frühe-

der Zunft waren noch die Gremper (Vik-

sten industrialisierten Ländern. Die einst

tualienhändler), die Seiler, die Karrer, Re-

blühende Schweizer Leinwandherstellung

chenmacher, Zuckerbächer und Angehöri-

wurde ab 1820 von der industriellen Ver-

ge der freien Berufe vertreten. Der Einfluss

arbeitung von Baumwolle, Seide und Wol-

der Seiler war zeitweise sehr gross. Sie

le verdrängt. Frankreich hatte 1803 ein

stellten im Laufe der Zeit (1500–1600)

Einfuhrverbot für Baumwollwaren erlas-

zahlreiche Vorgesetzte der Zunft. 1615

sen. Dies beeinträchtigte die Entwicklung

stifteten sie eine kostbare Wappenscheibe.

der Webereien in der Schweiz, förderte

Sie zeigt 14 Seiler bei einem Essen. Am

aber die Gründung von Spinnereien, z.B.

Rande einige Darstellungen aus dem

Spinnerei Hard bei Wülflingen ZH (1801),

Handwerk

Christian Näf in Rapperswil SG (1803), Jo-

18

.19

Berühmt wurde der aus dem Wallis stammende

bekannte

Basler

Gelehrte

hann Kaspar Zellweger in Trogen AR (1804).

Thomas Platter ( 1499–1582), der in seiner

Die Textilindustrie ihrerseits gab An-

Lebensgeschichte anschaulich über seine

stoss zur Entwicklung weiterer Industrie-

Erlebnisse als Seiler berichtet.20 Der aus

zweige: Ab 1804 stellte Johann Konrad Fi-

Luzern stammende Rudolf Ambühl, der

scher in Schaffhausen Gussstahl nach

sich als Gelehrter Collinus nannte, kam

britischem Verfahren her. 1805 begann

1524 nach Zürich. Er war zwar mit Zwing-

Hans Caspar Escher in der Aktienspinne-

li bekannt, bekam aber keine Anstellung,

rei Neumühle selbst Spinnmaschinen zu

die seiner Gelehrsamtkeit entsprach. Er

konstruieren. Aus der Spinnerei entstand

10 Szene aus eiem Kinderbuch von 1862 11 Meister Weber beim Schlagen eines dicken Seiles.

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Handwerk 11 2  

Publikation des Kurszentrums Ballenberg

Handwerk 11 2  

Publikation des Kurszentrums Ballenberg

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