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HANDWERK: SEILEREI 2/11

DIE INFORMATION DES KURSZENTRUMS BALLENBERG

Kurszentrum Ballenberg, CH-3858 Hofstetten Telefon 033 952 80 40, Fax 033 952 80 49 info@ballenbergkurse.ch, www.ballenbergkurse.ch Handwerk, traditionelles Bauhandwerk, zeitgenรถssische Gestaltung

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Seilerei

Seilerei

D

F

I

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D

F

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E

Die Familie: «z’Seilers»

Une famille de «cordiers»

La famiglia dei cordai

A rope-making dynasty

Das Gebäude

Le bâtiment

L’edificio

The rope-making shed

Der Seilereibetrieb Iten im Moos in Unterägeri kann auf eine lange Tradition zurückblicken, die mit Karl Bartholome Iten (1779-1854) ihren Anfang nahm. Die Seilerei selber bestand anfänglich nur aus einem Schopf für die wichtigsten Drehgeräte und Werkzeuge. Die Seile wurden im Freien gedreht. In der gleichen Weise wie sein Vater führte vorerst auch Kaspar Josef Iten (1825-1908) das Geschäft weiter. Erst sein Sohn Xaver Josef Iten-Stocker (1873-1947) baute sich 1897 eine über 90 Meter lange Seilerbahn, um seine Arbeit im Trockenen verrichten zu können. 1945 stellte er den Betrieb ein. Seit dieser Zeit nutzten sein Schwiegersohn und nachher sein Enkel das Gebäude als Holzlager für ihre Schreinerei.

La corderie Iten à Unterägeri peut se vanter, rétroactivement, d’une longue tradition, qui a pris son essor avec Karl Bartholome Iten (1779-1854). A l’origine, la corderie n’était qu’un hangar pour les toronneuses et les outils les plus importants. Les cordes étaient toronnées (tordues) en plein air. Tout comme son père l’avait fait avant lui, Kaspar Josef Iten (1825-1908) continua à fabriquer des cordes. Et ce fut son fils Xaver Josef Iten-Stocker (1873-1947) qui, en 1897, construisit une corderie de plus de 90 mètres de longueur, afin de pouvoir travailler au sec. En 1945, celui-ci cessa toute activité. Depuis lors, son gendre, puis son petit-fils utilisèrent ce bâtiment en tant que dépôt de bois pour leur menuiserie.

La corderia Iten, ubicata nella località im Moos, comune di Unterägeri, vanta una lunga tradizione. Fondata da Karl Bartholome Iten (1779-1854), la fabbrica era inizialmente una rimessa ove riporre gli attrezzi più importanti. Le corde venivano intrecciate all’aperto. Il successore e figlio Kaspar Josef Iten (1825-1908) continuò a lavorare nelle identiche condizioni del padre. I primi cambiamenti avvennero solo con Xaver Josef Iten-Stocker (1873-1947), che nel 1897 costruì un capannone di una novantina di metri per poter lavorare al coperto. L’attività prese fine nel 1945; da allora il genero, e successivamente il nipote, di Xaver Josef usarono il capannone come deposito per il legname della loro falegnameria.

The Iten family’s rope manufactury in Unterägeri was established by Karl Bartholome Iten (1779-1854). The original plant, if one can call it that, consisted of a simple storage shed for the most important tools and equipment. Rope-making took place outdoors. The founder’s son, Kaspar Josef Iten (1825-1908), continued in his father’s business, leaving everything unchanged. It took his own son, Xaver Josef Iten-Stocker (1873-1947) to build a 90-metre roping shed in 1897. Now, rope-making could proceed regardless of weather conditions. After his retirement, in 1945, first his son-in-law and then his grandson continued to make use of the shed – but as a means of sheltering the lumber they would use in their carpentry business.

Der rund 52 Meter lange Seilerschopf ist der Rest eines ursprünglich doppelt so langen Gebäudes, in dem Xaver Iten seine Seile drehte. Es handelte sich um eine einfache Ständer-Konstruktion aus Rundhölzern, aussen mit Brettern verkleidet. Originell ist die Anordnung der zahlreichen Öffnungen mit unterschiedlich grossen, wieder verwendeten Fenstern.

La corderie actuelle, qui compte près de 52 mètres de longueur, est tout ce qui reste du bâtiment – à l’origine deux fois plus long – dans lequel Xaver Iten toronnait ses cordes. Il s’agissait d’une simple construction à poteaux, en rondins, revêtue de planches à l’extérieur. Son originalité: de multiples ouvertures pour lesquelles on a réutilisé d’anciennes fenêtres, de différentes grandeurs.

Il capannone lungo circa 52 metri è ciò che rimane dell’edificio originario lungo quasi il doppio. Si tratta di una semplice costruzione a montanti con tronchi dirozzati e un rivestimento esterno di assi. La disposizione delle numerose aperture con le finestre riciclate è quella originale.

What’s left today is a building 52 metres in length, a bit more than half the length of the edifice Xaver originally built back in 1897. Its construction is straightforward – vertical tree trunk posts, with board cladding. Note the imaginative window layout, necessitated no doubt by the differently dimensioned, recycled windows.

Karl Bartholome Iten (1779-1854)

Kaspar Josef Iten (1825-1908)

Die Ergebnisse der Holzaltersbestimmung (Dendrochronologie) zeigen ein Fälldatum der Balken in den Jahren 1838/39. Schriftliche Quellen und mündliche Überlieferung setzen das Baujahr auf 1896/97 fest. Wahrscheinlich verwendete Xaver Iten für die Seilerei Balken eines älteren Gebäudes.

Les résultats d’une évaluation de l’âge du bois (dendrochronologie) indiquent que les poutres ont été façonnées à partir de bois abattu en 1838/1839. Des sources écrites et une transmission orale situent l’année de construction en 1896/1897. Vraisemblablement, Xaver Iten a pris, pour bâtir sa corderie, des poutres appartenant à un bâtiment plus ancien.

I risultati dell’indagine dendrocronologica indicano che il legname fu abbattuto nel 1838/1839. Le fonti scritte e orali consultate fanno risalire la costruzione agli anni 1896/1897. Probabilmente, Xaver Iten utilizzò travi provenienti da un fabbricato più vecchio.

Dendrochronological examination puts the time the trees were felled between 1838 and 1839. And since old records and word of mouth put the time of construction at around 1896/97, it can safely be assumed that the shed’s posts were the recycled remains of some other building.

Xaver Josef Iten-Stocker (1873-1947) Theresia Iten-Stocker (1869-1925)

DIE SEILEREI ITEN, UNTERÄGERI, IST NEU AUF DEM BALLENBERG


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Handwerk 2/2011 Seilerei Inhaltsverzeichnis: Die Seilerei Iten, Unterägeri, ist neu auf dem Ballenberg Umschlagseite 2 Editorial Seile: sichern, bewegen, verbinden Seite 1 Wolfgang Weber Skizzen zur Geschichte der (Schweizer) Seilerei Seite 2 Martin Benz, Seiler: Vom (Zauber)Lehrling zum Lehrmeister Seite 12 Die Seilerei Xaver Iten im Ballenberg: Einrichten, Ausrüsten, Seilen Seite 14 Regula Berger-Haupt: Japanische Kunst des Gürtelflechtens Seite 18

EDITORIAL 2/11 VERKNÜPFEN, VERBINDEN, SEILEN

Das Wissen weitergeben, alte Werkzeuge und Werkstatteinrichtungen erhalten – hier bewegen wir uns aktiv in der Erhal-

In der neu im Freilichtmuseum Ballen-

tung des immateriellen Kulturerbes – ei-

berg errichteten Seilerei kann ein weiteres

nem Anliegen, das durch die vom Bund ra-

altes Handwerk in anschaulicher und ein-

tifizierte Unesco Konvention jetzt in den

drücklicher Weise erlebt werden.

Kantonen zur ersten Bestandesaufnahme

Wie wohl kein anderes Handwerk hat

geführt hat. Das Kurszentrum Ballenberg

die Seilerei durch den produktimmanen-

ist im Kanton Bern als Projektleiterin mit

ten Platzbedarf ganz besonders ausge-

der Bestandesaufnahme betraut worden.

prägte und in ihrer Länge bis heute einzig-

Die Projektleitung hat Dr. Katrin Rieder,

artige Gebäude hervorgebracht. Die Seile-

Bern, übernommen. Sie ist ab 1. Februar

rei von Unterägeri, respektive der Seiler- 2012 die neue wissenschaftliche Leiterin des Freilichtmuseum Ballenberg.

te, war ursprünglich über 100 Meter lang.

Die Verbindungen zwischen den zwei

52 Meter sind übrig geblieben und konn-

Institutionen Freilichtmuseum Ballenberg

ten weitgehend in der Originalsubstanz im

und Kurszentrum Ballenberg sind vielfäl-

Freilichtmuseum Ballenberg aufgestellt

tig verknüpft! ■

Handwerk 2/2011

schopf, in dem Xaver Iten seine Seile dreh-

und eingerichtet werden. Auffällig und speziell ist die Wiederverwendung alter ge-

Adrian Knüsel

brauchter Fenster und deren scheinbar

Leiter Kurszentrum Ballenberg

1

Bilder Seilerei Ballenberg, Manfred Meienberg, Umschlaginnenseiten 2 und 3, Originalschautafeln Ballenberg, Edwin Huwyler

willkürlicher Einsatz in der Südfassade. Mit Martin Benz fand sich in Winterthur ein junger Berufsmann, der begeistert und mit grossem, auch materiellem Engagement bei der Einrichtung und Instandsetzung des alten Betriebs half. Er erwies sich auch als geduldiger und kompetenter Lehrmeister, indem er die beiden Handwerker Bruno Zmoos, Leiter Betrieb Freilichtmuseum Ballenberg, und Andreas Teuscher, Mitarbeiter Landwirtschaft, in die Kniffs und Tricks der Seilerei einführte.

Handwerk 2/2011 Herausgeber: Kurszentrum Ballenberg CH-3855 Brienz Telefon 033 952 80 40 Fax 033 952 80 49 www.ballenbergkurse.ch info@ballenbergkurse.ch Druck: Gisler Druck AG, Altdorf Layout: Margret Omlin. Auflage 2500/ 3 Ausgaben jährlich Abo Inland Fr. 38.–/ Ausland Fr. 48.–. Einzelnummer Fr. 14.–

SEILE: SICHERN, BEWEGEN, VERBINDEN


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DAS SEILERHANDWERK Die nachfolgenden Betrachtungen beziehen sich auf das Seilerhandwerk der

tigt waren. Einer anderen Statistik sind

Schrifttum. Nach Europa (Süd-Russland)

folgende Zahlen für die Schweizerischen

gelangte er etwa um 700 v. Chr. durch die

Seilereien zu entnehmen:3

Skyten und verbreitete sich dann west-

jüngeren Vergangenheit. Unbeachtet blei-

wärts. Die Griechen und Römer haben den 1919

1970 1997

ben Betrachtungen zum Drahtseil, das

Hanf gekannt. Sie bauten ihn für die HerAnzahl Betriebe

105

45

30

total Beschäftigte

997

550

332

Besch. Pro Betrieb

9.5

12.2

11

1834 im Oberharzer Bergbau (Deutsch-

stellung von Segeln und Seilen an. Um 800

land) erfunden und eingesetzt wurde.

n. Chr. d.h. zur Zeit Karl des Grossen war

Drahtseile sind nur ganz am Anfang vereinzelt in Handwerksbetrieben hergestellt

Verkaufsstand von Karl August Weber auf dem Wochenmarkt um 19003 1

1

die Hanfpflanze allgemein bekannt. Sie Wobei erwähnt werden muss, dass

dürfte im 16./17. Jahrhundert mit dem

worden. Die Fabrikation dieser Seile wur- heutige Seilereien Fachbetriebe mit einem

Aufblühen der Schifffahrt die grösste Ver-

de von Anfang an industriell betrieben.

umfangreichen, oftmals auch sehr speziel-

breitung er fahren haben.5 In der Schweiz

Das Seilerhandwerk gibt es noch –

len Angebot sind und mit früheren Hand-

wurden in früheren Jahrzehnten folgende

auch wenn immer mal wieder Artikel vom

werksbetrieben nur noch wenig gemein

Flächen Hanf angebaut:6

sterbenden Handwerk in Journalen er- haben. Heutige Maschinen und Anlagen

1890: 401 ha

scheinen. Bereits meinem Grossvater war

produzieren ungleich effizienter als die

1904: 117 ha

die Mär vom sterbenden Handwerk be-

früheren handgetriebenen Seilräder.

1943: 055 ha

kannt- das war um 1924.1 Totgesagte leben länger, auch das Seilerhandwerk lebt noch, nur nicht mehr in der Art, wie es früher in Lesebüchern beschrieben wurde. In der Landwirtschaft ist der Ackergaul

2

Handwerk 2/2011

durch den Traktor verdrängt worden. In

Dass ein Tischler mit Holz arbeitet, weiss jedes Kind und dass ein Schneider Stoffe zu Kleidern verarbeitet, ist auch bekannt. Aber was macht eigentlich ein Seiler – womit arbeitet er? Ein Seiler produziert: Springseile für Kinder und Sportler, Hebeseile und Zugseile für die Industrie, Abschleppseile für Autos, Wäscheseile, Kuhstricke, Absperrseile, Kletterseile für den Bergsport, Ankerseile für die Schifffahrt, Schnüre für den Gartenbau, Hängematten und Fussballnetze, Absperr- und Sicherheitsnetze, um nur einige zu nennen.

ROHSTOFFE, DIE IMMER NOCH IN DER SEILEREI VERARBEITET WERDEN Hanf

der Seilerei sind es Maschinen, auf denen

Über viele Jahrhunderte war es der

man 500 Meter lange Seile herstellen

Rohstoff, der in allen Seilereien der Welt

Im Bericht über die 30. Generalversammlung des Verbandes Schweizerischer Hanf- und Juteindustrieller 1949 heisst es: «In der Schweiz ist der Anbau von Flachs und Hanf, wie vorauszusehen war, auf das unbedeutende Vorkriegsniveau zurückgegangen.»

2

kann. Die charakteristischen langen Bah-

verarbeitet wurde, bis ein amerikanischer

nen der Seiler wurden aus den Stadtbil-

Beamter (Mr. Anslinger) um 1935 Hanf mit

dern verdrängt. Die im 19. Jahrhundert

Marihuana verwechselte, und bis eine

Der Flachsanbau ist in Ägypten schon

stattgefundene Industrialisierung hat ein

Seilschaft um die Firma Du Pont durch

im 5. Jahrtausend v. Chr. aus Gewebefun-

Übriges getan. Es gibt weniger Seilereien –

das Federal Bureau of Narcotics (FBN)

den und bildlichen Darstellungen des

aber dafür grössere Betriebe.

Hanf als «Mörderkraut» auf den Index setz-

Leinenanbaues nachweisbar.7 Über das

te, um die von Du Pont hergestellten Pro-

Schwarzmeergebiet gelangt er von Vorder-

In einer Petition an den hohen schweizerischen Bundesrath von 1882 heisst es:

Flachs

dukte zum Zelluloseabbau besser verkau- asien um 2500 v. Chr. nach Europa. Grie-

Diese Denkschrift und das darin enthalte-

fen zu können.4 Der Hanfanbau wurde

chische

ne Gesuch um «Erhöhung der Zölle auf ge-

verboten. Erst jetzt besinnt man sich lang-

Flachsanbau und der Flachsverarbeitung

Schriftsteller

berichten

vom

werbliche und mechanische Seilerwaaren

sam wieder auf die hervorragenden Eigen-

bei den Germanen. Das 13. bis 16. Jahr-

und Hanfgespinnste» sind durch 134 Peti-

schaften und biologisch wertvollen Teile

hundert ist die Blütezeit der Flachskultur.

tionen mit zusammen 225 Unterschriften,

der Pflanze Hanf = cannabis sativa. Als

Flämische, schlesische und Oberlausitzer Leinenartikel waren begehrte Handelswa-

darunter 178 von Seilermeistern, 8 von

Heimat des Hanfes werden Indien und Chi-

Schlauch- und Gurtwebern gutgeheissen

na genannt. In China sind Hanftextilien aus

re für St. Galler Kaufleute. Mit dem Auf-

worden.2

4200 v.Chr. belegt. Es finden sich zahlrei-

kommen der Baumwolle im 19. Jahrhun-

Leider ist nicht erwähnt worden, wie

che literarische Hinweise auf die Hanfkul-

dert ging die Flachsproduktion zurück.

viele Arbeiter bei den 178 Seilern beschäf-

tur im chinesischen und frühen indischen

WOLFGANG WEBER ZUR GESCHICHTE DER (SCHWEIZER) SEILEREI

3


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Sisal

2

Jute

Der heute gebräuchliche Name SISAL

Jute ist neben Flachs und Hanf die

stammt vom Hafen Sisal auf der Halbinsel

wichtigste Stängelfaser und neben Baum-

Yucatan, (Golf von Mexiko) dem ersten

wolle die am meisten angebaute Naturfaser.

Ausfuhrhafen für diese Fasern. Mexiko

Ihre Heimat sind ursprünglich die Länder

5 Seilaufbau (schematisch)

hatte um 1850 ein absolutes Ausfuhrver- des Mittelmeeres. Von dort kam sie nach bot für Sisal Bulbillen (Stecklinge) erlas- Asien, wo sie schon seit undenklichen Zeisen

4

. Einige Pflanzen wurden jedoch

ten, teils als Gemüse, teils als Rohstoff für

nach Florida geschmuggelt und von dort

Textilien verwendet wird

gelangten sie nach Afrika (Tansania).

18. Jahrhunderts gelangten Jutestoffe

Manila

wurden in Dundee (England) Versuche

8

7

. Zu Ende des

erstmals nach England und um 1838 In der Literatur wird die Faser oftmals

unternommen, Jute mit Flachs gemein-

als Manila-Hanf bezeichnet. Dieser Name

sam zu verspinnen. In Deutschland wurde

ist in doppelter Hinsicht irreführend und

die erste Rohjute 1861 versponnen.10

falsch. Es handelt sich keineswegs um

ippinen, nicht jedoch in der Umgebung

WIE EIN SEIL ENTSTEHT Grundlage: Spinnen

von Manila angepflanzt. Manila war nur

Eine der Hauptarbeiten in der Seilerei

der Hauptausfuhrhafen, von wo aus die

früher war das Spinnen. Bevor um die

Fasern nach Europa verschifft wurden.

Mitte des 19. Jahrhunderts die mechani-

Heute wird für Manila vorzugsweise der

schen Spinnmaschinen entwickelt wurden,

aus der Eingeborenensprache stammende

mussten die Seiler ihre (Hanf-)Fäden selbst

Ausdruck Abaca benutzt

6

.9

spinnen. Vor dem Spinnen galt es jedoch den Hanf noch zu hecheln, d.h. eine «Hand-

5

Handwerk 2/2011

Hanf (cannabis sativa) und die Faserbanane (musa textilis) wird wohl auf den Phil-

voll» wurde durch Hecheln geglättet aufgeFlachsblüte7 3

2 Hanfschleissen in Danis (Graubünden) um 1915

spaltet und kurze von langen Fasern ge-

3

3

4

4 Auf einer Sisalplantage in Afrika8


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6

trennt

. Dieser Vorgang wiederholte sich

Angetrieben wurde die «Frankfurter» mit-

In der Bibel finden sich zahlreiche

auf immer feineren Hecheln. Die gehechel-

tels einer endlosen Leine des rückwärts

Stellen die Bezug auf Seile, Schnüre oder

8

ten Bunde stapelte der Seiler für spätere

gehenden Seilers. Der Drehjunge wurde

Stricke haben. Da ist die Hure Raab, die

Verwendungszwecke.

entbehrlich.11

die Kundschafter an einem Seil entkom-

Als nächster Arbeitsgang war das ei-

6

Staude der Musa textilis Abaca (Manila)

Um ein Seil herzustellen werden eine

men liess, und Hiob klagt: Sie haben ihr

gentliche Spinnen angesagt. Der Seiler

Anzahl Fäden, entsprechend der geforder- Seil gelöst und mich zunichte gemacht.

legte eine Handvoll Hanf in die umgebun-

ten Seildicke, auf der Bahn zwischen dem

Hosea benutzt für die verschmähte Liebe

dene Spinnschürze, formte aus einigen

Seilgeschirr und dem Schlitten aufgezogen.

das Seil als Gleichnis: Ich liess sie ein

Fasern eine kleine Schlaufe, um sie an ei-

Die Fäden sind gleichmässig auf die 4 Ha-

menschlich Joch ziehen und in Seilen der

nen Haken der einfachen Spinnmaschine

ken im Seilgeschirr verteilt. Für ein 100 m

Liebe gehen.

zu hängen

. Eine endlose Leine, durch

langes Seil muss der schwere, bewegliche

Wie stark Seile und Stricke, Spinnen

den rückwärts gehenden Seiler angetrie-

Schlitten in 150 m Entfernung platziert

und Knoten in unserem Leben präsent

ben, versetzte den Haken in Drehung und

werden

. Beginnt der Hilfsarbeiter am

sind, belegen einige Sprichwörter die auch

lieferte so die zur Fadenbildung notwendi-

Seilgeschirr zu drehen, formen sich die ein-

heute noch gebraucht werden: alle am

ge Torsion. In vielen Fällen wollte der Sei-

zelnen Fäden zu Litzen und verkürzen sich

gleichen Strick ziehen; jemanden Durch-

ler jedoch längere Fäden spinnen als die

durch die Drehung. Dieser Verkürzung

hecheln; den (Gordischen) Knoten lösen;

überdeckte Bahn lang war. Sofern möglich

folgte der Schlitten. Er hält die Litzen stän-

der rote Faden der Geschichte.

9

14

konnte er im Freien weiterspinnen. Viel-

dig straff. Haben die Litzen genügend Dre-

leicht aber zog der Meister mit seinem

hung (Runde), setzt der Meister hinten

leichten Spinnrade auf ein geeignetes

beim Schlitten, die Lehre, ein spitz-kegeli-

Das älteste Bild, auf dem ein Seil oder

Grundstück vor der Stadt. Es bedurfte ei-

ges hölzernes Werkzeug zwischen die 4 Lit-

ein seilartiges Gebilde zu sehen ist, stammt

Archäologie

niger Übung, einen gleichmässigen Faden

zen ein. Durch die vom Geschirr kommen-

aus einer Ostspanischen Höhle und wird

einer bestimmten Dicke spinnen zu kön-

de Torsion wollen sich die Litzen zusam-

in der Zeit des späten Paläolithikum (vor

nen. Gegen Ende des Tages wurden die

mendrehen, was durch die Lehre verhin- ca. 20 000 Jahren) datiert. Ein Mensch mit

langen Fäden auf einen Haspel zur späte-

dert wird. Der Meister führt dann die Lehre

einer eigenartigen Federkrone klettert an

ren Verwendung aufgewickelt und im

oder das Leitholz gleichmässig vorwärts –

einem Seil empor

Schuppen versorgt. Die um 1800 und spä-

entsprechend der notwendigen Drehung

ter in romantisierenden Büchern und Zei-

für das jeweilige Seil. Eine Arbeit, die Ge-

tungen, wie z.B. «Die Gartenlaube» anzu-

fühl und Kenntnis der Materie benötigt

11

. 7

treffenden Berichte und Bilder über die Seiler, zeigten oft Szenen eines spinnenden Seilers. Ein Kind sass am Spinnrade und drehte die Kurbel

10

. Eine eintönige und

trotzdem wichtige Arbeit. Musste doch die Kurbel konstant und gleichmässig gedreht werden

im

Rhythmus

des

rückwärts

schreitenden Spinners.

13

KURZE GESCHICHTE DER SEILEREI Mythologie Wie viele Gewerke führen auch die Seiler ihre Existenz bis zur Entstehung der Welt zurück. Bei den Eingeborenen Ocea-

Um 1850 kamen Seilräder (Spinnma-

niens erzählt man sich, dass der zweite

schinen) in Gebrauch, bei denen ein Ke-

Sohn des allmächtigen Gottes Batara Gu-

gelradvorgelege über eine einfache Treib-

ru sich an einem Seil vom Himmel herab-

saite den Spinnwirtel antrieb und so die

gelassen hat, um im Mittelpunkt der Welt

notwendige Torsion für den Faden lieferte.

eine neue Erde zu errichten. 7 Jute, Abziehen des Bastes und Waschen im Röstbassin (Indien)10

.12


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Europäisches Mittelalter

Im Gegensatz zu Tonscherben zersetzen

woch den 10. September 1586 waren alle

Die rege Bautätigkeit im Mittelalter be-

Vorbereitungen abgeschlossen. Es wurden

sich organische Substanzen wie Leder und

dingte als Voraussetzung die Existenz lei-

zwei Messen gelesen und dann nahm jeder

Textilien in der Erde. Nur bei besonders

stungsfähiger Zulieferbetriebe. Keine grös-

seinen Arbeitsplatz ein. Auf ein Trompe-

günstigen Bedingungen bleiben solche Ar- seren Bauwerke wie Burgen, Kirchen oder

tensignal begannen die 800 Mann mit 140

tefakte erhalten. Im trockenen Wüstensand

Festungsmauern kamen ohne Krananla-

Pferden an den Göpeln den Obelisken an-

Ägyptens z. B. in den Königsgräbern wur- gen aus. Und diese wieder benötigten Sei-

zuheben. Er wurde umgelegt, transpor-

den nicht nur Bilder und Beschreibungen

le. In zahlreichen Bildern und Beschrei-

tiert und auf dem Petersplatz wieder auf-

von der Fabrikation von Seilen gefunden, es

bungen des Mittelalters findet man Dar- gestellt – wo er heute noch zu besichtigen

wurden auch Seil- und Schnurreste gebor- stellungen von Krananlagen. Vom einfagen. Auf der Wandmalerei einer ägyptischen

chen Flaschenzug bis hin zu den grossen

Kultkammer sitzt ein Mann am Boden und

Anlagen die mittels Treträdern arbeiteten,

formt aus Palmblättern, Binsen oder ande-

werden abgebildet. Das aus der Diebold

In den Hafenstädten, in Bergwerkszen-

rem Material den Faden. Der rückwärtsge-

Schilling`schen Chronik stammende Bild

tren, aber auch allgemein in grossen Städ-

hende Knabe gibt die für den Zusammen-

zeigt den Bau der Aarebrücke in Bern. Als

ten lässt sich anhand von Personenna-

die Berner mit dem Bau begannen, erhob

men, von Gassen- und Strassenbezeich-

Gewicht, das er mit der Hand beim Rück-

der Graf von Kyburg Einspruch. Er be-

nungen auf das Vorhandensein zahlrei-

wärtsgehen in Rotation versetzt

herrschte das rechte Ufer. Die Berner

cher Seilerwerkstätten schliessen. Die be-

kauften daher auf der gegenüberliegenden

rühmteste Seilerstrasse ist wohl in Ham-

stücke aus Spartgras, aus Flachs oder Ka-

Seite einen Baumgarten und legten ihre

burg die Reeperbahn. Die Niederdeutsche

melhaar gefunden.

Brücke dorthin. Auf dem Bild im Vorder- Bezeichnung für ein Seil ist Reep, d. h. die

12

.13

Griechenland – Rom Aus vorhandenen Beschreibungen von Baukränen und Flaschenzügen und aus

grund überreicht der Berner Schultheiss

Reeperbahn war früher eine Seilerbahn.

dem Grafen von Kyburg die Kaufsumme

Das Pendant in Zürich ist der Seilergra-

für den Baumgarten. Rechs im Bild ein

ben, wenn auch nicht mit der Bekanntheit

grosser Tretkran

der Hamburger Reeperbahn zu verglei-

15

.15

ausgeführten Bauten bzw zu hebenden Lasten dieser Zeit, lassen sich Rückschlüsse auf die Stärke der Seile ziehen. Körperliche Funde sind keine bekannt. 9

Schweizer Pfahlbauten

Hanfhecheln

Beim Seilfaden spinnen auf der langen Bahn 9

Seiler – Strassen und Plätze

halt nötige Drehung durch ein hängendes

In den Gräbern wurde zahlreiche Seil-

8

ist.16

chen Versetzung des Obelisken

17

.17

Handwerk 2/2011

Ägypten

Seilerstrasse, Seilerweg, Flachsmarkt

Eine der grössten Bauvorhaben im

und andere dem Seilerhandwerk zuzuord-

Mittelalter war die Versetzung eines Obe-

nende Strassenbezeichnungen gibt es in

lisken in Rom. Hinter der Peterskirche

vielen Städten . Verschiedentlich geht eine

stand ein ägyptischer Obelisk, Höhe 25,5

solche Ortsbezeichnung auch auf eine an-

Die Veröffentlichungen der «Pfahlbau-

m, Gewicht 319 t, den Papst Sixtus V. zur

dere Entstehung zurück, die nichts mit

berichte» von Keller und Messikommer ab

eigenen und der Ehre Gottes gern vor die

dem Seilerhandwerk zu tun hat. So ist

1858 über die Funde von Robenhausen

Peterskirche versetzt haben wollte. Der

wahrscheinlich die Seilerstrasse in Bern

haben eine grosse Resonanz hervorgeru- mit der Aufgabe betreute Ingenieur Dome-

auf die Gründerin des Inselspitals zurück-

fen. Heute spricht man allerdings nicht

nico Fontana liess im ganzen Kirchenstaat

zuführen.18

mehr von Pfahlbauten sondern von See-

grosse Mengen Hanf und Holz ankaufen. Seilerzünfte

ufersiedlungen. An grösseren Schweizer

Er gab 44 Stück Seile in Auftrag jedes

Seen wurden bei Ausgrabungen Netze,

Stück ca. 83 mm dick und etwa 220 m

Der Zunftzwang wurde nach der fran-

Spinnwirtel, Seilstücke und Arbeitsgeräte

lang. Weiterhin drei Seile von 440 m Län-

zösischen Revolution auch im deutsch-

der Textilindustrie gefunden.14

ge vom gleichen Durchemsser und noch

sprachigen Raum in den von Napoleon do-

eine Unzahl dünnerer Seile

minierten Gebieten stark eingeschränkt

16

. Am Mitt-

5

8


A58387_Handwerk_2_11_A58387_Handwerk_2_11 05.09.13 15:48 Seite 8

oder ganz aufgehoben, in der Schweiz war

verdingte sich daher beim Meister Oster-

die Beseitigung der Macht der Zünfte in

tag als Seiler, dem er für die Ausbildung

10

den Stadtkantonen um 1830 mit der er- 18 Goldgulden Lehrlingsgeld bezahlte.21 zwungenen politischen und wirtschaftli-

In den Urkundenbüchern vieler Städte

chen Gleichberechtigung der Land- mit

finden sich Nachweise von Bürgern mit

der Stadtbevölkerung verbunden.

den Namen Seiler. 1265 in Hamburg Ri-

Die modernen Nachfolger der Zünfte

cardus Repslegere. 1395 in Kassel Hein

sind die Handwerkerinnungen oder Ver- Seilwinder und in Riga Jacobus dictus Rebände. Mancherorts bestehen Zünfte noch

pere. Um 1246 H. Saeiler in Winterthur

als folkloristische oder gesellschaftliche

und 1260, ebenfalls in Winterthur, gab es

Vereine wie z.B. in Zürich. In Basel sind

einen Funicularis (lateinisch: Seiler). In

dank der ununterbrochenen Autonomie

Zürich war es 1397 Rüdiger Seiler von Alt-

der Zünfte die Archive von seltener Reich-

stetten und Hans Seiler, 1405 sesshaft zu

haltigkeit. Die Tuchhändler führten seit

Zug; 1480 tritt Werena Seyler sesshaft zu

1370 ununterbrochen Buch über alles

Lentzburg als Zeuging gegen Bern auf.22

Wissenswerte. Die Seiler hatten wie auch

Es ist daher anzunehmen, dass zumindest

in anderen Städten keine eigene Zunft,

die Vorfahren dieser Familien den Seiler-

sondern sie gehörten der Zunft der Gärt-

beruf einmal ausgeübt haben.

ner an. Die Gärtner, die bei der Gründung der Zunft anno 1264 am stärksten vertre- Industrielle Revolution

6

Handwerk 2/2011

ten waren, gaben der Zunft den Namen. In

Die Schweiz gehört zu den am frühe-

der Zunft waren noch die Gremper (Vik-

sten industrialisierten Ländern. Die einst

tualienhändler), die Seiler, die Karrer, Re-

blühende Schweizer Leinwandherstellung

chenmacher, Zuckerbächer und Angehöri-

wurde ab 1820 von der industriellen Ver-

ge der freien Berufe vertreten. Der Einfluss

arbeitung von Baumwolle, Seide und Wol-

der Seiler war zeitweise sehr gross. Sie

le verdrängt. Frankreich hatte 1803 ein

stellten im Laufe der Zeit (1500–1600)

Einfuhrverbot für Baumwollwaren erlas-

zahlreiche Vorgesetzte der Zunft. 1615

sen. Dies beeinträchtigte die Entwicklung

stifteten sie eine kostbare Wappenscheibe.

der Webereien in der Schweiz, förderte

Sie zeigt 14 Seiler bei einem Essen. Am

aber die Gründung von Spinnereien, z.B.

Rande einige Darstellungen aus dem

Spinnerei Hard bei Wülflingen ZH (1801),

Handwerk

Christian Näf in Rapperswil SG (1803), Jo-

18

.19

Berühmt wurde der aus dem Wallis stammende

bekannte

Basler

Gelehrte

hann Kaspar Zellweger in Trogen AR (1804).

Thomas Platter ( 1499–1582), der in seiner

Die Textilindustrie ihrerseits gab An-

Lebensgeschichte anschaulich über seine

stoss zur Entwicklung weiterer Industrie-

Erlebnisse als Seiler berichtet.20 Der aus

zweige: Ab 1804 stellte Johann Konrad Fi-

Luzern stammende Rudolf Ambühl, der

scher in Schaffhausen Gussstahl nach

sich als Gelehrter Collinus nannte, kam

britischem Verfahren her. 1805 begann

1524 nach Zürich. Er war zwar mit Zwing-

Hans Caspar Escher in der Aktienspinne-

li bekannt, bekam aber keine Anstellung,

rei Neumühle selbst Spinnmaschinen zu

die seiner Gelehrsamtkeit entsprach. Er

konstruieren. Aus der Spinnerei entstand

10 Szene aus eiem Kinderbuch von 1862 11 Meister Weber beim Schlagen eines dicken Seiles.

11


A58387_Handwerk_2_11_A58387_Handwerk_2_11 05.09.13 15:48 Seite 9

die Maschinenfabrik Escher Wyss & Co. Zürich. Die 1790 gegründete Baumwoll-

1834 Denzler-Seile, Zürich

Winterthur-Töss begann nach Eschers

1836 Seilerei Fatzer, Romanshorn

Beispiel ebenfalls mit dem Bau eigener

1840 A. Jean Pfister & Co, 1850 Rud Fehr, Seiler, Erlen

Georgen (SG) richtete von Anfang an eine

1855 J. Fischer, Seilerei, Alpnach-

Handspinnerei wurde bis 1850 von der maschinellen Spinnerei völlig verdrängt.23 Die durch den Moserdamm in Schaffhausen erzeugte elektrische Kraft als neue Energiequelle trug ebenfalls zur Grün12

Seilherstellung, ägyptische Grabzeichnung

dung neuer Industrien bei. Die Liste der

14

Dorf 1862 Kaspar Tanner in Dintikon AG, heute Mammut Sport Group 1863 J. Obi, später P. Bürki-Obi, Oberbipp 1869 Jakob Meister, Seilerei in Oberburg BE 16

Firmengründungen von 1800–1900 liest sich wie das «Who is who» der Firmen, die

13

Wangen a. A

rei Michael Weninger & Co in Sankt Maschinenwerkstätte ein. Die traditionelle

15

(St. Gallen)

spinnerei Johann Jacob Rieter & Co. in

Maschinen. Die 1810 gegründete Spinne-

12

1815 Ulrich Dietz in Schweizerholz

1872 Schweizerische Bindfadenfabrik Schaffhausen

Höhlenmalerei Schematische Darstellung der handwerklichen Seilherstellung

in der Schweizer Wirtschaft bis heute

1876 Hermann Schärer, Muri AG

Rang und Namen haben, auch andere

1886 J. Germann später

Wirtschaftszweige veränderten sich im 19.

Franz Wisiak, Rorschach

Jahrhundert radikal und nachhaltig.

13

11

Die Gründung der Industrieunterneh-

Das Mitgliederverzeichnis des Verban-

mungen begünstigte auch die Neugrün-

des Schweizer Seilermeister von 1918 ent-

dung von Seilereien. Die neuen Industrie-

hält den Namen von 115 Firmen. Sieben

betriebe benötigten Transmissionsseile für

Betriebe davon waren in der Westschweiz

den Antrieb ihrer Maschinen, Hebe- und

beheimatet. Verschiedene «kollegiale» Dif-

Anbindeseile und vieles mehr, wurde be-

ferenzen im Verband führten nach dem 2.

nötigt. Es ist als sicher anzunehmen, dass

Weltkrieg dazu, dass sich 1953 der Ge-

die zahlreichen Seilereien, die um die Mit-

samtverband der Schweizer Seiler teilte. Es

te des 19. Jahrhunderts entstanden, in

entstand eine Fachgruppe Ost (Schaffhau-

diesem Zusammenhang zu betrachten

ser Verband) und eine Fachgruppe West

sind.

17

(Berner Verband). Beide Fachgruppen hatten allerdings noch ein gemeinsames Publikations-Organg: «Der Schweizer Seiler» Im Heft 6 des 1. Jahrganges 1953 wur-

14

den sehr patriotische Meinungen veröffentlicht: «Wir stehen am Scheideweg: Sein oder Nichtsein. Sind wir Schicksalsgenossen, oder hat jeder nur seine eigenen Interessen? Stehen wir zusammen, oder verachtet jeder den anderen als den bösen Konkurrenten?» 15

Bau der Aarebrücke 1254 in Bern

16

Versetzung des Obelisken Rom 1586

17

Seilergraben in Zürich nach Uhlinger um 1750


A58387_Handwerk_2_11_A58387_Handwerk_2_11 05.09.13 15:48 Seite 10

Es ging, wie so oft, um Preise für Hanf,

schnittlich 40–50 Mitglieder, so sank in

für Seilgarn, es ging um Rabatte, die von

den folgenden Jahren die Mitgliederzahl

der Schweizerischen Bindfadenfabrik in

auf etwa 25 Betriebe, wovon 10 Mitglieder

Schaffhausen sehr unterschiedlich ge-

nur noch als Passive figurierten. Bei eini-

handhabt wurden. Es ging auch um die

gen Betrieben fehlte es am Nachfolger, an-

Verteilung von Armee-Aufträgen an die

dere Betriebe stellten die eigene Produkti-

Mitgliedsfirmen. Welche Seilarten von der

on ein und handelten nur noch mit Seile-

Schweizerischen Armee benötigt wurden,

rei-Artikeln. Der Vorstand des Verbandes

zeigt die Zusammenstellung die von der

suchte daher nach Möglichkeiten die Exi-

KTA (Kriegstechnische Abteilung) an die

stenz des Verbandes auch in Zukunft zu

Schweizerischen Seilereien vergeben wur- gewährleisten. In längern Verhandlungen den. Besonnene Kollegen brachten es

entschieden sich die Mitglieder Verhand-

dann fertig, dass sich 1980 die beiden Ver- lungen mit dem Schweizerischen Textilver18

Zunftscheibe der Seiler in Basel

bände wieder vereinigten. Als sichtbares Zeichen der Vereinigung wurde ein neues

band aufzunehmen. Seit 2007 ist der Schweizerische Sei-

18

gemeinsames Mitteilungsblatt des Ver- lerverband als Arbeitskreis Seil- und Hebandes Schweizerischer Seilereien ge-

betechnik Mitdglied des TSV Textilverband

gründet: s’Leitholz. Der neue Verband for- Schweiz.

Handwerk 2/2011

mulierte in seiner ersten Ausgabe als dringende Aufgaben folgende Bereiche:

Arbeitskreis Seil- und Hebetechnik

– Kalkulation- und Richtpreisempfehlun-

(Stand 2010)

gen zur Erhaltung des Berufsstandes – Berufliche Ausbildung für Lehrlinge und Weiterbildung – Führung und Betreuung der Mitglieder durch Schaffung einer Auskunftsstelle über Rohstofffragen und Rohstoffpreise

Airwork Heliseilerei, Küssnach a. R. Bächi-Cord, Oberneuform Baumberger Hansjürg GmbH, Wimmis Cortex Hübelin AG, Rupperswil Isofer AG, Knonau Jakob AG, Trubschachen

8

Jakob Müller AG, Frick 1957 hatten sich in Würzburg/D die

Kuert & Co. AG, Langenthal

Vertreter der Seilereien aus Deutschland,

Mammut Sport Group AG, Seon

Frankreich, Holland, Österreich, Belgien,

Meister & Cie AG, Hasle-Rüegsau

Dänemark und der Schweiz getroffen und

Seilerei Berger GmbH, Laupendorf

einen gemeinsamen Verband gegründet.

Seilerei Herzog AG, Willisau

Die Seiler waren damals dem europäi-

Seilerei Kislig, Winterthur

schen Gedanken bereits weit voraus.

Seilfabrik Ullmann AG, St.Gallen

FIC = Fédération Internationale Corde-

Mamutec AG, St. Gallen

rie. Der Verband tagte alle 2 Jahre wech-

Tressa AG, Villmergen

selweise in einem der beteiligten Länder.

TSV Textilverband Schweiz, St.Gallen

Der Schweizerische Seilerverband ist dieser Internationalen Förderation erst 1968 beigetreten. Umfasste der Schweizer Verband in den Jahren 1960–1990 durch-


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Entwicklung der Seilereimaschinen

. Das

eines Seilers ist weiter, ist umfangreicher

In Deutschland sind die Arbeitsgänge

Zusammenzwirnen von Fäden

Schweizerische Patent 74730 von 1917,

geworden. Er handelt und konfektioniert

der Seilherstellung ausführlich im Allg-

Erfinder W. Harant, (Württemberg) betrifft

Drahtseile, näht Hebegurte und montiert

meinen Wörterbuch der Marine von J.H.

eine Vorrichtung zur Herstellung von Seilen,

Schutznetze auf Baustellen. Er ist der

Röding, Hamburg 1793 beschrieben wor- um diejenige Person entbehrlich zu ma-

Fachmann für Fragen im Bereich Hebe-

21

Die in Frankreich verlegte Encyclo-

chen, welche bisher bei der Herstellung der

pédie der Herren Diderot und d’Alemberg

Seile das Anfangsende hielt und auf diesel-

hen ihm viele Möglichkeiten im In- und

1751 brachte ebenfalls Bilder mit erklä- ben den nötigen Zug ausübt, um dem Seil

Ausland offen. Die früheren einfachen Ma-

render Beschreibung.25

schinen sind durch PC-gesteuerte Anlagen

den.

24

die richtige Festigkeit zu geben. Das

19

technik. Nach der 3-jährigen Lehrzeit ste-

Bevor man die Fertigkeit zur Herstel- Schweizer Patent von 1929 Patent-Nr.

ersetzt worden, bei denen in einem Ar-

lung von metallenen Zahnrädern erlangte,

142990 von Werner Born beschreibt ein

beitsgang aus den Fäden die Litzen und

benutzen die Seiler das Warbelgeschirr

mechanisch betätigtes Abseilgeschirr für

das Seil geschlagen werden. Das fertige

oder auch Nudelgeschirr. Durch gekröpfte

das paarweise Abseilen von Seilen.

Seil wird gleich noch in verkaufsfertigen Ringen aufgewickelt. Für den Seiler sind

Haken mit aufgestecktem Griffbrett resul-

Das paarweise Abseilen zu automati-

tierte aus einer Hin- und Her-Bewegung

sieren ist Gegenstand vom Patent Nr.

Kenntnisse der Färberei und der chemi-

eine Drehbewegung der Haken

. Für

549688 von Martin Ullmann/1972: Ma-

schen Ausüstung unabdingbar. ■

dickere Seile wurden schon bald Seilge-

schine zur Herstellung von Seilen. Das

20 19

zung gebaut. Nach Sprengels Beschrei-

lung erfolgte automatisch. Ähnliche Ge-

bung in Handwerk und Künste (1774)26

danken, d.h. atomatisieren eines Arbeits-

gleicht ein solches eisernes Geschirr einer

ganges, liegen auch dem Patent 576041:

grossen Winde. In der Mitte eines eisernen

Maschine zur automatischen Herstellung

Kastens läuft ein Stirnrad, so mit einer Kur-

von Seilen von 1974, Erfinder Ernst Zur-

bel umgedreht werden kann. Die 24 Zähne

linden, zugrunde. Ganz andere Patentan-

dieses Rades greifen in vier Getriebe, die

sprüche werden im Patent 4204733: Ge-

voneinander in gleicher Entfernung abste-

webter Schutzschlauch von 1992, Erfinder

hen

20

.

Handwerk 2/2011

schirre mit Zahnrädern und mit Überset- Ausziehen der Litzen und deren Versei-

Wolfgang Weber, geltend gemacht. Bei die-

Patente

9

sem Patent geht es um eine endlose Hebeschlinge, die die bisherigen gedrehten He-

Eine wesentliche Arbeit des Seilers im

21

beseile ersetzt.

vorigen Jahrhundet war die Herstellung

Das heutige Seilerhandwerk ist ein

von Garbenbändern, von Stricken und

hochtechnisiertes Gewerk. Neben den be-

später von Hebeseilen. Nicht verwunder- kannten Fasern wie Hanf und Flachs für lich daher, dass sich innovative Seiler Ge-

den allgemeinen industriellen und ge-

danken über eine rationellere Herstellung

werblichen Gebrauch werden praktisch

machten. Oscar Tanner erhielt 1911 das

alle Chemiefasern verarbeitet. Bei Aussen-

Schweizer Patent Nr. 59645 für eine Seil-

arbeiten an der Weltraumsonde hängen

zwirneinrichtung.

Patentanspruch

die Astronauten an einem Seil aus Ara-

lautet auf eine Seil-zwirneinrichtung ge-

midfasern. Luxusdampfer werden mit Sei-

kennzeichnet durch einen, längs der Bahn

len aus Polypropylene am Pier vertäut und

auf Schienen verlaufenden Wagen mit auf-

der Chirurg vernäht die Wunde mit fein-

gehängten Spulen, zwecks Abziehen und

sten Polyamid-Fäden. Der Arbeitsbereich

Der

19 Klapper- oder Nudelgeschirr, einfache Einrichtung zum Seilschlagen

20

Kammgeschirr mit Übersetzung

21 Patentschrift für Zwirnmaschine 1911


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QUELLEN 1

Seilerhandwerk

2

1934: Abhlg. d. Heidelber. Akad.

Anonym: Das aussterbende 14

Steinzeit

1924, S. 1125

Memographien zur Ur- und

Bemerkungen zu der Botschaft des

Frühgeschichte der Schweiz

Bundesrathes an die Bundesversamm-

Bd. I/1937 15

Diebold Schillings Spitzer Bilderchro-

16

Domenico Fontana: Del Modo tenuto

rischen Zolltarif. (vom 3. Nov. 1882) 3

Weber Wolfgang: Seile und

nik; Reprint 1991

Seilereimaschinen 4

nel transportare l’obelisco vaticano

CIBA-GEIGY Rundschau 1971/1

deutsch: Verlag für Bauwesen, Berlin

Herer Jack: Die Wiederentdeckung der

1987

Nutzpflanze Hanf

17

Seilergraben Zürich nach J.C.Uhlinger

18

Priv. Schreiben des Stadtarchiv Bern

Zweitausendeins 1993 S. 11 5

Schaefer, Gustav: Der Hanf

6

Tobler, Friedrich: Der Stand des Flachs-

um 1750

CIBA-Rundschau Nr. 62/1944

10

Handwerk 2/2011

7

Nov. 1988 19

ner, Basel

EMPA 1950 – 172/50-40

Basel 1968

CIBA-Rundschau: Flachs 2/1965

20

zwei Autobiographien, Basel 1840 21

Berteslmann 1943

11

alten Zürich (1936) 22

Aargauer Urkunden Bd. VII (Brugg)

Longman London 1962

23

Jäger – Lemmenmeier u.a.: Baumwoll-

Koenig, P.: Die Weltwirtschaft und

garn als Schicksalsfaden

Landwirtschaft der Hartfasern

Ex Libris Zürich1986 24

V. Band, 2. Teil 1927

Wörterbuch der Marine in allen europäischen Seesprachen nebst

ersatz 117/1954

vollständigen Erklärungen, 4 Bände,

Reutlinger, Jul.: Die maschinellen

Hamburg 1794 25

Diderot – d’Alembert: Encyclopédie ou

Deutsche Seiler Zeitung 1929 ff

Dictionaire raisonné des sciences, des

Obermaier, Hugo: Prähistorische Kunst

arts et des métiers,

– Felsmalerei der Gasulla Schlucht 1935, IPEK = Jahrbuch für prähistori13

Röding, Joh. Heinr.: Allgemeines

CIBA-Rundschau: Jute und Jute-

Bedürfnisse des Seilergewerbes 12

Guyer Paul: Das Seilerhandwerk im

Lock, G.W.: Sisal

Herzog: Technologie der Textilfasern, 10

Fechter D.A.: Thomas Platter und Felix Platter,

Ettighofer, P.C: Sisal, das blonde Gold Afrikas

9

Hersberger, Adolf: E.E. Zunft zur Gart-

und Hanfanbaues in der Schweiz

Textilien in biblischer Zeit 2/1968 8

Vogt, Emil: Geflechte und Gewebe der

Deutsche Seiler-Zeitung 46. Jahrgang

lung betreffend einen neuen schweize-

22

Wisssch. Phil.-hist. Klasse

Paris 1751/65 17 Folienbände 26

Sprengel, P.N.: Der Seiler

sche und enthnographische Kunst

Handwerk und Künste, 11. Sammlung,

Klebs, Luise: Die Reliefs und Malereien

10. Abschnitt, fortgesetzt von O.L.

des alten – mittleren und neuen Reiches

Hartwig, Berlin 1773 ■

23

22

Landesausstellung Bern 1914

23

Seile für Landesausstellung Bern 1925

24

Pferdenetze Familie Fehr, Erlen, Landesaustellung Bern 1925

24


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DER AUTOR Wolfgang Weber wurde 1930 als Sohn des Seilermeisters Alwin Weber in dritter Seilergeneration in Löbau/Oberlausitz geboren. Nach dem Besuch der Höheren Han-

schliessendem Ingenieur-Studium, volontierte er in verschiedenen Seilereien und Spinnereien der damaligen DDR. Zuletzt hatte er die Stelle als Technischer Leiter einer Drahtseilerei in Ost-Berlin inne. Nach der Flucht in den Westen (Saarland) war er in einer Drahtseilerei tätig und wurde 1963 in die damalige Seilerwarenfabrik nach Lenzburg geholt. Bis zu seiner Pensionierung 1995 war Wolfgang Weber als Abteilungsleiter für Prüfung und Entwicklung in Lenzburg und später noch in Seon/AG tätig. In diesen Jahren vertrat er auch die AROVAMAMMUT AG in zahlreichen Internationalen Normengruppen und widmete sich der Lehrlingsausbildung. ■

11

Drahtseiler mit Meisterabschluss und an-

Handwerk 2/2011

delsschule und der Lehre als Hanf- und


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12

Handwerk 2/2011

Martin Benz, Seiler, Seilerei Kislig, Breite, Winterthur. Am 24. September 2011 leitet Martin Benz seinen ersten Kurs zur Seilerei im neu errichteten Seilereigeb채ude im Freilichtmuseum Ballenberg. Martin Benz hat tatkr채ftig und begeistert bei der Einrichtung und Ausr체stung der Seilerei mitgeholfen. Nebenstehend ein kurzer Einblick in seine eigene Werkstatt in Winterthur.

MARTIN BENZ, SEILER: VOM (ZAUBER)LEHRLING ZUM LEHRMEISTER


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EINE UNGEWÖHNLICHE NACHFOLGEREGELUNG IN EINEM UNGEWÖHNLICHEN TRADITIONELLEN GEWERBE

Den Namen der Seilerei Kislig, die seit 1927 so heisst, hat er aus Respekt und Dankbarkeit gegenüber seinem Vorgänger beibehalten.

Martin Benz absolvierte eine Lehre als

Während wir sprechen, näht Martin

Zimmermann und wusste schon bald

Benz ein 100 Meter langes Seil zu einer

nach der Lehre, dass er nicht auf dem Bau

Endlosschlaufe zusammen. «Ich habe in

alt werden möchte. Nach einer Weiterbil- meinem Metier gelernt, dass alles seine dung zum Bauleiter und einer anhalten-

Zeit braucht und dass pressieren gar

den Sinnkrise entdeckt Martin Benz, ei-

nichts bringt. Inzwischen bin ich gefragt,

nem Hinweis seiner Frau folgend, die für

wenn es um Spezialreparaturen geht – al-

einen Dekorationsauftrag Seile brauchte,

te Uhren zum Beispiel haben oft endlos ge-

das für den jungen Zimmermann ein-

spleisste Zugschnüre, die nur ein Fach-

drückliche Gebäude der Seilerei Kislig. Ei-

mann ohne spürbare Verdickung ineinan-

gentlich ist das Gebäude auf den ersten

der fügen kann. Auch für Spezialschnüre

Blick unauffällig, eingebettet in ein Wohn-

aller Art sind meine Expertise und mein

quartier nahe des Stadtzentrums; beim

Rat gefragt, und es geschieht oft, dass ich

Betreten des bescheidenen Kopfbaus ent-

eine lange gesuchte Spezialschnur ganz

puppt sich das Gebäude aber als sehr im-

einfach aus meinem Regal hervorziehen

posanter 100 Meter Langbau mit unver- kann. Die Kunden freuen sich und empAtmosphäre.

Nach

einem

fehlen mich weiter.

Schnuppertag war klar: Martin Benz wür-

Das Engagement im Ballenberg habe

de sich zum Seiler ausbilden lassen. Al-

ich sehr gerne wahrgenommen – bei mir

bert Kislig wurde mit 78 nochmals zum

in der Werkstatt hängt ja auch noch das

Lehrmeister, der Lernende war exakt 50

Bild von General Guisan an der Wand –,

Handwerk 2/2011

gleichlicher

Jahre jünger! Mit der bestandenen Lehr- ich verkaufe schliesslich nicht nur Seile, gabe noch eine Formalität: Kislig übergab

Verknüpfung von Geschichten und Sehn-

die Seilerei mit der Unterzeichnung eines

süchten.» ■

13

abschlussprüfung war die Geschäftsüber- sondern ich bin auch zuständig für die

Litzenmaschine Bütler 1956 in der Seilerei Winterthur.

Leibrentenvertrages – eine ungewöhnliche, aber für alle Beteiligten vorteilhafte

Aufgezeichnet in Winterthur

Lösung.

im Juni 2011, Adrian Knüsel

WWW.SEILE.CH

Hinweis:

Inzwischen hat Benz den Umsatz ver- Einführung in die Seilerei doppelt – ohne einen Franken in Werbung

mit Martin Benz,

investiert zu haben! Nicht ohne Stolz er- Samstag, 24. September 2011, zählt Martin Benz, dass sein Bruder, noch

CHF 190.–, inkl. Material.

bevor er überhaupt gewusst hat, was In-

Jetzt anmelden:

ternet bewegen würde, für ihn die Domain

Telefon 033 952 80 40

www.seile.ch reservierte. «So finden mich Kunden, die via Internet suchen, sofort.» Bild oben: Blick in die Seilerbahn. Bild links: Registerplatte.


A58387_Handwerk_2_11_A58387_Handwerk_2_11 05.09.13 15:49 Seite 16

Oben: Martin Benz, Seiler Winterthur, beim Vorzeigen und Instruieren. Mitte: Andreas Teuscher, Mitarbeiter Landwirtschaft, Freilichtmuseum Ballenberg, Lernender in Sachen Seilerei.

14

Handwerk 2/2011

Unten: Bruno Zmoos, Leiter Betrieb, Freilichtmuseum Ballenberg, ebenfalls Lernender und mit Andreas Teuscher künftig zuständig für Führungen und Demonstrationen in der Seilerei auf dem Ballenberg.

Im Frühjahr 2011 auf dem Ballenberg wieder aufgebaut: 52 Meter Seilerschopf, der erhaltene Rest des ursprünglich doppelt so langen Gebäudes, in dem Xaver Iten einst seine Seile drehte. Seit Ende Juni eingerichtet und regelmässig in Betrieb. Ein weiterer Publikumsmagnet im Freilichtmuseum Ballenberg.

DIE SEILEREI XAVER ITEN AUF DEM BALLENBERG: EINRICHTEN, AUSRÜSTEN, SEILEN


15

Handwerk 2/2011

A58387_Handwerk_2_11_A58387_Handwerk_2_11 05.09.13 15:49 Seite 17

Oben: Bruno Zmoos und Martin Benz beim Anzetteln der F채den.

Unten: Martin Benz beim Seilaufschlagen.

Oben: Blick in die Seilerbahn auf dem Ballenberg.

Unten: Kopf des Hinterwagens der Strickabseilanlage (Muffler) S체ddeutschland 1930.


16

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A58387_Handwerk_2_11_A58387_Handwerk_2_11 05.09.13 15:49 Seite 18

Oben: Schlagmaschine.

Unten: Haken zum Aufspannen der Fäden.

Oben: Aufspannen «Anzetteln».

Unten: Kurz vor dem «Verdrehen».


17

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A58387_Handwerk_2_11_A58387_Handwerk_2_11 05.09.13 15:49 Seite 19

Oben: AnknĂźpfen.

Unten: Vordrehen.

Oben: Schlagen des Seils.

Unten: LeithĂślzer am Ende des Seils.


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KUMIHIMO – DIE JAPANISCHE KUNST DES GÜRTELFLECHTENS Die Kunst, aus gefärbten Seidenfäden gemusterte Bänder und Kordeln zu flechten, gehört zu den ältesten Formen des japanischen Kunsthandwerks. Seit vielen Jahrhunderten werden die alten Färbeund Flechttechniken sowie die unzähligen Muster in lebendiger Tradition bis auf den heutigen Tag weitergegeben und -entwikkelt. Wie es für die japanischen Künste kennzeichnend ist, so zielt auch das Gürtelflechten nicht nur auf das fertige Produkt, sondern dient der Formung des ganzen Menschen. Weil sich beim Flechten rhythmische körperliche Bewegung, Geduld, Konzentration und lebendige Fantasie zur Einheit verbinden, scheint diese Kunst hervorragend geeignet, durch die

18

Handwerk 2/2011

Freude am eigenen Schaffen den Sinn für Rhythmik und Harmonie zu wecken. So wird diese Handfertigkeit heute unter anderem auch als Arbeitstherapie bei behinderten Kindern eingesetzt.

Fasziniert von geflochtenen Gegenständen jeglicher Art, ist Regula Berger-Haupt vor 18 Jahren der japanischen Meisterin Hoko Tokoro begegnet. Sie lässt sich seither in jedem Frühjahr, wenn Hoko Tokoro für Kumihimo-Kurse in Köln weilt, in der japanischen Kunst des Gürtelflechtens aus- und weiterbilden und reist zu weiteren Studien ab und zu nach Ogaki (Japan). Angetan von der pflanzengefärbten Seide in all ihren Schattierungen, flicht sie Kumihimo für unzählige Anwendungsmöglichkeiten. Die Meisterin Hoko Tokoro hat Regula Berger-Haupt vor zwei Jahren zur ersten europäischen Lehrerin bestimmt.

Am Wochenende des 12./13. November 2011 findet der erste Kurs Kumihimo im Kurszentrum Ballenberg statt! Jetzt anmelden: Telefon 033 952 80 40

REGULA BERGER-HAUPT: JAPANISCHE KUNST DES GÜRTELFLECHTENS


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PROGRAMM VOM SAMSTAG, 3. SEPTEMBER 2011:

PROGRAMM VOM SONNTAG, 4. SEPTEMBER 2011:

12.00 bis 17.00 Uhr

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Juli Gudehus

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Schmieden der Lupe, und das

Raumangebot, die neue Bibliothek

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Abraham Maslow

17.30 Uhr Festrede, Musik (Brun Draeger

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Unternährer). Apéro

13.00 Uhr, 15.00 Uhr D’Mülleri hät, si hät, Chlefele, Geschichte – Machart – Spielweise

21.00 Uhr Feu Surprise und Süsses

Vortrag von Dr. Brigitte Bachmann – Geiser und Röbi Kessler, Chlefeler, Schwyz,

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Arnold Böcklin

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Seilerei

Seilerei

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Die Produktion

La fabrication

La produzione

Rope-making

Die Produkte

Les produits

I prodotti

A variety of rope products

Flachs oder Hanf sind die Materialien, die in der traditionellen Seilerei hauptsächlich verarbeitet wurden. Die getrockneten Pflanzen werden in mehreren Arbeitsgängen verfeinert und anschliessend zu einem Faden gesponnen. Beim Zwirnen dreht der Seiler mit Hilfe des Seilerrades mehrere Hanffäden zu einer Schnur (Litze) zusammen. In den folgenden Arbeitsgängen lassen sich verschiedene Produkte herstellen: Eine Schnur besteht aus mindestens zwei zusammengedrehten Fäden, ein Seil aus mindestens zwei Schnüren. Für ein Tau braucht es vier Schnüre mit 16 bis 50 Fäden. Während des Drehprozesses schrumpft das Seil um einen Drittel seiner ursprünglichen Länge.

Lin ou chanvre, tels sont les matériaux que l’on travaille de préférence dans la corderie traditionnelle. Une fois séchées, les plantes sont affinées au cours de plusieurs manipulations, puis filées pour obtenir ce que l’on appelle le fil de caret. En retordant ensemble plusieurs fils de chanvre, le cordier confectionne alors, avec l’aide d’un métier à retordre, une «ficelle» ou toron. Les processus de travail suivants permettent de fabriquer différents produits: une ficelle est faite d’au moins deux fils toronnés, une corde, de deux ficelles au minimum. Pour un câble, il faut quatre ficelles de 16 à 50 fils. Durant le toronnage, la corde perd près d’un tiers de sa longueur initiale.

I materiali tradizionali per la fabbricazione di corde erano il lino e la canapa. Il processo di lavorazione per ricavare dalle fibre il filo era lungo e complesso. La corda era poi ottenuta torcendo i fili, al minimo due, con l’aiuto di una ruota. Seguendo procedimenti diversi, si poteva ottenere una gamma infinita di prodotti: per una gomena, ci vogliono quattro corde, ognuna delle quali fabbricata con un numero di fili compreso tra 16 e 50. Durante il processo di torcitura, la corda si ritira di un terzo.

Flax and hemp fibres are the traditional raw materials used to make rope. The dried plant stalks were reduced to individual fibres in stages and then spun into thread. Then a rope wheel, carrying bobbins of thread, was rotated and the threads fed through an annulus, with ready twisted rope emerging at the other end. In subsequent stages, different end-products were produced: string was made of no less than two twisted strands of thread; more substantial rope consisted of two or more twisted strings and heavy rope incorporated four strings of 16 to 50 strands each. The twisting process for string and rope tended to reduce the length of the original threads by up to one third.

Das Angebot der Seilerei Iten konnte sich sehen lassen: Heuseile, Stricke, Fällseile für Waldarbeiter, Seile für Baugeschäfte, Aufzugsseile, Baumwollseile für Spinnereien und als Spezialität lange Bergseile aus Hanf. In Heimarbeit liess der Seiler Ohrenkappen und Brustschütze für Pferde herstellen. Hängematten wurden in Filet-Knüpftechnik angefertigt. Der Verkauf erfolgte einerseits im Laden des Wohnhauses und anderseits über Versand. Im Sortiment des Ladens fand man auch Handelswaren wie Bindfaden, Schnüre, Kälberstricke und Schwanzschnüre.

L’offre de la corderie Iten valait le coup d’œil: cordes, cordelettes ou cordages pour attacher le foin, pour les bûcherons (abattage des arbres), les chantiers, les monte-charges, en coton pour les filatures, et une spécialité majeure, les longues cordes d’alpiniste, en chanvre. Le cordier qui travaille à domicile fabrique des bonnets et des plastrons pour les chevaux. Les hamacs sont confectionnés en utilisant la même technique de nouage que pour les filets de pêche. Quant à la vente, elle se faisait, d’une part, dans le magasin de la maison familiale, et de l’autre par correspondance. L’assortiment du magasin comprenait également des articles commerciaux comme des cordons, de la ficelle, des cordelettes pour les veaux ou des ficelles pour attacher la queue des vaches.

L’offerta della corderia era ampia: corde per il fieno, per i pacchi, per il lavoro nel bosco, per l’edilizia, per i montacarichi, corde di cotone per le filande e di canapa per l’alpinismo. A domicilio, venivano pure prodotti grembiuli protettivi e paraorecchi per i cavalli, nonché amache. Questi manufatti erano venduti nel negozio o spediti direttamente al compratore. L’assortimento del negozio comprendeva anche articoli di uso comune, come spago, corda, funi e cordicelle per le code degli animali.

Rope-makers’ product lines were quite substantial and included hay-bailing string, logging rope, rope used in construction, winch ropes, cotton ropes used in spinning mills and – an Iten speciality – climbing rope. Our ropemaker subcontracted the weaving of blinders and stinging-insect-protection aprons for draft horses, as well as knotted hammocks, to the local cottage industry specializing in these tasks. The goods, including twine, string and animal halters, were offered for sale at the store located on the ground floor of the rope-maker’s home. In addition, many products were shipped in response to orders.


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