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Ein Mann fährt abends nach der Arbeit in Karlsruhe heimwärts in Richtung Rheinland-Pfalz. Auf der Rheinbrücke ist eine Vollsperrung mit Polizeikontrolle. Der Mann wird herausgewunken und lässt genervt die Fensterscheibe herunter. Der Polizist: „Guten Abend. Routinekontrolle. Wir suchen einen Vergewaltiger, aber Sie können weiterfahren.“ Der Mann tut dies, kurz vor Wörth dreht er aber um und fährt zurück nach Karlsruhe. Auf der Rheinbrücke hält ihn der gleiche Polizist irritiert erneut an und fragt ihn: „Sie waren doch gerade schon einmal hier, was möchten Sie denn?“, woraufhin der Mann antwortet: „Ich habe es mir überlegt und ich nehme den Job!“.


editorial Die sechste Ausgabe des monatlich erscheinenden Heftes des Karlsruher Kinos DIE KURBEL, nachdem wir den August über Sommerpause gemacht haben. Dafür gibt es jetzt eine Internetpräsenz fernab von Facebook: kurbelheft.blogspot.com, mit vielen exklusiven Inhalten und allen bisherigen Ausgaben. In diesem Heft dreht sich die TITELSTORY um einen Filmdreh, der Anfang August in der Kurbel stattfand. Das SPECIAL beleuchtet den Kurzfilmslam im September. In der neuen Rubrik geht ihr mit uns zusammen auf ENTDECKUNGSREISE in den geheimen Ecken des Hauses. Und das PORTRÄT widmet sich einer absoluten Institution. Soweit zur Einführung und nun viel Spaß bei der Lektüre!

editorial zeigen wir, weil titelstory: ein filmdreh im kino porträt: matthias radtke panne des monats: vergangene zeiten entdeckungsreise: der mondmann impressum 3

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zeigen wir, weil das ist das ende Seth Rogen ist zurück auf der Leinwand und war eigentlich nie wirklich weg, verschwand wohl nur in der Mittelmäßigkeit seiner letzten Rollen. Mit DAS IST DAS ENDE greift er wieder auf altbewährte Erfolgsrezepte und Evan Goldberg zurück. Wie schon bei SUPERBAD und ANANAS EXPRESS schrieben die beiden Kanadier das Drehbuch, Seth Rogen hat zudem eine Hauptrolle inne und spielt sich selbst. Denn das ist eine der Hauptideen des Films, die Verkörperung der eigenenIdentität auf der Leinwand, wodurch diese ja eigentlich schon wieder fiktionalisiert wird. Wo jedoch die Realität endet und wo die Fiktion beginnt, das ist unklar, wenngleich das gänzlich überzogene Setting (während einer exzessiven Hausparty in Los Angeles geht aus zunächst unbekannten Gründen die Welt unter) schon den Verdacht nahe legt, dass hier sehr wenig real ist. Dafür gibt es quasi im Minutentakt absoluten Irrsinn und stellenweise fragwürdige Gags, die in ihrer überzogenen Unglaubwürdigkeit den Charme von Seth Rogens Filmprojekten charakterisieren. An Gastauftritten wird natürlich auch nicht gespart und so sind im Laufe des Films unter anderem die Backstreet Boys in Originalbesetzung sowie Emma Watson zu sehen. Äußerst unterhaltsam! 4


zeigen wir, weil lone ranger Johnny Depp kämpft momentan an einsamer Front nicht nur auf der Leinwand, sondern auch fernab davon gegen vernichtende Kritiken und karge Einspielergebnisse, dabei ist DER LONE RANGER keinesfalls so schlecht, wie er momentan gerade in der Presse gemacht wird. Zugegeben, es ist schon augenscheinlich, dass Gore Verbinski für den Film verantwortlich ist und die Parallelen zu der FLUCH DER KARIBIK-Reihe sind nicht von der Hand zu weisen: der gleiche Slapstick-Humor, Johnny Depp als extrovertierter Antiheld mit viel Verkleidung, dazu die Kombination von Jerry Bruckheimer und Disney Pictures. Aber bei solchen Denkmustern vergisst man schnell, dass Hauptdarsteller wie auch Regisseur auch anders können. In DER LONE RANGER erinnerte mich Johnny Depp bzw. die Figur Tonto beispielsweise viel eher an seine schon ein paar Jahre zurückliegende Rolle in Jim Jarmuschs DEAD MAN. Und es ist diese Mischung aus offensichtlichem Klamauk und versteckter Tragik, die den Film mit seiner überbordenden Kulisse und der überall lauernden Epik (großartig auch die Neuinterpretation der Wilhelm Tell-Overtüre durch Hans Zimmer) zu einem echten Kinoerlebniss machen. DER LONE RANGER ist zweieinhalb Stunden klassisches Hollywoodkino vom feinsten. 5


titelstory ein filmdreh im kino Der zehnte August begann für mich um 7:30 Uhr mit dem Klingeln meines Handyweckers. Eine Unart, zumal es sich um einen Samstag handelte, aber es half alles nichts und so machte ich mich ziemlich übernächtigt auf den Weg ins Kino, wobei die mir zugegebenermaßen unbekannt frühe Stunde dann doch einiges für sich hatte, denn die gerade erwachende Stadt war angenehm sonnig menschenleer und vermittelte mir eine gewisse Ruhe, eine beinahe urbane Harmonie, mit der es aber direkt zu Ende war, als ich den bereits hochmotiviert wirkenden Benjamin Herkert in Shorts und FlipFlops beinahe ungeduldig vor dem Kino warten sah. Benjamin arbeitet beim Filmboard Karlsruhe und hatte mir bereits sehr mit den Vorbereitungen für den Kurzfilmslam im September geholfen. An diesem Tag drehte er mit seiner eigenen Produktionsfirma, BOTT-X PICTURES, in den Räumlichkeiten unseres Kinos. Was genau dort entstehen sollte, das wusste ich nicht, aber Andreas Roth hatte mich damit beauftragt, den Dreh zu betreuen und vor Ort zu sein. Kurze Zeit später traf Robert Fuge ein, der ebenfalls ein T-Shirt von BOTT-X PICTURES trug und am Filmdreh mitwirkte. Meine primäre Aufgabe bestand neben des Wachbleibens darin, ihnen die Örtlichkeiten zu zeigen und die Technik in Betrieb zu nehmen. Den kleinen Saal 3 fanden sie als Drehort am besten geeignet, da die Projektorenkabine in den Raum abgesenkt ist und der auf die Leinwand fallende Lichtstrahl viel zur Atmosphäre beitragen konnte. Ob 6


titelstory sie sich den Vorführerraum anders vorgestellt hatten, das wusste ich nicht, aber sie waren hellauf begeistert, dass die alten Projektoren noch dort standen und als ich anbot, einen davon in Betrieb zu nehmen, beschlossen sie sofort, diesen in das Filmprojekt zu integrieren. Das eigentliche Filmen begann dann gegen halb Neun, als ein in Langarmhemd und gestreifte Anzugshosen gezwängter Heranwachsender mit Brille und Backenbart namens Pascal, dessen Freundin Madeline und ein gewisser Mark etwas verschüchtert den Vorführraum betraten und sich mir vorstellten. Die Beschreibung von Pascal entspricht meinem ersten Eindruck und soll nicht abwertend wirken, sondern vielmehr mein Befremden darüber zum Ausdruck bringen, dass an diesem Morgen ein Rapvideo für sein kommendes Album gedreht werden würde. Ein paar Kaffeegetränkte Gespräche über die deutsche Rapszene später (Benjamin und Robert waren derweil mit em Aufbau der Technik beschäftigt) und ich wusste, dass Pascals Künstlername ProRipper war und er im Genre des Horrorcore-Raps unterwegs war. Wem das nichts sagt: es geht zumeist um die Verkörperung gewisser Rollen in Kombination mit zumeist gewalttätigen Handlungen und so sollte der zweite Teil des Videos auch später an diesem Tag mit reichlich Kunstblut auf dem Schlachthofgelände gedreht werden. Das klingt härter, als es ist, denn was Horrorcorerap in meinen Augen auszeichnet, das sind die Phantasiewelten, die darin geschaffen werden und in denen der Hörer, wenn gut umgesetzt, auf 7


g der Kritische Begutachtun rt Fuge. Aufnahmen durch Robe

Pascal (aka ProR ipper) im Vorf端hrraum vo ll in seiner Rolle. Im H intergrund Benjamin Herkert, Namensgeber und Kopf von BOTT-X PICTURES.


titelstory eine manchmal schon filmreife Reise geht, wobei dafür der Drehort Kino natürlich geradezu prädestiniert ist. Als ich Pascal (aka ProRipper) dann das erste mal in Aktion sah, hatte ich auch direkt ein anderes Bild von ihm. Er konnte definitv rappen und die gute Idee seiner Kunstfigur auch hervorragend umsetzen. Einen der alten Analogprojektoren bedienend, spielte er die Rolle eines verrückten Regisseurs, der seine irren Fantasien auf die Leinwand bringt - zuerst auf die von Saal 3, dann noch einmal im großen Saal. Ich ließ die Jungs dann erstmal in Ruhe drehen und war ganz froh, keine Fotos machen zu müssen, denn mittlerweile war Laila Tkotz auch vor Ort und dokumentierte die Dreharbeiten mit einer wesentlich besserern Kamera als der meines Handys. Sie hat nicht nur die beiden Fotos auf der Vorseite geschossen, sondern auch das Titelbild. Einen Dank dafür an dieser Stelle. Zurück zum Dreh: nach fünf Stunden und kurz vor Beginn des Kinderkinos war das Filmen im Kino beendet und die Truppe zog weiter in die Oststadt. Das Video soll Ende September, Anfang Oktober fertig sein, das Debütalbum von Pascal mit Namen „KATAKLYSMUS“ wird auch um diesen Dreh herum erscheinen. Mehr Informationen zu BOTT-X PICTURES finden sich unter www.facebook. com/bott.x.pictures. Die Webpräsenz von ProRipper lautet www.suizidalmusik.de.

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porträt matthias radtke Eigentlich nennen alle ihn Matze, mich eingeschlossen. Ich sage manchmal „Matthias“, weil ich mir vorstelle, dass ihn das an seine Mutter erinnert, die ich nicht kenne, aber die definitiv einen guten Job gemacht hat, denn Matze hat die kombinierten Sozialkompetenzen all meiner Lieblingspädagogen. Er spendiert gerne Kräuterbionade, hat dazu ein gesundes Maß an Verrücktheit und einen guten Humor, weshalb wir seine Witze auch einer breiteren Zuhörerschaft zugängig machen wollen. Matze ist (neben Florian Gand) der zweite ehemalige Fahrradkurier im Vorführerteam und arbeitet dort ebenfalls auf Vollzeit. Daneben trifft man ihn regelmäßig im Cafe Pan, wo er hervorragende Crepes zuzubereiten weiß und wo es mich jedes Mal aufs Neue fasziniert, wie er es schafft, die Kunden nicht zu siezen, ohne aufdringlich zu wirken. Ich denke, das alles charakterisiert ihn sehr gut und die Freude, die mit ihm jedes Mal in DIE KURBEL einkehrt, gibt seinem etwas anderen Lebensentwurf definitiv recht. Also Daumen hoch für Matze.

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panne des monats vergangene zeiten Die folgende Episode ist schon etwas länger her, ereignete sich in dieser wunderbaren (und vielleicht im Nachhinein etwas verklärten) Zeit, als wir noch vornehmlich mit 35mm-Kopien arbeiteten. Theo hatte damals die Spätschicht und ein Film sollte in einer Viertelstunde laufen. Die Kopie befand sich schon auf der Telleranlage, doch als er sie einlegen wollte, da bemerkte er, dass der Film verkehrt herum darauf lag. Ein kleiner Exkurs: das Filmband während des Abspielens über eine der vielen Rollen einmal um Neunzig Grad zu drehen (und somit zu vermeiden, dass der Ton ausfällt und das Bild auf dem Kopf steht) ist kein Problem und stört den Projektor nicht. Liegt die komplette Kopie allerdings verkehrt herum, so ist sie auch falsch gewickelt und kann von der Mechanik nicht abgerollt werden. Eine Filmrolle hat einen Durchmesser von über einem Meter und wiegt mitunter 20 Kilogramm. Ein Spannring innen sorgt dafür, dass sie direkt beim Abspielen wieder aufgewickelt wird und auch transportiert werden kann. Fehlt dieser Spannring (wie bei Theo) so ist die Rolle höchst instabil und kann von einer Person nicht bewegt werden. Theo ging daraufhin in den Saal hinunter und sprach die technischen Probleme an. Ein Zuschauer dort zeigte zuerst Interesse und dann Anteilnahme an Theos Mißlage. Er bot an, ihm zu helfen und zusammen schafften sie es, die Filmrolle auf eine Holzscheibe zu packen und zu wenden. Im Anschluss konnte Theo den Film ganz normal zeigen. Eine gute Story, finden wir! 11


entdeckungsreise der mondmann Als wir in Kino 2 noch keinen Digitalprojektor hatten, stand dort, auf der früheren Empore über den Köpfen der hinteren Sitzreihe, ein Beamer, der neben BlueRays auch den Tatort, die Opern und die EM 2012 übertrug. Als die Fernbedienung dieses Beamers (und ihre Ersatzmodelle auch allesamt) ihre Funktion komplett verweigerte, er also nicht mehr vom Vorführraum aus bequem zu bedienen war, hieß es vor jedem Einsatz des Beamers: Leiter hinter dem Leinwandvorhang herausholen, nach hinten tragen, hochklettern, Knopf drücken, hinunterklettern und dann die Leiter wieder zurückstellen. Das Prozedere musste natürlich wiederholt werden, um den Beamer auszuschalten. Vor langer Zeit war die Empore vielleicht einmal mit Sitzen bedeckt gewesen. Vor langer Zeit waren die Kinosäle auch noch nicht getrennt. Ich konnte mir aber nie vorstellen, wie es damals ausgesehen haben musste, noch fand ich irgendwo Archivfotos, die meiner mangelnden Vorstellungskraft auf die Sprünge helfen konnten. Alles was ich wusste war, dass dort eine merkwürdige Atmosphäre herrschte. Boden, Wände und Decke des hinteren Saalteils waren gänztlich in schwarz gestrichen, der Boden war eine holprige Staublandschaft aus Brettern, Kabeln und wohl für die Ewigkeit zwischengelagerten Dämmmatten. Und am rechten Rand der Empore starrte mich dieses weiße Männergesicht an, das quasi hinter dem roten Stoffbezug der Kinowände grimmig hervorlugte. Ich fühlte mich dort oben immer Raum und Zeit entrückt, hatte beinahe das Gefühl, auf dem Mond zu sein. 12


entdeckungsreise Das weiße Männergesicht verstärkte diesen Eindruck nur noch, schien für mich eine Art böser Mondmann zu sein, der einsam und allein dort oben herrschte. Die mehr als einhundert Jahre zurückliegende Verfilmung von Jules Vernes REISE ZUM MOND mochte mit ihren fantastisch unheimlichen Bildern einen großen Anteil daran gehabt haben. Wie ich weitaus später von Andreas Roth gesagt bekam, entstammt das Gesicht der Werner Herzog-Adaption von NOSFERATU aus dem Jahre 1979 und stellt die von Klaus Kinski gespielte Figur dar. Früher waren wohl alle Wände von Saal 2 mit Porträts bekannter Filmfiguren bedeckt. Dann wurden sie in roten Stoff eingekleidet. Was bleibt ist eine wesentlich bessere Akkustik. Und das einsame Phantom der Nacht.

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impressum Das KURBELHEFT gehÜrt der Karlsruher Kinogenossenschaft DIE KURBEL Kaiserpassage 6 76133 Karlsruhe Redaktion, Layout, sowie alle Texte (falls nicht anderweitig vermerkt) von Florian Arleth. Den neuen Blog zu unserem Kurbelheft findet ihr unter: www.kurbelheft.blogspot.com Kritik, Lob und auch Anregungen zum Kino und diesem Heft gerne an oben hinterlegte Adresse, bei Facebook, im Gästebuch der Internetseite oder per Mail an info@kurbel-karlsruhe.de Werdet Fan des KURBELhefts bei Facebook und gestaltet es durch eure Anregungen, Kritiken und Diskussionen mit: facebook.com/KURBELheft

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hier kรถnnte ihre werbung stehen!



KURBELheft #6