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Zwei Mütter treffen sich zufällig auf der Straße und unterhalten sich über ihre pubertierenden Kinder, die damals zusammen im Kindergarten waren. Nachdem der Werdegang der Sprößlinge soweit abgedeckt ist, sagt die eine Mutter irgendwann vertrauensvoll: „Gestern habe ich unter dem Bett meines Sohnes eine Schachtel Zigaretten gefunden. Ich war total schockiert, ich hätte nie gedacht, dass mein Sohn raucht!“. Woraufhin die andere Mutter abwinkt und entgegnet: „Das ist ja noch gar nichts. Ich habe letzte Woche beim Aufräumen eine Packung Kondome unter dem Bett meiner Tochter gefunden. Denkst du, ich hätte gewusst, dass meine Tochter einen Penis hat?!“.


editorial Die siebte Ausgabe des monatlich erscheinenden Heftes des Karlsruher Kinos DIE KURBEL. In dieser Ausgabe gibt es als TITELSTORY einen Bericht des Kurzfilmslams von Ende September inklusive aussagekräftiger Bilder. Als unbedingte Empfehlung legen wir euch unter ZEIGEN WIR, WEIL den neuen Film mit Sandra Bullock und George Clooney ans Herz. Das PORTRÄT widmet sich Steffi an der Kasse und die ENTDECKUNGSREISE führt uns auf den Dachboden, wo unter anderem die alten Leuchtbuchstaben des Kinos ruhen, zumindest teilweise. Soweit zur Einführung und nun viel Spaß bei der Lektüre!

editorial zeigen wir, weil titelstory: der kurzfilmslam porträt: stephanie rothe entdeckungsreise: die fehlenden buchstaben impressum

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zeigen wir, weil gravity Es heißt, der Weltraum sei kein Ort für Action und wenn in GRAVITY gleich zu Beginn des Films das Spaceshuttle, an dem drei Astronauten Wartungsarbeiten durchführen, auf spektakuläre Weise von Trümmerteilen zerstört wird, dann wird der Wahrheitsgehalt dieser Aussage deutlich. Keine Explosionsgeräusche sind zu hören, kein berstendes Metall, sondern lediglich die Stille, die Kommunikation der Astronauten untereinander und mit der Erde, wobei die Verbindung dorthin recht schnell abbricht. Was bleibt, ist die Isolation der Menschen im All, einem Antilebensraum und das wird auf drastische Weise klargemacht, spätestens als der Minuten zuvor noch fröhlich in der Schwerelosigkeit tanzende dritte Astronaut leblos im All treibend vorgefunden wird. Spannungsaufbau durch Atemgeräusche, verstärkt durch dezent eingesetzte Musik, die dem Film eine fast unerträgliche Intensität einverleibt. Reggisseur, Produzent und Drehbuchautor Alfonso Cuarón, der schon in CHILDREN OF MEN mit seinen OneShot-Aufnahmen auf sich aufmerksam machen konnte, hat in der Schwerelosigkeit den perfekten Spielplatz für fantastische Kamerafahrten und ungewöhnliche Perspektiven. Schwindelerregend ist das, zumal es kein oben und kein unten gibt, lediglich die Erde als Orienierungspunkt, 4


zeigen wir, weil die in ihrer majestätischen Ruhe einen krassen Kontrast zu dem Drama abgibt, das sich in ihrer Umlaufbahn zuträgt. Und dramatisch ist die Situation allemal, in der sich George Clooney und Sandra Bullock da wiederfinden. Alleine schon die Vorstellung, hilflos aber bei vollem Bewusstsein durch die vermeintliche Unendlichkeit des Weltraums zu treiben, hat mehr Gänsehautpotential als so mancher oppulent inszenierte Schocker der letzten Jahre. Im Film sagt die von Sandra Bullock gespielte Astronautin, auf der Erde eine Ärztin mit fehlenden Perspektiven, dass sie sich sechs Monate auf den Weltraumausflug vorbereitet hat. Im echten Leben war es die gleiche Zeit, die die Schauspielerin darauf verwendet hat, zumeist ihre Atmung zu trainieren, um in digital gefilmter Umgebung auf Kommando quasi Menschlichkeit produzieren zu können. Und das zahlt sich aus, denn Sequenzen, in denen Kamera und Publikum in den Helm der Astronautin schlüpfen und aus ihrer Perspektive den Albtraum miterleben, sind von einer Unmittelbarkeit, die gerade in computergenerierten Filmen eine Seltenheit auf der Leinwand ist. James Cameron, guter Freund Alfonso Cuaróns und erfahren in Sachen Weltraumkino, lobte GRAVITY über alle Maße, nannte ihn den besten Weltraumfilm, der jemals gedreht wurde und betonte, dass es eine Kunst für sich sei, minutiös Geprobtes auf der Leinwand spontan wirken zu lassen. Sandra Bullock beherrscht diese Kunst wie wenig andere, zumindest in GRAVITY. Und das macht den Film definitiv sehenswert. 5


titelstory der kurzfilmslam Um kurz vor 23 Uhr fragte eine junge Besucherin den zu diesem Zeitpunkt wieder beschäftigungslosen Maurice Meijer, ob denn der Moderaror eine Fanseite bei Facebook habe. Zu dieser Uhrzeit hatte sich der Jägermeisterumsatz bereits verdreifacht - bezogen auf das Quartal. In Saal 2 hatte die Taktik, das WM-Finale von 1974 in voller Länge als Rausschmeißer zu streamen, ziemlichen Erfolg gezeigt: bis auf zwei junge Männer waren alle der knapp 80 Zuschauer gegangen. Was genau war passiert? Der Kurzfilmslam hatte stattgefunden. Am ersten Tag der Karlsruher Literaturtage 2013 eröffnete dieses Format das Sonderprogramm in unserem Kino. Am nächsten Tag sollte noch der Diary Slam folgen, als Abschluss stand dann Sonntags das ZEBRA Poesie Film Festival an. Aber wir hatten ja erst Donnerstags und an diesem Abend ging es um 21 Uhr los. Die Bühne in Kino 2 war hergerichtet, mit Tischlampe aus dem Privatbesitz, die nach jedem Textbeitrag per Handkordel ausgeschaltet wurde. Ein Baustellenstrahler auf der rechten Seite der Bühne lieferte die nötige Beleuchtung für die Vortragenden und wurde zuverlässig von dem überaus motivierten Helfer Peter (aka dem Märchenpeter aus dem BENTO) ein- und ausgeschaltet. Ein Bildschirmhintergrund prangte nach jedem Filmbeitrag auf der 32 Quadratmeter Leinwand. Vom Programm her standen insgesamt sechs Filme auf dem Programm, zu denen es jeweils einen Text zu hören gab. Zwar hatte es einen Tag vorher noch zwei Absagen (von Rolf Suter und Susana Lopes) gegeben, aber da6


titelstory für waren es auch zwei Dichter mehr, die sich von einem der insgesamt 15 zur Verfügung stehenden Filme inspiriert fühlten und dazu etwas geschrieben hatten. Unglücklicherweise betrafen die beiden Ausfälle beide Filme von Sven Eric Maier, einem Karlsruher Regisseur, der schon Wochen vorher seine Anwesenheit angekündigt hatte. Aber Susana nahm kurz davor ihren Text noch als mp3 auf und so konnte der Abend wie geplant mit „Die Freiheit von Jessica Frank“ beginnen, nur, dass es eben nur die Stimme von Susana zu hören gab. Der sehr gut gefüllte Saal bekam in den nächsten zwei Stunden einiges geboten, von den biergetränkten Moderationsfähigkeiten Florian Arleths einmal abgesehen. Mit Marco Wolff und Freddy Mork hatten zwei bekannte Namen aus den Verlagskreisen von Brot&Kunst den weiten Weg aus der Pfalz auf sich genommen. Marco Wolff präsentierte eine spontan lustige Kundenreklamation zu der Apple-Parodie „iStone“, Freddy Mork leicht surreal angehauchte Kurzprosa zu Dominik Schmitts Kunstfilm „Die Heilung“. Den Abschluss des ersten Blocks bildete eine Kino-Koproduktion: Lisa Gundling, die als Vorführerin tätig ist, trug dynamisch Lyrisches zu einem Studienprojekt von Patrick Hauler, der Kassenbesetzung im Foyer an diesem Abend, vor. Sein Kurzfilm „Run, Pig, Run“ basierte auf einem Song einer amerikanischen Rockgruppe und wurde mit einer Helmkamera an den unterschiedlichsten Orten in Karlsruhe umgesetzt, darunter auch Szenen aus dem Keller und dem Dachboden des Kinos. 7


den Marco Wolff eröffnet ag. rtr Abend mit dem ersten Vo

Gebannte Zuschauer während der Kin okoproduktion: Lisa G undling (Vorführung) trug zu einem Kurzfilm von Patrick Hauler (K asse) vor.


titelstory Während der nachfolgenden, fünfzehnminütigen Pause trafen Maurice Meijer und Aaron Schmitt ein. Die Beiden waren in der Badischen Landesbibliothek bei der offiziellen Eröffnung der Literaturtage noch eingebunden gewesen. Zuerst stand aber Lea Ammertal im Fokus der Aufmerksamkeit. Sie war die zweite vortragende Dame an diesem Abend und gab quasi ihr Lesebühnendebut, machte aber einen ausgezeichneten Job und trug sehr atmosphärisch klassisch Angehauchtes zu Simon Dendas Münchner Kammerspiel „Farfalle“ vor. Maurice Meijer und Aaron Schmitt schlossen als Routiniers den Abend dann ab. Ersterer mit portugiesischen Flaschenliebhaberimpressionen zu dem Berliner Rapvideo „Acht-Cent-Blues“, Letzterer mit gewohnt melodisch tiefsinniger Lyrik zu dem hervorragenden Animationsfilm „Ich brauch mehr Rot“, der filmtechnisch vielleicht der Publikumsliebling war. Das war dann auch schon das eigentliche Programm. Ein Finale ließen wir aufgrund der schlechten Umsetzbarkeit sein (zeigten dafür wie schon erwähnt das Endspiel der WM 1974), auch war die Pfälzer Fraktion schon auf dem Heimweg. Und davon abgesehen mißfällt uns ohnehin der ständige, von der Gesellschaft auch noch verstärkte Wettbewerbsdrang, der in den Künsten nichts zu suchen hat. Da das Feedback aber durchweg positiv war und die Resonanz dem Aufwand für diesen Abend auch im Ansatz recht gab, werden wir spätestens im neuen Jahr den nächsten Kurzfilmslam veranstalten. 9


porträt stephanie rothe Stephanie Rothe bekam es noch hin, ein Kind der Achtziger zu sein und damit einhergehend im ehemaligen Ostdeutschland geboren zu werden. Nun wohnhaft in der Fächerstadt, studiert sie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung und zwar Kunstwissenschaften. Sie hatte sich ursprünglich, vor etwas über einem Jahr, für eine Aushilfsstelle in der Café 9 Bar beworben und gelangte schließlich über diesen Umweg hinter die Theke im Foyer der Kurbel. Seither verkauft sie dort Popcorn, Getränke, Kinokarten und verbreitet gute Laune. Auch wenn sie sich hinter der minzgrünen Theke im Foyer oft wie in einer Arztpraxis fühlt, so genießt sie es dennoch sehr, sich mit Besuchern und dem restlichen Kinopersonal zu unterhalten. Ihre spontan-lebhafte Art ließ sie in den letzten Monaten zum perfekten partner-in-crime für Matze werden (siehe KURBELheft #6). Ihren letzten großen Coup feierten die beiden vor einigen Wochen nach der Nachtvorstellung des Horrorfilms CONJURING, als sie das Licht im kompletten Haus ausschalteten und den letzten im Saal verbliebenen Gästen, zwei gestandenen Männern, mit Klatschgeräuschen und Taschenlampe ein unvergessliches Kinoerlebnis bereiteten. 10


entdeckungsreise die fehlenden buchstaben Drei Treppenfluchten vom Foyer bis auf die Ebene mit den Kinosälen, dann noch einmal zwei Treppenfluchten hoch zum Vorführraum, die Dachbodentreppe ist von unten kaum auszumachen. Öffnet man die überstrichene Luke mit Hilfe eines schmiedeeißernen Hakens, so kommt eine etwas instabil wirkende Klapptreppe zum Vorschein. Diese führt auf den eigentlichen Dachboden des Kinos, der die gesamte Grundfläche des Hauses überspannt. Viele Legenden ranken sich in den Rängen des Vorführerteams um diesen Ort. Von einer Haschplantage, die in der humiden Atmosphäre dort oben prächtig gedeihen soll, bis über Leichen auf dem Dachboden reichen die Gerüchte. Steht man dann erst einmal oben und hat sich an das diesige Licht gewöhnt, so bietet sich einem in erster Linie Tristesse. Hölzerne Stützpfeiler und Streben verlieren sich so weit das Auge in der nur von wenigen ungeputzen Fenstern durchbrochenen Dunkelheit reicht. Die wenige Bodenfläche ist bedeckt von Kartonagen und alten Sitzpolstern und auf diesen wiederum ruhen drei rotstählerne Buchstaben. 12


entdeckungsreise Doch statt des Kinonamens steht dort nur KURBEL geschrieben. Die drei restlichen Buchstaben sind verschollen und das ist ein Phänomen für sich, bedenkt man, dass es mich schon eine gute Anstrengung gekostet hatte, das nebenstehende R aufzurichten, um davon ein Foto zu machen. Die drei verbleibenden Buchstaben sind definitiv Relikte aus einer lange zurückliegenden Zeit, kunsthandwerkliche Zeugnisse aus einer Ära vor der allgegenwärtigen Digitalisierung und glattgeleckter Schriftzüge. So wurde die Typografie, die sich auch noch im gegenwärtigen Logo wiederfindet, wunderbar umgesetzt. Von der bauchigen Form bis hin zu den Serifen an den Ecken. Wer sich also die Mühe gemacht hat, drei der massiven, knapp einen halben Meter großen und an die dreißig Kilogramm schweren einstigen Leuchtbuchstaben zu entwenden, der muss schon sehr motiviert gewesen sein. Schade ist es allemal, denn so fehlt ein weiteres Stück in der Geschichte des Kinos DIE KURBEL. 13


impressum Das KURBELHEFT gehÜrt der Karlsruher Kinogenossenschaft DIE KURBEL Kaiserpassage 6 76133 Karlsruhe Redaktion, Layout, sowie alle Texte (falls nicht anderweitig vermerkt) von Florian Arleth. Den neuen Blog zu unserem Kurbelheft findet ihr unter: www.kurbelheft.blogspot.com Kritik, Lob und auch Anregungen zum Kino und diesem Heft gerne an oben hinterlegte Adresse, bei Facebook, im Gästebuch der Internetseite oder per Mail an info@kurbel-karlsruhe.de Werdet Fan des KURBELhefts bei Facebook und gestaltet es durch eure Anregungen, Kritiken und Diskussionen mit: facebook.com/KURBELheft

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hier kรถnnte ihre werbung stehen!



KURBELheft Oktober 2013