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TraumstraĂ&#x;en Frankreichs


Seite 2–3: Das Schiff der Kathedrale von Amiens mit seinen Strebepfeilern ist typisch für das Innere eines gotischen Gotteshauses. Sie ist die größte Kirche Frankreichs. Seite 4–5: Mit seinen mehr als 300 Burgen und Schlössern gehört das Loire-Tal zu den bedeutendsten Kulturlandschaften Europas. Im Bild: Schloss Chambord – der steingewordene Traum von König Franz I. Seite 6–7: Gewaltig erhebt sich das Mont-Blanc-Massiv über das Tal von Chamonix in den Savoyer Alpen. Besonders dramatisch wirken die Felsspitzen der Aiguilles du Midi. Seite 8–9: Alle Brunnenanlagen von Versailles sind reich mit Bronzefiguren ausgeschmückt. Das hydraulische System aus dem 17. Jh. dient nur dem Vergnügen. Seite 10–11: Der Eiffelturm ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Frankreichs. Paris mit seinen Seinebrücken, Kirchen und Boulevards bietet als Weltkulturstadt eine Atmosphäre ohnegleichen. Seite 12–13: Der Mauerring von Carcassonne im Languedoc genügt romantischen Vorstellungen von einer Festungsstadt. Seite 14–15 oben: Der Innenhof des Louvre, ursprünglich mittelalterliche Burg, heute eines bedeutendsten Museen der Welt. Unten: Die seit der Antike bekannte Hafenstadt Collioure war ab 1905 beliebtes Motiv von Henri Matisse, Georges Braque, Pablo Picasso und anderer Kunstgrößen der Moderne.

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Cordes-sur-Ciel, im Tal des Cérou gelegen, hat knapp 1000 Einwohner. Das ehemals wohlhabende Örtchen ist von Mauerringen umgeben und hat sich sein prachtvolles mittelalterliches Stadtbild bewahren können.

Inhalt Route

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Durch Frankreichs Norden

Route

20

Von Lothringen zum Atlantik Route

Auf alten Pilgerwegen von Paris nach Biarritz

38

Kreide und Granit: steinerne Naturund Kulturlandschaften am Atlantik

Route

Route

Roussillon, Pyrenäen, Aquitaine, Baskenland

4

68

Von der Yonne zur Saône und Loire 5

Durch das Elsass Über die Wein- und Vogesen-Kammstraße

130

52 Route

Burgund

Route

Kunst, Natur und Kochkunst genießen

Im Land des Königs der Weine

92

10

Côte d’Azur, Provence, Rhône Alpes

182

Route Napoléon und Route des Grandes Alpes

7

Limousin, Dordogne, Périgord

3

Durch die Champagne

Route

106

2

Normandie und Bretagne

Route

Route

6

Via Touronensis

12

Rund um Korsika 150

198

Im Land des Lichts zwischen Côte d’Azur und Côte Vermeille Route

8

11

Die Mittelmeerküste

214

Insel der Schönheit

Entlang der Berge von Meer zu Meer

Atlas

224

Route

Register

250

9

Durch das Zentralmassiv

168

Reisen, Raften und Ruhen in der Auvergne Traumstraßen Frankreichs

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Routenübersicht Route

1

Von Lothringen zum Atlantik Route

2

Kreide und Granit: steinerne Naturund Kulturlandschaften am Atlantik Route

3

Im Land des Königs der Weine Route

4

Von der Yonne zur Saône und Loire Route

5

Über die Wein- und Vogesen-Kammstraße Route

6

Auf alten Pilgerwegen von Paris nach Biarritz Route

7

Kunst, Natur und Kochkunst genießen Route

8

Entlang der Berge von Meer zu Meer Route

9

Reisen, Raften und Ruhen in der Auvergne Route

10

Route Napoléon und Route des Grandes Alpes Route

11

Im Land des Lichts zwischen Côte d’Azur und Côte Vermeille Route

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Insel der Schönheit

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Einführung Zwölf sorgfältig recherchierte Touren führen uns zu den faszinierendsten Reisezielen in Frankreich, zu grandiosen Natur- und Kulturlandschaften, einzigartigen Kulturdenkmälern, in pulsierende Metropolen und an stille, verträumte Orte. Das Spektrum reicht von einer Tour entlang der mondänen Mittelmeerküste bis zu einer Reise auf den Spuren der Via Turonensis, dem »französischen« Jakobsweg, von der Fahrt an der rauen, windumtosten Atlantikküste bis zur Inselrundfahrt auf der pittoresken Mittelmeerinsel Korsika, von der »Route Napoleon« durch die phantastische französische Alpenlandschaft bis zur »Route des Vins d’Alsace« entlang den malerischen Weinbergen des Elsass. Die Routenbeschreibungen: Ein Einleitungstext zu jedem Kapitel gibt einen Abriss über die Reiseroute und stellt die jeweiligen Länder und Regionen sowie ihre landschaftlichen, historischen und kulturellen Besonderheiten vor. In der Folge werden – ergänzt durch eine Vielzahl brillanter Farbfotos – bedeutende Orte und Sehenswürdigkeiten unter Angabe von Routenverlauf und Straßenführung beschrieben. Die Nummern der Orte und Sehenswürdigkeiten findet man auch in den Karten, am Ende des jeweiligen Kapitels wieder. Wichtige Reiseinformationen über Zeitbedarf und Länge der Tour, nationale Straßenverkehrsregeln, Wetter und die beste Reisezeit sowie nützliche Adressen hält eine Infobox zu jeder Route parat. Interessante Aspekte zu Kultur und Natur werden in einer Randspalte erläutert. Auf lohnenswerte Abstecher weisen zusätzlich farbig unterlegte Boxen in den Randspalten hin. Die Stadtpläne: Metropolen, die an einer Reiseroute liegen, werden auf Extraseiten mit einem Stadtplan und einer ausführlichen Darstellung ihrer Sehenswürdigkeiten präsentiert. Die Tourenkarten: Spezielle Tourenkarten am Ende eines jeden Kapitels zeigen den Verlauf der Reiseroute und die wichtigsten Orte und Sehenswürdigkeiten. Die Hauptroute ist dabei deutlich abgesetzt und wird durch Vorschläge für interessante Abstecher ergänzt. Neu entwickelte Piktogramme kennzeichnen Lage und Art bedeutender Sehenswürdigkeiten entlang der Route. Zusätzlich werden herausragende Reiseziele durch Farbbilder und Kurztexte am Rand der Karte hervorgehoben.

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Durch Frankreichs Norden Von Lothringen zum Atlantik Man muss vielleicht etwas genauer hinschauen als anderswo, aber dann entdeckt man sie doch: romantische Flüsse, Wälder und Moore, Naturparks und alte Residenzstädte. Das Frankreich zwischen Lothringen und der Kanalküste ist reich an Schätzen, von denen manche zum Welterbe zählen. Angesichts der Vielfalt seiner Landschaften und der Küsten, die vom Atlantik bis zum Mittelmeer reichen, gilt Frankreich als eine Art Kontinent im Kleinen. Die Urlauber strömen freilich vor allem in den Süden des Landes; der Norden ist selbst so manchem Frankreich-Liebhaber unbekannt. Zu Unrecht freilich, denn die Landschaft dieser Region hat mehr zu bieten, als die meisten ahnen. Nur offenbart sie ihre Reize nicht gleich jedem auf den ersten Blick: Der Norden Frankreichs will mit Muße erkundet sein. Lothringen ist heute nur eine unter vielen Regionen Frankreichs. Vor mehr als einem 20

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Jahrtausend aber war Lothringen ein Land von europäischem Rang: Seinen Namen erhielt Lotharingien schon im 9. Jh. von Lothar I. bei der Aufteilung des Fränkischen Reiches. Zu Lothringen gehörten einst auch die heutigen Niederlande, Teile Belgiens, Luxemburg und die Rheinprovinzen. In der Geschichte des Landes wechselten mehrfach die Besitzer. Im 18. Jh. unterstand Lothringen sogar einem ehemaligen polnischen König, wurde schließlich vollständig französisch, geriet dann aber noch zweimal in deutsche Hand, bevor es endgültig an Frankreich kam. Schlachtfelder und Soldatenfried-

Glasfenster im Musée de l'Ecole de Nancy

höfe erinnern an die düsteren Zeiten deutsch-französischer Konflikte – vor allem an den Ersten Weltkrieg, dessen blutigste Kämpfe genau hier ausgetragen wurden. Spuren der bewegten Geschichte findet man noch überall: zum Beispiel in Metz, der Hauptstadt Lothringens mit ihren vielen Kirchen, die schon auf römische Zeit zurückgeht; das 19. Jh. hat dort einige preußische Bauten hinterlassen. Ungleich prächtiger jedoch ist die alte Residenzstadt Nancy mit ihren künstlerisch vollendeten Platzanlagen, die noch heute vom Prunk des 18. Jh. zeugen. Weiter nördlich, im Grenzland zu Luxemburg und Belgien, geht die Fahrt durch eine mitunter romantische Landschaft: die Ardennen, bewaldete Höhenzüge mit tiefen Flusstälern. Naturparks säumen den Weg, bevor die Route weiter nach Wes-


Ein unbekannter Maler der flämischen Schule hat 1633 den Aufmarsch der Barbara-Bruderschaft von Dünkirchen im Bild festgehalten; das Werk hängt heute im Musée des Beaux-Arts von Dunkerque. Die hl. Barbara von Nikomedien zählt zu den vierzehn Nothelfern und gilt insbesondere als Schutzheilige der Bergleute. Die evangelische Kirche Temple-Neuf in Metz wurde 1904 von Kaiser Wilhelm II. geweiht.

ten führt – ins Nord-Pas-de-Calais und in die Picardie. Hier im Norden ist die Nähe zu Flandern unübersehbar: In Lille wie in Arras entdeckt der Besucher flämische Fassaden, wie man sie eher aus Belgien kennt. Etwas weiter südlich, Richtung Paris, wartet dann ein architektonisches Juwel, ein echtes Glanzlicht: die Kathedrale von Amiens, ein Meisterwerk gotischer Baukunst. Facettenreich ist also auch dieser kleine Landstrich: Die Kathedralen gehören ebenso dazu wie Windmühlen und Kanäle im Stile Flanderns. Nicht zu vergessen die Glockentürme, von denen es hier im Nord-Pas-de-Calais besondes viele und bemerkenswerte gibt. Natürlich gehört auch das Wasser zu dieser Landschaft: Sumpf- und Moorgebiete, die man in flachen Booten auf Kanälen durchfährt. Oder Flüsse wie die Somme, deren Mündung als Lebensraum zahlloser

seltener Vögel unter besonderem Schutz steht. Und das Meer, das auch hier dem Land seinen ganz eigentümlichen Charakter verleiht. Sicher, man findet auch Industrieanlagen und große Häfen. Aber es gibt eher schroffe Klippen an der Küste, sogar richtige Kreidefelsen wie jenseits des Ärmelkanals in England, das von hier aus mit dem bloßen Auge zu erkennen ist. Es gibt natürlich auch feine Sandstrände und Dünenlandschaften und damit auch Seebäder, deren Charme es vielleicht gerade ist, dass sie nicht so bekannt sind wie die berühmten und überlaufenen Ferienziele am Mittelmeer. Maler haben die sanften Farben dieser Küste schon immer sehr geschätzt. Der Name, den Edouard Lévêque diesem Küstensaum vor einem Jahrhundert verlieh, hat sich bis heute gehalten: Côte d'Opale – Opalküste.

Die Löwen von Flandern über dem Portal der Alten Börse von Lille

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Abstecher

Château Haroué Zwischen Nancy und Epinal liegt Schloss Haroué inmitten ausgedehnter Parkanlagen; dieser Teil des Lothringer Plateaus ist unter dem Namen Saintois bekannt. Errichtet wurde Schloss Haroué 1720 bis 1732 an der Stelle zweier älterer Burganlagen von dem renommierten Baumeister Germain Boffrand. Boffrand integrierte einige erhaltene Teile der mittelalterlichen Burgen in das neue Schloss. Für die Dekorelemente waren überwiegend Künstler aus Lothringen verantwortlich, darunter Jean Lamour und Barthélemy Guibal; den Park hat Emilio Terry konzipiert. Auftraggeber war Marc de Beauvau-Craon, dessen Nachfahren das Schloss bis heute bewohnen. Zu seinen Glanzzeiten weilten immer wieder illustre Persönlichkeiten als Gäste auf Haroué: Ludwig XVIII. etwa oder Großherzog Leopold von Lothringen. Der Bau in seiner jetzigen Form erinnert noch an diese Tage höfischer Pracht;

Die Ausmaße von Schloss Haroué sind am besten aus der Luft zu erkennen. die älteren Bauteile legen dagegen Zeugnis ab von kriegerischen Zeiten, als ein Schloss wirklich noch Festungs- und Schutzfunktion besaß. Die Größe des zum kleinen Dorf Haroué gehörigen Schlosses veranschaulichen einige Zahlen: Der Bau besitzt 365 Fenster, 52 Schornsteine, zwölf Türme und vier Brücken. Teile des Inneren mit der historischen Ausstattung, Möbeln und Gemälden sind im Rahmen von Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich.

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Von Lothringen bis zum Ärmelkanal: Die Route beginnt in Lothringen und schlägt einen südlichen Bogen über Nancy und Metz, folgt dann der Nordgrenze Frankreichs und durchquert zum Schluss die Picardie und das Nord-Pas-deCalais. Zu bewundern gibt es Schlösser, verträumte Moorlandschaften und die Seebäder an der Küste. 1 Sarreguemines (Saargemünd) Unmittelbar an der Grenze zum deutschen Saarland, nur wenige Kilometer südlich von Saarbrücken, liegt Sarreguemines (Saargemünd). Die lothringische Stadt gehört zum Département Moselle. Sowohl der französische als auch der deutsche Name beziehen sich auf eine Flussmündung – hier fließt die saarländische Blies in die Saar. Internationale Wirtschaft spielte in der Stadt schon früh eine Rolle, denn im Spätmittelalter verlief hier ein Handelsweg von Flandern nach Italien. Ende des 18. Jh. entwickelte sich in Sarreguemines eine bedeutende Steingutindustrie. An diese großen Zeiten der Keramikherstellung erinnert heute das Musée de la Faïence; ein internationaler Keramikwettbewerb dient ebenfalls der Pflege dieser Tradition. Einen Besuch lohnt auch das Museum für Steingut-Technik, das in der historischen Bliesmühle untergebracht ist. Zu den Sehenswürdigkeiten zählen außerdem das idyllisch gelegene Casino an der Saar – ein Kulturzentrum und kein Ort des Glücksspiels! – und die Barockkirche Saint-Nicolas mit einer Kreuzabnahme von Januarius Zick.

2 Epinal Südwestwärts geht die Fahrt nach Epinal an der Mosel. An die Stadtgründung durch die Bischöfe von Metz erinnert heute die Burgruine oberhalb des Ortes. Kunsthistorisch bedeutsam ist die ehemalige Abteikirche St-Maurice, deren wuchtiger Turm fast schon an eine Festungsanlage gemahnt. Sehenswert sind auch die Glasfenster in der Kirche NotreDame, der Rosengarten und das Museum für Alte und Zeitgenössische Kunst. Berühmt wurde Epinal im 19. Jh. vor allem durch die bunten Bilderbogen aus dem Druckhaus Pellerin. Die Images d'Epinal – erzählende Bildfolgen – erschienen gegen Ende des 19. Jh. in hohen Auflagen und gelten als Vorläufer der Comics. Einen besonderen Reiz der Stadt macht auch ihre Lage an der Mosel und an einem kleinen Kanal. Von Epinal lohnt sich ein kleiner Abstecher zum Château Haroué (siehe links), bevor es weiter nach Lunéville geht. 1 Die prächtige Place Stanislas in Nancy erinnert an den polnischen König Stanislas I. Leszczynski. 2 Jugendstilambiente in der Brasserie Excelsior in Nancy

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Reiseinformationen Routen-Steckbrief Routenlänge: ca. 1300 km (ohne Abstecher) Zeitbedarf: 10–14 Tage Start: Sarreguemines Ziel: Dunkerque Routenverlauf: Sarrguemines, Epinal, Lunéville, Nancy, Metz, Thionville, Arlon, Monthermé, Charleville-Mézières, Lille, Douai, Arras, Amiens, Abbeville, Boulognesur-Mer, Calais, Dunkerque Verkehrshinweise: Die Promillegrenze liegt bei 0,5. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt in Ortschaften 50 km/h, auf Landstraßen 80 km/h, auf Schnellstraßen 110 km/h und auf Autobahnen 130 km/h.

Beste Reisezeit: In den Wintermonaten kann das Wetter in Nordfrankreich eher unangenehm sein; ideal für eine Reise ist die Zeit von Mai bis September. Im Sommer liegen die Tageshöchsttemperaturen bei durchschnittlich 25 ºC. Allerdings herrscht um diese Zeit an der Küste Hochbetrieb. Übernachtung: Hotelzimmer und Ferienhäuser lassen sich heutzutage relativ problemlos über das Internet ermitteln und buchen. Das Maison de la France bietet zwar keinen eigenen Buchungsservice, aber immerhin entsprechende Links unter www.franceguide.com.


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Nancy Die alte Hauptstadt Lothringens hat dank ihrer herausragenden Bauten das Bild einer Residenzstadt bis heute bewahren können. Südlich der Altstadt erstreckt sich die planmäßig angelegte Neustadt, deren Straßen wie ein Netz im rechten Winkel zueinander verlaufen. Eine Art Markenzeichen von Nancy sind seine großen innerstädtischen Plätze aus dem 18. Jh., die mit ihren einheitlichen Fassaden zu den bedeutendsten Beispielen absolutistischen Städtebaus zählen; einige davon hat die UNESCO deshalb in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Am schönsten ist die Place Stanislas. Der Gesamteindruck wird nicht zuletzt von den schmiedeeisernen Schmuckgittern von Jean Lamour geprägt. Durch einen Triumphbogen zu Ehren Ludwigs XV. gelangt man zur Place de la Carrière, einem ehemaligen Turnierplatz. Westlich schließt sich die Altstadt mit vielen Renaissancegebäuden an. Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten der Altstadt zählen der Konvent der Franziskaner mit der Grablege der Herzöge und die Porte de la Craffe, das letzte erhaltene mittelalterliche Stadttor von Nancy. Die Neustadt wird dominiert von der imposanten Kathedrale Notre-Dame, die im 18. Jh. entstand. Der lothringischen Eisenindus-

Oben: Schmeideeisernes Tor an der Place Stanislas Unten: Die Place Stanislas zählt heute zum Weltkulturerbe. trie des 19. Jh. verdankt die Stadt eine kulturelle Bereicherung anderer Art: Eisen und das ebenfalls in Lothringen hergestellte Glas waren wichtige Elemente in der Kunst des Jugendstils. Nancy war eines der bedeutendsten Zentren des »Art nouveau« in Frankreich.

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Nancy gilt als »Stadt der goldenen Tore«; den besten Beweis dafür, wie zutreffend diese Bezeichnung ist, liefern die kunstvoll gearbeiteten schmiedeeisernen Gitter von Jean Lamour an der berühmten Place Stanislas, einer der wohl schönsten Platzanlagen Europas. An der Südseite des Platzes bildet das teilweise ver-


goldete Gitterwerk mit dem Amphitrite-Brunnen einen Abschluss zum Park Pépinière hin. Amphitrite ist in der griechischen Mythologie die Gemahlin des Meeresgottes Poseidon. Die Konstruktion mit Mittelbogen und Seitenbögen knüpft u. a. an römische Triumphbögen an.


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3 Lunéville Die kleine Graf– schaft erfuhr im 18. Jh. einen beträchtlichen Aufschwung, als Herzog Leopold von Lothringen Anfang des Jahrhunderts seine Residenz aus dem besetzten Nancy nach Lunéville verlegte. Im Rahmen umfangreicher Baumaßnahmen wurde unter Leitung des Architekten Germain Boffrand auch ein Schloss im Rokokostil errichtet. Das Schloss mit seinen weitläufigen Anlagen gilt als Meisterwerk des 18. Jh. und wird auch als »lothringisches Versailles« bezeichnet. Bei einem Brand im Jahr 2003 wurde es leider schwer beschädigt; eine Wiederherstellung ist geplant. Schloss Lunéville spielte in der Geschichte Lothringens und einmal sogar in der europäischen Geschichte eine wichtige Rolle: In seinen Räumen starb 1766 Stanislaus I. Leszczynski, der letzte – polnische – Herzog von Lothringen. Mit seinem Tod fiel das gesamte Herzogtum Lothringen vertragsgemäß an Frankreich. 1801 wurde hier der Friede von Lunéville zwischen Frankreich und Österreich (für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation) unterzeichnet. Der Friede von Lunéville beendete den Zweiten Koalitionskrieg gegen das napoleonische Frankreich und bestätigte eine Reihe französischer Gebietsansprüche, darunter die französische Hoheit über die besetzten linksrheinischen Gebiete. Von wirtschaftlicher Bedeutung war die Herstellung von Fayencen, die bis ins frühe 20. Jh. fortgeführt wurde. Eine weitere Sehenswürdigkeit von Lunéville ist die unweit des Schlosses gelegene Kirche Saint-Jacques, Lothringens einzige Rokokokirche. 4 Saint-Nicolas-de-Port Das kleine Saint-Nicolas-de-Port (seit 1961; früher: Saint-Nicolas) fast unmittelbar vor den Toren von Nancy ist Verwaltungssitz des gleichnamigen Kantons. Viel verdankt die Stadt dem hl. Nikolaus von Myra, dessen Namen sie trägt: Die Gebeine des Heiligen waren 1087 entwendet und nach Bari an der Adria verschifft worden; von dort brachte ein Kreuzfahrer 1090 ein Fingerglied des populären Volksheiligen als Reliquie ins heutige Saint-Nicolas. Der Ort wurde rasch zur wichtigen Pilgerstätte; wegen des wachsenden Andrangs mussten immer größere Kirchen errichtet werden – schließlich die im 15. und 16. Jh. von Simon Noycet entworfene heutige Basilika. Der mächtige spätgotische Bau beeindruckt 26

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1 schon allein durch seine Ausmaße; die 28 m hohen Säulen gelten als die größten in Frankreich. Die Basilika – nach Beschädigung während der Französischen Revolution und im Zweiten Weltkrieg grundlegend restauriert – bewahrt auch heute noch die Reliquie des hl. Nikolaus auf, der übrigens zum Schutzpatron Lothringens erhoben wurde. Weitere Sehenswürdigkeiten des Ortes sind ein Brauereimuseum und das Museum für Kino und Fotografie. 5 Nancy siehe Seite 23 Von der alten Kapitale Lothringens geht es nach Liverdun. 6 Liverdun Etwas westlich der Autobahn von Nancy nach Metz liegt die kleine Ortschaft Liverdun auf einer Anhöhe über einer Schleife der Mosel. Schön ist die Altstadt mit ihren Arkadenhäusern, vor allem an der Place d'Armes. Die Kirche SaintEuchaire aus dem 12. Jh. lässt noch den Baustil der Zisterzienser erkennen. Der Ort, einst Zweitresidenz der Bischöfe von Toul, besitzt mit der Eisenbahnbrücke von 1855 eine Bogenbrücke über die Mosel. 7 Pont-à-Mousson Die Kleinstadt Pont-à-Mousson (deutsch: Moselbrück) verdankt ihren Namen dem Umstand, dass hier schon seit dem 9. Jh. eine Brücke die Mosel überspannt (die heutige Brücke ist allerdings eine moderne Konstruktion). Der Ort ist sogar noch älter – auf dem

Hügel an der Mosel hatten schon die Römer ein Kastell angelegt. Direkt am Flussufer liegt die ehemalige Prämonstratenserabtei, deren Gebäude heute ein Kulturzentrum beherbergen. Sehenswert sind die Straßenzüge im Zentrum, vor allem die Häuser mit Laubengängen an der Place Duroc; am interessantesten ist das Haus der sieben Todsünden (16. Jh.). Das kleine Pontà-Mousson war sogar schon Universitätsstadt; erst Ende des 18. Jh. zog die von Jesuiten gegründete Hochschule von hier nach Nancy. 8 Gorze Das Dorf Gorze liegt ein klein wenig abseits der Straße nach Metz und gehört zum westlichen Teil des Parc Naturel Régional de Lorraine. Der Bischof von Metz gründete hier im 8. Jh. ein Benediktinerkloster. Von diesem Kloster ging eine einflussreiche Reformbewegung des Benediktinerordens aus, der sich im 11. Jh. 160 Klöster angeschlossen hatten; die Bewegung war Teil einer kirchlichen Neuorientierung, zu der v. a. das bedeutende Kloster Cluny beitrug. Die frühgotische Abteikirche ist noch erhalten; über einem der Portale ist eine Szene des Jüngsten Gerichts zu erkennen. 9 Metz Die heutige Hauptstadt der Region Lothringen an der Mündung der Seille in die Mosel hat die Geschichte des Landes schon immer maßgeblich geprägt. Der Name verweist auf eine einst keltische Siedlung, die

2 52 v. Chr. von den Römern eingenommen wurde. Rasch wuchs der verkehrsgünstig gelegene Ort zu einer der größten Städte Galliens – größer als Paris und im Mittelalter zeitweise die zweitgrößte Stadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (nach Köln). Die freie Stadtrepublik mit ihren zahllosen Kirchen und Klöstern gehörte zum Reich, trieb regen Handel mit Italien und grenzte sich erfolgreich vom Herzogtum Lothringen ab. Im 16. Jh. wurde die Stadt von den Franzosen erobert; nach dem Westfälischen Frieden 1648 kam Metz offiziell zu Frankreich. 1871 fiel Metz bis 1918 wieder ans Deutsche Reich (ebenso auch 1940–1944), bevor die Stadt endgültig nach Frankreich zurückkehrte. Die Wechsel haben ihre sichtbaren Spuren in der Architektur der Stadt hinterlassen: Unter den französischen sind die deutschen und preußischen Bauten aus der

Zeit von 1871 bis 1918 deutlich auszumachen. Bedeutender als die Zeugnisse des späten 19. Jh. sind jedoch die Denkmäler früherer Zeiten, darunter vor allem die Kathedrale Saint-Etienne. Die mächtige Kathedrale – besonders schön präsentiert sie sich dem Betrachter, der auf der Moselbrücke steht – wurde 1220 begonnen, geweiht wurde sie 1546; die Westfassade erfuhr häufig Umgestaltungen, zuletzt im neugotischen Stil des 19. Jh. Innen beeindrucken die erstaunliche Länge von 123 m und die Scheitelhöhe von 42 m. Da die Seitenschiffe vergleichsweise niedrig gehalten sind, wird dieser Eindruck von Höhe noch zusätzlich verstärkt. Ungewöhnlich sind auch die riesigen Fensterflächen, die von bedeutenden Künstlern verschiedener Jahrhunderte gestaltet sind – die ältesten stammen aus dem 13. Jh. Die westliche Fensterrose schuf Hermann von Münster im


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Abstecher

Luxemburg Nördlich von Thionville führt ein Abstecher nicht nur zu einer reizvollen Stadt, sondern mitten hinein ins zweitkleinste Land der EU: ins Großherzogtum Luxemburg, das letzte noch souveräne Großherzogtum der Welt. Die Landschaft des kleinen Staates unterscheidet sich naturgemäß nicht wesentlich vom Landschaftsbild der angrenzenden Länder: Den Norden bestimmt das Hochland der Ardennen, die hier Ösling heißen, mit Bergwäldern und tief eingeschnittenen Flusstälern. Das flachere Gutland im Süden ist besser für die Landwirtschaft geeignet, die sich ihre Flächen aber mit den wenigen Städten und Industrieansiedlungen teilen muss. Da die Landschaft keine Grenzen kennt, steht heute ein Teil im gemeinsamen Deutsch-Luxemburgischen Naturpark unter Schutz.

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4 14. Jh.; zu den Arbeiten des 20. Jh. zählen auch solche von Marc Chagall (Chorumgang und nördliches Querhaus). Als älteste Kirche Frankreichs gilt SaintPierre-aux-Nonnains, die ältesten Bauteile stammen aus dem 4. Jh. St-Maximin, um 1000 erstmals erwähnt, lohnt wegen der Chorfenster nach Entwürfen von Jean Cocteau einen Besuch. Ein recht sehenswerter Profanbau ist die Porte des Allemands, ein Doppeltor der alten Stadtbefestigung, das an die Anwesenheit des Deutschen Ordens erinnert. Mehrere Museen bieten zudem einen tieferen Einblick in die ereignisreiche Geschichte dieser Stadt. In Metz wurden neben anderen auch der französische Lyriker Paul Verlaine (1844–1896), der berühmte deutsche Sprachwissenschaftler Leo Weisgerber (1899–1985) und der französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès (1948–1989) geboren.

0 Thionville Nördlich von Metz liegt Thionville, seit dem 19. Jh. das Zentrum der französischen Stahlindustrie. Gleichwohl geht theodonis villa schon auf karolingische Zeit zurück; die Stadt gehörte dann lange zu Luxemburg, bevor sie im 17. Jh. von Frankreich eingenommen wurde. Zeugnisse der Vergangenheit sind einige Palais am Cours du Château, das Stadttor Porte de Clarisses und die Tour aux Puces (Flohturm), Überrest der luxemburgischen Schlossanlage. Das Château de la Grange am Stadtrand mit seinen Wassergräben ist ein reizvoll gelegenes Ausflugsziel. Es empfiehlt sich ein Abstecher nach Luxemburg (siehe rechts). q Arlon Die Strecke verläuft nun nach Norden, parallel zur luxemburgischen Grenze; im Nachbarland Belgien ist kurz hinter der Grenze Arlon erreicht. Die Stadt liegt auf einem Hügel

nahe der Quelle der Semois. Sie kann ihre Geschichte bis auf eine römische Siedlung zurückverfolgen und gehört damit zu den ältesten Städten des Landes. Ein Ringwall aus römischer Zeit ist noch teilweise zu erkennen; zu diesem Wall gehört auch der Römische Turm (Tour romaine) aus dem 3. Jh. Bei Ausgrabungen wurden römische Grabskulpturen zutage gefördert; auf Reliefs sind dort Szenen aus dem Alltagsleben der römischen Einwohner festgehalten. Diese Funde sind heute im sehenswerten Musée Luxembourgeois ausgestellt. An die Stadtgründer erinnern auch die Reste römischer Thermen und Überbleibsel von der Basilique romaine. w Ardennen Von Arlon aus verläuft die Route nun Richtung Westen durch die Ardennen, ein ausgedehntes, teilweise reich bewaldetes Hochland, das von Flusstälern gegliedert wird. Mancherorts bestimmen Felsen das Landschaftsbild, an anderen Stellen dominiert karge Heide. Wander- und Radwege durchziehen die Region. Geologisch gehören die Ardennen zum Rheinischen Schiefergebirge. Prägend sind sie vor allem hier im Südosten Belgiens, Ausläufer erstrecken sich auch nach Luxemburg und Frankreich. Im Nordosten schließt sich das kaum klar abgrenzbare Hohe Venn an, in Deutschland die Eifel. Ein Teil dieser Landschaft steht im Deutsch-Belgischen Naturpark unter Schutz.

e Bouillon Direkt an der französischen Grenze liegt Bouillon idyllisch in einer Schleife der Semois. Über der Stadt thront auf einem Felsen eine Burg aus dem 11. Jh., die Gottfried von Niederlothringen zugeschrieben wird. Das Château Fort ist heute ein Besuchermagnet, denn der Blick von dort oben über Stadt und Fluss ist wirklich großartig. Auch das Innere ist durchaus eine Erkundung wert – Kerker und Folterkammer oder der Saal »Godefroy de Bouillon«, über dessen Holzkreuz die Kreuzfahrer einst ihr Gelöbnis abgelegt haben sollen. Über die Ortsgeschichte und die Zeit der Kreuzzüge informiert das Musée Ducal. – Nicht weit von Bouillon entfernt liegt in einer Flussschleife das »Grab des Riesen« (Tombeau du Géant) – so benannt, weil das bewaldete Gelände tatsächlich an die Umrisse eines riesigen Sarges erinnert. r Monthermé Die hübsche Kleinstadt befindet sich – wieder auf französischem Staatsgebiet – 1 Über den Dächern von Metz thront die Kathedrale Saint-Etienne, die Stephanuskathedrale. 2 Herrliche Buntglasfenster zieren die Kathedrale von Metz. 3 Eindrucksvoll dominiert die mächtige mittelalterliche Burg das Stadtbild von Bouillon.

Blick über die Alzette im Stadtteil Grund auf die festungsartige Altstadt von Luxemburg Im Süden des Großherzogtums liegt auch die Landeshauptstadt Luxemburg. Das kleine, mittlerweile vor allem im Finanzsektor stark engagierte Land war nicht nur eines der Gründungsmitglieder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), sondern wurde auch zum Sitz wichtiger Behörden der EWG bzw. der heutigen EU gewählt; Luxemburg ist damit gleichzeitig eine der Hauptstädte der Europäischen Union. Charakteristisch für das Stadtbild ist das Petruss-Tal, die Grenze zwischen der Oberstadt und dem Bahnhofsviertel. Die Wege durch das idyllische Tal erfreuen sich bei Spaziergängern großer Beliebtheit. Zu den Sehenswürdigkeiten Luxemburgs zählen neben der Kathedrale Notre-Dame und dem Großherzoglichen Palais auch die Festung Luxemburg sowie die Kasematten und Minengänge, die ab dem 17. Jh. in den Fels gehauen wurden. Etwa 16 km dieser malerischen alten Festungsanlage sind heute noch zugänglich.

4 Blick auf die Kleinstadt Monthermé an der Meuse Traumstraßen Frankreichs

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Lille Lille, 2004 »Kulturhauptstadt Europas«, gilt als die französische Stadt mit dem höchsten Studentenaneil. Die Stadt, deren Name sich von einer Insel im Fluss herleitet (Lille: L’Île), war einst Teil der Spanischen Niederlande. Die Zugehörigkeit zum historischen Flandern ist noch immer spürbar. Im Jahr 1653, noch vor dem Wechsel zu Frankreich, wurde die Alte Börse als Ensemble mehrerer Gebäude um einen Innenhof vollendet. Die Löwen von Flandern über den Portalen sind ein sichtbares Zeichen der Entstehungszeit. Der liebevoll restaurierte Komplex mit seinen schlanken Säulen und den Schmuckgiebeln gilt vielen als das schönste Bauwerk von Lille. Sehenswerte Hausfassaden finden sich an der Place du Général-de-Gaulle (deGaulle stammte aus Lille). Eines der bedeutendsten Kunstmuseen Frankreichs steht ebenfalls in Lille; es ist im

Oben: Place du Général-de-Gaulle Mitte: Opernhaus an der Place du Général-de-Gaulle Unten: Innenhof der Alten Börse Palais des Beaux-Arts untergebracht. Der Festungsbaumeister Vauban begann unmittelbar nach der Eroberung Lilles durch Ludwig XIV. mit der Errichtung einer mächtigen Verteidigungsanlagen. Die Reste der Zitadelle sind heute Teil einer viel genutzten Grünanlage.

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Abstecher

Valenciennes: Musée des Beaux-Arts Valenciennes ist heute ein eher nüchterner Industriestandort, besitzt aber auch ein künstlerisches Erbe: Immerhin wurden der Maler Jean-Antoine Watteau (1684–1721) und der Bildhauer Jean-Baptiste Carpeaux (1827–1875) hier geboren. Werke beider Künstler sind im Musée des Beaux-Arts zu sehen.

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2 zu beiden Seiten der Meuse (Maas). An historischen Bauten hat sie die Kirche Saint-Léger aufzuweisen, außerdem das nur noch teilweise erhaltene Kloster Laval Dieu, das während der Französischen Revolution aufgelöst wurde. Besucher kommen aber hauptsächlich wegen der herrlichen Landschaft; Kletterer erproben ihre Fertigkeiten auf der Roche à Sept Heures und am Rocher des Quatre Fils d'Aymon. t Charleville-Mézières Ein wenig westlich von Sedan liegt Charleville-Mézières an einer Schleife der Meuse (Maas). Die Hauptstadt des Départements Ardennes entstand erst 1966 aus den zuvor eigenständigen Städten Mézières und Charleville, die durch den Fluss voneinander getrennt sind. Mézières war die ältere der beiden Städte, ein wichtiges Wirtschaftszentrum und ab dem 16. Jh. sogar Garnisonsstadt. Charleville wurde Anfang

3 des 17. Jh. als herzogliche Residenz gegründet. Dass es sich um eine am Reißbrett geplante Stadt handelt, erkennt man noch an der Anlage der Straßen, die sich im rechten Winkel schneiden. Das wichtigste Baudenkmal im Stadtteil Mézières ist die Basilika Notre-Dame mit ihren Elementen aus Gotik und Renaissance. Im Jahr 1570 wurde hier die königliche Hochzeit von Karl IX. mit Elisabeth von Österreich gefeiert. Das Zentrum von Charleville ist die Place Ducale, ein stadtplanerisch höchst gelungener innerstädtischer Platz, der an die Place des Vosges in Paris erinnert. Der Stadtteil Charleville ist der Geburtsort des bekannten französischen Dichters Arthur Rimbaud (1854–1891), der hier auch seine Kindheit verbrachte. Das in einer alten Mühle untergebrachte Musée Rimbaud erinnert an den berühmten Sohn der Stadt.

y Parc Naturel Régional de L'Avesnois Der Regionalpark Avesnois – nicht weit von der belgischen Grenze gelegen – schützt eine traditionelle Kulturlandschaft: Flüsse und Seen, bewaldete Hügel, Wiesen und blühende Hecken, dazwischen beschauliche Dörfer, von denen manche immer noch von einer Stadtmauer geschützt werden. Dass die heute so idyllische Region durchaus an der Industriellen Revolution beteiligt war, erfährt der interessierte Besucher im Ecomusée in Fourmies im Südosten des Parks. u Parc Naturel Régional Scarpe-Escaut Nördlich von Valenciennes – wohin ein Abstecher lohnt (siehe rechts) – erstreckt sich der Regionalpark Scarpe-Escaut, benannt nach den beiden wichtigsten Flüssen der Region. Wo seit 1968 der Park die Landschaft schützt, dehnten sich Jahrzehnte zuvor riesige Industriebrachen aus. Der Landstrich war Kern eines Kohlereviers; Abraumhalden bestimmten das Erscheinungsbild, Scarpe und Escaut waren stark belastet, und nachdem die Deutschen im Ersten Weltkrieg auch noch die letzten Wälder geschlagen hatten, blieb eine öde Landschaft zurück. Der Park erzählt daher auch die Geschichte einer erfolgreichen Renaturierung: Wälder wurden neu aufgeforstet, und das Brachland wurde in einen Naherholungsraum mit guten Bedingungen für Wanderer und Radfahrer

umgewandelt. Etliche Vogelarten schätzen heute den Park mit seinen Feuchtwiesen als Rückzugsgebiet, darunter das seltene Blaukehlchen. An die frühe Erschließung durch Mönche erinnern nur noch einige wenige Ruinen, darunter der Turm der Abtei von Saint-Amand und das Torhaus der Abtei von Marchiennes, in dem sich heute das Parkzentrum befindet. Die befestigte Stadt Condé im Norden zeugt vom Reichtum und Wohlstand des Duc de Croy im 18. Jh. i Lille siehe Seite links Über Lille führt die Route weiter nach Douai. o Douai Südlich von Lille, im nordfranzösischen Kohlebecken, erreicht man die traditionsreiche Stadt Douai. Sie geht auf eine römische Festung zurück; der Ort teilte das Los vieler nordfranzösischer Städte und gehörte im Laufe seiner wechselvollen Geschichte zu Flandern, dann zu Burgund, zu den Spanischen Niederlanden und schließlich zu Frankreich. Douai war lange Zeit 1 In Lille führt kein Weg an der traditionsreichen Konditorei Meert vorbei; die Vitrinen sind ebenso faszinierend wie ihre köstlichen Inhalte.

Kreuzigungsgruppe von Abraham Janssens van Nuyssen Das Anfang des 20. Jh. großzügig angelegte Museumsgebäude wurde 1995 gründlich renoviert und auf etwa 4400 m2 erweitert. Gezeigt werden herausragende Gemälde flämischer Meister, darunter Van Dyck, Hieronymus Bosch, Brueghel und Rubens. Besonders sehenswert ist die Sammlung sakraler Kunst im Rubens-Raum, aber natürlich sind auch andere Genres – Landschaftsmalerei, Stillleben und Porträts – vertreten. Selbstverständlich stehen die beiden großen Söhne der Stadt im Mittelpunkt: Watteau ist ebenso vertreten wie Carpeaux, dessen bildhauerische Arbeiten im Skulpturengarten ausgestellt sind. Eine kleine Sammlung mit archäologischen Funden aus römischer Zeit ist in einer Art Krypta untergebracht und setzt einen besonderen historischen Akzent.

2 Das alte Palais des Beaux-Arts in Lille in moderner Fassadenspiegelung 3 Der Glockenturm von Douai gilt als einer der schönsten Stadttürme weit und breit. Traumstraßen Frankreichs

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1 eine Bergbaustadt, doch das ist mittlerweile Vergangenheit: Das letzte Bergwerk hat 1990 seine Tore geschlossen. Die Innenstadt erinnert heute keineswegs an die Zeit der Zechen; sie hat sich eine Bebauung aus dem 18. Jh. bewahrt. Ihr bedeutendstes Monument ist typisch für den Norden Frankreichs: Hier wurden im Mittelalter imposante Belfriede – Glockentürme – in großer Zahl errichtet; 23 davon hat die UNESCO 2005 auf die Liste des Welterbes gesetzt. Dazu zählt auch einer der schönsten Glockentürme der Region, der Beffroi von Douai. Der 64 m hohe Turm aus dem 14./15. Jh. überragt die Dächer der Altstadt und bietet einen eindrucksvollen Rundblick. Zu jeder vollen und halben Stunde erklingt das große Glockenspiel am Turm. Außerdem sehenswert: die Kirche Saint-Pierre und das zu einem Kartäuserkonvent gehörende Musée de la Chartreuse. p Bergbauzentrum Lewarde/ Centre Minier Wer schon immer einmal wissen wollte, wie das Leben eines Grubenarbeiters aussah und wie unter Tage die Kohle abgebaut wurde, der sollte das Bergbauzentrum Lewarde unmittelbar südöstlich von Douai nicht auslassen. Das Centre historique minier de Lewarde ist eines der größen französischen Bergbaumuseen; fachkundige Führer informieren über alle Arbeitsabläufe im Zusammenhang mit der Kohleförderung. 30

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a Arras Weiter südwestlich im historischen Grenzgebiet von Frankreich und den Niederlanden gelegen, geht die Stadt Arras auf eine keltische Siedlung zurück. Die territoriale Zugehörigkeit wechselte im Lauf der Geschichte häufig, bis die von Vauban errichtete Festung eine dauerhafte Bindung an Frankreich garantierte. Nahe an einer militärischen Front lag Arras noch einmal im Ersten Weltkrieg; die Stadt erlitt schwere Kriegsschäden, wurde aber später wieder aufgebaut. Heute präsentiert sich Arras mit einer hübschen Altstadt; besonders beachtenswert sind die beiden großen Plätze, die Grande Place und die Place des Héros, die von Häusern mit liebevoll restaurierten Fassaden im flämischen Stil des 17. Jh. eingerahmt sind. Bemerkenswert ist auch das Hôtel de Ville im Stil der Spätgotik, das nach Kriegszerstörungen wiedererrichtet wurde. Eine besondere Attraktion von Arras sind Les Boves, die unterirdischen Höhlen unter dem gesamten Stadtzentrum; dieses Labyrinth aus Gängen existierte bereits im 10. Jh. In den beiden Weltkriegen dienten die Höhlen als Versteck und Schutzraum. Sehenswert sind auch die Kathedrale, ein bedeutender Kirchenbau des 18. Jh., und das Musée des Beaux-Arts in der Abteikirche Saint-Vaast. In Arras wurde Maximilien de Robespierre (1758–1794) geboren, eine der umstrittensten Figuren der Französischen Revo-

2 lution. Im Zweiten Weltkrieg setzte Antoine de Saint-Exupéry der Stadt in seinem Roman »Flug nach Arras« ein literarisches Denkmal. s Amiens Von Arras aus geht die Fahrt zuerst ziemlich exakt in Richtung Süden und anschließend nach Südwesten; Ziel ist Amiens, die Hauptstadt des Département Somme und der Region Picardie. Schon in römischer Zeit zählte Samarobriva an einem Übergang über den Fluss Somme zu den wichtigsten Orten der Region; selbst Julius Caesar hatte hier offenbar einmal Quartier bezogen. Die stark befestigte Stadt fiel im 5. Jh. an die Franken, später an Burgund und schließlich an Frankreich. Internationalen Ruhm genießt Amiens zunächst vor allem dank

eines einzigartigen Bauwerks: der Kathedrale Notre-Dame aus dem 13. Jh. (sie steht auch auf der UNESCO-Liste des Welterbes). Die Kathedrale gilt als eine der schönsten in ganz Frankreich und ist auch die größte: etwa 145 m lang, das Querhaus 70 m breit, Mittelschiffhöhe 42,30 m, und der umbaute Raum misst rund 200 000 m3. Die Kathedrale wurde dank innovativer Techniken in der damals unglaublich kurzen Zeit von etwa 50 Jahren vollendet; sie diente als Vorbild für viele andere Kirchenbauten jener Zeit, u. a. für den Kölner Dom. Die Ornamente und der Figurenschmuck sind überwältigend: Schon allein das Hauptportal mit seinen Szenen vom Jüngsten Gericht trägt ca. 3000 Statuen; das Chorgestühl im Inneren ist ein Meister-

werk der Holzschnitzkunst und präsentiert nicht weniger als etwa 4000 Figuren in 400 Szenen. Beeindruckend ist auch die Helligkeit im Langhaus: Entsprechend den Idealen der Gotik wurde das Mauerwerk stark reduziert, um großen Fensterflächen Platz zu schaffen. Neben der Kathedrale bietet Amiens jedoch noch weitere Attraktionen: An der Place au Fils steht der Stadtturm und Glockenturm, der Beffroi; die mächtige Glocke wurde leider im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein Erlebnis ganz besonderer Art bieten Les Hortillonages: Dabei handelt es sich um ein von Somme und Avre gespeistes Sumpfgebiet, das an vielen Stellen zu sogenannten Schwimmenden Gärten umgestaltet wurde; per Boot gelangt man


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4 September viele Gäste an, wenn die Schafe von den Salzmarschen zurück in ihre Winterquartiere getrieben werden und den Ort passieren. Das kleine Le Crotoy verweist gern auf die ungewöhnliche Anzahl bedeutender Persönlichkeiten, die sich hier im Laufe der Stadtgeschichte aufgehalten haben, darunter Jeanne d'Arc, der Schriftsteller Jules Verne und der Maler Toulouse-Lautrec.

5 auf kleinen Wasserläufen überall hin und kann die Blütenpracht auf ungewöhnliche Weise erkunden. Sehenswerte Kunst der Region zeigt das Musée de Picardie in einem Bau aus dem 19. Jh. Und schließlich ist Amiens auch noch mit dem Namen eines bekannten französischen Schriftstellers verknüpft: Jules Verne (1828–1905) stammte zwar nicht aus Amiens, verbrachte hier aber einen großen Teil seines Lebens. Der Schriftsteller, der in Amiens sogar das Amt eines Stadtrats bekleidete, lebte mit seiner Familie in dem Haus, das heute das Centre Documentation Jules Vernes beherbergt. d Grottes de Naours Unmittelbar nördlich von Amiens führt der Weg an den Höhlen

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von Naours vorbei. Zu besichtigen ist hier eine Art unterirdische Stadt 33 m unter der Oberfläche: Jahrhundertelang diente sie den Bewohnern des Umlands als Zufluchtsort in kriegerischen Zeiten, sogar noch im Ersten Weltkrieg. Diese Welt unter der Erde besteht aus 300 Räumen; der Weg ist etwa 2 km lang. f Abbeville Fährt man von Amiens aus in nordwestlicher Richtung, immer entlang der Somme, erreicht man nach etwa 45 km Abbeville, den nächsten größeren Ort. Im Mittelalter herrschte hier reger Schiffsverkehr, denn Abbeville war eine wichtige Hafenstadt am Ärmelkanal; doch die Mündung der Somme versandete im Laufe der Zeit, der Zugang zum Meer verschwand (und besteht heute nur

noch über einen kleinen Kanal). Vom mittelalterlichen Abbeville ist nach zwei Weltkriegen nicht mehr sehr viel erhalten geblieben; die spätgotische Stiftskirche Saint-Vulfran erinnert aber noch an die einstige Bedeutung. g Le Crotoy Auf dem Weg entlang der Somme Richtung Mündung gelangt man zum kleinen Badeort Le Crotoy. Er liegt an der Nordseite einer Bucht im Ärmelkanal, der Strand mit dem feinen Sand ist daher günstig nach Süden hin ausgerichtet. Der Urlaubsort profitiert zusätzlich von seiner Nähe zum direkt benachbarten Schutzgebiet, dem Parc Ornithologique du Marquenterre, der sich für einen Abstecher anbietet (siehe rechts). Ein großes Volksfest lockt alljährlich Ende

h Le Touquet-Paris-Plage Fährt man von der Mündung der Somme aus die Küste entlang nach Norden, kommt schon bald das bekannte Seebad Le Touquet Paris-Plage in Sicht. Der kleine Ort an der Mündung der Canche ist ganz auf den Fremdenverkehr eingestellt: Es gibt Hotels und Restaurants, ein Casino und Golfplätze – und einen großen weißen Sandstrand. Gegründet wurde der Ort aber erst 1 Der Stadtturm an der Place des Héros in Arras 2 Bürgerhäuser mit Arkaden an der Grande Place von Arras 3 Notre-Dame in Amiens zählt zu den bedeutendsten französischen Kathedralen. 4 Statuenschmuck am Hauptportal der Kathedrale von Amiens 5 Den weinenden Engel mit den Symbolen der Vergänglichkeit schuf Nicolas Blasset 1628 für die Kathedrale von Amiens.

Abstecher

Parc Ornithologique du Marquenterre Auf der nördlichen Seite der Mündungsbucht der Somme liegt eine besondere Attraktion: der 1973 eingerichtete Parc Ornithologique du Marquenterre, ein etwa 250 ha großes Vogelschutzgebiet. Das Gelände besteht im Wesentlichen aus Salzwiesen, Flachwassertümpeln und Röhricht. Nahe der Küste finden sich Flächen mit Brackwasser,

Weißstörche auf der Suche nach Nahrung dessen Salzgehalt die Parkverwaltung sogar regulieren kann. Das geschützte Gelände stellt nicht nur einen Lebensraum für zahlreiche Arten dar, sondern dient auch vielen Zugvögeln als wichtiges Zwischenquartier; über 340 Arten wurden schon gesichtet. Wanderwege und Flussläufe durchziehen das Areal, und man kann Enten, aber auch Löffeler, Graureiher und Silberreiher, Säbelschnäbler und Stelzenläufer, Austernfischer und andere Schnepfenvögel beobachten.

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Grabmal des 1472 verstorbenen Bischofs Ferry de Beauvoir mit der betenden Figur des Verstorbenen in der Kathedrale von Amiens. Hervorragend gearbeitete Plastiken und Reliefs aus verschiedenen Epochen sind in dieser Kathedrale besonders zahlreich. Dennoch bestimmt der sp채tgotische Stil des 13. Jh. immer noch


das Erscheinungsbild dieser herausragenden Kirche. Der gewaltige Bau diente als Vorbild f端r manch anderen Kathedralbau. Seit 1981 steht die Kathedrale von Amiens wegen ihres hohen k端nstlerischen Ranges auf der Liste des Welterbes der UNESCO.


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Abstecher

Parc Naturel Régional des Caps et Marais d’Opale Ein Naturpark ist kein Nationalpark: Er kann ganze Städte einschließen und sogar dicht besiedelt sein – aber genau solche Bedingungen sind manchmal Grund genug dafür, natürliche Landschaftsformen vor schädlichen Eingriffen zu bewahren. Dieses Ziel verfolgt auch der regionale Naturpark Caps et Marais d'Opale, dessen Fläche ungefähr ein Dreieck zwischen Touquet-ParisPlage, Saint-Omer und Calais umfasst. Sehr unterschiedlich sind die Landschaften im Park: Die Küste weist Flussmündungen, Dünen, aber auch Steilklippen auf. Landeinwärts folgen Wälder – und dann bei Saint-Omer eine Landschaft ganz eigener Art: das Moor- und Sumpfgebiet des Marais. Jahrhundertelang

1 im 19. Jh. Der Beiname »Paris« rührt wahrscheinlich daher, dass der beschauliche Badeort lange Zeit bei den Pariser Einwohnern sehr beliebt war.

Oben: Eindrucksvolle Küstenlandschaft bei Cap Blanc-Nez Mitte: Die Opalküste befindet sich unweit von Calais. Unten: Bei Cap Gris-Nez wurde dieser Landstrich mittels schmaler Kanäle, Watergangs, kultiviert, sodass Gemüse angebaut werden konnte. Auf Booten können heute auch Besucher über das Netz aus Wasserläufen gleiten.

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Die j Boulogne-sur-Mer Fahrt Richtung Norden an der Opalküste entlang führt ins Zentrum dieses reizvollen Küstenabschnitts. Die erste größere Stadt an der Côte d'Opale im eigentlichen Sinne ist Boulognesur-Mer. Die günstige Lage am Ärmelkanal wurde schon von den Römern geschätzt; von hier aus begannen sie ihre Invasion Britanniens, und von dieser Siedlung aus – zunächst Gesoriacum, später Bononia genannt – hielten sie die Verbindung nach Britannien aufrecht. Weit über ein Jahrtausend später kam ein anderer europäischer Kaiser auf eine ganz ähnliche Idee: Napoleon trug sich mit Überlegungen, von Boulogne-sur-Mer aus England zu erobern; eine Säule, die Colonne de la Grande Armée nörlich von Boulogne, erinnert an dieses kühne Vorhaben. Heute ist Boulogne-sur-Mer ein lebhafter Küstenort; der Hafen im Norden gilt als größter Fischereihafen Frankreichs. Strand und Hafen gehören zur Unterstadt, der Ville Basse. Dort befindet sich eine der touristischen Hauptattraktionen aus neuerer Zeit, das Meereszentrum Nausicaä. Die eher traditionellen Attraktionen liegen dagegen in der Oberstadt, der Ville Haute: Aus dem 19. Jh. stammt die Basilika Notre-Dame mit ihrer

riesigen Kuppel und den korinthischen Säulen. Im Inneren sehenswert ist die mit Edelsteinen geschmückte Marienfigur NotreDame-de-Boulogne. Im Schloss (13. Jh.) ist heute das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Château-Musée untergebracht; bemerkenswerte Exponate finden sich dort u. a. in der Sammlung ägyptischer und griechischer Keramik. Von Boulogne-sur-Mer aus ist ein Abstecher in den Parc Naturel Régional des Caps et Marais d’Opale möglich (siehe links). k Cap Gris-Nez Der landschaftlich schönste Teil der Opalküste wird ein Stück weiter nördlich erreicht, wo mehrere Landzungen in den Ärmelkanal hinausragen. Die erste kennt man unter dem Namen Cap GrisNez – »gris«, grau, weil das Vorgebirge aus grauem Gestein besteht. Neben dem gut sichtbaren Leuchtturm findet man hier Reste deutscher Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, die zum Musée du Mur de l'Atlantique gehören. Bei klarer Sicht kann man von hier aus bis nach England hinüber blicken. l Cap Blanc-Nez Ein wenig nordöstlich befindet sich eine weitere Landspitze, das Cap Blanc-Nez, wo Felsen aus Mergel und weißem Kreidegestein steil zum Meer hinabfallen. Auch hier erinnern deutsche Bunker an den Zweiten Weltkrieg; sie sind ein Teil des sogenannten Atlantikwalls, mit dem die Besat-

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3 zer sich vor einer britischen Invasion zu schützen gedachten. Aus über 130 m Höhe hat man einen tollen Blick auf das Meer und die Küste. Sogar die Kreidefelsen von Dover sind bei gutem Wetter erkennbar. z Calais Kurz hinter Cap Blanc-Nez taucht Calais an der Opalküste auf. Der Name dieser Stadt ist international ein Begriff und trotzdem kommen nur vergleichsweise wenige Besucher hierher. Calais verdankt seinen

Bekanntheitsgrad nämlich vor allem seinen Hafenanlagen, denn die Stadt ist nach Dover der zweitgrößte Passagierhafen Europas. Da der Ärmelkanal hier 1 Die Kuppel der Basilika bestimmt die Kulisse von Boulogne-sur-Mer. 2 Mit dem Pferd durch die Dünen: Strandurlaub der anderen Art bei Le Touquet-Paris-Plage 3 Segelregatta auf dem Strand nahe Le Touquet-Paris-Plage


Zwischen Boulogne-sur-Mer und Calais ragen die grauen Felsen des Cap Gris-Nez in den Ă„rmelkanal. Die berĂźhmten Kreidefelsen von Dover jenseits des Kanals sind bei klarer Sicht mit bloĂ&#x;em Auge von hier aus zu erkennen.


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Abstecher

Saint-Omer Die kleine Stadt Saint-Omer hat praktisch keine Kriegsschäden erlitten und präsentiert sich deshalb heute als überaus reizvoller Ort mit lebendiger Vergangenheit. Lohnend ist ein Spaziergang durch die Gassen rund um den Hauptplatz,

Skulptur in der Kathedrale von Saint-Omer denn hier stehen noch zahlreiche gut erhaltene alte Bürgerhäuser. Neben vielen anderen historischen Bauten lockt besonders die Kathedrale Notre-Dame die Besucher an.

besonders schmal ist – nach Dover sind es gerade einmal 34 km, England liegt also in Sichtweite –, war es nur naheliegend, dass der Schiffsverkehr mit England sich hier (und im nahen Boulogne-sur-Mer) konzentrierte. Wegen dieser Bedeutung für den Handel geriet Calais sogar einmal für lange Zeit unter englische Führung: Edward III. von England belagerte und eroberte 1346/47 die Festung von Calais und baute den Ort als strategisch wichtigen, englischen Brückenkopf auf dem europäischen Festland aus. Calais ist mittlerweile längst wieder in französischer Hand. Handel und Fährverkehr dominieren naturgemäß nach wie vor die Wirtschaft. Auch der französische Zugang zum Eurotunnel befindet sich in der Nähe der Hafenstadt. Trotz seiner ereignisreichen Geschichte hat das heutige Calais nicht allzu viele Zeugnisse der Vergangenheit vorzuweisen; die Bombenangriffe der deutschen Wehrmacht und der Alliierten haben kaum etwas von der historischen Altstadt übriggelassen. Sehenswert sind die festungsartig angelegte Kirche Notre-Dame (13.–15. Jh.) und das Rathaus, das im frühen 20. Jh. im Stil der flämischen

1 Renaissance erbaut wurde. Einen Besuch lohnt auch das Musée des Beaux-Arts et de la Dentelle, das – in wahrlich ungewöhnlicher Kombination – Skulpturen von Rodin, deutsche und flämische Gemälde, Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Spitzen präsentiert. Das berühmteste Kunstwerk steht vor dem Rathaus: Die im Jahr 1895 von Auguste Rodin gefertigte, weltberühmte Skulpturengruppe »Die Bürger von Calais« (»Le

Monument aux Bourgeois de Calais«). Die von der Stadt Calais in Auftrag gegebene Bronzeplastik (von der übrigens weltweit zwölf Abgüsse existieren) spielt auf eine alte Überlieferung an: Danach soll König Edward III. von England bei der Belagerung von Calais 1346/47 der Stadt angeboten haben, sie zu schonen und bei der Kapitulation vor Plünderungen zu bewahren, wenn sich sechs der angesehensten Bürger der Stadt

den Engländern auslieferten – zum Tod durch den Strick. Tatsächlich nahmen sechs Bürger freiwillig dieses Los auf sich – und wurden daraufhin vom englischen König begnadigt. Die bis in Kleidung und Körpersprache überaus detailgenaue Plastik spiegelt die innere Zerrissenheit und die Sorgen der sechs Freiwilligen wider und gilt als eine der bedeutendsten impressionistischen Plastiken überhaupt. Von Calais aus bietet sich ein

Parc Naturel Régional des Caps et Marais d’Opale Der Park ist landschaftlich stark gegliedert. Er umfasst Felsgruppen, Steilküsten, Flussmündunen, Sümpfe und Wälder .

Lille Europas Kulturhauptstadt 2004 trägt flandrische Züge und ist die bedeutendste Stadt Nordfrankreichs. Im Bild: die schmucken Fassaden an der Place du Général-de-Gaulle.

Amiens Notre-Dame ist eine der schönsten Kathedralen ganz Frankreichs und gleichzeitig die größte. Seit 1981 zählt sie zum Weltkulturerbe der UNESCO.

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Arras Die Stadt in Nordostfrankreich (Flandre) besitzt gleich zwei Plätze mit Barockgebäuden. die im flämischen Stil des 17. Jh. errichtet wurden: Grand Place und Place des Héros (Bild). Viele der arkadengeschmückten Giebelhäuser sind wieder aufgebaut.

Douai Der 64 m hohe Glockenturm (14./15. Jh.) zählt zu den schönsten der Region, er gewährt einen schönen Rundblick.


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2 kleiner Abstecher in die reizvolle Kleinstadt Saint-Omer an (siehe Randspalte links). x Dunkerque Nordöstlich von Calais und nicht mehr weit von der belgischen Grenze entfernt, liegt Dunkerque (deutsch: Dünkirchen). Die Stadt geht auf eine Fischersiedlung aus dem 7. Jh. zurück. Herings- und Kabeljaufang bildeten lange Zeit eine wichtige Grundlage der Wirtschaft. Die günstige Lage des Ha-

fens trug freilich dazu bei, dass die Geschichte Dunkerques sehr ereignisreich verlief: Die Stadt gehörte im Laufe der Jahrhunderte zu Flandern und Burgund, zu den Niederlanden und zu England, bevor sie schließlich an Frankreich fiel. Im Zweiten Weltkrieg wurde Dunkerque in der sogenannten Schlacht um Dünkirchen weitgehend zerstört– und da Hitler die Küstenstädte am sogenannten Atlantikwall zu »Festungen«

erklärt hatte, die nicht kapitulieren durften, musste die zerstörte Stadt gegen Kriegsende auch noch eine neunmonatige Belagerung durch die Allierten über sich ergehen lassen. Ein geschlossenes historisches Stadtbild sucht man deshalb heute vergebens; beim Wiederaufbau wurde eher den Bedürfnissen von Hafen und Industrie Rechnung getragen. Dunkerque geht es daher ähnlich wie Calais: Viele Englandreisende nutzen die

Fährverbindungen nach Großbritannien, die Stadt selbst gerät dabei fast aus dem Blickfeld. Wer sich die Zeit nimmt, entdeckt dort aber durchaus Sehenswertes: den Belfried aus dem 15. Jh. beispielsweise und den »Lügnerturm«, die Porte de la Marine, ein Tor der einstigen Stadtbefestigung, das Rathaus aus dem frühen 20. Jh. oder die Kirche Saint-Eloi aus dem 16. Jh. (mit neugotischer Fassade). Unbedingt sehenswert ist auch das Musée des Beaux-Arts. Die Geschichte von Stadt und Hafen erläutert das Musée portuaire; und wer anschließend die Sache selbst in Augenschein nehmen möchte, kann sich einer Bootsfahrt zur Hafenbesichtigung anschließen. Ein berühmter Sohn der Stadt war der Korsar Jean Bart (1650 bis 1702). Er brachte es vom einfachen Schiffsjungen zum Befehlshaber der französischen Flotte. Ein Denkmal in der Stadt erinnert an ihn, ein Platz und eine Schule tragen seinen Namen. 1 »Die Bürger von Calais« – eine ausdrucksstarke Plastik des Bildhauers Auguste Rodin 2 Fischtrawler im Hafen von Dunkerque

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Karneval in Dunkerque Ausgelassenes Treiben auf den Straßen, Blaskapellen, die in napoleonischen Uniformen durch die Straßen marschieren und überdimensionale Figuren mit sich führen: Das ist der Karneval von Dunkerque. Nirgendwo in der Region wird das Fest so ausgiebig gefeiert wie hier. Die Gebräuche, wurzeln teilweise in der Zeit der katholischen Gegenreformation im 16. Jh. Aber auch die Tradition der

Auf dem Kostümball Fischer spielt mit hinein, denn angeblich feierten die Kabeljaufischer früher besonders ausgelassen, bevor sie auf ihre lebensgefährliche Fahrt gingen. Musiker in Ölzeug, lauthals gesungene Seemannslieder und ein traditionelles Heringswerfen gehören deshalb zu den sehr speziellen Elementen dieses karnevalistischen Treibens.

Metz Lothringens Hauptstadt erinnert auch mit seiner Architektur an die mehrmalige deutsche Herrschaft. Die neoromanische Kirche Temple-Neuf beispielsweise hat der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1904 selbst eingeweiht.

Nancy Typisch für Lothringens alte Hauptstadt sind große Plätze. Einige sind UNESCO-Weltkulturerbe, so auch die abgebildete Place Stanislas.

Bouillon Château Fort ist die größte und besterhaltene mittelalterliche Festung Belgiens. Von der gern besuchten Kreuzritterburg hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt und die Semois-Flussschleife.

Epinal Ein besonderes Plus der Stadt ist ihre Traumlage am Ufer der Mosel. Über den Canal des Vosges ist sie mit den Flüssen Saône und Rhône verbunden, sie verfügt auch über einen Yachthafen.

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