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Die Zeche Zollern II/IV in DortmundBรถvinghausen mit ihrer historistischen und Jugendstilarchitektur ist heute ein Museum, das einen wichtigen Teil der Industriegeschichte des Ruhrgebiets dokumentiert.


F A S Z I N A T I O N

D E U T S C H L A N D

RUHRGEBIET


Im Gelsenkirchener Nordsternpark überspannt eine kühn geschwungene Doppelbogenbrücke den Rhein-Herne-Kanal. Das frühere Zechengelände wurde 1997 zu einem Gewerbe- und Landschaftspark umgestaltet.


ZU DIESEM BUCH

»Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau, du liebst dich ohne Schminke ...« – so sang Herbert Grönemeyer 1984 über seine Heimatstadt Bochum und erfasste damit den Charakter des ganzen »Reviers« und seiner Menschen: schnörkellos, ehrlich, herzlich, kernig – sei es, wenn es hart auf hart kommt wie bei Schimanski im »Tatort« aus Duisburg, sei es, wenn es um den ganz banalen Alltag geht, wie ihn Jürgen von Manger als »Adolf Tegtmeier« karikiert.

Das »schwarze Gold« verwandelte das Land zwischen Ruhr und Lippe vor anderthalb Jahrhunderten in den »Kohlenpott«. Mit Fördertürmen, Hochöfen, Kohlehalden und Gasometern entstanden neue Landmarken. Die Umsicht preußischer Beamter, das Kapital mutiger Unternehmer, der Bau von Eisenbahnlinien und Kanälen und nicht zuletzt der Schweiß von Arbeitern aus vielen Teilen Europas gaben den traditionsreichen Städtchen und Dörfern als »Ruhrrevier« eine neue Identität. Deutschlands Wilder Westen: verheißungsvoll, aber ungeregelt, dynamisch, aber staubig. Industriebarone wie Krupp, Thyssen und Hoesch bestimmten den Rhythmus von Leben und Arbeit in Zechen und Werkshallen. An der Wende zum 20. Jahrhundert verschaffte sich die aufstrebende Arbeiterbewegung immer mehr Gehör. Revolution lag in der Luft, als nach dem Ersten Weltkrieg die »rote« Ruhrarmee gegen »weiße« Freikorps kämpfte. Großen Widerstand rief 1923 die Besetzung des Ruhrgebiets durch Franzosen und Belgier hervor. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Ruhrgebietsstädte großflächig zerstört. Mit dem Wirtschaftswunder kamen die Ruhrmetropolen wieder zu Kräften. Kohle- und Stahlkrisen läuteten aber schon bald den Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft ein. Diese Herkulesaufgabe wurde vielerorts erfolgreich gemeistert. Das »neue Ruhrgebiet« ist heute eine vielfältige Gewerbe-, Bildungs-, Kultur- und Erlebnislandschaft, geprägt von Menschen, die Leistung, Gemeinschaft und Toleranz gleichermaßen schätzen. Nicht umsonst wurden Essen und das Ruhrgebiet von der Europäischen Union als »Kulturmetropole 2010« ausgezeichnet. In diesem Band präsentieren wir Ihnen die »Metropole Ruhr« mit all ihren Facetten, im Besonderen das als Industriekultur bewahrte Erbe. Im Bildteil laden wir Sie ein, die faszinierende Region von West nach Ost zu erkunden. In dem mit Piktogrammen versehenen Atlasteil finden Sie alle wichtigen Orte mit ihren historischen, kulturellen und touristischen Highlights. Das Register verknüpft den Bild- mit dem Kartenteil und stellt aktuelle Internetadressen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten bereit. Begleiten Sie uns auf der »Tour de Ruhr«.


Der Duisburger Innenhafen stieg im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Getreideumschlagplatz auf. Heute hat er als Zentrum eines Stadtquartiers für »Kultur, Leben und Arbeiten« eine neue Rolle gefunden.

Mit »Ja – nee, is‘ klar« würde Atze Schröder den Mittelpunkt des Ruhrgebiets natürlich in Essen verorten. Bochum oder Gelsenkirchen gingen notfalls auch noch durch. Aber wo ist das Ruhrgebiet zu Ende, wo fängt es an? Am Rhein, an der A 1? Der Regionalverband Ruhrgebiet ist großzügig und zählt die Städte Duisburg, Oberhausen, Bottrop, Mülheim/Ruhr, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Bochum, Dortmund, Hagen und Hamm sowie die Kreise Wesel, Recklinghausen, Ennepe-Ruhr und Unna dazu.

DUISBURG UND DER WESTEN Duisburger Innenhafen Duisport Route der Industriekultur Moschee Duisburg-Marxloh Moderne Kunst in der Hafenmetropole Landschaftspark Duisburg-Nord Gab lange den Ton an: die Stahlindustrie Xanten OBERHAUSEN, BOTTROP UND GLADBECK Gasometer Oberhausen Die letzten Zechen des Ruhrgebiets CentrO Industrie und Natur: Emscher Landschaftspark Haldenkunst – sichtbare Landmarken Gladbeck: Zeche Zweckel

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28 30 32 34 36 38

ENTLANG DER RUHR Mülheim an der Ruhr Baldeneysee Ruhrtalradweg Hattingen Henrichshütte Elfringhauser Schweiz

42 44 46 48 50 52

ESSEN Essen: Stadtporträt Museen und Konzerthäuser Zeche Zollverein Villa Hügel Kleingärtner und Taubenzüchter Essener Gotteshäuser Die Trinkhalle Ruhrschnellweg

56 58 60 62 64 66 68 70


INHALTSVERZEICHNIS

GELSENKIRCHEN, HERNE, BOCHUM, WITTEN Gelsenkirchen: Nordsternpark, Skulpturenpark 74 Gelsenkirchen 76 FC Schalke 04 78 Herne 80 Vergnügen pur: Cranger Kirmes 82 Bochum 84 Starlight Express 86 Ausgehen in Bochum 88 Witten 90 Bildungslandschaft im Ruhrgebiet 92 KREIS RECKLINGHAUSEN Recklinghausen Recklinghausen: Umspannwerk Marl Haltern am See Die Römer an Rhein und Lippe

96 98 100 102 104

Henrichenburg Zeche Waltrop Denkmalgeschützt: Bergarbeitersiedlungen DORTMUND UND SEIN UMLAND Dortmund Bierstadt Dortmund Dortmund: Westfalenpark, Westfalenhallen, Signal Iduna Park Borussia Dortmund Zeche Zollern Hohensyburg Hamm Kreis Unna Burgen und Schlösser entlang der Ruhr Schloss Cappenberg

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HAGEN UND DER SÜDOSTEN Freilichtmuseum Hagen Hagen Schloss Hohenlimburg

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114 116

Atlas Register, Internetadressen Bildnachweis, Impressum

142 158 160

118 120 122 124 126 128 130 132


Der Duisburger Innenhafen, einst Umschlagplatz für Kohle, Grubenholz und Getreide, präsentiert sich nach seiner Umgestaltung als neues kulturelles Highlight und lockt Genießer und Flaneure an (großes Bild).

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Duisburg und der Westen

Bis in die Römerzeit reichen die Wurzeln von Xanten, der nordwestlichsten Stadt des Ruhrgebiets, zurück. Spuren der Vergangenheit – im Bild der Hafentempel (unten links) – zeigen sich überall im Stadtbild.


DUISBURG UND DER WESTEN

Das westliche Ruhrgebiet mit der alten Industriestadt Duisburg und dem Kreis Wesel am Niederrhein ist geprägt von Wasser – und dies schon seit Jahrhunderten. Während der Rhein Duisburg zum größten Binnenhafen Europas werden ließ, bestimmt in der nordwestlichen Region um die Städte Wesel und Xanten eine idyllische Flusslandschaft mit Auen und Deichen das Erscheinungsbild, was so ganz und gar nicht zum lange Zeit vorherrschenden Klischee vom »Kohlenpott« zu passen scheint.

Duisburg und der Westen

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Dani Karavans »Garten der Erinnerung« am Innenhafen präsentiert sich als inspirierendes, alle Sinne ansprechendes landschaftliches Gesamtkunstwerk (großes Bild). Bildleiste oben: Einen reizvollen Kontrast von Alt und Neu bilden bei abendlicher Beleuchtung die ehemaligen Speicherbauten und die neuen Architekturwunder im Innenhafen wie der Bürokomplex »Five Boats« von Nicholas Grimshaw.

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Duisburg und der Westen


Duisburger Innenhafen

Nach dem wirtschaftlichen Niedergang in den 1960erJahren lag der Innenhafen mit seinen Speichergebäuden zunächst brach, bis das Areal in den 1990er-Jahren nach den Plänen des Stararchitekten Norman Foster saniert wurde. Heute finden sich altehrwürdige Kornspeicher neben moderner Architektur, in die alten Mühlen und Gebäude sind moderne Museen, Gastronomie- und Dienstleistungsunternehmen eingezogen. Jenseits des Hafen-

damms entstand 1999 der »Garten der Erinnerung«. Entworfen vom Künstler Dani Karavan, vereinigt er auf spielerische Weise Grünflächen, Geländemodulationen und »künstliche Ruinen« zu einer offenen Parkskulptur. In dieses Ensemble einbezogen ist das ebenfalls 1999 errichtete Jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge, das der Jüdischen Gemeinde von Duisburg, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen ein Zuhause bietet.

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Der Containerterminal ermöglicht die perfekte Verbindung von Schiff und Schiene oder Schiff und Straße (großes Bild). Riesige Kräne sind erforderlich, um den reibungslosen Umschlag von Gütern zu gewährleisten (unten rechts). Bildleiste oben: Hinter der Hebebrücke am Schwanentor beginnt der Handelshafen; hier werden Tag für Tag Schiffe aus aller Welt be- und entladen.

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Duisburg und der Westen


Duisport

Durch die besondere Lage von Duisburg an der Mündung der Ruhr in den Rhein entstand hier im Laufe von Jahrhunderten der größte Binnenhafen Europas. Als der Rhein im 13. Jahrhundert sein Bett immer weiter nach Westen verlagerte, war die Stadt allerdings lange Zeit ohne schiffbaren Zugang zum Fluss. Das änderte sich erst wieder 1828, als der Rheinkanal fertiggestellt wurde. Heute steuern pro Jahr etwa 25 000 Schiffe aus bis

zu 100 europäischen Seehäfen den Duisburger Hafen, den »Duisport«, an. Sie löschen und laden hier auf riesigen Verladeinseln Kohle, Stahl und Erz, aber auch empfindliche Güter, die in großen Hallen trocken gelagert werden können. Hinter dem Schwanentor am neuen Steiger starten täglich Hafenrundfahrten, die durch die Hafenbecken bis nach Duisburg-Ruhrort, dem Mündungsgebiet der Ruhr, führen.

Duisburg und der Westen

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Zu den Ankerpunkten der Route der Industriekultur gehĂśren das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in einem ehemaligen Jugendstilhallenbad in Duisburg (groĂ&#x;es Bild), der Hohenhof in Hagen (rechts), einst ein Kulturzentrum und heute ein Jugendstilrelikt, und die Kokerei Hansa in Dortmund (unten links). Das 2008 stillgelegte Bergwerk Walsum in Duisburg war das letzte aktive Steinkohlebergwerk der Region (unten rechts).

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Duisburg und der Westen


R O U T E

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I N D U S T R I E K U LT U R

Denkmalgeschützte Zechen, Hüttenwerke, Gasometer, Hafenanlagen, Zechen- und Werkssiedlungen sowie Museen – die Route der Industriekultur verbindet auf einem etwa 400 Kilometer langen Rundkurs von Duisburg über Gelsenkirchen und Dortmund nach Hamm und zurück über Hagen und Essen die touristischen Highlights des

Ruhrgebiets und vermittelt dabei Eindrücke jenseits des gewohnten Bilds vom »rußgrauen Kohlenpott«. Das 1999 ins Leben gerufene Projekt des Regionalverbands Ruhr präsentiert die industrielle Vergangenheit anhand von Industriebrachen, die zum Großteil behutsam restauriert und zu modernen Museen, Kulturzentren oder Frei-

zeiteinrichtungen umgewandelt wurden. Kern der gut ausgeschilderten Themenstraße, die zu Fuß, per Rad, mit Auto, Bus und Bahn oder sogar mit dem Schiff erkundet werden kann, sind 25 sogenannte Ankerpunkte. Von dort aus starten Themenrouten wie beispielsweise »Landmarken-Kunst«, »Unternehmervillen«, »Kanäle und Schiff-

fahrt« und »Westfälische Bergbauroute« zu insgesamt über 500 Industriedenkmälern und anderen Zielen, die besondere Einblicke in die Geschichte des Ruhrgebiets bieten. Das zentrale Besucherzentrum befindet sich in Essen auf der Zeche Zollverein, die mit ihrem 55 Meter hohen Doppelbockförderturm eine Landmarke der Region ist.

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Das Innere der DITIB-Merkez-Moschee schmücken aufwendige Ornamente, die mit Goldbronze veredelt sind (großes Bild). Von der Kuppel hängt ein riesiger Kronleuchter (unten rechts), und der Gebetsraum (unten links) ist mit prachtvollen Holzarbeiten bestückt. Auch die halbmondför-

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Duisburg und der Westen

migen Kuppeln und das Minarett entsprechen ganz der osmanischen Bautradition, während die riesigen Rundbogenfenster für Transparenz stehen und den Charakter des Gotteshauses als Begegnungsstätte der Kulturen und Religionen unterstreichen sollen (rechts).


Moschee Duisburg-Marxloh

Ihr Minarett erhebt sich 34 Meter in den Himmel, die Kuppel leuchtet silberfarben – die Rede ist von der größten Moschee Deutschlands, die 2008 im Duisburger Stadtteil Marxloh eingeweiht wurde. Der Betsaal und die Empore bieten Platz für 1200 Betende der muslimischen Gemeinde, gleichzeitig befindet sich im Keller des Gebäudes eine Begegnungsstätte für den ganzen Stadtteil. Das neue Gotteshaus steht auf dem Standort der

2003 abgerissenen ehemaligen Zechenkantine des Bergwerks Marxloh, die zuvor als Gebetsraum gedient hatte. Die Moschee, die gemeinsam von muslimischen und nichtmuslimischen Bürgern geplant worden war, ist auch ein Zeichen für gelungene Integration. Duisburg und das Ruhrgebiet blicken schließlich auf über 150 Jahre Zuwanderung zurück. In dieser Zeit ist die Region zum »Schmelztiegel« der Kulturen geworden.

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Das Museum Küppersmühle residiert im Duisburger Innenhafen in einem sanierten Mühlengebäude von 1909 (großes Bild). Das angebaute Treppenhaus (unten rechts) mit seinen asymmetrischen Schwüngen ist schon für sich ein Kunstwerk. Rechts: Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum gilt als führende Ausstellungsstätte für moderne Skulptur.

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Duisburg und der Westen


M O D E R N E

K U N S T

Duisburg steht nicht nur für Hafen und alles, was damit in Zusammenhang zu bringen wäre, sondern auch für Kunst und Kultur. Mit dem Museum Küppersmühle (MKM) und dem Wilhelm-Lehmbruck-Museum befinden sich hier gleich zwei beachtenswerte Sammlungen moderner Kunst. Das MKM im Innenhafen, inmitten der leb-

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H A F E N M E T R O P O L E

haften Kulturmeile gelegen, zeigt mit der Sammlung Ströher einen repräsentativen Querschnitt der Gegenwartskunst. Dort, wo bis in die 1970er-Jahre hinein Getreide gelagert wurde, befinden sich heute Werke von Gerhard Richter, Georg Baselitz, A. R. Penck, Jörg Immendorff und anderen einflussreichen Künstlern der deutschen Nach-

kriegszeit. Die bis zu sechs Meter hohen Räume sind schon für sich genommen ein architektonischer Genuss und bieten eine ideale Mischung aus Tages- und Kunstlicht. Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum versammelt auf 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche Skulpturen des 20. Jahrhunderts und das Lebenswerk des Expressionisten Wil-

helm Lehmbruck. Der in Duisburg aufgewachsene Künstler gilt neben Ernst Barlach als der bedeutendste deutsche Bildhauer der klassischen Moderne. Einige der Skulpturen und Großplastiken renommierter Künstler präsentieren sich auch im angrenzenden Immanuel-Kant-Park inmitten von Rasenflächen und Rosenstauden.

Duisburg und der Westen

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Ein besonders beeindruckendes Schauspiel bietet der Landschaftspark Duisburg-Nord an Wochenenden und Feiertagen bei Dunkelheit, wenn die Hochofenkulisse des einstigen Meidericher Hüttenwerks mit unzähligen bunten Lichtern illuminiert ist (alle Bilder). Die Installation des

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Duisburg und der Westen

britischen Lichtkünstlers Jonathan Park verwandelt dann das Gelände in ein Meer von Licht und Farbe und macht die Industriesilhouette weithin sichtbar. Auch der nächtliche Aufstieg auf einen erloschenen Hochofen im Rahmen einer Fackelführung ist ein unvergessliches Erlebnis.


Landschaftspark Duisburg-Nord

Wo bis 1985 die Schornsteine rauchten und tonnenweise Roheisen produziert wurde, ist seitdem eine 200 Hektar große Freizeitlandschaft entstanden, die Industriekultur und Natur auf spektakuläre Weise verbindet. Auf dem Gelände des 1985 stillgelegten Thyssen-Eisenhüttenwerks finden sich Hochöfen, Erzbunker und andere Giganten, die jetzt teils neu genutzt werden: Die alte Gebläsehalle und die Kraftzentrale sind Veranstaltungsorte

für Konzerte, Theater und andere Events, das Gasometer fungiert als künstliche Taucherwelt. In einer ehemaligen Gießhalle befindet sich ein Hochseilparcours, die alten Bunkeranlagen sind als Klettergarten beliebt. Ansonsten bietet der sorgfältig renaturierte Park, der auf eigene Faust oder per Führung, zu Fuß oder per Rad erkundet werden kann, zwischen seinen Industriebrachen vielfältige Gelegenheiten zu Müßiggang unter freiem Himmel.

Duisburg und der Westen

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Auch heute noch kommt die Stahlerzeugung nicht ohne harte körperliche Arbeit aus (unten rechts und Mitte). Unten links: Einer der vier Hochöfen, die der ThyssenKruppKonzern in Duisburg betreibt. Bildleiste rechts: Warmbandwerk mit glühenden Stahlbändern, Stranggießanlage, Walzstraße – Stationen der Rohstahlproduktion.

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Duisburg und der Westen


G A B

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Auch wenn die goldenen Zeiten schon einige Jahrzehnte zurückliegen: Die Hochöfen in Duisburg arbeiten noch immer. Hier residiert mit der ThyssenKrupp AG, 1999 aus der Fusion von Thyssen und Krupp entstanden, Deutschlands größtes Stahlunternehmen, hier werden etwa die Hälfte des in Deutschland produzierten Roheisens und

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rund ein Drittel des Rohstahls erzeugt. Die Erfolgsgeschichte des Stahls im Ruhrgebiet ist eng mit der Kohle verbunden. Als man entlang der Ruhr ab Anfang des 19. Jahrhunderts mit dem professionellen Abbau von Kohle begann, gewann die Industrialisierung rasch an Fahrt. Die Kohle wurde in Kokereien zu Koks verarbeitet, der wieder-

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um zur Eisen- und Stahlerzeugung benötigt wurde. Hatten sich zunächst kleine Schmieden und Hammerwerke um den Stahl gekümmert, verlagerte sich die Produktion nun in die Eisenhütten. Das Geschäft mit Kohle und Stahl boomte, die Wirtschaftskraft der Region Duisburg lag zeitweise um fast 50 Prozent über dem Landesdurch-

schnitt. Schon bald mussten ausländische Arbeitskräfte angeworben werden, um die Nachfrage bewältigen zu können. Mit der Stahlkrise in den 1970er- und 1980erJahren wendete sich das Blatt: Neue Wirtschaftsbereiche entstanden, der »Strukturwandel« beendete die Vorherrschaft von Kohle und Stahl an Rhein und Ruhr.

Duisburg und der Westen

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Die geschichtsträchtige Vergangenheit wird auch in der Silhouette Xantens deutlich (großes Bild): Dom mit römischer Stadtmauer und Hafentempel im Archäologischen Park. Bildleiste rechts: Altäre, Säulen, Skulpturen und ein Kreuzgang – der Xantener Dom verfügt über eine prächtige Ausstattung.

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Duisburg und der Westen


Xanten

Xanten ist nicht nur die einzige deutsche Stadt, deren Name mit einem X beginnt, sondern auch die älteste Stadt des Ruhrgebiets. Bereits 12 v. Chr. gründeten die Römer hier das Militärlager Vetera Castra I, und etwa 100 Jahre später übertrug Kaiser Marcus Ulpius Traianus der römischen Siedlung als Colonia Ulpia Traiana die Stadtrechte. Heute noch verleihen die Relikte aus der Römerzeit dem Städtchen Glanz, doch Xanten hat noch viel

mehr zu bieten: Die zwischen 1263 und 1544 erbaute gotische Kirche St. Viktor stand in ihrer kirchengeschichtliche Bedeutung dem Kölner Dom nicht nach. Für ihre wertvolle Ausstattung wurden die besten Künstler verpflichtet. Doch auch mit neuzeitlichen Errungenschaften kann Xanten aufwarten. So gibt es hier am Niederrhein eine Nord- und eine Südsee, eine vielfältige Wasserfreizeitlandschaft, die Urlaub vor der Haustür ermöglicht.

Duisburg und der Westen

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Das Wasserschloss Wittringen in Gladbeck, ein ehemaliger Adelssitz mit einer fast 750-jährigen Geschichte, liegt inmitten einer etwa 100 Hektar großen Wald- und Wiesenlandschaft (großes Bild).

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Oberhausen, Bottrop und Gladbeck

Wo früher die Hochöfen glühten, lädt heute in Oberhausens Mitte das CentrO, Europas größtes Einkaufs- und Freizeitzentrum, zum Flanieren und Konsumieren ein (unten links).


OBERHAUSEN, BOTTROP UND GLADBECK

Wiederbelebte Relikte des Bergbaus und der Schwerindustrie, hochmoderne Flaniermeilen, schicke Shoppingcenter, romantische Burgen und Schlösser und grüne Natur zur Naherholung – das alles gehört zum modernen Ruhrgebiet. Die Region Oberhausen mit den im Norden angrenzenden Städten Bottrop und Gladbeck bietet eine eindrucksvolle Mischung dieser scheinbaren Gegensätze. Hier verbinden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem kontrastreichen neuen Gesicht, das jeden zu faszinieren vermag.

Oberhausen, Bottrop und Gladbeck

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Als markantes Wahrzeichen der Region erhebt sich der bei Nacht beleuchtete Gasometer nahe der Emscher über die Stadt Oberhausen (rechts). Im Inneren des Stahlgiganten bietet sich ein einzigartiges Raumund Klangerlebnis (großes Bild) – ein spektakuläres Forum für Themenaus-

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stellungen zu Fußball (»Der Ball ist rund«, 2000) oder Wasser (»Blaues Gold«, 2001/02). Für die Ausstellung »Sternstunden – Wunder des Sonnensystems« (2009/10) haben auch Modelle von Mond und Sonne Platz im ehemaligen Gasspeicher gefunden (unten rechts und links).

Oberhausen, Bottrop und Gladbeck


Gasometer Oberhausen

Wo es einst nur eine Ansammlung von Bauernschaften gab, entstanden im 19. Jahrhundert Bergwerke und Hochöfen der Gutehoffnungshütte und die Stadt Oberhausen. Ein spektakuläres Monument dieser Industrieepoche ist der Gasometer, eine stählerne Tonne von 117,5 Meter Höhe und 67 Meter Durchmesser. Lange als Zwischenlager für das bei der Eisen- und Stahlproduktion anfallende Gichtgas genutzt, ist der Gigant heute ein Ort für Ausstel-

lungen und Inszenierungen wie die Installationen »The Wall« (1999) der Verpackungskünstler Christo & JeanneClaude. Die riesige Stahlscheibe, die einst auf dem Gas schwamm, wurde in 4,5 Meter Höhe als Ausstellungsfläche befestigt. Im Innenraum befindet sich außerdem eine Tribüne mit 500 Plätzen sowie ein gläserner Fahrstuhl, der Besucher für einen grandiosen Rundblick über das westliche Ruhrgebiet bis auf das Dach des Gasometers bringt.

Oberhausen, Bottrop und Gladbeck

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Auch wenn die Aufnahmen aus dem Arbeitsalltag der noch heute aktiven Zechen Prosper Haniel in Bottrop sowie in Kamp-Lintfort teils noch an früher erinnern – die Steinkohlenförderung im Ruhrgebiet hat ein modernes Gesicht bekommen, die Sicherheitsstandards unter Tage gehören zu den höchsten der Welt. Allerdings sind auch die Tage des Kohlebergbaus im Ruhrgebiet gezählt – wenn die Subventionen zwischen 2015 und 2018 auslaufen.

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Oberhausen, Bottrop und Gladbeck


D I E

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Früher gehörten sie zum alltäglichen Bild, heute sind sie auch im Ruhrgebiet zur Rarität geworden – die Steinkohlenzechen mit ihren Fördertürmen, Schächten, Waschkauen und natürlich Bergleuten. Noch ganze vier aktive Zechen gibt es in der Region. In Kamp-Lintfort, am westlichen Rand des Kohlenreviers, liegt das Verbundbergwerk

Z E C H E N

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West. 2002 aus den beiden Schachtanlagen Friedrich Heinrich/Rheinland und Niederberg entstanden, begann man hier 1907 mit dem Abbau oder – wie der Bergmann sagt – mit dem Abteufen der Kohle. In Bottrop fördert das fast 150 Jahre alte Bergwerk Prosper Haniel Steinkohle in Tiefen von 700 bis 1100 Metern. In Marl arbeitet das Bergwerk

R U H R G E B I E T S Auguste Victoria, ebenfalls ein Zechenzusammenschluss von Marl und Haltern am See, auf einem Grubenfeld von 227 Quadratkilometern. In Hamm mit seiner etwa 130-jährigen Bergbautradition baut der Zechenverbund Ost (Haus Aden/Monopol in Kamen, Zeche Heinrich Robert in Hamm) in rund 1500 Meter Tiefe Kohle ab.

Mussten sich die Bergleute früher mühsam mit dem Presslufthammer in das Flöz hineinarbeiten, übernehmen diese Arbeit heute automatische Hobel oder Walzenschrämlader, die pro Sekunde bis zu 16 Meter vorankommen. Auch der Streckenvortrieb erfolgt heute fast vollautomatisch, die Sprengkunst des »Schießmeisters« ist nicht mehr nötig.

Oberhausen, Bottrop und Gladbeck

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Auch architektonisch macht das CentrO einiges her, wie der nachts erleuchtete Haupteingang und die Dachkonstruktion der Straßenbahnund Bushaltestelle »Neue Mitte«, ein riesiger Stahlmikado, zeigen (Bildleiste rechts). Unten: Stahl und Glas, kombiniert mit hellem Natur-

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stein – das sind die vorherrschenden Materialien im Inneren des gigantischen Einkaufspalasts. Imposante Glaskuppeln wie in der »Coca-Cola-Oase« (großes Bild), dem Mittelpunkt des CentrO, verleihen dem Ganzen eine lichte, sonnige Atmosphäre.

Oberhausen, Bottrop und Gladbeck


CentrO

Wo vor Jahrzehnten noch Werkshallen und Hochöfen standen, erstrahlt seit 1996 gegenüber dem Gasometer Europas größtes Einkaufszentrum, das pro Jahr über 23 Millionen Besucher anlockt. Das CentrO bildet die »Neue Mitte Oberhausen«, die wie kaum ein anderer Ort im Ruhrgebiet für den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft steht. Auf einer Fläche von 75 000 Quadratmetern logieren auf zwei Ebenen über

200 namhafte Geschäfte. Doch neben Konsumfreuden unter der modernen Glaskuppel hält das CentrO auch diverse Freizeitangebote bereit: eine 400 Meter lange Promenade mit Gastronomie, Kino und Musicaltheater, den CentrO.PARK mit Riesenrad, Rutschenturm und Fahrgeschäften und das Großaquarium Sea Life. Dieses gemischte Konzept ging auf: Das CentrO gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Einkaufsmalls in Deutschland.

Oberhausen, Bottrop und Gladbeck

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Faszination Deutschland - Ruhrgebiet