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Die Farben der Erde

»Die Welt ist ein Buch« Augustinus Aurelius

Die Erde – das »Kunstwerk« in den Weiten des Sonnensystems

Die Erde ist ein unerschöpflicher Schatz an Farbenpracht und Formenvielfalt. Ihre Schönheit und ihr unfassbarer Reichtum an Naturphänomenen und faszinierenden Landschaftsbildern

könnten ganze Bibliotheken füllen. Dieser Bildband muss sich notgedrungen mit einer Auswahl davon begnügen. Dennoch offenbart vielleicht gerade diese visuelle Komprimierung das

Geheimnis unserer Welt, wie fantastisch und einfallsreich sie ist. Es ist eine Weltreise, die Sehnsüchte weckt und gleichzeitig das Fernweh ein wenig zu stillen versucht.

Die Farben der Erde Die faszinierendsten Naturlandschaften unseres Planeten

Jedes Foto ein Kunstwerk für sich. Geniale Geistes- wie Fotoblitze. Die Fixierung atemberaubender Landschaften unter Nutzung kürzester Inszenierungen des Wetters. Unwirklich-fantastische Spiele des Lichts über den letzten Wildnissen der Erde. Der eine Augenblick, für den es sich lohnt, wochenlange Expeditionen und größte Strapazen auf sich zu nehmen. Die Farben der Erde smaragdgrün, die Korallensee vor New Britain gelborange, die gewaltigen Sanddünen der Namib-Wüste glutrot, die Sandsteinformationen des Uluru / Ayers Rock rotviolett, die Salinenkrebsfelder des Lake Natron in Tansania ultramarinblau, das Belize Barrier Reef in der Karibik pastellrosa, die Laguna Colorada im Altiplano Boliviens sattgrün, die undurchdringlichen Regenwälder im Kongobecken … Die Farben der Erde – eine einzigartige Fotoauswahl, eine begeisternde und faszinierende Reise zu den letzten Paradiesen der Erde, die es immer noch gibt und die zu entdecken dieser Prachtband einlädt.

Texte von Jakob Strobel y Serra

€ (D) 78,00 / € (A) 80,20

ISBN 978-3-89944-850-4


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DIE FARBEN DER ERDE

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Der Wilde Westen Neuseelands, ganz ohne Cowboys und Kakteen: Ein satteres Gr端n als in den Regenw辰ldern des Westland-Nationalparks an der Westk端ste der S端dinsel wird man im ganzem Land nicht finden.

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Auch die erbarmungslosesten Jäger kennen Momente der Zärtlichkeit: Ein Weißkopfseeadler füttert in Alaska seine Jungen und scheint dabei ganz verliebt in den Nachwuchs zu sein.

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Wenn die Erde rot sieht und dabei leidenschaftlich mit Orange und Ocker kokettiert, ist man mitten im Farbenschauspiel der W端ste Namibia: B端hne frei f端r die Oryx-Antilope!

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Manchmal hat man den Eindruck, die Natur sei im Grunde ihrer Seele ein verhinderter Maler – besonders bei solchen Bildern von surrealistischer Intensität wie im Richtersfeld Nationalpark in Südafrika.

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Wie viele Töne von Blau gibt es? Wir antworten darauf mit einer Zahl oder mit Achselzucken. Die Natur weiß es besser: Es sind unendlich viele. Und im Great Barrier Reef kann man sie alle zählen.

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Wie eine Farbexplosion am Meeresgrund schießen bunt schillerne Fischschwärme im Gleichtakt der Wellen durch das Wasser. Glücklich ist, wer einen Blick darauf erhascht.

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Selbst an ihren schroffsten Enden vergisst die Natur nie, was Anmut ist. Die Berge im Milford Sound in Neuseeland sind eine raue Welt. Doch in der D채mmerung setzen sie sich ein Sahneh채ubchen auf.

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Glühender Stein am Ende der Erde: Die Torres del Paine im äußersten Süden Argentiniens scheinen manchmal zum Leben zu erwachen, als seien sie in Wahrheit verzauberte, versteinerte Riesenwesen.

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ZU DIESEM BUCH So fesselnd der Anblick der Salzformationen von Danakil in Somalia ist, so leicht bezahlt man ihn mit seinem Leben. Denn die Salzbecken sind oft nur von einer dünnen, tückischen Mineralienschicht bedeckt.

Die Schönheit der Erde hat Abertausende von Gesichtern. So unerschöpflich sind sie, dass selbst der prächtigste Bildband nur eine Ahnung von jenem Schatz geben kann,

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den uns die Natur geschenkt hat. Sie leuchtet in den strahlendsten Farben, präsentiert sich in den grandiosesten Formen und übersteigt mit ihrem Einfallsreichtum noch

die kühnste Fantasie. Manchmal ist diese Schönheit ganz still, zerbrechlich fast, gemalt in Pastellfarben von schüchterner Zärtlichkeit. Dann wieder ist sie monumental und

majestätisch, wie berauscht von ihrer eigenen Übermächtigkeit. Andere Male lauert wiederum in der Schönheit der Erde der Schrecken einer entsetzlichen Einsamkeit,


ZU DIESEM BUCH Wer in die Salztümpel einbricht, ist rettungslos verloren und verschwindet spurlos. Deswegen nennen die hier lebenden Afar-Nomaden die Danakil-Wüste auch »Dallol«: den Ort ohne Wiederkehr.

einer schicksalhaften Endgültigkeit. Das alles und noch viel mehr findet sich in der Schatztruhe der Natur – Wasserfälle, die sich mit tosendem Gebrüll 1000 Meter in die

Tiefe stürzen; Schluchten, die sich über Hunderte von Kilometern wie titanische Wunden in den Abgrund gegraben haben; Vulkane, die wie Höllenschlunde das Innere der Erde

nicht mehr aushalten und nach außen stülpen; Südseeinseln mit liebevoll geschmückten Heiligenkränzen aus Korallenriffen, die der Vorstellung des Paradieses

schon so nahe kommen, dass man am Ende gar nicht mehr in den Himmel will. Dieser Bildband ist eine atemberaubende Weltreise zu den schönsten Farben dieser Erde.

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INHALT Schatzkiste der Geologie: Die Jurassic Coast in Südengland ist ein fossiliengespicktes Fenster in die Erdgeschichte, durch das für jeden Besucher sichtbar wird, was sonst nur blanke Theorie ist.

BU S. 2/3: Gewitterwolken am Horizont tauchen die Wolwedans Dunes Lodge im NamibRand Nature Reserve in ein mystisches Licht.

NP = National Park NR = National Reserve

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EUROPA Snæfellsnes-Halbinsel Laki-Vulkane Landmanalaugar Spitzbergen Sarek NP Oulanka NP Lake District Snowdonia NP

20 22 23 24 26 28 30 32 33

Rannoch Moor Glencoe Isle of Skye Killarney NP Moher Nordseeküste Ostseeküste Bayerischer Wald Matterhorn

34 35 36 38 39 40 41 42 44

Montblanc Iroise Quiberon Camargue Ordesea y Monte Perdido NP Doñana NP Lanzarote Teneriffa Azoren: Pico

45 46 47 48 50 52 54 55 56

Azoren: Flores Dolomiten Kornati NP Karpaten Donaudelta

57 58 60 62 63

ASIEN

64 66 68

Kappadokien Wadi Rum


INHALT Bei diesem Anblick sind sich die Wüstenfahrer aller Länder einig: Nirgendwo ist die Sahara so überwältigend schön wie in der verbotenen Welt der Berge und Dünen von Air und Ténéré im Niger.

Rub al Khali Karakorum-Gebirge Hunza-Tal Spiti-Tal Keoladeo NP Bandhavgarh NP Kaziranga NP Bundala NP Chitwan NP

70 72 74 76 78 79 80 82 84

Himalaya Range Mount Everest Annapurna Range Huangshan-Gebirge Li-Jiang-Fluss Wüste Gobi Kamtschatka Nikko NP Joshinetsu Kogen NP

86 88 90 92 94 96 98 100 102

Mount Fuji Khuea Srinagarindra NP Khao Yai NP Phang-Gna-Bucht Bako NP Gunung Mulu NP Kinabalu NP Danum-Tal Mabul

104 106 107 108 110 112 114 116 118

Gunung Leuser NP Bromo Tengger Semeru NP Lombok Komodo NP Flores Tangkoko dua Saudara NP Sulawesi: Korallenküste Raja Ampat

120 122 124 125 126 128 130 132

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INHALT Kakteen säumen die Küste der Halbinsel Baja California in Mexiko. Die Fauna ist speziell und vielfältiger: Känguruh-Ratten, fischfangende Fledermäuse und Klapperschlangen ohne Rasseln.

AUSTRALIEN/OZEANIEN Kakadu NP Nitmiluk NP Purnululu NP Derby Wetlands Nambung NP Kings Canyon NP Macdonnell Ranges Uluru: Ayers Rock

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134 136 138 140 142 144 145 146 148

Uluru: The Olgas Simpson Desert Mungo NP Daintree NP Millaa Falls Great Barrier Reef Whitsunday Islands Blue Mountains NP Port Campbell NP

149 150 151 152 154 156 158 160 162

Kangaroo Island Baw Baw Ranges Mount Field NP Whirinaki Forest Park Mount Taranaki Wai-O-Tapu Tongariro NP Mount Cook Fjordland NP

163 164 165 166 168 170 171 172 174

Palau Kimbe Bay Salomonen Fidschi Cook Islands Tonga Bora Bora

176 178 179 180 182 184 186


INHALT Palmenstrände mit schneeweißem Sand und lapislazuliblauem Wasser sind nur die eine Seite der Karibik. Die andere sind schroffe Berge in einem wuchernden grünen Gewand wie auf der Insel St. Lucia.

AFRIKA Erg Marzuq Tassili N’Ajjer NP Air und Ténéré Niger-Binnendelta Pandrillus-Reservat Dzanga Ndoki NP Nouabale Ndoli NP Nyiragongo-Vulkan

188 190 191 192 193 194 195 196 198

Danakil-Wüste Erta Ale Simien Mountains NP Suguta-Tal/Logipi-See Mount Kenya Baringo-See Masai Mara NP Mara River Amboselli NP

200 202 204 206 208 210 212 214 216

Natronsee Serengeti NP Wildreservat Selous Mana Pools NP Hwange NP Victoria Falls Wildreservat Makgadikgadi Pan Etoscha NP Namib Naukluft NP

218 220 222 224 226 228 230 232 234

Kokerboom Forest Fish River Canyon Kgalagadi Transfrontier Park Drakensberge Andasibe Mantadia NP

238 240 242 244 246

NORDAMERIKA

248 250 252

Tombstone Range Mount Assiniboine

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INHALT An sensationellen Panoramen besteht in den Canyonlands kein Mangel. Eines aber übertrifft alle anderen: der Blick durch den Mesa Arch auf das zerklüftete Hochplateau mit dem Colorado River tief unten.

Garibaldi Lake Jasper NP Mount Robson Banff NP Yukon-Delta Gates of the Arctic NP Denali NP Cascade Range Mount Rainier NP

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253 254 256 257 258 260 262 266 268

Crater Lake Oregon Coast Redwood NP Lake Tahoe Yosemite NP Yellowstone NP Grand Teton NP Death Valley NP Arches NP

269 270 271 272 274 276 278 279 280

Canyonlands NP Bryce Canyon NP Zion NP Grand Canyon NP Monument Valley Sonora-Wüste Organ Pipe Cactus National Monument Baxter State Park Great Smoky Mountains NP

282 284 286 288 290 292 293 294 295

Caddo Lake State Park Everglades Kauai Big Island Yucatán: Atlantikküste Belize Barrier Reef Talamanca und La Amistad Braulio Carrillo NP Poás Volcano Darién NP

296 298 302 304 306 308 310 311 312 313


INHALT So unergründlich ist das mystische Blau des Lake Tahoe im Osten Kaliforniens, dass man seinem Geheimnis niemals auf den Grund gehen wird – und so unfassbar schön, dass man es auch gar nicht will.

SÜDAMERIKA Los Nevados NP San Cipriano Reserve Canaima NP Iwokrama Reserve Sipaliwini NP Pantanal Matogrossense NP Iguazú NP Itatiaia NP

314 316 318 320 322 324 326 328 329

Galápagos-Inseln Sangay NP Cuyabeno NP Yasuni NP Río Abiseo NP Manú NP Altiplano: Salar de Coipasa Altiplano: Salar de Uyuni Eduardo Avaroa NR

330 334 336 337 338 339 340 341 342

NP Laguna San Rafael NP Torres del Paine NP Los Glaciares: Perito Moreno NP Los Glaciares: Cerro Fitz Roy und Cerro Torre

344 346 347

ANTARKTIS South Georgia Islands Antarktische Halbinsel Mount Erebus

352 354 356 357

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IMPRESSUM Register Bildnachweis

358 360

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EUROPA

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Kein anderer Kontinent kann mit der Vielfalt Europas konkurrieren. Wer jemals durch die Monotonie der Prärie oder die Gleichförmigkeit der Taiga gefahren ist, weiß, was er an der Alten Welt hat: Ständig wandelt Europa sein Gesicht, spätestens nach 100 Kilometern sieht es – von wenigen Ausnahmen abgesehen –

immer völlig anders aus. Von der Nordseeküste zu den Alpengipfeln von Eiger, Mönch und Jungfrau sind es nur 1000 Kilometer, doch was heißt hier nur: Tiefebenen und Mittelgebirge, Weinberge und Seenlandschaften drängeln sich auf dieser Strecke und sorgen dafür, dass sich Europa selbst nie langweilig wird.

EUROPA | 21


SNÆFELLSNES-HALBINSEL Eines der längsten aktiven Vulkansysteme auf Island bildet die 90 Kilometer lange Snæfellsnes-Halbinsel, auf der nicht nur Geologen, sondern auch Vogelfreunde und Walbeobachter auf ihre Kosten kommen.

Island ist eine unbezähmbare Insel. Der Mensch spielt hier immer nur eine Nebenrolle, so zäh er auch sein mag. Die wahren Herren Islands sind die Gnome, Elfen und andere Geister, die in Gegenden wie der Snæfellsnes-Halbinsel im äußersten Westen Islands hausen. Hier treiben auch die Trolle zwischen Wasserfällen, Gletschern, Vulkanen und Felsenkegeln ihr Unwesen, die sich

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nur vor einem einzigen Feind fürchten: dem Sonnenlicht. Denn die Sonne verwandelt sie in Stein, wenn sie sich nicht rechtzeitig vor Einbruch der Dämmerung in ihre unterirdischen Behausungen flüchten. Sieben Millionen Jahre alt ist dieses Wunderreich aus Grün und Blau, das manchen Menschen mit übersinnlichen Neigungen als eines der sieben Kraftzentren der Erde gilt. Aber auch

wenn man nicht zur Esoterik neigt, spürt man in Snæfellsnes die ungeheure Energie unseres Planeten, dessen glühendes Inneres nur durch einen hauchdünnen Firnis aus Stein und Eis von der Oberfläche getrennt ist. Und so ist es kein Wunder, dass die unerschrockenen Helden in Jules Vernes Klassiker »Reise zum Mittelpunkt der Erde« genau hier in die Unterwelt hinabstiegen.


LAKI-VULKANE Wer heute auf den Krater des Laki-Vulkans im Süden von Island schaut, kann kaum ermessen, welche zerstörerische Kraft sich hier vor mehr als 200 Jahren entfaltete. Ein Schaudern aber bleibt.

Vulkanausbrüche auf Island sind für die Isländer schon schlimm genug. Manchmal aber reißen sie die halbe Welt mit in den Abgrund – so wie die Eruption des Laki in den Jahren 1783 und 1784, einem der gewaltigsten und folgenreichsten Wutausbrüche der Natur, der jemals registriert worden ist. Unvorstellbare Massen an glühendem Stein, an Asche und Schwefeldioxid schleuderte der

Vulkan auf die Insel und in die Atmosphäre. Er verwüstete ein Gebiet von 600 Quadratkilometer Fläche, vernichtete große Teile des Viehbestands und tötete 50 000 Menschen. Doch nicht nur das: Ein giftiger Regen ging über Europa nieder, in Paris, London und Berlin verätzte er die Lungen der Bewohner. Der Nordatlantik verschwand monatelang im Nebel, und sogar der Nil trocknete aus. Es

war wie eine apokalyptische Strafe, die kein Ende nehmen wollte. Da half nur noch Gottes Hilfe: Berühmtheit erlangte der Pfarrer Jon Steingrimsson, der sich mit seiner Gemeinde in der Kirche verbarrikadierte und seine »Feuerpredigten« herausschrie – und tatsächlich stoppte die Höllenglut kurz vor der Kirche. Heute aber ist aus dem Zorn der Erde stille Schönheit geworden.

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LANDMANALAUGAR Mehr als 30 aktive Vulkansysteme gibt es auf Island. Ihr Feuer hat die Insel in Jahrmillionen geschmiedet und Landschaften von fast abstrakter Schönheit wie Landmanalaugar geschaffen.

Vielleicht gibt es keine entrücktere Landschaft auf Island als Landmanalaugar im Südwesten der Insel. Sie wirkt, als sei sie von allem überflüssigen Zierrat befreit worden, reduziert auf ein Stillleben der Natur, gemalt mit den Farben der Erde, durchzogen von warmen Bächen, in denen Wanderer baden können wie in einem Jungbrunnen. »Die warmen Quellen der Leute von Land« bedeutet

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der Name Landmanalaugar, und das heiße Wasser ist bei Weitem nicht das einzige Geschenk der Natur an die Menschen in nördlichen Gefilden. Noch beeindruckender ist ihr Farbenspiel aus tiefgrünen Moosen, weiß schäumenden Gletscherbächen, pechschwarzen Lavazungen, aus roter Erde, die in Jahrtausenden durch eisenhaltige Dämpfe verfärbt wurde, und durch Schwefelschichten

gelb umhüllten Felsen. Immer wieder steigen Gase und Dämpfe aus der Erde auf, die uns ermahnen, niemals zu vergessen, wie exponiert und explosiv Islands Lage ist. Denn sie ist eine der wenigen über die Meeresoberfläche ragenden Spitzen des Mittelatlantischen Rückens, jener Nahtstelle, an der die nordamerikanische und die eurasische Platte krachend und speiend auseinanderdriften.


LANDMANALAUGAR Rot, gelb, weiß, rund, schroff, weich: Die Natur zeigt in Landmanalaugar, dass sie auch eine künstlerische Ader hat und mithilfe weniger Ingredienzen Landschaften zu Gemälden formen kann.

ISLAND | 25


SPITZBERGEN Die Entbehrungen in Eis und Finsternis schreckten die Menschen nie ab, sich in Spitzbergen niederzulassen. Sie suchten hier ihr Glück – so wie heute die Touristen, die sich an der Einsamkeit berauschen.

Dort, wo die Welt zu Ende und von der menschlichen Zivilisation fast nichts mehr geblieben ist, dort liegt Spitzbergen – eine Inselgruppe im Arktischen Ozean mit zerklüfteten, von Fjorden zerfressenen Küsten, zur Hälfte begraben unter dem Eis der Gletscher. Es ist ein Ort für Masochisten: Im Winter geraten die Inseln in die Gefangenschaft des Packeises, für Monate fällt die Polarnacht

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über das Land wie ein göttlicher Fluch, nur Polarlicht tobt am Himmel wie ein verrückt gewordener Geist. Und dennoch ließen sich die Menschen von der Unerbittlichkeit der Natur nicht abschrecken. Jahrhundertelang hausten Walfänger und Robbenjäger auf den Inseln, im frühen 20. Jahrhundert verschlug es Minenarbeiter wegen der reichen Kohlevorkommen hierher. Auch Wissenschaftler

kamen, um den Nordpol zu erkunden. Und die Ironie der Zeitenläufe will es, dass heute ausgerechnet in diesem unwirtlichen Land die Zukunft der Menschheit lagert: Seit 2008 werden in der Pflanzensamenbank von Spitzbergen Millionen von Nutzpflanzen gesammelt und tiefgefroren, um sie vor genetischer Verunreinigung zu bewahren und die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen.


SPITZBERGEN Einsamer Jäger mit ungewisser Zukunft: Ob der Eisbär die Erderwärmung überleben wird, steht in den Sternen. Noch ist er der König im Eis von Spitzbergen, wie hier am Monaco-Gletscher.

NORWEGEN | 27


SAREK NP Von Menschen unberührt, von der UNESCO zum Welterbe geadelt, vom Herbst in ein rostbraunes Gewand gehüllt: der Sarek-Nationalpark in Schwedisch-Lappland, eine Welt weit jenseits der Zivilisation.

Die Erde ist des Menschen Untertan. Er hat sie gezähmt und ihr sein Gesicht gegeben. Das gilt fast überall auf dem Planeten. Im Sarek-Nationalpark hingegen gilt nichts davon. Hier, im schwedischen Teil Lapplands, ist die Herrschaft der Natur und das Primat der Schöpfung so absolut, dass der Mensch wie eine lästige, wenn nicht gleich lächerliche Erscheinung wirkt. Kaum irgendwo sonst ist

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Schweden unberührter und unzugänglicher als in dieser hochalpinen, bis zu 2000 Meter aufragenden Welt aus tiefen Tälern, totenstillen Hochebenen, endlosen Birkenwäldern, Dutzenden Gletschern, einsamen Elchen, reißenden Gebirgsbächen und tosenden Flüssen. Sie zu durchwaten ist extrem gefährlich und bei Hochwasser reiner Selbstmord. Die Berge des Sarek wiederum, von

denen viele zu den höchsten Schwedens gehören, werden vom ewigen Eis gepanzert und sind kaum zu bezwingen, auch wenn die Aussicht von den Gipfeln jede Mühe des Aufstiegs lohnt. Hier gibt es nichts, keine Wege, keine Unterkünfte, keine Infrastruktur, nur 2000 Quadratkilometer reine Wildnis. Und es gibt kaum einen besseren Ort, um als Mensch Demut vor der Schöpfung zu lernen.


SAREK NP Farbenrausch jenseits des Polarkreises: Im Sarek-Nationalpark hoch im Norden von Schweden greift die Natur ganz tief in den Malkasten, bevor die Finsternis des Nordwinters die Herrschaft 端bernimmt.

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OULANKA NP Für die Deutschen wohnt die Romantik im Wald. Die Finnen haben so viele Bäume, dass sich die Romantik in ihren Wäldern unbehaust fühlen würde – vor allem in Oulanka, dem wildesten aller Waldgebiete.

Das Sprichwort sagt, dass man manchmal vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Im Oulanka-Nationalpark im südlichen finnischen Lappland ist es anders: Hier sieht man vor lauter Bäumen nichts als Wald und glaubt irgendwann, die Welt bestehe auch aus nichts anderem als Holz. Unvorstellbare zwei Drittel der Landesfläche Finnlands werden von Wäldern bedeckt, und nirgend-

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wo wird dieses Übermaß eindrücklicher als in Oulanka, einer rauen, menschenleeren Welt aus Tälern, Canyons und unzugänglichen Mooren, in denen Luchse, Wölfe, Vielfraße und Bären hausen. Vor allem aber ist es eine Welt aus Wald. Die Stille, die über diesem Land liegt, ist manchmal beängstigend. Kein Wind rauscht in den Wipfeln, kein Vogel zwitschert in den Ästen, kein Fluss murmelt

vor sich hin. Man hat den Eindruck, als habe es diesen Wald schon immer gegeben und als werde es ihn immer geben. Doch das ist eine Täuschung. Um die Wende zum 20. Jahrhundert legte ein fürchterlicher Flächenbrand die gesamte Region in Asche. Der Wald ist also vergleichsweise jung und angesichts der grausamen Winter zudem extrem widerstandsfähig.


OULANKA NP Wachsamer Hüter des Waldes: Braunbären gehören zum Inventar des Oulanka-Nationalparks. Doch den Menschen kommen sie hier selten in die Quere – weil es dort fast keine Menschen gibt.

FINNLAND | 31


LAKE DISTRICT Hochmoore, Sumpflandschaften und die düsteren Farben der Melancholie: Der Lake District ist Natur in ihrer ungestümsten Form, bewundert und besungen von den berühmtesten Dichtern Englands.

Daniel Defoe, der weit gereiste Autor des Klassikers »Robinson Crusoe«, kannte sich aus mit rauer Natur in der ganzen Welt. Doch im Angesicht des Lake District im Nordwesten Englands verschlug es sogar ihm fast die Sprache. Mit dem kalten Schauder des Entsetzens schrieb er, dies sei »die wildeste, kahlste und furchterregendste Gegend, die ich in England und sogar in Wales durchquert

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habe«. So viele Superlative schreckten aber niemanden ab, sondern weckten im Gegenteil die Neugier von Defoes Schriftstellerkollegen, die in stürmischer Liebe zum Lake District entbrannten, dem feuchtesten und wahrscheinlich auch windigsten Landstrich Englands. Hier hat die Natur den tiefsten See und die höchsten Berge des Landes versammelt, die einsamsten Hochmoore und die finstersten

Eichenwälder. Da musste es ja so kommen, dass die Dichter Britanniens den Lake District zum Idealbild einer romantischen Natur ohne die Übel der Zivilisation erhoben. Ihr berühmtester Vertreter sollte William Wordsworth werden, dessen Hymnen bis heute jedes Schulkind in England kennt – und ohne dessen Gedichte im Gepäck kein Besucher den Lake District durchwandern darf.


SNOWDONIA NP Das Idyll trügt, denn hier herrschen Geister und Dämonen: Der Snowdonia-Nationalpark, der im Jahr 1951 unter Schutz gestellt wurde, ist der Inbegriff einer wilden walisischen Landschaft.

Es war einmal ein Riese, der hieß Rhudda und hauste auf dem Gipfel eines Berges und kleidete sich mit einem Mantel aus den Barthaaren der Könige, die er erschlagen hatte. Der Mantel wurde immer dichter, bis König Artus kam und den bösen Riesen tötete, weil er sein Barthaar nicht hergeben wollte. Seither, so sagt es die Legende, ruht Rhudda auf seinem Berg, den die Waliser deswegen

Grabmal nennen – Yr Wyddfa. Auf Englisch heißt er Snowdon und ist nicht nur der Namensgeber, sondern auch der Höhepunkt des Snowdonia-Nationalparks im Norden von Wales. Unergründlich blau sind seine Gebirgsseen, geistergrün seine Berghänge. Doch oft werden alle Farben vom Nebel und den Wolken geschluckt, die sich wie eine stumme Flut anschleichen und die Land-

schaft verschleiern. Mehr als fünf Meter Niederschlag fällt hier jedes Jahr, brüllend heiß sind die Sommer, bitterkalt die Winter, scharf wie Messer die Felsen, und vor den beißenden Winden gibt es keine Rettung. In Snowdonia muss der Mensch immer auf der Hut sein, besonders vor den Bergen wie dem Cadair. Denn wer auf ihm übernachtet, so heißt es, wird entweder blind oder verrückt.

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Die Farben der Erde  

Die Farben der Erde Die faszinierendsten Naturlandschaften unseres Planeten

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