Andreas Werner. Galaktal

Page 1

WERNER

ANDREAS

GALAKTAL

WERNER

ANDREAS Florian Steininger [Hg. / Ed.]

GALAKTAL



we dreamed of a past future | Andreas Werner, VILTIN Gallery, Budapest, 2019 Ausstellungsansicht / exhibtion view


VORWORT Die Landschaft spielt in Andreas Werners grafischen Arbeiten im irdischen wie auch im galaktischen Sinne eine zentrale Rolle. Der Künstler sieht sich als Romantiker des neuen Jahrtausends, transferiert mit utopischer Verve das atmosphärische Klima von Natur und Landschaft vom 19. Jahrhundert in die Gegenwart. Initialzündung war Werners Begegnung mit Caspar David Friedrichs ikonischem Landschaftsbild Das Eismeer mit dem Zusatztitel Die gescheiterte Hoffnung in der Hamburger Kunsthalle. Werner interpretiert und modernisiert Friedrichs Eislandschaft in den Serien Eisberg, Landscape und Vastness als kompakte, kleinformatige, zeichnerische Arbeiten, die 2011 und 2012 entstanden. Letztere war auch Titel für Werners Diplomausstellung auf der Akademie der bildenden Künste Wien im Jahr 2012. Zum Teil fasst der Künstler die aus dem Wasser ragenden Eisblöcke zu plastischen Gebilden zusammen, zum Teil reduziert er sie auf ihre Silhouetten; Himmel und Wasser werden minimalisiert. Die konstruierten Landschaftsbilder werden dabei zu „Denk- und Gefühlsräumen“ laut Werner. Er arrangiert sie in dynamisch installierte Blöcke an der Wand oder legt sie in Vitrinen, wo sie miteinander kommunizieren und „narrative Assoziationsstränge“ erzeugen. Abstrakte Werke bilden den Gegenpol zu den landschaftlich und gegenständlich orientierten Arbeiten. In Blättern wie Geology (2013) wird die Natur im geologischen Sinne sichtbar. Hier verarbeitet Werner Aufschichtungen oder seismografische Spuren zu abstrakt-strukturellen Bildern. Maschinenhaft zieht er gleichmäßige Fährten und Amplituden, Naturelemente scheinen wie digitalisiert. Manchmal scannt der Künstler auch Aquarelle und transferiert sie in das digital-fotografische Medium. In anderen Bildern werden Geometrie, Struktur und Konstruktion von der freien Geste und den heftigen malerischen Spuren konterkariert. Zu den aktuellen Arbeiten, die seit 2018 entstehen, zählen großformatige, grafitschwarze Blätter mit hybriden Konstruktionen aus Raketen, Robotern und Architektur­ elementen. Die monumentalen Grafitzeichnungen besetzen nun installativ die Wän­ de des Oberlichtsaals und unterstreichen mit ihrem Aufwärtsstreben die vertikale Ausrichtung des Raums. Einzelne Module wie Säulen, Torbögen, Treppen, geo­ metrische Segmente und Lamellen fächert und spiegelt der Künstler zu symmetrischen zeichnerischen Capriccios in sattem samtigen Schwarz, mit nuancenreichen Schattierungen. Frontal und ikonisch muten die grafischen Konstruktionen an, ragen mächtig-erhaben in die Höhe. Werner bezieht sich in diesen Blättern dezidiert auf die Metropolis-Filmarchitektur, isoliert jedoch das Gebilde auf dem neutralen weißen Blatt zu einer abstrakt-zeichnerischen Form. In Fritz Langs futuristisch-expressio­ nistischem Film von 1927 bildet der Fredersen-Turm das ikonische Zentrum der Skyline als Superdom des Technologiezeitalters und auch als „Turm zu Babel“ bezeichnet. Letzterer ist ebenso der historische, biblische Prototyp der aufwärtsstrebenden Architektur. Antike griechische und römische Tempelanlagen zählen ebenso zu Werners Inspirationsquellen, wie auch Stufenpyramiden der Maya, die Architektur der Backsteingotik, die Sieben Schwestern des Sowjet-Klassizismus und Gebäudekomplexe aus futuristischen Hollywoodfilmen von Batman (Gotham City) über Blade Runner (Hauptquartier der Tyrell Corporation) bis Dune. Die monumentale Grafitzeichnung an der Prellwand des Oberlichtsaals bildet die horizontale Achse der Ausstellung. Der Künstler zitiert den antiken Pergamon-Tempel in Berlin mit seiner hierarchisch-symmetrischen Struktur. Die Vitrinen mit den kleinformatigen Zeichnungen ähneln Sarkophagen, die zum Weihetempel hinführen.

4


Einige der frühesten Grafitzeichnungen mit hybriden Konstruktionen sind 2019 im Rahmen von Andreas Werners AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich- Aufenthalt in Nida, Litauen entstanden. Diese Werke wurden auch gemeinsam mit den Raumrouten – grafische Vermessungen der Galaxie – sowie MondoberflächenZeichnungen im selben Jahr in der Gruppenausstellung Ticket to the Moon in der Kunsthalle Krems präsentiert. Im Rahmen des Programms AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich erhielt Andreas Werner Auslandsstipendien in Irland (2013), Ungarn (2014) und Litauen (2019). 2016 wurde er mit dem Niederösterreichischen Kulturpreis ausgezeichnet. Der Künstler ist 1984 in Merseburg an der Saale, Deutschland geboren und lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich. Die Ausstellung stellt eine fokussierte Präsentation von Werners rezentem künstlerischen Werk dar, sowie Auszüge seines bisherigen künstlerischen Schaffens. Solch eine Ausstellung bedarf der Unterstützung vieler. Unser herzlicher Dank gilt vor allem dem Künstler Andreas Werner, der uns mit großem Vertrauen und Engagement begegnet ist. Er hat den Oberlichtsaal der Kunsthalle Krems in einen eindrucksvollen Kunstraum verwandelt. Gedankt sei auch der Galerie Krinzinger, die den Künstler vertritt, und Erich Holzheu für die finanzielle Unterstützung der vorliegenden Publikation. Für die grafische Gestaltung des Ausstellungskataloges danke ich Alexander Rendi, der mit viel Einfühlungsvermögen gearbeitet hat. Großer Dank gebührt dem gesamten Team der Kunsthalle Krems beziehungsweise der Kunstmeile Krems, vor allem der operativen Geschäftsführerin Eva Engelberger, der Leiterin des Ausstellungs- und Katalogmanagements Elke Pehamberger-Müllner, der Projektleiterin Helene Fehringer, Christian Steiner sowie Philipp Emanuel Missaghi für die Unterstützung bei der Katalogredaktion. Zu danken ist auch der Abteilung für Marketing und Kommunikation unter der Leitung von Sigrid Wilhelm, Elisabeth Zettl, der stellvertretenden Leiterin von Marketing und Kommunikation/ Tourismus, Martina Hackel, der Leiterin der Abteilung für Events, Nicole Pröll, verantwortlich für das Development, Stefanie Fröhlich, der Leiterin von Kunstvermittlung und Besucherservice, und dem gesamten Kunstvermittlungsteam, insbesondere Claudia Pitnik, Reinhard Kern, dem Leiter des Facility-Managements, sowie dem Aufbauteam. Schließlich bedankt sich die Kunsthalle Krems sehr herzlich bei den Hauptförder­ gebern, dem Land Niederösterreich, dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentli­ chen Dienst und Sport, der Stadt Krems und dem Verein der Freunde der Kunst­meile Krems, die durch ihr finanzielles Engagement zur Realisierung von Ausstellung, Katalog und Kunstvermittlungsprojekten beigetragen haben.

Florian Steininger Künstlerischer Direktor der Kunsthalle Krems

5



AIR 2018, Krinzinger Projekte, Wien, 2019 Ausstellungsansicht / exhibtion view


GALAKTAL Andreas Werner im Gespräch mit Florian Steininger

Florian Steininger: 2018/19 hat ein stilistischer und motivischer Wandel in deinen Zeichnungen Einzug gehalten. Anstelle von Landschaft und Abstraktion treten nun architektonisch Elemente hervor, die sich zu hybriden Systemen ko­nfigu­rieren. Architektur paart sich mit Figur und Maschine. Wie kam es zu dieser Veränderung in deinem Werk? Andreas Werner: Nach einigen Jahren der Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft stellte sich mir immer wieder die Frage, was passiert in diesen Landschaften, wo sind sie und gibt es in ihnen Zeugen einer Zivilisation, da die meisten Landschaftsdarstellungen scheinbar unberührt und verlassen wirkten und doch eine gewisse düstere, von den Romantikern entlehnte Stimmung hatten. In der Geschichte der romantischen Malerei haben die verfallenen Ruinen, genauso wie Berge, Weite aber auch Größe, einen symbolischen Charakter gespielt. Dazu kommt, dass ich immer schon ein gewisses Faible für Archäologie und Science-Fiction hatte. In Anbetracht dieser Überlegungen war es für mich weniger eine Veränderung als eine logische Weiterentwicklung meiner Thematik. FS: Deine Grafitzeichnungen der hybriden Konstruktionen strahlen etwas Erhabenes aus. Sie sind massiv und monumental, streben gen Himmel, wie mächtige Pyramiden, Tempelanlagen und Hochhäuser – vom biblischen Turmbau zu Babel bis zu den Skyscrapern der Moderne. Vor allem Fritz Langs Film Metropolis und seine futuristische Architektur kommt einem da in den Sinn, insbesondere der alles überragende Dom, der das Stadtbild dominiert. In deinen Zeichnungen schwingt auch eine gewisse düstere Note mit, vielleicht auch ein wenig dem satten Schwarz des Grafits geschuldet? AW: Auf jeden Fall spielt das Genannte eine Rolle in meinen Zeichnungen. Da ich in Merseburg an der Saale geboren bin, habe ich das Landesstipendium des Landes Sachsen-Anhalt bekommen und habe einige Zeit in einem mir zur Verfügung gestellten Atelier in Salzwedel verbracht. Diese Zeit habe ich intensiv für Recherche­ arbeit genutzt, einerseits in Hamburg, in Berlin aber auch in Peenemünde an der Ostsee. Weiters war ich die ganze Zeit von der norddeutschen Backsteingotik umgeben. Mein Blick aus dem Atelier fiel tagtäglich auf eine imposante Kirche mit ihrem zum Himmel strebenden Turm. Da liegen die Assoziationen des Turmbaus zu Babel sehr nahe. Das überaus bekannte Bild von Bruegel ist auch eines der ersten Bilder, das ich als kleines Kind aktiv im Museum wahrgenommen habe und das eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt hat. Ich hatte eine kleine Postkarte des Gemäldes auf meinem Schreibtisch im Kinderzimmer stehen. Die Verdichtung des „Schwarz“ des Grafits ergibt die angesprochene Erhabenheit mit gleichzeitiger Düsterkeit. Wenn man sich aber den Zeichnungen nähert, merkt man, dass es nicht wirklich Schwarz ist. Es entsteht vielmehr eine gewisse glatte Oberfläche, die sich spiegelt und an metallische Oberflächen erinnert. Faszinierend finde ich, wie viele Nuancen und auch Couleurs mit Grafit zu erreichen sind.

10


11

sheltering from the sun and wind IV, 2021 Grafit und Bleistift auf Papier / Graphite and pencil on paper, 230 x 98 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


FS: In Metropolis kommt auch eine monströs-gigantische Maschinen-Architektur vor, in symmetrischem Aufbau, in der Mittelachse eine steile Treppe. Auch das erinnert mich an deine hybriden Maschinen-Architekturen in Grafitschwarz. AW: In einer Ausstellung in Berlin sah ich eine sehr spannende Aufzeichnung eines Interviews mit Fritz Lang. Er sprach über sein Leben und Filmschaffen. Fritz Lang war ein grandioser Erzähler. Er vermochte es, mir das Gefühl zu geben, dabei zu sein. Dadurch wurde mir wieder der Film Metropolis in Erinnerung gerufen. Dieser Film ist ja die Mutter aller Science-Fiction-Filme. Er wird immer wieder gern in der Popkultur zitiert und ist ein Teil des kollektiven Gedächtnisses unserer Zeit geworden. Die Filmkulissen des expressionistischen Films stellen nach wie vor einen Ausgangspunkt meiner Zeichnungen dar. Der angesprochene symmetrische Aufbau in der Zeichnung wie auch in der Präsentation der Arbeiten kommt aber eher aus der Architektur bzw. der Archäologie. Räume oder Gebäude haben zumeist einen Zweck, und durch die Anlage, wie eine Architektur gestaltet ist, spricht und wirkt sie auf uns. Die Verwendung einer Mittelachse suggeriert etwas Erhabenes und Transzendentales. Das können wir in archaischen Tempelanlagen, Kirchen, barocken Prunkbauten bis hin zu modernen Gebäuden feststellen. FS: Filmarchitektur ist doch ein wesentlicher Faktor im Kontext deiner neuen Zeichnungen – von Metropolis bis Blade Runner könnte man deine Inspirationsfelder umspannen. AW: Stimmt. Ich zitiere gerne popkulturelle Allegorien in meiner Arbeit, wobei die Literatur, wie zum Beispiel von Stanisław Lem oder Thomas Pynchon, ebenso wichtige Quellen sind. Science-Fiction bietet hierbei ein weites Spektrum. Durch den geschickten Trick des Verlagerns der Handlung in die weit entfernte Zukunft hat man die Möglichkeit, einen Blick auf die Gegenwart mit genügend Distanz zu werfen. Die Filmarchitektur, also die Kulisse, das Setting von Filmen wie Blade Runner, Solaris, 2001: Odyssee im Weltraum, Metropolis, Der Wüstenplanet (1984, englischer Originaltitel Dune) oder auch der nie entstandene Film Dune vom Filmregisseur Alejandro Jodorowsky bieten neben den Recherchen zu tatsächlichen Gebäuden, Tempelanlagen und Kultstätten alter Zivilisationen und Hochkulturen, einen großen Fundus an Formen, die ich dann gerne neu interpretiere und verbinde. Somit collagiere ich mich durch Raum und Zeit in meinen Zeichnungen. FS: Im Rahmen der Ticket to the Moon-Ausstellung im Jahr 2019 in der Kunsthalle Krems waren drei dieser monumentalen Grafit-Arbeiten vertreten. Die zeichnerischen Konstruktionen gleichen archaischen Raketen, die sich auf die Reise zum Mond begeben. Begleitet hast du sie mit den Raumrouten, kleineren, in Vitrinen ausgestellten, grafischen Werken, in denen du stellare Anordnungen vermessen hast. Inwieweit spielt das Utopische und Futuristische eine große Rolle? AW: Die Idee der Utopie erlebt heute eine Renaissance, wahrscheinlich den Krisen unserer Zeit geschuldet. Wobei mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus die letzte große Utopie untergegangen ist. In dem Überschwang der 1990er-Jahre war es wahrscheinlich auch nicht mehr von Nöten, neue Utopien zu formulieren.

12


13

they are driven by voices and dreams III, 2021 Grafit und Bleistift auf Papier / Graphite and pencil on paper, 153 x 140 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


Meine Raumrouten sind eine Vermessung und eine Kontextualisierung der großformatigen Zeichnungen. Es ist wichtig für mich, die großen „Monumente“ mit den kleinen Formaten zu kombinieren. Das ist für mich wie ein Hinein- und Hinauszoomen vom Mikro- zum Makrokosmos; das eine bedingt das andere. Auch die Lesbarkeit der Raumrouten lässt das selbst zu. Da gibt es Anlehnungen an die Wissenschaft, wie zum Beispiel die Nebelkammern mit ihren Aufzeichnungen von den Bewegungen der Elektronen oder auch die Beobachtungen von Sternensystemen und Bahnen von Planeten und Flugkörpern. Aber es ist auch die Idee, dass auf diesen großformatigen Stein- und Metallgebilden Einritzungen wie Sgraffitos gefunden werden können und wir ganz nahe auf die Oberfläche dieser Konstruktionen sehen, wenn wir diese Raumrouten studieren. Alle diese Ansätze zeigen, dass ich einen Hang zum Futurismus und zu utopischen Träumereien habe. Ich glaube, dass darin ein großes Potential für die Kunst liegt, denn in der Geschichte ist oft die Kunst mit ihren utopischen Ideen der Wissenschaft vorausgeeilt. Die Idee des Mobiltelefons, des kleinen Taschencomputers, hat ihren Ursprung im Kommunikator aus Raumschiff Enterprise. Oder auch die Überlegung, ob es möglich ist, für einen Menschen zum Mond zu reisen, entstand aus der Lektüre von Jules Vernes Reise zum Mond, als Hermann Oberth, der Vater der Raumfahrt und Lehrer Wernher von Brauns, als Kind dieses dieses Buch las und später dann auf wissenschaftlicher Basis versuchte, diese Idee zumindest theoretisch zu berechnen. FS: Wir zeigen auch dein landschaftliches Werk, das seit nun gut zehn Jahren kon­tinuie­rlich in deinem zeichnerischen Schaffen hervortritt. Dein Landschaftsbegriff ist aber kein klassisch romantischer oder impressionistischer, sondern ein cooler, strenger, konstruierter, so als ob die intuitive Handschrift vom Vektorgrafik­ programm abgelöst worden wäre. AW: Sowohl als auch. Dazu muss man ja verstehen, dass Landschaft und damit einhergehend der Naturbegriff immer eine Konstruktion ihrer Zeit sind. Als die Romantiker angefangen haben, ihre menschenleeren Landschaften zu malen, waren wir mitten in der ersten industriellen Revolution. Sie boten einen eskapistischen Gegenentwurf zur Realität, die sie umgab, malerisch eingelöst von Caspar David Friedrich und William Turner. Ich verehre beide sehr, aber nichtsdestotrotz zeigen sie damals schon eine Tendenz zur Weltflucht. In unserer heutigen Zeit, in der es keine weißen Flecken auf den Weltkarten mehr gibt und alles vermessen und kartografiert zu sein scheint, außer der Weltraum, der uns noch genügend Raum für Utopien gibt, ist auch der Begriff von Landschaft ein anderer. Wo, zumindest in meiner Lebensrealität, gibt es noch unberührte Natur und Landschaft? Alles ist einer gewissen Nutzbarkeit für den Menschen unterworfen und somit ist ja auch die Landschaft, die uns umgibt, eine Konstruktion. FS: Das Grafische ist bei dir die dominante Konstante. Du hast bei Gunter Damisch studiert und diplomiert. Inwieweit hat dich dein Lehrer geprägt, bzw. die Druckerpresse in der Werkstatt? Du hast immer wieder druckgrafische Arbeiten realisiert – Radierung, Siebdruck – auch während deiner AIR-Residenz in Irland. AW: Das Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Gunter Damisch war für mich und meine künstlerische Entwicklung sehr wichtig. Gunter war

14


15

sheltering from the sun and wind III, 2018 Grafit und Bleistift auf Papier / Graphite and pencil on paper, 300 x 100 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


ein hervorragender Lehrer. Im Nachhinein würde ich sagen, dass eine der zentralen Lehren, die er uns vermitteln wollte, eine gewisse Lebenshaltung war und damit verbunden ein sehr offener und weiter Kunstbegriff. Er vermochte es, uns einen Raum zu geben, in dem wir alle Freiheiten für Experimente und Versuche in unserer Arbeit hatten, und uns zu begeistern. Was ich auf jeden Fall von der Druckgrafik übernommen habe, ist ein gewisses serielles Denken, das man bis heute in meiner Arbeit sieht. Ich zeige nie eine Zeichnung für sich, sondern immer im Zusammenhang mit anderen. Die Werke „sprechen“ miteinander oder verweisen aufeinander. Die analytische Herangehensweise habe ich sicherlich auch von der Druckgrafik gelernt. Durch den Druckprozess und seine technischen Limitierungen ist es erforderlich, die Druckgrafik zu planen und in Ebenen zu denken. Ich genieße es immer wieder, mich mit Radierung oder Siebdruck auseinander zu setzen. Die Zeit in einer Werkstatt hat auch etwas Beruhigendes und Meditatives für mich. Das Drucken ist ein Prozess, in den ich auch sehr gut hineinkippen kann. Mich dabei in technische Spielereien und Details zu vertiefen, ist eine willkommene Abwechslung zur Arbeit an meinen Zeichnungen im Atelier. Das habe ich auch sehr bei meiner Residency in Irland genossen. Dort habe ich ein Druckgrafikstudio zur Verfügung gestellt bekommen in einer malerischen Lage direkt am Meer. Es war eine wunderbare Zeit für mich, einmal weg von dem üblichen Trott und den Verpflichtungen zu sein und mich einige Zeit ohne Druck und Erwartungen einzig und allein der künstlerischen Arbeit widmen zu können. FS: Ein beträchtlicher Teil deiner Arbeiten ist im kompakten Format entstanden. Du gestaltest dann mit den kleinformatigen Bildern oft dynamische Blockhängungen oder legst sie in Vitrinen. Warum die Favorisierung des Kammermusikalischen in der Bildgröße? Und was macht es für die Zeichnungen aus, wenn sie auf dem Tisch oder in einer Vitrine liegen oder auf der Wand hängen? AW: Das Kleinformat hat etwas sehr Intimes und Feines für mich. Diese Arbeiten verzeihen auch keine Fehler, da alles auf einen Blick ersichtlich ist und funktionieren muss. Auch ist es wichtig, die kleine Bildfläche nicht zu überladen. Ich finde es wesentlich spannender, eine Idee nach der anderen umzusetzen und Blatt für Blatt zu bearbeiten. Wenn ich eine Zeichnung in eine Vitrine lege, passiert durch die räumliche Veränderung viel mit ihr. Die Betrachtung der Blätter ist auch eine viel intimere und präzisere. Die Arbeiten auf Papier erhalten Objektcharakter, sind wie Schaustücke. Wir werden dann Spaziergänger in einer imaginären Landschaft. FS: Andererseits sind in den letzten Jahren großformatige abstrakte Arbeiten auf Papier entstanden, die ausladende gestische Sprayspuren eingeschrieben haben. Siehst du deine Arbeitsweise als einen offenen Prozess? AW: Das stimmt. Ein offener und freier Zugang ist mir im Schaffensvorgang sehr wichtig. Ich möchte mich nicht selbst reglementieren. Es entscheidet sich dann immer aus dem Prozess heraus, wo die Arbeit hingeht. Entscheidend ist mir aber eine gewisse Stringenz und Nachvollziehbarkeit innerhalb des Werkes; ich arbeite ja oft in Serien. Somit gibt es für mich keine Brüche innerhalb des Werkes. Vielmehr werden Ideen immer wieder neu aufgegriffen und verhandelt. So tauchen etwa die gestischen Sprayspuren wieder in anderen Zyklen auf. In den monumentalen

16


17

they are driven by voices and dreams V, 2021 Grafit und Bleistift auf Papier / Graphite and pencil on paper, 160 x 98 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


Grafitzeichnungen gibt es durchwegs auch gestische, ja, expressionistische Momente, die auf diese Arbeiten verweisen. Die Grundhaltung ist also bei allen Zeichnungen die gleiche. FS: Im Kontext der Abstraktion stehen auch rezente Werke auf Holztafeln, die mehrere Farbschichten sedimentiert haben, welche grafisch von dir freigelegt wurden. Sie strahlen auch eine gewisse kosmisch-stellare Dimension aus. AW: Die Raumrouten in Grafit habe ich schon einige Jahre gezeichnet, und nun wollte ich die farbliche Dimension in diese Serie einfügen, wie schon in früheren Arbeiten. Die Ursprungsidee hatte ich schon vor einiger Zeit. Beim Betrachten von Restaurierungen an alten Gebäuden oder auch archäologischen Ausgrabungen ist mir die vorsichtige und partielle Freilegung aufgefallen. Mit jeder Schicht, die abgetragen wird, gehen wir in der Zeit zurück. Es ist wie eine Zeitreise in unserer Geschichte, ein Gedanke, den ich faszinierend und durchaus auch ästhetisch reizvoll finde. Daraufhin habe ich begonnen, auf Holzplatten unzählige Farbschichten und Malereien aufzutragen und mit Hilfe von Radier- und Holzschnittwerkzeug diese wieder freizulegen und zeichnerische Elemente herauszuarbeiten. Dadurch sind Arbeiten entstanden, die wie Aufnahmen von kosmischen Nebeln und Sternensystemen wirken. Durch ihre Farbigkeit haben sie auch popkulturelle Aspekte erhalten. Diese Auffächerung auf mehrere Ebenen finde ich dabei sehr spannend. FS: Du hast der Ausstellung den Titel Galaktal gegeben. Kannst du den Begriff ein wenig erläutern, beruhend auf deinem in der Kunsthalle Krems präsentierten Werk? AW: Wie schon erwähnt, war es eine immer wiederkehrende Frage, was das denn für Objekte seien, die ich darstelle. Daher kam mir die Idee diesen zeichnerischen Monumenten einen Namen zu geben, einen Namen, der nichts erklärt, aber doch durch die Wortschöpfung einen Hinweis gibt. Der Begriff „Galaktal“ schoss mir dann in den Kopf und ist eine Zusammensetzung von mehreren Assoziationsketten: einerseits des Wortes „Galaxis“, bzw. „Galaktisch“ und andererseits des Wortes „Tal“, das einen Hinweis auf meine Landschaftsdarstellungen gibt. Dazu hatte ich auch das Bild von Stalaktiten und Stalakmiten im Sinn, die von Kalkablagerungen über Jahrmillionen in Höhlen entstehenden Gesteinsobjekte, die auch etwas Turmbaumäßiges haben. So zu sagen habe ich die gleichen collagierenden, zusammensetzenden und alchimistischen Gedanken wie in meinen Zeichnungen für den Titel der Ausstellung gewählt, um den Kreis zu schließen. Für die Ausstellung in Krems bedeutet das konkret, dass die gezeigten Zeichnungen turmähnlicher, archaischer Objekte sowie von Raumschiff- beziehungsweise Roboterkonstruktionen mit metallisch anmutenden Oberflächen einen konkreten Namen haben und sich eine weitere Bedeutungsebene erschließt. Sie haben einen Überbegriff bekommen, um eine weitere Lesart oder Deutungsmöglichkeit der unterschiedlich wirkenden Arbeiten – kleine Landschaftsdarstellungen und stellare Vermessungen in den Vitrinen sowie monumentale Zeichnungen an der Wand – zu eröffnen.

18


19

sheltering from the sun and wind I, 2018 Grafit und Bleistift auf Papier / Graphite and pencil on paper, 300 x 100 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


20

the future lies with what’s affirmed from under II, 2020 Bleistift und Tusche auf Papier / Pencil and India ink on paper, 50 x 35 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


21

deeper than you expected V, 2021 Grafit und Bleistift auf Buntpapier / Graphite and pencil on color paper, 102 x 72 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


22

Raumroute Nummer 20, 2020, Acryl auf Papier / Acrylic on paper, 65 x 50 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist; Raumroute Nummer 16, 2020, Acryl auf Papier / Acrylic on paper, 65 x 50 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist; Raumroute Nummer 14, 2020, Bleistift auf Papier / Pencil on paper, 70 x 50 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist; Raumroute Nummer 15, 2020, Öl auf Papier / Oil on paper, 65 x 50 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist

where the gaudy moon is hung, 2019, Bleistift und Tusche auf Papier / Pencil and India ink on paper, 30 x 21 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist; Raumroute Nummer 29, 2020, Grafit und Bleistift auf Papier / Graphite and pencil on paper, 35 x 50 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien / Vienna, und der Künstler / and the artist


23