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CHECHNYA

Writers in Exile Die Stipendiatinnen und Stipendiaten 1999-2012


Inhaltsverzeichnis Seite 3 Inhalt 4/6 Vorwort von Christa Schuenke 7/9 Preface by Christa Schuenke 11 Algerien 12/13 Abderrahmane Bouguermouh 14/15 Hamid Skif 16/17 Bangladesch: Humayun Azad 18/19 China 20/21 Guobiao Jiao 22/23 Zhou Qing 24/25 Iran 26/27 Roshanak Daryoush 28/29 Masoud Ali-Reza Espabod 30/31 Khalil Rostamkhani 32/33 Faraj Sarkohi 34/35 Mansoureh Shojaee 36/37 Kolumbien: Eva Durán 38/39 Kuba 40/41 Jorge Luis Arzola 42/43 Amir Valle 44/45 Russland 46/47 Sergej Zolovkin 48/49 Serbien: Jovan Nikolić 50/51 Sierra Leone: Claudia Anthony

52/53 Simbabwe 54/55 Itai Mushekwe 56/57 Maxwell Sibanda 58/59 Sri Lanka: Rohitha Bashana Abeywardane 60/63 Togo: Cosmos Akoete Eglo Agbodji 64/65 Türkei 66/67 Fethiye Çetin 68/69 Mehmet Selim Çürükkaya 70/73 Ahmet Kahraman 74/75 Pinar Selek 76/77 Tunesien: Sihem Bensedrine 78/79 Tschetschenien 80/81 Adam Guzuev 82/83 Maynat Kurbanova 84/85 Weißrussland 86/87 Swetlana Alexijewitsch 88/89 Alhierd Bacharevič 90 Die Charta des Internationalen PEN 91 PEN International Charter 92 PEN-Zentrum Deutschland 93 Der PEN-Freundes- und Förderkreis 94 Impressum 95 Fördermitglied werden

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„Ich habe mich kaum je unter den Menschen so fremd gefühlt als gegenwärtig ... Das Schlimmste ist, daß nirgends etwas ist, mit dem man sich identifizieren kann”, schreibt Albert Einstein im Herbst 1933, kurz nachdem er, aus Deutschland vertrieben, in Amerika Zuflucht gefunden hatte. Vertrieben wie so viele andere deutsche Künstler und Intellektuelle, die während des Dritten Reichs aus Deutschland flüchten mussten. Wohl jeder Exilant kennt dieses Gefühl anhaltender Fremdheit, das selbst das freundlichste Willkommen im Aufnahmeland allenfalls mildern kann. „Annäherung und Abstoßung sind tägliche Erfahrungsmuster, die in der Unsicherheit des Exils überproportionale positive wie negative Emotionen hervorrufen“, stellt die Journalistin Claudia Anthony aus Sierra Leone, von 2000 bis 2005 Stipendiatin im Programm Writers in Exile (WiE) des deutschen PEN, nüchtern fest. Das liest sich wie ein Kommentar zu dem von Einstein beschriebenen, für das Leben im Exil so charakteristischen Missbefinden. In dem grausamen Bürgerkrieg, der ihre Heimat verwüstete, war Claudia Anthony in großer Gefahr und musste flüchten. Inzwischen ist sie wieder nach Freetown zurückgekehrt und arbeitet dort für die BBC. Seit dreizehn Jahren besteht das Writers-in-Exile-Programm – gleichsam eine Reverenz an die Regierungen und die PEN-Zentren jener Länder, die deutschen Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern während der NS-Zeit behilflich waren, aus Deutschland herauszukommen, und ihnen Zuflucht boten. Finanziert von der deutschen Bundesregierung, wird das Programm vom PEN geführt und betreut. Die große Bedeutung dieses Programms innerhalb des PEN drückt sich darin aus, dass das zuständige Vorstandsmitglied das Amt eines Vizepräsidenten bekleidet. Bis zu sieben in ihren Ländern verfolgte Autoren finden durch Writers-in-Exile zeitweilig Aufnahme in Deutschland. 30 Stipendiaten konnten oder können so für eine Zeit in relativer Sicherheit und frei von materieller Not leben und vor allem schreiben. Der PEN verfügt über drei komfortabel eingerichtete Wohnungen in Berlin, eine weitere in München und eine in Nürnberg. Dort trägt jeweils die Stadt die Miete, sodass der PEN nur die Krankenversicherung der Stipendiaten zahlt, während er in Berlin auch für die Miete aufkommt. Zusätzlich erhält jeder Stipendiat monatlich eine Summe für seine persönlichen Ausgaben. 4 | Stipendiatinnen & Stipendiaten

Foto: privat

Christa Schuenke Writers in Exile


Die Stipendien werden jeweils für ein Jahr vergeben und können bei Bedarf auf maximal drei Jahre verlängert werden. Bei praktischen Alltagsfragen wie Arzt- und Behördengängen aller Art helfen vom PEN engagierte Betreuer, die die Sprache der Stipendiaten beherrschen. Der PEN stellt die Stipendiaten auf seiner Website vor und publiziert deren Arbeiten in loser Folge. Eine erste Anthologie mit Texten aus dem Exil erschien 2009. Die zweite, Fremde Heimat, erscheint 2013 im Verlag Matthes & Seitz, Berlin. Zudem organisiert der PEN für die Stipendiaten Lesungen und gibt ihnen Gelegenheit, sich öffentlich zu präsentieren, z.B. im SALON EXIL in Berlin, wo dreimal im Jahr WiE-Stipendiaten vorgestellt werden. Auch auf den Jahrestagungen und bei allen anderen PEN-Veranstaltungen sind die Stipendiaten gern gesehen. Immer wieder bitten Stipendiaten aus Sorge um ihre persönliche Sicherheit und zum Schutz ihrer Familien darum, in Publikationen oder auf der Website des PEN keine Auskunft über sie zu geben und auch kein Foto von ihnen zu veröffentlichen, denn manchen könnte selbst die kleinste Indiskretion zum Verhängnis werden. Andere wiederum wollen gern mit ihrer Geschichte, ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit treten. Der PEN respektiert das Schutzbedürfnis der einen und ist bemüht, den anderen ein Podium zu geben. Aber wie sehr wir uns auch anstrengen, um den Stipendiaten den Aufenthalt in der „fremden Heimat“ zu erleichtern: das Leben im Exil ist niemals leicht. Zur Bürde einer oft traumatischen Vergangenheit, die viele im Gepäck tragen, kommt der von Einstein beklagte Identifikationsverlust, kommt der Verlust all dessen, was einem vertraut war. Und neben solchen mitunter lähmenden Belastungen müssen sie hier, in einem Land mit einer ihnen fremden Kultur, einem Land, dessen Sprache sie nicht verstehen, den Alltag bewältigen und dürfen bei all dem nicht den Kontakt zur eigenen Heimat und zu ihrer eigenen Sprache verlieren, denn dort sind ihre Leser. Den meisten ist der Weg zurück ins eigene Land auf lange Zeit, wenn nicht sogar für immer, versperrt. Nach Ende des Stipendiums bleibt oft nur, einen Antrag auf Asyl zu stellen. Um ihnen dieses Verfahren zu erleichtern, beauftragt der PEN einen erfahrenen Anwalt damit, sie in dieser Phase zu begleiten, ihnen die demütigenden Seiten des Asylverfahrens zu ersparen und dafür zu sorgen, dass sie schnellstmöglich einen Flüchtlingspass oder, wenn gewünscht, die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ist dies geschafft, sind sie allein für sich und ihren Broterwerb verantwortlich. Der Übergang von der relativen Geborgenheit des Stipendiums in die eigenverantwortliche Existenz fällt mitunter schwer. Damit die Integration gelingt, muss beizeiten mit den Stipendiaten über ihre Perspektiven geredet und ihnen bewusst gemacht werden, dass sie nur dann autark in Deutschland leben können, wenn sie bereit sind, Deutsch zu lernen. Writers in Exile | 5


Das Writers-in-Exile-Programm des PEN kann freilich nicht die Welt verändern, aber es kann einigen wenigen bedrohten Autoren das Leben retten. Das wäre nicht möglich ohne die Vernetzung mit Gleichgesinnten auf nationaler wie auf internationaler Ebene. So arbeitet der PEN mit deutschen Städten zusammen, die eigene Jahresstipendien für Exilautoren vergeben, z.B. das Friedl-Dicker-Stipendium in Weimar. Zugleich kooperiert der PEN mit anderen Organisationen, deren Zielsetzung der seinen ähnlich ist, wie mit der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und dem Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich sowie mit vergleichbaren Projekten, etwa dem Programm Städte der Zuflucht, zu dem u.a. Wien und Graz gehören, und dem International Cities of Refuge Network (ICORN). Durch das Writers-in-Exile-Programm können bedrohte Autoren aus aller Welt eine Zeitlang innehalten und Kraft schöpfen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, mag mancher denken. Doch jeder Tropfen dieser Art hilft Leben retten. Dafür danke ich und danken vor allem die 30 WiE-Stipendiaten der zurückliegenden 13 Jahre dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Herrn Staatsminister Bernd Neumann, von ganzem Herzen. In dieser Broschüre stellen wir die bisherigen Writers-in-Exile-Stipendiatinnen und Stipendiaten mit einer kurzen Biografie vor – mit Ausnahme derer, die aus Sicherheitsgründen ausdrücklich darum gebeten haben, von der Veröffentlichung ihrer Namen und der Darlegung ihrer Fälle abzusehen. Christa Schuenke Vizepräsidentin und Writers-in-Exile-Beauftragte PEN-Zentrum Deutschland

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Foto: privat

Christa Schuenke Writers in Exile “I’ve hardly ever felt so much a stranger among people as I do at present… The worst thing is that there is nothing you can identify with,” Albert Einstein wrote in autumn of 1933, shortly after he had found refuge in America following his eviction from Germany. He was evicted just like so many other German artists and intellectuals who had to flee Germany during the Third Reich. This feeling of permanent alienation is well-known to almost everyone living in exile, a feeling which even the friendliest welcome in the country of destination can only mitigate. “Approach and rejection are everyday experiences which, in the uncertainty of exile, lead to disproportionate positive and negative emotions,” is the matter-of-fact conclusion of journalist Claudia Anthony from Sierra Leone, holder of a scholarship of German PEN’s program Writers in Exile (WiE) between 2000 and 2005. Her statement sounds like a comment on the feeling of unease described by Einstein which is so common among those living in exile. In the cruel civil war raging in her native country, Claudia Anthony was in great danger and had to flee. She is now back in Freetown where she works for the BBC. The Writers in Exile program has been in existence for thirteen years – a form of reverence to the governments and PEN centres of the countries which helped German scientists, artists and writers to escape from Germany during the Nazi regime and offered them refuge. The program, financed by the German federal government, is managed and supported by PEN. The fact that the responsible member of the board holds the position of a vice president underlines the great importance of this program within PEN. In the framework of Writers in Exile, up to seven authors who are persecuted in their home countries can temporarily reside in Germany. This means that up to now, 30 scholarship holders have been able to live – and above all write – in relative security and free from material need for a certain time. PEN has three comfortable apartments in Berlin, one in Munich and another one in Nuremberg. There the respective municipalities pay the rent so that PEN only has to cover the scholarship holders’ health insurance while it also pays the rent in Berlin. In addition, every scholarship holder receives a certain amount for personal expenses per month. Writers in Exile | 7


The scholarships are awarded for one year at a time and can be extended to a maximum of three years if required. For practical everyday issues such as visits to doctors or authorities, PEN provides for support by committed counsellors who speak the scholar’s language. The scholarship holders are presented on PEN’s website, their work is published at irregular intervals. The first anthology of texts written in exile appeared in 2009; the second one, Fremde Heimat, will be published in 2013 by publishing house Matthes & Seitz, Berlin. In addition, PEN organizes readings for the scholarship holders and offers them opportunities to appear in public, e.g. in SALON EXIL in Berlin where the WiE scholarship holders are presented three times a year. They are also very welcome to attend annual conventions and any other PEN event. Time and again, scholarship holders request that no information on their identity be provided in publications or on the PEN website and that their photograph not be published as they fear for their personal safety and wish to protect their families - in some cases, even the slightest indiscretion could be fatal. Others in turn are eager to reveal their fate to the public. PEN respects the need for protection while striving to offer a podium for those who so desire. But despite our efforts to facilitate the scholarship holders’ stay in their “foreign homeland”: life in exile is never easy. The load of an often traumatic past which many of them have to carry is coupled with the loss of identity Einstein complained about and the loss of everything they used to be familiar with. And in addition to these burdens which can sometimes be paralyzing, they have to cope with everyday life here in Germany, a country whose culture is alien to them, a country where they do not understand the language, while trying not to lose contact to their own home country and their native language, for this is where their readers are. For most of them, the way back to their home country is barred for a long time, or even forever. When the scholarship expires, an application for political asylum often is the only option. In order to facilitate such procedures, PEN mandates an experienced lawyer who supports the exiles in this phase, who prevents them from having to deal with the humiliating aspects of an asylum procedure and who will make sure that they are granted the status of a political refugee, or, as far as this is desired, German nationality as soon as possible. Once this has been achieved, they are solely responsible for themselves and for earning their bread. Transition from the relative security offered by the scholarship to a self-dependent existence sometimes is not easy. Integration can only be successful if the scholarship holders’ prospects are discussed with them in due time – they must realize that self-sufficient life in Germany is only possible if they are willing to learn German.

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Sure enough, the Writers in Exile program cannot change the world, but it can save the life of a few authors in danger. This would not be possible without the network of like-minded people on a national and international level. For example, PEN cooperates with German cities which offer their own twelvemonth scholarships for authors in exile, such as the Friedl-Dicker scholarship in Weimar. At the same time, PEN collaborates with other organizations with similar objectives, such as the Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte [Hamburg foundation for politically persecuted people] and the Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich as well as other comparable projects, e.g. the program Städte der Zuflucht (Cities of refuge), among them Vienna and Graz, and the International Cities of Refuge Network (ICORN). Thanks to the Writers in Exile program, authors in danger from all over the world can pause and regain their strength for a while. Just a drop in the ocean, many may think. But every drop of this kind helps to save lives. For this, my wholehearted thanks and a special thank you from the 30 WiE scholarship holders in the past 13 years go to Mr Bernd Neumann, Federal Government Commissioner for Culture and the Media. In this brochure we present all previous and current holders of the Writers in Exile scholarship with a short biography – except for those who expressly requested that their names and cases not be published for security reasons. Christa Schuenke Vice president and Writers in Exile commissioner PEN centre Germany

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Writers in Exile Die Stipendiatinnen und Stipendiaten 1999-2012

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Foto: privat

Abderrahmane Bouguermouh Algerien Abderrahmane Bouguermouh wurde am 25. Februar 1936 in Izger Amokrane in Algerien geboren. Er studierte am Pariser Filminstitut und arbeitete von 1962 bis 1963 als Filmregisseur bei der Produktionsfirma R.T. Française. Seine Haltung zu den Berbern brachte ihm Schwierigkeiten mit den staatlichen Stellen in Algerien ein und führte zu seinem Ausschluss aus dem nationalen Film-Zentrum, dessen Mitbegründer er war. Ärger bekam er auch wegen der Realisierung eines Filmprojekts in der Sprache der Berber (1965); die Ausstrahlung des Films wurde verboten. In der Folge wurde Bouguermouh vom allgemeinen Überwachungsdienst beschattet, sein Telefon wurde abgehört. Zwischen 1968 und 1980 war er nicht nur von jeglicher geistig-kreativer Arbeit ausgeschlossen, sondern konnte auch nichts veröffentlichen. Da er keine Ausreisegenehmigung erhielt, dokumentierte er alles, was ihm widerfuhr – es entstand die Idee zu einem Roman. In den folgenden Jahren nahmen die Unruhen im Land zu. Zwar konnte er trotz großer Schwierigkeiten verschiedene Filmprojekte realisieren, doch nachdem er 1997 einen Berberfilm gedreht hatte, wurde er von den Fundamentalisten zum Tode verurteilt und entging nur knapp einem Attentat. 1998 erhielt er von der Heinrich-Böll-Stiftung ein einjähriges Arbeitsstipendium. Danach wurde ihm im Rahmen des Städte-derZuflucht-Programms bis August 2002 ein Stipendium in Graz gewährt, wo auch sein in Paris verlegter Roman Eclipse entstand. Von September 2002 bis September 2003 war Abderrahmane Bougermouth Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Heute lebt er wieder in Algerien. 2009 erschien sein Roman Anza.

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Abderrahmane Bouguermouh Algeria Abderrahmane Bouguermouh was born on 25 February 1936 in Izger Amokrane in Algeria. He studied at the Paris Film Institute and worked as a film director at the production company RT Française from 1962 to 1963. His stance on the Berbers got him in trouble with the authorities in Algeria and led to his exclusion from the National Film Center, which he co-founded. His difficulties grew worse because of his work on a film project in the Berber language (1965), the broadcast of the film was prohibited. As a result, Bouguermouh was shadowed by state security and his phone was tapped. Between 1968 and 1980 he was not only excluded from any intellectual-creative work, but was also unable to publish anything. Since he did not receive authorization to leave the country, he documented everything that happened to him–the idea for a novel came to him. In the following years unrest continued to multiply in the country. In spite of the great difficulties he was able to realize several film projects. However, he was sentenced to death by fundamentalists after he had made the Berber film in 1997 and narrowly escaped an assassination attempt. In 1998 he received a one-year working grant from the Heinrich Böll Foundation. Afterwards he was in the City of Refuge Program until August 2002, and was awarded a scholarship in Graz, where he wrote his novel Eclipse, which was later published in Paris. From September 2002 to September 2003 Abderrahmane Bouguermouh was a scholar in the PEN Writers in Exile Program. Today he lives in Algeria. In 2009, his novel Anza was published.

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Foto: Christoph Piecha

Hamid Skif Algerien Hamid Skif wurde am 21. März 1951 in der algerischen Hafenstadt Oran als Mohamed Benmebkhout geboren. Er war der erste Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm und bewohnte von Juli 1999 bis Dezember 2005 das Hamburger Stipendiatendomizil des PEN. Als er seine Heimat verließ, tat er es, weil er dort buchstäblich um sein Leben bangen musste. Was ihn gefährdete, waren indes weder seine Prosaarbeiten noch seine Poesie. Er arbeitete zunächst als Journalist, schrieb über die Folter in algerischen Gefängnissen, geriet Anfang der 70er Jahre selbst in Haft und setzte, kaum freigelassen, seine unvoreingenommene, keiner Selbstzensur unterworfene kritische Berichterstattung im Sinne der Menschenrechte fort. Fünfzehn Jahre schrieb er für eine Presseagentur, gründete dann eine eigene Wochenzeitung mit dem Titel Perspectives, verantwortete als Generalsekretär die Tätigkeit der algerischen Journalistenvereinigung und beobachtete für die Liga der Journalisten des Maghreb den Stand der Meinungsfreiheit. Dies trug ihm Mordanschläge ein und brachte auch seine Frau und die vier Kinder in Lebensgefahr. Als Fundamentalisten Bombenanschläge auf sein Haus und seine Redaktion verübten, musste er aus Algerien flüchten. Mit Hilfe von Freunden konnte er sich und seine Familie nach Hamburg retten. Inzwischen erschienen zahlreiche literarische Arbeiten von ihm, Erzählungen, Romane, Gedichte. In deutscher Übersetzung kam zuletzt 2007 im Nautilus-Verlag Hamid Skifs Roman Geografie der Angst heraus, der mit dem Prix de l’association des écrivains de langue française ausgezeichnet wurde. Hamid Skif war Mitbegründer des Vereins Alifma, der sich für die interkulturelle Verständigung zwischen Nordafrika und Deutschland einsetzt. Nach seinem Ausscheiden aus dem Writers-in-Exile-Programm blieb er in Hamburg, wo er am 18. März 2011 nach schwerer Krankheit verstarb.

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Hamid Skif Algeria Hamid Skif was born as Mohamed Benmebkhout on 21 March 1951 in the Algerian port city of Oran. He was the first scholar in the Writers in Exile Program and lived in the Hamburg PEN scholar’s home from July 1999 to December 2005. When he left his home, it was because he literally had to fear for his life there. However, what put him into danger there was neither his work nor his prose and poetry. He first worked as a journalist, then wrote about the torture in Algerian prisons and in the early 1970s was even forced to spend time in jail. Once released, he continued his unbiased, no holds-barred critical reporting in the sense of human rights. For fifteen years he wrote for a press agency and then founded his own weekly newspaper entitled Perspectives, was responsible as General Secretary for the activities of the Association of Algerian Journalists and monitored the state of freedom of expression for the League of Journalists in the Maghreb. This led to death threats and even brought his wife and four children in mortal danger. When a religious fundamentalist performed bomb attacks on his house and on his editorial staff, he had to flee from Algeria. With the help of friends he could escape with his family to Hamburg, Germany. Since then many of his literary works, short stories, novels, and poems could be published. Most recently Hamid Skif’s novel Geografie der Angst (Geography of Fear) was published in 2007 by the Nautilus Verlag in German translation, which was awarded the Prix de l’association des écrivains de langue française. Hamid Skif was co-founder of the Association Alifma that lobbies for cross-cultural understanding between North Africa and Germany. After retiring from the Writers in Exile Program he remained in Hamburg, where he passed away on 18 March 2011 after a serious illness.

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Humayun Azad Bangladesch Humayun Azad wurde am 5. Februar 1947 in Bangladesch geboren. Nach dem Linguistikstudium in Dhaka und Edinburgh, wo er promovierte, erhielt er 1986 eine ordentliche Professur für Bengalische Sprache an der Universität Dhaka. Seine Veröffentlichungen umfassen rund sechzig Werke, in denen er sich für die Rechte der Frauen, für Menschenrechte und gegen religiösen Fundamentalismus einsetzte. Sein Buch Pak Sar Jamin Sad Bad (Gelobt sei das heilige Land) über kollaborierende religiöse Gruppen in Bangladesch während des Unabhängigkeitskrieges 1971 verstanden islamistische Kreise als verdeckte Kritik an ihren eigenen Aktivitäten. Der Drohung eines islamischen Führers und Parlamentsabgeordneten, dass er „schwerwiegende Konsequenzen“ zu erwarten habe, folgten Taten. 2004 wurde er durch Messerstiche schwer verletzt, sein Sohn wurde entführt, die Familie erhielt Morddrohungen. Am 28. Juli wandte sich Amnesty International mit einer Urgent Action an die Öffentlichkeit, woraufhin Humayun Azad am 8. August 2004 in das Writers-inExile-Programm des PEN aufgenommen wurde. Dort verstarb er am 12. August 2004, nur wenige Tage nach seiner Ankunft.

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Humayun Azad Bangladesh Humayun Azad was born on 5 February 1947 in Bangladesh. After studying Linguistics in Dhaka and Edinburgh, where he graduated, he received a full professorship in 1986 for Bengali Language at the University of Dhaka. His publications include about sixty works, in which he has campaigned for women’s rights, for human rights and against religious fundamentalism. His book Pak Sar Jamin Sad Bad (Praised be the Holy Land) about collaborating religious groups in Bangladesh during the War of Independence in 1971 was understood by Islamist circles as a covert criticism of their own activities. The threat of an Islamic leader and members of Parliament that he should expect “serious consequences” was followed by deeds. In 2004 he was seriously injured by knife wounds, his son was kidnapped and the family received death threats. On 28 July Amnesty International turned to the public with an Urgent Action, whereupon Humayun Azad was accepted on 8 August 2004 in the PEN Writers in Exile Program. He died on 12 August 2004, just days after his arrival.

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“For a writer in a totalitarian country, living in exile is a must and a constant state of mind if he hopes to write honestly and freely. I want to compare the situation to that of a passionate person facing a hopeless marriage. You either suppress your emotions and quietly endure a life of pain and sufferings in the same bed with your enemy for the sake of saving face or mere survival, or cut your ties in the form of a bitter divorce and turn your back against each other until death. A writer who yearns for freedom bravely chooses the life of an exile because it is a first and critical step in repairing his damaged psyche and sustaining his writing.�

Zhou Qing, China

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Foto: privat

Guobiao Jiao China Guobiao Jiao wurde am 6. November 1963 in China geboren. Er lehrte bis 2004 als Professor für Journalismus an der Universität in Beijing. Vermutlich wegen eines über das Internet weithin verbreiteten Artikels, in dem er die Abschaffung der chinesischen Propagandaabteilung forderte, wurde er von seinem Lehrstuhl suspendiert. Bis November 2006 stand er unter Hausarrest und wurde fast täglich von Mitarbeitern des Staatssicherheitsministeriums vernommen. Als ein Gipfeltreffen zwischen China und fünfzig afrikanischen Staaten bevorstand, verbannte man ihn aus Beijing. Für seinen publizistischen Mut erhielt er 2005 den Wan-Renjie-Medienpreis und 2006 in den USA den Menschenrechtspreis der Stiftung Nationale Erziehung Chinas. Nach einem Stipendienaufenthalt im Heinrich-Böll-Haus unweit von Köln war er von Januar bis Dezember 2007 Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Guobiao Jiao lebt heute wieder in China.

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Guobiao Jiao China Guobiao Jiao was born on 6 November 1963 in China. He taught until 2004 as a professor of Journalism at the University of Beijing. Most likely as a result of his widely distributed article, in which he demanded the abolition of the Chinese Propaganda Department, he was suspended from his chair. Until November 2006 he was under house arrest and was interrogated almost daily by employees of the Ministry for State Security. As a summit between China and fifty African countries became imminent, he was banished from Beijing. For his journalistic courage he won the 2005 Wan Renjie Media Award and the 2006 Human Rights Award of the foundation National Education of China in the United States. After his stay as a scholar at the Heinrich Bรถll House not far from Cologne, he became a scholar of the PEN Writers in Exile Program from January to December 2007. Jiao Guobiao now lives in China again.

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Foto: privat

Zhou Qing China Zhou Qing wurde am 2. Dezember 1964 in Xi'an in der Provinz Shaanxi geboren. Er ist Journalist, Sachbuchautor und politischer Berichterstatter, außerdem Spezialist für Oral History. 1989 wurde er wegen Beteiligung an der Demokratiebewegung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Weil er sich weigerte, ein Geständnis abzulegen und außerdem einen Fluchtversuch wagte, wurde die Strafe um weitere acht Monate verlängert. Zhou Qing ist Herausgeber der Zeitschrift Oral Museum und ehemaliger Redaktionsleiter der wöchentlich in China erscheinenden Zeitung Legends & Stories. Sein Buch What Kind of God: A Survey of the Current Safety of China’s Food (Wovon soll sich unser Volk in Zukunft ernähren – Skandale um Lebensmittel) erschien in über zehn Ländern, u.a. in Deutschland, Italien, Japan und wurde zum internationalen Bestseller. 2007 erhielt er von der Australian International Scholar Foundation eine Auszeichnung für die beste politische Reportage. Er ist Mitglied der Chinesischen Gesellschaft für Studien der Volksliteratur und Kunst sowie des Unabhängigen Chinesischen PEN Zentrums; von letzterem erhielt er 2009 einen Preis für die Freiheit des Schreibens. Zhou Qing befasste sich u.a. mit sozialen Brennpunkten in China, so entstanden z.B. die Bücher Krisen des Gesundheitswesens, Exil im Heimatland und eine Sammlung von Interviews mit Drogenabhängigen. Für sein Buch What Kind of God: A Survey of the Current Safety of China’s Food erhielt er 2006 den Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage. Sein Buch China's Residential Registration System, A Flagrant Abuse of Human Rights wird Ende des Jahres auf Chinesisch in Hong Kong bei Cultural China Publication Co, Ltd erscheinen. Augenblicklich arbeitet er an seinem Werk With the Alive Dead, welches von seinen Erfahrungen in der Gefangenschaft 1989 zusammen mit mehr als 100 zum Tode verurteilten Gefangenen erzählt. Zhou Qing war von September 2009 bis August 2012 Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des deutschen PEN-Zentrums. Im Münchener Exil beschäftigte er sich vor allem mit der Lage der Wanderarbeiter und mit der Todesstrafe in seiner chinesischen Heimat.

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Zhou Qing China Zhou Qing was born on 2 December 1964 in Xi’an in Shaanxi province . He is a journalist, nonfiction writer and political reporter, also he is a specialist in oral history. In 1989 he was convicted to two years in prison for his involvement in the democracy movement. Because he refused to confess and also ventured an attempt to escape, the punishment was extended for another eight months. Zhou Qing is the publisher of the magazine Oral Museum and former editor-in-chief of the weekly Chinese newspaper Legends & Stories. His book What Kind of God: A Survey of the Current Safety of China’s Food was released in more than ten countries, including in Germany, Italy, Japan, and became an international bestseller. In 2007 he received an award from the Australian International Scholar Foundation for the best political reporting. He is a member of the Chinese Society for the Study of Folk Literature and Art and the Independent Chinese PEN Center, and from the latter he received a prize for the freedom of writing in 2009. Zhou Qing dealt among other things with social crisis points in China, for example the books Crisis in the Health Care System, Exile in the Homeland and a collection of interviews with drug addicts. For his book What Kind of God: A Survey of the Current Safety of China’s Food he received the 2006 Lettre Ulysses Award for the Art of Reporting. His book China's Residential Registration System, A Flagrant Abuse of Human Rights will be published towards the end of this year in Chinese in Hong Kong by Cultural China Publication Co, Ltd. At the moment he is working on his book With the Alive Dead which reports on the experiences he made during his imprisonment in 1989 together with more than 100 other prisoners who were sentenced to death. Zhou Qing was a scholar in the Writers in Exile Program of the German PEN Center from September 2009 to August 2012. While in exile in Munich he was mainly concerned with the situation of migrant workers and the death penalty in his native China.

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„Ich habe wohl eine besondere Beziehung zum „Exil“. Mein erstes Exil verlebte ich in England in den 70er Jahren. Fast drei Jahrzehnte später begann mein zweites Exil, diesmal in Deutschland. Als ich im Jahr 2000 im Iran verurteilt wurde, lautete das Urteil 8 Jahre in einem Gefängnis in der Verbannung, also einem „internen Exil“, einem Gefängnis weit weg von meiner Heimatstadt. Das Exil gibt einem, egal wo es dann tatsächlich ist, die Chance am Leben zu bleiben, zu schreiben, sogar frei von Angst dieses zu tun, aber es nimmt den vertrauten Kontakt mit der Muttersprache, der Umgangssprache und die Begegnung mit der Bevölkerung. Dennoch: Leben ist Geschichte – nicht Geographie.“

Khalil Rostamkhani, Iran

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Foto: privat

Roshanak Daryoush Iran Roshanak Daryoush wurde am 28. Juni 1951 im Iran geboren. Sie kam als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland, ging hier zur Schule, studierte und engagierte sich in der CISNOU, der Konföderation der iranischen Studenten, und beendete ihr Studium der Politikwissenschaften und der Soziologie in Hannover und München mit Auszeichnung. Nach dem Ende des Schah-Regimes im Februar 1979 kehrte sie nach Teheran zurück, wo sie ihren Namen auf einer Liste von Personen fand, die bei der Einreise in den Iran sofort verhaftet werden sollten. Mit ihrer Freude über die Revolution Ayatollah Khomeinis war es bald vorbei: vergebens bewarb sie sich an iranischen Universitäten um eine Dozentur, die neuen Machthaber hatten die Aktenbestände des Geheimdienstes SAVAK übernommen. So begann Roshanak Daryoush freiberuflich als literarische Übersetzerin zu arbeiten. Manès Sperbers Buch Wie eine Träne im Ozean, das weltweit große Beachtung fand, verbreitete sich dank ihrer Übersetzung sofort auch im Iran. Sie übertrug Texte von Jean-Paul Sartre und Leszek Kolakowski, von Siegfried Lenz, Lion Feuchtwanger und Maurice Merleau-Ponty. 1983 heiratete sie den Journalisten und Übersetzer Khalil Rostamkhani, 1989 wurde ihr Sohn Kaveh geboren. Als sie sich für die Gründung eines iranischen Schriftstellerverbands engagierte, geriet sie massiv unter Druck, wurde von Geheimdiensten überwacht und wiederholt verhaftet. Ende 1997 wurden mehrere ihrer Kollegen entführt und wenig später ermordet. Gegen Roshanak Daryoush wurde ein Haftbefehl erlassen, sie flüchtete nach Deutschland und konnte Anfang 2000 als Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms nach München ziehen. Im April desselben Jahres war sie in Berlin auf einer von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierten Konferenz als Dolmetscherin tätig. Als die Teilnehmer im Anschluss an die Tagung in den Iran zurückkehrten, wurden die meisten von ihnen festgenommen. Auch ihr Mann, Khalil Rostamkhani, der in Teheran die Vorgespräche zur Konferenz gedolmetscht hatte, wurde in seiner Wohnung verhaftet. 2006 erhielt auch er ein Writers-in-Exile-Stipendium. Bis November 2002 war Roshanak Daryoush Stipendiatin des PEN-Programms. Am 1. November 2003 erlag sie einer schweren Krankheit.

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Roshanak Daryoush Iran Roshanak Daryoush was born on 28 June 1951 in Iran. She moved to Germany with her parents, went to school there, graduated and became involved in the CISNOU, the Confederation of Iranian Students, and finished her studies in Political Science and Sociology in Hanover and Munich, with honors. After the Shah’s regime ended in February 1979 she returned to Tehran where she found her name on a list of persons who should be arrested immediately upon arrival in Iran. Their joy at the Ayatollah Khomeini’s revolution was soon extinguished: she applied in vain for a teaching position at Iranian universities, the new regime had taken over the files of the secret service SAVAK. Thus Roshanak Daryoush began working freelance as a literary translator. Manès Sperber’s book Like a Tear in the Ocean, which was renowned throughout the world, received widespread interest in Iran as well thanks to her translation. She interpreted texts by Jean-Paul Sartre and Leszek Kolakowski, Siegfried Lenz, Lion Feuchtwanger and Maurice Merleau-Ponty. In 1983 she married the journalist and translator Khalil Rostamkhani, and in 1989 her son Kaveh was born. When she became involved in the establishment of an Iranian Writers’ Association, she was put under massive pressure, was watched by intelligence agencies and repeatedly arrested. At the end of 1997 several of her colleagues were abducted and murdered soon thereafter. A warrant was issued for Roshanak Daryoush’s arrest, she fled to Germany and was able to move to Munich in early 2000 thanks to a scholarship from the Writers in Exile Program. In April of that year, she worked as an interpreter at a conference organized by the Heinrich Böll Foundation. When the participants returned to Iran after the conference most of them were arrested. Her husband, Khalil Rostamkhani, who had interpreted the preliminary talks in the run-up to the conference, was arrested at his home. In 2006 he also received a Writers in Exile scholarship. Until November 2002 Roshanak Daryoush was a PEN scholarship recipient. On 1 November 2003 she succumbed to a serious illness.

Writers in Exile | 27


Foto: privat

Masoud Ali-Reza Espabod Iran Masoud Ali-Reza Espabod wurde am 13. Dezember 1951 in Teheran geboren. Er studierte Kunst am College of Fine Arts for Boys sowie an der Academy of Decorative Arts in Teheran und anschließend an der Academy of Arts in London. Seit 1968 zeigte er zahlreiche Ausstellungen im Iran und in der Schweiz sowie in London. Von 1990 bis 2000 durfte er im Iran nicht ausstellen. Von ihm erschienen zwei Kunstbücher, Sunny (1978) und Book of Selected Paintings (1995). Im selben Jahr publizierte Der Spiegel sein Interview über die Kunst und ihre politische Rolle in modernen Gesellschaften. Espabod schrieb zahlreiche, meist unveröffentlichte Kurzgeschichten, entwarf Werbung und schuf Logos für weltbekannte Marken sowie Bucheinbände für bekannte Dichter. Von ihm stammen die Titelbilder mehrerer Publikationen des deutschen PEN-Zentrums. Er war von August bis September 2005 Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Im Februar 2007 verstarb Masoud Ali-Reza Espabod im Iran.

28 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Masoud Ali-Reza Espabod Iran Masoud Ali-Reza Espabod was born in Tehran on 13 December 1951. He studied Art at the College of Fine Arts for Boys and at the Academy of Decorative Arts in Tehran and then at the Academy of Arts in London. Since 1968 he has had numerous exhibitions in Iran, in Switzerland and in London. From 1990 to 2000, he could not display his works in Iran. He has published two art books, Sunny (1978) and Book of Selected Paintings (1995). That same year, the German magazine Der Spiegel published his interview on art and its political role in modern societies. Espabod wrote numerous, mostly unpublished short stories, designed logos and advertisments for world-renowned brands as well as book covers for well-known poets. He designed the covers of several publications of the German PEN Center. From August to September 2005 he was a scholar in the PEN Writers in Exile Program. In February 2007 Masoud Ali-Reza Espabod passed away in Iran.

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Foto: Kaveh Rostamkhani

Khalil Rostamkhani Iran Khalil Rostamkhani wurde am 11. September 1953 im Iran geboren. Bereits 1972 musste er seine Heimat verlassen, weil er gegen das Schah-Regime protestiert hatte. Er studierte in Großbritannien Mathematik, Physik und Persisch sowie später Sozialwissenschaften. In dieser Zeit engagierte er sich in der CISNU, dem stärksten iranischen Studentenverband, der führend an der Organisation großer Solidaritätskampagnen für den Iran beteiligt war. Wie so viele kehrte er 1979 aus dem Exil zurück – getragen von der Hoffnung auf eine demokratische Wende. 1980 gründete er den englischsprachigen Nachrichtendienst Akhbaar Ruz und eröffnete zwei Jahre später gemeinsam mit seiner Frau Roshanak Daryoush ein Übersetzungsbüro. Als renommierter Übersetzer, Journalist und Publizist war er Herausgeber des Iran Yearbook. Sein Werkverzeichnis als literarischer Übersetzer enthält Titel von Isabel Allende, Vladimir Nabokov und André Gide. 2003 kam Khalil Rostamkhani nach Deutschland, arbeitete als Organisator und Übersetzer für die Heinrich-Böll-Stifung und bereitete die in Berlin stattfindende Konferenz „Iran nach den Wahlen 2000“ mit vor. Außerdem konnte er hier seine Frau Roshanak, ebenfalls ehemalige Stipendiatin des Programms, und den gemeinsamen Sohn Kaveh sehen. Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer erkrankt, sie starb Ende 2003. Als er wieder nach Teheran zurückkehrte, wurde er unter dem Vorwurf verhaftet, seine Mitarbeit an der Vorbereitung dieser Konferenz sei anti-islamisch gewesen und habe sich gegen die Interessen des iranischen Staates gerichtet. Nach mehrmonatiger Einzelhaft wurde er zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren verurteilt, die er in der Verbannung verbüßen sollte. Die Strafe fiel so hoch aus, weil man ihm Theomachie (Kampf gegen Gott) vorwarf. Schon in den 90er Jahren hatten ihn Richter zu Haftstrafen verurteilt, weil er sich in der politischen Opposition engagiert hatte. Während seiner Gefängniszeiten entstanden die Gedichte der Sammlung Poetry Behind Bars, die im Internet in der Online-Zeitung www.iranian.com erschienen. Khalil Rostamkhani ist Ehrenmitglied des kanadischen und des US-amerikanischen PEN. Von Januar 2006 bis Juli 2009 war Khalil Rostamkhani Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Heute lebt er in Berlin.

30 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Khalil Rostamkhani Iran Khalil Rostamkhani was born on 11 September 1953 in Iran. As early as 1972 he had to leave his home because he had protested against the Shah’s regime. He studied Mathematics, Physics, and later Persian and Social Sciences in Britain. During this time he became involved in the CISNU, the largest Iranian students association, which was a leading figure in the organization of major solidarity campaigns for Iran. Like so many, he came back from exile in 1979 driven by the hope for democratic change. In 1980 he founded the English-language news service Akhbaar Ruz and two years later opened a translation agency with his wife Roshanak Daryoush. As a renowned translator, journalist and publicist, he was editor of Iran Yearbook. His works as a literary translator includes titles by Isabel Allende, Vladimir Nabokov and André Gide. In 2003 Khalil Rostamkhani came to Germany and worked as an organizer and translator for the Heinrich Böll Foundation and prepared the conference held in Berlin, “Iran After the 2000 Elections”. Furthermore, he could be together with his wife Roshanak , who is also a former scholar of the program, and their son Kaveh. His wife was seriously ill at this time and she died in late 2003. When he returned to Tehran, he was arrested on charges that his involvement in the preparation of this conference was anti-Islamic and was directed against the interests of the Iranian state. After many months of solitary confinement, he was sentenced to prison for eight years that he should serve in exile. The penalty was so high because he was accused of theomachy (fighting against God). Already in the 1990’s a judge sentenced him to prison because he had been involved in the political opposition. Out of his prison time resulted the poems of the collection Poetry Behind Bars, which appeared on the internet in the online newspaper www.iranian.com. Khalil Rostamkhani is an honorary member of the Canadian and the American PEN associations. From January 2006 to July 2009 Khalil Rostamkhani was a scholar in the PEN Writers in Exile Program. He now lives in Berlin.

Writers in Exile | 31


Foto: Ekko von Schwichow

Faraj Sarkohi Iran Faraj Sarkohi wurde am 3. November 1947 in Shiraz im Iran geboren. Er studierte Soziologie und persische Literatur in Täbriz und Teheran. Als Student beteiligte er sich an Demonstrationen gegen den Schah und schrieb zahlreiche regimekritische Artikel, 1971 wurde er dafür zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt. 1979 durch die Islamische Revolution aus der Haft befreit, schloss er sich schon bald der Opposition gegen das Mullah-Regime an. 1985 gründete er das Kulturmagazin Adineh, dessen Chefredaktion er für elf Jahre übernahm. 1996 wurde er als einer der Wortführer einer Schriftsteller-Initiative gegen Zensur verhaftet und ein Jahr darauf in einem geheimen Verfahren zum Tode verurteilt. Aufgrund internationaler Proteste mehrerer Menschenrechtsorganisationen und des PEN, aber auch einiger westlicher Regierungen, wurde das Urteil revidiert und in eine einjährige Haftstrafe umgewandelt. Weltweite öffentliche Proteste bewogen die iranische Regierung schließlich dazu, Faraj Sarkohi die Ausreisegenehmigung zu erteilen – im Mai 1998 kam er nach Deutschland, wo er zunächst als Gast des Projekts Städte der Zuflucht Unterkunft fand. Von Mai 2000 bis April 2006 war er Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Er ist Ehrenmitglied des PEN-Zentrums Deutschland und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen, unter anderem 1998 mit dem Tucholsky-Preis für politisch verfolgte Schriftsteller und 2000 mit dem World Press Freedom Hero, ausgezeichnet. Faraj Sarkohi lebt heute in Frankfurt am Main und schreibt u.a. Artikel für DIE ZEIT und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

32 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Faraj Sarkohi Iran Faraj Sarkohi was born on 3 November 1947 in Shiraz, Iran. He studied Sociology and Persian Literature in Tehran and Tabriz. As a student he participated in demonstrations against the Shah, and wrote numerous articles critical of the regime, in 1971 he was sentenced to fifteen years imprisonment. In 1979, when released from prison by the Islamic revolution, he soon joined the opposition to the Mullahs’ regime. In 1985 he founded the cultural magazine Adineh, of which he was editor-in-chief for eleven years. In 1996 he was considered to be one of the spokesmen of a writer initiative against censorship. He was arrested a year later, and in a secret trial he was condemned to death. Due to international protests of several human rights organizations and PEN, but also some Western governments, the sentence was revised and converted into a one-year prison sentence. Global public protests prompted the Iranian government finally to grant Faraj Sarkohi a travel permit–in May 1998, he moved to Germany where he first resided as a guest of the project Cities of Refuge. From May 2000 to April 2006 he was a scholar in the PEN Writers in Exile Program. He is an honorary member of the PEN Center of Germany and has won numerous international awards including the 1998 Tucholsky Prize for politically persecuted writers and in 2000 the World Press Freedom Hero Award. Faraj Sarkohi now lives in Frankfurt/Main and writes articles for Die Zeit and the Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Writers in Exile | 33


Foto: Masoud Naseri

„Exil: Das, was nicht meine Wahl war.“

Mansoureh Shojaee Iran Mansoureh Shojaee wurde am 21. August 1958 in Teheran geboren. Sie gehört seit über 20 Jahren zu den führenden Köpfen der iranischen Frauenrechtsbewegung und ist seit über 30 Jahren politisch engagiert. Sie war 22 Jahre Bibliothekarin in der Nationalbibliothek Teheran und arbeitete als Journalistin, freie Autorin und literarische Übersetzerin aus dem Französischen. Von 1994 bis 2004 arbeitete sie im Rahmen des Children’s Book Council of Iran (CBC), welches im International Board of Books for Young People (IBBYP) den Iran repräsentiert, mit blinden Kindern und ermöglichte ihnen einen Zugang zur Literatur, indem sie ihnen den Umgang mit Hörbüchern beibrachte. Für ihren Einsatz wurde sie 2010 vom IBBYP mit dem TestimonialStatute-Honors-Preis ausgezeichnet. Daneben wirkte sie gemeinsam mit anderen Organisationen, u.a. mit UNICEF, an der Entwicklung von Wanderbibliotheken für iranische Frauen und Kinder mit. Als enge Vertraute Shirin Ebadis, der im Londoner Exil lebenden iranischen Friedensnobelpreisträgerin von 2003, setzte Mansoureh Shojaee sich dafür ein, deren Idee zur Gründung eines iranischen Frauenmuseums zu realisieren. Das Projekt sollte in der Bibliothek Banu in Evaz im Südwesten des Iran gestartet werden, wurde jedoch bereits in der Anfangsphase verboten. 2000 gründete Mansoureh Shojaee gemeinsam mit der Journalistin, Frauenrechtlerin und politischen Aktivistin Noushin Ahmadi Khorasani und anderen Gleichgesinnten das Frauenkulturzentrum Markaze farhangi-ye zanab, 2003 eröffnete sie dort die Frauenbibliothek Sadige Dolatabadi. Sie ist eine der Initiatorinnen der Kampagne Eine Million Unterschriften für die Gleichberechtigung und Mitbegründerin der Internetseite The Feminist School. Wegen ihres Engagements wurde sie mehrfach verhaftet, zuletzt am 27. Dezember 2009. Nach einem Monat kam sie gegen Zahlung einer hohen Kaution wieder frei und konnte nach Beendigung eines bereits früher verhängten vierjährigen Ausreiseverbots den Iran verlassen, um ins Exil zu gehen. Sie fand zunächst bei der Heinrich-Böll-Stiftung Aufnahme und ist seit dem 1. Januar 2011 Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm. Ihre Arbeit als Frauenrechtsaktivistin, Schriftstellerin und Journalistin setzt sie auch im Exil fort.

34 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Mansoureh Shojaee Iran Mansoureh Shojaee was born on 21 August 1958 in Tehran. For over 20 years she has belonged to the leaders of the Iranian women’s rights movement and has been involved in politics for over 30 years. She was a librarian at the National Library in Tehran for 22 years and worked as a journalist, freelance writer and literary translator for French. From 1994 to 2004 as part of the Children’s Book Council of Iran, an NGO that represents the Iranian National Section in the International Board on Books for Young People (IBBYP), she worked with blind children and enabled them to access literature by teaching them to use audio books. For her efforts she was honored with the 2010 Testimonial Statute Honors Award by the IBBYP. She also worked with other organizations including UNICEF on the development of traveling libraries for Iranian women and children. As a close confidant of Shirin Ebadi, the Iranian Nobel Peace Prize laureate from 2003 living in exile in London, Mansoureh Shojaee committed herself to realize the idea of ​​ establishing an Iranian women’s museum. The project should be started in the library Banu in Evaz in the southwest of Iran, but it was banned in the early stages. In 2000 Mansoureh Shojaee co-founded with the journalist, feminist and political activist Noushin Ahmadi Khorasani and other like-minded women the women’s cultural center Markaze Farhangi-ye zanab, and in 2003 she opened the Women’s Library Sadige Dolatabadi there. She is one of the initiators of the One Million Signatures Campaign for Equality and co-founder of the website The Feminist School. Because of her commitment, she was arrested several times, most recently on 27 December 2009. After a month she was released on bail and could freely leave after having already suffered a four-year travel ban on Iran, and she went into exile. She was first received at the Heinrich Böll Foundation and since 1 January 2011 has been a scholar in the Writers in Exile Program. She continues to work as a women’s rights activist, writer and journalist while she remains in exile.

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Foto: privat

Eva Durán Kolumbien Eva Durán wurde am 3. März 1974 in Kolumbien geboren. Sie studierte Kultur-Management und TV-Produktion und war anschließend als Kulturredakteurin in verschiedenen Fernsehanstalten tätig. Als sie 2003 als Leiterin eines Bürgerausschusses die Korruption beim TV-Sender Telecaribe aufdeckte und andere Ausschussmitglieder sich durch lukrative Angebote zum Schweigen überreden ließen, blieb sie als Einzige unbestechlich und brachte diese Machenschaften des Fernsehsenders in einer eigenen Kolumne an die Öffentlichkeit. Ihre schriftstellerischen Arbeiten sind in kolumbianischen Literaturzeitschriften erschienen und wurden ins Portugiesische übersetzt. 1997 erhielt sie ein Stipendium des Internationalen Poesie-Festivals von Medellin, 1999 und 2003 den Preis der Stadt Cartagena. Als Eva Durán 2004 einen Artikel über den Mord an einem Journalisten veröffentlichte, blieb es nicht mehr bei verbalen Angriffen gegen sie; nun drohte man ihr ganz unverhohlen. Nach ihrem Auftritt auf einem Kongress zum Thema Schriftsteller und Menschenrechte in Cali wurden sie und ihre Mutter verfolgt und massiv bedroht. Sie musste ihr Aussehen vollständig verändern, so dass selbst gute Freunde sie auf der Straße nicht mehr erkannten. Ihre Anträge auf Stipendien in Mexiko und Argentinien wurden abgelehnt, erst die Heinrich-Böll-Stiftung antwortete positiv. Anschließend war Eva Durán von Mai 2006 bis April 2008 Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des PEN in Köln. Ihre Gedichte sind inzwischen ins Deutsche, Portugiesische, Italienische und Französische übersetzt.

36 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Eva Durán Colombia Eva Durán was born on 3 March 1974 in Colombia. She studied Cultural Management and TV Production and then worked as an arts editor at various television stations. In 2003 as director of a citizens’ committee investigating corruption in the TV station Telecaribe, when other committee members revealed themselves to be persuaded to silence by lucrative offers, only she remained incorruptible and brought these machinations of the TV broadcaster to the public in her independent column. Her literary works have appeared in Colombian literary magazines and have been translated into Portuguese. In 1997 she received a scholarship from the International Poetry Festival of Medellin, in 1999 and 2003 she received the prize of the city of Cartagena. When Eva Durán published an article in 2004 about the murder of a journalist, the aggression against her was not limited to verbal attacks. Now she was threatened openly. After her appearance at a conference on the subject of author’s and human rights in Cali, she and her mother were persecuted and seriously threatened. She had to change her appearance completely, so that even good friends no longer recognized her on the street. Her applications for scholarships in Mexico and Argentina were rejected, only the Heinrich Böll Foundation responded positively. Then Eva Durán received a scholarship from May 2006 to April 2008 from the PEN Writers in Exile Program in Cologne. Her poems have been translated into German, Portuguese, Italian and French.

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„Exil ist in erster Linie ein Wort, das in den Wurzeln der kubanischen Kultur sehr vertieft ist, da im Laufe unserer Geschichte mehrere große kubanische Intellektuelle ihre Werke in verschiedenen Exilorten geschrieben haben. Wenn man die Werke von José Martí, Alejo Carpentier, Guillermo Cabrera Infante oder Reinaldo Arenas liest, kommt man mit verschiedenen Exilvarianten in Kontakt. Für mich ist es ein Bereicherungsprozess gewesen, im Exil in einer der Kulturen zu leben, in der ich mich als Schriftsteller entwickelt habe. Als ich ein junger Mann war, habe ich viele der großen deutschen Schriftsteller gelesen, von Hölderlin bis Günter Grass, von Martin Opitz bis Heinrich Böll, von der Sturm-und-Drang-Bewegung mit Goethe und Schiller bis Hermann Hesse und Thomas Mann. Alle diese Lektüren haben den Schriftsteller gestärkt, der ich jetzt bin. Exil, wie es alle wissen, die es erlitten haben, bedeutet Abbruch aber auch Kontinuität: Abbruch, weil im Leben der im Exil lebenden Person viele Wurzeln abgeschnitten werden, und Kontinuität, weil die im Exil lebende Person nach der Trennung von ihrem Land ihre Welt neu erfinden, ihr Leben neu aufbauen und ihre zerstörten Träume wiederherstellen muss. Ich wollte Kuba nie verlassen. Die kubanischen Behörden beschlossen, dass meine Worte sehr gefährlich waren und deswegen nutzten sie eine meiner Reisen nach Europa, um mir danach das Einreisen in mein Land zu verbieten. Jetzt bin ich ein Geächteter, wie es auch José Martí, Félix Varela, der Dichter José María Heredia und so viele andere kubanische Schriftsteller und Intellektuelle es waren. Es ist für mich eine Ehre in derselben Liste mit ihnen zusammen zu sein, aber es ist auch sehr beschämend und traurig für die Geschichte Kubas, dass diese Sachen geschehen.“

Amir Valle, Kuba

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Foto: privat

Jorge Luis Arzola Kuba Jorge Luis Arzola wurde am 20. August 1966 in Jatibonico, einem kleinen Ort im Zentrum Kubas, geboren. Im Alter von fünf Jahren zog seine Familie in ein Dorf im Zentrum der Insel, das Anfang der 60er Jahre auf Anordnung Fidel Castros erbaut worden war. Dort absolvierte er die Grundschule. Mit dreizehn kam er auf eine der sogenannten Dorfschulen, die von der Revolution gefördert wurden. Die dort herrschende strenge, fast militärische Disziplin konnte er nicht ertragen – er lehnte sich dagegen auf und brach noch vor Abschluss der Sekundarstufe die Schule ab. Die Folge waren familiäre Spannungen, besonders mit dem Vater, der Mitglied der Kommunistischen Partei war. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre erlebte Kuba eine gewisse Lockerung der ideologischen Spannungen. Jorge Arzola nahm an Zusammenkünften junger Schriftsteller sowie an nationalen Schreibwerkstätten teil, aus denen eine Gruppe moderner kubanischer Erzähler hervorging, die sogenannten Los Novísimos. Arzola lebte in all diesen Jahren in einer Kleinstadt im Inselinneren, immer unter Beobachtung des kubanischen Innenministeriums, das ihn wegen verbotener Äußerungen verfolgte. Anfang der 90er Jahre machte er das Abitur und studierte Englisch. Als Vertreter der Novísimos brach er mit den literarischen Traditionen der 70er Jahre. In Kuba erschienen von ihm zwei Erzählbände, El pájaro sin cabeza (1991) und Prisionero en el Círculo del Horizonte (1994). Seine Texte wurden in mehreren nationalen und internationalen Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Im Jahr 2000 wurde er für seinen in Kuba veröffentlichten Erzählband La banda infinita mit dem iberoamerika­nischen Alejo-Carpentier-Preis ausgezeichnet. Seinen ersten Roman Todos los Buitres, el Tigre, den er noch in Kuba begonnen hatte, musste er bereits in Deutschland fertig stellen, wohin er im August 2002 mit seiner Familie ausreisen konnte. Veröffentlicht wurde der Roman 2006 in Spanien. Von Oktober 2003 bis März 2006 war er Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms. In dieser Zeit entstand sein zweiter Roman Los huesos más blancos. Jorge Arzola lebt heute mit seiner Familie in Köln und studiert Grafik und Webdesign am ILS in Hamburg.

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Jorge Luis Arzola Cuba Jorge Luis Arzola was born on 20 August 1966 in Jatibonico, a small town in central Cuba. At the age of five his family moved to a village in the center of the island, which had been built in the early 1960s upon the orders of Fidel Castro. He graduated from the local elementary school. At the age of thirteen he entered one of the so-called village schools, which were promoted by the revolution. The strict, almost military discipline there was unbearable for him–he rebelled against it and even dropped out before completing secondary school. This led to family tensions, particularly with his father, who was a member of the Communist Party. In the second half of the 80s, Cuba experienced a certain easing of ideological tensions. Jorge Arzola attended meetings of young writers as well as national writers’ workshops, which brought forth a group of modern Cuban narrators, called Los Novísimos. Arzola lived all these years in a small town in the interior of the island, always under the watchful eye of the Cuban Interior Ministry, which haunted him for his criminal expression. In the early 1990s, he finished high school and studied English. As a representative of the Novísimos he broke with the literary traditions of the 1970s. In Cuba he published two volumes of stories, El pájaro sin cabeza (1991) and Prisionero en el Circulo del Horizonte (1994). His articles have been published in several national and international anthologies, newspapers and magazines. In 2000 he was honored with the Ibero-American Alejo Carpentier Prize for his short stories published in Cuba, La banda infinita. His first novel, Todos los Buitres, El Tigre, which he had begun in Cuba, had to be finished in Germany, where he could depart for in August 2002 with his family. The novel was published in Spain in 2006. From October 2003 to March 2006 he was a scholar of the Writers in Exile Program. During this time he wrote his second novel, Los más huesos blancos. Jorge Arzola now lives with his family in Cologne and he is studying graphic arts and web design at the ILS in Hamburg.

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Foto: privat

Amir Valle Kuba Amir Valle wurde am 6. Januar 1967 in Guantánamo auf Kuba geboren. In Santiago de Cuba studierte er Journalismus und in La Habana Publizistik. Seitdem ist er als Autor, Literaturkritiker und Journalist tätig. Er wurde mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt, u.a. mit dem kubanischen Preis La Llama Doble für erotische Romane und dem Internationalen Rodolfo-Walsh-Preis für sein Buch Jineteras. Seine Kurzgeschichten und Literaturkritiken erschienen in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften in Kuba und wurden international publiziert. Er hat über 20 Bücher veröffentlicht, die wie seine Artikel in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Bis zu deren Verbot durch die kubanischen Literaturbehörden war er als Herausgeber der Internet-Zeitschrift Letras en Cuba und des Magazins Boletín Internacional de Noticias Literarias tätig und arbeitete danach als Chefkoordinator der Colección Cultura Cubana sowie als Herausgeber der Literaturzeitschrift Cara y Cruz. Die kubanische Regierung betrachtete seine internationalen Erfolge kritisch und tat alles, um ihm die Arbeit zu erschweren. Als das kubanische Kultusministerium per Eilresolution ein generelles Verbot aussprach, mit Amir Valle zusammenzuarbeiten, waren er und seine Familie in Gefahr, und nachdem seine Studie über Prostitution in Kuba heimlich auf der Insel Verbreitung fand, obwohl Fidel Castro höchstpersönlich das Buch geächtet hatte, war die Ausreise unvermeidbar. Mit Hilfe seiner Verleger glückte ihm die Flucht; danach wurde ihm eine Rückkehr nach Kuba verweigert. Im März 2006 kam er mit seiner Familie als Gast des Heinrich-Böll-Hauses nach Deutschland und danach war er von August 2006 bis Oktober 2009 Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Mehrere seiner Bücher sind in deutscher Übersetzung erschienen, darunter die Romane Die Wörter und die Toten, Die Türen der Nacht, Die Haut und die Nackten oder die Dokumentation Habana Babilonia. Prostitution in Kuba. Im April 2010 kam der Band Abstieg in die Hölle – Zwei Thriller aus Kuba heraus. Amir Valle ist Mitherausgeber der iberoamerikanischen Online-Kulturzeitschrift OtroLunes.com und lebt heute mit seiner Familie in Berlin.

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Amir Valle Cuba Amir Valle was born on 6 January 1967 in Guantanamo Bay in Cuba. In Santiago de Cuba he studied Journalism and in Havana he studied Publishing. Since then he has worked as a writer, literary critic and journalist. He has received numerous literary awards, among those the Cuban La Llama Doble Prize for erotic novels and the International Rodolfo Walsh Prize for his book Jineteras. His short stories and literary reviews have appeared in numerous anthologies and magazines in Cuba and have been published internationally. He has published over 20 books, which, like his articles, have been translated into several languages. Until its ban by the Cuban literary authorities, he served as editor of the online magazine Letras en Cuba and the magazine Boletín Internacional de Noticias Literarias and then worked as chief coordinator of Colección Cultura Cubana, as well as publisher of the literary magazine Cara y Cruz. The Cuban government monitored his international success critically and did everything to make it more difficult for him to work. When the Cuban Ministry of Culture issued an urgent resolution banning anyone from working together with Amir Valle, he and his family were in danger, and after his study about prostitution in Cuba secretly became known around the island–although Fidel Castro had personally banned the book–departure became inevitable. With the help of his publisher, he was fortunate enough to escape, after which his subsequent return to Cuba was denied. In March 2006 he came with his family as a guest of the Heinrich Böll House in Germany, which was followed by a scholarship in the PEN Writers in Exile Program from August 2006 to October 2009. Several of his books have been published in German translation, including the novels Die Wörter und die Toten (The Words and the Dead), Die Türen der Nacht (The Doors at Night), Die Haut und die Nackten (The Skin and the Naked), or the documentary Habana Balionia. Prostitution in Kuba (Habana Babilonia. Prostitution in Cuba). In April 2010 his book Abstieg in die Hölle – Zwei Thriller aus Kuba (Descent into Hell–Two Thrillers from Cuba) was published. Amir Valle is co-publisher of the Latin American online culture magazine OtroLunes.com and is currently living with his family in Berlin. Writers in Exile | 43


„In weiter Ferne von den Plätzen zu leben, wo man geboren wurde, wo man zur Schule ging und wo man gearbeitet hat; die Tatsache, dass man sechs Mordversuche überlebt hat, das heißt nicht immer, dass man ein Fremder ist, der auf einem anderen Planet in einem fremden Universum leidet. Wenn man einen geliebten Menschen bei sich hat, sei es die Ehefrau, der gute Freund oder ein Kollege, wenn die Internetverbindung hervorragend funktioniert und wenn die eigene Zeitung einen nicht vergisst, dann bleibt jeder Tag voller Leben und Erfüllung. Nur jetzt vergeht die Zeit ohne angespannte Nerven, ohne Risiko, welches manchmal sogar tödlich sein kann, und ohne Lebenssorgen. Dies war in Emmas und meiner Stadt am Meer an der Tagesordnung. Diese Probleme haben oft mehr Nerven gekostet als die Drohungen am Telefon – mal kam kein Wasser aus dem Hahn, mal war die Heizung im Winter kalt und manchmal verschwand auch noch das Licht aus den Glühbirnen… Und wenn wir in Deutschland kein russisches Fernsehen, welches völlig verlogen und benebelnd ist, empfangen, dann ist das sehr gut. Wenn man neue Freunde aus Deutschland bei sich hat, ist es ebenfalls wunderbar. Vor allem aber kann man sich gar nicht an die Empfindung der Freiheit und Sicherheit gewöhnen. Und das ist, wahrscheinlich, das wahre Glück.“

Sergej Zolovkin, Russland

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Writers in Exile | 45


Foto: privat

Sergej Zolovkin Russland Sergej Zolovkin wurde am 10. November 1952 in Dzhambul in Kasachstan geboren. An der Hochschule in Karaganda studierte er Jura und war als juristischer Gutachter im Kriminalkommissariat in Kasachstan tätig. Von 1979 bis 1986 führte er als Korrespondent der Republikanischen Jugendzeitung unabhängige journalistische Recherchen zu verschiedenen Kriminalfällen und zur Korruption in den Organen der Legislativen und der Exekutive durch. Später wurde er Reporter der Nowaja Gazeta, wo er auf Recherchen im Bereich der Korruption spezialisiert war. Im März 2002 entging er wegen seiner kritischen Artikel nur um Haaresbreite einem Mordanschlag. Daraufhin flüchtete er mit seiner Frau nach Deutschland und war hier zunächst Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, bis er im September 2002 in das Writers-inExile-Programm aufgenommen werden konnte, dessen Stipendiat er bis März 2004 blieb. Seine journalistische Tätigkeit für die Nowaja Gazeta setzte und setzt er im Exil mit unverminderter Intensität fort. 2011 veröffentlichte ein mutiger Verlag im russischen Samara seinen zweibändigen Roman Aus dem Leben der Menschen, die nicht geschossen haben, der in der russischen Presse ein großes Echo fand. Sergej Zolovkin lebt heute in München.

46 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Sergei Zolovkin Russia Sergei Zolovkin was born on 10 November 1952 in Dzhambul Kazakhstan. At the University of Karaganda, he studied Law and worked as a legal expert in the Crime Commission in Kazakhstan. From 1979 to 1986 he was a correspondent of the Republican Youth Newspaper leading independent journalistic research on various crime cases and corruption in the institutions of the legislative and executive branches. Later he became a reporter for Novaya Gazeta, where he specialized in research on the field of corruption. In March 2002 he escaped an attempt on his life by a hair’s breadth as a result of his critical article. He then fled to Germany with his wife where he became a scholar of the Hamburg Foundation for the Politically Persecuted, until he was accepted in September 2002 as a scholar in the Writers in Exile Program which he remained until March 2004. He has continued his journalistic work for the Novaya Gazeta in exile with undiminished intensity. In 2011 a brave publishing house in Samara, Russia, published his two-volume novel Out of the Lives of People Who Have Not Shot that received a major response in the Russian press. Sergei Zolovkin currently lives in Munich.

Writers in Exile | 47


Foto: privat

Jovan Nikolić Serbien Jovan Nikolić wurde am 7. Dezember 1955 in Belgrad geboren und wuchs in einer Romasiedlung bei Cacak in Serbien auf. Seit 1981 veröffentlichte er neben zahlreichen Lyrikbänden auch Theaterstücke und satirische Texte in serbokroatischer Sprache. Als Lyriker, Dramatiker, Kolumnist, Kabarettist und Songtexter – unter anderem für den Film Schwarze Katze, weißer Kater von Emir Kusturica – kam er zu literarischen Ehren und bemerkenswerter Popularität. 1999, nach dem Bombardement der NATO, emigrierte er aus Belgrad und lebt seitdem in Deutschland. Er war Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung, der Akademie der Künste Berlin, des Writers-in-Exile-Programms des deutschen PEN-Zentrums (von April bis Dezember 2000), der Stadt Graz, der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen sowie von KulturKontakt Austria. Im Jahr 2000 wurde sein zusammen mit Ruzdija-Ruso Sejdovic verfasstes Antikriegsstück Kosovo mon amour bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt. Seit 2002 ist er Vizepräsident des Internationalen Romani Schriftstellerverbandes (IRWA), außerdem ist er Mitglied im serbischen PEN. In deutscher Übersetzung erschienen 2004 der Lyrik- und Prosaband Zimmer mit Rad, 2006 Weißer Rabe, schwarzes Lamm und 2009 Käfig (Prosa), alle in Klagenfurt. Weißer Rabe, schwarzes Lamm wurde 2011 zum „Buch für die Stadt“ der Stadt Köln gewählt. Derzeit arbeitet er u.a. an einem Roman mit dem Arbeitstitel Voyeur mit tränendem Auge. Jovan Nikolić lebt in Köln.

48 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Jovan Nikolić Serbia Jovan Nikolić was born in Belgrade on 7 December 1955 and grew up in a Romany settlement near Cacak in Serbia. Since 1981 he has published numerous volumes of poetry in addition to plays and satirical texts in Serbo-Croatian. As a poet, playwright, columnist, comedian and song writer–among other things, for the film Black Cat, White Cat by Emir Kusturica–he has come to literary honors and remarkable popularity. In 1999, after the NATO bombing, he emigrated from Belgrade and has since lived in Germany. He was a scholar of the Heinrich Böll Foundation, of the Berlin Academy of the Arts, of the German PEN Writers in Exile Program (from April to December 2000), of the city of Graz, of the Schöppingen Arts Village Foundation and of KulturKontakt Austria. In 2000 his anti-war piece which he authored together with Ruzdija-Ruso Sejdovic Kosovo mon amour premiered at the Ruhr Festival. Since 2002 he has been Vice President of the International Romany Writers Association IRWA, he is also a member of the Serbian PEN. In 2004 a German translation of his poetry and prose book Zimmer mit Rad (Room with a Wheel) was published followed by Weißer Rabe, schwarzes Lamm (White Raven, Black Lamb) in 2006 and Käfig (Cage) in 2009 (prose), all with Klagenfurt publishers. Weißer Rabe, schwarzes Lamm (White Raven, Black Lamb) was voted to be “Book of the City” for the city of Cologne in 2011. He is currently working on a novel with the working title Voyeur with Tearful Eye among other works. Jovan Nikolić lives in Cologne. Writers in Exile | 49


Foto: privat

Claudia Anthony Sierra Leone Claudia Anthony wurde am 3. November 1963 in Freetown, Sierra Leone, geboren. Während ihres Studiums an der Universität Kiew brach in ihrer Heimat im März 1991 ein grausamer Bürgerkrieg aus; bewaffnete Horden massakrierten wahllos Tausende von Frauen, Männern und Kindern. 1992 kontrollierte die mächtigste Rebellengruppe Revolutionäre Vereinigte Front (RUF) den Osten und Süden des Landes. Nachdem Claudia Anthony am Ukrainischen Institut für Internationale Beziehungen den Grad eines Masters im Fach Völkerrecht erworben hatte, kehrte sie 1995 nach Sierra Leone zurück, wo sie ihre journalistische Aufklärungsarbeit fortsetzte. Als sie Verbrechen von Mitgliedern des Obersten Rates des AFRC (Armed Forces Revolutionary Council) nachwies und im Dezember 1998 über ein geplantes Massaker durch die Rebellen schrieb, wurde sie des „unverantwortlichen Journalismus“ bezichtigt, der „die Staatssicherheit untergraben“ wolle. Am 31. Dezember 1998 brannten Rebellen das Wohnhaus der Familie in Waterloo, Sierra Leone, nieder, seitdem waren sie, ihre zwei Kinder und ihre Mutter Heimatvertriebene im eigenen Land. Am 7. Januar 1999 brannten bewaffnete Männer und Jugendliche das Redaktionsgebäude der Zeitung Tribune of the People, deren Gründerin und geschäftsführende Herausgeberin sie war, vollständig nieder. Noch im November 1999 gründete Claudia Anthony die Alliance for Female Journalists, eine Organisation, die sich für die Belange der wenigen Journalistinnen in Sierra Leone einsetzte. Von September 2000 bis Dezember 2005 war sie Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Während ihres Aufenthalts in Berlin absolvierte sie ein Masterstudium für Intercultural Conflict Management. 2006 kehrte Claudia Anthony zurück nach Sierra Leone, wo sie zunächst als Programmkoordinatorin des United Nations Radio arbeitete. 2010 bekam sie den Auftrag, als leitende Radioproduzentin für die BBC in Sierra Leone das Programm um den Prozess des ehemaligen liberianischen Präsidenten Charles Taylor zu gestalten. Im selben Jahr wurde sie zunächst zur Chefin der Redaktion der aktuellen Nachrichten und wenig später zur Leiterin des BBC Radioprogramms von Sierra Leone berufen.

50 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Claudia Anthony Sierra Leone Claudia Anthony was born on 3 November 1963 in Freetown, Sierra Leone. During her studies at the University of Kiev a brutal civil war broke out in her home country in March 1991, and armed hordes indiscriminately massacred thousands of men, women and children. In 1992 the most powerful rebel group Revolutionary United Front (RUF) controlled the east and south of the country. After Claudia Anthony had acquired a master’s degree in International Law at the Ukrainian Institute of International Relations in 1995 she returned to Sierra Leone, where she continued her journalistic work to increase awareness. When she proved the crimes by members of the Supreme Council of the Armed Forces Revolutionary Council (AFRC) and wrote about a planned massacre by the rebels in December 1998, she was accused of “irresponsible journalism” with the intent of “undermining state security”. On 31 December 1998 the rebels burned down her family’s house in Waterloo, Sierra Leone; since then, she, her two children and her mother were fugitives in their own country, driven from their home. On 7 January 1999 armed men and youths burned to the ground the editorial offices of the Tribune of the People, of which she was the founder and managing editor. And yet in November 1999 Claudia Anthony founded the Alliance for Female Journalists, an organization advocating for the needs of the few female journalists in Sierra Leone. From September 2000 to December 2005 she was a scholar in the PEN Writers in Exile Program. While in Berlin she received a Master’s degree in Intercultural Conflict Management. In 2006 Claudia Anthony returned to Sierra Leone, where at first she worked as program coordinator of United Nations Radio. In 2010 she was commissioned as Senior Producer for the BBC in Sierra Leone to develop the program covering the trial of former Liberian President Charles Taylor. That same year she was first head of the editorial board of the news desk and later appointed as Head of News and Current Affairs and later appointed as Head of Radio, Sierra Leone Broadcasting Corporation; where she is currently.

Writers in Exile | 51


“LIVING and working in Europe as a guest writer for four years was no joke at all. In the four years that I lived in exile in Germany, I managed to work under various organisations. Although I was busy most of the time, there were times when I felt so lonely and wished I flew straight home. In the beginning I had no friends. My only companions were the computer and the notebook. While I had all the time to myself to write, each day I could not imagine myself surviving to the next, without someone to talk to, to drink with! Back home I used to work in a newsroom full of reporters. And each day that passed I missed my traditional staple food, sadza. I wondered if it was ever to be possible to live without my staple food. I had to adjust to my new life. And yes, for four years I lived the life of a writer in a faraway land.�

Maxwell Sibanda, Simbabwe

52 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Writers in Exile | 53


Foto: privat

Itai Mushekwe Simbabwe Itai Mushekwe wurde am 23. Dezember 1983 geboren. Er studierte am Christian College of Southern Africa (CCOSA) in Harare, Simbabwe, Kommunikationswissenschaft und Journalismus. Nach Studienabschluss arbeitete er bei der führenden unabhängigen Wochenzeitung The Zimbabwe Independent, für die er investigative Artikel über die Misswirtschaft und die menschenverachtende Politik in seinem Land schrieb. Während einer Fortbildung im Oktober 2007 in Berlin erfuhr er, dass sein Name in seiner Heimat auf einer „Schwarzen Liste“ unerwünschter Regimekritiker stand. Das führte zu einer unfreiwilligen Verlängerung seines Aufenthalts in Deutschland. Von Januar bis Mai 2008 hielt er sich mit einem Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung im Heinrich-Böll-Haus unweit von Köln auf und war von Juni 2008 bis Mai 2011 Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms des deutschen PEN-Zentrums. Er ist als politischer Berichterstatter für die in London basierte Online-Publikation The Zimbabwe Guardian tätig. Im Dezember 2008 erhielt er den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit. Derzeit arbeitet er an seinem ersten Buch Liebes Deutschland: Die Polonium-Teeparty, in dem er von seinen Erfahrungen als Journalist in Simbabwe und Deutschland und seinen Erfahrungen mit der deutschen Gesellschaft erzählen will. Außerdem ist er als Redakteur für ein afrikanisches Online-Nachrichtenmagazin tätig und schreibt investigative Artikel über Simbabwe für die britischen Zeitungen Daily und Sunday Telegraph. Er lebt weiterhin in Deutschland.

54 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Itai Mushekwe Zimbabwe Itai Mushekwe was born on 23 December 1983. He studied Communication Studies and Journalism at the Christian College of Southern Africa (CCOSA) in Harare, Zimbabwe. After graduation he worked for the leading independent weekly newspaper The Zimbabwe Independent, where he wrote investigative articles about the mismanagement and inhuman policies in his country. During a professional training session in October 2007 in Berlin, he learned that his name was on a “black list” of unwanted dissidents in his home country. This led to an involuntary extension of his stay in Germany. From January to May 2008, he stayed with a grant from the Heinrich Böll Foundation at the Heinrich Böll House not far from Cologne, and was scholar of the German PEN Writers in Exile Program from June 2008 to May 2011. He is a political reporter for the London online publication The Zimbabwe Guardian. In December 2008 he was awarded the Johann Philipp Palm Prize for freedom of speech and press. He is currently working on his first book, Dear Germany: The Polonium-Tea Party in which he wants to talk about his experiences as a journalist in Zimbabwe and Germany and his experiences with German society. He also serves as an editor for an African online news magazine and writes investigative articles on Zimbabwe for the British newspapers Daily and Sunday Telegraph. He continues to live in Germany.

Writers in Exile | 55


Foto: privat

Maxwell Sibanda Simbabwe Maxwell Sibanda wurde am 11. Mai 1968 in Harare in Simbabwe geboren. In seinem Heimatland konnte er nur bis 2004 leben und arbeiten. Die Zäsur in seinem Berufsleben erfolgte mit dem Verbot und der gewaltsamen Schließung der Daily News im September 2003 durch die Regierung Mugabes. Zu diesem Zeitpunkt war er im vierten Jahr Kulturredakteur dieser einzigen privaten Zeitung Simbabwes und schon seit 1994 als Journalist für verschiedene Magazine tätig. Die Journalisten der Daily News wurden vor die AIPPA (staatliche Behörde zur Kontrolle des Zugangs zu Informationen sowie zur Sicherung der Geheimhaltung derselben) geladen, ihnen wurden sämtliche Lizenzen und Akkreditierungen entzogen. Sie wurden auf eine „Schwarze Liste“ gesetzt, was einem Arbeitsverbot gleichkam. Nach seiner Emigration war er zunächst Stipendiat der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und des Internationalen Hauses der Autoren in Graz. In dieser Zeit veröffentlichte er das Buch D’Zimbabwe - Haus aus Stein. Von Januar 2006 bis Januar 2007 war er Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Anschließend erhielt er ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. 2007 kehrte Maxwell Sibanda nach Simbabwe zurück und arbeitet dort wieder bei der Tageszeitung Daily News, deren stellvertretender Chefredakteur er mittlerweile ist.

56 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Maxwell Sibanda Zimbabwe Maxwell Sibanda was born on 11 May 1968 in Harare, Zimbabwe. In his homeland he could only live and work until 2004. The turning point in his career was the ban and the forcible closure of the Daily News in September 2003 by the Mugabe government. At that time he was in his fourth year of being cultural editor of the only private newspaper in Zimbabwe and had worked as a journalist for several magazines since 1994. The journalists of the Daily News were charged before the AIPPA (state authority to control access to information and to ensure its secrecy), where all their licenses and accreditations were revoked. They were placed on a “black list”, which amounted to a ban on working. After emigrating he first became a fellow of the Hamburg Foundation for the Politically Persecuted and the International House of Authors in Graz. During this time he published the book D’Zimbabwe – Haus aus Stein (D’Zimbabwe–House Made ​​ of Stone). From January 2006 to January 2007 he was a scholar in the PEN Writers in Exile Program. He then received a scholarship from the Heinrich Böll Foundation. In 2007 Maxwell Sibanda went back to Zimbabwe where he works at the Daily News again, where he has become its deputy editor-in-chief.

Writers in Exile | 57


Foto: Deutsche Welle, K. Danetzki

„Exile life is a closed nightmare without an exit, where I keep waking up into the same dark fears and uncertainties.”

Rohitha Bashana Abeywardane Sri Lanka Rohitha Bashana Abeywardane wurde am 7. Februar 1972 in Sri Lanka geboren. Er war Mitbegründer und später Chefredakteur der alternativen Wochenzeitschrift Hiru, die in der Selbstverwaltung der Redakteure stand. 2003 organisierte er das Sinhala-Tamil Art Festival. Wegen seiner kritischen Zeitungskolumnen musste er nach massiven Drohungen das Land verlassen. Er veröffentlicht weiterhin in verschiedenen Online-Journalen und ist zurzeit Koordinator von Journalists for Democracy in Sri Lanka, einer Organisation, die von sri-lankischen Exil-Journalisten gegründet wurde. Rohitha Bashana Abeywardane war von September 2007 bis August 2010 im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Heute lebt er mit seiner Frau in Deutschland.

58 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Rohitha Bashana Abeywardane Sri Lanka Rohitha Bashana Abeywardane was born on 7 February 1972 in Sri Lanka. He was a founder and later editor-in-chief of the alternative weekly newspaper Hiru, which was managed autonomously by the editors. In 2003 he organized the Sinhala-Tamil Art Festival. As a result of his critical newspaper columns he had to leave the country after massive threats. He continues to publish in various online journals and is currently coordinator of Journalists for Democracy in Sri Lanka, an organization founded by Sri Lankan journalists in exile. Rohitha Bashana Abeywardane was in the PEN Writers in Exile Program from September 2007 to August 2010. Today he lives with his wife in Germany.

Writers in Exile | 59


„Verschwunden in der Finsternis, gegangen ohne Hoffnung auf eine Wiederkehr, getrennt von meinen Lieben, herausgerissen aus all den vertrauten Geräuschen, die einst Bestandteil meines Glückes waren, sterb ich hier, geh langsam zugrunde, einsam, entleert des eigenen Ichs, zerrissen mein Herz, geborsten von den Echos meiner heimatlichen Erde, die ich vielleicht nie wieder sehen werde. Das ist Exil.“

Cosmos Eglo, Togo aus: Eglo, Cosmos: Du Sang Sur Le Miroir; übersetzt aus dem Französischen von Christa Schuenke

60 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Writers in Exile | 61


Foto: Simone Ahrend, sah-photo

Cosmos Akoete Eglo Agbodji Togo Cosmos Akoete Eglo Agbodji wurde am 6. März 1963 in Lomé, der Hauptstadt Togos, geboren. Er ist Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist. Im Zuge einer Hausdurchsuchung vernichteten Soldaten 1992 sein Manuskript zu einem Langgedicht. Er selbst wurde verhaftet, stundenlang verhört, gefoltert und schließlich gezwungen zu schwören, dass er nie wieder etwas Politisches schreiben werde. Als er 1996 auf einer Kundgebung in Lomé mitteilte, einen Roman zu schreiben, in dem er sich kritisch mit dem System in Togo auseinandersetzen wolle, wurde der Druck verschärft. So blieb ihm nur die Flucht ins benachbarte Ghana. Auch dort war er politisch aktiv, gründete ein Amnesty-International-Büro in Hohoe und eine NGO, die sich für das Verbot der rituellen Versklavung junger Mädchen einsetzt. Da die Regierungen Ghanas und Togos freundschaftliche Beziehungen miteinander pflegen, darf ein in Togo Verfolgter in Ghana schwerlich auf Hilfe hoffen. Als Cosmos Akoete Eglo Agbodji 2003 um Asyl bat, blieb sein Antrag fünf Jahre „unauffindbar“ und als er ihn 2008 erneut stellte, empfahl man ihm, doch einfach mit dem Schreiben aufzuhören, dann könne er getrost nach Togo zurückkehren. Deshalb blieb er weiterhin ohne Pass und Flüchtlingsstatus. Nachdem der PEN im März 2010 seinen Antrag auf ein Writers-in-Exile-Stipendium positiv beschied, wurde er in Ghana noch stärker drangsaliert, und auch die deutschen Behörden wiesen ihn zunächst aufgrund des fehlenden Passes ab. So dauerte es zwei Jahre, bis er sein Stipendium antreten konnte. Seit dem 15. April 2012 ist er Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms des PEN und lebt nun in Berlin.

62 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Cosmos Akoete Eglo Agbodji Togo Cosmos Akoete Eglo Agbodji was born on 6 March 1963 in Lomé, the capital of Togo. He is a writer and human rights activist. While his house was being searched in 1992 soldiers destroyed his manuscript for an epic poem. He was arrested, interrogated, tortured for hours, and finally forced to swear that he would never write anything political again. In 1996 when he announced at a rally in Lomé that he would write a novel in which he wanted to deal critically with the system in Togo, the pressure was intensified. The only remaining option was to flee to the neighbouring state of Ghana. There too he was politically active–he founded an Amnesty International office in Hohoe and an NGO which campaigns for a ban on the ritual enslavement of young girls. As the governments of Ghana and Togo cultivate friendly relations with each other, one who is persecuted in Togo can have little hope for help in Ghana. Cosmos Akoete Eglo Agbodji asked for asylum in 2003, his application was “lost” for five years, and when he re-submitted it in 2008, it was recommended to him simply to stop writing, then he can safely return to Togo. Therefore, he remained without passport and refugee status. After PEN positively answered his application for a Writers in Exile scholarship in March 2010, he was harassed in Ghana even more, and the German authorities denied support to him at first due to lack of passport. So it took two years before he could take up his scholarship. Since 15 April 2012 he has been a scholar of the PEN Writers in Exile Program and lives in Berlin.

Writers in Exile | 63


„Ich vermisse mein Heimatland. Ich vermisse die Ortschaften, in denen ich meine Kindheit verbracht habe, sowie mein Dorf. Ich vermisse das Seeufer in unserem Grundstück. In den Sommermonaten war der Himmel voller Sterne, der Mond schien ganz nah zu sein und leuchtete überall. Und ich ging zu unserem Seeufer und saß ganz allein auf den Steinen. Ein Frosch quakte zunächst zwischen den Schilfrohren am Seeufer, dann beteiligten sich sämtliche Tiere des Sees, die in den Schilfrohren am Seeufer lebten, an der Stimme dieses Frosches. Sie bildeten ein Seeorchester und sangen die unvergleichliche Musik der Natur. Sie schwiegen alle gleichzeitig, wenn ich einen Stein in den See warf. Eine Weile später gab der Chef des Orchesters, der Frosch, erneut sein Zeichen. Ich vermisse eben diese wunderbare Musik, die ich sonst nirgends zu hören bekommen werde. Für mich heißt Exil, Mangel an jener Musik zu haben. Mein Bruder Hasan wurde umgebracht, ich konnte sein Grab nicht besuchen. Mein Bruder Ömer wurde umgebracht, ich konnte an seiner Beerdigung nicht teilnehmen. Die Gesichtshaut meiner siebenundzwanzig jährigen Schwägerin wurde von Erbarmungslosen abgezogen, ihr wurden die Augen ausgestochen. Ich konnte mich nicht für sie einsetzen. Mein Vater ist gestorben, ich konnte nicht bei ihm sein. Meine Mutter war zwei Jahre im Koma, ich konnte nicht hingehen und ihr Mutter sagen. All das heißt für mich Exil. Exil heißt, von meiner Kindheit, von meiner Jugend abgerissen worden zu sein.“

Mehmet Selim Çürükkaya, Türkei

64 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Writers in Exile | 65


Foto: privat

Fethiye Çetin Türkei Fethiye Çetin wurde am 4. Mai 1948 in der Türkei geboren. Sie wuchs in Maden in der Provinz Elazig im Osten der Türkei auf und studierte an der Universität Ankara Rechtswissenschaften. Nach dem Militärputsch von 1980 wurde sie verhaftet und nach dem berüchtigten § 141 (Verletzung des Nationalgefühls) zu drei Jahren Haft verurteilt. 1991 wurde dieser Paragraph abgeschafft, das Urteil wurde aufgehoben. Als Rechtsanwältin und Aktivistin ist Fethiye Çetin seit dreißig Jahren eine engagierte Anwältin der Menschenrechte, der Rechte von Minderheiten sowie des Rechts auf freie Meinungsäußerung. So war sie auch Verteidigerin des bekannten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der am 19. Januar 2007 auf offener Straße ermordet wurde (Das PEN-Zentrum Deutschland ehrte die von ihm herausgegebene Zeitschrift AGOS 2007 mit dem Hermann-Kesten-Preis). Seit Dinks Tod ist sie die Hauptverteidigerin im Verfahren um seine Ermordung, außerdem vertritt sie Dinks Familie und die Zeitschrift AGOS auch weiterhin vor den türkischen Gerichten und vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und ist Justitiarin der Hrant Dink Stiftung. Fethiye Çetin ist überdies Verfasserin zweier Bücher über die Islamisierung der Armenier und ein häufiger Gast sowohl in Fernseh-Talkshows innerhalb und außerhalb der Türkei als auch auf vielen Konferenzen und Tagungen und eine gefragte Interviewpartnerin für die nationale und internationale Presse. In der Öffentlichkeit ist sie gewissermaßen das Gesicht des Prozesses um die Ermordung Hrant Dinks. Das macht sie zum Hassobjekt für jene ultranationalistischen Kräfte, die diesen Mord in Auftrag gaben. Sie erhielt zahllose Morddrohungen und stand seit Herbst 2011 in der Türkei unter massivem Polizeischutz. Dennoch haben ihre Freunde ihr geraten, angesichts der zunehmenden Gefährdung ihres Lebens zumindest für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Seit dem 1. Februar 2012 ist sie Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms des PEN und lebt in Berlin.

66 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Fethiye Çetin Turkey Fethiye Çetin was born on 4 May 1948 in Turkey. She grew up in Maden in the province of Elazig in eastern Turkey and studied Law at the University of Ankara. After the military coup of 1980 she was arrested and convicted according to the infamous article 141 (violation of national honor) and sentenced to three years in prison. In 1991 this article was revoked and the sentence was reversed. As a lawyer and activist, Fethiye Çetin was a committed advocate of human rights, minority rights and the right to free speech for thirty years. She was also a known defender of the Armenian-Turkish journalist Hrant Dink, who was murdered in broad daylight on 19 January 2007 (The PEN Center Germany honored the magazine AGOS he edited in 2007 with the Hermann Kesten Prize). Since Dink’s death, she has been the main defender in the trial for his murder, furthermore, she also continues to represent Dink’s family and the magazine AGOS before the Turkish courts and before the European Court of Human Rights and is Legal Officer of the Hrant Dink Foundation. Fethiye Çetin is also author of two books about the islamization of Armenians and a frequent guest on television talk shows both inside and outside of Turkey as well as at many conferences and meetings, and she is a popular interview subject for the national and international press. In public she is, in a sense, the face of the trial for the murder of Hrant Dink. That makes her the object of hate for those ultra-nationalist forces who commissioned this murder. She has received countless death threats and has been under massive police protection since the fall of 2011 in Turkey. Yet her friends have still advised her to go abroad, at least for some time, given the increasing risk to her life. Since 1 February 2012 she has been a scholar of the PEN Writers in Exile Program and lives in Berlin.

Writers in Exile | 67


Foto: privat

Mehmet Selim Çürükkaya Türkei Mehmet Selim Çürükkaya wurde am 16. Dezember 1954 in einem Dorf unweit der anatolischen Stadt Bingöl geboren. Bis 1978 studierte er in Tunceli Pädagogik. Schon an der Hochschule engagierte er sich politisch und gehörte zu den Mitbegründern der Gruppierung Revolutionäre von Kurdistan, die später unter dem Namen PKK bekannt wurde. 1980 wurde er verhaftet und von einem Militärgericht zu 28 Jahren Haft verurteilt. Während er im Gefängnis von Diyarbakir einsaß, verfasste er einen umfangreichen Roman und ein Theaterstück. Nach seiner Freilassung 1991 flüchtete er nach Damaskus, wo er mit Abdullah Öcalan zusammentraf. Schon bald distanzierte er sich von den Machtstrukturen, die dieser innerhalb der PKK aufgebaut hatte, und geriet dadurch zwischen alle Fronten. Seine Ideen zur Reform der kurdischen Bewegung legte er in einem Buch nieder, dessen Originaltitel wörtlich übersetzt Die Verse von Apo lautet und mit dem er sich zum erklärten Feind der PKK machte. Er floh nach Beirut, doch auch dort fühlte er sich bedroht. Mit Unterstützung des deutschen PEN, der IG Medien, des UN-Sekretärs für den Libanon und des Roten Kreuzes gelang es Çürükkaya schließlich 1993, gemeinsam mit seiner Ehefrau Aysel nach Deutschland auszureisen. Hier begegnete er Günter Wallraff, der ihm half, sein Buch 1997 unter dem Titel PKK – Die Diktatur des Abdullah Öcalan im Verlag S. Fischer in Frankfurt am Main auf Deutsch herauszubringen. Von September 1999 bis August 2002 war Mehmet Selim Çürükkaya im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Heute ist er deutscher Staatsbürger und lebt mit seiner Familie in Hamburg. Von hier aus publiziert er weiterhin in der Türkei, u.a. Romane und Essays. Außerdem drehte er den kurdischen Dokumentarfilm We Strane Beje (Sing das Lied) und arbeitet derzeit an einem neuen Filmprojekt.

68 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Mehmet Selim Çürükkaya Turkey Mehmet Selim Çürükkaya was born on 16 December 1954 in a village not far from the Anatolian city of Bingöl. Until 1978 he studied Pedagogy in Tunceli. Even at college he was politically active and was among the founders of the group Revolutionaries of Kurdistan, which later became known under the name PKK. In 1980 he was arrested and sentenced by a military court to 28 years in prison. While he was serving time in prison in Diyarbakir, he wrote a grand novel and a play. After his release in 1991 he fled to Damascus, where he met with Abdullah Öcalan. Soon he distanced himself from the power structures that he had built up within the PKK and came under attack from all fronts. He lay down his ideas for reform of the Kurdish movement in a book, the title of which literally translated was The Verses of Apo which made him the avowed enemy of the PKK. He fled to Beirut, but even there he felt threatened. With the support of PEN Germany, IG Medien, the UN secretary for Lebanon and the Red Cross, Çürükkaya was finally able to emigrate in 1993 with his wife Aysel to Germany. Here he met Günter Wallraff, who helped him publish his book in German in 1997 titled PKK – Die Diktatur des Abdullah Öcalan (PKK–The Dictatorship of Abdullah Öcalan) by S. Fischer Verlag in Frankfurt/Main. From September 1999 to August 2002 Mehmet Selim Çürükkaya was in the PEN Writers in Exile Program. Today he is a German citizen and lives with his family in Hamburg. From here he continues to be published in Turkey, including novels and essays. He also shot the Kurdish documentary We Strane Beje (Singing the Song) and is currently working on a new movie project.

Writers in Exile | 69


„Ein schräges Leben Als Frau Sandra Weires von PEN mich um einen Artikel über die Trennung von der Heimat, namentlich das Exil, bat, fiel mir eine Anekdote ein, welche die derzeitige Situation im Nahen Osten gut beschreibt: Ein Kamel wurde gefragt: „Warum ist dein Hals so krumm?“ Es erwiderte: „Was ist denn an mir schon gerade?!“ Die Flucht vor unterdrückerischen Regime ist nicht immer und für jeden eine Befreiung. Für einen Flüchtling ist das Leben voller Krümmungen, wie der Hals des Kamels. Der Flüchtling muss sich in seinem neuen Leben mit dem, was ihm gegeben wird, abfinden und ist somit abhängig. (...) Der Mann, der Angst hatte, hinauszugehen, ist nun frei. Auch wenn die Menschen, denen er auf der Straße begegnet, ihn nicht mit freundlichen Blicken ansehen, so hat er doch nichts zu befürchten. Die schnellen Schritte, die er hinter sich hört, gehören nicht mehr einem Mörder, der auf seinen Nacken zielt, sondern nur Personen, die es eilig haben. (...) Infolge der sprachlichen Hürden ist man sehr einsam und eingeschränkt. Keiner ist sich ihres Daseins bewusst. Zumal man auch von seiner eigenen Welt getrennt ist, ist das, was man schreibt, keinen Groschen mehr Wert. Nun ist auch niemand mehr da, der anruft oder versucht, anderweitig Kontakt aufzunehmen. Es ist eine kalte Welt, die dem Schriftsteller fremd ist, allein und verlassen in dieser Welt. (...)

70 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Sie müssen mit Situationen zurechtkommen, die sie nicht ertragen können, vor bürokratischen Türen warten, hinter denen sie respektlos behandelt werden. Sie betrachten sich selbst als Flüchtling, der widerwillig akzeptiert worden ist, fühlen sich wie ein Bittsteller und versuchen, die ihnen gestellten Fragen voller Scham zu beantworten. Ich kenne Menschen, die sich wegen der erniedrigenden Behandlung das Leben genommen haben, und solche, die es versucht haben. Daher ist das Leben im Exil nicht der Rosengarten, wie manch einer denkt. Das Exil dient einzig dazu, überleben zu können und die eigene Existenz, als wäre sie ein Nichts, zu ertragen.“

Ahmet Kahraman, Türkei

Writers in Exile | 71


Foto: privat

Ahmet Kahraman Türkei Ahmet Kahraman wurde am 15. März 1941 in Bingöl in der Türkei geboren. Sein Buch Bir Dönemin Türk Büyükleri (Große Türken unserer Zeit) brachte ihm Strafanzeigen von eben diesen „großen Türken“ ein – von zwei ehemaligen Notstands-Gouverneuren, einem früheren Geheimdienstchef, einem Ex-Armeechef und einem einstmals militanten Faschisten, dem die Verantwortung für zahlreiche politische Morde in der Türkei nachgesagt wird und den er an der Stimme erkannte, als der am Telefon Morddrohungen gegen ihn ausstieß. Nur knapp entging er einem Attentat. 1998 kam er nach Deutschland und wollte eigentlich nur kurz hier bleiben. Doch aus dem geplanten Kurzaufenthalt wurde für den türkisch-kurdischen Journalisten und Autor ein Exil, dessen Ende vorerst nicht abzusehen ist. Im September 1999 erhielt er ein Stipendium des Writers-in-Exile-Programms des PEN. Heute führt er den Dialog mit seinen Leserinnen und Lesern in der Türkei und im europäischen Ausland über das Internet. Von Ahmet Kahraman, dem das Schreiben seit jeher ein politisches und soziales Anliegen ist, sind in der Türkei bisher siebzehn Bücher erschienen, und manches seiner Manuskripte ist dort noch immer unveröffentlicht. Ende August 2002 schied er aus dem Writers-inExile-Programm aus. Ahmet Kahraman lebt weiterhin in Deutschland.

72 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Ahmet Kahraman Turkey Ahmet Kahraman was born on 15 March 1941 in Bingöl, Turkey. His book Bir Dönemin door Büyükleri (Great Turks of Our Times) earned him denunciations from those same “Great Turks”–two former emergency-governors, a former intelligence chief, a former army chief and a once-militant fascist, who is said to be responsible for numerous political killings in Turkey and whose voice Kahraman recognized on the telephone as death threats were uttered against him. He barely escaped an assassination attempt. In 1998 he moved to Germany and wanted to stay here only briefly. But the Turkish-Kurdish journalist and author’s planned short stay became an exile with no end in sight. In September 1999 he received a scholarship from the German PEN Writers in Exile Program. Today he leads the dialogue with his readers in Turkey and Europe via the Internet. Ahmet Kahraman, whose writing has always been a political and social issue, has published seventeen books in Turkey so far, and many of his manuscripts still remain there unpublished. At the end of August 2002 he left the Writers in Exile Program. Ahmet Kahraman continues to live in Germany.

Writers in Exile | 73


Foto: privat

„Als ich aus der Türkei kam, hatte ich kein Heim, ich wanderte von einem Haus zum nächsten, bepackt mit drei Koffern. Von einer Stadt zur nächsten. Ich sagte: “Die Welt ist mein Heim.“ Aber das war nicht unbedingt wahr.“ aus: Selek, Pinar: Loin de chez moi…mais jusqu’ où?; 2012; übersetzt aus dem Französischen von Nina Jäckle

Pinar Selek Türkei Pinar Selek wurde am 8. Oktober 1971 in Istanbul geboren. Sie besuchte dort das französische Gymnasium und studierte Soziologie an der Mimar Sinan University. Sie beteiligte sich an der Organisation verschiedener Aktionen der Frauenbewegung und gründete das feministische Netzwerk Amargi, für dessen Magazin sie als Herausgeberin tätig ist. In ihren publizistischen Arbeiten beschäftigte sie sich mit Themen wie der Friedensbewegung, der Ausgrenzung von Minderheiten sowie den Zusammenhängen zwischen Militarismus und der Entwicklung der Geschlechtsidentität. Im Zusammenhang mit der Arbeit an einer soziologischen Studie zur Kurdenfrage, die gewissen Kreisen in der Türkei ein Dorn im Auge war, wurde sie 1998 zu Unrecht beschuldigt, im Auftrag der PKK einen Bombenanschlag auf einen Basar in Istanbul verübt zu haben. Sie kam für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis und wurde schwer gefoltert. Aus der Untersuchungshaft entlassen, verbrachte sie den größten Teil des über zwölf Jahre dauernden Verfahrens auf freiem Fuß und setzte ihre Arbeit fort. Schließlich wurde sie in zwei aufeinander folgenden Verfahren freigesprochen. Ungeachtet dessen forderte die Staatsanwaltschaft weiterhin die Höchststrafe, „lebenslänglich unter verschärften Bedingungen“. Anfang 2009 kam der Fall erneut vor Gericht, und auch diesmal endete das Verfahren mit einem Freispruch. Nach den neusten, hoch dramatischen Entwicklungen droht ihr nun nach wie vor eine Verurteilung zu 36 Jahren Isolationshaft. Seit dem Sommer 2009 lebte sie in Deutschland, von Dezember 2009 bis November 2011 war Pinar Selek Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Sie hat mehrere Sachbücher mit soziologischer Thematik geschrieben und zahllose Artikel in türkischen und kurdischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Im Frühjahr 2010 erschien ihr Buch Zum Mann gehätschelt – zum Mann gedrillt und im Dezember 2011 ihr erster Roman Halbierte Hoffnungen. Zurzeit lebt Pinar Selek in Straßburg und arbeitet an ihrer Dissertation.

74 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Pinar Selek Turkey Pinar Selek was born on 8 October 1971 in Istanbul. She attended the French international school there and studied Sociology at the Mimar Sinan University. She helped to organize various protest events for the women’s movement and founded the feminist network Amargi of which she is the publisher of its magazine. In her journalistic work she deals with issues such as the peace movement, the exclusion of minorities and the relationship between militarism and the development of gender identity. In connection with the work of a sociological study of the Kurdish question, which was a thorn in the side of certain circles in Turkey, in 1998 she was falsely accused of laying a bomb in an Istanbul bazaar on behalf of the PKK. She was put in prison for two and a half years and was severely tortured. Released from detention before trial, she spent most of the more than twelve-year ordeal at large and continued her work. She was eventually acquitted in two consecutive trials. Notwithstanding, the state prosecutor still called for the maximum judgement of “a life sentence under stringent conditions”. In early 2009 the case went to trial again, and this time the trial ended in acquittal. According to the latest, highly dramatic developments she is now still threatened with a sentence of 36 years of solitary confinement. Since the summer of 2009 she has been living in Germany, from December 2009 to November 2011 Pinar Selek was a scholar in the PEN Writers in Exile Program. She has written several books on sociological issues and published numerous articles in Turkish and Kurdish newspapers and magazines. In the spring of 2010 she published her book Zum Mann gehätschelt - Zum Mann gedrillt (Cuddled to Manhood–Drilled to Manhood), and in December 2011 she released her first novel Halbierte Hoffungen (Halved Hopes). Pinar Selek currently lives in Strasbourg and is working on her dissertation.

„Der Roman, den ich zu lesen begonnen hatte, und der Artikel, an dem ich gerade arbeitete, sind auf dem Tisch liegen geblieben. Und die Fotos von meiner Mutter, die Geschenke meiner Freunde und die Briefe, die ich immer wieder las, die politische Kampagne, die wir gerade ins Leben gerufen hatten, und die Rede, die ich auf der Kundgebung halten wollte. Meine Freude haben lange auf mich gewartet an der Straßenecke...“ aus: Selek, Pinar: Loin de chez moi…mais jusqu’ où?; 2012; übersetzt aus dem Französischen von Nina Jäckle

Writers in Exile | 75


Foto: privat

Sihem Bensedrine Tunesien Sihem Bensedrine wurde am 28. Oktober 1950 in Tunis geboren. Ende der 70er Jahre begann sie sich für die Menschenrechte zu engagieren, Anfang der 80er Jahre gehörte sie zu den führenden Persönlichkeiten der tunesischen Frauenbewegung. Von 1985 bis 1994 war sie Vorstandsmitglied der Tunesischen Liga für Menschenrechte. Ende der 90er Jahre gründete sie gemeinsam mit anderen Menschenrechtlern den Nationalen Rat für die Freiheit in Tunesien. Als Galionsfigur des Widerstands gegen die Diktatur Ben Alis war sie vielfältigen Repressionen ausgesetzt. 2001 wurde sie nach Publikationen über Korruption und Folter inhaftiert. 2002 erhielt sie den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit. Nach einem Gaststipendium der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte lebte sie von Januar 2006 bis Dezember 2007 als Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms des PEN in Hamburg. Sie ist Herausgeberin der OnlineZeitung Kalimatunisie (Das Wort Tunesiens), hält Vorträge vor dem EU-Parlament, hilft bei der Ausbildung von Journalisten im Irak und schreibt Bücher über Europa, Tunesien und Irak. 2005 erschien auf Deutsch das gemeinsam mit ihrem Mann verfasste Buch Despoten vor Europas Haustür. Warum der Sicherheitswahn den Extremismus schürt. Nach ihrem Aufenthalt in Hamburg erhielt sie ein Stipendium der Stadt Graz und lebte dann ab Februar 2010 in Barcelona. Nach der Tunesischen Revolution Anfang 2011 verließ sie ihr Exil und kehrte nach Tunesien zurück, um dort beim Aufbau eines demokratischen Staates mitzuwirken. Im Herbst 2011 erhielt sie den Ibn Rushd Preis für freies Denken, der für Verdienste um die Demokratie und Meinungsfreiheit in der islamischen Welt vergeben wird. Im Februar 2012 erschien im Leykam Verlag ihr neues Buch Der USB-Stick – eine Dokumentation ihrer Reisen, Aktivitäten, Vorwürfe, Ängste und Hoffnungen.

76 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Sihem Bensedrine Tunisia Sihem Bensedrine was born on 28 October 1950 in Tunis. At the end of the 1970s she began to be active for human rights, in the early 1980s she was one of the leading personalities of the Tunisian feminist movement. From 1985 to 1994 she served as a board member of the Tunisian League for Human Rights. Together with other human rights activists she founded the National Council for Freedom in Tunisia in the late 1990s. As a figurehead of the resistance against the dictatorship of Ben Ali she was subject to various forms of repression. In 2001 she was arrested after publications on corruption and torture. In 2002 she was awarded the Johann Philipp Palm Prize for freedom of speech and press. After a guest scholarship from the Hamburg Foundation for Politically Persecuted she lived in Hamburg with a scholarship of the PEN Writers in Exile Program from January 2006 to December 2007. She is the editor of the online newspaper Kalimatunisie (The Word of Tunisia), has spoken before the European Parliament, facilitates the training of journalists in Iraq and writes books about Europe, Tunisia and Iraq. In 2005 a book written by her and her husband was published in German Despoten vor Europas Haustür. Warum der Sicherheitswahn den Extremismus schürt (Despots at Europe’s doorstep. Why obsession with security fuels extremism). After her stay in Hamburg she received a scholarship from the city of Graz, Austria, and then lived in Barcelona from February 2010. After the Tunisian revolution in early 2011 she left her exile and returned to Tunisia to participate in building a democratic state. In the fall of 2011 she was awarded the Ibn Rushd Prize for freedom of speech, which is awarded for contributions to democracy and freedom in the Islamic world. In February 2012 her new book appeared in Leykam Publishers Der USB-Stick (The USB flash drive)– a documentary of her travels, activities, complaints, fears and hopes.

Writers in Exile | 77


„Wenn die Akazie blüht Wenn die Akazie im Mai anfängt zu blühen, und der Duft sich langsam in der Luft verbreitet, fast unbemerkbar, leise und scheu, irgendwo in Wien, oder Berlin, oder Mailand, irgendwo, wo der Mai dich gerade erwischt hat, und du gehst diesem Duft nach, versuchst ihn einzuatmen, festzuhalten, den Baum zu finden, der ihn verbreitet, findest ihn nicht, vielleicht weil du es dir alles eingebildet hast, vielleicht weil du weißt, im Mai ist es so weit, im Mai blüht der Akazienbaum dort, unter deinem Balkon, dort, wo er immer, nach wie vor blüht, der Akazienbaum, wie damals. Das ist das vielleicht, was man Exil nennt. Der Akazienbaum in Grozny, der blüht, und der Duft kommt bis nach Wien, Berlin oder Mailand, dorthin, wo dich der Mai gerade erwischt hat.“

Maynat Kurbanova, Tschetschenien

78 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


CHECHNYA


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Adam Guzuev Tschetschenien Adam Guzuev wurde am 27. Oktober 1970 in Tschetschenien geboren. Er entstammt einer dort bekannten Theaterfamilie, sein Onkel, der während eines Feuergefechts im Tschetschenienkrieg getötet wurde, war Vorsitzender des tschetschenischen Rundfunkkomitees. Nach dem Studium der Philologie arbeitete Guzuev als Regisseur und Drehbuchautor beim staatlichen tschetschenischen Fernsehen, schrieb Stücke für das Staatstheater in Grosny und Gedichte, die in tschetschenischen Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden. Aufgrund seiner Filme über Kriegsverbrechen während des Tschetschenienkonflikts stand er in seiner Heimat unter großem Druck; er durfte nicht publizieren, musste immer wieder untertauchen und lebte die letzte Zeit vor Antritt seines Stipendiums versteckt in Tschetschenien. Seit dem 1. November 2010 ist Adam Guzuev Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN und wohnt in Berlin. Hier schreibt er Szenarien, Gedichte und Erzählungen und arbeitet daran, sich seinen Traum zu erfüllen, eines Tages mit einem eigenen Beitrag auf der Berlinale vertreten zu sein.

80 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Adam Guzuev Chechnya Adam Guzuev was born on 27 October 1970 in Chechnya. He comes from a famous theatrical family, his uncle, who was killed during a firefight in the Chechen war, was chairman of the Chechen broadcasting committee. After studying Philology Guzuev worked as a director and scriptwriter for the Chechen state television, wrote pieces for the State Theatre in Grozny and poems that were published in Chechen literary magazines. Because of his films about war crimes committed during the Chechen conflict, he came under great pressure in his homeland; he could not publish, was forced into hiding and lived in hiding in Chechnya in the time before assuming his scholarship. Since 1 November 2010 Adam Guzuev has been a scholar in the PEN Writers in Exile Program and now lives in Berlin. Here he writes screenplays, poems and stories, and he is working to fulfill his dream one day to show his own contribution at the Berlinale Film Festival.

Writers in Exile | 81


Foto: privat

Maynat Kurbanova Tschetschenien Maynat Kurbanova wurde am 24. Mai 1974 in Grosny geboren. Sie absolvierte die Fakultät für Journalistik an der Tschetschenischen Staatlichen Universität und arbeitete ab 1991 für verschiedene russische Massenmedien. Seit Anfang des zweiten Tschetschenienkrieges war sie als Korrespondentin der Moskauer Zeitung Nowaja Gazeta und für die Radiostation Swoboda im Nordkaukasus, auch in Tschetschenien, tätig. In ihren Reportagen berichtete sie über die Kriegsereignisse, über die unrühmlichen Taten des Militärs und über die Gewalt in der Tschetschenischen Republik. Sie sammelte dabei viele Dokumente über die tatsächliche Lage in dieser Region. Durch die Zusammenarbeit mit der Informationsagentur Francepresse wurden ihre Artikel unter dem Namen Mainat Abdulajewa in deutschen Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. 2003 wurde sie für den Andrej-Sacharow-Preis „Journalistik als Tat“ nominiert. Nach mehreren Drohungen gegen ihre Person verließ sie Russland und war seit November 2004 Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des deutschen PEN. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Programm im August 2007 nahm die Stadt Darmstadt Maynat Kurbanova für weitere drei Jahre als Elsbeth-WolffheimStipendiatin auf. 2009 bekam sie den RADIO Journal Rundfunkpreis und 2011 den Sonderpreis Edition Exil „Schreiben zwischen den Kulturen“. Ihre Essays und Erzählungen wurden in Jahrbüchern und Anthologien veröffentlicht. Inzwischen lebt sie in Österreich, schreibt als freie Journalistin für mehrere russische und italienische Online-Magazine und ist für den Sender Radio Liberty tätig. Daneben arbeitet sie an einem Roman.

82 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Maynat Kurbanova Chechnya Maynat Kurbanova was born on 24 May 1974 in Grozny. She graduated from the Faculty of Journalism at the Chechen State University, and worked from 1991 for various Russian mass media institutions. Since the beginning of the second Chechen war she worked as a correspondent for the Moscow newspaper Novaya Gazeta and at the radio station Svoboda in the North Caucasus, including Chechnya. In her reports, she reported on the events of the war, the infamous deeds of the military and about the violence in the Chechen Republic. She gathered numerous documents about the real events in the region. Through collaboration with the Information Agency Francepresse her articles appeared in German newspapers such as Frankfurter Allgemeine Zeitung and Süddeutsche Zeitung under the pen name Mainat Abdulajewa. In 2003 she was nominated for the Andrei Sakharov Prize “Journalism as an Act”. After several death threats, she left Russia and became a scholar in the German PEN Writers in Exile Program in November 2004. After leaving the program in August 2007, Maynat Kurbanova was granted the three-year Elsbeth Wolffheim Scholarship by the city of Darmstadt. In 2009 she received the RADIO Journal Prize for broadcasting and in 2011 the Special Prize from Edition Exil “Writing Between Cultures”. Her essays and short stories have been published in almanacs and anthologies. Now she lives in Austria, is a freelance journalist for several Russian and Italian online magazines and works for Radio Liberty. Furthermore, she is working on a novel.

Writers in Exile | 83


„[…] manchmal schäme ich mich sehr, dass es in Europa heute noch Länder gibt, wo unabhängige Schriftsteller verfolgt und unterdrückt werden; wo der Staat keine Freiheit des Wortes akzeptiert. Ich meine natürlich das Land, wo ich herkomme – Belarus (Weißrussland). Es ist so traurig. Im 21. Jahrhundert, wo ganz Europa sich vereinigt, nimmt mein Heimatland keine europäischen Werte wahr, und jeder, der an diese Werte glaubt, ist für unseren Staat ein Feind.“

Alhierd Bacharevič, Weißrussland

84 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Writers in Exile | 85


Foto: Margarita Kabakova

Swetlana Alexijewitsch Weißrussland Swetlana Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren. Nach dem Journalistikstudium an der Universität Minsk arbeitete sie als Journalistin und als Lehrerin. Ihre Dokumentarprosa wurde in 28 Sprachen übersetzt, teilweise verfilmt und liegt einem Dutzend Theaterstücken zugrunde. Ihre Bücher wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Friedenspreis der Stadt Osnabrück, dem Prix RFI Temoin du Monde, dem Moskauer Andrej-Sinjavskij-Preis, dem Kurt-Tucholsky-Preis des schwedischen PEN und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Der gegenwärtige Zustand des zerfallenen, einst riesigen Reiches der Sowjetunion ist das Thema der meisten Veröffentlichungen, von denen Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft, für das sie 2006 den National Book Critics Circle Award erhielt, wohl das erfolgreichste ist. Für ihr Buch Zinkjungen wurde sie wegen „Verleumdung“ und „Besudelung der Soldatenehre“ angeklagt und stand deshalb zwischen 1992 und 1996 mehrfach vor Gericht. Der Buchtitel spielt auf die vielen gefallenen Soldaten an, die in Zinksärgen aus dem sowjetischen AfghanistanFeldzug von 1979 bis 1985 heimgekehrt sind. Das Buch wurde in Weißrussland vom Markt genommen, das gleichnamige Theaterstück verboten. Wegen ihres Buches Der Krieg hat kein weibliches Gesicht über das Schicksal der rund eine Million Frauen, die im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft haben und dafür nach der Rückkehr von der Front verachtet wurden, erhielt sie ebenfalls eine Anklage und verlor ihre Stellung bei der Zeitschrift Neman. Seit dem Machtantritt von Präsident Lukaschenko 1994 können ihre Bücher in Weißrussland nicht mehr erscheinen. Swetlana Alexijewitsch war von April 2008 bis März 2010 im Writers-in-Exile-Programm des PEN. Für die polnische Ausgabe ihres ersten Buches Der Krieg hat kein weibliches Gesicht erhielt sie 2011 in Polen den Ryszard-Kapuściński-Preis und den Angelus Central European Literature Award. Sie lebt derzeit in Minsk und arbeitet an der Fertigstellung ihres neuen Romans Second Hand Zeit – Das Ende des roten Menschen.

86 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Svetlana Alexievich Belarus Svetlana Alexievich was born in Ivano-Frankivsk in the Ukraine on 31 May 1948. After studying Journalism at the University of Minsk, she worked as a journalist and as a teacher. Her documentary prose has been translated into twenty-eight languages, has been filmed in part and has laid the foundation for a dozen plays. Her books have won international awards including the Peace Prize of the City of Osnabrück, RFI’s Prix Temoin du Monde, the Moscow Andrei Siniavski Prize, the Kurt Tucholsky Prize from the Swedish PEN and the Leipzig Book Prize for European Understanding. The current state of the crumbling, once enormous empire of the Soviet Union is the subject of most of her publications, of which the book Voices from Chernobyl: The Oral History of a Nuclear Disaster for which she received the 2006 National Book Critics Circle Award, is probably the most successful. For her book Zinky Boys she was accused of “defamation” and “desecration of the soldiers’ honor” and was therefore brought to court several times from 1992-1996. The book’s title alludes to the many fallen soldiers who have returned home in zinc coffins from the Soviet-Afghan campaign of 1979 to 1985. The book was taken off the market in Belarus and the play of the same title was banned. Because of her book War's Unwomanly Face on the fate of the approximately one million women who fought in the Red Army in the Second World War who were held in contempt after their return from the front, she was also indicted and lost her position at the magazine Neman. Since President Lukashenko’s rise to power in Belarus in 1994 her books are no longer permitted to be published. Svetlana Alexievich was in the PEN Writers in Exile Program from April 2008 to March 2010. For the Polish edition of her first book War's Unwomanly Face, she received the Ryszard Kapuscinski Prize in 2011 and the Angelus Central European Literature Award. She currently lives in Minsk and is working on the completion of her new novel Second Hand Time–The End of the Red Man.

Writers in Exile | 87


Foto: privat

Alhierd Bacharevič Weißrussland Alhierd Bacharevič wurde am 31. Januar 1975 in Minsk geboren. Er studierte weißrussische Philologie und Pädagogik an der Maxim-Tank-Hochschule und arbeitete anschließend als Lehrer und Journalist. Gedichte und Erzählungen wurden seit 1992 in kleineren Zeitschriften und Zeitungen publiziert, nicht aber in den wichtigen staatlichen weißrussischen Zeitungen und Zeitschriften. So war es für Bacharevič ein großer Erfolg, dass er mit seinem ersten Buch Praktyčny dapamožnik pa rujnavańni haradoū (Praktisches Hilfswerk zur Zerstörung der Städte) den einzigen unabhängigen belarussischen Literaturpreis Hliniany Viales für das beste Buch des Jahres 2002 gewinnen konnte. Sein zweiter Prosaband Naturalnaja afarboūka (Die natürliche Färbung) zählte nach einer Umfrage der Zeitung Naša niva zu den besten Büchern des Jahres 2003 in Weißrussland. 2006 konnte er sein Buch Nijakaj litaści Valancinie H. (Keine Gnade für Valentina H.) in einem unabhängigen Verlag veröffentlichen, 2007 erschien der Roman Praklatyja hości stalicy (Die verdammten Gäste der Hauptstadt). Auch seine anderen Bücher wurden in diesem Verlag publiziert. Einige Erzählungen und Gedichte sind ins Deutsche, ins Tschechische, Ukrainische, Polnische, Bulgarische und Slowenische übersetzt worden. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut Minsk arbeitete er an der ersten Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger ins Weißrussische, daneben übersetzte er moderne deutsche Lyrik sowie die Märchen der Gebrüder Grimm. Er ist Mitglied im oppositionellen Schriftstellerverband seines Heimatlandes. Dort unterlag er der Zensur und der Isolation, denn in Weißrussland kann ein Autor nicht leben, wenn er seine Bücher nicht auf Lesungen vorstellen darf. Nach einem Aufenthalt bei der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte war er von Februar 2008 bis Januar 2011 Writers-in-Exile-Stipendiat des PEN in Hamburg. Im Herbst 2010 erschien sein Buch Die Elster auf dem Galgen im Leipziger Literaturverlag. Alhierd Bacharevič lebt weiterhin mit seiner Familie in Hamburg.

88 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Alhierd Baharevich Belarus Alhierd Baharevich was born on 31 January 1975 in Minsk. He studied Belarusian Philology and Pedagogy at the Maxim Tank School and then worked as a teacher and journalist. Poems and stories have been published since 1992 in small magazines and newspapers, but not in the important Belarusian national newspapers and magazines. So it was a great success for Baharevich that he could win the only independent Belarusian literature prize Hliniany Viales for the best book of 2002 with his first book Praktychny dapamozhnik pa rujnavańni haradoū (Practical Tool for the Destruction of Cities). His second volume of prose Naturalnaja afarboūka (Natural coloration), according to a survey of the newspaper Naša niva, was one of the best books of 2003 in Belarus. In 2006, he was able to publish his book Nijakaj litashchi Valancinie H. (No mercy for Valentina H.) at an independent publishing house, in 2007 the novel Praklatiya hochchi stalicy (The Damned Guests of the Capital) was released. His other books were also published by this publisher. Some stories and poems have been translated into German, Czech, Ukrainian, Polish, Bulgarian and Slovenian. Together with the Goethe Institut Minsk, he has worked on the first translation of Hans Magnus Enzensberger into Belarusian, and he also translated modern German poetry and fairy tales by the Brothers Grimm. He is a member of the opposition Writers’ Association of his homeland. There he was subject to censorship and isolation, as an author living in Belarus cannot survive, if he cannot present his books at readings. After a stay at the Hamburg Foundation for the Politically Persecuted, he was a PEN Writers in Exile scholar from February 2008 to January 2011 in Hamburg. In the fall of 2010 his book Die Elster auf dem Galgen (The magpie on the gallows) was published by Leipzig Literaturverlag. Alhierd Baharevich continues to live with his family in Hamburg.

Writers in Exile | 89


Die Charta des Internationalen PEN Die PEN-Charta gründet sich auf Resolutionen, die auf internationalen Kongressen angenommen worden sind, und soll wie folgt zusammengefasst werden. Der PEN-Club vertritt die folgenden Grundsätze: 1. Literatur kennt keine Landesgrenzen und muss auch in Zeiten innenpolitischer oder internationaler Erschütterungen eine allen Menschen gemeinsame Währung bleiben. 2. Unter allen Umständen, und insbesondere auch im Krieg, sollen Werke der Kunst, der Erbbesitz der gesamten Menschheit, von nationalen und politischen Leidenschaften unangetastet bleiben. 3. Mitglieder des PEN sollen jederzeit ihren ganzen Einfluss für das gute Einvernehmen und die gegenseitige Achtung der Nationen einsetzen. Sie verpflichten sich, mit äußerster Kraft für die Bekämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhass und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken. 4. Der PEN steht für den Grundsatz eines ungehinderten Gedankenaustauschs innerhalb einer jeden Nation und zwischen allen Nationen, und seine Mitglieder verpflichten sich, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten. Der PEN erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft jede Form der Zensur. Er steht auf dem Standpunkt, dass der notwendige Fortschritt in der Welt hin zu einer höher organisierten politischen und wirtschaftlichen Ordnung eine freie Kritik gegenüber Regierungen, Verwaltungen und Institutionen zwingend erforderlich macht. Und da die Freiheit auch freiwillig geübte Zurückhaltung einschließt, verpflichten sich die Mitglieder, solchen Auswüchsen einer freien Presse wie wahrheitswidrigen Veröffentlichungen, vorsätzlichen Fälschungen und Entstellungen von Tatsachen für politische und persönliche Ziele entgegenzuarbeiten.

90 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


PEN International Charter PEN affirms that 1. Literature knows no frontiers and must remain common currency among people in spite of political or international upheavals. 2. In all circumstances, and particularly in time of war, works of art, the patrimony of humanity at large, should be left untouched by national or political passion. 3. Members of PEN should at all times use what influence they have in favour of good understanding and mutual respect between nations; they pledge themselves to do their utmost to dispel race, class and national hatreds, and to champion the ideal of one humanity living in peace in one world. 4. PEN stands for the principle of unhampered transmission of thought within each nation and between all nations, and members pledge themselves to oppose any form of suppression of freedom of expression in the country and community to which they belong, as well as throughout the world wherever this is possible. PEN declares for a free press and opposes arbitrary censorship in time of peace. It believes that the necessary advance of the world towards a more highly organised political and economic order renders a free criticism of governments, administrations and institutions imperative. And since freedom implies voluntary restraint, members pledge themselves to oppose such evils of a free press as mendacious publication, deliberate falsehood and distortion of facts for political and personal ends.

Writers in Exile | 91


PEN-Zentrum Deutschland Die internationale Schriftstellervereinigung PEN (Poets, Essayists, Novelists) ist seit vielen Jahrzehnten als wichtige Stimme der verfolgten und unterdrückten Schriftsteller in aller Welt und als Anwalt des freien Wortes aktiv. Der Internationale PEN ist beratend für die Vereinten Nationen und die UNESCO tätig. Weltweit ist der PEN in über 140 Zentren organisiert. Eines davon ist das PEN-Zentrum Deutschland. Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland kann nur werden, wer aufgrund besonderer schriftstellerischer Leistungen auf Vorschlag anderer PEN-Mitglieder hinzugewählt wird und sich durch seine Unterschrift unter die Charta des PEN zu den Prinzipien der Vereinigung bekennt. www.pen-deutschland.de

92 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


Der PEN-Freundes- und Förderkreis Seit langem existiert ein Freundeskreis des PEN, in dem sich Persönlichkeiten und Organisationen aus Kultur, Politik und Wirtschaft zusammengefunden haben, die die Idee des Inter­nationalen PEN und das deutsche Zentrum fördern und besonders die Arbeit für inhaftierte und bedrohte Schriftsteller in aller Welt unterstützen wollen. Der PEN ist auf solche Mithilfe dringend angewiesen. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, dass alles, was der PEN im Rahmen seiner Writers-in-Prison-Arbeit unternimmt, beachtliche finanzielle Mittel erfordert. Und doch bleibt, was an Hilfe und Unterstützung unternommen wird, stets hinter dem zurück, was getan werden müsste.

Wer kann Mitglied werden? Jede(r) hat die Möglichkeit, dem Freundes- und Förderkreis beizutreten und durch seinen Beitrag bei der Erfüllung der zahlreichen Aufgaben und Unternehmungen des PEN mitzuhelfen: bei der Hilfe für verfolgte Autorinnen und Autoren, aber auch bei den verschiedenen kulturpolitischen Initiativen und den zahlreichen Aktivitäten zur Förderung der gesellschaftlichen Bedeutung der Literatur. Die Mitglieder des Freundeskreises unterschreiben ebenfalls die Charta des PEN und erwerben damit – mit Ausnahme des Stimm- und Wahlrechts auf den Jahresversammlungen – alle Rechte eines PEN-Mitglieds.

Was bietet der PEN-Freundes- und Förderkreis seinen Mitgliedern? • Teilnahme an den Jahrestagungen • Eintrag im PEN Autoren Lexikon • Veranstaltungen/Workshops auf regionaler Ebene • Aktuelle Informationen durch Rundbriefe und Newsletter • Der Freundeskreis organisiert Lesungen und Veranstaltungen auf regionaler Ebene.

Spenden an PEN Spendenkonto: Commerzbank Darmstadt Konto 130808903 BLZ 508 400 05 Writers in Exile | 93


Foto: Joachim Liebe

„Der PEN kümmert sich beherzt und mit Erfolg um inhaftierte Schriftsteller in aller Welt – für die Freiheit des Wortes und die Freiheit derer, die mutig das Wort ergreifen. Wir brauchen für diese konkrete Menschenrechtsarbeit Geld und bitten Sie, uns durch Ihre Mitgliedschaft im Freundeskreis zu helfen.“

Friedrich Schorlemmer

Ehrenpräsidenten: Günter Grass | Walter Jens Präsident: Johano Strasser Generalsekretär: Herbert Wiesner Schatzmeister: Matthias Biskupek Vizepräsidenten: Sascha Feuchert (Writers in Prison) | Christa Schuenke (Writers in Exile) Beiräte: Lutz Götze | Nina Jäckle | Sabine Kebir | Tanja Kinkel | Shi Ming | Thomas Rothschild | Hans Thill Justitiar: Dr. Klaus Uebe Geschäftsführerin: Claudia C. Krauße Gestaltung: kummerdesign.de

94 | Stipendiatinnen & Stipendiaten


PLZ, Ort

StraĂ&#x;e

Name, Vorname

Absender:

Kasinostr. 3 64293 Darmstadt

PEN-Zentrum Deutschland


™ Ja, ich will mich für den PEN einsetzen und erkläre hiermit meinen Beitritt zum Freundes- und Förderkreis des PEN-Zentrums Deutschland. Bitte schicken Sie mir die entsprechenden Unterlagen und weitere Informationen zu.

™ Privatpersonen

€ 100,-

Ich/Wir zahle/n folgenden Jahresbeitrag:

™ Privatpersonen mit geringem Einkommen (Selbsteinschätzung des Beitrags, auf Antrag)

€ 300,-

™ Herr ™ Frau ™ Organisation/Firma

Straße, Hausnummer:

™ Organisationen, Vereine, Firmen

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Datum, Unterschrift:

Ihre persönlichen Daten werden ausschließlich für Vereinszwecke elektronisch erfasst. Eine Weitergabe an Dritte findet nicht statt.

™ Ich unterstütze den PEN freiwillig mit einem höheren Beitrag von jährlich

Land: Telefon: E-Mail: Beruf: Geburtsdatum: Beitrittsdatum:


Freundes- und Fรถrderkreis des PEN-ZENTRUMS DEUTSCHLAND AN INTERNATIONAL ASSOCIATION OF WRITERS Kasinostr. 3 64293 Darmstadt Tel. 061 51/2 31 20 Fax 061 51/29 34 14 PEN-Germany@t-online.de www.pen-deutschland.de

Profile for Christine Kummer

PEN – Writers in Exile 1999-2012  

PEN Zentrum Deutschland. Broschüre: Writers in Exile – Die Stipendiatinnen und Stipendiaten 1999-2012

PEN – Writers in Exile 1999-2012  

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