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RenĂŠ Odermatt


Vorwort

Der 1972 in Zug geborene, in Kriens aufgewachsene und heute in Luzern lebende René Odermatt ist Handwerker. Mit chirurgischer Präzision trägt er als Holzbildhauer Material ab. Er entwirft Projektionsflächen – sprich Projektionsvolumen – oder er filtert via Computer virtuelle Sichten zu physischen Elementen. Mit forschendem und neugierigem Blick gelingt es René Odermatt schlichte Bild-Räume zu öffnen, die in ihrer Komplexität immer wieder verblüffen. Seine mehr­schichtigen Recherchen treiben den Begriff und die Formung der Skulptur zu erweiterten Dimensionen und führen zu poetischen Verdichtungen der speziellen Art. Massstäbliche Veränderungen, modulare Systeme, reduktive Farbigkeiten oder repetitive Konstellationen: Die plastischen Versuchsanordnungen verlangen nach dem reinen Blick der Betrachterin, des Betrachters. Die Ein-, Auf- oder Durch-Sichten der skulpturalen Setzungen und installativen Objekte fordert unsere Wahrnehmung heraus und lädt uns ein, die Werke zu umrunden, um die gesamte Räumlichkeit zu erfassen. Die Ausstellung «Aggregat» von René Odermatt in der Gemeindegalerie Benzeholz Meggen vom 1. bis 28. Juni 2008 ermöglicht einen Blick auf die letzten 5 Jahre künstlerischen Schaffens sowie eine erste, kleine monografische Würdigung mit dieser Publikation. Dank gebührt daher der Gemeinde Meggen für die grosszügige Unterstützung der nun vorliegenden Publikation. Der Autorin Kathrin Frauenfelder und dem Gestalter Mondo Messmer gilt ebenfalls ein besonderes Dankeschön, und natürlich René Odermatt für die inspirierende Zusammenarbeit. Niklaus Lenherr, freier Kurator


Zu den Skulpturen von René Odermatt

René Odermatt kann aus der Vorstellung heraus und im taille directe Verfahren naturgetreue, sozusagen fotorealistische Motive aus einem Stück Holz schnitzen. So sind die Arbeiten o.T. (Bär), o.T. (Adler), o.T. (Gämse), alle 2007 oder Seegras, 2008 entstanden. Bei letzterer hat er aus einem Stück Lindenholz Formen geschnitzt, die Assoziationen an den Untergrund eines Sees auslösen. Zu erkennen sind von Wasserkraft gerundete Steine, Pflanzen, die sich um die Steine herum festkrallen, und deren Gestalt vom bewegten Wasser geprägt ist. Andere Skulpturen sind weniger bildhaft. Es sind abstrakte Gebilde, deren Formen mit den gerundeten Flächen, den splittrigen Kanten oder den blasenartigen Ausstülpungen in einer eigentümlichen Ambivalenz zwischen non finito und fertigem Objekt verharren. Diesen Skulpturen haftet etwas Fragmentarisches an. Ihr Aussehen oszilliert zwischen Kristallisation und Auflösung, zwischen Erstarrung und lebendiger Materie. Die Skulpturen erinnern an Formen des Mikro- und des Makrokosmos und an unterschiedliche Partikel im Universum, die sich in stetigem Prozess unaufhörlich auflösen und wieder neu formieren. René Odermatts Lindenholzskulpturen sind keine Kopfgeburten. Sie sind hervorgegangen im Prozess des Machens und in der Konzentration auf die Bearbeitung des Materials mit der Säge, mit dem Beil und dem Meissel. René Odermatts jüngste Holzarbeiten haben experimentellen Charakter. Schnitzen gehört zu den uralten Handwerken. Seit Beginn der menschlichen Kulturgeschichte ist Holz ein ständiger Begleiter von Handwerk und Kunst. In der Gotik und in der Renaissance erfährt Holz mit der zünftischen Organisation des Bauens und Bildermachens einen Höhepunkt. In der Bauornamentik und in allen skulpturalen Arbeiten wie der religiösen figurativen Schnitzkunst und dem Altarbau kommt es zu Höchstleistungen. Vieles verliert sich später wieder oder erhält sich in der Kleinplastik. Mit dem aufkommenden Tourismus blüht im 19. Jahrhundert im Berner Oberland die Holzbildhauerei wieder auf. Das Schnitzen von Figuren und Holzsouvenirs bildete eine nicht unbedeutende Einnahmequelle. Aus dieser Entwicklung ging in Brienz, die in der Schweiz heute noch einzige Holzbildhauerschule hervor. René Odermatt besuchte diese Institution und absolvierte eine vierjährige Lehre. Dort lernte er unter anderem wie eine bestimmte Form mit Meissel und Schlegel in Holz gehauen, und wie ein gegebener Gegenstand abgebildet wird. Da es sich bei diesen Übersetzungen um Massarbeit handelt, blieb kaum Raum für künstlerische Freiheit. Nach dem Lehrabschluss reiste René Odermatt in die USA, wo er in Houston lebte und Skulpturen in Eis schnitzte. Nach der Rückkehr in die Schweiz drängte es René Odermatt nach mehr gestalterischer Autonomie. Von 2001 bis 2004 besuchte er die Hochschule Luzern ­Design und Kunst. Zunächst verabschiedete er sich von der Holzschnitzerei, um am Computer künstlerische Konzepte zu erarbeiten. Unter anderem kreierte er ein umfangreiches digitales ­Repertoire von stilisierten, sofort erkennbaren Formen. Dazu zählen Motive aus der Natur, wie Berge oder Gänseblumen. Neben diesen Sujets finden sich auch Motive aus dem Alltag, wie die Brunnenstube oder der Garten. Manche dieser computergenerierten Bilder dienten ihm später als Vorlage für die Realisierung von plastischen Arbeiten, wie zum Beispiel­ Plantage, 2004, Reduit, 2005 oder Luftschacht, 2006. Es sind dies mit MDF-Platten perfekt nachgebaute schematisierte Landschaften. 2006 entdeckte der Künstler ein neues Arbeitsprinzip. Als Modell für seine installativen ­Arbeiten wie beispielsweise Tarzans geheimer Schatz, Vol. 4, 2006/08, Meggen, nahm er Bilder aus dem Internet oder Erinnerungsfotos aus dem eigenen Album. Elektronische Bilder


verändern sich durch Zoomen. Sie werden ­unscharf und lösen sich in die Pixelstruktur auf. In der Folge materialisierte René Odermatt die Pixel und übersetzte sie in farbig gespritzte Würfel. So verschaffte er sich einen Bausatz mit dem er analog dem Legospiel beliebige Szenen und Motive als dreidimensionale Landschaften darstellen konnte. Zugleich hatte er eine Methode, um die rationale Logik der Rasterstruktur von digitalen Erzeugnissen im Dreidimensionalen sichtbar zu machen. René Odermatts künstlerisches Schaffen fasziniert durch seine Spannbreite. Diese umfasst sowohl computerbasierte Arbeiten wie auf dem Handwerk beruhende Schnitzarbeiten. René Odermatt ist in beiden Welten zu Hause. Hier die Tradition des Holzschnitzens, da die Technologie des Computerdesign. Er macht beide Bereiche für sich fruchtbar. Seine Skulpturen ­geben Anlass, sich über das Verhältnis von Handwerk und Technologie Gedanken zu machen. Es ist wohl kein Zufall, dass der amerikanische Soziologe Richard Sennett sich gerade im Zeitalter der Globalisierung auf das Handwerk besinnt und diesem Thema ein umfangreiches Buch widmet1 . In Richard Sennetts Betrachtung erfährt das Handwerk eine eminente Aufwertung. Der Soziologe ist der Meinung, dass bei der handwerklichen Arbeit praktisches Handeln und Denken im Dialog stehen; dass sich durch diesen Dialog sowohl eine hohe Kunstfertigkeit wie auch dauerhafte Gewohnheiten und implizites Wissen bilden. Es stellt sich ein ständiger Wechsel ein zwischen Denken und Handeln. Dieser Kreislauf von praktischer Tätigkeit und Reflexion bewirkt Konzentration und intensive Empfindungen, was zu durchdachten Problemlösungen führt. Hingegen erwachsen den Menschen Gefahren, wenn sie neue Technologien falsch oder einseitig einsetzen. Ihr Denken bleibt oberflächlich, ihre Objekte unbeseelt, wenn sie die geistigen Leistungen des Lernens und Verstehens den «intelligenten» Maschinen überlassen. Sie verlieren den Sinn für Relationen. Von unmittelbarer Erfahrung losgelöste, am Computer entwickelte Objekte können beliebig manipuliert, Knacknüsse verdeckt und umgangen werden. Auch das Verhältnis von Wirklichkeit und Simulation ist nicht unproblematisch, denn die natürlichen Farben, die Wiedergabe von Materialität, Geschmacksempfindungen oder taktile Erfahrungen lassen sich nur bedingt simulieren. Überdeterminierung bringt das vibrierende Leben zum Verschwinden. Kopf und Sinne leiden, wenn die Menschen nur passive Zuschauer und Konsumentinnen sind und sich die Möglichkeiten der Maschinen nicht aneignen. Auch Kunstschaffende erkennen diese Zusammenhänge und die Gefahren einer Welt der besinnungslosen industriellen Produktion, in der das Handwerk nicht nur aus ökonomischen Gründen zunehmend verdrängt wird. Es ist deshalb zu beobachten, dass viele Künstlerinnen und Künstler im Bereich der Skulptur traditionelle handwerkliche Methoden wieder aktualisieren und ihre Werke in aufwändigen Verfahren selber herstellen. Zwar steht manche dieser Methoden im Gegensatz zu unserer schnelllebigen Zeit. Doch durch ihre Anwendung bewahren sie nicht nur wichtige Erkenntnisse, sondern sie gewinnen auch wesentliche Einsichten über die Eigenschaften der Materialien und die in ihnen angelegten praktischen und ästhetischen Möglichkeiten. In seinem Buch bezeichnet Richard Sennett handwerkliches Tun als eine Art Laboratorium, in dem Gefühle und Ideen erforscht werden und dazu beitragen, den Menschen in der materiellen Realität besser zu verankern. Auch René Odermatt verweist darauf, wie wichtig ihm das Schnitzen ist: «Ich mache Erfahrungen, die nur mit der handwerklichen Ausführung möglich sind. So beginne ich ein neues Werk mit einer konkreten Idee. Doch während

1 Richard Sennett, Handwerk, Berlin, 2008


des Prozesses verändert sich die Vorstellung und es entwickelt sich unerwartet eine neue Gestalt. Diese konkretisiert sich während dem Machen und der Inhalt verdichtet sich wieder zu einer neuen Form und einer klaren Vorstellung.» Für René Odermatt gibt es jedoch keinen Grund, sich parallel nicht auch mit den Möglichkeiten der modernen Technologie zu beschäftigen. «Diese setzt andere Energien frei», meint der Künstler. Da ihm als Bildhauer am Objekt liegt, belässt er jedoch die digitalen Daten nicht im Computer. Er übersetzt die elek­tronisch generierten, ironisch verspielten und designnahen Formen in die Dreidimensionalität. Um die spezifisch ästhetische Essenz der anonymisierten Objekte zur Darstellung zu bringen entwickelt er eigene Verfahren. Er arbeitet mit anderen Materialien wie mit MDF und der RALFarbpalette. Im Zusammenhang mit der materiellen Umsetzung spricht René Odermatt von einer «Reise in die Realität». Während im Alltag für die Herstellung der Objekte die zeitintensiven, handwerklichen Methoden oft nicht mehr zum Einsatz kommen und eine praxisfernen Computersimulation anonyme Gegenstände hervorbringt, kann die freie Kunst – Geschicklichkeit vorausgesetzt – uneingeschränkt experimentieren. Sie kann handwerkliche Methoden und Technologie beliebig verschränken. Dieses Crossover bringt überlieferte Formgebungen zum Verdampfen und es bilden sich neue Aggregatszustände. René Odermatts Skulpturen führen in der Gegenüberstellung Aspekte dieses Sachverhaltes vor Augen. Kathrin Frauenfelder, Zürich, im Mai 2008


Bildlegenden: Umschlag: Sammlung, 2008 (Ausschnitt) Seite 5: o.T. (G채mse), 2007 Seite 6: Butterbrot, 2005/08 und Seegras, 2008 Seite 7: Sammlung, 2008 (Ausschnitt) Sammlung, 2008 Doppelseite: Tarzans geheimer Schatz, Vol. 4, 2006/08 (Ausschnitt) Seite 10: Luftschacht, 2005/06 Brunnenstube, 2005/06 Plantage, 2004 (Ausschnitt) Seite 11: Reduit, 2005 Seite 12: Parasit채re Montage, 2003 (Ausschnitt) Seite 13: Glace, 2003 Zucht, 2003 Seite 14: Bildhauer, 2007


Biografie René Odermatt

1972

geboren in Zug, aufgewachsen in Kriens/LU

1988 – 1992 Ausbildung zum Holzbildhauer, Schule für Holzbildhauerei in Brienz 1992

Sommerakademie in Salzburg/OE

1994

The Glassell School of Art, M/M Sculpture, Houston/USA

2001– 2004 Studium der Bildenden Kunst, Hochschule Luzern Design & Kunst Seit 2006

Leiter 3D-Werkstatt, Hochschule Luzern Design & Kunst

Ausstellungen (Auswahl)

2008

Aggregat, Gemeindegalerie Benzeholz, Meggen

S16 Skulptur, Neuweg 3, Luzern

2007

Himmel über Luzern, Alpineum Produzentengalerie, Luzern

Kunstkammer, Schlieren

2006

Auswahlausstellung NOW06, Sarnen

Zweite Zeit, Kunstmuseum, Luzern

2005

Überblickausstellung NOW05, Kapuzinerkloster, Stans

Fahnenflucht, Turbine, Giswil

2004

Sentimatt, HGK Diplomaustellung, Luzern

Zentralschweizer Kunstschaffen, Kunstmuseum, Luzern

2003

Menue, Erfrischungsraum, Luzern

Eldfestivalen in Nykarleby, Finnland

2002

blauer saal, Zürich

2001

forum:claque, Baden

1999

Gemeindegalerie Benzeholz, Meggen

1993/96

Jahresausstellung der Innerschweizer KünstlerInnen, Kunstmuseum, Luzern

Auszeichnung

2006

Unterwaldner Preis für Bildende Kunst

Dank und Impressum

Ein spezieller Dank gilt Jennifer Kuhn, Toni Meier, Niklaus Lenherr und der Gemeinde Meggen. Herausgegeben von René Odermatt, Luzern und der Gemeindegalerie Benzeholz, Meggen Text: Kathrin Frauenfelder, Zürich Fotos: Andri Stadler, Luzern und René Odermatt, Luzern Gestaltung: Mondografische Gestaltungen, Mondo Messmer, Luzern Druck: Hirschmatt Copy Shop, Luzern © 2008 by René Odermatt, Autoren und Fotografen www.likeyou.com/reneodermatt


RenĂŠ Odermatt, Luzern 2008

Rene Odermatt  

Broschuere zur Ausstellung von Rene Odermatt in der Gemeindegalerie Benzeholz, Meggen bei Luzern (1. - 28. Juni 2008)