Magazin #24 der Kulturstiftung des Bundes

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Some objects say

HELLo Warnung: Australische Aborigines und Torres-Strait-Insulaner ­ können auf den folgenden Artikel möglicherweise empfindlich ­reagieren, ­ da er Hinweise auf ­Verstorbene und religiöses Geheimwissen beinhaltet. Christoph Balzar Warnungen wie diese sind im postkolonialen Australien kei­ ne Seltenheit, sondern finden sich in allen nur denkbaren Me­ dien. Fernsehsendungen und Nachrichtenmagazine werden oft so angekündigt, genauso wie viele Schulbücher, Websites oder Kinofilme. Der Zweck der Hinweise ist es, spirituelle Risiken für die indigene Bevölkerung zu markieren und sie vor tabu­ isierten Inhalten ihrer Glaubenswelt zu bewahren. Manch tra­ ditionell gläubige Aborigines und Torres-Strait-Insulaner, also die Bewohner der Inseln vor Queensland, kann nämlich allein schon eine Andeutung auf etwas verstören, was sie als ihr secretsacred business bezeichnen. Dazu zählt all das, was für sie heilig ist und – aufgrund seiner besonderen spirituellen Kraft – auch bestimmte Gefahren für Leib und Seele birgt. Dies können Lie­ der, Zeremonien, Geschichten, Artefakte, aber auch Namen oder Stimm- und Bildaufzeichnungen von Verstorbenen sein. Initiationsgrad, Geschlecht und Totemzugehörigkeit regeln, wer was sehen, wissen und kennen darf und was nicht. Eine Grund­ regel könnte dabei lauten: Alles, was mit den Toten zu tun hat, ist tabu. Tatsächlich könnte der nun folgende Aufsatz manche Aborigines und Torres-Strait-Insulaner verstören, obgleich er das genaue Gegenteil beabsichtigt. Denn es geht um eine Re­ vision des Umgangs mit diesen Tabus in den Berliner Museen. Es geht mehr noch um die Frage, ob heilige oder tabuisierte Objekte überhaupt zur Schau gestellt werden dürfen. Dafür müssen wir öffentlich über sie sprechen. Ancestral remains von Aborigines und Torres-Strait-Insula­ nern, also alles, was in irgendeiner Weise mit ihren Ahnen zu tun hat, gibt es in Berlin tatsächlich zuhauf. Hier wurden Anfang des 20. Jahrhunderts umfangreiche ethnografische und anthro­ pologische Sammlungen von Wissenschaftlern wie Felix von Luschan zusammengetragen. Darunter ist alles, was die For­ schung der damaligen Zeit für wichtig erachtete, um sich ein Bild von fremden Kulturen zu machen: von Werkzeugen bis zu Jagdwaffen, von Fotos bis zu Stimmaufzeichnungen, von religi­ ösen Artefakten bis hin zu menschlichen Skeletten. Im postkolonialen Diskurs wird hitzig über diese Samm­ lungen und ihre Entstehung diskutiert. Ethnografische und an­ thropologische Objekte erzählen nicht nur von anderen Kultu­ ren, sondern sind oft auch Zeugen einer Zeit, in der diese Kulturen einen großen Teil ihres materiellen, immateriellen und natürlichen Erbes verloren haben. Vielerorts mussten Ureinwohner in Kolonialgebieten mit ansehen, wie Ethnologen ihr Hab und Gut wegschafften, wie Biologen ihre Toten zu

­ orschungszwecken ausgruben, wie Missionare ihre Traditionen F zur Sünde erklärten und landgierige Siedler sie mit Alkohol und Grippeinfektionen dezimierten. Soziopolitische Einflüsse wie diese ebneten Unmengen von Objekten den Weg nach Europa in eine historisch beispiellose Diaspora. Natürlich gab es dabei auch fairen Handel, dennoch liegt es vor dem Hintergrund des enormen Unrechtskontextes des Kolonialismus nahe, der Vor­ stellung mit Skepsis zu begegnen, ethnografische und anthro­ pologische Sammlungen seien generell rechtmäßig akquiriert worden. Sie können kaum anders als über koloniale Infrastruk­ turen beschafft worden sein, weswegen ihnen die damit verbun­ dene Geschichte der Gewalt, ob nun in direkter oder indirekter Form, subtil anhaftet. Dass Museumsethnologen insofern eine enorme Verantwortung tragen, ist offensichtlich. Dass sie aber für die Verbrechen der Kolonialära nicht persönlich verantwort­ lich sind, wird von manchen postkolonialen Aktivisten zumal übersehen. Die größte Kontroverse im Diskurs um ethnografische und anthropologische Sammlungen bilden gewiss die „sensiblen Ob­ jekte“, was so viel meint wie menschliche Überreste oder Hei­ ligtümer lebender Kulturen. Viele indigene Völker aus postko­ lonialen Gebieten eint nicht nur ihr Kampf um Bürger- und Landrechte, sondern auch ihr spezifisches Bestreben, heilige „Dinge“ zu restituieren, die ihren Gesellschaften im Zuge des Kolonialismus geraubt wurden. Ihre Restitutionsanträge an Mu­ seen sind deswegen – ganz anders als die Forderungen nach dem Kunstwerk Nofretete seitens des ägyptischen Nationalmu­ seums – oft religiös motiviert. Eingesperrt und ohne geistige Nahrung wähnen Würdenträger der in Kolumbien lebenden Kogi ihre Götterfiguren in internationalen Museen; vorgeführt und entwürdigt empfinden Repräsentanten der namibischen Herero die dort ausgestellten Gebeine ihrer Vorfahren. Viele australische Aborigines leiden darunter, dass sie von Artefakten, in denen angeblich ihre Ahnen weilen, abgeschnitten sind. Museumskonservatoren und -kuratoren könnten, so wird häufig argumentiert, den eigentlichen Ansprüchen solcher Hei­ ligtümer nach einem spirituellem Kontext und zeremoniellem Gebrauch nicht gerecht werden und müssten sie deshalb zu­ rückgeben. Die kritisierten Institutionen weisen solches An­ sinnen oft von sich. Gebrauch bedeute Verbrauch und sei ein ­kulturelles Tabu, man müsse Kulturschätze für künftige Gene­ rationen von Forschern und Museumsbesuchern bewahren. Sol­ che Konflikte zeigen auf, wie groß die Spannungen zwischen Religion und Wissenschaft bis zum heutigen Tag sind. Und so führt die Diskussion, ob bei sensiblen Sammlungen nun die religiöse oder die wissenschaftliche Fürsorgepflicht wichtiger ist, zur Gretchenfrage an die Wissenschaftler im ­Museum. „Was denken Sie? Bergen sensible Objekte in Ihren Sammlungen tatsächlich spirituelle Kräfte?“ Die Frage ist den Ethnologen und Anthropologen nicht selten unangenehm, for­ dert sie doch ein persönliches Bekenntnis zu Themen, die aus wissenschaftlicher Sicht eher private Angelegenheiten des Glau­ bens sein sollten. Manch Wissenschaftler hält die vermeintliche Kraft sensibler Objekte für ein Ergebnis von individuellen Be­ deutungszuschreibungen. Alles spiele sich nur im Kopf ab, alles sei nur eine Frage der Perspektive. Dr. Anita Herle vom Muse­ um of Archaeology and Anthropology in Cambridge beschreibt ihre mit sensiblen Sammlungen gemachten Erfahrungen anders: „Some objects say ‚Hello‘!“ Selbst wenn man aber nun gar keinen Zugang zum Bewusst­ seinsraum findet, den Heiligtümer aus fremden Kulturen für ihre traditionellen Eigentümer entfalten können, kann man