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Die

Spielzeit

GEMEIN Mit Beiträgen von Schorsch Kamerun N a r g e ss Esk a n d a r i - G r ü n b e r g Guillaume Paoli Simone Dietz S v e n H i l l e n k a mp Wilhelm Heitmeyer Daniel Keil Jörg Splett M a g g i e T h i e m e  / E l m a r B r ä h l e r K a r l- H e i n z B i e s o l d Dirk Setton Tilman Allert Juliane Rebentisch

zeitung

zur

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SCHAFT


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EDIT

e d i t o r i a l

ORIAL

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ehlt es in unserer Gesellschaft an gemeinsamen Werten oder überhaupt an Ge­ meinschaft? Ist »Gemeinschaft« heutzutage eine angemessene Antwort auf die neoliberale Desintegration der Gesellschaft oder können wir gut und gerne darauf verzichten? Wie viel Differenz ist unerlässlich für ein lebendiges soziales Gebilde, für dessen Kritik, seine Veränderung? Wie viel Einigkeit ist produktiv für ein fried­ liches Zusammenleben, wann beginnt der Zwang zur Vereinheitlichung, die Gewalt? Gemeinschaft, Individualitätsstreben und Außenseitertum sind Begriffe, die das Feld abstecken, auf welchem sich die Spielzeit 13/14 des Schauspiel Frankfurt bewegt. Wir haben Künstler, Politiker und Wissenschaftler eingeladen, sich mit diesem Thema aus­ einanderzusetzen. Die einen tun es auf der Bühne im Theater, den anderen möchten wir mit dieser Publikation eine gedankliche Bühne eröffnen.

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chorsch Kamerun, Sänger und Regisseur, unterhält sich anlässlich seines Stadt­ projektes »Frankfurter Rendezvous« mit der Frankfurter Dezernentin für Integration, Nargess Eskandari-Grünberg, über Möglichkeiten und Grenzen gezielter Förde­ rung von Gemeinschaft. Nach dem Verschwinden von »Gemeinschaft«, d. h. von über­ persönlichen Strukturen und Institutionen, ist das »Du« – so die These des Soziologen Sven Hillenkamp – die einzige Instanz, die dem Menschen noch einen Wert verleihen kann. In welche Nöte uns diese Abhängigkeit von der Liebe bzw. Wertschätzung eines Einzelnen und die Abwesenheit von gesellschaftlichen Institutionen bringt, umkreisen u. a. Stücke wie Lars von Triers »Dogville« oder »Gefährliche Liebschaften« von Christopher Hampton. Auf der anderen Seite spielt Florian Fiedlers humoreske Inszenierung von Schnitzlers »Anatol« damit, wie viel Spaß und Lustgewinn man aus dieser Situation auch ziehen kann. Im Zusammenhang mit Molières »Menschenfeind« denkt die Philo­ sophin Simone Dietz über den Wert der Lüge für ein vitales Gemeinschaftsleben nach, während Jörg Splett Gewissenstreue und unbedingten Respekt vor dem anderen für eine Gemeinschaft freier Menschen als unerlässlich erachtet und religionsphiloso­ phisch begründet. In der künstlerischen Auseinandersetzung des polnischen Filmema­ chers und Autors Krzysztof Kies´lowski mit den zehn Geboten wird deutlich, dass in einer weltlichen Gesellschaft oder in dem sogenannten »postmetaphysischen Zeitalter« all­ gemeinverbindliche Werte keine absolute Gültigkeit beanspruchen können. Wie kann Wahrheit ein absoluter Wert sein, wenn eine Notlüge Menschenleben rettet? Vielleicht brauchen moderne, ausdifferenzierte Gesellschaften zu ihrer Integration auch nicht unbedingt einen unerschütterlichen Wertekanon als integrative Maßnahme. Sind an­ dere Strategien möglicherweise besser geeignet, integrativ zu wirken, z. B. die Verfah­ ren demokratischer Meinungs- und Willensbildung? Eine Frage, die in Christopher Rüpings Inszenierung von »Dekalog – Die zehn Gebote« eine Rolle spielt.

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er Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer forscht seit über dreißig Jahren zu den Themen Rechtsextremismus und soziale Desintegration. In seinem Text beschreibt er, warum es eine Fehleinschätzung wäre, die Gewaltverbrechen des NSU als Ein­ zelphänomen zu stilisieren. Die Ereignisse rund um den NSU nahm der Dramatiker Lothar Kittstein zum Anlass für sein Stück »Der weiße Wolf«. Mit den Folgen des inneren und äußeren Krieges und den Wiedereingliederungsschwierigkeiten der Heimkehrer beschäftigen sich aus aktuellem Anlass die beiden Stücke »Draußen vor der Tür« von Wolfgang Borchert und »Ajax« von Sophokles. Der niederländische Regisseur Thibaud Delpeut liest die antike Tragödie vor dem Hintergrund der Afghanistan-Heimkehrer. Karl-Heinz Biesold, emeritierter leitender Arzt der Abteilung Neurologie und Psycho­ therapie am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg, beschreibt das gegenwärtige Dilem­ ma der Bundeswehrsoldaten, während der Arzt und Psychologe Elmar Brähler von der Universität Leipzig über die psychischen Folgen der Traumata aus dem Zweiten Welt­ krieg bis hin zu den Auswirkungen auf die Enkelgeneration forscht.

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i n h a l t

s p ie l z e i t

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m Kontext von Jorinde Dröses Nibelungen-Inszenierung macht sich der Frankfurter Politologe Daniel Keil Gedanken zum Mythos der Europäischen Gemeinschaft. Den Wunsch nach innerer Vereinheitlichung entlarvt Keil als eine maßgeblich von Deutschland forcierte Politik, die sich v. a. um den Wert der »Leistung« gruppiert. Das »Andere« wird dabei als »das Unproduktive« in Abgrenzung zum »produktiven WIR« konstruiert. Offen bleibt die Frage, ob und wie sich eine Gemeinschaft wie die euro­ päische ohne den Zwang zur Identität gestalten lässt. Dass es in der »Natur von Gemeinschaft« liegt, nicht per se »gut«, sondern von tragischen Widersprüchen durch­ zogen zu sein, erläutert der Frankfurter Philosoph Dirk Setton anhand von Lars von Triers »Dogville« und den »Bakchen« von Euripides. Ausgehend von Maxim Gorkis »Kinder der Sonne« widmet sich der in Berlin lebende französische Philosoph und Schriftsteller Guillaume Paoli dem Thema des kollektiven Widerstands und der Rolle der Intellektuellen. Als intellektueller Unruhestifter, als Außenseiter, dessen Aufgabe es ist, seine Autonomie gegenüber Staat und Gesellschaft zu bewahren, um sie kriti­ sieren zu können, verstand sich Zeit seines Lebens der österreichische Autor Thomas Bernhard. Mit »Wille zur Wahrheit« dramatisiert und inszeniert Intendant Oliver Reese zum ersten Mal Thomas Bernhards fünfbändige Autobiografie. Der Frankfurter Sozio­ loge Tilman Allert schildert in dem vorliegenden Essay die Erfahrung des jungen Bernhard, in der kleinsten gemeinschaftlichen Zelle, der Familie, immer schon »anwe­ send abwesend« gewesen zu sein.

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um Schluss macht Juliane Rebentisch, Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, das Verhältnis von Theater und Gemein­ schaft zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Ein wichtiger Impuls des modernen politischen Theaters in der Nachfolge von Brecht war es, die Zuschauer von angeblich passiven Konsumenten in eine Gemeinschaft von aktiv Urteilenden zu verwandeln. Rebentisch zieht in Zweifel, dass in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, in welcher Eigeninitiative und Vernetzung zu den entscheidenden Forderungen geworden sind, »Aktivierung« und »Teilhabe« per se die zeitgenössischen künstlerischen Gegenstrate­ gien sind. Statt das Publikum in eine Gemeinschaft zu verwandeln, könnte es in einer zeitgenössischen kritischen Theaterpraxis vielmehr darum gehen, die Position des Zuschauens, die Aktivität des Interpretierens und Urteilens sowie das dabei vorausge­ setzte Soziale zum Gegenstand einer reflexiven Auseinandersetzung zu machen.

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ir haben den Illustrator Paul Davis gebeten, zu den aufgeworfenen Themen Stel­ lung zu beziehen. Davis lebt in London und zeichnet u. a. für »The Guardian« und »The New York Times«. Mit einer lakonischen Leichtigkeit und Ironie entlarven seine Illustrationen die Schwierigkeiten menschlichen Zusammenlebens. Sie bringen zum Ausdruck, dass unsere persönlichen, kleinen und alltäglichen Utopien, aber auch die großen politischen Versprechen der Gegenwart, schnell zur Groteske verrutschen, wenn man sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft.

wem gehört die stadt ?

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Schorsch Kamerun im Gespräch mit Nargess Eskandari-Grünberg

Feigheit vor dem Volk

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Guillaume Paoli

Über Gemeinschaf t und Lüge

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Simone Dietz

Furchtbares DU! Stürzendes ICH!

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Sven Hillenkamp

Der Nationalsozialistische Untergrund und die gesellschaf tliche Selbstentl astung

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Wilhelm Heitmeyer

Gemeinschaf t und My thos: zum Verhältnis von nationaler und europäischer Identität

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Daniel Keil

Über Religion und Gemeinschaf t

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Ein Gespräch mit dem Frankfurter Religionsphilosophen Jörg Splett

Kriegsheimkehrer, Kriegskinder, Kriegsenkel

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Maggie Thieme und Elmar Brähler

Aja x in Afghanistan

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Ein Gespräch mit dem Militärarzt Karl-Heinz Biesold

Albträume der Gemeinschaf t

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Dirk Setton

Thomas Bernhard – die Fiktionalisierung einer biografischen Erfahrung

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Tilman Allert

Emanzipierte Zuschauer und spekul ative Kollektivitäten Juliane Rebentisch

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STADT

G E M E I N S C H A F T

FRANKFURT

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ist Sänger der Ha m b u r g e r Ba n d » D i e g o l d e n e n Zitronen« und The ater­regisseur begehbarer Konzertinstallationen. M i t D r .  Nar g e ss Eska n dar i - Gr ü n b e r g , D e z e r n e n t i n f ü r I n t e g rat i o n i n Frank­furt, spricht er über ein The ater für alle, die Möglichkeiten und Grenzen ge zielter Förderung von Gemeinschaft und die Imitation der Liebe durch die Stadt­p l anung. chorsch K a merun


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Erstm al raus auf den Pl atz, zu den Andern! F r an k f u r te r Ren d e z v o u s v o n S c h o rs c h K a m e r u n U r a u ff ü h r u n g J u n i 2 0 1 4

gehört

die

Stadt?

Schorsch Kamerun im Gespräch mit Nargess Eskandari-Grünberg

Kamerun: Gerade geht es in meinen Projekten um die Frage: Gibt es ein neues WIR? Ich glaube, wir erleben derzeit die Renaissance einer kollektiven physischen Begegnung. Das Stadtprojekt »Frankfurter Rendez­ vous« wird im Juni 2014 auf dem Willy-Brandt-Platz den Versuch unternehmen, die unterschiedlichen kul­ turellen Milieus Frankfurts komprimiert in einer Art Modell- und Stimmenpark sicht- und hörbar zu ma­ chen. Was passiert, wenn die Menschen Frankfurts vor der Euro-Skulptur künstlich und distanzlos ge­ mischt werden? Eskandari-Grünberg: Wir sagen ja immer, die Stadt ist der Ort der Begegnung, wo Menschen sich treffen. In Frankfurt leben wir in einer der multikulturellsten, vielfäl­ tigsten Städte der Welt, mit über 170 Nationen und sehr vielen Subkulturen. Mit unserem Kulturangebot erreichen wir jedoch nur einen Teil der Menschen. Jetzt könnte man sagen, der andere Teil interessiert sich nicht für Hochkultur. Oder wir stellen die Frage, was wir ändern müssen, damit das Publikum in den Kultureinrichtungen die Vielfalt unserer Stadt widerspiegelt. Deswegen bin ich gespannt darauf, wie Sie es mit Ihrem Stadtprojekt schaffen, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bio­ grafie in einen Dialog zu bringen. Kamerun: Wir verlängern das Schauspielhaus Frankfurt auf den Willy-Brandt-Platz und öffnen es gleichzeitig dadurch. Verwandte Orte sind ja gerade von entschei­

dender Aktualität. Wie zum Beispiel der Tahrir-Platz in Kairo oder der Taksim-Platz in Istanbul. Nur, wie entsteht eigentlich dieses Zusammenkommen? Und das wäre auch die Frage an Sie: Lässt es sich lenken, wie integriert wird, oder kann das nur eigenständig passieren? Eskandari-Grünberg: Ich denke, vor Ort zu gehen, ist ein guter Ansatz, um Kultureinrichtungen zu öffnen. Als Integrationsdezernentin kümmere ich mich um eine Stadt, die vielfältig ist. Integration bedeutet, die Stadt gemeinsam zu gestalten. Wir müssen Wege schaffen, dass die Menschen sagen: Ich partizipiere, ich interes­ siere mich und entscheide mit. Kamerun: Die zentrale Frage ist doch, wie schafft es die Stadtregierung, diese Möglichkeiten von Begegnung »von oben« und gleichzeitig »unautoritär« herzustellen? Das ist ja auch ein Anliegen bei unserem Projekt, dass es nicht als »geführt« aufgefasst wird. Eskandari-Grünberg: Es geht darum, Partizipation gezielt zu fördern. Vielfalt kann sich im öffentlichen Raum durch Kunst, durch die Benennung von Straßen und Plätzen oder durch eine einladende Gestaltung von Gebäuden ausdrücken. Straßen, Plätze, Grünanlagen und öffent­ liche Gebäude sind identitätsstiftende Symbole und können Begegnung und Selbstdarstellung unterschied­ licher Gruppen fördern und ausdrücken. Integration heißt kreativ sein.

Kamerun: Aber wer ist hier eigentlich kreativ? Muss nicht eigentlich erst mal derjenige, der dort lebt, Kreati­ vität hervorbringen? Das ist doch das Problem von Stadtplanung, würde ich sagen, vielleicht auch von Inte­ gration: Gegenden müssen wachsen, von sich aus, damit sie authentisch sind. Vielleicht ist diese Art von stadt­ planerischer »Methodenbereitstellung« gar nicht mög­ lich – sondern die Menschen müssen selbst auf die Idee kommen, zu gestalten. Wünsche lassen sich schlecht von anderen vorempfinden. Eskandari-Grünberg: Wir müssen Menschen über ihre Teilhabemöglichkeiten informieren und sie befähigen, mitzuentscheiden und mitzugestalten. Das verstehe ich unter Chancengleichheit. Kamerun: Und was sind mögliche Konzepte für eine sol­ che Politik? Eskandari-Grünberg: Unser Integrationskonzept nennt dazu eine ganze Reihe von konkreten Ansätzen: Men­ schen sollen sich etwa schnell und wohnortnah über ihren Stadtteil informieren und sich an der Gestal­ tung ihres Umfelds beteiligen können. Dafür gilt es an geeigneten Orten Anlaufstellen zu schaffen, die gut erreichbar und angemessen ausgestattet sind. Wir müssen die Kompetenz im Umgang mit Vielfalt und das gemeinsame Verantwortungsbewusstsein der Be­woh­ nerinnen und Bewohner stärken und der Wahrnehmung

von Quartieren als »Problem-Stadtteilen« entgegen­ wirken.

nie homogen. Dieser Tatsache müssen wir uns in einer Demokratie stellen.

Kamerun: Sollte Politik dort eingreifen? Wenn ein Areal, weil Firmen ausziehen, leer steht – wer darf da was drin machen als nächstes? Ich wäre dafür, die Umliegenden mitzunehmen und zu befragen. Ich glaube, dass es Ge­ genden gibt, die um einen Bestand kämpfen. Sie wollen sich von alleine entwickeln und gar nicht schnell verän­ dern. Rasante Entwicklungen sind fast immer ökono­ misch gedacht.

Kamerun: Ist das überhaupt möglich, ein WIR-Empfinden zu fördern? Womit?

Eskandari-Grünberg: Es geht darum, sich klarzumachen, dass wir in einer sich ständig verändernden Welt leben. Inzwischen ist es zum Beispiel chic, im ehemaligen Arbei­ terviertel Gallus zu leben. Da kommt eine neue Klientel, die das ursprüngliche Quartier massiv verändert. Das Gallus steht nun vor der Aufgabe, sich neu zu definieren. Hier muss Politik dafür sorgen, dass die unterschied­ lichen Bedürfnisse aller berücksichtigt werden, damit ein neues WIR entstehen kann. Kamerun: Ist das eine deutsche Eigenart? Wenn man nach Berlin-Hellersdorf schaut: Da gibt es ein geschlos­ senes WIR, welches Zuzüge von Flüchtlingen verhin­ dern will. Eskandari-Grünberg: Ich glaube, es geht genau darum, das auszusprechen: Dieses WIR ist immer vielfältig und

Eskandari-Grünberg: Mit Teilhabe. Wir möchten eine integrative Stadtplanung fördern, die den Bürger meint. Dazu müssen unterschiedliche Akteure wie Stadtteil­ initiativen, Vereine, Schulen und Kitas, Senioren- und Kultureinrichtungen oder Religionsgemeinschaften in den Prozess der Stadtplanung eingebunden werden. Wenn wir es nicht schaffen, sozusagen von oben diese Offenheit zu haben, dann schaffen wir es auch von unten nicht. Kamerun: Ich befürchte, weil diese Beweglichkeit nicht mehr glaubwürdig ist, erleben wir ein so starkes Come­ back von direkter Demokratie. Dass die Leute keinen Bock mehr haben auf dieses Gefühl: Egal, wer da oben rumwurschtelt, es ist sowieso immer gleich. Wie fühlt man sich also ernst genommen? Ich muss spüren, dass sich da jemand wirklich interessiert und nicht nur innerhalb seiner Legislaturperiode. Das ist übrigens in der Liebe sehr ähnlich. Ich fühle mich nur dann ernst genommen und geliebt, wenn ich spüre, da ist jemand bei mir. Die Stadtplanung imitiert zum Teil auch die Liebe. Auch die Stadtplanung sagt: »Wir haben hier diese ›span­ nende‹, multikulturelle Gegend, die ist für alle lebens­

wert!« – und deswegen wird sie erfolgreich. Das ist schon ein bisschen betrügerisch. Ich glaube, man muss wirklich da sein. Und das ist auch wieder etwas, was wir dringend brauchen als Gegenmittel in unserer über­ komplexen Zeit, in dieser »Entfremdung 2.0« im Medien­ zeitalter: Raus auf den Platz, zu den Anderen! Eskandari-Grünberg: Ja, man muss das Ernstnehmen wirklich meinen und in Taten umsetzen. Kamerun: Es geht nur mit Eigeninteresse. Wenn ich mich nicht interessiere, habe ich auch keine Lust. – Übri­ gens, die Leute ernst zu nehmen, das behauptet ja erst mal jeder Politiker. Man muss es dann halt beweisen. Auch als Politiker muss ich da sein. Eskandari-Grünberg: Im Grunde gehört genau diese ganze Diskussion, die wir hier gerade führen, in den öffentlichen Raum. Kamerun: Aber das ist Teil unserer Form. Wir werden da nicht nur mit Schauspielern auflaufen und vorher Men­ schen aus der Stadt befragt haben, die dann »nachge­ spielt« werden. Wir machen es komplett mit allen. Denn der Anwohner beschreibt seine Interessen am besten ganz selbst. Eskandari-Grünberg: Ich finde das sehr spannend, wir soll­ ten über eine gemeinsame Veranstaltung nachdenken.


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ie w ird aus einem Bauprojekt plötzlich ein Aufstand der Jugend oder aus einer nor­malen Fahr­preis­erhöhung ein Massenprotest, der ein ganzes Land fast in den Bürgerkrieg treibt? K l e i ­ nigkeiten als Auslöser für eine kollektive Empörung, die von de r Politik nich t vorher­seh­ b ar u n d i n i h r e r V e h e m e n z n i c h t z u ka l k u l i e r e n i s t. D e r i n B e r l i n l e b e n d e fra n ­z ö ­s i s c h e P h i l o ­ s op h und S c hrif t s t e l l e r G u i l l a u m e Pa o l i h at s ic h mit die sem neuen Ph ä nomen de s W iders ta nds ausein a nderge se tz t, und da bei vor a llem mit der Passi v ität der Intellektuellen, die, g a nz w ie G o rk i s » K i n d e r d e r S o n n e « , i h r e n D i s­k u rs l i e b e r fern a b der Re a lität der S traSSe führen.


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Feigheit vor

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Am allermeisten bin ich darüber erstaunt und e rschrock e n, dass die Re vol ut ion k e ine rl e i A n z e iche n e ine r ge ist ige n W ie de rge bur t de s Me nsche n in sich birgt, die Me nsche n w e de r e hrl iche r noch off e nhe r z ige r m a ch t, noch ihre Se l bst e insch ätz ung und die mora l ische Be w e rt ung ihre r A rbe it he bt.

Guillaume Paoli

Volk

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Ma x i m G o rk i: » U n z e i t g e m ä S S e G e da n k e n « 1 9 1 7

Eine s Tage s w ird ihr Hass auch euch v ernichten ... Kin d e r d e r S o nne v o n Ma x i m G o rk i P r e m i e r e J a n u ar 2 0 1 4

Die U t opie sind W IR – a l s Sch ar! F r an k f u r te r Ren d e z v o u s v o n S c h o rs c h K a m e r u n P r e m i e r e J u n i 2 0 1 4

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arum sickert in einer Kaffeemaschine das Wasser durch das ganze Kaffeepulver durch, anstatt bloß nach unten zu tröpfeln? Das Phä­ nomen heißt Perkolation – auf Englisch nennt sich auch die Kaffeemaschine »percolator«. Generell beschreibt die Perkolationstheorie wie in einem gegebenen System Punkte, die voneinander getrennt sind, sich in zufallsbedingten Zusammenhängen unter­ einander verbinden, welche sich wiederum mit anderen Zusammenhängen vernetzen. Zieht sich der Prozess weiter durch, dann wird eine »Perkolationsschwelle« er­ reicht: Das System kippt von seinem ursprünglichen Zustand in einen neuen Zustand um (zum Beispiel wird der Kaffeesatz komplett durchnässt). Der belgische An­ thropologe Paul Jorion meint: »Mit der Perkolation ent­ stehen unzählige Wege, die ohne Unterbrechung durch das gesamte System führen und zwar ganz gleich, wo der Eingangspunkt lag.« Darum ist Perkolation, wenn nicht ein Modell, dann zumindest eine geeignete Meta­ pher, um die Dynamik sozialer Bewegungen zu beschrei­ ben. Sie ist auf jeden Fall passender als das Bild des »Virus«, das, immer wenn sich ein Aufstand ausbreitet, von einfallslosen Journalisten bemüht wird.

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ir sind alle vereinzelte Punkte im System. Jeder mag sich über dies und jenes empören, jeder mag sich wünschen, dass sich endlich etwas dagegen tut, doch solange Gefühle und Wünsche nicht kommuniziert werden, bleibt die Ohnmacht intakt und mithin das Sys­ tem. Zwar formieren sich immer wieder politische Zu­ sammenhänge und Protestcluster, doch meistens stoßen sie schnell an unüberbrückbare Grenzen. Das besetzte Feld wird von den Nachbarfeldern ignoriert. Doch ab und an findet das perkolative Moment statt. In letzter Zeit wurde das Phänomen u. a. in Tunesien, Ägypten, Spanien, Brasilien und der Türkei beobachtet. Tausende versam­ meln sich an einem Ort, und plötzlich sind es Zehntau­

sende, die sich mit weiteren Zehntausenden verbinden, bis das ganze Gesellschaftsgewebe von zahllosen Kom­ munikationswegen durchdrungen ist. Die Summe der privaten Empörungen wird zur öffentlichen Rebellion, die individuelle Ohnmacht zur kollektiven Macht, die Angst verflüchtigt sich, und das System kippt um, zumindest für einen kurzen Augenblick.

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ine solche Ausbreitung erfolgt so rasch und unver­ mittelt, dass sie den Teilnehmern wie ein Wunder erscheint. Niemand hätte sie für möglich gehalten, niemand kann wirklich erklären, wie sie zustande kam. Es gibt einen logisch-negativen Grund, weshalb die so­ ziale Perkolation unvorhersehbar ist. Wäre es möglich, sie zu prognostizieren, dann könnten es auch Regierung und Polizei tun, also würden sie rechtzeitig handeln kön­ nen, um sie zu verhindern. Die Vorhersagbarkeit des Ereignisses würde es zum Nicht-Ereignis machen. Ein weiterer Grund ist die topologische Unbestimmbarkeit. Der Eingangspunkt ist gleichgültig, Auslöser der Revol­ te kann alles sein, in São Paulo eine Fahrpreiserhöhung oder in Istanbul ein Bauvorhaben. Tagtäglich werden Preiserhöhungen und Bauprojekte beschlossen, ohne auf Widerstand zu treffen. Stillschweigend geduldet werden ja weitaus gravierendere Eingriffe in die Freiheit und den Wohlstand. Menschen nehmen zur Kenntnis, dass sie von Banken enteignet und von Geheimdiens­ ten überwacht werden und gehen trotzdem nicht auf die Straße. Dann aber reicht ein relativ harmloser Zwischen­ fall, und hoch gehen die Barrikaden. Warum passiert es ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt? Weil vielfältige, heterogene Faktoren zufällig aufeinander getroffen sind. Die günstige Wetterlage mag ebenso dazu gehören wie im richtigen Augenblick die inspirierte Wortmeldung eines Einzelnen. Daher kann keine Strategie diesen Prozess steuern, Theorien gehören allenfalls zu den vie­ len Zufallsbedingungen.

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st die Perkolation einmal im Gang, gibt es erprobte Gegenmaßnahmen, um sie zu stoppen. Gewöhnlich erfolgen diese in drei Stufen. Zunächst werden die Kommunikationswege physisch gesperrt. Die Gefah­ renzone wird von einem Sicherheitsgürtel umzingelt. Das ist die Aufgabe der Polizei. Zweitens wird der entstehende Prozess argumentativ ausgesondert. Über die besonderen Probleme der protestierenden Gruppe wird ausführlich diskutiert, um besser über die allge­ meinen Gründe zu schweigen, die zu einer weiteren Ausbreitung führen könnten. Das ist die Aufgabe der Medien. Schließlich werden die horizontalen Kommu­ nikationswege nach oben umgeleitet und einseitig auf die Regierung gerichtet. So entsteht ein Trichter-­ Effekt: Mit der Regierung kann nicht jeder sprechen, also wird die Kommunikation an Experten delegiert, weil diese mit Vertretern der Macht eine gemeinsame Sprache teilen, die die meisten Menschen kaum be­ herrschen.

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abei wären wir bei der alten Frage der Verbindung zwischen dem Intellektuellen und dem Volk. Laut Sartres Definition ist ein Intellektueller jemand, der sich um Sachen kümmert, die ihn nichts angehen. Die Frage ist aber, wie er das tut. In den letzten Jahrzehnten ist die Figur des engagierten Intellektuellen so gut wie verschwunden. Das zeigt die Verwandlung des Popu­ lismus-Begriffs besonders deutlich. Populisten, das waren im 19. Jahrhundert Sprösslinge der Elite, die Studium und Karriere hinschmissen, um mit den Bau­ ern zu leben und zu agitieren. Das taten sie zum Teil aus Selbsterlösungsgedanken, doch vor allem aus der ein­ fachen Überlegung: Wer sich für das Gemeinwohl en­ gagieren will, muss die Massen auf seiner Seite haben. In den USA und Russland war der Populismus eine wichtige, erfolgreiche Bewegung. Als letzte Populisten können wir hierzulande jene maoistischen Studenten

werten, die in den 1970er Jahren zu Fabrikarbeitern wur­ den. So verschroben ihre Ideologie war, in ihrem Han­ deln zumindest waren sie konsequent. Doch ist heute Populismus ein Schimpfwort geworden. Als Populist gilt jeder, der sich an die einfachen Menschen in deren Sprache wendet.

tenzminimums leben. Doch eine wahrnehmbare, soziale Präsenz haben sie nicht. Sie sind weg vom Bildschirm. Eine räumliche Entsprechung ist das gentrifizierte Stadt­ zentrum, das einem den Eindruck vermittelt, die Bevöl­ kerung ernähre sich nur noch von Kunstprojekten, Design und Apps.

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llein von »einfachen Menschen« zu sprechen, ist be­ reits höchst verdächtig. Besonders in Deutschland gelten die unteren Schichten als stumpfsinnig, unar­ tikuliert und tendenziell völkisch. Wenn sie wider Erwar­ ten einen Protest wagen, findet sich immer ein linker Schlaumeier, um ihnen »verkürzte Kapitalismuskritik«, »Neid«, wenn nicht »antisemitische Untertöne«, vorzu­ werfen. Das mag wohl sein, aber die Menge, die 1789 die Bastille stürmte, bestand auch nicht aus feinsinni­ gen Aufklärern. Wie Hegel meinte, das Bewusstsein ist wie die Eule der Minerva, sie fliegt erst in der Dämme­ rung aus (und oft genug ist es dann zu spät). Man hätte glauben können, dass es gerade die Aufgabe der Intel­ lektuellen sei, sich unter die Menge zu mischen, um zu versuchen, gemeinsam Gedanken zu klären. Aber das wäre ja populistisch.

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ugegeben, der Verdacht ist nicht fehl am Platz. Der Rekurs zum »Volk« ist vielmals ein Instrument von Gleichschaltung und Diktatur gewesen. Anderer­ seits ist der Volksbegriff für die politische Theorie un­ verzichtbar. Wen sonst vertreten die Vertreter? Von wem geht die Souveränität aus? Vor allem aber: Ist ein­ mal das gemeine Volk weggezaubert, welches Subjekt bleibt dann gegenüber der Elite übrig? Wahrscheinlich ist das die sonderbarste Errungenschaft der Gegen­ wart: Die meisten Menschen sind unsichtbar gemacht worden. Sie kommen in der Öffentlichkeit einfach nicht mehr vor. Allein durch die Statistik erfahren wir, dass in Deutschland immer mehr Bürger am Rand des Exis­

s gibt Gegenentwürfe. Brechts Ratschlag folgend hat der Philosoph Antonio Negri das Volk aufgelöst, ein neues gewählt und es Multitude genannt. Auf den ersten Blick sieht die Multitude vorteilhafter aus, sie ist keine graue Masse mehr, sondern eine bunte Ansamm­ lung von »Singularitäten«. Doch verbirgt diese schein­ bare Vielfalt eine bedenkliche Homogenität. Zur Multi­ tude zählen nicht etwa der zur Ausländerfeindlichkeit neigende Bauarbeiter oder die katholische Gegnerin der Homo-Ehe. Voraussetzung um dazuzugehören ist schon eine vage Grundgesinnung. Auch die verdrosse­ ne Supermarktkassiererin mit Grundschulabschluss wird sich schwer mit dem Jargon des »kognitiven Pro­ letariats« anfreunden können. Die linksakademische Sprache will nicht verbinden, sondern absondern. So bleibt man schließlich unter sich.

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euerdings wird jener Bruchteil der Bevölkerung, der zur Sichtbarkeit offiziell zugelassen wird, »Generation Y« genannt. Es sind gut ausgebildete, technologie­ affine, optimistische und selbstbewusste Menschen unter 35. Glaubt man Wikipedia, ist das Musterbeispiel ihrer Organisationsform die Bewegung Occupy Wall Street (OWS). Wen wundert’s? Laut Publizist Thomas Frank war OWS »das meist beschriebene und über­ schätzte Ereignis aller Zeiten«. Bereits der Name täuscht: Nicht die Wall Street wurde besetzt, sondern ein Park nebenan, keine Banken, sondern Parkbänke. Das ist nicht weiter schlimm, bloß soll klargestellt werden, dass man sich im symbolischen Bereich bewegte. Auch das

Ausmaß der Bewegung wurde massiv überschätzt. So werbetechnisch perfekt der von Antiwerbung-Aktivisten lancierte Slogan »Wir sind die 99%!« auch war, waren am Ende doch nur ein paar tausend Teilnehmer dabei, und das in einer 8-Millionen-Stadt. Zu diesem Zeitpunkt war in der gesamten US-Bevölkerung die Empörung gegen das Finanzsystem zwar riesig – entsprechend auch die anfängliche Sympathie für OWS –, und doch waren die Camper fast ausschließlich Studenten, Aka­ demiker, Künstler und Netz-Aktivisten. Sie haben zu­ sammen gekocht, getrommelt, geschlafen, Internetbot­ schaften in die Welt geschickt, tagelang antihierarchisch palavert und eine Menge Spaß gehabt. Da sie keine Forderung hatten, konnten sie nicht enttäuscht wer­ den, als nach acht Wochen der Karneval zu Ende ging, ohne die soziale Lage im geringsten verändert zu haben. Weiterhin wurden arme Schlucker aus ihren Häu­ sern rausgeschmissen, verloren ihren Job, rangen mit Überschuldung, während es den Bankern nach wie vor prächtig geht.

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elbstverständlich war es richtig, etwas unternehmen zu wollen, und niemandem darf das Scheitern vorge­ worfen werden. Bedenklich wird es aber, wenn das Scheitern hinterher als Riesenerfolg gefeiert wird, ja, als Beginn einer neuen Revolution. Der Zuccotti-Park wur­ de dem Tahrir-Platz gleichgestellt, aber in Ägypten fand tatsächlich ein perkolativer Volksaufstand statt, deswe­ gen war dieser auch widersprüchlich, konfliktreich, in einem Wort: unrein. Stattdessen verlief die »gegensei­ tige Anteilnahme« im OWS-Themenpark reibungslos, weil dieser im geschlossenen Kreislauf von der Außenwelt durch die Firewall des akademischen Kauderwelschs geschützt war. So unergründlich die Wege der Perkola­ tion auch sind, wir können getrost davon ausgehen, dass ein Aufstand in Lebensgröße, sollte er doch noch kommen, ganz anders aussehen wird.


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VE R A NTWO R TUNG

GEMEINSCHAFT

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ären wir glücklicher, wenn in unserem Miteina nder a bsolute Wahrhaftigkeit herrschte? Wären wir bessere Menschen und hätten wir e i n e i n tak t e r e G e m e i n s c h af t, w e n n w ir o h n e V e rs t e l l u n g , S c h u m m e l e i u n d Heuchelei, ohne Lüge gleich w elcher A rt auskommen w ürden? Simone Die tz , Pro­ fessorin für Philosophie an der Uni­v er­sität Düsseldorf, schreibt a nl ässlich von Molières »Der Menschenfeind« über d e n W e r t d e r L ü g e , Wa h r h e i t a l s Waff e und über eine Gemeinschaft verantwor­ tungs­voller Lügner.

VE R A NTWO R TUNG

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GEMEINSCHAFT

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LÜGE

Über simone dietz

Ge me insch af t

lüge

»V e r b e r g e , was d u d e n ks t! « U n d w e m das n i c h t g e g e b e n , d e r f ü h r t i n die se m La nde k e in a nge ne hme s L e be n. De r M enschenfein d v o n M o l i è r e

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uf den ersten Blick scheint es eine bessere Welt zu sein, in der wir sicher sein können, dass ande­ re tatsächlich denken, was sie sagen. Zweifel und Unsicherheit, Misstrauen und Enttäuschung blie­ ben uns erspart. Die Wahrheit würde uns eine unbestechliche Orientierung in unseren Beziehungen zu anderen bieten, wir wüssten jederzeit genau, woran wir sind. Auf den zweiten Blick aber stellt sich die Frage, wie viel diese Welt noch mit der unseren gemein hätte. Viel spricht dafür, dass Menschen, die nur mit wahrhaf­ tigen Botschaften kommunizieren, vollkommen andere Wesen sein müssten als wir. Wenn Täuschungsmanö­ ver und Ausflüchte, Doppelbödigkeit und Halbwahrhei­ ten wegfielen, welche Form bliebe uns für Ambivalenz, Unsicherheit und Wankelmütigkeit, für die Gleichzeitig­ keit der verschiedenen, manchmal sogar unvereinbaren Wünsche, Überzeugungen und Interessen? Wie könnte man sich gegen zudringliche Fragen schützen, gegen Rücksichtslosigkeit und Feindseligkeit? Wie rücksichts­ los müssten wir selbst sein? Welchen Spielraum gäbe es für den Wechsel zwischen verschiedenen sozialen Rollen, wenn wir nicht mehr auswählen könnten, was wir preisgeben und was wir verbergen?

I

n der zugespitzten Form des Entweder-Oder stellt uns die Wahrhaftigkeitsfrage vor die Wahl zwischen der Seite des Menschenfeinds und der des Men­ schenfreunds: Der Menschenfeind fordert unbedingte Wahrhaftigkeit und verachtet die Menschen für ihre tat­

Premiere

Ok t o b e r 2 0 1 3

sächliche Verlogenheit, der Menschenfreund entschul­ digt jede Lüge als unvermeidliche menschliche Schwä­ che. Weltfremdheit oder Gewissenlosigkeit – keines von beiden ist eine akzeptable Basis für das Leben in der Gemeinschaft. Zum Glück sind unsere Möglichkei­ ten mit dieser Alternative nicht ausgeschöpft. So ge­ gensätzlich sie scheinen, beruhen doch beide Seiten auf derselben falschen Prämisse, dass das Lügen an sich unrecht sei. Nur unter dieser Prämisse müssen wir uns für die Alltäglichkeit des Lügens pauschal verach­ ten oder alles verzeihen. Dass die Lüge in der Gemein­ schaft viel facettenreicher ist, zeigt Molière in seiner Komödie »Der Menschenfeind«, die ein Panoptikon der Tricks und Winkelzüge im Umgang mit Lüge und Wahr­ heit vorführt. Im Theatersessel können wir die Illusion genießen, wir wären Unbeteiligte in diesem Spiel und unserer Empörung und wir könnten unserem Komplizen­ tum erheitert auf die Schliche kommen.

D

ie einfache Regel »Wer die Wahrheit sagt, hat Recht« greift im Hinblick auf die Gemeinschaft zu kurz. Nur auf der Sachebene kann derjenige, der eine wahre Aussage macht, in jedem Fall beanspruchen, Recht zu haben. Auf der sozialen Ebene dagegen kann Wahrheit auch eine üble Waffe sein, die denjenigen, der sie einsetzt, noch längst nicht ins Recht setzt. Die morali­ sche Beurteilung, ob jemand gegenüber anderen recht gehandelt hat, orientiert sich an seiner Grundeinstel­ lung der gleichen Achtung und der Rücksichtnahme auf

Schwäche. Nicht immer sind die Motive der Wahrheits­ liebenden wohlwollender Art. Auch Missgunst und Rach­ sucht können sich der Wahrheit bedienen und sich mit ihr noch dazu wirkungsvoll ins Recht setzen: Hätte ich etwa lügen sollen? Auch das Schweigen ist oft keine neutrale Option, sondern wird zur vielsagenden Bot­ schaft für andere, die mehr Schaden anrichten kann als eine Lüge.

N

icht jede Lüge ist Ausdruck hinterhältiger Ziele. Das Repertoire alltäglicher Lügen reicht von den geheu­ chelten Komplimenten und höflichen Floskeln des Bedauerns über die misstrauische Verstellung, die strate­ gisch inszenierte Selbstdarstellung unter Auslassung von Selbstzweifeln, das spielerisch vorgetäuschte Desinter­ esse gegenüber dem Angebeteten bis zur Verleugnung aus Angst und den betrügerischen Falschbehauptungen zum eigenen Vorteil. Verdeckte Unwahrhaftigkeit gegen­ über anderen dient unterschiedlichen Zwecken und Hal­ tungen, die moralisch auch unterschiedlich zu beurteilen sind. Es gibt spielerische Lügen der Geselligkeit und Unterhaltung, Konventionslügen des Respekts und der Höflichkeit, Schutzlügen zur Verteidigung der Privatsphäre und zur Abwehr von Angriffen, wohlwollende Lügen aus Rücksicht auf die Schwäche der Belogenen. Aber es gibt auch Manipulationslügen, die Macht über andere ver­ schaffen sollen, Nutzlügen, um sich ungerechte Vorteile zu erschleichen, Lügen aus Untreue, um eingegangene Verpflichtungen ohne Konfrontation zu unterlaufen.


VE R A NTWO R TUNG

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GEMEINSCHAFT

Nichts ist entweder wa h r od e r fa l s c h : M i t u n s e r e r Lar v e s p ra c h e n w ir beide s. W ie die Larv e ist a u c h d i e Wa h r h e i t e i n e s u n d b e i d e s; d i e Wa h r h e i t liegt in dem, was wir werden. B a k chen v o n E u r i p i d e s / S c h r o t t

Premiere

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LÜGE

Die be st e und siche rst e Tar n u n g i s t i m m e r n o c h d i e bl a nk e und n a ck t e Wa h r h e i t. K o m i s c h e rw e i s e . Die gl a ubt nie m a nd. B ie d e r mann u n d d ie B r an d stifte r v o n Ma x F r i s c h P r e m i e r e F e b r u ar 2 0 1 4

J a n u ar 2 0 1 4

Die Wa hrhe i t i s t imme r ge fä hrl ic h. E in T r a u ms p ie l v o n A u g u s t S t r i n d b e r g Premiere März 2014

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ede Gemeinschaft bildet Kontexte konventioneller Lügen aus, in denen nicht Aufrichtigkeit erwartet wird, sondern die Einhaltung bestimmter Umgangs­ formen. Das Lügen als alltägliche Technik der Verber­ gung und Verstellung kann dem berechtigten Interesse folgen, sich den unfairen Absichten anderer nicht schutz­ los auszuliefern. Lügen können verhindern, andere und sich selbst mit der Antwort auf unbedachte Fragen in ungewollt peinliche Situationen zu bringen, sie vermei­ den unnötige Verletzungen und Brüskierungen. Manch­ mal ist es der beste Ausdruck von Respekt, den wir zu bieten haben, dass wir unsere tatsächlichen Gefühle verbergen und stattdessen die Einstellung zeigen, die von uns erwartet wird. Aufrichtigkeit als Prinzip ist das Ideal des Egozentrikers. Indem er die unverfälschte Selbstpräsentation zum Wert an sich erklärt, ist der Egozentriker jeder Rücksicht auf andere und jeder Rela­ tivierung seiner eigenen Gemütszustände enthoben.

M

it Verstellung und Lüge regulieren wir unauffällig das Verhältnis zu anderen Menschen unter dem Aspekt von Nähe und Distanz. Lügen schaffen oder verteidi­ gen Distanz, sie können die anderen auf Abstand halten, wo die Privatsphäre in Gefahr ist oder wo Antworten eine größere Nähe herstellen würden, als dem Fragenden selbst lieb wäre. Der Menschenfeind, der bedingungslose Aufrichtigkeit fordert und jede Form von Verstellung und

Lüge ablehnt, kennt keinen Unterschied zwischen Dis­ tanz und offener Ablehnung. Besondere Nähe zu einer Person kann er nur durch die Abkehr von allen anderen herstellen, denn das aufrichtige Bekenntnis, die Offen­ barung des »tiefsten Grundes der Seele« gilt ihm ja un­ terschiedslos als Prinzip der Kommunikation. Dadurch wird Offenheit als Beweis eines besonderen Vertrauens­ verhältnisses entwertet. Wo jede Verstellung verpönt ist und jedes Wort von Herzen kommen muss, bleibt für das Leben in der Gemeinschaft nur die Wahl zwischen Kom­ munikation und ihrem Abbruch. Die vollkommen wahrhaf­ tige Gemeinschaft wäre am Ende vermutlich eine sehr schweigsame Gemeinschaft.

D

ie bewusste Entscheidung zwischen Aufrichtigkeit und Verstellung, zwischen Offenbarung und Verber­ gung reguliert nicht nur die Nuancen der Distanz und Nähe im Verhältnis zu anderen, sie ist auch Bedingung für die Ausbildung persönlicher Identität. Wer in jeder Äuße­ rung sein Herz auf der Zunge tragen muss, kann kein Ge­ spür für die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen sich und anderen entwickeln. Manche Lügen schaffen allerdings nicht nur Distanz, sondern Einsamkeit. Sie ma­ chen den Lügner einsam, der sein Wissen nicht mit an­ deren teilen kann, aus Angst, seine Lügen preiszugeben und sich der Wut und Empörung der Belogenen auszu­ setzen. Sie machen den Belogenen einsam, der sich in

einer nur für ihn konstruierten Welt des Scheins befindet, die er in Wahrheit nicht mit anderen teilt.

D

as Spiel von Aufrichtigkeit und Verstellung, Wahr­ haftigkeit und Lüge, Ehrlichkeit und List, das unser Gemeinschaftsleben durchzieht, kann seine spie­ lerischen Züge nur entfalten, wenn es in Bewegung bleibt, wenn die Rollen von Lügnern und Belogenen wechseln, wenn Lügen nicht nur aufgebaut, sondern auch wieder enthüllt werden. Befristete Lügen müssen sich am Ende der Kritik durch andere stellen und den Belogenen die Entscheidung überlassen, welchen Glaub­ würdigkeitskredit sie dem Lügner in der nächsten Runde einräumen. Oft machen wir uns in alltäglicher Verlogen­ heit selbst etwas vor, halten uns für taktvoll, wo wir bloß feige sind, und für rücksichtsvoll, wo uns der andere nicht einmal ein offenes Wort wert ist. Auch die offene Empörung gegen Lügen und Lügner kann verlogen sein. Das Ideal der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, das auf wohlfeile Art hochgehalten wird, erspart den genau­ en Blick auf die Situation und auf die Motive, die hinter der Lüge stehen mögen. Absolute Wahrhaftigkeit ist dort erstrebenswert, wo sie sich nicht auf die Abschaf­ fung von Verstellung und Lüge richtet, sondern auf die Gründe, mit denen wir uns der Verstellung und Lüge bedienen. Nur so kann es uns gelingen, eine Gemein­ schaft verantwortungsvoller Lügner zu sein.


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welt

G E M E I N S C H A F T

n ar z i ss m u s

s p ie l z e i t

N

a c h d e m V e rs c h w i n d e n d e r G e m e i n s c h af t gibt e s nur noch eine Ins ta nz, die dem M e n s c h e n W e r t v e r l e i h e n ka n n: das D u . N i c h t e i n e b i s da h i n u n g e ka n n t e I c h -­ Be z oge nhe i t be he rrs c h t un s e r Z u sa mme n­l e be n, s o n d e r n das Pr o b l e m e i n e r u n g e ka n n t e n D u - ­B e z o g e n h e i t. D a m i t h a b e n w i r e s m i t e i n e r der unberechenbars ten, m aSSlose s ten und n e g at i v s t e n M ä c h t e z u t u n , d e n e n d e r M e n s c h j e m a l s a u s g e s e t z t war . D i e s e T h e s e v o n S v e n Hil l e nka mp w ird im Be ziehungsdra m a »Gefä hr­­ l i c h e L i e b s c h af t e n « v o n C h r i s t o p h e r Ha m p t o n z u untersuchen sein. Hil l e nka mp , s tudierter Poli­ tologe und Soziologe, war Redakteur bei der >ZEIT< und lebt je tz t a ls freier Autor in Berlin und S tock holm.

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G E M E I N S C H A F T

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n ar z i ss m u s

DU! Stürzendes

Furchtbares

ICH!

Sven Hillenkamp

A

ls Übel unserer Zeit gilt der Narzissmus. Das in sich selbst abgeschlossene, nur an sich selbst interessierte Ich. Falls nach Ursachen verlangt wird, kommt noch der Kapitalismus hinzu. Wir stellen uns einen Menschen vor, der pausenlos sich selbst optimieren will, weil der Markt es verlangt – und der zu Beziehungen zu anderen Menschen demge­ mäß nicht mehr in der Lage ist.

I

n diesem Bild ist das Du – also der persönliche, indi­ viduelle andere – als vermisst gemeldet. Dabei, so die Vorstellung, würde es doch die Rettung bedeuten. Denn: Dem isolierten Ich geht es schlecht; doch wer ein Du hat – viele Dus –, der lebt, der hat es gut. Bei jeder sogenannten Seelenkrankheit lautet nun die Empfeh­ lung: mehr Offenheit! Mehr Beziehung! Mehr Du! – Nar­ zissmus und Kapitalismus sind die Krankheit, das Du ist die Kur.

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ier soll behauptet werden: Wir haben nicht das Pro­ blem einer ungekannten Ich-Bezogenheit, sondern das Problem einer ungekannten Du-Bezogenheit. Es geht nicht um Egozentrik, sondern um Alterozentrik. In Wahrheit ist das Du die Angel, in der diese Welt schwingt, alles dreht sich um das Du. Es gilt als etwas Wunderbares, Heilsames; tatsächlich haben wir es mit einer der unberechenbarsten, maßlosesten und nega­ tivsten Mächte zu tun, denen der Mensch jemals ausge­ setzt war.

W

ie wurde das Du zu solch einer Macht? Als Über­ lebender. Alle anderen Mächte, die den Menschen beherrschten, ihm Wert verliehen, eine soziale Po­ sition, gingen zugrunde; allein übrig blieb das Du.

D

as Du ist jetzt die einzige Instanz, die dem Menschen noch einen Wert verleihen kann. Alle anderen – überpersönlichen, gemeinschaftlichen – Strukturen sind verschwunden, haben zu Recht ihre Legitimation verloren. Es waren Strukturen, in denen vor allem Zuge­ hörigkeit zählte, in denen Leistung, so sie gefordert war, kein persönliches, individuelles (originelles) Gesicht zu tragen hatte (dies gerade nicht durfte), sondern auf vor­ gezeichneten Bahnen, in vorgeschriebener Weise zu erbringen war. Solche Strukturen sind: die patriarchale Großfamilie (als Clan, Sippe); militärische, religiöse u. a. Männerbünde; überhaupt regionalistische, nationalisti­ sche und religiöse Gemeinschaften; soziale Kasten und Klassen; Gegenkulturen usw. In diesen Strukturen gab es weder Ich noch Du, insofern das Individuum Rollen­ träger und Repräsentant des Ganzen war. Das Beson­ dere zählte nicht, sondern allein das Allgemeine. Es waren Strukturen, die die Herabwürdigung eines Mit­ glieds als Herabwürdigung des Ganzen betrachten mussten. Die Kränkung eines Einzelnen bedeutete die Kränkung aller.

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ementsprechend wurde mit der Ehre des Einzelnen die Ehre aller verteidigt, wenn nötig (oder möglich) mit Gewalt (gegen den Einzelnen). Die Auflösung solcher Strukturen, in denen es keine individuelle Ver­ antwortung gibt, wird bekanntlich als Befreiung erfah­ ren und betrieben.

D

ie Durchsetzung der Moderne ist dadurch gekenn­ zeichnet, dass der Einzelne es nun überall und immer mit Menschen im emphatischen Sinn zu tun bekommt, also nicht mit bloßen Rollenträgern und Reprä­sentanten eines Ganzen, sondern mit persönlichen, individuellen

anderen – mit Dus. (Gegenläufig zu Foucaults Verab­ schiedung des Menschen müsste hier – einer Phäno­ menologie der Erfahrung folgend – gerade die Geburt des Menschen verkündet werden.) Fortan fallen das Allgemeine und das Besondere auf merkwürdige Weise in eins. Die ungeheure Bedeutung, die Liebe und Sexu­ alität einerseits, das Schöpferische andererseits in dieser Welt besitzen, besteht darin, dass es sich um Medien handelt, mit Hilfe derer ein Ich die Anerkennung eines (oder vieler) Dus zu erlangen erhofft.

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s gibt mindestens sechs Eigenschaften, durch die das Du sich als Anerkennungsinstanz von überper­ sönlichen Strukturen unterscheidet. Die erste ist Punktualität, Augenblickshaftigkeit. Die Anerkennung, welche ein Du gewähren kann, durch eine Berührung, ein zärtliches Wort, ein Lob, durch die Tatsache, dass es uns überhaupt wahrnimmt und antwortet, anstatt uns (unsere E-Mail, eine SMS) zu ignorieren – diese Aner­ kennung ist kein sozialer Status, sondern bleibt perfor­ mativ, also stets augenblickshaft; sie muss pausenlos erneuert werden.

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weitens: Opazität, Undurchsichtigkeit. Während es in kollektiven Strukturen allgemein bekannte, oft ko­ difizierte Kriterien der Anerkennung gibt (wie Gott seine Gebote veröffentlicht und damit sichtbar macht), ist die Anerkennung durch ein Du abhängig von dessen individueller Persönlichkeit, dessen Geschmack und Vor­ lieben, momentaner Lebenssituation und Gefühlslage. Deshalb ist das Du den Menschen, die ihm gegenüber­ stehen und von ihm abhängen, wie auch sich selbst undurchsichtig. Das Ich muss in einem endlichen Trialand-error-Spiel herausfinden, was das Du möchte und


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welt

G E M E I N S C H A F T

n ar z i ss m u s

s p ie l z e i t

Liebe ist e t was, was m an benutzt, nicht e t was, dem m an verfällt. G efä h r l iche Liebschaften v o n C h r i s t o p h e r Ha m p t o n

Premiere

Juni 2014

Schubi-Du, Schubi-Du. Ba ld bin ich tot, juhu. A l m u t Bl oc k , 7 0, K e t t e nra uc he rin De r Z w e r g r einigt d en Kitte l v o n A n i ta A u g u s t i n P r e m i e r e Ma i 2 0 1 4

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ab, welche sich seiner Kontrolle a priori entziehen. Die gesamte Zivilisationsgeschichte ist eine Geschichte des Versuchs, die Macht der Natur und des Zufalls zu brechen, nicht auf Gedeih und Verderb abhängig zu sein von Wetter und Klima, nicht von Raubtieren zerris­ sen zu werden, von einer fremden Rotte überfallen und ausgeplündert zu werden – und am Ende der glorrei­ chen Geschichte steht das Ich vor einem Du, das es sich nur gewogen machen kann mit Dingen, die sich ihm entziehen, gleich dem Wetter, den Raubtieren, den fremden Rotten. Hier sieht die moderne Psychologie ihre Geschäftsmöglichkeit. Sie ruft dem Ich zu: Mit mei­ ner Hilfe wirst du kreativ und attraktiv. Mit meiner Hilfe lernst du lieben und begehren. Mit meiner Hilfe wirst du dem Du endlich genügen. Die Psychologie verspricht, das Unkontrollierbare zu kontrollieren, das Ich im Kampf mit seinem undurchsichtigen, unendlichen und wider­ sinnigen Du zu rüsten, indem es das Ich selbst unend­ lich macht. Im übrigen teilt die Psychologie sich in zwei Lager. Die einen sehen die vielversprechendste Lösung in einer Unabhängigkeit des Ich vom Du. Ein durchaus verständlicher Impuls. Jeder, der besetzt ist von einer furchtbaren Macht, sehnt sich nach Unabhängigkeit. Diese Psychologen sagen: Das Ich kann lernen, sich selbst zu lieben. Es kann sich selbst anerkennen, indem es sich sagt, ich bin in Ordnung, ich bin ein wundervol­ les Wesen. Jeder gescheite Mensch weiß, dass das Unfug ist. Liebe, Anerkennung, Respekt sind Begriffe, die soziale Verhältnisse ausdrücken, etwas zwischen den Menschen. Die anderen Psychologen gehen in die entgegengesetzte Richtung. Sie empfehlen – wir er­ wähnten es – noch mehr Du. Sie sagen: Geht es dir schlecht in deiner Abhängigkeit von verschiedenen, je­ doch gleich tyrannischen Dus, dann öffne dich noch mehr, vertiefe deine Beziehungen, lerne noch mehr Dus kennen, lass dich fallen. Man denke sich einen Stein­ zeitmenschen, der sich das Ende seines Horrors erhofft

welt

G E M E I N S C H A F T

von noch mehr Stürmen und Dürreperioden, noch mehr menschenfressenden Raubtieren, noch mehr plündern­ den und mordenden Hominidenhorden. Während die Verhaltenstherapeuten den Weg in die Unabhängigkeit bevorzugen, halten es Analytiker und Systemiker mit der Beziehungsvertiefung. Doch auch die Verhaltensthera­ peuten winken mit der letzteren. Sie sagen: Wenn man erst einmal ganz unabhängig geworden ist, niemanden mehr braucht, jahre- und jahrzehntelang allein leben und allein arbeiten kann, es aushält in totaler Isolation und sich dabei selbst lieben kann, dann wird man in der Lage sein, andere Menschen zu lieben und zu begeh­ ren. Allein das Ich, das sich vollständig lösen kann vom Du und dem es dabei blendend geht, ist liebesfähig. Psychoanalytiker teilen diese Ansicht. Auch sie wollen erst einmal die Selbst- und Objektrepräsentanzen im Inneren ihres Klienten in Ordnung bringen, das soge­ nannte Selbstwertgefühl von innen heraus zur Blüte bringen, um den dergestalt erwachsen gewordenen Klien­ ten loszulassen auf das Du, das Du auf ihn. Wie gesagt, verständliche Impulse. Doch hilflos, bis schamlos.

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ie Zeit des Nationalsozialismus war interessanter­ weise die erste, in welcher das Du sich als alleinige Anerkennungsinstanz durchsetzte. Im Nationalsozi­ alismus gab es keine Institutionen mehr, die dem Men­ schen, gesetzt er hielt sich an die Regeln, einen sozia­ len Wert garantierten. Es gab gar keine funktionierenden Institutionen, verlässlichen Regeln mehr, ausschließlich persönliche und individuelle Dus, die undurchsichtig und unberechenbar waren, deren Forderungen unend­ lich waren, die immerzu wechselten, sich jederzeit ab­ wenden konnten.

I

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n ar z i ss m u s

n der Hinsicht war der Totalitarismus »absolument mo­ derne«. Heute erkennen wir uns wieder im permanenten Schreiben an mächtige und begehrenswerte Dus, in

der pausenlosen Terminbettelei, dem unausgesetzten Vorsprechen und Sich-präsentieren, dem ununterbro­ chenen Sich-sichtbar-machen-wollen, der unerträglichen Werbung um das Du. Freilich, die Dus tragen nun an­ dere Namen. Sie heißen nicht mehr Rottenführer oder Reichsverweser, sondern Redakteur, Intendant, Gale­ rist oder Verleger, Leser und Zuschauer. Sie heißen Papa und Mama, Julia und Tom, und sie heißen schlicht und wahrheitsgetreu: Du.

W

ir leben in einem gesellschaftlichen System, das System und Struktur ist wie jedes andere vor ihm, jedoch – nun stimmt die Formulierung und zwar buchstäblich – ein System mit menschlichem Antlitz. Und dieses Antlitz ist kein neurotisches, narzisstisches, beziehungsunfähiges Ich, sondern ein undurchsichti­ ges, unendliches, paradoxes und negatives, immerfort neue Gesichter aufsetzendes Du, das als Gegenüber nichts anderes akzeptiert als ein gleichfalls individuali­ siertes, verpersönlichtes Ich, das sich in einem fort rüs­ ten muss, um anerkannt zu werden (oder sich seinem Tyrannen zu entziehen versucht).

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ir können uns keine Welt ohne Menschen mehr denken: eine Welt, die nicht um das Du kreist. Der Urstoff, aus dem alles besteht, scheinen nun die Beziehungen zu sein, die Bindungen, die Gefühle zwi­ schen Ich und Du. Erfolg, Glück ist einzig denkbar als Erhebung eines Ichs aufgrund der Begeisterung eines Dus: Auftraggeber-Dus, Zuschauer-Dus, Gefährten-Dus usw. Liebe und Kunst (d. h. Kreativsein im weitesten Sinn) sind für jedermann überlebensnotwendig, da Zu­ gehörigkeit zu einer Gemeinschaft als Grundlage für Anerkennung entfällt, das Emotionale und Performative zur einzigen Währung wird. Die Katastrophe der Wert­ losigkeit entsteht aus der Unfähigkeit des Ich: Nichtfüh­ lenkönnen und Nichtschaffenkönnen.

Und Sie sind ihr alles? A nat o l v o n A r t h u r S c h n i t z l e r

schätzt, wobei es leider so viele Fehler machen kann, dass es entweder in Ungnade fällt oder in Erwartung der­ selben in die Starre der Depression oder Angststörung.

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rittens: Infinität, Unendlichkeit. Während eine über­ persönliche Struktur oder etwa Gott Endliches ver­ langt (bestimmte Dinge zu unterlassen, sich an die zehn Gebote zu halten), verlangt das Du Unendliches: Aufmerksamkeit, Verständnis, Liebe, Begehren, Kreati­ vität. Das Ich kann niemals genug zuhören, verstehen, begehren, lieben und leisten; es steht ununterbrochen in der Schuld des Du, versagt vor dessen unendlichem Bedürfnis.

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iertens: Paradoxität, Widersinnigkeit. Während in überpersönlichen Strukturen oft das Bemühen existiert, herrschende Forderungen widerspruchs­ frei zu halten, steht das Du nicht unter diesem Druck. Es verlangt, das Ich solle schöpferisch sein, ein Künst­ ler. Dann sagt es, das Ich trage keine Verantwortung, lebe das Leben eines Kindes. Ein Du sagt: Trainiere deinen Körper. Ein anderes: Dein (trainierter) Körper ist ja unnatürlich. Alle Dus sagen: Wir finden dich nur dann sympathisch, wenn du kein Vorspiegler bist, sondern Schwächen und Sünden, alles, was dich unsympathisch macht, vor uns selbstbewusst offen­ legst usw.

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ünftens: Negativität, Verneinendsein, was man hier u. a. mit Abwesenheit, Verschwinden, Verstummen übersetzen kann. Das Du – Auftraggeber-Du, Gelieb­ ten-Du – hat immer die Möglichkeit, nicht zu antworten, das Ich zu verlassen, die Verbindung, die Zusammenar­ beit aufzukündigen, wortlos einschlafen zu lassen.

Premiere

November 2013

S

chließlich: Mobilität, Beweglichkeit. Es kommen im­ mer neue Dus auf das Ich zu. Aufgrund von Orts­ wechseln (oder Orten, die selbst in Bewegung sind, durchströmt werden von Dus), aufgrund von beruflichen und privaten Veränderungen, neuen Versammlungsund Kommunikationsmöglichkeiten usw. reißt der Strom der Dus nie ab, damit auch nicht die Bedrohung, auf Ablehnung oder Desinteresse zu stoßen. Das Ich nimmt die Herausforderung vorweg, indem es sich rüstet. Sämtliche Optimierungsstrategien (Körper, Kleidung, Karriere, interessante Biografie usw.) machten keinen Sinn, wenn der Einzelne sich in einem stabilen, sich gleichbleibenden Umfeld befände – sie zielen vielmehr auf noch Unbekannte und auf die Bekannten nur insofern, als diese sich abwenden, fortbewegen könnten; es sind Sicherungsstrategien, welche verhindern sollen, dass man durchfällt bei Menschen, die (noch oder immer wieder) gewonnen werden müssen. Der Unterschied zwischen erster Moderne (bzw. Vormoderne) und zweiter, indivi­ dualisierter Moderne besteht also nicht in der Differenz Zusammensein vs. Einsamsein, sondern in der Differenz Auf-immer-mit-den-Selben-­­sein vs. Wissen-dass-immer-­ Neue-kommen-werden-und-sich-rüsten. Der Narziss­ mus ist also nichts anderes als eine notwendige Siche­ rungstendenz. Die Egozentrik steht im Dienst des Du, ist Alterozentrik.

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an sieht, welche ungeheuren Konsequenzen es hat, wenn der Mensch (das Du) des Menschen Wert bestimmt und nicht ein Übermenschliches, Über­ individuelles. Es wird noch deutlicher, wenn man sich fragt, was das Du wertschätzt, für was es Wert verleiht. Da das Du kein bloßer Repräsentant ist, sondern eine einzigartige Persönlichkeit, verlangt es auch Einzigartiges,

Persönliches. Und da das Du keine allgemeine Struktur ist, sondern eine menschliche Physis, verlangt es auch, physisch erregt zu werden. Es reicht dem Du also kei­ neswegs, dass das Ich seinen Platz in der Gesellschaft einnimmt, sich an die Regeln hält, Verantwortung über­ nimmt, treu ist, ein Auskommen hat, irgendeine Funktion vorbildlich ausfüllt. Denn dann würde das Du sich ja nicht persönlich gespiegelt und gemeint fühlen. Was das Du will: Gefühle, Kreativität, sexuelle Attraktivität. Doch den Augenblicken, in denen das Ich viel (für ein Du) empfindet, in denen es schöpferisch ist (und sich auch als schöpferisch empfindet, was bekanntlich nicht dasselbe ist), in denen es sexuell attraktiv ist (und sich sexuell attraktiv fühlt, was wiederum nicht dasselbe ist), stehen naturgemäß lange Perioden gegenüber, in denen das Ich nichts (oder nicht ausreichend, siehe Unend­ lichkeit) fühlt, in denen es nicht schöpferisch sein kann, glaubt, unkreativ zu sein, in denen es unattraktiv ist, sich unattraktiv fühlt. Ein Ich, dessen Wert auf Fühlenkönnen, Kreativität, Attraktivität beruht, wird sich meist wertlos fühlen, meist, wie man sagt, depressiv sein, selten eu­ phorisch, selten sich als das emotionale, liebende, krea­ tive, erregende Geschöpf empfinden, das es immer sein müsste, um sozialen Status, einen stabilen sozialen Wert zu besitzen, nicht einer permanenten Abwertungs­ dynamik ausgesetzt zu sein, einem Sturz in Gefühllosig­ keit, Hässlichkeit und in das Blockiertsein.

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efühle, Kreativität und Attraktivität bzw. das momen­ tane Attraktivitätsempfinden haben eins gemeinsam: Sie sind nicht Resultat eines Handelns, da sie keine äußeren Gegenstände oder Verhältnisse sind, sondern Innerlichkeiten; sie sind, mit einem Wort, nicht kontrol­ lierbar. Der Wert des Individuums hängt also von Dingen

E ine s König s E hre is t de r S t e rn, de r a l l e se ine Re ck e n mit be l e uch t e t und m it v e rdunk e lt! Die N ibe l u ngen v o n F r i e dr i c h H e b b e l Premiere September 2013

Du h ast mir eingerede t, dass ich dir e t was bedeute, dass das, was i c h t u e , w i c h t i g i s t. D u b i s t v e rda m m t n o c h m a l s e l b e r s c h u l d , dass ich je tz t deinen Re spek t einfordere. D o g v i l l e v o n Lars v o n Tr i e r

Premiere

April 2014


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MITTE

G E M E I N S C H A F T

E S K A L A TION

s p ie l z e i t

P

o l i t i k u n d Öff e n t l i c h k e i t s t i l i s i e r e n d i e G e wa lt­ verbrechen des NSU gerne zu einem Einzelphänomen. Wer sich den Taten deS NSU aus sozial­w issen­schaf­t­ liche r Sich t n ä he r t, muss die Frage s t e lle n, ob nich t v ie lmehr in der bre ite n Be völ k e rung T e nde n z e n vorherrschen, die die Ent wicklung DES NSU nachhal­t ig b e f ö rd e r t h a b e n . D e r B i e l e f e l d e r S o z i o ­l o g e Pr o f e ss o r W i l h e l m H e i t m e y e r f o rs c h t s e i t 1 9 8 2 z u d e n T h e m e n Rechts­extremismus und soziale Desintegration. In den n achfolge nde n Ausführunge n be schre ib t e r, warum die Eska l at ionsl a ndsch af t und a l so auch g ä ngige E ins t e l l unge n in de r bunde sre publ ika nisc he n Ge se l lsch af t einen N ä hrbode n für die T e rror z e lle bilde n. Er kri t isie r t die pol i t isc he n und ge se l l sc h af t l ic he n Reflexe, die seit Jahren als wirksame Antworten im >K a mpf gegen Re ch t s< propagie r t w e rde n, a l s ine ffi­ z i e n t u n d f o rd e r t e i n e n u n v e rs t e l lt e n B l i c k a u f d i e e i g e n t l i c h e n Ursa c h e n d e r G e wa lt b e r e i t s c h af t.

MITTE

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Der und die

G E M E I N S C H A F T

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E S K A L A TION

Untergrund gesellschaftliche N ati o na l s o z ia l istische

Selbst entlastung

Wilhelm Heitmeyer

De r w e isse W ol f

Ha nd a ufs He r z: Se it wa nn w isse n Sie , me ine He rre n, dass e s Bra nds t if t e r sind? B ie d e r mann u n d d ie B r an d stifte r v o n Ma x F r i s c h

D

ie Eskalationslandschaft gleicht einem »Zwiebel­ muster«. An der äußersten Schale sind die Ein­ stellungsmuster der Mehrheitsgesellschaft ange­ siedelt, also unsere. Sie erzeugen unser Verhalten gegenüber schwachen Gruppen. An der Univer­ sität Bielefeld bezeichnen wir sie als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – fördern sie doch unsere Ab­ wertung und die Diskriminierung schwacher Gruppen zutage. Zu diesen gehören u. a. Migranten, Juden, Homo­ sexuelle, Obdachlose, Muslime, Behinderte, Langzeit­ arbeitslose, Asylbewerber und Sinti/Roma.

D

arüber hat sich ein teils offener, teils aber auch unter­ schwelliger Alltagsrassismus in unserem Leben fest­ gesetzt, der längst Eingang in unseren Wortschatz und unsere Gewohnheiten gefunden hat, und dessen kaum hinterfragte Einstellungsmuster den Humus für die weitere Entwicklung bilden. Wissenschaftlich gespro­ chen entsteht aus diesem Alltagsrassismus ein gesell­ schaftlicher Abwertungs- und Diskriminierungsvorrat, aus dem sich vorrangig die rechtspopulistischen Bewegun­ gen – womit wir bei der zweiten Schale wären – bedie­ nen. Insbesondere islamfeindliche Haltungen stehen hier im Zentrum. Wichtig in diesem Kontext ist, dass sich diese Form des Rechtspopulismus und Rassismus noch in weitgehend gewaltfreier Form manifestiert. Das Thema Gewalt kommt erst über die dritte Schale, über die sys­ temfeindlichen radikalisierten Milieus wie u. a. die auto­ nomen Nationalisten und auch die NPD ins Spiel.

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nter dieser Schale kommt die nächste Eskalations­ stufe zum Vorschein, sie bildet sich aus den soge­ nannten Unterstützungsnetzwerken. Dabei handelt es sich um höchst gewalttätige Milieus der »freien Kame­ radschaften«, die vorwiegend konspirativ und über mas­ sive Bedrohungen agieren. Sie bilden dann den fließenden Übergang zur rechtsextremistischen Zelle und damit zur innersten Schale unseres Zwiebelmodells.

Premiere

A u s g e h e n d v o n d e n Er e i g n i ss e n r u n d u m d i e V e r b r e c h e n d e s N S U u n d d e r e n A u fd e c k u n g u n t e r n i m m t d e r A u t o r L o t h ar K i t t s t e i n m i t s e i n e m A u f t ra g s w e rk e i n e R e i s e i n d i e U n t i e f e n d e r d e u t s c h e n G e s e l l s c h af t. U r a u ff ü h r u n g F e b r u ar 2 0 1 4

F e b r u ar 2 0 1 4

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usammenfassend können wir also von einem ge­ samtgesellschaftlichen Eskalationsprozess sprechen, in dem die eingangs erwähnten Einstellungsmuster in der Bevölkerung, und damit also auch WIR, einen nicht unwesentlichen Beitrag leisten.

bereitstellt. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer rohen Bürgerlichkeit, die sich zwar von Rechts­ extremen distanziert, ihnen aber gleichzeitig Legitimatio­ nen liefert.

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rritierend ist das Agieren der Politik, das sich auf eine Verbotsstrategie insbesondere gegenüber der NPD konzentriert. Dies überrascht vor allem, weil die Partei an Mitgliedern verliert – Wähler laufen ihr davon, und finanziell ist sie pleite.

er parteipolitische Rechtsextremismus scheint weit­ gehend am Ende. Republikaner und DVU sind be­ reits verschwunden. Die neue Partei »Die Rechte« ist nahezu unbekannt. Eine ganz andere und weit größere Gefahr geht hingegen von den bewegungsorientierten rechtsextremistischen Gruppen aus. Sie agieren weit­ aus dynamischer, geschickter und verdeckter und sind deshalb sehr viel schwieriger zu bekämpfen. Man erkennt sie nur schwerlich am äußerlichen Stil. Sie sind vor allem verdeckt professionell im Netz unterwegs.

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arum konzentrieren sich die politischen Initiativen von demokratischen Parteien ausschließlich auf Ver­ bote, anstatt auf das eigentliche Gefahrenpotenzial adäquat zu reagieren? Wären die Verbote in der Vergan­ genheit tatsächlich von Erfolg gekrönt gewesen, dann dürfte es in unserer Gesellschaft heute solche rechtsex­ tremistischen Probleme nicht mehr geben, schließlich wurden seit Anfang 1992 rund 30 Gruppen verboten. Die Negativbilanz offenbart, dass staatliche Repression im­ mer auch rechtsextreme Innovation erzeugt.

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ntersuchungen haben gezeigt, dass die Bevölke­ rung bzw. deren jeweilige Alters-, Geschlechts- und Einkommensgruppen, einen gesellschaftlichen Legiti­ mationsvorrat für die genannten radikalisierten Milieus

ie herrschende Politik neigt im gleichen Kontext je­ doch dazu, die gesellschaftliche Realität mit einer die tatsächlichen Verhältnisse glättenden SchwarzWeiß-Sicht zu sehr zu simplifizieren: hier die soziale, liberale und humane Gesellschaft, dort die rechtsextre­ mistische Mörderbande. as Ziel hinter dieser Vorgehensweise ist klar: Es ist der Versuch einer gesellschaftlichen Selbstentlas­ tung, der uns aus der Verantwortung entlässt und uns von Mitschuld freispricht. Eng verknüpft mit dieser Handlungsweise ist die Installierung eines Kontrollparadigmas, d. h. die gesellschaftspolitischen rechtsextre­ mistischen Gefahren werden zu einem juristischen und verfolgungstechnischen Problem umdefiniert. Nach dem Motto: Wenn die herrschende Politik den Staatsschutz und Verfassungsschutz entsprechend ausrüstet, werden alle Probleme gelöst.

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ill sich die Politik aber wirklich ernsthaft mit einer Lösung der Problematik beschäftigen, ist der von jeglichem Populismus freie und unverstellte Blick auf die Ursachen notwendig. Dafür bedarf es vor allem der rigorosen Intensivierung von Selbstreflexion im Sin­ ne des Entstehungs- und Radikalisierungsparadigmas. Zu diesem Radikalisierungsparadigma gehört die zu­ nehmende Aggressivität der in rechtspopulistischen Denkmustern beheimateten Bevölkerungsteile. Diese Tatsachen länger zu ignorieren und nicht in den Mittel­ punkt der Debatte zu rücken, zeugt von einem die Fakten missachtenden, vornehmlich sich in Selbsttäuschung ergehenden gesellschaftlichen Denken und Handeln: Selbstentlastung statt Selbstaufklärung.


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I D ENTITÄT

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m K o n t e x t v o n H e b b e l s » N i b e l u n g e n « d e n k t d e r F ra n k­ fur t e r Pol i t ol oge D a nie l K e il übe r das T he m a »M y t he n de r Ge me insch af t« n ach. Auch die Er z ä hl ung von E uropa als fortschrit tliche Gemeinsch aft, die auf übernationalen g e m e i n sa m e n W e r t e n g r ü n d e t, e n t l ar v t e r da b e i a l s M y thos. Ein M y thos, w elcher der Legi­t im ation autoritä rer Pol i t ik e n in E uropa die n t und die schl e iche nde W ie de rhe r s t e l l ung n at ion a l e r Ausgre n z ungsmus t e r auSSe r Ach t l ä ss t. De n W unsch n ach de r »inne re n V e re inhe i t l ichung« E uropas be schre ib t K e il a l s e ine m a SSge blich von De u t schl a nd forcie r t e Pol i t ik , die sich vor de m Hin t e rgrund de r ökonomisch-­p ol i t ische n E n t w ick l unge n vor a l l e m um de n W e r t de r »Le is t ung« gruppie r t. Hie rin e rk e nn t e r e i n e F o r m v o n A u s g r e n z u n g , w e l c h e d i e G e s e l l s c h af t i n pro­duk t i v e und unproduk t i v e Mi t gl ie de r inne rh a l b de r E uropä ische n Ge me insch af t e in t e ilt. D as »A nde re « w ird a l s » das U n p r o d u k t i v e « i n A b g r e n z u n g z u m » p r o ­d u k t i v e n WIR« kons t ruie r t. D a nie l K e il forsch t a n de r Goe t he -Uni­ v e rs i tät F ra n kf u r t a m Ma i n ü b e r d i e E n t w i c k l u n g n at i o n a l e r Id e n t i tät i m S p a n n u n g s­f e l d d e r e u r o p ä i s c h e n In t e grat ion in De u t schl a nd.


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Ge m e in schaft

und

zum Verhältnis von

G E M E I N S C H A F T

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ie Diskurse um nationale Identität in Deutschland sind seit 1990 nicht nur vielfältig und zahlreich, sie sind auch immer wieder mal verwoben mit dem Sprechen über europäische Identität, die zu­ meist als Versprechen gedeutet wird. Hierbei gibt es sicherlich Konjunkturen, die dem Zustand der Euro­ päischen Union geschuldet sind, und größtenteils bleibt die Debatte eine akademische Angelegenheit. Gerade in den derzeitigen Krisenprozessen erscheinen Postulate eines bereits existierenden Kosmopolitismus in einer post-nationalen europäischen Gesellschaft zumindest stark verkürzt und mehr als normativer Wunsch denn fundiert in gesellschaftlichen Prozessen. Europäische Identität wird in diesen Formen als Versprechen gehan­ delt, die Borniertheit nationaler Identität aufheben zu können. Europa ist in solchem Kontext Teil einer Fort­ schrittsgeschichte, die auf mehr Freiheit und ein ver­ nünftigeres Zusammenleben hinauslaufe. Habermas beispielsweise möchte die Europäische Union als »ent­ scheidende[n] Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft begreifen« (»Die Verfas­ sung Europas. Ein Essay«, 2011). Er sieht dabei Europa als Projekt, das transnationale Formen der Demokrati­ sierung vorantreiben müsste. Ähnlich auch Ulrich Beck und Edgar Grande, die das Narrativ eines kosmopoli­ tischen Europas erzeugen wollen, um Werte und Nor­ men des neuen Europas als Antwort auf die Geschichte der »linken und rechten Terrorregime des 20. Jahrhun­ derts zu sehen« (»Das kosmopolitische Europa«, 2007). Die Suggestion eines Neustarts und die totalitarismus­ theoretische Abgrenzung verdecken dabei, dass die Geschichte Europas auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zielgerichtet, sondern in sich widersprüchlich und von kontingenten Ereignissen geprägt verlaufen ist. Zu­ dem wird so das Bestehende als alternativlos, vernünftig

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Daniel Keil

K rise und inne re V e re inhe i t l ic hung o viel Europa war nie!« Mit diesen Worten beginnt Gauck im Februar 2013 seine Rede zu Europa, um, nach einem kurzen Schlenker darüber, dass der­ zeit Europa vor allem als Euro-­K rise wahrnehmbar ist, eine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Eine Erfolgsgeschich­ te, die durch die gegenwärtige Krise ins Straucheln ge­ kommen ist. Europa stehe jetzt an der Schwelle, die überschritten werden muss, um »sich als Global Player« zu »behaupten«. Hierfür will Gauck, dass innegehalten wird, »um uns gedanklich und emotional zu rüsten für den nächsten Schritt«. Die militärische Konnotation des Rüstens bietet dabei so etwas wie eine Klammer zur geforderten »weitere[n] innere[n] Vereinheitlichung«, die zuallererst eine vereinheitlichte »Außen-, Sicherheitsund Verteidigungspolitik« meine. Die Forderung nach innerer Vereinheitlichung verbindet Gauck mit einer Klage über das Fehlen einer identitätsstiftenden Erzählung, dem Fehlen eines europäischen Gründungsmythos. Er soll durch eine Art europäischen Verfassungspatriotis­ mus – die »europäischen Werte« – ersetzt werden. Diese Klage lässt offen den Legitimierungscharakter zu Tage

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A u s g e h e n d v o n d e n Er e i g n i ss e n r u n d u m d i e V e r b r e c h e n d e s N S U u n d d e r e n A u fd e c k u n g u n t e r n i m m t d e r A u t o r L o t h ar K i t t s t e i n m i t s e i n e m A u f t ra g s w e rk e i n e R e i s e i n d i e U n t i e f e n d e r d e u t s c h e n G e s e l l s c h af t. U r a u ff ü h r u n g F e b r u ar 2 0 1 4

W e r ka nn und m ag be sitz e n, w e nn e r nicht be w ie se n h at, dass e r mit Re cht be sitz t? Und w e r e rst ick t das Murren um sich her, be vor er den Ge wa ltigsten, de r l e bt, z u Bode n warf, und ihn mit F üSSe n t rat?

Identität

Die N ibe l u ngen v o n F r i e dr i c h H e b b e l

treten, der eben in der Rede von der freiheits- und werte­ basierten Idee ›Europa‹, die sich quasi automatisch um­ setze, wenn denn der Weg weiter beschritten werde, impliziert ist. Insbesondere geht es darum, die Stellung Deutschlands als Hegemonialmacht in Europa zu legiti­ mieren und Europa ein deutsches Modell zu offerieren. Gauck sorgt sich darum, dass die maßgeblich von Deutschland forcierte Austeritätspolitik, die die Lebens­ grundlage von unzähligen Menschen zerstört, als »Kalt­ herzigkeit« wahrgenommen werden könnte und nicht als »Sachrationalität«. Was in diesem Zusammenhang der Wunsch nach innerer Vereinheitlichung bedeutet, wird deutlich vor dem Hintergrund der ökonomisch-politi­ schen Umwälzungen in Deutschland. Die massiven so­ zialen Einschnitte, beispielsweise die Deklassierung durch Hartz IV, wurden ebenfalls mit einer vermeint­ lichen »Sachrationalität« begründet und begleitet durch eine Neuformierung der nationalen Identität. Die natio­ nalen Kampagnen (»Du bist Deutschland«) und der sogenannte Partypatriotismus der Fußball-WM waren dabei zentrale Elemente, die Einzelnen als Verkörperung der Nation zu konstituieren, die sich selbst als Deutsch­ land zu begreifen haben und ihr Leben nur mehr nach den Maßgaben des nationalen Interesses zu organisie­ ren hätten. Hierin lag und liegt eine Rekonstitution von Ausgrenzung, die sich vor allem um Leistung gruppiert und die sich danach auch in europäischem Zusammen­ hang artikuliert.

Übe r de n Z usa mme nh a ng v on Nat ion und K a pita l ismus

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n dieser Stelle müssen, zum besseren Verständnis, ein paar grundsätzliche Worte zum Begriff der Nation gesagt werden, auch um besser einschätzen zu kön­ nen, was die EU für ein Projekt und wie die Formulierung europäischer Identität einzuschätzen ist. Die Entstehung der modernen Nation ist konstitutiv verwoben mit der

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Der weisse Wolf

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und vollkommen abgekoppelt insbesondere vom Natio­ nalsozialismus behauptet, womit die realen Kontinuitäten (vor allem in Deutschland) wie auch der Fortbestand der Bedingungen, die zum Nationalsozialismus führten, verdeckt werden. Auch wenn die Betonung des Pro­ jektcharakters ihren realen Ursprung in dem tatsächlich Projekthaften der Europäischen Union hat, ist dennoch nicht alles, was vielleicht danach aussehen könnte, ein Fortschritt zu mehr Freiheit. Die in diesen wissen­ schaftlichen Ansätzen implizit formulierte Gleichung, Europa ist gleich Zivilisierung und Fortschritt, kann als idealisierende Charakterisierung begriffen werden, die insbesondere die Rekonstitution der nationalen Aus­ grenzungsmuster in und durch Europa hindurch außer Acht lässt.

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s p ie l z e i t

Mythos: nationaler

europäischer E uropa a l s V e rsp re c he n ge ge n die Borniertheit nationaler Identität

I D ENTITÄT

Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und damit mit moderner Staatlichkeit. Kapitalis­tische Gesell­ schaften sind in ihrem Grund fundamental gespalten, und zwar in zweierlei Hinsicht: einmal durch die Tren­ nung der Menschen von ihren Produktionsmitteln und zum anderen in Universalität und Partikularität. Kapitalis­ tische Arbeitsteilung vereinzelt die Menschen zu freien, gleichen Vertragspartner­Innen, die darüber mit allen an­ deren in ein Verhältnis gesetzt sind – als abstrakte Rechtssubjekte sind sie gleich und universell, als kon­ krete Individuen aber ungleich. In der kapitalistischen Produktionsweise ist ein Gewaltverhältnis impliziert, das in der Trennung der Menschen von ihren Produktions­ mitteln besteht und sie daher zwingt, als abstrakt Gleiche ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Diese Gewalt erscheint nicht unmittelbar, sondern als »stummer Zwang der Ver­ hältnisse« (Marx) und im Widerspruch zwischen konkre­ ter Ungleichheit und abstrakter Gleichheit. Die Gewalt, die notwendig ist zur Aufrechterhaltung der abstrakten Gleichheit in der konkreten Ungleichheit, erscheint als politische Herrschaft im Staat, der über ein bestimmtes Territorium verfügt. Die Einzelnen werden in diesem Terri­ torium zu einem Kollektiv zusammengefasst und zur Nation homogenisiert. Dafür ist die Erfindung einer na­ tionalen Geschichte von zentraler Bedeutung, die als nationaler Mythos einen gesellschaftlichen Naturzu­ sammenhang herstellt. Konstruiert wird eine quasi-na­ türliche Verbundenheit Einzelner zu einem Kollektiv, das an den territorialen Boden gebunden ist. Der selbst pro­ duzierte gesellschaftliche Zusammenhang, der hinter ihrem Rücken prozessiert, erscheint so als »Natural­ form« (Adorno), als außerhalb der Einzelnen existieren­ der Naturzusammenhang. Die Homogenisierung zur Nation erfolgt logisch aus der Abgrenzung gegenüber anderem, zum einen über die Grenze nach außen, aber auch, damit verknüpft, in der Abgrenzung nach innen, als Formierung gegen diejenigen, die als »antinational« identifiziert werden. Rassistische und antisemitische Denk- und Praxisformen sind hierbei zentraler Ausdruck dieser Abgrenzungen.

Premiere

September 2013

E uropa und »das A nde re«

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or diesem Hintergrund stellt sich die EU tatsächlich als ein neuartiges Projekt dar. Es ist mit den Institu­ tionen der EU eine Form transnationaler Staatlich­ keit entstanden, die komplex verwoben ist mit den nationalen Staaten, die dadurch aber keineswegs auf­ gelöst werden. Vielmehr ist eine europäische Bezugs­ ebene in räumlicher Hinsicht entstanden, die vor allem mit der Errichtung einer gemeinsamen Außengrenze Ausgrenzungsmuster neu konfiguriert. Dies geht ein­ her mit Versuchen, eine europäische Vergangenheit zu konstruieren, in der der Nationalsozialismus und ins­ besondere Auschwitz als vager Begriff des Schre­ ckens als negativer Gründungsmythos diskutiert wird. Die Vernichtung der Jüdinnen und Juden wird in sol­ cher Vagheit zu einer europäischen Erzählung, die ganz Europa – inklusive Deutschland – als Opfer der unkonkret bleibenden National­sozialisten deutet und so zum Identifikationsangebot. Das absolut Sinnlose des industriellen Massenmordes wird zum sinnstiften­ den Ereignis einer europäischen Identität wie auch der nationalen Identität der Deutschen, so dass vor die­ sem Hintergrund mit den europäischen Werten gegen­ wärtige Gewalt legitimiert werden kann.

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ies zeigt sich insbesondere vor dem Hintergrund der Fragmentierung innerhalb der EU in der Krise und der damit einhergehenden Autoritarisierung der Politik, die darin besteht, Entscheidungen auf die Exekutive zu verschieben, demokratische Verfahren zu unterminieren oder gleich technokratische »Expertenregierungen« in Krisenländern einzusetzen, die gewaltsam die nicht zu­ letzt von Deutschland forcierte Austeritätspolitik durch­ setzen. Diese autoritäre Form wird begleitet von der Konstruktion des »Anderen«, die einerseits an den Grenzen Europas ganz materiell jeden Tag unzählige Tote fordert, andererseits nach innen diskursiv die Ratio­ nalisierung solcher rassistischer (institutioneller) Gewalt

darstellt. Hierin verschmilzt die europäische Ebene mit der nationalen bzw. konstruiert sich das Nationale durch das Europäische hindurch. In Deutschland konnte diese Konstruktion am Beispiel der Sarrazin-Debatte betrach­ tet werden. Sarrazin erhielt viel Unterstützung für biolo­ gistisch-rassistische Äußerungen über Migrant­Innen, insbesondere muslimische, die aufgrund von »genetischen Belastungen« kein besonderes intellektuelles Potenzial hätten (FAZ 26.08.2010). Dies verknüpfte er mit einer Einteilung der Gesellschaft in produktive und unpro­ duktive Mitglieder und ging so weit, dass der unproduk­ tive Teil – die als genetisch minderwertig begriffenen MigrantInnen – sich »auswachsen« müsse (lettre inter­ national 09). Das Amalgam alter rassistischer Motive mit der Vorstellung eines produktiven Volkskörpers wieder­ holte sich in der Debatte um die Krise in Griechenland, die im Kern darin bestand, das Bild des »faulen Südlän­ ders« in Form »des Griechen« zu aktualisieren. Auch hier wurde das Andere durch den Leistungsfetischismus hin­ durch als unproduktiv konstruiert.

Je n se it s de s Zwa ng s z ur Ide n t ität

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ie Forderung nach »innerer Vereinheitlichung« ist da­ her als Aufforderung zu verstehen, sich selbst zu produktivieren und sich dem Diktat des scheinbaren Sachzwanges zu unterwerfen. Darin inhäriert ist die ge­ waltsame Konstruktion des »Anderen«, die ebenfalls gewaltsame Festschreibung der Ungleichheit. Die Er­ zählung von den europäischen Werten dient dabei zur Legitimation autoritärer Politiken Europas, die offen­ sichtlich jenseits des Proklamierten liegen. Kollektive Identität unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen bedeutet daher eben keinen Fortschritt im Sinne der Freiheit, sondern fortschreitende Irrationalität. Es ginge aber vielmehr darum, eine Welt einzurichten, in der Dif­ ferenz gewaltlos gelebt werden kann, ohne den Zwang zur Identität. Es ginge um eine Welt, in der man, wie Adorno einmal bemerkte, »ohne Angst verschieden sein« kann.


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er Philosoph Jörg Splett hält die Religion in unserer Gesellschaft für lebenswichtig. Nich t, um e thisch korrekt zu h a ndeln, sondern um die Menschenwürde bis ins Letzte v erteidigen zu können. Dos t o je w sk is »Idiot« beschreibt eine Gemeinschaft von Egoisten als die Ursache a llen Übel s. Was hingegen eine r Ge me in s c h af t fre ie r Me n sc he n v or a l l e m No t t u e – s o S p l e t t –, s e i G e w i s­s e n s­t r e u e u n d unbe ­ding t e r Re sp e k t v or de m A nde re n. Bi s z u seiner Emeritierung lehrte Jörg Spl e t t Philo­ s op h is c h e A n t hrop ol ogie und Re l igionsp hil o ­ sophie a n der Philosophisch-­Theo­l ogischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main.


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Es »braucht« die Religion nicht, um die Ethik zu begrün­ den. Ich würde umgekehrt aus der »Selbst-Verständlich­ keit« und inneren Autorität des kategorischen Imperativs sogar ein Gottesargument machen. Mit Kant also statt von der Religion zur Ethik von der Ethik zur Religion gehen.

Über

Religion

und

Gemeinschaft Ein Gespräch mit dem Frankfurter Religionsphilosophen Jörg Splett

W e l c he Rol l e spie lt Re l igion f ür das Me nsc hse in? Jörg Splett: Zunächst: Es gibt keine anerkannte Defini­ tion von »Religion«. Je umfassender ein Begriff ist, desto leerer wird er. Je mehr er bezeichnet, desto weniger be­ deutet er. Will man nichts ausschließen, was »religiös« heißen könnte, wird eine »Hochreligion« sich darin kaum noch wiederfinden. Wählt man anderseits eine religiöse Hochform, stellt sich die Frage, welche, und ob dann nicht zu viel ausfalle. Als Katholik entscheide ich mich für die Bestimmung des Thomas von Aquin, die lautet »Ordo ad Deum« und definiert sich über den Gottesbezug. Dabei meint »Gott« – ohne Artikel – ein personales Absolut-Wesen, Schöpfer der Welt, am besten wohl durch Anselm von Canterbury bestimmt als jene Wirklichkeit, über die hinaus sich nichts Größeres denken lässt. Das ist nicht dasselbe wie »das Höchstdenkbare«, es übersteigt vielmehr unser Begreifen: Es meint ein heiliges Ge­ heimnis, das mitnichten »unter unserem Niveau« als Bewusstseins- und Freiheits-Wesen sein kann – also bloße Masse, Energie oder Gesetzlichkeit. Dabei sind nicht bloß es selbst und unser Begriff von ihm zu unter­ scheiden, sondern auch dieser Begriff und unsere damit verknüpften bildhaften Vorstellungen. Von dorther nun meine Antwort: Den Menschen cha­ rakterisiert, dass er von den Dingen und Bedingungen seiner Umwelt aus auf »das Ganze« hin fragt, nach sei­ nem Sein und Sinn, seinem Woher und Wozu. Das muss ihn jedoch nicht zur Religion führen. Er kann sich für Skepsis und Agnostizismus entscheiden. Er mag die Überzeugung gewinnen, dass man sich um den/die Menschen kümmern sollte, statt um ein uns entzoge­ nes Absolutes. Es mag ihn bis dahin führen, Religion als lebenswidrige Fehlhaltung zu betrachten, auch wo

sie nicht bewusst zur Unterdrückung missbraucht wird. Im Übrigen lässt sich alles missbrauchen – selbst Humanismen. An einer solchen Haltung stört mich, dass sie meist »Religionskritik« heißt – als wären religi­ öse Geister unkritisch. Schließlich geht es Kunst- und Filmkritikern ja auch nicht um die Abschaffung von Kunst und Kino.

W ir l e be n in e ine m s ä kul arisie r t e n Re c h t ss taat. Is t Re l igion Pri vat sa c he ode r ge hör t sie in de n öff e n t l ic he n R a um und w e nn ja , in w ie f e rn? Religionsfreiheit ist zwar als Menschenrecht zunächst ein Recht von Personen. Diese aber haben zugleich das Recht, ihrer Überzeugung auch in Zusammenschlüs­ sen und öffentlich Ausdruck zu geben. Und wenn der Mensch ein Gemeinwesen ist, warum sollte Religion auf das Privat-Intime beschränkt werden? Die nähere Aus­ gestaltung ist dann Sache des Rechts in den verschie­ denen Gesellschaften. Denken Sie an Prozesse über frühes Glockenläuten, Auseinandersetzungen über die Anzahl religiöser Feiertage oder grundsätzlich an das unterschiedliche Verhältnis der Religionsgemeinschaf­ ten zum Staat in den USA, dem laizistischen Frankreich und hierzulande.

Dos t o je w sk i sc hre ib t »Ohne Go t t is t a l l e s e rl aub t« – is t e ine E t hik , die nich t in de r Re l igion v e ra nk e r t is t, k e ine ? Brauc h t e s Re l igion, um e t hisc h z u se in? So sehr ich Dostojewski achte und liebe: Widerspruch! Ich bin nicht bereit, Agnostiker und Atheisten aus ihrer Gewissenspflicht zu entlassen. Der »kategorische Im­ perativ« von Kant – »Handle nach Grundsätzen, die All­ gemeingesetz werden könnten!« – oder die »goldene Regel« – »Was du nicht willst, dass man dir tu …« (in der Bibel positiv formuliert: »Alles, was ihr von anderen er­ wartet, …«) – sind nicht religiös. Es geht um ethisch-sitt­

liche Erfahrung. Sie leuchtet einfach hinein und begründet sich selbst. Seit Platon wird sie darum als »Licht«-­ Erfahrung beschrieben. Die Frage »Why to be moral?« verdient eigentlich nur die Antwort: »So fragt kein an­ ständiger Mensch.« Denn wer das sittlich Richtige nur täte, weil es ihm Vorteile bringt oder das Nichttun Nach­ teile, handelt bloß »legal« – und wird es lassen, sobald niemand herschaut.

Tauge n die z e hn Ge bo t e a l s Grundl a ge f ür e ine mode rne , norm at i v e E t hik? Durchaus, wenn man sie aus ihrem konkreten »Sitz im Leben« jener alten fremden Kultur ins Grundsätzliche »übersetzt«; doch ebenso die sieben Noachidischen Gebote oder anderes.

Was die Diskussion um die Sterbehilfe betrifft, so kann ich als Katholik auf das zweite Vatikanische Konzil ver­ weisen. Nach »Gaudium et Spes« können Christen bes­ ten Wissens und Gewissens in wesentlichen Dingen zu verschiedenen Ansichten kommen, ohne dass man einen Gewissensirrtum annehmen müsste. Und gerade zum Suizid muss man fairerweise sagen, dass aus der Bibel nicht so deutlich hervorgeht, dass er stets verboten sei. Die Philosophen waren ohnehin uneinig. Die Stoa, die ja erheblich auf die christliche Ethik eingewirkt hat, bestand auf der Freiheit zum Tod; Plato erklärte: »Wo die Götter uns hinstellen, dürfen wir nicht weglaufen.« Und sein größter Schüler Aristoteles vertrat: »Ich gehöre nicht nur mir selbst, sondern auch meiner Gemeinschaft.« Diese Sicht hat sich dann auch im Christentum durchgesetzt. Doch liest man heute auch in katholischen Werken, es gebe zwar kein Recht auf Selbsttötung, es sei aber auch nicht einfach klar, dass sie sich verbiete. Gott ist der Herr über Leben und Tod? Ja. Aber auch über Gesundheit und Krankheit – und den Arzt darf man rufen. Auf der anderen Seite: Wenn ich mich selbst in einer bestimmten Situation töten darf, dann gilt das, ethisch gedacht, für jeden. Wer nun in eine Situation kommt, beispielsweise sehr krank zu sein, wird sich von ande­ ren Leuten fragen lassen müssen: Warum hängst du so am Leben und gehst uns auf das Gemüt und den Geld­ beutel? Ich aber darf keinen Menschen in die Situation bringen, sein Leben rechtfertigen zu müssen. Das kann nämlich keiner. Niemand kann behaupten, gar bewei­ sen, dass die Welt durch sein Dasein besser dran sei. Gewahrt bleibt seine Würde nur, wenn er statt »Ich will nicht« sagen kann: »Ich darf nicht.«

In Amerika, einem den christlichen W erten verpflichte ten La nd, ka nn z um Be ispie l das Ge bo t »Du sol l s t nic h t t ö t e n« se l be r t ö t e n, w e nn e in Mörde r de r T ode ss t raf e zugeführt wird. All das sorgt doch eher für eine Desorientierung a l s f ür e ine Orie n t ie rung be i z u t re ff e n­de n E n t sc he idunge n ... Was die Todesstrafe betrifft, so müsste man bei dem Gebot »Du sollst nicht töten« das hebräische »razach« korrekt übersetzen: als »eigenmächtig totschlagen«, »mor­ den« wäre zu eng. Das Töten durch Soldaten oder Scharf­ richter ist damit nicht gemeint, dafür gibt es eigene Wörter. Die »Todesstrafe« ist heute, außer-religiös, nur als Hilfs­ notwehr begründbar. Aus Rom kommt dazu das oft irritie­ rende Doppel-Wort: Grundsätzlich ist sie als äußerstes Mittel des Staates erlaubt. Die USA-Praxis aber ist un­ gerechtfertigt; denn keiner der Staaten versänke ohne sie im Chaos.

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Brauchen wir Religion zur Organisation von Gemeinschaft? Nein. Nach Immanuel Kant müsste sogar ein Staat von Teufeln funktionieren. Zur Frage der Funktion aber grundsätzlich: Für viele trifft sie den Haupt- und Kern­ punkt, gerade im Blick auf Religion, und dies bei Außen­ stehenden wie Kirchenangehörigen. Klassisch aber gehört Religion ins ethische Feld: Wenn Gott ist/lebt, dann gebührt ihm Respekt. Schon Menschen sollten wir nicht bloß ihrer Brauchbarkeit wegen schonend be­ handeln, sondern sollen sie ob ihrer Würde achten. Dass Religion nicht mehr die frühere Macht hat, finde ich gut; ist doch Macht zwar nicht böse, aber eine mächtige Versuchung, besonders geistliche Macht. Um der Wahrheit wie der Menschen willen wünschte ich ihr gleichwohl mehr an Stimme und Gehör. Was uns vor allem Not tut, ist Gewissenstreue. Welche »Theorie« nun – ob in Außen- oder Innensicht – erklärt das Gewissen samt seinem Anspruch auf unbedingten Respekt? Evolution, Sozialisation sowie kluges Selbst­ interesse allein begründen diesen Anspruch – nicht bloß beim Kriegsdienstverweigerer – nicht! Außer dass ich dem kategorischen Imperativ einfach zu folgen habe, will ich als Philosoph fragen: Wo kommt das her, dass ein bedingt begrenzter Mensch hier derart unbe­ dingt verpflichtet wird? Das ist für mich der Zugang zur Religion. Denn wenn ich der ethischen Erfahrung nicht nur folgen, sondern sie auch verstehen will, dann ist die einzige Erklärung die religiös-theistische. Kant meint, ohne Hoffnung auf ein Wesen, das das Gute auch durchsetzt, sei der Mensch nicht fähig, dem Im­ perativ zu folgen. Das ist für mich zu spät. Schon um zu verstehen, woher dieses so einsichtige wie unbedingte »Du sollst« mich trifft, komme ich nicht ohne eine abso­ lute Wirklichkeit personalen Ranges aus. So heißt für mich der philosophische Name für Gott (statt »causa sui«) »Woher des Unbedingt-Gut-Sein-Sollens«. Wobei dieses Sollen, so unangenehm es sein mag, ein Ge­ schenk ist. Gründet in diesem Anspruch doch unsere Würde als Mensch. Denn was wären wir ohne Gewis­ sen? Ein Tier auf zwei Beinen. Emanuel Levinas sagt dazu: »Er überhäuft mich nicht mit Gütern, sondern drängt mich zur Güte, besser als alle Güter, die wir erhalten können.«

Bra u c h e n w i r e i n e n G o t t e s b e z u g i n u n s e r e r V e rfass u n g ? R e i c h t f ü r e i n e E t h i k n i c h t d i e F o rd e r u n g » D i e W ü rd e d e s Menschen ist unantastbar«? Der Würde-Begriff »Person« hat seinen Rang histo­ risch erst durch christologische Diskussionen gewon­ nen. Natürlich gab es schon in der Stoa Ansätze. Aber wie ein so begrenztes und bedingtes Wesen wie der Mensch unbedingten Respekt fordern können soll, nicht bloß als Subjekt mit Vernunft und Willen, son­ dern als Person mit Letztwert, wofür Kant dann zum Begriff der Würde greift, das kann ich eigentlich nur aus diesem unbedingten Gewollt-Sein von Gott her

Sind die z e hn Ge bo t e e ine be sse re E n t sc he idungshil f e a l s das e ige ne Ge f ühl f ür ric h t ige s und fa l sc he s Ha nde l n, w e lt l ic he Ge se t z e , Phil osophie ?

begründen. Und wenn dieser Bezug wegfällt, ist auch zu erwarten, dass der Begriff der Person sich auflöst. Und sind wir dazu heute nicht schon, »nachchristlich«, auf dem Wege? Die Mehrheit interpretiert »Person« ja bereits von John Locke und David Hume her: Eine Person ist nur, wer weiß, dass er eine Person ist. Das aber würde altersdemente, komatöse, schwerstbehin­ derte oder ungeborene Menschen ausschließen. Der britische Philosoph Derek Parfit schließt ja sogar schlafende Menschen aus. Er hält es für reine Kon­ vention, dass wir Schlafende nicht umbringen, da wir in der Regel beim Einschlafen den Wunsch haben, wieder aufzuwachen. Aber an sich ist der Mensch nach dieser Auffassung ohne Bewusstsein zwar bio­ logisch ein Mensch, doch noch kein personales Würde­ wesen – oder keines mehr. Gegen dieses Argument und die Trennung zwischen »Mensch« und »Person« – ich sage darum lieber mit Robert Spaemann: »Je­ mand« – tut man sich ohne Religionsbezug enorm schwer. Und gerade wenn ich über die Menschen­ würde von Schwerstbehinderten zu sprechen habe, komme ich eigentlich nicht umhin, von der Schöpfung zu sprechen, und damit vom Gewollt-Sein jedes einzel­ nen Menschen.

De nk t m a n im Sinne e ine r W e lt ge me insc h af t ode r e ine r mult ire l igiöse n S tad t ge me insc h af t, is t da nn nic h t Re l igion e in Hinde rnis, das e ine r sol c he n Ge me insc h af t im W e ge s t e h t ? Is t Re l igion, ge rade w e il sie de n Me nsc he n auf e ine a bsol u t e l e t z t e Ins ta n z be z ie h t, in ihre n u n t e rs c h i e d l i c h e n A u sf o r m u n g e n n i c h t e i n Pr o b l e m , das Ge me insc h af t e n spa lt e t, w e il de r Gl aube nic h t v e rh a nde l b ar is t ? Unbestreitbar steckt hier Konfliktpotenzial. Doch ab­ gesehen davon, dass die Unterdrückung von Religion die Menschen kaum friedlicher machen dürfte, sind die eigentlichen Konfliktherde wohl nicht eben religiöser, sondern wirtschaftlicher und machtpolitischer Natur. Instrumentalisiert wird dabei Religion allerdings nach wie vor.

W ürde n Sie ge ge n wä r t ig e he r e ine T e nde n z hin ode r w e g v on de r Re l igion f e s t s t e l l e n? Friedrich Nietzsche schreibt, er beobachte, dass der Sinn für Religion wachse; doch in Absage an Gott. Das scheint mir auch heute zu gelten. Denken Sie an die Inflation von »Spiritualität«.

W e l che A us w irkunge n h at das auf unse r Z usa mme nl e be n? Ich erlaube mir zu sagen: Zunahme an hektischem »pur­ suit of happiness«, man ist besorgt, zu kurz zu kommen, weil sich alle Erwartung auf das Hiesige sammelt. Menschliches Miteinander indes bedarf der Selbstrück­ nahme, vor allem der Vergebung.

Erf orde r t Re l igion De mu t ? Ja, wie Menschsein und Menschlichkeit überhaupt.

Du soll st neben mir k eine a nderen Göt t er h a ben!

Als das eigene Gefühl: gewiss. Neid, Eifersucht, Rach­ sucht werden zu verzerrten Entscheidungen führen. Als Gesetze: unter Umständen. Die Nürnberger Rassenge­ setze, mit welchen die Nazis ihre antisemitische Ideologie institutionalisierten, dürften ein gutes Gegenbeispiel sein. »Philosophie« aber bitte ich Sie, durch »die Philo­ sophen« zu ersetzen – womit die Antwort sich von selbst ergibt.

Brauc h t e s die Re l igion b z w. die V e rpf l ic h t ung a uf e ine absolute le tz te Instanz desw egen, w eil sich sonst solche e t hisc he n Ric h t l inie n w ie die z e hn Ge bo t e re l at i v ie re n lassen und unbrauchbar werden als Entscheidungshilfen? Z um Be ispie l die Diskussion um die S t e rbe hil f e . Die Be f ür w or t e r h a lt e n e in V e rbo t de r S t e rbe hil f e f ür inhum a n. Wä re da nn nich t auc h das Ge bo t »Du sol l s t nic h t t ö t e n« a l s inhum a n z u be z e ic hne n?

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De k a l o g – Die z ehn G eb o te v o n K i e s´ l o w sk i / P i e s i e w i c z P r e m i e r e D e z e m b e r 2 0 13

Der eine gl aubt überh aup t nicht a n Got t, und de r a nde re gl aubt so se hr, dass e r noch be im Morde n be t e t. De r I d i o t v o n F j o d o r D o s t o j e w sk i

Premiere

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s p ie l z e i t

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i e l e D e u t s c h e h a b e n i m Z w e i t e n W e lt kr i e g t rau­m atische Erfa hrungen gem ach t. Der W i e d e ra u f b a u u n d das W i r t s c h af t s w u n d e r d e r A d e n a u e r -Ära bestätigten sie darin, dass der Blick in die Zukunft mehr Erfolg verspricht als die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. D i e Tra u m ata u n d d i e m i t d e m V e rdr ä n g u n g s­ proz e ss einhe rgehenden Sublimierungss trategien h a b e n a b e r i h r e t i e f e n S p u r e n h i n t e r l ass e n – a u c h b e i d e n K i n d e r n u n d K i n d e sk i n d e r n . J ü r g e n Kruses Inszenierung von »Draussen vor der Tür« versinnbildlicht diesen Zustand aufs Deutlichste. Elm ar Brähler ist emeritierter Professor und Leiter der Abteilung für Medizi­n ische Psychologie und M e d i z i n i s c h e S o z i o l o g i e d e r U n i v e rs i tät L e i p z i g . Mi t seiner Koautorin Ma ggie T hie me publizier t er u.  a . z ur P o s t t ra um at is c h e n Be l as t ung ss t ör ung .

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Kriegs

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heim

Kriegs

Maggie Thieme und Elmar Brähler

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n Borcherts Drama »Draußen vor der Tür« kann der ehemalige Wehrmachtsangehörige Beckmann den Sinn des Lebens nicht mehr finden, kann sich nicht integrieren, kann seine Verantwortung nicht zu­ rückgeben, kann sich nicht entnazifizieren, kann nicht mehr lieben und kann nicht sterben. Beckmann bleibt gefangen zwischen Baum und Borke. Der Spät­ heimkehrer bleibt vor der Tür. Die Gemeinschaft, die sich hinter der Tür aus alten Beständen neu formt, will ihre Ex-Soldaten nicht mehr. Will keine Trauer, will kei­ nen Schmerz. Will ein Wunder. Und das Wunder, das Wirtschaftswunder kommt und vertreibt Kummer und Zerstörung.

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och nicht ganz. Der Teppich, unter den die Nach­ kriegszeit allzu schnell gekehrt wurde, weist Uneben­ heiten auf. Man stolpert über Fragen. Warum war der Zweite Weltkrieg für einige das Wahnsinnsabenteuer, für andere das Signal zum Schweigen? Warum spra­ chen nur die Ewiggestrigen über Gräuel und Elend des Erlebten? Warum schwieg die Mehrheit? Warum war da kein Raum für Trauer und Diskussionen?

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icher hat jeder den Krieg und seine Folgen anders erlebt und verarbeitet. Danach befragt, berichtet dennoch die Hälfte der heute noch Lebenden der deutschen Kriegsgeneration von traumatischen Erfah­ rungen. Darüber sprach man nicht, stattdessen tat man sich mit Heldentaten groß oder verstummte. Doch schnell schrumpfte die Heldenrolle. Vor der Familie und der Gesellschaft kam es zu einer Abspaltung. Die Kriegsgeneration blieb mit dem Erlebten vor der Tür. Scham, Schuld, Verdrängung der nationalsozialistischen

k riegs

kehrer

Kinder

enkel

Gedanken und Taten verhinderten eine öffentliche Aus­ einandersetzung. Erst in den letzten Jahren unter der An­ erkennung der Unvergleichlichkeit des Holo­causts öffnen sich langsam lange verschlossene Türen. Die Tragweite des damals Erlebten zeigt sich noch heute, fast 70 Jahre nach Kriegsende, in psychischen und körperlichen Er­ krankungen der Betroffenen.

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ie Belastungen der Kriegsereignisse mit ihrem trau­ matisierenden Potenzial waren multiple. Kriegs­ handlungen und Vergewaltigungen, Bombardierung, Evakuierung, Tod und Trennung von Familienangehöri­ gen, Flucht und Verlust der Existenzgrundlage wirkten oft gemeinsam. Jahre später sorgten sie bei vielen Menschen für eine verminderte gesundheitsbezogene Lebensqualität, Angstattacken, Einschränkungen der phy­ sischen Gesundheit und der Alltagsbewältigung, mentale Müdigkeit, psychische Probleme wie depres­ sive Stimmungen, Symptome sozialer Phobie oder ge­ steigertem Misstrauen bis hin zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

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ft treten diese psychischen und psychosomatischen Symptome erst im hohen Alter auf. Während eine mul­ tiple Traumatisierung die Entwicklung einer Trauma­ folgestörung erhöht, verstärken sich die vorhandenen Symp­tome oft über die Jahre. Dazu kommen die Auswir­ kungen des Alters. Die Anforderungen von außen neh­ men ab und werfen den Menschen auf sich selbst zurück. Das Gefühl des Ausgeliefertseins im Alter kann an ein frü­ heres Ausgeliefertsein erinnern, ebenso wie ein im Alter erlebter Verlust eine mögliche Reaktivierung traumati­ scher Inhalte auslösen kann. Vielleicht spüren manche

Ältere auch einen unbewussten Druck, sich dem Unbe­ wältigten stellen zu müssen oder zu wollen.

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s kann ein Fernsehfilm wie »Die Flucht«, ein aktueller Einschnitt wie der Verlust des Ehepartners oder der Umzug ins Altenheim oder der Kontrollverlust in der Demenz sein, der zu einer Re-Traumatisierung führt. Die Auswirkungen auf Lebensqualität und Befindlichkeit sind hoch, Ängste werden häufig begleitet von Depressio­ nen und Suchterkrankungen. Das traumatische Ereignis überschattet so oft andere, positive Erinnerungen und verhindert eine ausgeglichene Lebensbilanz.

A

ber auch der Einfluss traumatischer Erfahrungen auf das Auftreten körperlicher Erkrankungen ist nicht zu leugnen. Nur wenige Betroffene sehen einen Zu­ sammenhang mit ihren traumatischen Erlebnissen oder verschweigen ihn aus Schuld oder Scham.

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ie Forschung zu den Kriegsfolgen hat erst Jahrzehn­ te nach Kriegsende begonnen, doch alle Studien zeigen, dass die Erlebnisse nicht verarbeitet wur­ den. So gaben die meisten der während und nach dem Krieg vergewaltigten Frauen in einer Befragung an, dass sie die Geschehnisse verdrängten. Erst als zweite Stra­ tegie wurde das darüber Sprechen und nur von wenigen wurde ein dritter Weg, eine aktive Form der Aufarbei­ tung, z. B. eine Psychotherapie oder das Niederschreiben der Ereignisse, gewählt.

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icht nur die direkt betroffene Kriegsgeneration litt unter den Folgen der Traumatisierung. Wie man heute weiß, hatten die Leidens- und Verdrängungs­


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W erden Sie erstm a l w ieder ein Mensch! D r a u S S en v o r d e r T ü r v o n W o l f g a n g B o r c h e r t

Premiere

September 2013

Ic h Ungl ück l iche r mic h l a ge rnd, a uf ge rie be n s t e t s v on Pl a ge n, in de r schl imme n Erwart ung, dass ich doch noch hinun t e r muss z u de m gra usige n, unsich t b are n Hade s. Ajax von Sophokles

Premiere

Dezember 2013

prozesse dieser Zeit auch auf die nachfolgenden Gene­ rationen Auswirkungen.

Problemen ihrer Kinder nicht umgehen konnten, da sie ihrerseits keine positiven Erfahrungen machen konnten.

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unächst einmal waren es die Kriegs- und Nach­ kriegskinder, die von den generationsübergreifenden Einflüssen geprägt wurden. Kinder, die im Krieg ge­ boren wurden, Kinder, die durch Vergewaltigung gezeugt wurden oder deren Väter Besatzungssoldaten waren. Die Lebensbedingungen dieser Kinder beeinträchtigten ihr Verhalten und ihre Lebensqualität außerordentlich. Eine große Rolle spielten die durch traumatische Stö­ rungen belasteten Eltern oder überforderten alleinerzie­ henden Mütter, aber auch ökonomische Not, Ausgrenzung und Diskriminierung.

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ie belastenden Erfahrungen der Kriegskindergene­ ration waren fast immer von extrem ungünstigen Kontextfaktoren begleitet. Diese kumulativen Trau­ matisierungen führten einerseits zu einer starken Ambi­ valenz aufgrund einer unauflösbaren Doppelwertigkeit von Erfahrungen und Handlungsanforderungen, aber oft auch zu einer Überangepasstheit. So verweisen bio­ grafische Berichte und psychotherapeutische Fallstudien auf ein charakteristisches Autonomiestreben der Kriegs­ kinder, verbunden mit der Sehnsucht nach einer heilen Welt. Das Bedürfnis, stets sparsam und bescheiden zu sein, wie auch allzeit zu funktionieren, führte zu einem Idealbild, das einen freundlichen und angepassten Menschen zeigt. Ein Selbstbild, das als psychische Ab­ wehr gedeutet werden kann, das, indem es Trauer, Scham, Wut und Enttäuschung über die eigenen Eltern unter­ drückt, zu einer »übernormalen Normalität« führen kann. Auch der Einfluss von Eltern, die nationalsozialistische Täter waren, führte zu einer schwierigen Identitätsfin­ dung der Nachkommen. Tabuisierung und Loyalitäts­ konflikte waren die Regel.

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er transgenerationale Einfluss der Traumatisierung zeigt sich bis in die Enkelgeneration. Denn diese erleb­ te oft Eltern, die mit den emotionalen und psychischen

bwohl die Übertragungswege und -inhalte der Beein­ flussung durch Traumatisierung und ihre Verdrän­ gung auf die nachfolgenden Generationen noch nicht vollständig geklärt sind, sind sie unbestritten. Ablesbar ist dieses Phänomen auch an der erhöhten Empfänglichkeit für psychische Erkrankungen und einer herabgesetzten Stress- und Krisenbewältigung der Nach­ folgegenerationen.

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er ungebrochene Aufbruchswille der Nachkriegs­ jahre, der die Verdrängung und Tabuisierung von Leid und Schmerz der Kriegszeit überdeckte, hat Spuren bei den nachfolgenden Generationen hinterlas­ sen. Viele Lebensgeschichten sind nur vor dem Hinter­ grund des Krieges verständlich. Ob es sich um die in Politik oder Wirtschaft erfolgreichen Söhne handelt, die ihre im Krieg verlorenen Väter besonders gut ersetzen wollen oder diejenigen, die als Ersatzhandlung für ihr Erstarrtsein in Konsumismus verfielen. Vielen ermög­ lichte die Verdrängung des Erlebten Bilderbuchkarrieren in den Aufbaujahren des bundesdeutschen Wirtschafts­ wunders oder beim Aufbau des Sozialismus in der DDR. Der Aufbau als ideale Bewältigungsstrategie zur Ver­ meidung von Trauer und Verlustgefühlen.

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uch die anhaltende Verbreitung von rechtsextremem Gedankengut kann unter anderem dem Phänomen des Wirtschaftswunders in Westdeutschland zuge­ schrieben werden. Der sich in den 50ern rasch verbrei­ tende Wohlstand in der BRD habe Scham und Schuld verdrängt und wie in Form einer »narzisstischen Plom­ be« die Vergangenheit zugeschlossen. Auf das gleiche Phänomen wurde auch nach der Wende gehofft. Als es ausblieb, reagierten die Ostdeutschen mit Politikver­ drossenheit. »Immer wenn der Wohlstand als Plombe bröckelt, steigen aus dem Hohlraum wieder antidemo­ kratische Traditionen auf.« (Decker, 2008)

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as können die Nachgeborenen tun, um das Schwei­ gen zu brechen? Vielleicht sollte man die Menschen, die sich ein Leben lang gegen eine Auseinander­ setzung mit der Vergangenheit gesträubt haben, nicht dazu zwingen. Vielleicht aber ist die Auseinanderset­ zung auf anderen Ebenen hilfreich.

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ie man im Rückblick an der Heterogenität der zeitgenössischen Rezeptionen des Schauspiels »Draußen vor der Tür« sehen kann, so erkannte man in dem Porträt des Kriegsheimkehrers wahlweise eine humanistische, eine expressionistische oder psy­ choanalytische Annäherung an das Thema. Beckmann war der Antiheld, das Opfer, Jedermann und der, der sich reinwaschen wollte. Letztlich einer für alle. Eine Provokation. Der Anstoß für eine Auseinanderset­ zung, die manche vielleicht gern vor der Tür gelassen hätten.

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b es sinnvoll ist, der Schauspielrezeption auch eine psychosoziale Ebene hinzuzufügen, sei dahingestellt. In der Nachkriegszeit hätte man Beckmann nicht als möglichen Traumatisierten gesehen. Mit Schuld behaf­ tet, aber eben auch traumatisiert – so weit war man noch nicht. Aber man erkannte ebenso wenig die Fort­ setzung einer Gesellschaft, die sich erneut über den Ausschluss einiger ihrer Mitglieder definierte.

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as Theater als Spiegel und Platz direkter Auseinan­ dersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen ver­ bessert die Menschen moralisch nicht, aber es lüftet den Teppich und macht Türen auf, die andere nicht öff­ nen wollen oder können. Fragen können gestellt werden, Begrifflichkeiten neu definiert. Wollen wir beispielswei­ se immer noch, wie Patti Smith es sang, »Out­side of Society« sein oder, wie der Bürgermeister von Riace in Kalabrien, Flüchtlinge in unserem Dorf willkommen heißen? Was wollen wir von und in einer Gemeinschaft? Vielleicht hätte Kafka auch notieren können: Im Theater gewesen. Nachgedacht.


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i r l e b e n i n e i n e r p o s t h e r o i s c h e n G e s e l l s c h af t, d e r Blick auf den Soldaten hat sich verändert. Zudem is t die Öffe n t l ichk e i t w e i t w e g vom K rie g, schl e ch t informiert oder durch Fehlhandlungen in der Armee s c h o ­c k i e r t. S o l dat e n d e f i n i e r e n s i c h a l s R e p r ä s e n ta n t e n e ine r s taat sbürge r­l iche n Ge me insch af t, de re n W e r t e sie schü t z e n und v e r t e idige n. Doch was is t, w e nn be sag t e G e m e i n s c h af t dav o n n i c h t s h ä lt ? Was i s t, w e n n s o ­w ohl Pol i t ik a l s auch Ge se l l sch af t une ins sind übe r de n e i g e n t l i c h e n m i l i tä r i s c h e n A u f t ra g u n d d e r B e g r i ff v o m » h u m a n i ­t ä r e n A u s l a n ds e i n sat z« fra g w ü rd i g w i rd ? K arl-He in z Bie sol d , e me ri t ie r t e r l e i t e nde r A r z t de r A b t e il ung Ne uro­l ogie , Psy­c hi at rie und Psycho t he ra pie a m Bun­de s­ w e h r­kra n k e n h­ a u s i n Ha m b u r g , b e h a n d e lt e r e g e l m ä S S i g Sol dat e n, die n ach e ine m E insat z a n e ine r Pos t t raum a­ t ische n Be l as­t ungs­s t örung l e ide n und h at se l bs t a n v ie r Ausl a nds­e in­s ät z e n t e il ge nomme n. In die se m In t e r v ie w beschreibt er das Dilemm a der Bundesw ehrsoldaten heute.


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Du soll st nicht töten!

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AJAX

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AFGHANISTAN

Ein Gespräch mit dem Militärarzt Karl-Heinz Biesold

De k a l o g – Die z ehn G eb o te v o n K i e s´ l o w sk i / Piesie wicz Premiere De zember 2013

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jax, der Protagonist in Sophokles’ gleichnamiger Tragödie, kehrt als Held aus dem Krieg gegen Troja zurück und wird darüber wahnsinnig, dass er nicht die Waffen seines gefallenen Kampfge­ fährten Achill zugesprochen bekommt. Ajax’ mo­ ralische Existenz stützte sich bislang auf eine Reihe von unerschütterlichen Werten, Prinzipien und Ehrbegrif­ fen. Als er herausfindet, dass er betrogen wird von einer Gesellschaft, die er im Krieg noch mit seinem Leben verteidigt hat, stürzt er in eine Krise.

Wä re die se K rise he u t z u ta ge a l s P os t t ra um at isc he Be l as t ungss t örung 1 z u di a gnos t i z ie re n? Karl-Heinz Biesold: Wir wissen nicht, was Ajax im Krieg gegen Troja erlebt hat, ob er durch die Kriegshandlungen traumatisiert wurde. Was ein psychisches Trauma ist, ist definiert. Es handelt sich um extrem belastende Lebens­ ereignisse, die den bisherigen Erfahrungshorizont der betroffenen Personen übersteigen, damit die Verarbei­ tungsfähigkeit des Gehirns überfordern und mit dem Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit einhergehen. Kriegserfahrungen gehören natürlich zu dem Spektrum möglicher traumatisierender Ereignisse, die man erleben kann. Um diese verarbeiten zu können und nicht daran zu erkranken, bedarf es unter anderem einer guten sozialen Unterstützung, zum Beispiel durch die Familie, durch Ka­ meraden oder durch die Gesellschaft. Dazu gehört auch, dass der Soldat das Gefühl haben muss, dass der militä­ rische Einsatz, an dem er teilgenommen hat, sinnvoll ist und Unterstützung in der Gesellschaft findet. Kommt es hinterher jedoch zu Beschuldigungen oder Vorwürfen oder es wird deutlich, dass für ein Unrechtssystem ge­ kämpft wurde, so stellt sich ein Gefühl von Verrat ein, das die Verarbeitung des Erlebten erschweren oder gar ver­ hindern kann. Einen solchen Verrat erlebt Ajax dadurch, dass ihm der versprochene Lohn vorenthalten wird, und er kommt dadurch in eine schwere Wertekrise.

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Wä re A chil l e s noch a m L e be n und wol lt e se l bs t e n t sche ide n, w e r s e i n e r Waff e n w ü rd i g s e i kraf t se ine s He l de n t um s, da nn h ät t e nie m a nd a ndre r sie e rl a ng t a l s ich. Je tz t a be r h a be n die At ride n sie de m a bge f e im t e n F uchs v e rsch a che rt und die se s Ma nne s W e rt v e rschm ä h t! Ajax von Sophokles

W e l c he n »E hrbe griff « h a be n Me nsc he n, die sic h für e ine m i l i tä r i s c h e La u f b a h n e n t s c h e i d e n u n d da n n m ö g l i c h e r w e ise in A f gh a nis ta n z um E insat z komme n, he u t e ? W e l chen Schwierigkeiten sehen sie sich dabei ausgesetzt? Wie hoc h is t de r öff e n t l ic he Druc k , sic h bl oS S nic h t s z usc hul de n komme n z u l asse n, und w ie hoc h de r e ige ne ? Bei unseren Soldaten wird der Begriff »Ehre« in diesem Kontext nicht mehr verwendet. Er scheint zu antiquiert und ist für manche vielleicht auch historisch belastet. Ich halte es für angebrachter von ethischen und morali­ schen Grundregeln zu sprechen, die die Soldaten für sich definieren. Dazu gehört auch die Diskussion darü­ ber, wann und unter welchen Umständen das Töten von Menschen notwendig und gerechtfertigt sein kann. Bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema gibt es wertvolle Unterstützung durch die Militärseelsorge und entsprechende Diskurse an den militärischen Ausbil­ dungseinrichtungen. In den Auslandseinsätzen gibt es kein gesondertes Kriegsrecht.

In w e l c he m Konfl ik t s t e he n da be i die Inform at ionspol i t ik de r Bunde s w e hr, die Ge se l l sc h af t, die Me die n und nic h t z ul e t z t die Ide n t i tät de s Sol dat e n z ue in a nde r? Wir benötigen natürlich eine grundsätzliche Legitimie­ rung eines Auslandseinsatzes nach dem Völkerrecht. Darüber hinaus wünschen die Soldaten sich die Zu­ stimmung zu einem Einsatz nicht nur im Parlament, son­ dern auch in der Bevölkerung, was bisher nicht immer der Fall war. Auch die Unterstützung durch die Medien spielt dabei eine wesentliche Rolle. Soldaten definieren sich als »Staatsbürger in Uniform«, die im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland in einen militärischen Ein­ satz gehen, dort ihre Gesundheit und eventuell sogar ihr Leben riskieren. Die Motivation zu einem solchen Tun ergibt sich natürlich auch aus der Sinnhaftigkeit des Einsatzes. Die Verarbeitung des Erlebten wird deutlich dadurch gefördert, dass der Soldat das Gefühl hat,

dass der Preis, den er für seinen Einsatz gezahlt hat, es auch wert war.

He u t e h at a l so de r Sol dat pe r se sc hon m a l e ine a nde re S t e l l ung in de r Ge se l l sc h af t. Ge wa lt w ird ta buisie r t, de r K rie g a n sic h in F ra ge ge s t e l lt – w ie sc h w e r h a be n e s die Sol dat e n da mi t ? Und w e l c he Rol l e spie l e n da be i pos tt ra um at isc he Be l as t ungss t örunge n? Wir leben in einer sogenannten postheroischen Gesell­ schaft, in der das Militär nicht mehr den Stellenwert hat, den es in früherer Zeit hatte. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges hat sich in Deutschland verständ­ licherweise eine pazifistische Grundhaltung entwickelt, die von dem Gedanken getragen war, dass von deut­ schem Boden nie mehr wieder ein Krieg ausgehen dürfe. Dies prägt natürlich die grundsätzliche Einstellung zur Bundeswehr und zu ihren Einsätzen. Alt-Bundespräsi­ dent Köhler hat es einmal so ausgedrückt, dass an der Bundeswehr und den Auslandseinsätzen in der Bevöl­ kerung ein »wohlwollendes Desinteresse« besteht. Der Soldat wünscht sich natürlich Respekt und Anerken­ nung dafür, was er für die Bundesrepublik Deutschland im Auftrag des Parlamentes leistet. Dazu gehört auch der Versorgungsaspekt für die Hinterbliebenen von Gefallenen und die körperlich und seelisch Verletzten. Soldaten drücken dies so aus: »Wenn ich schon meine Gesundheit oder mein Leben für unseren Staat riskiere, erwarte ich dann, wenn ich Schaden erleide, nicht nur materielle, sondern auch moralische Unterstützung, um das Erlittene überwinden zu können.« Insbesondere bei der Verarbeitung psychischer Traumatisierung spielt die Qualität der nachfolgenden psycho-sozialen Unterstüt­ zung eine bedeutsame Rolle.

W e l che n Probl e mf e l de rn se he n Sie sic h ge ge nübe r, w e nn sic h e in Sol dat ob se ine r Be l as t unge n sc h ä m t ? W ie ka nn ihm ge hol f e n w e rde n?

Im Bereich der Wehrpsychiatrie wurde im letzten Jahr­ zehnt nicht nur das diagnostische und therapeutische Angebot deutlich verbessert, sondern auch viel dafür getan, die Stigmatisierung, die durch eine Posttrauma­ tische Belastungsstörung entstehen kann, zu verrin­ gern. Dazu gehört in erster Linie, dass über das mögliche Auftreten von Traumafolgestörungen gesprochen wird und diese nicht als Ausdruck persönlichen Versagens oder persönlicher Schwäche der Soldaten angesehen werden, sondern als eine »angemessene Reak­tion einer normalen Person auf eine unnormale (pathologische) Situation«. Das soll bedeuten, dass man nicht einen »psychischen Vorschaden« haben muss, um an dem Er­ leben von Extremsituationen zu erkranken. Die »Kriegs­ zitterer« des Ersten Weltkrieges mussten sich noch den Vorwurf gefallen lassen, schon vor dem Krieg an einer »seelischen Minderwertigkeit« gelitten zu haben bzw. ihre Symptome zu simulieren. Erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist es also, dass die Soldaten überhaupt bereit sind, über ihre Symptome zu sprechen. Immer noch ist eine große Zahl Betroffener verschämt und sucht erst nach langem Leiden Hilfe. Allerdings ist durch den offenen Umgang mit diesem Thema im Militär die Bereitschaft, sich mit seinen Problemen zu öffnen und in Behandlung zu be­ geben, in den letzten Jahren größer geworden.

W ie sc h w ie rig is t die Inf orm at ionspol i t ik de r Bunde s wehr über ihre Truppen, und welche Überlegungen werden da be i ge w ic h t e t ? Ich denke, dass die Informationspolitik der Bundes­ wehr über ihre Auslandseinsätze zunächst natürlich so ausgerichtet sein muss, dass die Soldaten nicht durch zu viel Transparenz, was taktische und strategische Belange angeht, gefährdet werden. Dennoch haben die Soldaten selbst das Gefühl, dass von den Aus­

landseinsätzen in der Presse nur Kenntnis genommen wird, wenn sich Schwierigkeiten ergeben oder Proble­ me auftauchen, wenn also etwas nicht gut funktioniert. Es gibt prinzipiell auch viele positive Dinge, die aus den Auslandseinsätzen zu berichten wären und die man leider im Wesent­lichen nur in bundeswehrinter­ nen oder -nahen Publikatio­nen, in Schriften sicherheits­ politischer Arbeitskreise und weniger in der allgemeinen Tages- oder Wochenpresse findet. Dies hat aber wohl etwas mit der allgemeinen Grundhaltung zum Militär und dem bereits oben zitierten »wohlwollenden Des­ interesse« in der Bevölkerung zu tun. Insgesamt kann ich aber aus meiner ganz persönlichen Sicht feststellen, dass sich das Ansehen der Bundes­ wehr und damit auch das der Soldaten von den Zeiten des »Kalten Krieges« bis zu den internationalen militäri­ schen Einsätzen heute deutlich verbessert hat. Aller­ dings bestehen immer noch erhebliche Unterschiede zu anderen vergleichbaren europäischen Nationen wie den Briten, den Niederlanden, aber auch den skandinavi­ schen Ländern, die schon viel länger als wir an interna­ tionalen Missionen teilnehmen.

In »A ja x« ne nn t de r Chor A r t e mis, die Gö t t in de r J a gd, und A re s, de n K rie gsgo t t, a l s mögl iche A usl öse r f ür A ja x ’ V e r w irrunge n. W e l che Bil de r be nu t z e n Sol dat e n in de r T he ra pie , w e nn sie übe r ihre Be l as t ungss t örunge n be ric h t e n? Die Soldaten erleben sich im Auslandseinsatz »wie in einer andern Welt«. Sie kommen aus der seit langer Zeit befriedeten, in Wohlstand lebenden Bundesrepublik Deutschland und erleben in den Auslandseinsätzen die Auswirkungen von Krieg und Gewalt, Chaos, Zerstö­ rung, Not und Elend. Sie sind konfrontiert mit für sie manchmal undurchschaubaren politischen Situationen und Konfliktlagen, einer fremden Kultur und terroristi­

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schen Feindseligkeiten. Sie kommen mit dem Wunsch, zu helfen und werden in terroristische Aktivitäten und militärische Auseinandersetzungen hineingezogen, in denen sie ihr Leben riskieren müssen. Oft und nicht zu­ letzt besteht die Belastung in dem Gefühl totaler Hilflo­ sigkeit gegenüber Not und Elend im Einsatzland. Gesellschaftlicher Auftrag (humanitärer Einsatz) und persönliche Motivation (helfen wollen) stehen mitunter in deutlichem Gegensatz zu Einstellung und Haltung der Bevölkerung in den Hilfsgebieten. Manchmal wer­ den die Soldaten als Besatzer gesehen oder geraten zwischen die Fronten rivalisierender Gruppen. Sie set­ zen ihr eigenes Leben oder ihre Gesundheit aufs Spiel, ohne positive Auswirkungen ihres Einsatzes erleben zu können. Nicht selten schlagen ihnen Ablehnung und Hass entgegen, und vereinzelt werden sie Opfer terro­ ristischer Angriffe.

1 Eine PTBS ist in der Medizin ein klar umschriebenes Krankheitsbild, das als Folge einer seelischen Verwundung durch das Erleben eines Ereignisses von au­ ßergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß entstehen kann. Als Beispiele werden z. B. das Erleben von körperlicher und sexualisierter Gewalt, auch in der Kindheit (sexueller Missbrauch), Vergewaltigung, gewalttätige Angriffe auf die eigene Person, Entführung, Geiselnahme, Terroranschlag, Krieg, Kriegs­ gefangenschaft, politische Haft, Folterung, Gefangenschaft in einem Konzentra­ tionslager, Natur- oder durch Menschen verursachte Katastrophen, Unfälle oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit, die an der eigenen Person, aber auch an fremden Personen erlebt werden können, genannt. Der Symptomkomplex der PTBS besteht aus drei Gruppen: 1. den anhaltenden Erinnerungen oder dem intrusiven Wiedererleben des Traumas in sich aufdrän­ genden Erinnerungen (Flashbacks oder Albträumen), die stets mit heftigen Gefühlen und Körperreaktionen verbunden sind, als wäre die traumatische Situa­ tion nicht vorbei. 2. dem Vermeiden von Umständen, die der Belastung ähneln, wobei nicht selten eine teilweise oder vollständige Unfähigkeit besteht, sich an einige wichtige Aspekte des belastenden Erlebnisses zu erinnern. 3. einer anhalten­ den psychischen Sensitivität und Erregung, verbunden mit Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, erhöhter Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und Wutausbrüchen.


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GEMEINSCHAFT

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s p ie l z e i t

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i r s i n d a n d e n G e da n k e n g e w ö h n t, dass Gemeinschaft etwas an sich Gutes is t. Tat s ächlich a ber lieg t e s in der »Natur« der Gemeinsch af t, von tragischen W ider­sprüchen durchzogen zu sein. Der prom o v i e r t e P h i l o ­­s o p h D i rk S e t t o n l e h r t a n d e r G o e t h e - ­U n i v e rs i tät F ra n kf u r t a m Ma i n und schreibt in dem vorliegenden Essay aus­ gehend von »Dogville« und »Bakchen« über einige Paradox ien de s Zusa mmen­l ebens, ihre G e wa lt p o t e n z i a l e u n d ü b e r d e n S c h e i n e i n e r u n e n d l i c h e n G e m e i n s c h af t im The ater.

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träume AlB der

Dirk Setton

A mbi va l e n z e n de r Ge me insc h af t

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ie schönste Form der Existenz ist für uns die­ jenige, die in Beziehungen und im Miteinander besteht; unser wahres Ich liegt nicht in uns allein.« (Jean-Jacques Rousseau) Dieser com­ mon sense über die notwendige Gemeinschaft­ lichkeit sinnvollen Daseins birgt ein Problem. Es liegt nicht darin, dass er schlicht falsch wäre; es liegt viel­ mehr in seiner Einseitigkeit – und in dem, was seine Ein­ seitigkeit vergessen macht: die tragische Einsicht in die unauflösbare Ambivalenz von Gemeinschaft.

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m Folgenden soll es um den Versuch gehen, diese Am­ bivalenz in einer kleinen Serie von »tragischen Wider­ sprüchen« zu skizzieren. Drei Spannungen werden dabei im Zentrum stehen: erstens der Widerstreit zwi­ schen einem »Naturzustand« und einem »Gesellschafts­ zustand« der Gemeinschaft; zweitens die Spannung zwischen der Verbindlichkeit, die das soziale Band einer Gemeinschaft stiftet, und den Formen, in denen sich eine Gemeinschaft gegen die exzessiven Tendenzen immuni­ sieren muss, die in jener Verbindlichkeit stecken; sowie drittens der Widerstreit zwischen der Selbstidentifikation eines Kollektivs, durch die das Gemeinsame in einem be­ stimmten Merkmal repräsentiert wird, und dem dadurch verdrängten »Seinsgrund« der Gemeinschaft, der sich jeder Identifikation oder Repräsentation entzieht.

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ass Gemeinschaften von diesen Spannungen durch­ zogen werden, können wir nur durch eine Form der Darstellung erfahren, die auf exemplarische Weise

Gemein

schaft

hält. Es sind diese drei Aspekte, die uns helfen sollen, eine erste Idee von den tragischen Spannungen im Begriff der Gemeinschaft zu bekommen.

diese Spannungen vorführt, und zwar im Zuge einer Durcharbeitung von besonderen Vorstellungen, die das Verständnis von Gemeinschaft bestimmen. Zu einer sol­ chen Darstellung ist allein die Kunst fähig: Theater, Lite­ ratur oder Film. Und vielleicht sind dazu insbesondere solche Beispiele aus der Geschichte der erzählenden Kunst imstande, die uns den inneren Widerstreit der Ge­ meinschaft drastisch – weil tragisch – vor Augen führen.

Die Ge m e insc h af t ohne E ige n sc h af t e n: Gra c e in Dog v il l e

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us diesem Grund wird sich diese kleine Skizze an zwei Beispielen orientieren: den »Bakchen« von Euripides und »Dogville« von Lars von Trier. Drei Merkmale sind beiden Stücken gemeinsam: In ihrem dramatischen Zentrum steht erstens die folgenreiche Begegnung zwischen einer bestehenden Gemeinschaft (der griechischen Polis Theben, dem kleinen Dorf Dog­ ville in den Rocky Mountains) und einem oder einer Fremden – dem Gott Dionysos und seinem Gefolge, der in Theben einen neuen Kult einführen will, sowie Grace, die in Dogville Zuflucht vor ihren Verfolgern sucht. Zweitens endet diese Begegnung in beiden Fäl­ len mit der unverhältnismäßig grausamen Auslöschung der Gemeinschaft – der Ermordung, Verbannung und Verfluchung des ganzen Herrschergeschlechts von Theben unter der Regie des listigen Dionysos sowie mit der Erschießung aller Bewohner von Dogville durch den Befehl von Grace. Und drittens sind beide Stücke von einer auffälligen Figurensprache des Natürlichen und insbesondere einer Tiermetaphorik gezeichnet. Da­ durch tritt bei Euripides das beteiligte Personal in eine Art Ununterscheidbarkeitszone zwischen Mensch und Tier, während bei Lars von Trier gleich die Gemein­ schaft als Ganze einen tierisch-bestialischen Zug er­

ie Pointe der Begegnung der Bewohner von Dogville mit der flüchtenden Grace liegt zunächst darin, dass sie die Frage nach der Gemeinschaft auf eine neue Weise aufwirft. Grace ist eine Fremde in Dogville, doch ihre Fremdheit besteht nicht darin, dass sie einer ande­ ren Gemeinschaft angehört; sie besteht vielmehr darin, dass sie ohne Gemeinschaft ist: allein, mittellos, auf der Flucht und in ihrer Verletzbarkeit exponiert. Die Frage, die deren Begegnung aufwirft, lässt sich dabei nicht bloß auf die Frage der Bewohner von Dogville reduzie­ ren, »ob sie Grace Asyl gewähren oder nicht«; genau genommen geht es um die Frage nach Gemeinschaft und ihrem Status selbst – d. h. mit welchem Verständ­ nis, welchen Vorstellungen von »Gemeinschaft« haben wir es zu tun und in welchem Verhältnis stehen diese zueinander?

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m Anfang von »Dogville« erfahren wir von einem der Bewohner, dass das Dorf »verrottet« sei; und der »Dorfintellektuelle« Tom sieht die Gemeinschaft von Dogville von einem tiefen Mangel gezeichnet – ihr fehlt etwas, um eine Gemeinschaft im eigentlichen Sinne zu sein. Der Mangel liegt nicht im Fehlen eines stabilen Kri­ teriums der Zugehörigkeit, sondern, Tom zufolge, vielmehr


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in der Fähigkeit, eine »Gabe« und eine damit einherge­ hende moralische Verpflichtung zu »akzeptieren«. Diese »Gabe« nun ist Grace selbst, d. h. ihre Fremdheit und Nichtzugehörigkeit, die dem Dorf demnach das vermittelt, was ihm fehlt, um eine wirkliche Gemeinschaft zu sein.

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ir rühren hier an eine Verschiebung im Verständnis von Gemeinschaft, die der italienische Philosoph Roberto Esposito in seinem Buch »Communitas« jüngst vorgeschlagen hat: Das »Gemeine«, das eine Gemeinschaft vereint, entspricht keinem »Eigenen« (kei­ nem Eigentum, keiner Identität, keinem Interesse, keinem Wertekonsens), das alle Mitglieder insofern teilen, als sie sich mit ihm identifizieren (ihr »wahres Ich« darin wiedererkennen); das »Gemeine« der Gemeinschaft besteht vielmehr in einer geteilten Pflicht, einer gemein­ samen Schuldigkeit oder Verantwortung, die ihren Grund wiederum nicht in der Identität oder den Eigen­ schaften ihrer Mitglieder hat, sondern in der bloßen und nicht weiter zu qualifizierenden Tatsache eines gemein­ samen Erscheinens 1 der Beteiligten. Was hier erscheint, ist gewissermaßen ein »Zwischenraum«, der sich zwi­ schen einer Vielheit von Personen auftut, der nieman­ dem gehört und mit dem sich niemand identifizieren kann, der aber dennoch die Vielen aufeinander bezieht und diese insofern vereint, als sie gerade gemeinsam in einer stets noch zu bestimmenden Weise auf diese geteilte Sphäre verpflichtet werden. Damit wird jede Begrenzung von Gemeinschaft, jedes Ein- und Aus­ schlusskriterium und damit die gängige Vorstellung von »Gemeinschaft als kollektive Identität« unterlaufen.

D as a nim a l isc he Ge m e in w e se n

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or diesem Hintergrund können wir mit Blick auf »Dog­ ville« sagen, dass es exakt diese Verschiebung im Gemeinschaftsbegriff ist, die durch die Ankunft von Grace in Szene gesetzt wird – eine Verschiebung von der »in sich geschlossenen Dorfgemeinschaft« hin zur Erfahrung jenes »Zwischenraums des gemeinsamen Er­ scheinens«, der Grace und die Bewohner von Dogville in einer noch zu bestimmenden Verpflichtung vereint. Diese Verpflichtung entfaltet sich zunächst innerhalb eines instabilen Spiels von Gabe und Gegen-Gabe, von Hilfeleistung und Dankbarkeit, das dem Miteinander im Dorf spürbar neues Leben gibt: Dogville gewährt der flüchtenden Grace sícheren Unterschlupf, während Grace den Dorfbewohnern als Gegenleistung verschie­ dene Dienste anbietet. Dass im Verlauf des Dramas die­ ses Spiel langsam eine desaströse Wendung bekommt, liegt an dem beinahe notwendigen Selbstmissverständnis der Gemeinschaft, das die Bewohner von Dogville un­ beirrt fortsetzen. Dieses Selbstmissverständnis besteht darin, dass ihre Gemeinschaft eben eine Art »kollekti­

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ves Individuum« darstellt und über ein kollektives Eigen­ tum verfügt, an dem jedes rechtmäßige Mitglied teilhat (was dieses wiederum in die Lage setzt, sich mit der Gemeinschaft zu identifizieren). Aus dieser Perspektive verschwindet aber jene Sphäre des »gemeinsamen Er­ scheinens«, und das Verhältnis zwischen Dogville und dem Flüchtling verwandelt sich in ein bloßes Tauschge­ schäft. Folglich muss es für die Bewohner darum gehen, sich jene »Gabe« anzueignen, die die Vitalität ihres ge­ meinschaftlichen Lebens durch ihre Nichtzugehörigkeit bedingt. Und weil Grace nicht nur in den Austausch zwischen Gabe und Gegen-Gabe eingebunden ist, sondern zugleich auch (als »Gabe« an die Gemein­ schaft) den Grund verkörpert, der diesen Austausch ermöglicht und jene Sphäre des gemeinsamen Erschei­ nens und der geteilten Pflicht eröffnet, läuft der Versuch der Aneignung, der Verwandlung des Grunds (oder der »Gabe«) in das »Eigentum« eines Kollektivs, notwendig auf eine Misshandlung hinaus.

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s ist klar, dass diese Dynamik in ihrer drastischen Zuspitzung eine Übertreibung enthält. Aber diese Übertreibung ist notwendig, um jenen Widerstreit überhaupt als solchen sehen zu können, der zwischen der »Gemeinschaft als kollektiver Identität« und der »Gemeinschaft des gemeinsamen Erscheinens« besteht. »Dogville« schildert die beiden Pole dieses Widerstreits in den grellen Farben einer wechselseitigen Vernich­ tung (Dogville misshandelt Grace, Grace vernichtet Dog­ ville), um die Tatsache zu betonen, dass wir es hier mit zwei heterogenen Prinzipien der Gemeinschaft zu tun haben – und dass dieser Gegensatz zu ihrer »Natur« gehört. Diese zentrale Pointe von »Dogville« können wir auch in der Begründung erkennen, die Grace dafür an­ führt, weshalb sie die Misshandlungen der Bewohner akzeptiert: denn sie »folgen nur ihrer Natur«. Worum es also geht, ist eine Art Perspektivenwechsel bezüglich der »Natur« einer Gemeinschaft, die eben keine »per se gute« ist, sondern im Gegenteil eine hochambivalente: Sie basiert auf jenem »natürlichen« Selbstmissverständ­ nis, das dazu führt, dass die Gemeinschaft ihren eigenen Grund verzehrt.

De r w ie de rholt e Nat ur z us ta nd: Dion y sos in T he be n

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ine naheliegende Weise, das Desaster von »Dogville« zu vermeiden, besteht darin, Institutionen zu schaffen, die die Gemeinschaft vor ihrer »Natur« schützen. Der Eindruck, dass das Problem von Dog­ville auch daher rührt, dass wir es mit einer Gemeinschaft fern von rechtlichen und staatlichen Institutionen zu tun haben, unterstreicht diese Diagnose. Doch mit der Einsicht,

So v e rl ie re n sich W ort e in un se re m F l e isc h und Bl u t; w ie v ie l e s a uc h, w ide rspre c he n sic h Ge se tz und Nat ur. B a k chen v o n E u r i p i d e s / S c h r o t t

Premiere

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s p ie l z e i t

dass eine gerechte Gemeinschaft »naturwüchsige« Bindungen auflösen und sich eine »künst­liche« (rechtli­ che und staatliche) Verfassung geben muss, um ihre Mitglieder gegen die Gewaltpotenziale zu schützen, die in den diffusen Inklusions- und Exklusionsverhältnissen solcher »naturwüchsiger« Assoziationen liegen, betreten wir in der Tat die Bühne eines neuen Widerstreits der Gemeinschaft: des Widerstreits zwischen dem »Natur­ zustand« und dem »Gesellschaftszustand« eines Ge­ meinwesens. 2 Denn wenn eine rechtliche und staatliche Konstitution die Gemeinschaft vor sich selbst »immuni­ siert«, indem alle Mitglieder ihr Recht auf Gewalt­an­ wendung an einen Souverän abtreten, unter dessen Schutz sie sich fortan stellen, dann bedeutet das zu­ gleich, jede von sich aus potenziell konfliktträchtige oder gewalthafte Beziehung unter den Mitgliedern auf eine neue Basis zu stellen. Und damit wird zugleich der soziale Zusammenhalt unter ihren Mitgliedern notwen­ dig geschwächt, insofern letzterer gerade auf »ersten« Identifikationen beruht, mit denen die rechtliche und staatliche Ordnung in gewisser Weise Schluss machen muss, um deren Gewaltpotenzial zu unterminieren.

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D o g v i l l e v o n Lars v o n Tr i e r

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ofür also steht der Name »Dionysos«? Es wäre viel­ leicht zu einfach, in dieser Figur bloß eine Einsicht in die »irrationale« Dimension gemeinschaftlicher Existenz zu sehen, der zufolge es gerade Erfahrungen

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Sie h ät t e ihre V e rl e tz l ichk e it v e rbe rge n könne n, a be r s tat t de sse n h at t e sie e n t schie de n, sich bl indl ings a usz ul ie f e rn.

uripides’ »Bakchen« können wir als ein Stück lesen, das die Tragödie dieses Widerstreits entfaltet: Es er­ zählt von der Wiederkehr des »Naturzustands« unter den Vorzeichen des »Gesellschaftszustands« sowie von der besonderen Gestalt, die diese Wiederkehr besitzt. Zu Beginn des Stücks haben wir es mit einer Situation zu tun, die derjenigen von »Dogville« analog ist: Die An­ kunft von Dionysos in Theben markiert den Einbruch eines Fremden in ein (nun durch staatliche Herrschaft organisiertes) Gemeinwesen, das eine neue Form der Gemeinschaft einführt – allerdings mit der expliziten, wenn auch umstrittenen Behauptung, dass Dionysos eigentlich aus Theben stammt. Auch hier beginnt also alles mit der Frage nach einer Gemeinschaft derer, zwi­ schen denen keine Gemeinschaft besteht oder aner­ kannt wird. Wir müssen also die beiden gegensätzlichen Auffassungen – dass Dionysos dazugehört und nicht dazugehört – zusammennehmen, um jene Gemeinschaft in den Blick zu bekommen, die Euripides ins Zentrum der Tragödie gestellt hat. Und insofern Dionysos ein Gott ist, der wie ein Regisseur die Geschicke der Handlung lenkt, sollten wir ihn als Verkörperung des Prinzips der­ jenigen Gemeinschaft verstehen, welche die Stadt und ihr Außen von innen her vereint.

Die unbe g re n z t e Ge m e in sc h af t

GEMEINSCHAFT

Da ich nun einm a l da war, wollte ich in diese Gemeinsch af t gehören, auch w enn es sich um die scheuSSlichste und entse tzlichste Gemeinsch af t h a ndelte, die sich denk en l äSSt. Wi l l e z u r Wah r heit v o n T h o m as B e r n h ard

kollektiver Berauschung und geteilter exzessiver Freude sind, die einen tieferen Sinn für das Gemeinsame stiften. Eine solche psychologische Deutung verfehlt jedoch den Grund dessen, was in den dionysischen Kostümie­ rungen, Tänzen, Gesängen und Trinkgelagen zur Dar­ stellung kommt. Ganz am Anfang der »Bakchen« erinnert der Seher Teiresias an diesen Grund. Zwei Prinzipien, so ließen sich die Verse 274–285 interpretieren, bestim­ men die menschliche Gemeinschaft: ein Prinzip (für das die Göttin Demeter steht), das die Belange endlicher Koexistenz regelt und ihre Gefahren bannt, und ein Prinzip (für das Dionysos steht), das die Ansprüche auf Unend­ lichkeit beantwortet, die sich im Leiden an der Endlich­ keit Ausdruck verschafft. Wie können wir dies verstehen? Eine soziale Ordnung beinhaltet (staatliche, rechtliche, ökonomische etc.) Institutionen, die das Überleben ihrer Mitglieder absichert, ihre Bedürfnisbefriedigung regu­ liert und ihre sozialen Unterschiede so schützt, dass die darin liegenden Konfliktpotenziale nicht ausbrechen. Das Problem dieser Ordnung, die den »Gesellschafts­ zustand« des Gemeinwesens konstituiert, besteht jedoch darin, dass sie aufgrund ihrer Immunfunktion nur auf die Bedingungen der Endlichkeit gerichtet ist – und mithin der Gemeinschaft allein die Beschäftigung mit den end­ losen Mängeln endlichen Lebens übrig lässt. Dionysos hingegen, so Teiresias, »tröstet« die »mühbeladenen Sterblichen«. Wie macht er das? Dadurch, dass er eine andere Orientierung einführt – die am Unendlichen als »göttlicher Gabe« –, aus deren Perspektive alles End­ liche, jede Grenze und jede Beschränkung nichts mehr zählt. Im dionysischen Fest hören Identitätsmerkmale (sozialer Stand, Herkunft, Alter, Geschlecht, Vermögen etc.) auf, signifikant zu sein, so dass eine Gemeinschaft

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derer entsteht, die alle besonderen Eigenschaften hin­ ter sich gelassen haben – und gerade diese Tatsache feiern. Eine solche »unendliche Gemeinschaft« wird dabei als eine Rückkehr in den »Naturzustand« ausagiert, der freilich nur ein Schein sein kann, denn auf der Basis einer »künstlichen« Gemeinschaft gibt es nur einen künst­ lichen Naturzustand: Dionysos führt seine Gemeinde aus der Stadt und in die Wildnis, lässt alle Besonderheit unter einem Kleid naturalistischer Symbolik verschwin­ den und macht die Künstlichkeit der Veranstaltung durch Rauschmittel vergessen.

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och der Kater danach, den die Tragödie als Katastro­ phe in Szene setzt, macht einerseits deutlich, dass mit der Negation des »Gesellschaftszustands« auch die Gewaltpotenziale wieder freigesetzt werden. Er zeigt aber auch andererseits, dass in einem auf Endlichkeit fi­ xierten »Gesellschaftszustand« die unendliche Gemein­ schaft nur als vorübergehender Rausch, Betäubung oder Fest aufblitzen kann. Warum es sie aber überhaupt unter diesen Bedingungen gibt, deutet die intime Nähe an, die in den »Bakchen« zwischen Dionysos und Pentheus, dem Herrscher über den »Gesellschaftszustand« von Theben, vorgeführt wird. Pentheus hegt, seinen militärischen Straf­ maßnahmen zum Trotz, eine tiefe Faszination für Dionysos und seinen Kult. Diese Faszination basiert auf dem Erleb­ nis der Betrachtung des künstlich erzeugten Naturschö­ nen: Das dionysische Spektakel lässt etwas Unendliches im Endlichen aufscheinen. Und auch wenn dieser Sinn für das künstliche Naturschöne Pentheus zum Verhängnis wird, so enthält es dennoch einen Hinweis auf das Schicksal jenes Scheins einer »unendlichen« Gemein­ schaft, das über das Ende der Tragödie hinausweist.

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s ist oft gesagt worden, dass man die historische Be­ deutung antiker Tragödien so interpretieren kann, dass sie im Zuge einer Arbeit am Mythos die Entste­ hung – d. h. den Sinn – kultischer Einrichtungen in der Polis erzählen. Wenn es also in Euripides’ »Bakchen« um eine Deutung der Einführung der dionysischen Mys­ terienspiele in Griechenland geht, aus denen sich dann später die Kunstform der Tragödie selbst entwickelt hat, dann ließe sich vielleicht behaupten, dass der Schein der »unendlichen Gemeinschaft« zur Domäne des The­ aters geworden ist. Die Albträume der Gemeinschaft, die auf die Bühne gebracht werden, hätten dann die Pointe, gerade durch die grelle Inszenierung der tragi­ schen Spannungen, die in der Struktur der Gemeinschaft liegen, jenen Schein einer »unendlichen Gemeinschaft« zu behaupten – und zwar als einen solchen, der den sich entziehenden Grund politischer Gemeinschaft nach wie vor bildet.

1 Vgl. Jean-Luc Nancy: »Das gemeinsame Erscheinen. Von der Existenz des ›Kommunismus‹ zur Gemeinschaftlichkeit der ›Existenz‹«, in: Gemeinschaften. Posi­ tionen zu einer Philosophie des Politischen, hrsg. v. Joseph Vogl, Frankfurt am Main 1994. 2 Zu diesem Widerstreit vgl. Joseph Vogl: »Einleitung«, in: Gemeinschaften, a.a.O.


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An w e senheit GEMEINSCHAFT Abw e senheit

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war e i n e r d e r h e ra u sra g e n d e n Autoren des 20. Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer Schriftsteller vor ihm hat er sein Leben und seine Biografie zum Thema seines Schaffens g e m a c h t. F ü n f B ä n d e u m fass t a l l e i n s e i n e A u t o b i o g raf i e , i n d e r s i c h B e r n h ar d b r i l l a n t a l s AuSSenseiter in einer ihm von Anfang an feindlich ge sinn t e n Um w elt ins zeniert. Zu Beginn von B e r n h ard s biografischer K atas t rophe s teh t für Tilm an Allert , Professor für Soziologie und Sozialpsychologie a n der Goe t he -Uni v ersität F ra n kfur t a m Ma in, die Erfa hrung de s jungen Be rnh ard n i c h t n u r i n d e r F a m i l i e , s o n d e r n auch in der Ge me insch af t >a n w e send a bw e send< z u sein.

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An w e senheit GEMEINSCHAFT Abw e senheit

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h o m as B e r n h ar d

Tilman Allert

Thomas Bernhard

die

biogr afischen

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ünstlerische Kreativität greift auf lebensgeschicht­ liche Erfahrungen zurück. Sie stellen das Material bereit für eine Sensibilität, die im handwerklich virtuos gehandhabten ästhetischen Medium arti­ kulierbar wird. Derart übersetzt werden sie jen­ seits der Selbstentblößung für den Rezipienten verfügbar. In dieser Anstrengung der Verfeinerung entsteht die Sache ›Kunst‹: das Verschwinden alles Subjektiven in der Form. Eine Ausdrucksmöglichkeit, die es ermög­ licht, beispielsweise das Singuläre eines Schreis oder einer frühen Verletzung in den Status allgemeiner, uni­ versaler Empfindungen zu rücken.

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homas Bernhard, der in seinem Werk sich dem Cantus firmus einer lebenslangen »Ursachenforschung«, der Suche nach der Herkunft, verschrieben hat, überfällt das Publikum in seinen Stücken und seiner kunstvollen Prosa mit einem einzigen Schrei, durch die deklamatorisch eindrucksvolle Klage eines Menschen, dessen Lebensschicksal durch eine Sequenz von Til­ gung und Nichtwahrnehmung bestimmt ist. Von der seelischen Disposition her ein Waisenkind, aber eines, das sich im Unterschied zur Waisen mit der definitiven Abwesenheit der Eltern und Nächsten nicht arrangie­ ren kann, vielmehr eine Waise, der gleichsam das Recht auf das strukturelle Verlassensein genommen wird. Die Mutter, die Großeltern gerieren sich in der Sozialisationsgeschichte des jungen Bernhard als fra­ gile Stützen eines Weltkontakts und werden aufgrund ihrer nur situativen Zuneigung schnell Objekte einer Obsession, im Erlittenen die Gesten eines gelingenden Lebens zu entdecken.

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ie Personen aus der Frühzeit seines Lebens, einge­ schlossen der Großvater, sind auf eine für das Kind erstickende Weise mit sich selbst beschäftigt. Die Kälte, die Bernhards autobiografische Texte ausstrah­

Fiktionalisierung

einer

Erfahrung

len, ist unterlegt von einer autosuggestiven Gewissheit, in der Welt aufgenommen zu sein – gegen alle Evi­ denz, die von Bernhard lautstark und in faszinierend anschaulichen Paraphrasen in Erinnerung gerufen wird. Eine Gewissheit, die in nichts ausdrucksstärker ins Bild gesetzt wird als in der Moses-Fantasie, ein Schlüssel zu Biografie wie zur Werkgestalt. Eine Fan­ tasie, die sehr früh in den beiden seelischen Dimensio­ nen die Funktion einer seelischen Stütze übernimmt, eine Art Halteseil: »Ich soll ein fröhliches Kind gewesen sein. Ein Jahr lang getraute sich meine Mutter nicht, meinen Großel­ tern in Wien meine Geburt zu melden. Was sie fürch­ tete, weiß ich nicht. Der Vater als Romanschreiber und Philosoph durfte in seiner Arbeit nicht gestört werden, ich glaube fest, das war der Grund, warum mich meine Mutter so lange verschwieg. Mein Vater hat mich nie­ mals anerkannt. Die Möglichkeit, mich in dem Kloster bei Heerlen1 in Holland zu lassen, dem Fluchtort ihrer Schande, war nur kurz gewesen, meine Mutter musste mich abholen, in einem von ihrer Freundin geliehenen kleinen Wäschekorb reiste sie mit mir nach Rotterdam zurück. Da sie nicht ihren Lebensunterhalt verdienen und gleichzeitig bei mir sein konnte, musste sie sich von mir trennen. Die Lösung war ein im Hafen von Rot­ terdam liegender Fischkutter, auf welchem die Frau des Fischers Pflegekinder in Hängematten unter Deck hatte ... Aber meine Mutter hatte keine andere Wahl. Immerhin kann ich sagen, dass ich mein erstes Le­ bensjahr ausschließlich auf dem Meer verbracht habe, nicht am Meer, sondern auf dem Meer … Im Grunde bin ich ein Meermensch, erst, wenn ich am Meerwas­ ser bin, kann ich richtig atmen, von meinen Denkmög­ lichkeiten ganz zu schweigen. Nicht ohne Stolz denke ich oft, ich bin ein Kind des Meeres, nicht der Berge.« Thomas Bernhard: »Ein Kind«

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ußeralltäglich begabt, also mit einer Mission gebo­ ren zu sein, darin liegt die unmittelbar nachvollzieh­ bare Seite dieses seelischen Konstrukts. Der Korb, eine verzweifelte Geste der Sorge und Behausung – immerhin in die Welt gesetzt aus dem Wunsch heraus, sich eines Tages wiederzusehen, also das den Lebens­ umständen geopferte Band zur Mutter nicht abreißen zu lassen –, dieses Element der Moses-Fantasie wird leicht übersehen. Die Fantasie – sie taucht in den autobiografi­ schen Texten auf – entsteht als eine Übersteigerung der ersten dramatischen Kränkung, die der junge Thomas Bernhard durch die Mutter erfährt.

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eht man der Frage nach, wie das Leben, das in sei­ ner Ausweglosigkeit an die Befunde von René Spitz 2 über die traumatisierenden Erfahrungen von Kindern in totalen Institutionen erinnert, den Weg aus der Ver­ zweiflung in die literarische Sublimation findet, so stößt man bei Thomas Bernhard auf eine Reihe von Milieueigen­ tümlichkeiten und ›Nebenmenschen‹ (Sigmund Freud), eine Konstellation, die das hervorbringt, was einem an­ gesichts der Kaskade von Entbehrungen wie ein Wunder vorkommt und doch stimmig auf die frühe Zeit seines Lebens zurückzuführen ist. Nicht die Armut, nicht die gebrochenen Familienbeziehungen und auch nicht eine Steigerung dieser Ausgangsbedingungen lassen die kindliche Verzweiflung entstehen. Vielmehr ist es die Resonanzlosigkeit, die Erfahrung, anwesend abwesend zu sein, die am Anfang der biografischen Katastrophe steht. Traumatisierungen, die sich bei Bernhard dem Umstand verdanken, dass er für seine Mutter die leib­ haftige Präsenz einer Liebesaffäre verkörpert, die sie einzig Bernhards Vater zurechnet. Die Familiengründung, die mit der Geburt eines Kindes hätte erfolgen können, war weder von der Mutter noch von Bernhards Vater erwünscht. Ein Kind kommt zur Welt, ein Irrtum, scham­ voll zugestanden, aber nun als eine Herausforderung für


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An w e senheit GEMEINSCHAFT Abw e senheit

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Ic h h at t e übe rh a up t nic ht s w e rde n und n at ürl ich nie m a l s e in Be ruf w e rde n wol l e n, ic h h at t e imme r nur ic h w e rde n wol l e n. Wi l l e z u r Wah r heit v o n T h o m as B e r n h ard Premiere November 2013

Die Idee ist ge w esen, der Existenz auf die Spur zu kommen, der eigenen wie den andern. Wi l l e z u r Wah r heit v o n T h o m as B e r n h ard

Premiere

den eigenen Lebensentwurf, der im Fall der Mutter von Thomas Bernhard eine eigene weibliche Selbstständig­ keit nicht vorsieht: Bernhards Mutter lebt in einer engen Bindung an ihren eigenen Vater, dessen angestrengt schriftstellerischen Aspirationen sie eine grenzenlose Bewunderung entgegenbringt.

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ährend in den Würdigungen des literarischen Werks von Thomas Bernhard die in affektiver wie intellek­ tueller Hinsicht umsichtige Präsenz des Groß­ vaters Johannes Freumbichler zu Recht angeführt wird, wenn es darum geht, den Weg Bernhards in die litera­ rische Sublimierung, die eindrucksvoll bittere Sprach­ gewalt einer Weltklage, biografisch zu bestimmen, bleibt die intime gegen alle Verzweiflung beständige Zunei­ gung zur Mutter übersehen. Bernhard, der auf der Ebe­ ne der trivialen Alltagserfahrung sich Vorwürfe anhören muss, die in ihrer Verachtung nicht drastischer ausfal­ len konnten, gelingt es, zu seiner Mutter eine Bindung aufrechtzuerhalten, so als nehme er sie gegen ihre ei­ genen Irrtümer, gegen die Brutalität ihrer Ablehnung des ungeliebten Sohnes, in einer grandiosen Geste des Verzeihens in Schutz, als würde er im Unterton ihrer scharfen Distanz eine Zuneigung erkennen, die unsicht­ bar und doch wirkungsvoll bleibt, ja, die zwischen Mut­ ter und Sohn von dem Geheimnis eines gegen die Welt gerichteten Überlebenswillens getragen ist. Es ist eine gegen alle Wahrscheinlichkeit extrem aufopferungsvolle Liebe. Bernhard, der tagtäglich nach Evidenzen der Zu­ neigung vergeblich gesucht hat, führt in einer Art Auto­ suggestion ein Zwiegespräch mit der Mutter als ein gegen alle Kränkungen immer wieder anspruchsvoll und zuweilen usurpatorisch auftretendes Insistieren auf Ein­ zig­artigkeit. Dieser kaum offen artikulierten Liebe ent­ stammt das kontinuierliche Sprechen, das im Werk und seinem fantastischen monologisierenden Stakkato sei­ nen literarischen Ausdruck findet. Dieser Liebe ent­ stammt die Moses-Fantasie, wie auch der in seinen Selbst­äußerungen zu einem Heiligen verklärte Groß­ vater. Dieser schenkt seinem Enkel zwar rührende Auf­ merksamkeit, gleichzeitig verlangt er jedoch im Verfol­gen seiner eigenen literarischen Selbstmission seinen Mit­ menschen eine bis zur Groteske gesteigerte Füg­ samkeit ab. Trotzdem wird er vom jungen Bernhard so

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geliebt, als wolle er auch hierbei der Mutter und deren abwegiger Liebe zu ihrem eigenen Vater folgen: »Ich beobachtete mit Liebe, wie er schrieb und wie ihm meine Großmutter dabei aus dem Weg ging, behutsam lud sie zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Nacht­ mahl, wir hatten die Behutsamkeit meinem Großvater gegenüber zu unserer Hauptdisziplin gemacht, solange er lebte, war die Behutsamkeit oberstes Gebot. Alles musste leise gesprochen sein, wir mussten leise gehen, wir mussten uns ununterbrochen leise verhalten. Der Kopf ist zerbrechlich wie ein Ei, so mein Großvater, das leuchtete mir ein, erschütterte mich gleichzeitig.« Thomas Bernhard: »Ein Kind«

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ie enge Bindung an den Großvater erscheint so­ mit nicht als endliche Ankunft eines früh traumati­ sierten Menschen, sondern als Fortsetzung der psychosozialen Obdachlosigkeit im Schatten einer grandiosen großväterlichen Verkennung. Bernhard ge­ rät in die bedrückende Delegation, das vergebliche Bemühen um die Anerkennung als Schriftsteller nun stellvertretend zu übernehmen. So betrachtet rückt auch und gerade der Großvater in die Abfolge von Verkennungen ein:

»Der Mensch lechzt von Natur aus nach Liebe, von An­ fang an. Nach Zuwendung, Zuneigung, die die Welt zu vergeben hat. Wenn einem das entzogen wird, kann man hundertmal sagen, man sei kalt und sehe und höre das nicht. Es trifft einen mit aller Härte. Aber das gehört eben dazu, dem kann man nicht ausweichen.« »Von einer Katastrophe in die andere«, Thomas Bernhard im Gespräch mit Asta Scheib

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as besondere einer Kränkung der Art, wie sie Tho­ mas Bernhard erfahren hat, tritt darin zu Tage: Noch in der Entfernung, die die Mutter ihm tagtäglich de­ monstriert, in der sternenweiten Einsamkeit, die ihn um­ gibt, kreiert er sie sich als seine Verbündete. Er fanta­ siert sich in ihre Welt hinein und zieht selbst aus ihrer Einsamkeit als einer Frau, die sich der Mutterschaft zu verweigern sucht, die Kraft für die eigene Lebenszu­ versicht. Die Mutter, die sich entzieht, erscheint für das

heranwachsende Kind paradoxerweise in der Uner­ reichbarkeit als eine einzige Vollkommenheit.

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unstwerke folgen ihrem Formgesetz, indem sie ihre Genesis verzehren« (Th. W. Adorno) – daran ist angesichts der brennenden Suggestivität der bernhardschen autobiografischen Texte zu erinnern. Die sozialisatorischen Erfahrungen eines desaströs auf­ geschichteten Lebens in der Verkennung der Realität mögen als solche eindrucksvoll sein. Zieht man aber den sozialgeschichtlichen Hintergrund, die bäuerliche Herkunft, die politische Situation eines begeistert die nationalsozialistische Okkupation feiernden Öster­ reichs, die zerbrochenen Familienbeziehungen von Men­ schen, die sich aus der Enge ihrer Lebensumgebung überstürzt zu befreien versuchen, zieht man all dies hin­ zu, so verliert die Drastik des biografischen Exposés von Thomas Bernhard allerdings ihre Singularität. Sie wird eben nichts anderes als eine Vorlage. Aber Vorlage für was? Was hier in die Sache der Kunst übersetzt wird und fern von einem Erschauern angesichts der Idiosyn­ krasie eines Lebens berührt, was in diesem Sinne auch das künstlerische Darstellungsmotiv übersteigt und von den biografischen Ausgangsbedingungen unabhängig geworden ist, ist ein Gebilde, das der Erfahrung der Resonanzlosigkeit und Obdachlosigkeit eine Sprache verleiht. Es handelt sich nicht um eine mystifizierte Ein­ samkeit des Ich, vielmehr um eine kommunikative Situa­ tion, die die Gabe des Sprechens verweigert und somit dem Menschen die Möglichkeit einer Weltverortung nimmt. In dieser Bedrohung, in der vitalen Geselligkeit mit anderen, den »Lebensmenschen«, unter deren Zu­ spruch man sich anerkannt weiß, von der Abwesenheit überfallen zu werden, hierin mag die zeitübergreifende Schönheit der Texte liegen. Noch in der stilisierten Penetranz ihrer Wiederholung, in den Klagen, die die Provokation aller Institutionen des sozialen Lebens – inklusive des Staates – einschließt, erinnern sie an den Anspruch des Menschen auf die Würde des Spre­ chens, auf die elementare Geste der Antwort.

1 Thomas Bernhards Geburtsort. 2 René A. Spitz war ein österreichisch-amerikanischer Psychoanalytiker und Wegbereiter von Säuglingsforschung und Entwicklungspsychologie.


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in wichtiger Impuls des modernen politischen Theaters in der Nachfolge von Bre ch t war es, die Zusch auer in aktive Teilnehmer und das Publikum in eine Gemeinschaft von aktiv Urteilenden zu ver­wandeln. Juliane Rebentisch , Profes­ sorin für Philosophie und Ästhetik an der Hoch­schule für Gestaltung in Offenbach, fragt in dem vorliegenden Artikel danach, ob »Gemeinschaft« heutzutage eine an­g e­ messene A n t ­w o r t a u f d i e n e o ­l iberale De s­ i n t e g ra­t i o n d e r G e s e l l s c h af t i s t u n d w e l c h e F o r m e n d e s G e g e n war t s­t h e a­t e rs e i n e kr i t i s c h e Wa h r n e h m u n g s o z i a l e r Bedingungen ermöglichen.

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zu

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Emanzipierte

schauer

und

Kollektivitäten

spekulative

Juliane Rebentisch

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as Theater ist das genaue Gegenteil einer lebendi­ gen Gemeinschaft. Jedenfalls dann, wenn man der traditionellen Kritik am Theater glaubt, der zufolge das Theater seine Zuschauer nicht nur passiviert, sondern auch voneinander isoliert. Vielleicht er­ klärt dies, warum »Gemeinschaft« im Theaterkontext ein solcher Fetisch ist – man will das, was man nicht haben kann. Das Unmögliche möglich zu machen, also Theater und Gemeinschaft zu versöhnen, war indes bereits ein wichtiger Impuls des modernen Theaters. Ob man nun an Antonin Artauds »Theater der Grausamkeit« denkt oder an Bertolt Brechts »episches Theater« – beide The­ aterästhetiken sind von der Annahme geprägt, dass die Position des Zuschauers durch soziale Isolation, konsu­ mistische Passivität und voyeuristische Distanz vom Ge­ schehen gekennzeichnet ist und also überwunden wer­ den muss. Während Artaud die Isolation, Passivität und Distanz des Zuschauers durch dessen lebendige, gleich­ sam viszerale Beteiligung am Geschehen überwinden wollte, ging es Brecht darum, die Distanz des passiv kon­ sumierenden Publikums in eine analytische Distanz zu transformieren und dieses damit in eine Gemeinschaft von aktiv Urteilenden. Der Impuls zu einer im Zeichen der Gemeinschaft stehenden Selbstüberwindung des Theaters übergreift nicht nur die ansonsten natürlich weitreichenden Differenzen zwischen diesen beiden Theaterästhetiken, er macht sich auch in einer Vielzahl von partizipatorischen Projekten der Gegenwart geltend.

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bwohl man sich heute kaum mehr zu der politischen Frage verhält, welche konkrete politische Form die Gemeinschaft eigentlich wünschenswerterweise an­

zunehmen hätte, ist man sich doch sicher, dass es poli­ tisch geboten ist, die Zuschauer in aktive Teilnehmer zu verwandeln und das Publikum in eine – irgendeine – Ge­ meinschaft. Man kann nun aber fragen, ob die Kulturkritik, die diese Gewissheit stützt, eigentlich noch zeitgemäß ist. So sind die hier einschlägigen Ansätze (z. B. Guy Debords Manifest gegen die »Gesellschaft des Spekta­ kels«, aber auch die Kritik an der Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer) von der Annahme getragen, dass die Passivierung und kommunikative Isolation des Kulturkonsumenten in einem internen Zusammenhang mit seiner Disziplinierung im Arbeitsleben zu sehen sind: Nur derjenige, der sich in seiner Freizeit von schemati­ schen Selbst- und Weltdeutungen überwältigen und auf diese Weise zugleich sozial verarmen lässt, wird seine Arbeitskraft den Anforderungen gemäß einsetzen.

fils diskutiert werden muss. Eine genauere Auseinan­ dersetzung verdiente in dieser Hinsicht auch der Um­ stand, dass das Soziale, das von den entsprechenden künstlerischen Projekten produziert wird, zumeist flüch­ tigen und unbestimmten Charakters ist. Die Klage über die passivierenden und isolierenden Effekte der »Ge­ sellschaft des Spektakels« (Guy Debord) läuft ange­ sichts dieser Situation jedenfalls tendenziell ins Leere: »Für den heutigen, aktiven Konsumenten, den Zwangs­ vernetzten, der dauernd aktiv präsent ist, beurteilt, einstuft, antwortet und als networkender Soft-Skills-Virtuose in der heutigen Freizeit-, Service- und Kulturarbeitswelt einem Terror der surrogat-demokra­tischen Partizipation ausgesetzt ist, wäre«, schreibt Diedrich Diederichsen, »ein neuer Begriff überfällig: Partizipation ist das neue Spektakel.«

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eute liegen die Dinge jedoch anders: In den Berei­ chen der westlichen Gesellschaften, für die von einem Übergang von der Disziplinar- in die Kontrollgesell­ schaft gesprochen werden kann, sind Eigeninitiative und Konnektivität zu entscheidenden Forderungen ge­ worden. Der Einzelne kann unter diesen Bedingungen nur dann am gesellschaftlichen Reproduktionsprozess teilnehmen, wenn er permanent vernetzt, aktiv und auto­ nom agiert. Im Rahmen einer solchen Gesellschaftsfor­ mation können Aktivierung und Partizipation nicht mehr unmittelbar als Widerlager identifiziert werden, im Gegen­ teil: Wir haben es hier mit einer so grundsätzlich neuen Konstellation von Kultur und Arbeit zu tun, dass der Par­ tizipationsimperativ in der Kunst und im Theater zugleich als Effekt wie als Modell jenes neuen Anforderungspro­

un könnte man den partizipatorischen Projekten je­ doch zugute halten, dass sie auf eine unmittelbare Erfahrung sozialer Beziehungen (oder sozialer »Re­ sonanz«, wie Hartmut Rosa jüngst formuliert) zielen. Diese soll sich auch noch der Verdinglichung und Kom­ merzialisierung sozialer Verhältnisse unter den Bedin­ gungen des soeben skizzierten »neuen Geists des Kapitalismus« (Boltanski/Chiapello) entgegenstellen. Hier scheint die Sehnsucht nach Gemeinschaft ihren zeitgenössischen Ort zu haben. Doch muss man fragen, ob »Gemeinschaft« die angemessene Antwort auf die neoliberale Desintegration der Gesellschaft sein kann – oder ob es nicht, zumal im Horizont der sogenannten Globalisierung, vielmehr darum gehen müsste, die Möglichkeit einer Solidarität jenseits der Gemeinschaft


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zu denken. Schließlich hat die gegenwärtige Kunstwelt selbst inzwischen einen inter-, ja, transnationalen Cha­ rakter angenommen. Sie ist, wie Peter Osborne in sei­ ner Philosophie der zeitgenössischen Kunst ausführt, sogar »exemplarisch« für die »Durchdringung aller sozi­ alen Formen durch Tauschbeziehungen«, die ihnen neue Formen der Verbindung und Abhängigkeit auf­ zwinge, in deren Horizont Begriffe wie Gemeinschaft, Kultur, Nation sich zunehmend als »inadäquat« erwie­ sen. In diesem Horizont zeichneten sich jedoch, so Osborne weiter, »neue spekulative Kollektivitäten« ab, auf deren politische Möglichkeit sich eine tatsächlich zeitgenössische künstlerische Praxis beziehen müsse, die ihre eigenen historischen Bedingungen im Blick be­ hält. Statt sich regressiv am Ideal der Gemeinschaft auszurichten (und die Probleme zu verdrängen, die mit der Einheit und Geschlossenheit dieser sozialen Form schon immer einhergingen), gilt es dann im Gegenteil, die begrifflichen und politischen Grenzen der Gemein­ schaft ebenso hinter sich zu lassen wie den Zustand der sozialen Desintegration.

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s kann also politisch einiges gegen die undialekti­ sche Partizipations- und Gemeinschaftseuphorie eingewendet werden, die in einigen Teilen der zeit­ genössischen Theater- und Kunstwelt herrscht. Damit ist jedoch noch nicht das Problem mit dem Theater abgeräumt, das den Hang zu Partizipation und Ge­ meinschaft ursprünglich motivierte. Denn wenn die Kritik Recht damit hätte, dass das Theater sein Publi­ kum sediert, so bliebe dies ja ein Problem – unabhän­ gig von der Frage, ob Partizipation eine befriedigende Antwort darauf sein kann. Was also ist von dieser Kritik zu halten? Was wäre, wenn die diesem Impuls unter­ liegende Theaterkritik selbst zu kritisieren wäre, weil sie ein verzerrtes Bild des Theaters und seiner Erfah­ rung vermittelt?

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acques Rancière hat in seinem Aufsatz »Der emanzi­ pierte Zuschauer« einen viel beachteten Einwand gegen die dieser Kritik vorausgesetzte Gleichset­ zung von Zuschauen und Passivität vorgebracht. Je­ doch speist sich seine Argumentation interessanterwei­ se nicht aus dem Ideenreservoir der Ästhetik, sondern aus dem der Pädagogik: Die von Brecht und Artaud geteilte Vorstellung eines passiven Publikums, das es zu aktivieren gilt, ähnele traditionellen Vorstellungen von Pädagogik, denen zufolge es die Aufgabe des Lehrers sein soll, den Abstand zwischen seinem eigenen Wis­ sen und dem Unwissen der Schüler aufzuheben. Doch setze diese Vorstellung erst den Abstand, dessen Überwindung sie anzustreben vorgibt. De facto nämlich gebe es keine Position reiner Unwissenheit, weil jeder immer schon »einen Haufen Dinge weiß, die er selbst gelernt hat«. Eine dem Ziel der intellektuellen Emanzipa­ tion verschriebene pädagogische Praxis könne sich deshalb gerade nicht als asymmetrische Belehrung verstehen, sondern müsse sich als ein Prozess der Über­ setzung begreifen, in dem der Lehrende dem Lernen­ den dabei hilft, das noch nicht Gewusste zum bereits Gewussten in ein Verhältnis zu bringen. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler sei hier keines von asym­

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metrischen Positionen, sondern verlaufe über ein Drit­ tes, »ein Buch oder irgendein Stück Schrift«, auf das sich beide beziehen können, »um gemeinsam zu verifi­ zieren, was der Schüler gesehen hat, was er darüber sagt und was er davon denkt«.

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nalog argumentiert Rancière nun für die Theater­ praxis. Die moderne Theaterästhetik leite ihren quasi-pädagogischen Aktivierungsauftrag aus der Annahme ab, dass der Zuschauer den Bildern schlicht erliegt, die ihm vorgesetzt werden. Der Zuschauer sei jedoch, so wendet Rancière ein, nie rein passiv, viel­ mehr müsse man das Zuschauen selbst als Aktivität begreifen: »Auch der Zuschauer handelt, wie der Schüler oder der Gelehrte. Er beobachtet, er wählt aus, er vergleicht, er interpretiert. Er verbindet das, was er sieht, mit vielen anderen Dingen, die er gese­ hen hat, auf anderen Bühnen und an anderen Arten von Orten.« Statt davon auszugehen, dass man das Publikum aktivieren muss, indem man ihm eine Rezep­ tionsweise vorschreibt, müsse eine emanzipative The­ aterpraxis mit der Anerkennung des Publikums als einer Zusammenhäufung von freien Interpreten beginnen. Jeder Zuschauer mache sich nämlich vor dem Hinter­ grund seiner eigenen Biografie interpretierend eine eigene Version des Theaters, das er sieht, und sei also immer schon aktiv.

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edoch ist dieses Argument, das zweifellos zu Recht die Freiheit des Interpreten hervorhebt, ei­ gentümlich indifferent gegenüber der ästhetischen Differenz, die eine Theateraufführung von einem theo­ retischen Text oder einem politischen Ereignis unter­ scheidet. Tatsächlich rückt Rancière die Theaterauf­ führung neben alle möglichen anderen Gegenstände, denen wir nun einmal aus unterschiedlichen Perspek­ tiven begegnen: »In einem Theater, vor einer Perfor­ mance, ebenso in einem Museum, einer Schule oder auf einer Straße, gibt es immer nur Individuen, die ih­ ren eigenen Weg durch den Wald der Dinge, Hand­ lungen und Zeichen gehen.« Wie Brecht bestimmt auch Rancière das Theater damit aber letztlich als ei­ nen Ort des Lernens und Urteilens – mit dem Unter­ schied seiner Annahme, dass es hier statt einer vom Theatermacher intendierten Wahrheit viele individuel­ le Wahrheiten zu erkennen gibt. Die entsprechende Heterogenität kann (und sollte) Rancière zufolge frei­ lich nie in der Geschlossenheit einer Gemeinschaft aufgehoben, sondern in einem Prozess der Überset­ zung produktiv gemacht werden, in dem die vielfältigen Interpretationen und Urteile zueinander ins Verhältnis gebracht werden können.

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ie Frage aber ist, ob wir akzeptieren sollten, dass das Theater als ein (weiterer) Ort des Lernens und Urteilens verstanden werden muss. Das entschei­ dende Problem ist dabei nicht, ob der Zuschauer men­ tal aktiv ist oder nicht, sondern wie man seine mentale Aktivität genau verstehen sollte. Dafür empfiehlt sich ein Blick aufs Theater, und zwar durchaus das der Ge­ genwart. Denn nicht alles Gegenwartstheater zielt da­ rauf, den Zuschauer in einen Teilnehmer zu verwandeln

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und das Publikum in Gemeinschaft, vielmehr geht es häufig auch darum, die Position des Zuschauens, die Aktivität des Interpretierens und Urteilens sowie das dieser Aktivität vorausgesetzte Soziale zum Gegen­ stand einer reflexiven Auseinandersetzung zu machen. Das zeigt sich sogar auf besonders markante Weise an Formen, die die Gegensätze von Fiktion und Wirk­ lichkeit, Bühne und Zuschauerraum gezielt destabili­ sieren. Für den Zuschauer wird hier nämlich fraglich, ob er es (noch) mit einer Inszenierung zu tun hat, die er als Zuschauer beobachten kann, oder aber (schon) mit Wirklichkeit, in die es handelnd zu intervenieren gilt. Durch die Spannung zwischen diesen beiden Einstel­ lungen aber wird sich der Zuschauer selbst thema­ tisch werden – und zwar nicht nur im Blick auf die (von der modernen Theaterkritik hervorgehobene) Passivi­ tät, durch die sich die Position des Zuschauens ja tat­ sächlich dann auszeichnet, wenn man sie am Maßstab der praktischen Intervention misst, sondern auch im Blick auf die (von Rancière betonte) Aktivität des Inter­ pretierens. Weil auch denjenigen Arbeiten, die ein Re­ ales mit hervorkehren, zugleich immer ein Moment des Scheins, des Als-ob, anhaftet, wird der an ihnen Teil­ nehmende nicht nur auf seine jeweilige Situations­ wahrnehmung, sondern auch auf die ihnen zugrunde liegenden sozialen Deutungsschemata zurückgesto­ ßen werden. Wir werden dadurch nicht nur gegenüber dem Gegenstand unserer Wahrnehmung in einer Dis­ tanz gehalten, die spezifisch für ästhetische Gegen­ stände ist, sondern auch reflexiv auf die evaluativen Kategorien verwiesen, vor deren Hintergrund wir die Welt (immer schon interpretierend) wahrnehmen. Eine solche Erfahrung unterbricht mit anderen Worten auch noch die Selbstverständlichkeit, mit der wir das, was wir aktuell wahrnehmen, mit dem in Verbindung brin­ gen, was wir bereits kennen.

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enn hier zugleich auch die Dimension des Sozialen adressiert wird, so überhaupt nicht mehr im Blick auf das konkrete und zufällige Publikum (egal, ob man es sich in seinem Potenzial zur Gemeinschaftsbil­ dung oder im Gegenteil als heterogene Multitude vor­ stellt); reflexiv thematisch wird vielmehr, für jede und jeden einzeln, jenes Soziale, von dem wir bereits Teil sind und das uns bis in unsere individuellen Wahrneh­ mungen hinein beeinflusst. Dies geschieht indes genau in dem Maße, wie die Automatismen unserer interpretie­ renden Wahrnehmung ausgesetzt, die Kategorien un­ seres evaluativen Weltbezugs problematisch werden. Indem sie solche Erfahrungen ermöglichen, demons­ trieren die interessantesten zeitgenössischen Theaterund Performancepraktiken nicht nur ihre Differenz, ihre Autonomie, gegenüber den Bereichen der Handlung und des Urteilens. Sie assoziieren sich zugleich auch, und zwar durch diese Autonomie, den politischen Dis­ kussionen um die Möglichkeit neuer »spekulativer Kol­ lektivitäten« (Osborne): Denn in diesem Rahmen wird eine Übersetzungsarbeit notwendig, die nicht nur die individuellen Perspektiven auf die Gegenstände unse­ rer Wahrnehmung zu betreffen hätte, sondern auch noch die sozialen Voraussetzungen, von denen diese geprägt sind.

i mp r e ss u m Herausgeber: Schauspiel Frankfurt Intendant: Oliver Reese Redaktion: Dramaturgie, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Künstlerisches Betriebsbüro Redaktionsleitung: Sibylle Baschung, Veronika Breuning Konzept und Gestaltung: Double Standards, Berlin, www.doublestandards.net Illustrationen: Paul Davis, London, www.copyrightdavis.com Druck: Bechtle Druck & Service, Zeppelinstraße 116, 73730 Esslingen Redaktionsschluss: 5.11.2013 Spielzeit: 2013/14 Schauspiel Frankfurt ist eine Sparte der Städtische Bühnen Frankfurt am Main GmbH Geschäftsführer: Bernd Fülle, Bernd Loebe, Oliver Reese Aufsichtsratvorsitzender: Prof. Dr. Felix Semmelroth HRB 52240, Frankfurt am Main Steuernummer: 047 250 38165


KAMMER

SPIELE

DrauSSen vor der Tür

Wolfgang Borchert Regie: Jürgen Kruse Premiere 14. September 2013

Die Nibelungen

Das Versprechen

Friedrich Hebbel Regie: Jorinde Dröse Premiere 13. September 2013

Friedrich Dürrenmatt Regie: Markus Bothe Premiere 1. Oktober 2013

Der Menschenfeind

Anatol

Molière Regie: Günter Krämer Premiere 11. Oktober 2013

Arthur Schnitzler Regie: Florian Fiedler Premiere 22. November 2013

Der Idiot

Dekalog – Die zehn Gebote

Krzysztof Kies´ lowski / Krzysztof Piesiewicz Regie: Christopher Rüping Premiere 13. Dezember 2013

Fjodor Dostojewski Regie: Stephan Kimmig Premiere 8. November 2013

Wille zur Wahrheit

Bakchen

Bestandsaufnahme von mir Thomas Bernhard Regie: Oliver Reese U r a u ff ü h r u n g 17. November 2013

Euripides / Raoul Schrott Regie: Felix Rothenhäusler Premiere 17. Januar 2014

Kinder der Sonne

dogville

Lars von Trier Regie: Karin Henkel Premiere 11. April 2014

Der weiSSe Wolf

Maxim Gorki Regie: Andrea Moses Premiere 18. Januar 2014

biedermann und die brandstifter

NORA

Ein Traumspiel

Gefährliche liebschaften

Der Zwerg reinigt den Kittel

Max Frisch Regie: Robert Schuster Premiere 14. Februar 2014

SCHAUSPIEL

Andere

HAUS

Lothar Kittstein Regie: Christoph Mehler U r a u ff ü h r u n g 7. Februar 2014

Henrik Ibsen Regie: Michael Thalheimer Premiere 9. Mai 2014

August Strindberg Regie: Philipp Preuss Premiere 28. März 2014

Christopher Hampton Regie: Amélie Niermeyer Premiere 14. Juni 2014

Anita Augustin Regie: Bettina Bruinier U r a u ff ü h r u n g Mai 2014

PREMIEREN

spielorte

Ich bin Nijinsky. Ich bin der Tod.

Vaslav Nijinsky / Oliver Reese Regie: Oliver Reese U r a u ff ü h r u n g 16. September 2013 Mozartsaal, Alte Oper

Ajax

Je t’adorno

Vivienne Franzmann Regie: Leonie Kubigsteltig Deutschsprachige Erstaufführung April 2014 Museum für Moderne Kunst

Frankfurter Rendezvous

Musikalische Vollversammlung auf dem Willy-Brandt-Platz Text und Regie: Schorsch Kamerun U r a u ff ü h r u n g Juni 2014

vom Ende einer Geschichte Julian Barnes Regie: Lily Sykes U r a u ff ü h r u n g Juni 2014

FAMILIE : SCHROFFENSTEIN

Text und Regie: René Pollesch U r a u ff ü h r u n g 8. März 2014

Projekt mit Jugendlichen nach Heinrich von Kleist  Regie: Sébastien Jacobi  Premiere 19. Oktober 2013 Kammerspiele

BOckenheimer

depot

Der Zeuge

Wälsungenblut

Thomas Mann Regie: Alexander Eisenach U r a u ff ü h r u n g 15. September 2013

Die Geierwally

schau spiel

Junges

Sophokles Regie: Thibaud Delpeut Premiere 1. Dezember 2013

Ronja Räubertochter

BOX

Wilhelmine von Hillern Regie: Johanna Wehner Premiere 22. Oktober 2013

2. Sinfonie – Rausch

Projekt von Ersan Mondtag Regie: Ersan Mondtag U r a u ff ü h r u n g 10. November 2013

FAUSER

nach dem Roman »Der Schneemann« von Jörg Fauser Regie: Alexander Eisenach U r a u ff ü h r u n g Januar 2014

Das Schloss

nach Franz Kafka Regie: Ersan Mondtag Premiere März 2014

s c h a u s p i e l fra n kf u r t s p i e l z e i t 2 0 13 / 1 4

Astrid Lindgren Regie: Matthias Schönfeldt Wiederaufnahme 24. November 2013 Schauspielhaus

all inclusive Projekt von Martina Droste und Chris Weinheimer Premiere 8. Dezember 2013 Jugendclub / Bockenheimer Depot

Punk Rock Simon Stephens Regie: Fabian Gerhardt Premiere 21. März 2014 Bockenheimer Depot

Frankfurt%20schauspiel%20zeitung%20zur%20spielzeit%202013%202014  

http://www.kulturportal-hessen.de/de/phocadownload/Programmservice/Landes_Stadt_Staatstheater/frankfurt%20schauspiel%20zeitung%20zur%20spiel...

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