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S t a d t g es p r ä c h

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Pierre-Auguste Renoir: Zwei Mädchen am Klavier, 1892-1893

chwarz-Weiß in der Musik? Selbstverständlich: schwarze und weiße Noten. Und Ebony und Ivory natürlich, der Song von Paul McCartney und Stevie Wonder, dessen erste Strophe lautet: „Ebenholz und Elfenbein / leben zusammen in perfekter Harmonie / Seite an Seite auf meiner Klaviatur…“ Was uns zu einem ganz besonderen Piano führt, dem 1799 gebauten Tafelklavier der Gebrüder Mahr, das im Romantikzimmer des Museums im Gotischen Haus ausgestellt ist. Eine Rarität! Und eine lange verkannte dazu. Zeitweise stand es als Leihgabe im Friedrichsdorfer Museum. Hölderlin und Philipp Reis sollen auf ihm gespielt haben, sagte man. Nachdem dies als Irrtum erkannt worden war, wanderte das Klavier ins Homburger Depot, wo es die Museumsmitarbeiter erst 2013 wie-

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der entdeckten, nun seine wahre Herkunft ermitteln konnten und es restaurieren ließen. Es existieren nur noch wenige Instrumente der Wiesbadener Familie, die über drei Generationen Klaviere baute. Sie befinden sich in bedeutenden deutschen Museen und Privatsammlungen. Aus der Sicht unseres Themas verfügt das Mahr-Klavier über eine weitere Besonderheit: Im Gegensatz zu den seit langem üblichen Klaviaturen zeigt sie sich hier „umgekehrt“. Die Untertasten sind „schwarz“, aus Ebenholz, und die Obertasten „weiß“, indem sie mit Knochen (Elfenbein?) belegt sind. Als das Mahr-Instrument entstand, dürfte der Besitz eines Klaviers im Wesentlichen noch den herrschaftlichen Häusern, den Musikern und Komponisten vorbehalten gewesen sein. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts

aber explodierte die Piano-Produktion. Franz Liszt soll allein bis zu acht besessen haben. Vor allem aber war es das aufstrebende Bürgertum, für das das Klavier zum beliebtesten Hausinstrument, ja geradezu zum Statussymbol wurde. Ob musikalisch oder nicht, Söhne und Töchter mussten unermüdlich in die schwarz-weißen Tasten greifen. Das brachte den Musikkritiker Eduard Hanslick im Jahr 1900 dazu, sich über die „unbarmherzige moderne Stadtplage“ zu beklagen, nämlich über die „Clavierseuche“. Wider Willen müsse er „dem entsetzlichen Clavierspiel neben uns zuhöre; mit einer Art gespannter Todesangst warten wir auf den uns wohlbekannten Accord, den das liebe Fräulein jedesmal falsch greift; wir zittern vor dem Laufe, bei welchem der kleine Junge unfehlbar stocken und nun von vorn anfangen wird“.

Foto: Stefan Seibold

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