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Zum 40. Mal: das Jazzfestival Neuwied Eines der ältesten Jazz-Meetings in Deutschland feiert frisch und lebendig Jubiläum Von Andreas Pecht „Nie! Nie hätte ich damals gedacht, das unser Pro­ jekt Jahrzehnte überdauern würde.“ Werner Oberen­ der wirkt noch immer schier fassungslos angesichts des Umstandes, dass das alljährliche Jazzfestival Neuwied jetzt am 3. und 4 . November bereits zum 40. Mal über die Bühne geht. Der Mitbegünder, Spi­ ritus rector und künstlerische Leiter des Festivals ist heute 61 Jahre alt. „Damals“ war er ein junger Bursche von Anfang 20, und zusammen mit einigen Neuwieder Kumpels angefixt von der Idee, in der Deichstadt etwas Jazziges auf die Beine zu stellen. Aus der Clique ging der Verein „Jazz in Neuwied“ hervor, der bis heute Träger des Festivals ist. Des­ sen Geburtstermin war der 9. September 1978 und das Baby ein eintägiges Musikhappening unter frei­ em Himmel auf der Wiedinsel Niederbieber. Die Vorliebe für den Jazz war seinerzeit zwar noch ­etwas weiter verbreitet als heute, aber eine Massen­ bewegung konnte man das, zumal in Neuwied und drumherum, nicht gerade nennen. Weshalb die jungen und in Sachen Festival völlig unbedarften ­ Veranstalter in jenem Frühherbst völlig von den ­Socken waren, als 500 Besucher auf das Gelände strömten. Wie schon vor zehn Jahren vor dem 30. Festivalge­ burtstag sitze ich mit Oberender wieder in einem kleinen Wirtshaus beisammen. Ältere und uralte Er­ innerungen sind aufzufrischen; ebenso wollen wir plaudern, wie es jüngst läuft. Die Brücke vom dies­ jährigen Jazzfestival zu Anfängen und früheren Jah­ ren schlagen die engagierten Künstler teils selbst. Vorneweg Jasper van‘t Hof – der ein bisschen mit­ verantwortlich ist, dass das Festival überhaupt in die Gänge kam. Denn die Jazzfreunde vom Rhein hatten 1977 bei einem Konzertbesuch im Sauer­ land den damals bereits recht bekannten niederlän­ dischen Jazz-Pianisten einfach gefragt: „Willst du nicht mal bei uns in Neuwied auftreten?“ Dessen ebenso einfache Antwort „Klar, mach ich“ war für die jungen Leute die rechte Ermunterung zur rech­ ten Zeit, ihr Projekt Jazzfestival mutig in Angriff zu nehmen.

Van‘t Hof machte dann 1978 im Duo mit Charlie Mariano den Headliner. Beide kamen über die Fol­ gejahre mehrfach zum Festival, das nachher erst in die Sporthalle Heimbach-Weis, 1993 dann ins Hei­ mathaus (Stadthalle) Neuwied umzog, wo es bis heute stattfindet. Die beiden gaben hier vor zehn Jahren ihr letztes gemeinsames Konzert vor dem Tod Marianos 2009. Beim 40. Festival ist der un­ längst 70 gewordene Jasper van‘t Hof der Opener – und wird am 3. November gewiss wieder mit Freude davon sprechen, wie sehr er hier die Nähe zum Pu­ blikum und die fast familiäre Atmosphäre seit sei­ nem ersten Auftritt genießt. Auf ihn folgt die Mar­ kus Stockhausen Group. Der inzwischen auch schon 60-jährige Trompeter Stockhausen (Sohn des berühmten Komponisten Neuer Musik Karlheinz Stockhausen) gehört ebenfalls zum Urgestein des Neuwieder Jazz-Meetings. Oberender muss noch immer schmunzeln, wenn er sich an dessen ersten Auftritt 1981 erinnert: „Er kam auf den letzten Drü­ cker von einem klassischen Konzert in Bonn, hatte keine Zeit sich umzuziehen und stieg noch im Frack auf die Bühne.“

Jazzlegende bewegen zu können: „Das wäre ein herrliches i-Tüpfelchen auf dem 40.“

Zum Abschluss des ersten, quasi akustischen Abends spielt Lars Danielsson mit Band. Der re­ nommierte schwedische Jazz-Kontrabassist und -Cellist kam erstmals zum 30. Jazzfestival 2007, war seither aber fast in jedem Jahr dabei. Bereits 1991 gab Mike Stern seinen Einstand in Neuwied und wurde ebenfalls ein treuer Mehrfachgast. Der US-Gitarrist und Fusion-Spezialist eröffnet heuer den zweiten Festivaltag im Heimathaus mit einer Eliteformation, bestehend aus dem Drummer Dave Weckl nebst Saxophonist Bob Malach und Bassist Tom Kennedy. Der Abend bleibt us-amerikanisch: Das Finale bestreiten mit einem Mix aus Funk, Soul and New-Jazz Marcus Miller & Band. Weil der 64 Jahre alte Multiinstrumentalist und prägende EBassist Miller ebenso wie Mike Stern einst in der Band von Miles Davis spielte, träumt Werner Oberender davon, die beiden vielleicht zum gemein­ samen Spiel eines Titels der 1991 verstorbenen

Und weil nun mal rundes Jubiläum ist, gönnen sich die Neuwieder Jazzfreunde als Prolog zum eigentli­ chen Festival noch zwei ganz besondere Acts. Schon am 13. Oktober gibt es ein Sonderkonzert mit dem norwegischen Pianisten und Schriftsteller Ketil Björnstad im Schloss Engers. Am 27. Oktober kommt Eberhard Weber in die Stadtbibliothek Neu­ wied. Der 77-Jährige ist einer der einflussreichsten Musiker und integersten Persönlichkeiten der deut­ schen Jazzszene. Seit einem Schlaganfall 2005 kann er nicht mehr spielen. Später schrieb er eine Autobiografie unter dem Titel „Résumé – Eine deut­ sche Jazzgeschichte“, aus der er lesen wird. Zu den Weggefährten des einst grandiosen Kontrabassis­ ten gehören neben vielen anderen Größen des Jazz Wolfgang Dauner, Rainer Brüninghaus, Charly Mari­ ano, John Marshal, Pat Metheny, Garry Burton oder Jan Gabarek – die wie Weber selbst alle schon beim Neuwieder Jazzfestival aufgetreten sind. Überhaupt: Mit 40 Durchgängen in ununterbroche­ ner Folge ist das Neuwieder eines der ältesten Jazz­ festivals Deutschlands. Die Auftrittschronik weist fast jeden aus, der in dieser Szene Rang und Na­ men hat. Neben der ersten Riege deutscher Jazzer auch die internationalen Größen wie Al Di Meola, Bill Evans, Ginger Baker, Lester Bowie, Maceo Par­ ker, Azia Mustafa Zadeh, Rabih Abou-Khalil, Joe Za­ winul, Nils Landgren, John McLaughlin, Lester Bo­ wie, Manu Katche, Stanley Clarke … Hochkarätige Besetzungen allemal, die das Jazzfestival zu einem konstanten Aushängeschild Neuwieds weit über die Stadtgrenzen hinaus gemacht haben. Rund zwei Drittel der Besucher kommen, so Oberender, nicht aus der heimischen Region. Sie haben teils sehr weite Anfahrten hinter sich – die viele von ihnen seit Jahren, etliche seit Jahrzehnten immer wieder auf sich nehmen. Ja, ein beträchtlicher Teil des Publikums ist mit den Veranstaltern älter geworden. Doch manche kommen inzwischen mit ihren längst erwachsen ge­ wordenen Kindern nach Neuwied. Und: Zwar in klei­ ner Zahl, aber immer wieder finden auch Jugendli­ che den Weg zum Festival. Denn was dort auf der Bühne gespielt wird, ist jedesmal aufs Neue frisch, lebendig, interessant, intensiv. Der Jazz lebt. Info: www.jazzfestival-neuwied.de

KulturInfo Oktober 2017  

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