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KulturGut

Ausgabe

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April 2010

Magazin für die Kulturregion Würzburg

Bleibt neugierig! Wo ereignet sich Kultur? | Soziokultur: das Sowohl-alsauch | Zuhören: Hengelbrock dirigiert | Das ist meine Stadt: Öffentliche Kunst

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KulturGut | Editorial | Inhalt | Titelthema | Musik | Bühne | Literatur | Kunst | Film | Stadt | Wissenschaft | Interkultur | Service

Editorial

Ein offener Geist und der Wunsch, die Welt zu entdecken, sind die besten Voraussetzungen, Kultur in ihrer faszinierenden Vielfalt zu erleben. Unser Erstlingswerk ist der Spiegel einer Reise durch die Kulturwelt. Auf diesen „Road-Trip“ (wer es weniger lässig möchte, darf dazu gerne „Bildungsurlaub“ sagen) möchten wir Sie mitnehmen. Begleiten Sie uns ein Stück, entdecken Sie Neuland, studieren Sie große und kleine Themen, die in ihrer Gesamtheit Teil unseres Kulturlebens sind. KulturGut erhebt dabei selbstverständlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Wir möchten die Kultur der Neugier pflegen und Anregung geben, Kultur selbst aufzusuchen und tiefer als gewohnt zu erleben. Wir suchen das Gespräch und die lebendige Diskussion über das Kulturgeschehen. Und wir wünschen uns, dass unsere Leser uns dabei ein Stück begleiten – mit ihrer Aufmerksamkeit, die zu wecken unsere Aufgabe ist, und mit der Bereitschaft zum Austausch, zu dem wir Sie hiermit einladen möchten.

Was bedeuten eigentlich Kunst und Kultur für eine Stadt? Was bedeuten sie für Würzburg? Lassen Sie es mich so sagen: Kultur gibt unserer Gesellschaft Seele und Esprit. Kultur prägt die Geschichte unserer Stadt seit vielen Jahrhunderten, sie beeinflusst die Atmosphäre der heutigen und sie gestaltet die Zukunftsperspektiven der künftigen Stadt maßgeblich mit. Kunst kann Diskurse in unserer Stadt anstoßen und beflügeln, sie kann streitbar sein, beglückend oder auch lehrreich. Sie braucht aber Raum, um wahrgenommen zu werden und um sich zu artikulieren. Mit der vorliegenden ersten Ausgabe der neuen Kulturzeitschrift KulturGut möchten wir der Kultur den Raum dafür geben und zugleich ein Stück Öffentlichkeitsarbeit für die Künstler und Kultureinrichtungen leisten. Ziel ist es, die Ideen und Visionen, die Werke, Ausstellungen und Aufführungen der Kulturschaffenden und der Künstler unserer Stadt und Region einer noch breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und auf einen geistreichen Dialog,

KulturGut tritt damit die Nachfolge des im Jahr 2007 nach über 40 Jahren zum letzten Mal erschienenen Magazins „Würzburg heute“ an. Wir freuen uns, dass nun nach längerer Vorbereitung und mithilfe zahlreicher Partner ein Medium vorliegt, das die Bedeutung der Kultur für unsere Stadt neu reflektiert und unterstreicht. Wir laden Sie ein, diese Stadt und ihr kulturelles Leben aus immer wieder neuen Perspektiven zu erfahren, sich darauf einzulassen und sich einzubringen, sei es als Künstler und Kulturschaffende, als Besucher, als ehrenamtlich Engagierte, als Kunstfreunde und Förderer, als Bürger.

Iris Wrede Chefredakteurin

Muchtar Al Ghusain Kulturreferent der Stadt Würzburg

Wenn Ihnen unser Debut gefallen hat, dann abonnieren Sie das Magazin KulturGut mit dem beigeklebten Coupon. Und wenn Sie gerne weiter in den Diskurs mit uns eintreten möchten, dann laden wir Sie herzlich auf unsre Website www.kulturgut-wuerzburg.de ein.

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KulturGut | Inhalt | Editorial | Titelthema | Musik | Bühne | Kunst | Film | Literatur | Stadt | Wissenschaft | Interkultur | Service

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Editorial

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Inhalt

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Thema | Bleibt neugierig!

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Musik | Der Dirigent: Thomas Hengelbrock

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Musik | Drum-Orchester

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Musik | Andrea Carola Kiefer, Akkordeon

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Musik | Termine

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Theater | Christoph Diem inszeniert

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Theater | Leonhard-Frank-Preis

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Theater | 25 Jahre Theater am Neunerplatz

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Theater | Termine

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Literatur | Lesen lernen mit Prof. Huizing

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Literatur | Hören lernen mit E.T.A. Hoffmann

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Literatur | Termine

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Kunst | Vater oder Sohn? Die Tiepolos

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Kunst | Atelierbesuch bei Heike Siethoff

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Kunst | Neues von Botticelli

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Kunst | Termine

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Film | Was Programmkinos groß macht

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Film | Aus Würzburg: „Fremdkörper“

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Film | Termine

52

Stadt | Ovis Wende über Kunst und Stadtbild

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Stadt | Termine

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Wissenschaft | Psychologiegeschichte

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Wissenschaft | Termine

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Interkultur | Hermann Glaser

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Interkultur | Bernhard Reiser und sein Preis

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Interkultur | Entscheidende Offenbarung

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Interkultur | Termine

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Zum Schluss | Impressum

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Bleibt neugierig! Wo ereignet sich Kultur für mich? Woher stammen die Impulse für meine Arbeit? KulturGut befragte Kulturschaffende und stellte fest: Neugierig sind sie alle. Text: Iris Wrede. Beiträge & Interviews von Joachim Fildhaut & Iris Wrede

+ „Schwierige Frage. Gute Frage. Aber sehr abstrakt. Da muss ich erstmal nachdenken“, war eine der häufigsten Reaktionen auf unsere Recherche. „Kein Problem. Lassen Sie sich Zeit. Es können Stunden sein, wenn es sein muss“, lautete die Antwort. Das Nachdenken hat sich gelohnt – wir sind ja schließlich nicht beim Fernsehquiz oder dem täglichen „Wie sind Sie denn auf die Idee zu Ihrem neuesten Buch gekommen?“-Fragenkatalog. Hier geht es ums Grundsätzliche. Warum sind Menschen in Würzburg kreativ, was erwarten sie sich von ihrer Umgebung, was bewegt sie? Das wollten wir wissen. Wir haben viel gelernt. Diese Stadt ist keine „Monostadt“. Sie ist ein bisschen von allem. „Kleindeutschland“ nennt das der Jungregisseur Oliver Kienle und bescheinigt Würzburg die Funktion einer behüteten Insel. Trotzdem weist sie gerade jene Gegensätze auf, die den Humus für künstlerisches Schaffen bilden können. Das Vermögen und der stetige Wunsch sich neu zu erfinden – das entscheidet über die kulturelle Zukunft. Und, das ist eine Essenz der Gespräche, die Offenheit der Stadt für kreative Köpfe, die anzuziehen, zu halten und zu pflegen eine der großen Herausforderungen darstellt.

Kultur ist der Anspruch, frei zu sein. Jeder unserer Protagonisten hatte seinen eigenen Begriff von Kultur. Kein Wunder: Kultur ist nicht eine bestimmte Sache, sondern ein Konstrukt im Kopf jedes einzelnen. Dennoch ist ihnen allen gemeinsam das Bedürfnis nach größtmöglichem Freiraum. Nur die scheinbare Selbstbeschränkung überraschte uns immer wieder bei unseren Recherchen: Es war fast mühevoll, die Wünsche wirklich herauszukitzeln. Das hat nichts mit Sattheit zu tun, eher einer ganz eigenen Form von Bescheidenheit. Erst wenn im Gespräch die Variante mit der „guten

Fee“ eingeführt wurde, um die Sorgen um Finanzierbarkeit und Umsetzbarkeit zu zerstreuen („Wir befinden uns hier im Brainstorming, nur raus mit der Sprache!“), kamen die kleinen und großen Wünsche doch endlich ans Licht. Im positiven Sinne sagt uns das: Würzburger Kulturschaffende sind bereit, sehr weit mitzudenken und Verantwortung zu tragen, vieles erstmal „einfach zu machen“, Zeit und Arbeit zu investieren. Forderungen stehen oft hintan, weil – und das ist die andere Seite der Medaille – die Schere im Kopf oft ganz weit aufgeht. Die Zeiten sind hart, das ist auch in kreativen Köpfen leidvoll und fest verankert.

Kreativität als Machtfaktor Ihrer gestalterischen Macht sind sich die Kulturschaffenden oft kaum bewusst. Das Fehlen der Superlative „größte, beste, erfolgreichste“ täuscht vielleicht, macht aber den Weg frei für wachstumsfähige Ansätze. Es ist sicherlich noch jede Menge Raum für Utopien, Frechheit, künstlerische Freiheit. Ausprobieren, das wollten auch viele von unseren Gesprächspartnern oder „schauen, wie es sich anfühlt“, wie es der Schauspieler Klaus Müller-Beck formuliert. Wir wünschen uns, dass sie das unbegrenzt und mutig tun. Denn es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen

Gehen Sie mit uns auf die Suche: Wo ereignet sich Kultur für Sie – und was wünschen Sie sich für die Kulturregion? Diskutieren Sie mit auf | www.kulturgut-wuerzburg.de

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KulturGut | Editorial | Inhalt | Titelthema | Musik | Bühne | Literatur | Kunst | Film | Stadt | Wissenschaft | Interkultur | Service

Man muss leben, um etwas von der Kunst zu verstehen.

Kultur braucht Platz, Toleranz und Geist

Oliver Kienle

Klaus Müller-Beck

+ Mein Film „Bis aufs Blut“ hat sowohl autobiographische als auch lokale Bezüge – dieser Film kann nur in Würzburg spielen: Es ist eine harte Geschichte um die Freundschaft zweier Kleinkrimineller. Ich denke, ich habe für dieses Drehbuch den Thomas-Strittmatter-Preis auch deswegen erhalten, weil die Geschichte nicht in einem Möchtegern-Brennpunkt spielt, sondern in der unterfränkischen Provinz. In Würzburg kannst du sehr viel universeller über Deutschland erzählen: Würzburg ist Kleindeutschland: viel Land, wenig Großstadt, aber eben doch die Verbindung dazwischen. Vom Bauernhof bis zur Hochhaussiedlung hat man alles ganz nah beieinander: Die sozialen Kontraste sind da. Trotzdem ist es insgesamt mehr ländlich, gemütlicher als die große Metropole. Denn so ist Deutschland einfach nicht. Ich wollte es schaffen, dass mein Film im Gegensatz zu allen anderen vergleichbaren deutschen Filmen authentisch ‚richtig’ Deutschland zeigt. Würzburg ist eher eine ruhige, eine besinnlichere Stadt und eine alternative Stadt, freier als andere Städte, man spürt hier nicht so sehr den Mainstream. Gerade die Jüngeren schwimmen hier nicht so mit dem Strom, sie sind Freigeister, vielleicht gerade weil sie hier so ein bisschen abgeschottet sind – in diesem ‚Nest’, das ein angenehmes Nest ist. Einer unserer Hauptdarsteller, ein Türke aus Kreuzberg, war sehr überrascht, wie wohl er sich in Würzburg gefühlt hat. Er wäre am liebsten in den Dencklerblock eingezogen, als wir dort gedreht haben. Die Leute finden hier zu einer gewissen Ruhe. Allerdings: Die spießige Seite an Würzburg nervt manchmal schon. Kultur kommt durch die Menschen, die in einer Stadt wohnen, und Vielfältigkeit kommt vor allem durch die jungen Menschen. Wahrscheinlich werden die Jungen in Würzburg nicht sesshaft. Trotzdem: Man kann durch äußere Einflüsse begünstigen, dass mehr Künstler kommen. Ich zumindest werde wahrscheinlich erstmal wieder nach Würzburg ziehen. Ich kenn sehr viele Leute in Berlin, die alle vom Film sind. Darum könnte ich dort nicht kreativ sein. In Würzburg dagegen sind ‚normale’ Menschen, das echte Leben, aus dem ich mir meine Impulse hole. Denn: Man muss leben, um etwas von der Kunst zu verstehen!

+ Wenn er sich Impulse von außen holen will, dann geht der Schauspieler Klaus Müller-Beck in den Kulturspeicher, das Bockshorn oder er hört eine „gute alte Schallplatte“ beim „Tscharlies“ in der Sanderstraße. Gute Kultur findet man hier in Würzburg an vielen Ecken – sowohl von der Stadt als auch vom Publikum her, sagt er. Und: „Was die Kulturlandschaft gerade auch der kleineren Theater angeht, ist hier ziemlich was los.“ Voraussetzung ist für Klaus Müller-Beck, dass eine Stadt den Platz, die Toleranz und den Geist dafür hergibt – dass man Kultur will, Interesse daran hat. Das einzige, was noch wünschenswert wäre, sei eine Spielstätte, die von der Größe her zwischen dem großen Haus und der Kammer liegt. „Ein 400-Platz-Theater wäre wunderbar, um mehr zu spielen, mehr Vielfalt zu bieten.“ Dass Klaus Müller-Beck in Würzburg gelandet ist, ergab sich durch seine Zusammenarbeit mit Schauspieldirektor Bernhard Stengele. „Die Kultur am Theater wird geprägt durch die Menschen, die das Theater machen. Und Bernhard Stengele geht in einer ganz speziellen Art an das Theater heran.“ Am Mainfranken Theater funktioniert es gut, sagt Müller-Beck, Theater für die Stadt zu machen, in der man lebt und arbeitet. Kurz: Kultur für die Stadt. Das Publikum sei im allgemeinen sehr aufgeschlossen, auch wenn es in der fränkischen Mentalität schon den Hang dazu gibt, das, was man nicht kennt, „zu modern“ zu finden. Er freut sich auf jede Rolle, sagt der Schauspieler „Das heißt, man freut sich auf manche Rollen. Und auf manche Rollen FREUT man sich“, betont Klaus Müller-Beck enthusiastisch. So wie bei einem jungen Schauspieler, dass er „unbedingt den Hamlet“ spielen wolle, sei das bei ihm nicht. Es ist Teil seines Berufs, sich auf die Dinge einzulassen, auszuprobieren und zu schauen, wie es sich anfühlt, sagt Müller-Beck. Man weiß schließlich nie im Voraus, wie die Produktion funktioniert. Ein gutes Konzept, eine tolle Mannschaft, eine gute Führung durch den Regisseur, dann kann es gut werden – dann kann es sein, dass das Stück „fliegt“. Wie bei seinen Lieblingsrollen: Peer Gynt, Danton und Big Daddy aus der „Katze auf dem heißen Blechdach“. Da „flog es“.

Der junge Filmemacher Oliver Kienle erhielt für das Drehbuch des in Würzburg spielenden Filmes Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung 2009 den Thomas Strittmatter Preis und im Januar diesen Jahres den Publikumspreis auf dem Max-Ophüls -Festival. 2010 kommt „Bis aufs Blut“ in die Kinos.

Klaus Müller-Beck studierte Schauspiel in München und war an den Theatern Bamberg, München (Komödie im Bayerischen Hof), Ingolstadt, Frankfurt (FritzRémond -Theater) und am Saarländischen Staatstheater engagiert, wo er den Preis der Sponsoren als bester Darsteller erhielt. Seit der Spielzeit 2005/2006 gehört Klaus Müller-Beck fest zum Ensemble des Mainfranken Theaters.

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Bezwingende Bedeutungsmacht Kathrin Feser + Mit Erscheinen der ersten KulturGut-Ausgabe kehrt die Künstlerin mit Wahlheimat in Veitshöchheim wieder in die Alte Welt zurück. Ihr einjähriger US-Aufenthalt endete rechtzeitig vor Kathrin Fesers Ausstellungseröffnung in ihrer Studienstadt Nürnberg. Noch in San Francisco wählte sie eine Zeichnung aus, die das mainfränkische Kulturleben besonders eindringlich befragt. Und liegt nicht tatsächlich stets etwas Gewolltes, etwas krampfhaft Angestrengtes über vielen hiesigen Kulturbemühungen? Wie immer man es betrachtet: Ist es der Künstler selbst, der den warmen Geldregen der Subventionen über sein Werk zwingen will? Braucht die Chimäre Publikum Wasser zwecks weiteren Wachstums? Oder ist die Kunst eine Sphinx mit empfindlicher Frisur, von der im letzten Augenblick konservatorisch bedenklicher Feuchtigkeitsschaden abgewendet werden soll? Kathrin Feser studierte Kunst in Nürnberg, Wuppertal und San Francisco. Sie erhielt 2004 den Debütantenförderpreis des Bayerischen Staatsministeriums, arbeitete in Rom und wiederholt in Kalifornien und lebt zwischendurch in Veitshöchheim.

Machtfaktor Kreativwirtschaft Steffen Deeg + Ein nüchternes Verwaltungsthema: „Die Wirkung verschiedener Kulturberichte im deutschsprachigen Raum.” Steffen Deeg schreibt derzeit seine Diplomarbeit drüber. Als praktische Arbeit und Fallbeispiel erstellte der Leiter des Jugendkulturhauses Cairo im Zuge seiner Diplomarbeit im Aufbaustudium Kulturmanagement einen solchen Bericht gemeinsam mit dem Fachbereich Kultur und dem Kulturreferenten der Stadt und bekam dadurch einen breiten und tiefen Einblick in die hiesige Szene, weit über seinen angestammten Bereich (Deeg wählt beispielsweise das Programm des Umsonst&draußen-Festivals mit aus) hinaus.

Am meisten überraschte ihn, „wie vorbehaltlos fast alle Kulturträger Informationen und Zahlen zur Verfügung gestellt haben“. Nur ein einziges Theater wollte seine Umsätze nicht veröffentlicht sehen. „Wir hatten Angst, dass es wesentlich mehr Vorbehalte geben könnte, aber auch Kultureinrichtungen mit einem vergleichsweise kleinem Publikum wissen wohl, dass ihre Kunst ganz klar ihre Daseinsberechtigung hat“, das spricht, so Steffen Deeg, gegen eine rein wirtschaftlich orientierte Betrachtungsweise der vorliegenden Zahlen. Eine gewichtige Erfahrung führen die Recherchen vor Auge: „wie viele Menschen hier in Kulturberufen arbeiten, wie viel Geld der Bereich umsetzt (allein die 38 untersuchten Einrichtungen in Würzburg setzten über 32 Millionen Euro im Jahr um!) und wie viele Menschen kulturelle Angebote wahrnehmen“. Wobei sich deren Bedeutung in einem Kulturbericht gar nicht fassen lässt, gibt der Sozialpädagoge und Kulturmanager in spe zu bedenken. Die Würzburger Untersuchung beschränkte sich darauf, Institutionen zu erfassen, die von der Kommune betrieben, mitgetragen oder gefördert werden: „Ein Kreativwirtschaftsbericht dagegen würde sämtliche Kreativberufe im weiteren Sinn und in ihrer Bedeutung für die Ökonomie der Region ermitteln“, sagt Deeg. Und er weiß: „Dieser Bereich hat mehr Beschäftigte als die Automobil- und Zulieferindustrie.“ Allerdings fehle den Kreativen „die Macht oder zumindest eine Lobby“. Immerhin, ein Kulturbericht wie der vorliegende liefert schonmal ein Werkzeug, mit dem man zum Beispiel neue Partner ansprechen kann. Die nächste Ausgabe kann einen Schritt in Richtung auf einen Kreativwirtschaftsbericht für die Kulturregion Mainfranken tun. Aber zunächst mal ist Steffen Deeg „gespannt, was nach der Veröffentlichung des Kulturberichts 2010 passiert“. Steffen Deeg leitet das Jugendkulturhaus Cairo. Für seine Diplomarbeit an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg zog er einen systematischen Querschnitt durch die Würzburger Kulturlandschaft.

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„Wie funktioniert Deutschland?“ Ivan Alboresi + Ivan Alboresi tanzt seit neun Jahren in Würzburg. Für einen, der sich die Engagements aussuchen kann, ist das ungewöhnlich – schließlich wechseln die meisten Tänzer alle zwei Jahre ihren festen Spielort schon allein aus Karrieregründen. Als Alboresi mit 18 Jahren aus Italien kam, um hier nach dem Abschluss der Akademie in Turin seine Tanzausbildung zu perfektionieren, wollte er erst einmal wissen: Wie funktioniert Deutschland? Zunächst bewarb er sich an verschiedenen Schulen. Nach dem Vortanzen hatte der Tänzer die Wahl zwischen München, Stuttgart, Frankfurt, alle hätten ihn aufgenommen. Die Termine in Hamburg und Köln ließ er dann ausfallen und entschied sich für die angesagte Stuttgarter John-Cranko-Akademie. Kurz darauf bekam er einen Vertrag in Ulm,

später tanzte er in Wiesbaden. Danach hat er sich „sozusagen in Würzburg verliebt“, sagt er. „Ich habe damals in vielen Städten vorgetanzt. Manchmal kam ich an und dachte: Nein, ich gehe gar nicht erst zum Theater – ich könnte hier nicht leben.“ Es war eine besondere Situation, als Ivan Alboresi 2001 nach Würzburg kam. Es war in der Zeit der großen Krise des Mainfranken Theaters. Der ungeheure Überlebenswille der Theaters hat den Tänzer tief beeindruckt: „Der Wunsch der ganzen Stadt war stark, dass das Theater überlebt.“ Gerade diese positive Einstellung habe er genossen und sich daher für Würzburg entschieden. Die Würzburger seien sehr euphorisch, man merke: „Sie mögen das Ballett.“ Auch das ist es wohl, was den Tänzer so ungewöhnlich lange an die Stadt bindet. Seine Zukunft sieht Ivan Alboresi vermehrt in Richtung Choreographie und Regie. Er braucht den Adrenalinschub, „sonst wird man mittelmäßig und flach“. Ein bisschen Ungeduld scheint dabei auch eine Rolle zu spielen: „Wenn ich sehe, dass etwas nicht vorwärts geht, dann kann ich etwas ‚bissig’ werden. Das legt sich aber auch wieder. Ich bin ein sehr fröhlicher, positiver Mensch.“ Für Tänzer ist es sehr wichtig, in einer Stadt zu leben, in der man Kultur erleben kann. „Bereits wenn man durch diese Stadt läuft kann man wunderschöne Gebäude genießen – man ist umgeben von Kultur. Fünfzig Prozent meines Lebens ist mein Arbeitsleben, fünfzig Prozent ist mein Privatleben, und wenn das nicht stimmt, kann es eine Tortur werden.“ Das Publikum könne es spüren, sagt Alboresi, ob die Menschen, die auf der Bühne stehen, sich in einer Stadt wohl fühlen oder dort nur arbeiten. „Es ist eine kleine Stadt hier, es ist nicht Berlin. Die Menschen zeigen uns auch außerhalb der Vorstellungen ihre Begeisterung. Das ist schön – man muss allerdings auch aufpassen, was man außerhalb der Bühne macht, da einen jeder kennt“, sagt er und lacht. Seit der Spielzeit 2001/2002 ist Ivan Alboresi festes Mitglied der Ballett-Compagnie des Mainfranken Theaters Würzburg. Hier überzeugt er nicht nur durch seine Rollenverkörperungen auf der Bühne, sondern auch durch Tätigkeit im Theater als Choreograf und Regisseur. Im Dezember 2003 wurde Ivan Alboresi mit dem Theaterpreis Würzburg des Theaterfördervereins und im Dezember 2009 mit dem Kulturförderpreis der Stadt Würzburg ausgezeichnet.

chen nieder, allerdings nicht wegen dessen kultureller Anziehungskraft. Verglichen mit der Bundeshauptstadt sei die es Landes „nicht so spektakulär. Nur ein aufgepumptes Würzburg.“ Das schließt nicht aus, dass Thomas Heinemann die Mittelmainmetropole mal wieder als Drehort wählen könnte. Nur sicher nicht in seinem nächsten Projekt, denn er beendet gerade das Drehbuch zu einem Spielfilm, der Probleme der Entwicklungshilfe behandelt. „Würzburg ist keine Filmstadt“, stellt Thomas Heinemann fest. In Phasen der Produktionsvorbereitung würden ihm hier „Gespräche mit Leuten fehlen, die in der gleichen Richtung arbeiten“. Dazu gehören auch Musiker und Theatermacher – ein solcher Umgang schafft für ihn die Voraussetzung, dass ihm Ideen kommen. Gesprächspartner dieser Art hatte er hierzulande durchaus auch, sogar Klasse-Leute. Aber es fehlte ihm ein wenig an der Masse, an der Abwechslung, an Anregungen, die auf ganz neue Pfade wiesen: „Ich hab das im Theater am Neunerplatz daran gemerkt, dass ich anfing, mich selbst zu kopieren.“ Der letzte Grund für seinen Wegzug vor zehn Jahren war aber schlicht: „Hier gibt es keine Film-Infrastruktur.“ Keine Geschäftskontakte, keine Studiokapazitäten. Statt übertriebener Standorttreue zur Stadt seines Theaters dreht er die Bewegungsrichtung lieber gelegentlich um und holt Würzburger raus, zu Projekten anderswo.

Verdammt weit weg Thomas Heinemann + Thomas Heinemann, Gründer des Theaters am Neunerplatz, verließ die Stadt, um Filme zu drehen, zu schreiben, zu produzieren; sein „vorne ist verdammt weit weg“ mit Frank Markus Barwasser lief vor drei Jahren in den Kinos. Nach Jahren in Berlin ließ er sich in MünKulturGut 01 | Seite

Thomas Heinemann wurde 1958 in Herrsching am Ammersee als Sohn eines Bühnenbildners geboren. Er gründete vor 25 Jahren das erste deutsche Theater, an dem Kinder für Kinder spielen. Die meisten Stücke für sein Theater am Neunerplatz schrieb er selbst.

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Kunst ist nichts Künstliches Carmen Fuggiss

Takte zum Mitschlagen Daniel Prätzlich + Wie verortet sich ein Künstler in seiner Studienstadt, in der er vor knapp eineinhalb Jahren kreative Kräfte aller Art zusammenrief, um gemeinsam Werke zu schaffen? Daniel Prätzlich gründete die Werkstattspiele, bei denen Musikstudenten, Bäckermeister und Tänzer einander kennenlernten und nach ein paar Stunden gemeinsamer Arbeit auf die Bühne stiegen. Dieses Erlebnis hat den Musiker beschwingt, denn er legte seinen Erfahrungsbericht „Wo ist Frederik?“ in Form von Noten nieder. - Ein Hinweis für alle, die die Partitur spielen und Daniel Prätzlichs Auffassung von der Kulturstadt Würzburg hören möchten: Sie benötigen dazu ein Drumset, denn der Komponist ist Schlagzeuger. Daniel Prätzlich, geb. 1982 in Saarbrücken, arbeitet als Schlagzeuger mit Jazzmusikern wie Constantin Herzog, Oliver Maas und Tom Jahn. In Würzburg entstanden das Trio BÖRK, ArtZenral und Ambrosius V U. | www.myspace.com/mopdekop | www.myspace.com/dasboerktrio

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+ „Kunst ist nichts Künstliches“, sagt die Sopranistin Carmen Fuggiss, die Anfang der 1990er vier Jahre lang zum Opernensemble des Stadttheaters gehörte. Seitdem hat sie ihre feste Basis an der Staatsoper Hannover. Und wie wenn ein Junge vor dem Haus mit einer Blechdose Fußball spielt oder wie ein Rhythmus jemanden plötzlich zu tänzerischen Bewegungen anstößt, so ist Singen für sie „etwas ganz Ursprüngliches“. Das natürlich mit Hilfe künstlerischer Techniken ausgebildet werden kann. Gerade hier war Würzburg eine wichtige Phase für ihre Stimme und darstellerische Entwicklung, erklärt Fuggiss. Zuvor, in Mannheim, wurde sie „noch ganz naiv“ in einen „Riesen-Apparat geworfen“. Nach den stressigen Bedingungen dieses Anfängerengagements konnte sie anschließend in Würzburg in viel größerer Ruhe an den einzelnen Partien arbeiten, sich stimmlich darauf vorbereiten, mit ihrem Gesangslehrer arbeiten und auch mit den Regisseuren tief in ihre Rollen einsteigen: „Dort bin ich aus dem Anfängerstadium herausgewachsen“, und sie ist noch heute dankbar für „Würzburger“ Rollen, die ihr ganzes bisheriges Leben lang wichtig blieben. So war sie „gewappnet“ für die niedersächsische Staatsoper: „So ein großes Haus konnte mir dann nichts mehr anhaben.“ Bedeutend fürs Umfeld sind Carmen Fuggiss außerdem „Kollegen, deren Stimmen man besonders schätzt. Die inspirieren mich selbst auch.“ Inzwischen sieht sie in einem großen Spielplan mehr Chancen als früher, zu Beginn ihrer Karriere. Denn wenn ein Haus etliche Opern aus unterschiedlichen Epochen im Repertoire hat, fordert und fördert es die Künstler. Ein solch breites Programm ist für Carmen Fuggiss allerdings „ein altmodisches Phänomen, das langsam ausstirbt“. Zu ihrer Würzburger Zeit hatte sie durch Gastspiele wie bei den Salzburger Osterfestspielen Gelegenheit, ihre Erfahrungen auf eine breite Basis zu stellen – auch dank der großzügigen Urlaubsregelungen, die ihr der Intendant einräumte. „Kultivieren heißt pflegen, zum Wachsen bringen“, sinniert die Sopranistin und schließt in diese Definition auch „den Umgang miteinander“ ein. So gesehen war für die Entwicklung der Carmen Fuggiss Würzburg in einem speziellen Sinn eine echte Kulturstadt, die zu ihrem Wachstum beitrug. Übrigens mit einem „Publikum, das sich nicht allein davon hinreißen lässt, dass es eine Oper gibt“. Es begeistert sich nicht automatisch und frenetisch, aber: „Die Würzburger wissen eine gute Interpretation zu schätzen.“ Carmen Fuggiss, in Freiburg geboren, studierte Gesang in Karlsruhe, Frankfurt und am Salzburger Mozarteum. Als lyrischer Koloratursopran war sie am Stadttheater Würzburg engagiert. Sie arbeitete mit Dirigenten wie Sir Georg Solti, Kent Nagano und Ingo Metzmacher. Touren führten sie durch ganz Europa und in die USA.

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Reflex im Anderen: Anna Achmatowa. Von Dorette Riedel.

Mädchen, steh auf und geh Dorette Riedel + Sie leiten die BBK-Galerie und machten ein Kunstprojekt mit Wohnungslosen, sind Kunsterzieherin, geben Kurse für Kinder und haben eine eigene Familie. Wann bleibt Zeit für die eigene Kunst? Mein Arbeitsstil ist flüchtig. Ich arbeite schnell und versuche, den Moment und die Bewegung einzufangen. Gut arbeiten kann ich beispielsweise auf einer Opernprobe im Theater oder während ich lehre, also an der Uni. So hat es mein Professor auch immer gehandhabt, und er war ein vorbildlicher Pädagoge und Künstler. Eine Inspiration für alle. Hat das vielfältige Engagement Sie künstlerisch weitergebracht oder eher gehemmt? Natürlich getragen. Wäre ich nicht so gefordert, würde ich vermutlich im Bett bleiben und nichts tun. Vieles hilft sich gegenseitig. Spitzen brechen leicht ab. Natürlich lässt sich nicht alles verbinden. In meinen Kunstwerken gibt es schonungslose Auseinandersetzungen mit Menschlichkeiten, Abgründen, die ich meinen Schülern nicht zumuten kann.

Welche Elemente Ihrer Umgebung spielen die Hauptrollen? Der Kontakt mit Menschen ist beglückend. Meine eigene Kunst hat mir Dinge offenbart, die vorher im Unklaren lagen. Kunst ist für uns alle eine große Chance, uns mitzuteilen auf einer sehr sinnlichen Ebene. Ich gebe meine Kunstbegeisterung weiter. Was speziell hat Sie angeregt? Am meisten meine Kinder. Ihre Lebendigkeit und Natürlichkeit haben mich selbst in die Welt geholt. Ich wurde erweckt mit ihrer Geburt. - Da ich eine Frau bin, geht es mir in meiner Arbeit natürlich die verschiedensten Rollenbilder der Frauen. In meinen Holzpuppen gehe ich Verwandlungsgeschichten nach. Ich arbeite mit der Symbolhaftigkeit von Spielzeug. Spielzeug, das in Wunschvorstellungen lebendig ist wie z.B. Brüderchen Vierbein und Kasper Hauser), oder Menschen, die wie Spielzeug benutzt werden wie Blanche. Meine Arbeit ist Transformation. Holz, das lebendig wird. Talita cum. Mädchen, ich sage dir, steh auf und geh. Welche lokalen Faktoren, hatten Einfluss auf Ihre Entwicklung? Ich kam 2004 in diese Stadt und fand großartige Möglichkeiten vor. Als erstes lernte ich die Künstlerfreunde in der JuKu-Karawane mit ihren vielseitigen Werkstätten und Bühnen kennen. Später konnte ich meine Arbeiten im BBK sehr gut weiterentwickeln und erhielt 2007 die Debütantenförderung. Seit 2008 leite ich die BBK-Galerie. Eine vielseitige und wundervolle Arbeit! Nach Ihrer Einbürgerung fanden Sie schnell einen Platz im öffentlichen Leben. Lag’s an der Stadt oder an Ihnen? Das beantworte ich am liebsten mit Volker Braun: “Man kann auf das Leben zugehen oder sich das Leben nehmen.” Was war Ihre letzte einschneidende Erfahrung hier? In meiner Arbeit mit den wohnungslosen Menschen habe ich begriffen, was Künstler von ihnen unterscheidet. Vor dem Projekt sah ich viel Gemeinsames und Paralleles. Beispielsweise der Anspruch, frei zu sein. Eine Sonderposition in der Gesellschaft einzunehmen. Bedürfnislos zu sein. Eine Gegenwelt zu erschaffen. Wesentlich ist aber das Interesse, die Bereitschaft sich einzulassen. Mitwirken zu wollen. Ohne das ist die Verbitterung nahe. Dorette Riedel erlebte ihre frühe Kindheit nahe der Grenze zur Bundesrepublik in den Hügeln Thüringens. Sie machte eine Holzschnitzer-Ausbildung und studierte an der Hochschule der Bildenden Künste Saar bis zur Meisterklasse.

Arte Noah unter den schwebenden, luftigen Skulpturen von Brigitte Schwacke, die fast einen symbolischen Backround dafür bilden, was sie als Credo für ihr kreatives Schaffen formuliert. „Ideen entstehen auch immer wieder durch Gespräche mit Menschen. Man sollte „open minded“ sein, um Anregungen aufzunehmen“, sagt sie und betont, wie froh sie ist, junge Kunsthistorik-Studentinnen im Team zu haben, die neue Sichtweisen und Erfindergeist einbringen: „Denn vor allem die jungen Leute bringen vieles mit.“ Impulse von außen sind essenziell, sagt Ramona Lang-Fränznick. „Vor allem durch den Hafensommer ist ganz viel Kultur von außen nach Würzburg gekommen. Dass solche Dinge möglich sind, ist sehr wichtig. Und auch für das Projekt Frankenhalle würde ich mir wünschen, dass es möglich ist, dieses finanziell umzusetzen, weil ich denke, dass es da ein Podium in vielschichtiger Art geben könnte – für Theatergastspiele, das Programmkino, vielleicht auch große Ausstellungen.“ Sie meint damit nicht nur große Ausstellungen im Sinne ihrer Bedeutung, sondern auch Raum einnehmende moderne Kunst - Pipilotti Rist zum Beispiel mit ihren umfassenden multimedialen Audio- und Videoinstallationen würde sie sich persönlich wünschen: „Namhafte Künstler, die vielleicht eines großen Raumes bedürfen, sollten nach Würzburg kommen dürfen.“

open minded Ramona Lang-Fränznick + „Es braucht Neugierde, Offenheit, Hinsehen, über den Tellerrand hinausschauen.“ Ramona Lang-Fränznick sitzt auf dem Kunstschiff KulturGut 01 | Seite

Ramona Lang-Fränznick ist seit eineinhalb Jahren Vorsitzende des Kunstvereins Würzburg, der auf dem umgebauten Frachtkahn MS “Iris” von März bis November Ausstellungen verschiedener Künstler der Gegenwartskunst zeigt. Konzerte, Vorträge u.a. ergänzen das Programm auf der Arte Noah.

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Ein offenes Ohr für den ersten Schritt Ralf Duggen + „Ein großes Volksfest“ sei das „Umsonst & Draußen“ sagt Ralf Duggen. Er geht spielerisch mit dem von Traditionen besetzten Begriff um – schließlich sei der freie Eintritt auch ein Symbol für ein barrierefreies Kulturangebot für alle, ungeachtet des sozialen Hintergrundes. Das ist die Grundidee, mit der das Festival .geboren wurde „Kultur entsteht unabhängig von der Frage, ob das vielleicht später irgendwann einmal finanziell etwas bringt,“ formuliert er: Am Anfang muss es jemanden geben, der sich für etwas begeistert und bereit ist, Arbeit und Zeit zu investieren. Und es müsse auf der ‚Gegenseite’ die Bereitschaft vorhanden sein, zu Veranstaltungen zu gehen, auf denen etwas passiert das man so vielleicht nicht kennt. Mit diesen Voraussetzungen sei vieles möglich. „Was das dann inhaltlich bedeutet und was derjenige, der Kultur macht als umsetzenswert ansieht, bleibt offen.“ Und welche Umstände entscheiden darüber, welches

Bleibt neugierig! Ralf Thees + „Leben in, um und warum Würzburg” lautet der Untertitel seines Wuerzblog im Internet. Damit hat er sich die Frage „Warum Würzburg?” selbst eingebrockt – aber ist um eine Antwort nicht verlegen: „Der Blog steht für die Antwort.” Sein elektronisches Tagebuch beKulturGut 01 | Seite

Projekt überlebt – was braucht es für die Nachhaltigkeit des Neuen? „Manchmal stellt man erst wenn eine Sache passiert fest, dass genau das vorher gefehlt hat. Manches scheitert dennoch, weil es schlecht gemacht ist, der Zeitpunkt schlecht gewählt wird, weil es das Publikum gerade nicht interessiert. Da gibt es tausend Erklärungen“, sagt Duggen. Aber: Eine Stadt, die Verwaltung könne Kultur im Entstehen fördern: „Es gibt viele Formen der Unterstützung und vor allem auch der Nicht-Vermeidung, die denkbar sind. Natürlich ist grundsätzlich eine finanzielle Unterstützung einfach die Voraussetzung für viele Dinge.“ Für wenig oder gar kein Geld zu arbeiten, sei in der Kulturszene verbreitet. Aber irgendwann komme der Punkt, „an dem man sagt, es muss etwas passieren: Entweder passiert etwas bei den Besucherzahlen, oder man wird von Stadt oder Bezirk gefördert. Es gibt eben doch Grenzen der Selbstausbeutung.“ Zuschüsse seien aber nicht immer der richtige Weg: „Viele Initiativen passieren zunächst einmal unbemerkt vom Verwaltungsapparat einer Stadt. Das liegt in der Natur der Sache. Ganz wichtig ist es hier, dass man möglichst wenige Hürden in den Weg gelegt bekommt. Ein Kulturreferat braucht ein offenes Ohr, eine leichte Ansprechbarkeit.“ Menschen, die etwas Neues auf die Beine stellen wollen, könne man schon auf unterster Ebene unterstützen, indem man ihnen einfach Tipps gibt wie „hast du schon diese Versicherung gedacht, hast du an die GEMA gedacht, oder einfach Hilfe für räumliche Lösungen.“ Das wäre vielleicht der erste Schritt. „Bei allen Projekten im Kulturbereich muss man die vorhndenen Mittel natürlich möglichst intelligent verwenden,“ meint Duggen: „Den Ansatz mit der Frankenhalle finde ich zum Beispiel ungeheuer spannend. Die Grundidee, die mich überzeugt ist: Wenn man das Stadttheater schon sanieren muss, dann kann man das Geld auch sinnvoll einsetzen. Man fängt nicht bei Null an. Und wenn dann hinterher etwas dabei herauskommt, haben wir eine große Chance genutzt. Die Idee ist grundsätzlich gut und hat eine ganze Menge Potential!“ Ralf Duggen ist Gründer des „Umsonst & Draussen” Festivals, das mit Musik von über 50 Bands an drei Tagen auf zwei Bühnen und einem umfangreichen Rahmenprogramm alljährlich im Juni etwa 80.000 Besucher auf die Mainwiesen lockt. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Dachverbands freier Kulturträger.

müht sich, für jeden Tag einen Ausgeh-Tip zu einer öffentlichen Veranstaltung zu bringen. Oder eine Nachbetrachtung, vielleicht eine Konzertkritik (Thees’ Lieblingsmusiken stammen aus Elektrogitarren). Vorankündigungen überwiegen aus Zeitgründen, stolz ist der Blogger, dass er dabei wenigstens vorgefertigte Pressetexte verweigert und selbst schreibt. Wenn Zeit und Geld reichen, zieht der Würzblogger mehrmals in der Woche durch die Säle, ohne dass es ihm langweilig wird: „In Würzburg findet genug statt, so dass ich mir fast immer was rauspicken kann. Oft habe ich die Auswahl zwischen zwei oder drei Acts gleichzeitig.” Wobei ihm zugute kommt, dass er nicht nur Rockkonzerte mag. Elektronik-Diskjockeys und Kunstvernissagen reizen ihn auch. „Bleibt neugierig!” ruft er. „Wenn etwas interessant klingt, dann probiert es aus.” Zumal die Nachwuchsbands auf den kleinen Bühnen nicht viel Eintritt verlangen. „Aber die Bereitschaft, über den Tellerrand des Gewohnten hinauszugucken”, vermisst Ralf Thees am jüngeren Würzburger Publikum. Nicht dagegen fehlen ihm persönlich die großen Namen im Pop-Veranstaltungskalender: „Für ein AC/CD-Konzert fahre ich auch gern mal nach Leipzig. Das tut doch gut, auch mal eine schöne Konzerthalle zu sehen und nicht immer nur die s.OliverArena.” Er selbst braucht solche Kicks in der eigenen Stadt zwar nicht, aber „der Stadt würd’s nicht schaden”. Schließlich reden die Leute, die dabei waren, heute noch von Michael Jackson in den Mainwiesen. Ralf Thees, 39 Jahre alt, wuchs in Arnstein auf und arbeitet in Würzburg als freiberuflicher Web-Designer unter der Firmierung Theovision. | www.wuerzblog.de

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Bis es anf辰ngt, in meinem Kopf so zu klingen, wie es klingen kann Der Dirigent Thomas Hengelbrock 端ber Kritzeleien auf Papier, Musik und die Mechanismen des Marktes von Iris Wrede / Foto: K. Forster

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Foto: Sonja Werner

+ Er gilt als musikalischer Nonkonformist, als einer, der sich den Gesetzen des Marktes nicht so einfach unterwirft. Der Opern- und Konzertdirigent Thomas Hengelbrock betreibt mit detektivischem Spürsinn musikwissenschaftliche Recherchen, bei denen er vergessene Meisterwerke ausgräbt. Mit seinen außergewöhnlichen Interpretationen hat der Gründer des Balthasar-Neumann-Ensembles und -Chores international für Aufsehen gesorgt. Hengelbrock ist einer, der an die Kunst und ihre magischen Momente glaubt – und gleichzeitig einer, der Einladungen der Scala oder der Met auch mal ausschlagen muss, weil ihm die Zeit fehlt. Er kann sich die Engagements aussuchen. 2011 wird es der „Tannhäuser“ in Bayreuth und die Leitung des NDR Rundfunkorchesters sein, in diesem Jahr sind es unter anderem Produktionen am Teatro Real Madrid, der Opéra de Paris, dem Royal Opera House in London, an der Züricher Oper und … das Würzburger Mozartfest. Was ist für Sie der perfekte Moment in der Musik – gibt es ihn? Eigentlich mag ich in diesem Zusammenhang das Wort ‚Perfektion‘ nicht, denn es impliziert gleich den Blick auf die technischen Parameter. Das gibt es schon, dass man das Gefühl hat, man habe sich einem Werk wenigstens teilweise ganz erschöpfend genähert hat. Man KulturGut 01 | Seite

ist dann eine ganz magische Union eingegangen und hat es als Dirigent verstanden, seine Musiker und seine Sänger, alle Beteiligten in einen Sog, ein gemeinsames Fahrwasser zu bringen, das einen auch zum Ziel trägt. Diese Erlebnisse gibt es – wenngleich ich auch hinterher nicht das Gefühl habe, dass das nur so hätte sein können: Es ist dann an sich nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten, ein Werk aufzuführen. Aber eigentlich haben alle Musiker ein ganz gutes Gespür dafür, ob etwas wirklich außergewöhnlich gut gelingt oder ob etwas nur so ‚abgeliefert‘ wird. Das spürt jeder sensible Musiker. Wie gehen Sie mit dem Mangel an Zeit um? ‚Zeit ist Geld‘ gilt heute natürlich leider auch in der Musik. Dabei könnte man an Stücken zumindest theoretisch unendlich lange proben. Oft bekommt man aber in der Opernszene, beispielsweise an den großen Opernhäusern einfach nur ein ganz bestimmtes und oft auch sehr begrenztes Quantum an Zeit zur Verfügung gestellt. Dann muss man versuchen, gegen die Mechanismen des Marktes zu kämpfen. Manchmal hat man Glück und kann sich durchsetzen, kann ein paar mehr Proben rausschlagen. In gewissen Fällen kann ich auch sagen: Wenn ich das nicht bekomme, dann komme ich nicht. Aber in vielen anderen Fällen muss leider auch ich versuchen, in dieser Zeit ein Ergebnis abzuliefern, das für das Publikum irgendwie akzeptabel ist.

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Sie sind als Musik-Forschender bekannt. Wie erkennen Sie bei Ihren historischen Untersuchungen verblüffende Klang-Ergebnisse? ‚Hören‘ Sie, was da in der Partitur steht? Das ist richtig, das setze ich mir im Kopf zusammen. Manchmal gibt es von Werken, beispielsweise aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, keine Partituren; da wurden oft nur einzelne Stimmen überliefert. Dann muss ich diese ganzen Stimmen zurechtlegen – von Sopran eins, Sopran zwei bis zu Bass eins, Bass zwei und dann das ganze Orchester darunter. Ich gehe es sozusagen Stück für Stück durch. Bis es anfängt, in meinem Kopf so zu klingen, wie es klingen kann. Bis sich sozusagen diese schwarzen Kritzeleien auf dem Papier zu einem Klang in meinem Kopf umsetzen. All das ist eine Frage von Zeit und auch von Erfahrung. Früher konnte ich das nicht. Aber wenn man so was eine ganze Weile macht ... Dabei kommt mir zugute, dass ich eigentlich ein ganz lausiger Pianist bin. Mein Klavierspiel ist immer nur sehr rudimentär geblieben. Das hat aber auf der anderen Seite den Vorteil, dass ich alles im Kopf machen muss. So etwas zwingt einen natürlich auch, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln, die man möglicherweise als Pianist nicht so entwickeln muss, weil es dafür keine zwingende Notwendigkeit gibt. Gibt es ein Werk oder eine Persönlichkeit, die Sie in letzter Zeit sehr berührt hat? Es sind immer wieder die Werke derselben Komponisten: immer wieder Bach, immer wieder Mozart, Schumann, Verdi. Jedes Mal, wenn ich mich diesen Komponisten nähere, geht das Herz auf. Dann hat man aber auch wieder ein ganz tolles Werk von Haydn oder Bartok... Es ist eine sehr schwierige Frage, weil ich dann auch immer versuche, mich in das Projekt ganz zu versenken, an dem ich gerade arbeite. Man muss eigentlich dem, was man gerade macht und auch zur Aufführung bringt, mit der größtmöglichen Liebe begegnen – dann überträgt sich das auch auf das Publikum. Sie werden 2011 zusammen mit Sebastian Baumgarten den „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festspielen realisieren. Hat diese Oper die Aktualität und die Fähigkeit, uns heute noch zu berühren? Es ist für jedes große Kunstwerk, unabhängig von der Zeit, in der es geschrieben wurde, ob im 20., im 19. oder auch im 15. Jahrhundert, auch ein Zeichen für seine Qualität, dass es uns heute, losgelöst von seinem historischen Kontext, total zu berühren und zu begeistern vermag. Ds ist eigentlich das einzige Kriterium. Wenn wir einer Sache mit Desinteresse, Verständnislosigkeit oder auch Langeweile gegenübertreten, dann können zwei Dinge passiert sein. Entweder hat unser Hörvermögen so nachgelassen und wir haben so wenige „Tentakeln“ für diese Kunstwerke, haben so viele Beurteilungsmöglichkeiten verloren gegenüber den Kunstwerken vergangener Jahrhunderte, dass wir schlicht nicht erkennen, wie grandios diese Werke sind. Oder aber diese Werke sind wirklich nicht bedeutend. Natürlich gibt es unzählige Kunstwerke, nicht nur in der Musik, sondern in allen Bereichen der Kunst, die vielleicht wirklich nur für den Tag geschrieben worden sind und an die man völlig zu recht keinen Anspruch auf bleibende Dauer stellen sollte. Bei Tannhäuser ist das sicherlich anders. Wagner ist ein grandioser Theatermusiker gewesen und alle seine Werke zumindest ab dem „Fliegenden Holländer“ und „Rienzi“ bekommen auch deswegen diese Aufmerksamkeit. Nicht, weil wir irgendeinen Kult pfleKulturGut 01 | Seite

gen, der uns aufoktroyiert ist; dann würden die Leute gar nicht mehr kommen. Wagner ist an der Abendkasse ein „Seller“ – das heißt auch, dass die Menschen von dieser Musik begeistert und berührt sind. Sie gastieren auch in diesem Jahr mit dem Balthasar-NeumannOrchster auf dem Mozartfest und beraten die Festspielleitung. Wie kann sich das Mozartfest zukünftigig entwickeln? Ich glaube, dass es ganz fantastische Möglichkeiten für das Mozartfest gibt. Würzburg ist an sich zunächst einmal eine sehr alte und gefestigte Kulturstadt mit wunderbaren und unnachahmlichen Räumlichkeiten für die Aufführungen mit der Residenz, dem Schlossgarten und den anderen Spielmöglichkeiten. Wenn man die Größe der Stadt im Blick hat, hat man hier schon über Jahre und Jahrzehnte ein ganz interessantes Festival gemacht. Und mit Christian Kabitz hat man jemanden, der das Ganze mit zusätzlichen Ideen, die noch ein bisschen mehr am Puls der Zeit sind, auf eine Weise prägen wird, dass Würzburg ein sehr wichtiges Datum in der deutschen Festival-Landschaft werden wird. Wie ist das, nach Würzburg zurückzukommen? Ich habe vier Jahre in Würzburg studiert, habe dort die Aufnahmeprüfung gemacht und mein Studium als noch nicht einmal 16-Jähriger begonnen. Das waren natürlich ganz prägende Jahre damals bei Conrad von der Goltz an der Geige. Später bin ich dann nach Freiburg gegangen und habe mich mit verschiedenen Meisterprüfungen weitergebildet. Es war eine prägende und auch sehr schöne Zeit, auch verbunden mit den vielen Konzerten, die ich damals schon als Student beim Mozartfest in einem Orchester aus Professoren und Studenten der Musikhochschule gegeben habe. Ich war dann auch in den letzten Jahren mehrmals Gast beim Mozartfest, bin also immer wieder zurückgekommen. Insofern war mir die Idee, wieder hier zu gastieren, sehr sympathisch. Ich freue mich sehr auf das tolle Programm – mit diesen drei letzten Mozartsymphonien, was im fertigen Bild wie eine Reise ist – und auch das Nachtkonzert mit dem Chor. Auch zum Abschluss-Konzert kommt mit Jennifer Larmore ein großer Star. Sie singt zur Zeit an der Metropolitan Opera. Ja, das Publikum kann sich auf unglaublich schöne, berührende, romantische Musik freuen.

InfoS: Thomas Hengelbrock auf dem Mozartfest 5. und 6. Juni: Thomas Hengelbrock und sein Balthasar-Neumann-Ensemble eröffnen als „artists in residence” das Mozartfest mit den letzten drei Mozart-Symphonien 5. Juni: Der Balthasar-Neumann-Chor lädt zu einer romantischen Chornacht ein mit nächtlichen Gesängen von Brahms, Reger, Schumann und anderen 3. und 4. Juli: Abschluss-Konzert mit Thomas Hengelbrock: Belcanto-Arien mit Jennifer ­Larmore und Schuberts große C-Dur-Symphonie Weitere Termine: | www.mozartfest-wuerzburg.de | www.thomas-hengelbrock.com

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Die Zeit der einsamen Trommler ist vorbei Raum wird Klang. Chancen für Drum-Orchester der Sing- und Musikschule von Kurt Niederhausen

+ 15 Jahre lang hallten die Schläge der Musikschüler aus einem Klassenraum der Zellerauer Grundschule. Dann brauchte das benachbarte Friedrich-Koenig-Gymnasium dieses Zimmer. Der Drums- und Percussion-Unterricht der Sing- und Musikschule musste in ein schmales Provisorium umziehen. Wörtlich schmal. Hier konnten keine zwei Instrumente nebeneinander stehen. Ende Februar jedoch zug Thomas Hupp, einziger Vollzeit-Trommellehrer des Zweckverbands, eine neue Bleibe, ins Grombühl, in den Anbau hinter der Pestalozzischule. Darin stehen sich nun wieder zwei RockDrumsets gegenüber, Trommeln für den Einzelgebrauch, Bongos auf Stativen, Becken – Stoff jeder Art breitet sich zu einem See aus. Ein Ufer flankieren Schränke und das etwas ältliche Vibraphon. „Wenn man in solch einen Raum tritt, hat man gleich ein ganz anderes Grund-Feeling“, schwärmt Hupp. Und die Akustik klingt auch gut. Anders als in dem gang-förmigen Notbehelf können wieder mehrere Schüler zusammen üben. Das nächste Ziel, das die Probemöglichkeiten voll nutzen soll, ist denn auch die Gründung eines SechserEnsembles, genauer: eines American Drum-Choir. Solche Gruppen interpretieren ein breitgefächertes Repertoire von Märschen bis zu Latin-Rhythmen, was sie von traditionellen deutschen Spielmannszügen unterscheidet: bei Auftritten sicher eine exotische Bereicherung des hiesigen Musiklebens. Wie weit die Würzburger Laien-Schlagzeugerausbildung ins Umland ausstrahlt, lässt sich am Schülerkreis ermessen: Jonas, der die Singund Musikschule heuer beim Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ vertrat, reist wöchentlich aus Faulbach bei Miltenberg an. Von der neuen Infrastruktur verspricht sich Thomas Hupp auch eine regere Teilnahme von Würzburgern an diesem motivierenden Leistungsmessen.

InfoS: Rock- und Jazzdrums, Percussionsrhythmen aller

Erdteile: das Schlagwerk-Angebot der Sing- und Musikschule richtet sich an den Bedürfnissen von Einzelschülern aus. Je nach Interessenlage können Ensembles gebildet werden. | www.musikschule-wuerzburg.de KulturGut 01 | Seite

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KulturGut – zum Kennenlernen und Verlieben.

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Antwortkarte schon weg? Rufen Sie uns an: Telefon +49 (0)931 32 99 90

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Was bedeuten diese ganzen Register? Die Akkordeonistin Andrea Carola Kiefer von Iris Wrede

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+ Ist die Vielstimmigkeit des Instruments auch Charakteristikum für die Spielerin selbst? Die Akkordeonistin Andrea Carola Kiefer kann man auf dem Kongress „Contemporary Music Meets Heavy Metal“ an der Musikhochschule Köln ebenso antreffen wie auf den Weltmusiktagen oder in der Würzburger Deutschhauskirche. Die Projekte sprudeln nur so aus ihr heraus, und wenn sie von der Zusammenarbeit mit Komponisten der zeitgenössischen Kammermusik erzählt, gerät sie ins Schwärmen. Manch ein Musikstück gäbe es heute wohl nicht ohne ihre Frage: Willst du nicht etwas für das Akkordeon schreiben? Als Akkordeonspielerin ist man in der deutschen Konzertlandschaft immer noch „besonders“, sagt Kiefer: Ihr Plädoyer für ein nicht selbstverständliches Instrument lässt sich hören. Das Instrument wird oft falsch eingeordnet. Wie begegnen Sie den Vorbehalten? In Deutschland trifft man auf so viele Vorurteile. Als Akkordeonist ist man immer ein bisschen ‚besonders‘, denn Akkordeon wird meistens mit anderer Musik verbunden. Ich muss oft erklären: Nein, ich spiele nicht den Anton aus Tirol in der Kirche. Hier muss man viel rechtfertigen, warum das Instrument passt. Manche stellen sich das Instrument eben oft nur im Musikantenstadel vor. Das Instrument hat so viel Potenzial! Mit dem Akkordeon kann man die Musik von Johann Sebastian Bach in Originalform spielen – Note für Note – man muss sie nicht transkibieren. Lange liegende Töne werden lediglich etwas gekürzt zugunsten einer anderen Polyphonie – in etwa vergleichbar mit dem Cembalo. Man liest so oft: Jetzt hat das Akkordeon den Bach vereinfacht. Das stimmt aber nicht. Wie kann man sich Ihre Arbeit mit den Komponisten vorstellen? Ich konzentriere mich ja auf zeitgenössische Musik. Ich genieße es sehr, dass ich die Chance habe, mit den Komponisten direkt in Kontakt zu treten. Viele nehmen das sehr positiv auf. Manchmal haben die Komponisten auch Fragen: Was ist auf dem Akkordeon möglich, was ist der Tonumfang, was bedeuten diese ganzen Register und wie ist dann das Klangresultat? Ich habe bei einigen Stücken intensiv mitgewirkt, manche sind sehr offen und performativ, sie lassen dem Spieler viel Freiraum, z. B. wenn die Stimme mit eingebunden wird. Oft ergibt sich eine gute, bereichernde Zusammenarbeit. Zum Beispiel gab es für das Ensemble Trialoge mit Harfe, Cello und Akkordeon definitiv keine Stücke. Wir haben Stücke übertragen und selbst arrangiert, z. B. von Mozart, Piazzolla und Händel, aber natürlich hat es uns interessiert, Originalliteratur zu spielen. Daher habe ich einfach Komponisten angesprochen. Das hat gut funktioniert, wir haben zwei volle Programme zusammenbekommen, also relativ viele Stücke auch bekannterer Komponisten der Gegenwart. Es beruht auf Gegenseitigkeit: Wir können natürlich nicht die großen Kompositionsaufträge geben, aber unsere Besetzung hat Interesse geweckt. Und wir haben das anschließend quasi durch Aufführungen ‚abgearbeitet‘. Sie waren zwei Jahre zum Auslandsstudium in Helsinki und ­schließen dort gerade ihr Doktorstudium ab. Was macht Finnland so spannend? Ich wollte unbedingt nach Finnland, weil es das interessanteste Land für mich und mein Instrument ist. Das Akkordeon ist in Finnland so selbstverständlich in der Musiklandschaft integriert und etabliert. Man ist auch an der Akademie als Musiker wie jeder andere akzeptiert. KulturGut 01 | Seite

Das Repertoire ist breit angelegt. Es gibt dort nicht diese Abgrenzung zwischen klassischer und Neuer Musik, Jazz, Improvisation und Volksmusik. Mein Lehrer an der Sibelius-Akademie vertritt zum Beispiel die Meinung, dass jede Art von Musik, die gut gespielt wird, eine Existenzberechtigung hat. Das Akkordeon ist viel selbstverständlicher in die Konzertlandschaft eingebunden. Es gibt in Finnland sehr viel zeitgenössische Literatur für das Akkordeon – darauf habe ich mich dann auch konzentriert. Es hat mir dort so gut gefallen, dass ich nach meinem ersten Jahr das Doktorstudium als Aufbaustudium angehängt habe. Seit drei Jahren pendle ich jetzt immer wieder nach Finnland. Was ist anders an den finnischen Universitäten? Ich hatte in Deutschland gerade im Hauptfach ganz tolle Lehrer, gerade auch in Würzburg wäre ich sonst sicherlich nicht so lange geblieben. Aber ich finde, die Studienbedingungen sind in Finnland allgemein offener und relaxter als in Deutschland. Es wird viel Wert auf Eigenverantwortung gelegt. Man kann als Student die Säle mit Veranstaltungen nutzen. Wenn sie frei sind, darf man eigenverantwortlich ein Konzert anmelden. Wenn man später freiberuflich tätig sein will, kann man nicht einfach warten, bis die Leute auf einen zukommen. Es ist wichtig, schon während des Studiums Fähigkeiten zu erlangen, sich selbst zu managen. In Deutschland kommt diese Einstellung erst langsam. Die Studenten sollten auch das Elementare lernen: Bewerbung schreiben, Programmheft zusammenstellen, die benötigte Technik klären. Sie entwickeln ja auch viele Ihrer Projekte selbst… Das ist das, was ich am liebsten mache: selbst Projekte initiieren oder organisieren, bei denen ich den Inhalt mitbestimmen oder zum Teil gestalten kann. Dabei verfolge ich oft Rahmenthemen wie Länderschwerpunkte, Komponistenporträts, inhaltliche Themen und strebe immer mehr die Vernetzung verschiedener Kunst- und Ausdrucksformen an. Ich habe Projekte mit Video, Tanz, Elektronik, Schauspiel, Sprache und Installationen organisiert und daran mitgewirkt. Oft habe ich eine Programmidee, schreibe mögliche Partner an, organisiere den Konzertsaal. Trotzdem muss man damit leben, dass man in manche Projekte viel Energie umsonst investiert; ich habe schon das Gefühl, Musik und Kultur haben speziell im letzten Jahr sehr unter der Krise zu leiden gehabt. Im Moment suchen wir auch noch einen Sponsor – wir haben eine Einladung zum zeitgenössischen Musikfestival in China. Wenn sich also jemand für die Reisekosten finden würde, würden wir uns sehr freuen.

InfoS: 17. April, 20 Uhr, Deutschhauskirche:

Dufay Ensemble – Neue Musik aus Finnland für Stimmen, Akkordon, Live-Elektronik | www.a.kkor.de/on Andrea Carola Kiefer studierte am Hermann-Zilcher-Konservatorium und der Hochschule für Musik Würzburg. Neben zeitgenössischem und barockem Solorepertoire widmet sie sich in vielfältigen Besetzungen der Kammermusikliteratur. Sie wirkte bei diversen Rundfunkaufnahmen, CD-Einspielungen und Hörspielproduktionen mit.

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 | Musik | 

 | Termine  | 

Junge ­Philharmonie Würzburg 10. und 11. April Das junge Projektorchester für gute Nachwuchs-Instrumentalisten in der ganzen Region studiert Stücke ein, die nicht jedes Ensemble im Repertoire hat. Sehr bekannt ist die Frühlingsauswahl dennoch: Joaquin Rodrigos „Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester“ wurde von Miles Davis unter dem Titel „Sketches of Spain“ ein anspruchsvoller Ohrwurm. Nach der Spanienfahrt geht’s auf eine Zeitreise. Aus Anlass des 200. Geburtstages Robert Schumanns und passend zum Thema Frühlingsbeginn interpretiert die Junge Philharmonie Würzburg einschlägig ausgewählte Werke. Am Samstag um 19.30 Uhr in der Wolfskeelhalle Reichenberg, am Sonntag um 18 Uhr in der Hochschule für Musik. | www.junge-philharmonie-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Diva Meets Jazz ab 10. April, 20 Uhr, Bronnbach Künstlerkeller Manche Crossover-Programme machen den Fehler, dass sie zuviel in einen Abend reinpacken. Das kann Martin Platz am Klavier und der Sängerin Antje „Georgina“ Hagen aka Diva nicht passieren. Für ihren historischen Bummel durch die Sparten nehmen sie sich einfach drei Samstage lang Zeit. In Zweiwochenabständen folgen die Meets-Programme 2 und 3 dann am 24. April und am 8. Mai, wenn Joachim Werner als Barpianist seinen Kollegen (der übrigens den Würzburger Jazzchor leitet) vertritt. | www.bronnbach-kuenstlerkeller.de ++++++++++++++++++++++++

The Notwist 14. April, 21 Uhr, Posthalle The Notwist sind akribische Soundtüftler, die nichts dem Zufall überlassen. Elemente aus Pop, Jazz und Electronica erschaffen eine Atmosphäre, in der sich nicht nur Kids wohlfühlen. The Notwist spielen ausgesprochene Erwachsenenmusik, in den Feuilletons vielfach als Weilheim-Szene geadelt. | www.posthalle.de ++++++++++++++++++++++++

Hot Club d’Allemagne 25. und 26. April, 20 Uhr, Zehntscheune im Weingut Juliusspital Den Zigeunerjazz-Altmeistern Django Reinhardt und Stéphane Grappelli huldigt der Hot Club d‘Allgemagne und lädt zu einem Rendezvous mit ausgewählten Stücken im Rahmen der 23. Kulturtage im Weingut Juliusspital. Reinhardt wird nicht zu Unrecht bis heute als stilbildend bewundert. Hinter seiner Ohrwurmqualität prescht eine ungeheure, ja bisweilen sogar rohe Energie über das Griffbrett. Seine Band hieß Hot Club de France, womit sich auch der Name der zweimaligen Gäste erklärt. ++++++++++++++++++++++++

Susanne Alt & Band 29. April, 20 Uhr, Bronnbach Künstlerkeller Sie wuchs in Würzburg auf, zog zum Saxophonstudium in die Niederlande. Ausbildung vom Feinsten in Hilversum, anschließend Berlin, jetzt wieder Amsterdam. Seit Jahren werkelt sie an einem Termin in ihrer alten Heimat, hier ist er: entspannter, flockiger Jazz

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im Quartett mit Thijs Cuppen (Piano), Sven Schuster (Bass) und Philippe Lemm (Drums). ++++++++++++++++++++++++

Mahler und Brahms 20. und 21. Mai, 20 Uhr, Hochschule für Musik Das Philharmonische Orchester Würzburg gibt unter Leitung von Jonathan Seers das fünfte und letzte Sinfoniekonzert der Saison. Mahlers Fünfte steht an, die erste Sinfonie der Musikgeschichte, die nicht mit ihrem Hauptsatz beginnt. Bekannt wurde vor allem ein Zwischenspiel dieses Werks, das Luchino Viscontis Mann-Verfilmung „Der Tod in Venedig“ durchzieht. Zu Brahms’ Violinkonzert Opus 77 kommt Augustin Hadelich als Solist, 25 Jahre jung und, auch wenn man’s an seinen interkontinentalen Preisen abzählt, jetzt schon einer der Großen und Brillanten. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Mariana Ramos 23. Mai beim Africa ­Festival, Mainwiesen Auf der Suche nach neuen musikalischen Welten, fernab ihrer kapverdischen Wurzeln, entdeckte Mariana Ramos den Jazz für sich. Feinsinnig kombiniert sie diesen mit brasilianischen und afrikanischen Klängen zu einem einzigartigen Sound. | www.africafestival.org ++++++++++++++++++++++++


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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Musik | 

 | Termine  | 

Tuba und Streichquartett

My Little Pony

7. Juni, 20 Uhr, Kammermusiksaal der Musikhochschule an der Residenz

18. Juni, beim U & D, Mainwiesen

Das Studio für Neue Musik hat ein originelles Kammerprojekt des Beethoven-Orchesters Bonn zu Gast. Die fünf Musiker geben Stücke aus der Zeit zwischen 1905 (Anton von Webern) und 2009 (Joachim F. W. Schneider) mit deutlichem Schwergewicht auf den späteren Jahren.

Unser Tipp für ältere Semester, um mit Spaß und Gewinn übers Umsonst&Draußen-Festival zu schlendern: Passt den Auftritt dieses jungen Quintetts aus Norwegen ab. Es orientiert sich an John Lennon, Emmylou Harris und Brian Wilson. Und kreiert so eine ganz eigene Version aus verspieltem Pop-Folk mit bezaubernden Melodien. | www.umsonst-und-draussen.de

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Nachtmusiken 13. und 27. Juni, je 21 Uhr, Hofgarten der Residenz Das Mozartfest lebt. Die Entwicklung zeigt sich auch bei den Konzerten mit der größten Breitenwirkung, bei den Nachtmusiken im Freien. Der erste der beiden Termine ist diesmal jazzig angehaucht: Statt des Orchesters der Würzburger Musikhochschule tritt diesmal die Bigband der Studierenden auf. Solist ist der Berliner Jazzpianist Ekkehard Wölk mit seinen „Reflections on Mozart“. Im Vorverkauf kann man Karten für Sitzplätze nahe beim Orchester kaufen (30 bis 40 Euro); die gelten bei Regen auch für drinnen, in der nahe gelegenen Musikhochschule. Promenadenplätze gibt’s für zehn Euro nur an der Abendkasse, jedenfalls bei trockenem Wetter. Bei Regen fällt das Open Air aus. Den zweiten Termin bestreitet traditionsgemäß das Philharmonische Orchester Würzburg. Das stellt seinen neuen Soloposaunisten Hannes Hölzl vor. | www.mozartfest.de ++++++++++++++++++++++++

Nacht der Improvisation 18. Juni, 21 Uhr, St. Burkard Der Titel „Endzeit – Unzeit“ variiert den organisatorischen Rahmen, in dem die Musiker auftreten. Denn sie beteiligen sich an der Reihe „Endspiel. Würzburger Apokalypse 2010”. Spontan und unvorbereitet treffen sich die Instrumentalisten. Es zählt hier nur der Zauber des Moments.

Routine auf, und das kommt der künstlerischen Haltung sehr zugute. Trotz seines romantischen Namens hat das MCO sich auch in alle großen Opern Mozarts eingearbeitet. Beim Würzburger Mozartfest werden die Sinfonien 10 und 40 in einer ungewohnten Weise erklingen, verspricht Dirigent Andrew Manze, der 45-jährige Spezialist für historische Aufführungspraxis – wohlgemerkt der Barockmusik, in der er sich als Violinist einen Namen machte. Als drittes Werk dieser zwei Abende im Würzburger Schloss steht Mozarts Sinfonia concertante für Violine und Viola auf dem Programm. Solisten sind die beiden jungen Aufsteiger Janine Jansen und Julian Rachlin. Vielleicht wird man sie, was Prominenz anbelangt, bald in einem Atemzug mit der Sängerin Anna Netrebko nennen. Die Musiker des Mahler Chamber Orchestra würden sich jedenfalls nicht sehr wundern. Sie spielten mit dem russischen Sopranstar ja schon einen Arienzyklus auf CD ein. | www.mozartfest.de ++++++++++++++++++++++++

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Mahler Chamber Orchestra 19. und 20. Juni, 20 Uhr, Kaisersaal der Residenz Jung gehalten hat sich das rund 40-köpfige Ensemble, das vor 13 Jahren aus Claudio Abbados Jugendorchester hervorging und zu einem profilierten Klangkörper aufstieg. So, wie das MCO international besetzt ist, ist denn auch ganz Europa gewissermaßen der Sitz des Orchesters. Denn das fungiert an mehreren Opernhäusern als Orchestra in Residence, kommt also stets in einer besonderen Arbeitssituation zum Proben und Konzertieren zusammen. Da kommt so schnell keine KulturGut 01 | Seite

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Orgel – vierhändig und vierfüßig 19. Juni, 19.30 Uhr, Augustinerkirche Ein Wiederhören mit Michael Bottenhorn, der in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts am Kiliansdom assistierte, ist zugleich die Gelegenheit, seine Angetraute Hye-Young Bottenhorn kennen zu lernen. Das Dekanatskantorenpaar aus Neunkirchen / Saar lädt bei freiem Eintritt zu teils massiven Klangkaskaden. Sie geben zwei Kompositionen für Orgelduo aus dem 20. Jahrhundert und Transkriptionen von Werken César Francks und Felix Mendelssohn Bartholdys.


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Das Innerste nach außen! Gastregisseur Christoph Diem inszeniert am Mainfranken-Theater „Von Mäusen und Menschen“. Premiere ist am 22. Mai von Joachim Fildhaut

+ Kreckeledex kreckeledex – Schellackrillen knistern ins große Schauspielhaus. Ein einziger Takt eines Dreißiger-Jahre-Folksongs genügt, um Images aus den Vereinigten Staaten über etliche Jahrzehnte und einen halben Globus hinweg zu senden. Der Regisseur Christoph Diem setzt die alte Musik und ihr analoges Speichermedium gezielt in seiner Inszenierung „Von Mäusen und Menschen“ ein. „Der Zuschauer ist sofort im richtigen dramatischen Genre“, sagt der 39-Jährige, der es zumindest von Berufs wegen keinesfalls bedauert, dass „die Amerikaner es geschafft haben, der gesamten westlichen Gesellschaft ihren Stempel aufzudrücken“. Denn die kulturelle Vormachtstellung schafft eine Ikonographie kollektiver Mythen. Mit der kann man arbeiten. Und schon allein eine geschickt ausgewählte Musik „baut viel Bühne auf“, formuliert Diem: „Die schafft ein Bett, in das man sich reinsetzen kann.“

Was die Amerikaner können US-Autoren um die Mitte des 20. Jahrhunderts bilden einen Schwerpunkt im weitgespannten Schaffen des Flimm-Schülers. In Würzburg stellte er sich vor zwei Jahren mit „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ vor. Er nutzte den festen Boden der Südstaaten, um richtig abzuheben. Seine „Katze“ sprang aus ihrer Raum- und Zeitverankerung und zeigte großes Welttheater. Wer aus Farmersleuten solche Helden schaffen kann, braucht als Textgrundlage keinen Shakespeare. Einmal hat Christoph Diem es übrigens direkt mit dem alten Engländer versucht und festgestellt: „Bei dem bin ich nicht so gut.“ Vielleicht liegt das mit an der historischen Entfernung der elisabethanischen Sprache. Der Regisseur geht nämlich unmittelbar und sinnlich an die literarische Überlieferung heran. Wenn Diem Dramen aus dem angelsächsischen Sprachraum inszeniert, liest er sie erstmal im OrigiKulturGut 01 | Seite

nal: „Dabei bekomme ich ein Gefühl für die Musikalität.“ Und offenbar steht er der modernen Musikalität näher. John Steinbecks Schauspiel hat er selbst neu übersetzt. Was ihn außerdem stets erneut zu seinem transatlantischen Themengebiet zieht: „Ich mag Stücke, in denen viel gesprochen wird, in denen die Akteure ihr Inneres nach außen stülpen. Das können die Amerikaner!“ Wenn er seine Figuren dabei so konsequent entzeitlicht wie in seinen besten Regie-Arbeiten – warum greift er nicht mal direkt zur antiken griechischen Tragödie? „Das macht mir mehr Mühe als Freude. Ich schau mir das gern von Regisseuren an, die das besser können als ich.“ Ihm selbst stellen sich bei der Lektüre der attischen Klassiker keine inneren Bilder ein, und so bescheidet er sich, niemand müsse ja partout alles können. Obwohl es für ihn wichtig bleibt, die eigenen Fähigkeiten immer neu auszuprobieren. Aber mit dieser Offenheit wird er sich eher Shakespeare als Sophokles zuwenden – vielleicht irgendwann in den nächsten Jahrzehnten…

Überraschungen vom Casting Bleiben wir in Gegenwart und baldiger Zukunft. Am Saarbrückener Staatsttheater leitet Diem die genre-übergreifende Experimentalbühne sparte 4. Sein Auftrag: Erfinde einen Ort für Leute zwischen 25 und 40, die nicht ins Theater gehen! So, wie Würzburger Publikumsneulinge vor zwei Jahren von seiner Tennessee-Williams-Inszenierung erfahren konnten, wie großes Theater geht, so kommt ihnen der Gastregisseur auch in dieser Spielzeit entgegen. Bei John Steinbeck treten ja Menschen und ein niedliches Mäuschen auf, deren Rollen einigen Würzburger Ensemble-Mitgliedern auf den Leib geschrieben scheinen. Doch nicht jede Figur ist ganz naheliegend besetzt: „Es sind auch ein paar echte Überraschungen dabei“, verspricht Diem.

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„Herauszufinden, wie man in dieses Jammertal geraten ist… das kann schadenfröhlich sein“, charakterisiert Diem seine aktuelle Lesart von Brechts „Mann ist Mann“ am Staatstheater ­Saarbrücken.

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Amok unter Tage Der Leonhard-Frank-Preis prämiert Gegenwartsthemen und Zukunftsästhetik. Trotzdem ist er seinem Patron eng verpflichtet von Christine Weisner / Foto: Gabriela Knoch

+ Alljährlich im Juni strömt eine kleine, aber stetig wachsende Fangemeinde hinunter in die Kammerspiele des Würzburger Mainfranken Theaters. Schauspieler stellen dort die besten Stücke aus dem Leonhard-Frank-Wettbewerb vor. Vier Vor-Uraufführungen gibt’s, denn eine Wettbewerbsbedingung lautet: Die Texte müssen unaufgeführt sein. Das Publikum erlebt also mit, wie Theaterstücke das Licht der Welt erblicken. Noch kommen sie ohne ausgefeilte Inszenierung, Kulissen, Requisiten und Kostüme aus. Vieles wird nur angedeutet. Aber dennoch: Zum ersten Mal entstehen aus den trockenen Buchstaben von Computerausdrucken dramatische Handlungen und Figuren, die die Schauspieler mit ihren Gesichtern, Gesten und Stimmen zum Leben erwecken. Man ist live dabei, wie die Stücke erstmals Gestalt annehmen. Zum krönenden Abschluss wird das Siegerstück prämiert und vom Intendanten Hermann Schneider in einer Laudatio gewürdigt. Damit ist der offizielle Teil zu Ende und man schreitet gern zu einer Party, bei der Ensemble, Publikum und Autoren zwanglos zusammenkommen. Für die anschließenden Monate ist der Schritt von der szenischen Lesung zur kompletten Inszenierung vorgesehen. Den Wettbewerbsteilnehmern wird zwar nicht garantiert, dass man das Siegerstück auf der Bühne umsetzt, aber eben dies wird doch angestrebt. So konnte man im November 2007 in den Kammerspielen erleben, wie sich Sigrid Behrens’ Text „Unter Tage“ weiterentwickelt hatte (siehe Foto). Und am 15. Mai 2010 hat das Stück „BRD Fragmente“ seine Uraufführung, mit dem Johanna Kaptein den Leonhard-Frank-Preis 2009 gewann. Im vergangenen Jahr wurde auch Klaas Huizings „In Schrebers Garten“ gelesen – außer Konkurrenz, aber dennoch nicht ohne Folgen: Die Uraufführung im Großen Haus ist für Februar 2011 im Spielplan vermerkt.

ken Theater und die Leonhard-Frank-Gesellschaft im Jahr 2007 die Würzburger Autorentheatertage aus der Taufe gehoben. Warum? Ganz besonders kommt es den Machern auf die Verankerung in der Region an. Das heimische Publikum soll dabeisein können, wenn neue, aktuelle Theaterstücke entstehen. Es soll die Chance haben, Werke junger Autoren als erstes zu sehen und vielleicht sogar einmal einen künftigen Star der Theaterliteratur schon am Beginn seiner Karriere kennen zu lernen. Darüber hinaus soll der Preis Leonhard Frank als ein bedeutender Würzburger Schriftsteller würdigen. Er ist mit 4000 Euro vergleichsweise hoch dotiert - als Wertschätzung für die mühselige Schreibtischarbeit der Autoren und als Förderung der Theaterliteratur im Allgemeinen.

Zeitdiagnosen Leonhard Frank dient nicht nur als Namensgeber. Zwar haben die Themen der Ausschreibungen keinen direkten Bezug zum Werk des Schriftstellers. Aber sein linkes und pazifistisches Engagement, sein Blick auf soziale Verhältnisse geben die Richtung vor. Themen wie „Ohne Arbeit – ohne Zukunft!“ und „Glaubenskriege im 21. Jahrhundert“ beziehen politische Perspektiven ausdrücklich mit ein. Ihre dramatische Behandlung soll eine „Zeitdiagnose“ sein. Das Thema 2010 lautet „Amok“. Anlass hierfür waren Ereignisse wie der Amoklauf von Winnenden oder der brutale Totschlag auf dem SBahnhof von Solln. Derzeit beschäftigt sich die fünfköpfige Preisjury mit den rund 50 eingesandten Texten. Die besten vier werden bei den Autorentheatertagen in der Kammer laut.

Info: Zeitdiagnosen. Leonard-Frank-Preis

Ein junger Preis

15. Mai, 20 Uhr: BRD Fragmente. Uraufführung 11. Juni, 18 Uhr: Szenische Lesungen zum Thema Amok in den Kammerspielen des Mainfranken Theaters Würzburg

Autorentheatertage gibt es auch in anderen Städten; so lockt beispielsweise der Heidelberger Stückemarkt schon seit mehr als 20 Jahren junge Autorinnen und Autoren an. Dennoch haben das MainfranKulturGut 01 | Seite

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Foto: Heidelberger Druckmaschinen AG

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„Rummel in Rimini“ 1986 am Neunerplatz.

Vierteljahrhundertkind Das Konzept des Theaters am Neunerplatz feiert Jubiläum. Schweizer Präzisionsidee mit vorprogrammierter Fluktuation von Peter Sandkopf

+ Projektbezogen nennt man das heute. Als Thomas Heinemann vor 25 Jahren in der Zellerau erstmals eine Gruppe Kinder um sich scharte, um mit ihnen Theater zu spielen, da ging es ihm nicht in erster Linie um bühnengestützte Sozialarbeit. Er hatte auch keine Laienspiele im Sinn, die einstudiert werden, um dann ein- oder zweimal vor Verwandten und Freunden zu laufen und dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Die Kinder sollten Freude am szenischen Gestalten finden, zu einer stimmigen Inszenierung beitragen und so viel KulturGut 01 | Seite

Schwung daraus gewinnen, dass sie spielplanfüllend hintereinander weg eine Aufführung nach der anderen bestreiten. Das Prinzip war im Gründungsjahr 15 Jahre alt, realisiert vom Kindertheater Basel. Das Theater am Neunerplatz war die erste Kinder-fürKinder-Bühne auf deutschem Boden. Wobei: Auch die Erwachsenen fühlten sich nicht als mitgeschleppte Aufpasser. Die Stücke waren so gut gebaut und mit so viel Sprachwitz gespickt, dass sie jedes Lebensalter prächtig unterhielten. Außerdem gab es den doppelten drama-

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tischen Knoten in Heinemanns Themen und Motiven: Wie im Genre üblich, lief die Handlung gern auf den Lobpreis von Freundschaft und Solidarität hinaus. Aber daneben lag dem fleißigen Autor auch noch das Prinzip „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ am Herzen – und das sorgte für Überraschung und Staunen im Zuschauerraum. Eins stellte sich logisch ein: erhebliche Fluktuation im Ensemble. Mancher kleine Mime blieb seinem Hobby zwar einige Jahre lang treu, aber vielleicht stand Heinemann ein paarmal zu oft vor der Notwendigkeit, neue Leute einzugliedern. Ende des Jahrtausends wirkte er jedenfalls auf Außenstehende bisweilen etwas mürbe – Theatermachen ist aufwändig und nicht sehr ertragreich. Derweil hatte er sich als Drehbuchautor für Fernsehen und Film einen Namen erschrieben. Konsequenz: Im Jahr 2000 zog er aus Würzburg fort. Das Theater am Neunerplatz war immerhin so gut eingeführt, dass gleich zwei Betreibergruppen um die Nachfolge konkurrierten. Am Platz blieb das Team Neunerplatz, das in den Jahren zuvor schon hier gewirkt hatte. Denn zwischen die Kinderstücke rückte immer wieder Theater für Erwachsene, Fortsetzungskrimis, die ersten Erwin-PelzigErfolge… Von Anbeginn gehörte der Privatsinfoniker Wolfgang Salomon dazu, der Sound und Bühnenmusik für die Inszenierungen mach-

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te. KabarettistInnen konnten sich an der Kleinbühne erproben und spielten selbst bisweilen Kindertheater. Heike Mix wurde eine der aktivsten neuen Neunerplatzwartinnen, und Sven Höhnke übernahm die Bühnenbildnerei, für die Thomas Heinemann selbst ein starkes Faible gehabt hatte. Kleinkunst für die Großen trat in den ersten zehn Jahren unter neuer Leitung phasenweise etwas in den Vordergrund. Kindlicher Nachwuchs will schließlich immer wieder neu rekrutiert werden. Um das Vierteljahrhundert am Neunerplatz zu feiern, wagte Wolfgang Salomon sich an eine Neuinszenierung von „Paul und der Eisbärkönig“. Als Autor Heinemann sein Stück sah und die Ausführung klasse fand, war der Regisseur sehr, sehr erleichtert.

Info: ab 8. April, 19 Uhr: Anna und der König,

der aus dem Märchen fiel Kartenreservierungen Telefon 0931 415443 | www.theater-am-neunerplatz.de

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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Bühne | 

 | Termine  | 

pictures reframed 24. und 25. April, 20 Uhr, Tanzspeicher Der Würzburger Tanzlehrer und Choreograph Thomas K. Kopp zählt mit: work 3 nennt er den neuesten Beitrag zu seiner experimentellen Reihe „gegenwartsmoment“. „pictures reframed” heißt der neue Tanzabend auf seiner Bühne im rechten Flügel des Kulturspeichers. Gemeinsam mit dem Berliner Videokünstler Florian Karg richtet er den Fokus diesmal auf das Publikum als eigentlichen Performer des Abends. Aber keine Angst, Sie müssen nicht aktiv werden in diesem Stück! Die Zuschauer sind Akteure ohne Aktion, stehen aber gleichwohl im Mittelpunkt. | www.tanzspeicherwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Zwischen den Sternen 23. April, 20 Uhr, Zehntscheune des Juliusspitals Gänzlich unprätentiös bringt Oliver Steller erzählend und singend Zeilen Rainer Maria Rilkes auf die Bühne. Unterstützt von einer kleinen Musikcombo mit Gitarre, Kontrabass und Saxophon entsteht so ein nachdenklicher, aber auch humorvoller musikalischliterarischer Abend im Rahmen der Kulturtage des Juliusspitals. | www.juliusspital.de ++++++++++++++++++++++++

Verzeihung, ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckenden Irrsinn? 10. April bis 5. Juni, 19.30 Uhr, Mainfranken Theater

Auf der großen Bühne laufen Szenen in einer gutwillig so genannten Seniorenresidenz: Freudental. Stimmt das alles? Christian Lollikes Stück ist komisch bis hin zum Surrealismus, und diese Kunsthaltung zeigt auch latente Gewalt. Poetisch, aber auch kompromisslos direkt. Viele kleine Geschichten stellen die Regie vor die Frage, ob und wenn ja wie er dies alles unter ein Konzept bringen soll. Eins hilft ihm dabei: Das ganze Stück ist in einer grotesken Kunstsprache gehalten. | www.mainfrankentheater.de

Paul, der Tiefflieger

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Simone Solga

Die Dreigroschenoper

30. April, 20.15 Uhr, Bockshorn

16. April bis 9. Mai, 20 Uhr, Theater am Neunerplatz Nach einem Open-Air-Ausflug zum letztjährigen Hafensommer kehrt „Die Dreigroschenoper” zurück ins Theater. Die Inszenierung der beiden Drexler-Brüder mit umwerfend guten Sängerinnen und Sängern bürstet Berthold Brecht höchst originell gegen den Strich. Denn Brecht stellte künstliche Pappkameraden auf die Bühne. Die Figuren erheben gar nicht den Anspruch, psychologisch ernst genommen zu werden. Eben das leisten die Spieler am Neunerplatz aber, und wenn eine Forderung, obwohl gar nicht gestellt, dann doch erfüllt wird, dann kann das schon ganz arg erfreuen. Vor allem, weil es dem Ensemble tatsächlich gelingt, originelle Rollen mit kleinen Spleens, Macken und/oder großen Leidenschaften lebendig auszufüllen. Wider Erwarten sehen wir in dieser Farce auf Leben und Tod Menschen aus Fleisch und Blut. | www.neunerplatz.de ++++++++++++++++++++++++

27. April, 19.30 Uhr, Theater Augenblick Das Theater bei den Mainfränkischen Werkstätten entwickelt sich zu einer guten Adresse für Clownskunst. Der Berliner Gast Wolfgang Schneller kultiviert den Slapstick derart, dass es ihn glatt von seiner rohen Banane runterhaut. | www.theater-augenblick.de ++++++++++++++++++++++++

„Bei Merkels unterm Sofa” heißt das Programm der Solokabarettistin. Die schlüpft in die Rolle eines Mädchen für alles im Kanzleramt. Und wenn sie alles sagt, dann meint sie alles: Von der Schirmhalterin über das Kanzlerinnendekolletee bis zur Raumpflegerin, die nachschaut, was unter den Teppich gekehrt wurde. Dass sie die strengstgehüteten Geheimnisse deutscher Politik stets aktualisiert, versteht sich für sie von selbst. Sie ist jetzt schon bis Mai 2011 recht gut gebucht. | www.bockshorn.de ++++++++++++++++++++++++

Mathias Tretter 1. Mai, 20.15 Uhr, Bockshorn Im März holte er sich in Mainz den angesehensten Kleinkunstpreis für die Arbeit im Trio. Sein Programm „Staatsfeind Nr. 11“, entstanden unter der Regie von Mathias Repiscus, ist furchtloser, scharfzüngiger und politischer denn je. | www.bockshorn.de ++++++++++++++++++++++++

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 | Bühne | 

Foto: Inka Meyer

 | Termine  | 

Halbe Wahrheiten

Le nozze di Figaro

13. Mai bis 20. Juni, 20 Uhr (So 20.30 Uhr), Theater Chambinzky

ab 19. Juni, Mainfranken Theater

Würzburgs führende Boulevardbühne macht uns recht systematisch mit dem Schaffen des Briten Sir Alan Ayckbourn bekannt. In der Frühsommer-Inszenierung dreht sich alles um Liebe und Missverständnisse. | www.chambinzky.com ++++++++++++++++++++++++

Flüchtlingsgespräche 2. bis 19. Juni, 20 Uhr, Werkstattbühne Wolfgang Schulz inszenierte Berthold Brechts Collage und zeigt in dieser Wiederaufnahme, dass die „Flüchtlingsgespräche“ von 1940 auch heute noch nichts von ihrer Relevanz und Aktualität verloren haben. | www.werkstattbuehne.com ++++++++++++++++++++++++

Die Zauberflöte für Kinder 19. und 20. Juni Anlässlich des Mozartfests inszeniert das Theater Spielberg Mozarts Oper in einer kindgerechten Fassung als Figurentheater. Die Premiere läuft im Rahmen des Mozartfest-Kindertags auf der Festung Marienberg. Tags drauf gibt’s um 15.30 Uhr ein Heimspiel im Grombühl. | www.theater-spielberg.de ++++++++++++++++++++++++

Der Beitrag des Mainfranken Theaters zum Mozartfest ist in der Regel nicht Monate zuvor ausverkauft. So bietet sich jetzt noch die Gelegenheit, eine Premierenkarte zu ergattern. Und es lohnt sich. Die Würzburger Inszenierungen Mozartscher Opern gehörten in den letzten Jahren zu den modernen Zugriffen aufs Genre und hatten dabei schon an der üppigen optischen Oberfläche so viel Hand und Fuß, dass der Chor der traditionalistischen Kritiker nicht schmerzgebeutelt aufschrie. Aber jetzt wird’s spannend: Heuer verpflichtete man mit Marcus Lobbes einen Regisseur, der genau in dieser Richtung arbeitet, dessen hiesige „Tosca“-Inszenierung aber von den Lautesten im Würzburger Publikum seinerzeit nicht verstanden wurde. Überregionale Anerkennung blieb nicht aus: Marcus Lobbes wurde von der führenden Fachzeitschrift Theater heute 2008 zum besten Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Das erste Mal ab 17. Juni, Torturmtheater Sommerhausen Michael Walczak erhielt für dieses Stück den Europäischen Autorenpreis und bei der Verleihung Wünsche auf viele Inszenierungen. In das Programm und in die Ästhetik des Torturmtheaters passt „Das erste Mal“ hervorragend. Nicht nur wegen der schönen Tradition, mit der hier Paar-Dramen inszeniert werden. Auch die Ambivalenz zwischen Realität und Vorstellung wird vom Hausherrn Veit Relin immer wieder gern genommen. In diesem Fall möchte das Paar ein besonders perfektes erstes Mal hinlegen. KulturGut 01 | Seite

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Es spielt die Anläufe dazu immer wieder durch, um sich seinem Ziel wenigstens anzunähern. | www.torturmtheater.de ++++++++++++++++++++++++

> Kurztripp: Mannheim (1)

Frida Kahlo 10. April bis 5. Juli, Nationaltheater Mannheim Der barocke Stadtplan mit seinen rationalistisch durchnummerierten Straßen reizt manchen ja allein schon zu einem Besuch von „Monnem“. Termin für eine solche Kulturkurzreise könnten die Aufführungsdaten des jüngsten Balletts von Mannheims Hauschoreographin Dominique Dumais sein. Die nahm die verstörenden, gestörten Bilder der mexikanischen Malerin nicht als Vorlage, um sie in Bewegung zu setzen, sondern vom Konzept her als Selbstbefragungen der Künstlerin. Auf dieser Ebene – Kahlos Todesmotiv! – entwickelte Dumais eine reiche Bildsprache. Szenen aus dem Eheleben der Künstlerin fließen in Form des konventionellen Handlungsballetts in die Choreographie der Kanadierin ein. Die Musik kommt fast durchweg aus dem Orchestergraben. Der Schwerpunkt liegt auf Werken von Carlos Chávez und Ludwig Nussbichler, aber es gibt auch einen Meilenstein wie Edgar Varèses „Ionisation“ zu hören. 10., 22., 25. April, 22. Mai, 5. Juli. Theaterkasse: 0621 1680150. | www.nationaltheater-mannheim.de | wwww.tourist-mannheim.de


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Lesen lernen mit Klaas Huizing Am Wittelsbacher Platz residiert einer der originellsten Köpfe der Würzburger Universität. Der Professor für evangelische Theologie verfasst nicht nur die bekannten biographischen Romane von Gerriet Harms

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+ Die Hilfskraft reinigt gerade die Computertastatur des Chefs. Ja, Prof. Klaas Huizing schreibt viel. Das habe auch ich gemerkt: Um mich in sein Werk einzulesen, deckte ich mit Schriften aus der Universitätsbibliothek ein und schleppte mir einen krummen Buckel. Huizing ist auch Schriftsteller, und zwar, wie eine Münchner Tageszeitung meint, „einer der begabtesten unserer Zeit“. Das schüchtert ein. Daher bin ich, als sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Michael Bauer mir mitteilt, dass sein Chef gar nicht da und auch so schnell nicht zu erwarten sei, nicht erschüttert, sondern erleichtert. Außerdem macht Bauer einen recht gescheiten Eindruck, warum also nicht gleich ihn befragen? Sofort fängt er an, Bücher auf den Tisch zu häufen. Die meisten kenne ich von meinem Krafttraining. Dieses Foto aber ist mir neu. Ein Mann mit auffälliger Brille. Durch die blickt er, als sei gerade etwas ganz Schlimmes passiert. „Ist er das?“, frage ich vorsichtshalber. „Das ist er“, bestätigt Michael Bauer. „Aber so sieht er gar nicht mehr aus.“ Er zeigt ein anderes Bild: Längere Haare, höhere Stirn, die Brille keck obenauf gelegt. Dazu ein verhalten-breites Grinsen. Mich dünkt: Diesem Mann sitzt der Schalk nicht im Nacken, sondern im Gesicht. Wie Herr Huizing denn als Mensch sei, frage ich. Eingängig und farbig, so wie er schreibt? „Sehr witzig“, sagt Herr Bauer, und meint damit seinen Chef. Dessen Vorlesungen: die unterhaltsamsten weit und breit. „Ist er wirklich Theologe?“, frage ich noch vorsichtshalber. „Hm“, macht Herr Bauer und spitzt die Lippen, „so würde er sich nicht bezeichnen.“ Da schwinden ja die letzten Gewissheiten. Und wie hält er’s dann bitte mit der Religion?

Endzeit mit Betriebsanleitung Religion sei immer da, wo sich im Innern des Menschen etwas verändert, und zwar über das leiblich-affektive Erleben, dann erst über den Intellekt, fasst Bauer die Haltung von Prof. Huizing zusammen und gibt – ebenfalls ganz nach der Methode seines literarischen Chefs – einen Vergleich, wenn nicht gar ein Gleichnis. „Nehmen wir eine Betriebsanleitung“, holt Bauer aus. Die sei im Grunde nach einem eschatologischen, also heilsgeschichtlichen Schema aufgebaut. Am Anfang das Heilsversprechen: dem Käufer wird zum Kauf des Geräts gratuliert

und versichert, sein Leben werde von nun an ein leichteres sein. Jedoch, auch Sündenfälle kommen drin vor. Man soll das Gerät nicht in Wasser tunken, wird etwa geboten. Sonst geht es kaputt, muss entsorgt werden, und mit dem leichteren Leben ist es vorbei. Wenn man aber eine Betriebsanleitung so wie die Bibel lesen kann, gilt das dann auch umgekehrt? – Natürlich könne man die Bibel ganz dogmatisch lesen, wie einen Katalog von Verhaltensmaßregeln oder gleich als Drohfibel, sagt Michael Bauer. Doch gerade das tut Prof. Huizing nicht. Denn Huizing liest die Bibel wie gute Literatur.

Evangelisten als Schriftsteller Die Evangelien zum Beispiel. Bekanntlich handeln sie von Jesus von Nazareth, der damals in Palästina durch sein Leben, Reden und Handeln auf so viele Menschen einen überwältigenden Eindruck gemacht hatte. Die Evangelisten, die ihr Werk begannen, als Jesus gar nicht mehr auf Erden wandelte, wollten diesen Eindruck in Porträts festhalten, auf dass er wirke auf alle Nachkommenden. Dazu hatten sie nichts weiter als Worte, und trotzdem ist es ihnen gelungen, den Lesern Jesus auf eine solche Weise „vor Augen zu malen“, wie Huizing sagt, dass es nun schon fast 2000 Jahre immer wieder funktioniert. Wie haben die Evangelisten das gemacht? Woher erhalten die Evangelien ihre verändernde Kraft? Die gleichen Fragen stellt Huizing gern an Spielfilme, beispielsweise an „Die Truman Show“ von Peter Weir mit Jim Carrey in der Hauptrolle. Truman ist der Sympathieträger des Films, ihn gewinnt man als Zuschauer gern. Unser Befinden ändert sich, deswegen gehen wir ja auch ins Kino, und darauf arbeiten die Filmemacher hin: kleiden Truman-Carrey in warme, erdige Farbtöne, lassen ihn ein naives Gesicht machen und so fort. Sie kreieren eine Atmosphäre von Authentizität um Truman, den true man, der in einem verlogenen, kalten Medienkosmos versucht sein Leben zu bewältigen und dennoch seine Herzenswärme bewahrt. Und während wir ihm dabei zusehen, regt sich in uns eine Sehnsucht nach Authentizität, wir bekommen (wieder) eine Idee davon, wie es ist, authentisch und wahr zu leben. Darin liegt die Möglichkeit zur Veränderung. Wer die Bibel nimmt, um daraus den rein historischen Jesus zu destillieren, erhält am Ende drei dürre Sätze und einen Haufen geschichtlichen Nebel. Verändern oder gar erwecken lässt sich dadurch niemand. Liest man die biblischen Texte zum ästhetischen Genuss, lässt man al-

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so zu, sich davon berühren und begeistern zu lassen, dann können sie ihre Wirkkraft entfalten. Vor allem die Gleichnisse sind auf diese Wirkung hin konzipiert, als Dramen in Miniatur. Das folgende etwa nennt Huizing einen „Crashkurs in Nächstenliebe“: Ein Mann wird überfallen und ausgeraubt bis auf weniger als die Unterwäsche. Schwer verletzt liegt er am Wegesrand. Zwei Männer, ein Priester und eine Art Jurist, kommen vorbei, sehen den Verletzten, gehen aber weiter. Erst der dritte Vorbeikommende tut, was zu tun ist. Er hilft dem Verletzten auf, bringt ihn in ein Gasthaus und zahlt die Pflegekosten im Voraus. Lukas, der Autor, arbeitet in diesem Gleichnis vom barmherzigen Samariter mit einer Travestie: Der Samariter, eigentlich ein Outcast zu jener Zeit, handelt vorbildlich. Diejenigen, die aus den Gesetzesbüchern wissen, dass sie zur Hilfeleistung verpflichtet sind, versagen diese. In diesem Faktum liegt die Crux: Sie kennen die Regeln und Gesetze, und das erste, was ihnen beim Anblick eines Verletzten einfällt, sind die Reinheitsgebote, die sie einhalten müssten. Ihr Denken ist beeinflusst, ihre Wahrnehmung verstellt. Die Wahrnehmung des Samariters hingegen ist religiös. Er sieht den am Boden Liegenden als seinen Bruder an, empfindet mit ihm und handelt direkt.

War Schwarzenegger ein Christophorus? Diese Art der Bibellektüre hat was für sich. Was aber sagen die Kritiker? Michael Bauer steht auf, tritt an ein Bücherregal und streckt sich bis unter die Decke. Die Kritik kommt anscheinend von ziemlich weit oben. Und lautet in etwa so: dass die Leute ja sowieso nicht mehr lesen, schon gar nicht in der Bibel, und dass bei weitem nicht jeder Leser fähig sei, sie so zu deuten, wie Klaas Huizing sich das vorstellt. „Das heißt ja wohl, die Leute sind doof!“, erzürnt sich Bauer. Heißt es das? Jedenfalls, der erste Teil ist nicht von der Hand zu weisen: Wer liest in unserem digitalen Zeitalter denn noch in der Bibel? Die modernen Medien: Sie haben längst mit aufgenommen, was die Bibel an Stoffen und Motiven bietet, gestalten sie um, verarbeiten sie neu. Der Kinoheld Forrest Gump etwa, der im Laufe seiner JoggingBewegung ganz nebenher ein modernes Schweißtuch produziert, diesmal in Form eines T-Shirts, geht als sanftmütiger Heiliger durch. Und die mediale Darstellung eines Arnold Schwarzenegger, der für das martialische Amerika steht, erinnert stark an den biblischen Christophorus. Solch eine religiöse Interpretation, eine unter vielen möglichen, ist immer ein Angebot, die eigene Wahrnehmung zu schulen. Wer den Hinweis auf die biblische Ur-Kunde erhält, hat ja vielleicht sogar mehr vom Filmegucken. Nichts anderes meint ja Ästhetik: Wahrnehmung – und nicht das Urteil über schön und hässlich oder wahr und falsch.

InfoS: Prof. Klaas Huizing: Kleine Auswahlbibliographie

Fachpublikationen Homo legens. Vom Ursprung der Theologie im Lesen (1996) Ästhetische Theologie (drei Bände 2000-2004) Fürchte dich nicht. Die Kunst der Entängstigung (2009) Romane Der Buchtrinker (1994) Das Ding an sich. Eine unerhörte Begebenheit aus dem Leben Immanuel Kants (1998) In Schrebers Garten (2008) KulturGut 01 | Seite

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Hochmusikalische Katzburschen Hörbuch live. Das Prinzip der Arbeitsteilung wirkt Wunder zwischen Autor und Rezitator von Peter Sandkopf

+ Burschenschaftler sind die Rapper von gestern. Diese Einsicht verdankt der Spitäle-Besucher überrascht dem Schriftsteller E. T. A. Hoffmann: In der Galerie an der Alten Mainbrücke gab’s am 12. März eine musikalische Lesung aus den „Lebensansichten des Kater Murr“, und in einer der ausgewählten Passagen ward der aufrechte Katzbursch karikiert. Auffallend: Der Autor, Jurist, ließ im „Murr“ um 1820 zwar eine gewisse Betroffenheit über die Verfolgung burschenschaftlich organisierter Studenten durchschimmern. Vor allem aber machte er sich über die Autoreferenzialität lustig, mit der die seinerzeit relativ junge Jugendbewegung bereits philisterhaft im eigenen Saft köchelte und möffelte. Etwa wie das Gros der selbstbespiegelnden Aufmantelungen im Hiphop heute. Nichts Neues unter der Sonne? Gegenfrage: Braucht’s unentwegt etwas „Neues“? Gerade das Spiel mit Altem machte die Aufführung zu einem funkelnden Kulturgut. Sie setzte sich von jenen Autorenlesungen ab, bei denen Verlage ihre Neuerscheinungen auf Tournee, auf Promotion-Tour schicken. Und bei denen der Schriftsteller – bisweilen; und je nach Naturell mehr oder weniger beeindruckend – die Nähe zu seinem eigenen Werk demonstrieren darf. Freilich ohne Rücksicht darauf, ob er gut vorlesen kann. In Zeiten des Hörbuch-Hypes sollte die Aufmerksamkeit stärker auf Darbietungen fallen, für die sich die Bezeichnung „Live-Event“ verbietet. Sie sind selten, aber Mitte März konnte man in Würzburg ­eine KulturGut 01 | Seite

erleben. Der Schauspieler Thomas Straus meisterte die literarische Partitur unter Einsatz behutsam ausgewählter Techniken. Ihm kam es – auch in der Auswahl der Fragment-Fragmente – auf ein vergnügtes Publikum an, dem er aber nicht zu viel Dampf machen wollte. Natürlich, als Mann der Bühne (Landestheater Coburg) verschaffte er seinen Armen hinlänglich Auslauf, die Mimik gab her, was eine präzise Artikulation noch erlaubte, indes… nie übertrieben. Mond über verwinkelten Dächern eines Städtchens vor 200 Jahren. Wenige Arpeggien auf der Gitarre, und ein Cello dazu, das genügte, um Bild und Stimmung vor die Imagination der geneigten Hörerschaft zu bringen. Das Duo Robin McBride und Volker Potoradi, beide Dozenten an der Würzburger Sing- und Musikschule, akzentuierte den Erzählfluss durch kleine Transkriptionen von Schubert, Beethoven und anderen. Sehr sparsam steuerten die beiden dann und wann Hörspielgeräusche bei. Oder sie legten sich sängerisch voll ins Zeug, wenn die Katzburschen ihr „Gaudeamus igitur“ in die Nacht schallen ließen. Am Ende rundete sich der Szenenablauf. Das tat dem Abend gut und tröstete darüber hinweg, dass das zweite Element des Experimentalromans außen vor blieb, die „fragmentarische Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“. Aber was gut ins Sujet der musikalischen Lesung gepasst hätte, ist im Buch der weitläufige Gegenpart zu den knackigen Murriaden. So blieb es bei einem Abend von der, aber keineswegs für die Katz.

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 | Literatur | 

Foto: Marion Schreiber

 | Termine  | 

Fitzgerald Kusz 14. April, 20 Uhr, Stadtbücherei Mundartgedichte müssen keine Heimatliteratur sein. Kusz nutzt den Dialekt vielmehr dazu, den Alltag noch direkter zur Sprache zu bringen, als dies hochdeutsch gelingen könnte. Es kommt schließlich drauf an, was „Der Vollmond über Nämberch“ – so der Titel seiner jüngst erschienenen Gedichtauswahl – bescheint. Dass er die kleinen Fehler seiner Mitmenschen nicht nachsichtig streichelt, sondern blutend aufspießt, davon berichten Theatergänger, die seine böse Farce „Schweig Bub“ in der einen oder anderen Fassung auf Würzburger Bühnen erlebt haben. ++++++++++++++++++++++++

Martin Büsser 17. April, 21 Uhr, Jugendkulturhaus Cairo Der Popjournalist setzt sich kritisch mit den Geschlechterverhältnissen in Punk, Post-Punk und der Emo-Bewegung auseinander. Im Fokus der Lesung steht die weltweite Jugendmode Emo und die Frage, welch reaktionäre Anfeindungen diese von vielen Seiten erfährt. | www.cairo.wue.de

sieben Arten von Schneeregen kennt. Die deutschfinnische Gesellschaft und die Buchhandlung Knodt haben Wolfram Eilenberger zu einer Lesung aus seinem neuen Buch „Finnen von Sinnen“ eingeladen, das eine Liebeserklärung an dieses seltsame, lustige und schöne Land und seine Bewohner ist. Eilenberger, Korrespondent für das Magazin „Cicero“ und den Berliner Tagesspiegel, ist mit einer Finnin verheiratet, Vater von finnisch-deutschen Zwillingen und hat in Finnland nicht nur Philosophie studiert, sondern dort auch in der zweiten finnischen FußballLiga gespielt. In der Pause wird finnisches Bier ausgeschenkt. | www.neunerplatz.de ++++++++++++++++++++++++

Jörg Maurer 27. April, 20 Uhr, Luisengarten Eine musikkabarettistische Autorenlesung erwartet die Zuschauer, wenn Jörg Maurer aus seinem Alpenkrimi „Hochsaison“ rezitiert, mörderische G’stanzln vorträgt und dabei höchst unterhaltsam in die Tasten greift. | www.wuerzburg-deluxe.de ++++++++++++++++++++++++

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Gerhard Henschel

Finish, but not the end

28. April, 20 Uhr, Stadtbücherei

21. April, 20 Uhr, Theater am Neunerplatz 230.000 Deutsche machen jährlich in Finnland ­Urlaub, doch sogar ihnen bleibt das nördlichste Land der EU weitgehend rätselhaft – zumal die finnische Sprache fünfzehn Fälle und kein Geschlecht, dafür aber

Der einstige Titanic-Redakteur widmet sich in „Menetekel – 3000 Jahre Untergang des Abendlandes“ akribisch und begeistert dem zeitlosen Thema der Apokalypse. | www.stadtbuecherei-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Harry Rowohlt 4. Mai, 20 Uhr, Luisengarten Der Kolumnist und Übersetzer ist einer der großen Erzähler, selbst wenn er bislang nur wenige fiktionalnarrativen Texte i. e. S. unter seinem Autornamen veröffentlicht hat. Aber erzählen kann er, das zeigen seine Auftritte. Die können sich vier Stunden lang und länger in die Nacht ziehen, unterbrochen von einer Getränke-Hol-Pause – fürs Publikum! Rowohlt selbst braucht fürs Getränkeholen keine Pause, da er immer wohlversorgt hinter seinem Glas sitzt beim Lesen oder eben beim Erzählen. In manchen Städten lässt er diese Pause auch ungenutzt verstreichen, ohne sein extrem variables Stimmorgan zu regenerieren, nämlich dann, wenn jemand an ihn herantritt, um ein Buch signieren zu lassen, und dabei eine gute Frage stellt. Die kann den Redner dann dazu veranlassen, die Pause durchzuplauschen. Dabei funktioniert Harry Rowohlt nicht nur monologisch als Solist. Seine mitreißende Art hat eine hochgradig kommunikative Kompetenz. In einem Ein-Stunden-Radiogespräch des Bayerischen Rundfunks gelang es ihm, den Moderator vom Katalog seiner vorbereiteten – und oft nicht sonderlich klugen – Fragen abzubringen und zu einem feurigen Gesprächspartner heranzuziehen. So. Wem das alles nun nicht reicht, um sich schleunigst eine Karte zu besorgen, den interessiert vielleicht, dass Rowohlt aus dem Englischen übersetzt. Seine Favoriten schreiben i. w. S. groteske Literatur, Kinderbücher, aber auch Krimis, Gedichte, Autobiogra… Nun, gleich sind alle Genres komplett. | www.wuerzburg-deluxe.de


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Pferd in Dreiviertel-Rückenansicht nach links: Ricordo von G. Domenico Tiepolo nach dem Ausschnitt des Gemäldes G. Battista Tiepolos „Das Treffen von Antonius und Kleopatra” im Nationalmuseum in Archangelskoye bei Moskau, 1746/47.

Charakteristika der Handschrift Giovanni Domenico Tiepolos sind - tastende Konturen aus wiederholt gezogenen, welligen oder eckigen Linien, die an einigen Stellen korrigiert wurden - Binnenzeichnung aus regelmäßigen Parallel- und Zickzackschraffuren; aufeinander zulaufende Strichbündel charakterisieren die verschatteten Partien - großzügiger Gebrauch von weißer Kreide (Lichteffekte) - Darstellung ist bis auf das plastisch ausgearbeitete Hinterteil plan angelegt - anatomische Schwächen: Kopf des Pferdes wirkt wie angestückt und Hinterteil ist etwas zu breit geraten - kleinteiliges und nervöses Strichbild mit unzähligen Licht- und Schatteneffekten, die für einen unruhigen, „vibrierenden” Gesamteindruck sorgen KulturGut 01 | Seite

Vater oder Sohn? Wie sich die Würzburger Tiepolo-Skizzenbücher lesen lassen von Ulrike Öhm | Fotos: Martin-von-Wagner-Museum

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Fliegender Engel in Dreiviertel-Rückenansicht nach rechts mit Jungenoberkörper: Vorstudie zum Gemälde G. Battista Tiepolos „Das Jüngste Gericht” im Besitz der Cassa di Risparmio in Venedig, 1746/47.

Handschrift Giovanni Battista Tiepolos

+ Ein Kunstschatz wurde neu bewertet: die drei Skizzenbücher der Tiepolos im Martin-von-Wagner-Museum. Woran lassen sich Vater Giovanni Battista und Sohn Giovanni Domenico erkennen? Kunsthistorikerin Dr. Ulrike Öhm erläutert Ihre Kriterien der so genannten Händescheidung. KulturGut 01 | Seite

- schnell, sicher und energisch aufs Blatt gesetzte Konturen, die aus einzelnen, schwungvollen Linien bestehen und kaum korrigiert wurden - Zeichnung besteht insgesamt aus wenigen Linien (im Gegensatz zu den Strichbündeln von G. D.) - Weißhöhungen sind locker und frei eingefügt und sprengen stellenweise die vorgegebene Kontur (G. D.: Parallelstriche, viel unruhiger) - Konzentration auf das Wesentliche (komplizierte Haltung des Engels), Details wie Gliedmaßen wurden nur angedeutet (dies erfordert hohes künstlerisches Können; G. D.: sehr detailverliebt) - beeindruckende Dreidimensionalität und Expressivität (Lebendigkeit)

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Das Geheimnis des roten Schattens Kunstgeschichtler müssen mehrere 1000 Bilder im Kopf haben. Dr. Ulrike Öhm durchdachte die Tiepolo-Zeichnungen aus der Zeit der Residenz-Gestaltung von Joachim Fildhaut

+ Würzburg, frühe Fünfziger Jahre des 18. Jahrhunderts. Ein gewöhnlicher kleiner Job: Vater Giovanni Battista Tiepolo weist seinen Sohn Giovanni Domenico an, ein eben vollendetes Freskendetail zu Dokumentarzwecken abzuzeichnen. Wenig später blickt er zufrieden aufs Ergebnis: In seiner Gastgeberstadt haben sie wirklich gutes blaues Zeichenpapier. Auf ähnlichem Material hat er selbst schon skizziert. Und der talentierte einheimische Helfer hier in der Residenz, dieser Georg Anton Urlaub, kommt auch gut mit dem Bütten zurecht: Dem Mann geht es wirklich um die Sache. Sonst wäre er als 38-Jähriger sicher zu stolz, Domenicos Bilder – 24 Jahre, ich bitte euch! – in Kreide zu kopieren. Warum der venezianische Malerstar etliche Erinnerungsstücke und Arbeitsmaterialien nicht mit zu seinem nächsten Arbeitseinsatz nahm, wird wohl ein Rätsel bleiben. Sicher ist, dass sein Assistent Urlaub mindestens zwei Dutzend Originalzeichnungen von Vater und Sohn Tiepolo behielt. Säuberlich in Buchumschläge gebunden gelangten sie mit Urlaubs eigenem Nachlass über Martin von Wagner ins Würzburger Universitätsmuseum. Und je mehr man über die Details weiß, desto konkreter wird unser Blick auf den Arbeitsalltag des gefragtesten Freskanten im Europa der Rokokozeit. Allerdings ist es niemals allein ein Einzelbild, das mehr als 1000 Worte sagt. Um die Rötel-Figuren zum Sprechen zu bringen, brauchen sie Beziehungen. Jemand muss die Verbindung zu ihren Ur- oder Abbildern sehen, zu ihren Varianten und Verwandten. Griff hier der Vater zum Stift, war’s einer seiner Söhne oder ein Gehilfe? Ist das die Vorstudie zu einem Ölbild oder die Detailkopie aus einem Fresko? In die richtige Richtung zu einer Antwort gerät nur, wer den Bilderkosmos der Tiepolos zumindest für eine ihrer Schaffensphasen abrufbereit im Kopf hat. Das erfordert – angesichts der Figurenmenge im Kaisersaal und erst recht über der Schlosstreppe – eine beachtliche Speicherkapazität. Zu einem Abenteuer wird die Erschließung des Würzburger Kreidezeichnungskonvoluts durch die bewegte Geschichte: Was während der Residenz-Ausmalung entstand oder in engem Zusammenhang damit steht, das liegt heute verteilt in der ganzen Welt. Um Klarheit in die Sache zu bringen, mussten Bestände in Stuttgart, Venedig und St. Petersburg eingehend gesichtet werden. Eben dieser Aufgabe hat sich die Würzburger Kunsthistorikerin Ulrike Öhm unterzogen. Ende letzten Jahres erschien ihr Prachtband mit Reproduktionen insbesondere der drei wichtigsten erhaltenen Alben und den Erkenntnissen ihrer Dissertation („Die Würzburger ‚TiepoloSkizzenbücher’“, VDG-Verlag Weimar, 440 Seiten, 96 Euro). Allein ein Dreivierteljahr, verteilt auf drei Arbeitseinsätze, forschte sie im Museo Correr der Lagunenstadt als Stipendiatin des Deutschen Studienzentrums, erzählt die Frau, die heute eine leitende Funktion im Industrie-

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Marketing bekleidet. Die knapp eineinhalb Kilo schwere Publikation ist der würdige Abschluss eines Karriereabschnitts. Viel Geduld und Ausdauer ergaben viel Spannung, im Großen wie im Kleinen. Generelle Übersicht verschaffte die Papieruntersuchung. Zeichnungen auf Bütten mit demselben Wasserzeichen ließen sich so zusammensortieren und ergaben schonmal ein Raster. Und manchmal gleich überraschende Details. Auf der Suche nach dem verborgenen Herkunftsmerkmal, das sich möglicherweise hinter einem aufgeklebten Tiepolo verbergen mochte, „fielen mir nach und nach immer deutlicher rötliche Schatten im Papier auf“, berichtet die Fahnderin von einer aufregenden Episode. Langsam löste ein Restaurator die Skizze vom Albumblatt, und dahinter tauchte ein etwas ungeschlachtes Porträt auf. Da war entweder dem Georg Anton Urlaub oder einem Schüler etwas misslungen, über das man besser einen Tiepolo bäppte, um das wertvolle Material doch noch zu irgend etwas zu nutzen. Oder, beim Durchblättern ihres Werks zeigt Ulrike Öhm auf eine scheinbar abstrakte Komposition: „Bei so etwas muss man erstmal erkennen, wo überhaupt oben und unten ist.“ Nach längerem Hin und Her vor ihrem geistigen Auge sah sie, dass das Gebilde denselben Umriss wie eine Fahne auf dem Belehnungsfresko des Kaisersaals hat. Einige Einsichten der Bilderkennerin mögen ihre Gastgeber geschmerzt haben. Denn auf der Spur der Wasserzeichen und durch Stilvergleich entlarvte sie etliche vermeintliche Zeichnungen von Vater Tiepolo und wies nach, dass es sich um Sohneswerke handelt. Würzburg war von dieser Zuschreibungskorrektur weniger betroffen. Hier hatte man nach der großen Tiepolo-Ausstellung 1996 schon umdenken und einsehen müssen, dass eins von drei Zeichnungsalben statt der Tiepolos echte Georg Anton Urlaubs enthält. Und diesen fränkischen Künstler mit dem freundlichen Namen hat man längst liebgewonnen.

InfoS: U  lrike Öhm: Die Würzburger

„Tiepolo-Skizzenbücher”. Die Zeichnungsalben WS 134, 135 und 136 im Martin-von-WagnerMuseum der Universität Würzburg VDG Weimar, 440 Seiten, 96 Euro

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Mitteilungen vom untersten Farbgrund Sie war die Malerin der Zeichen und der Schrift. Nun stellt Heide Siethoff Bilder ihrer nächsten Arbeitsphase aus. Ein Atelierbesuch in Höchberg von Christine Weisner / Fotos: Gleb Polovnykov

+ Ihr Gartenhaus steht auf einer schmalen Terrassenstufe. Die ist dem Steilhang regelrecht abgetrotzt und bietet, gewissermaßen als Belohnung, einen weiten Blick über den Altort von Höchberg. Im Inneren des neuen Holzhauses befindet sich Heide Siethoffs maßgeschneidertes Atelier. Helles Tageslicht fällt auf Pinsel und andere Malutensilien, KulturGut 01 | Seite

die wohlgeordnet auf Regalbrettern bereit stehen. Im dunklen hinteren Bereich beherbergt ein Regallager zahlreiche Bilder, in Luftpolsterfolie verpackt. Die Raummitte nimmt ein großer Arbeitstisch auf Rollen ein, dahinter hängen drei großformatige Arbeiten an der Wand. Auf der Staffelei steht ein Bild aus der aktuellen Werkgruppe.

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Wirrsale dürfen selber leben Heide Siethoff fand als Überschrift für diese Bilderserie das Wort „Wirrsal“, bei dem Assoziationen an Schicksal oder Mühsal mitschwingen. Die Entdeckung, dass bereits der Duden „Wirrsal“ verzeichnet, brachte eine kleine Enttäuschung, änderte für sie aber nichts an der Stimmigkeit dieser Bezeichnung. „Das Leben ist komplex und vielfach undurchsichtig“ – so umreißt die Malerin die Thematik der „Wirrsale“. Dabei kann sie ein leises Staunen darüber nicht verhehlen, dass Komplexität und Undurchsichtigkeit auch mit zunehmender Lebenserfahrung nicht weniger werden. Die Malerin beschäftigt sich immer wieder mit dem, was unter der sichtbaren Oberfläche liegt. Für sie spielen alle Schichten, auch die am tiefsten liegenden, eine wichtige Rolle. Die passende Malweise hierfür ist das Übermalen, durch das die Bilder einen vielschichtigen Aufbau erhalten. Siethoff malt ausschließlich mit zu Lasuren verdünnten Ölfarben. Schon beim Anmischen achtet sie genau auf den Grad der Deckung, den die Pigmente auf der Leinwand bilden sollen. Manchmal mengt sie etwas Sand bei, damit Strukturen plastischer hervortreten. Heide Siethoff beschreibt die Bilder aus der Gruppe „Wirrsal“ als informelle Malerei mit runden Binnenformen, die in sich strukturiert sind und zeichenhafte Elemente enthalten können. Bemerkenswert ist die starke Eigendynamik, die Siethoff ihren Werken zugesteht. Manchmal spricht sie über ihre Bilder nicht wie deren Urheberin, sondern wie eine aufmerksame Beobachterin, die die Eigenschaften dieser Objekte erkundet. Dann stellt sie beispielsweise fest, dass die „Wirrsale“ die eigentümliche Tendenz entwickeln, dass man sie drehen und mit anderer Ausrichtung betrachten kann.

Der Kampf mit dem Bild Für die Künstlerin fängt die Arbeit am Bild im Kopf an. Zunächst muss ein Konzept vorhanden sein, in dessen Rahmen sie sich dann frei beKulturGut 01 | Seite

wegen kann. Die Umsetzung beginnt mit dem Zuschneiden und Aufspannen der Leinwand für die meist großformatigen Bilder – ein bedeutsamer Schritt, da die Proportionen eine große Rolle spielen. Intensive Auseinandersetzungen mit dem entstehenden Werk prägen dann die weitere Arbeit. Es kann passieren, dass ein Bild, das schon beendet schien, Siethoff plötzlich wieder aufs Neue beschäftigt. Gelegentlich entsteht etwas, das die Malerin als Kampf mit der Leinwand schildert. Dabei kann sie regelrecht in Wut geraten, weil ein Bild in ihren Augen nicht lebt.

Von Ostpreußen über Göttingen nach Franken Wann ihr Interesse für Kunst geweckt wurde, kann die Malerin nicht sagen. In ihrer Erinnerung „war es die Kunst schon immer“. Wenn sie als Kind von ihrer Mutter Papier und Stift erhielt, dann war sie für Stunden beschäftigt. Das war auch gut so, denn die Erwachsenen in ihrer Umgebung hatten wenig Zeit. Sie waren in den ersten Nachkriegsjahren vollauf damit beschäftigt, das notwendige Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Heide Siethoff wurde 1941 im ostpreußischen Tilsit, dem heutigen Sowetsk, geboren. Ihre Familie lebte auf dem Land, wo der Vater, der später in Russland fiel, als Lehrer arbeitete. 1944 floh die Mutter mit der kleinen Tochter und den Großeltern nach Westen. Die Familie, die lediglich den Inhalt eines Koffers hatte retten können, ging nach Göttingen, weil dort bereits eine Verwandte studierte. Man blieb in Göttingen und baute sich ein neues Leben auf. Als Heide Siethoff das Abitur in der Tasche hatte, war ihre Affinität zur Kunst bereits so groß, dass sie am liebsten ein freies Kunststudium aufgenommen hätte. Damit war jedoch die Mutter nicht einverstanden. Es kam zu einem Kompromiss: Heide Siethoff studierte in Göttingen Pädagogik und Kunsterziehung.

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Beim Studium hatte es ihr der künstlerische Bereich angetan. Hier lehrte unter anderem Professor Hans Pistorius, der am Bauhaus studiert hatte und mit seinen Studenten zur documenta nach Kassel fuhr. In ihm fand die angehende Kunstpädagogin einen akademischen Lehrer, von dem wichtige Anregungen für ihre künstlerische Entwicklung ausgingen. Bereits im Studium lernte Heidi Siethoff, für die Familie immer wichtig war, ihren späteren Ehemann kennen. Das Ehepaar zog 1969 aus beruflichen Gründen nach Würzburg und ließ sich 1975 in Höchberg nieder, wo es sich seitdem zuhause fühlt. Als aufmerksamer Beobachterin sind der Neufränkin Heide Siethoff bestimmte Mentalitätsunterschiede aufgefallen: Während im Norden, speziell in Göttingen, intellektuell geprägte Direktheit vorherrscht, gibt man sich in Franken vorsichtiger und kommunikativer. Was das Leben angenehmer macht, manchmal aber auch zu Problemen führt, weil Schwierigkeiten nicht angesprochen werden.

Unterricht macht Kunst bewusst Das Unterrichten hat Heide Siethoff immer begleitet. Schon als ihre Kinder klein waren, gab sie Kurse in Einrichtungen wie dem MatthiasEhrenfried-Haus. Dann folgte eine Lehrtätigkeit an der Fachoberschule. Sie schätzte den Umgang mit den jungen Menschen und stellte zudem fest, dass das Unterrichten durch die Notwendigkeit, Dinge in Worte zu fassen, für die eigene künstlerische Arbeit vieles klärte. Ihr Schaffen gliedert sich in deutlich erkennbare Phasen. Besonders wichtig war ihr die Zeichen-Zeit. Zeichen faszinieren sie durch ihren universellen Charakter – sie können bei den prähistorischen Kulturen Europas ebenso wie bei den Indianern in Arizona vorkommen. Über die intensive Beschäftigung mit diesen Zeichen gelangte sie schließlich zum Thema Schrift. Damit tat sich ein gewaltiges neues Gebiet auf, dessen fast schon wissenschaftliche Durchdringung mehr und mehr Raum einnahm. Ein Umstand, der Heide Siethoff schließlich zu KulturGut 01 | Seite

einem klaren Schnitt veranlasste: Sie beendete die Beschäftigung mit den Zeichen und gelangte über eine Zwischenphase zu der aktuellen Werkgruppe „Wirrsal“.

Mit dem Publikum sprechen Heide Siethoff hat immer den Kontakt zu anderen Künstlern gepflegt. Ihr Atelier befand sich bis zur Verlegung nach Höchberg in Kleinrinderfeld, wo sie Willi, Helmut und Kurt Grimm, Joachim Koch und Margot Garutti kennen lernte, mit denen sie seitdem freundschaftlich verbunden ist. Sie ist Mitglied der Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens (VKU) und im Berufsverband Bildender Künstler Unterfranken (BBK), wo sie viele Jahre als zweite Vorsitzende aktiv war. Rückblickend sieht sie: Vor einigen Jahren war es leichter, Kataloge und Ausstellungen zu organisieren, weil aufgrund der wirtschaftlichen Lage mehr Geld für Kunst zur Verfügung stand. Trotzdem kann Heide Siethoff die lange Liste ihrer Ausstellungen demnächst um eine weitere Bilderschau verlängern. Sie braucht den Kontakt zum Publikum, die Rückmeldungen. Für sie ist Kunst immer Mitteilung und folglich glaubt sie nicht, dass sie auf einer einsamen Insel sitzen und Kunst produzieren könnte. Denn „wenn man das Leben spiegeln, etwas über Seele und Gemeinschaft aussagen will, ist das wie eine Sprache. Und wenn man spricht, will man, dass es jemand hört.“

InfoS: 29. April, Sparkasse Würzburg,

Galerie Hofstraße: Ausstellungseröffnung | www.heide-siethoff.de

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Botticelli-Forschung am Hubland Auch im 500. Todesjahr des Renaissance-Malers entdecken Wissenschaftler Neues von Joachim Fildhaut

+ Um drei Buchveröffentlichungen reicher wird der Würzburger Kunstgeschichtsprofessor Damian Dombrowski in diesen Tagen. Und alle drei behandeln einen der drei beliebtesten Renaissance-Maler. Start für den Hattrick gab die Anfrage, ob er für den Wagenbach-Verlag Botticellis Vita in Giorgio Vasaris Florentiner Maler-Erinnerungen kommentieren möge. Da war der Forscher ganz in seinem Element. Den fast-zeitgenössischen Chronisten und Legendenbildner Vasari galt es aus literarischen Quellen seiner eigenen Zeit zu korrigieren, und Dombrowskis wissenschaftlicher Ansatz beruht ohnehin weitgehend auf dem Textquellenstudium. Ein kleiner Unfall löste die nächste Veröffentlichung in dem italophilen Berliner Verlag aus: Weder das Lektorat noch der Autor hatten daran gedacht, sich über die Länge des Vasari-Manuskripts abzusprechen. Dombrowski preschte ein wenig vor und stand mit seinem Auftraggeber vor der Notwendigkeit, seinen eigenen Text auf ein Fünftel zu kürzen. „Streichen macht mir aber nicht so viel aus wie anderen Kollegen“, kommentiert er den Fall. Tröstlich wirkte obendrein, dass Wagenbach ihm winkte: Wenn er das überschüssige Material in ein Essay-Bändchen einarbeitet, dann könne dies in der – höchst ruhmvollen – hellroten Leinen-Hardcover-Reihe Salto erscheinen. So schuf der Mann vom Hubland ein lesenswertes kleines Buch, das wesentliche Kriterien einer Epochenwende innerhalb der Renaissance greifbar macht – ein Paradigmenwechsel, für den Sandro Botticelli stand. Wer diese differenzierten Erkenntnisse nun auf gut kunsthistorisch ausformuliert nachlesen mag, dem sei das – dann allerdings ernsthafte KulturGut 01 | Seite

– Studium des dritten Dombrowski der Saison ans Herz gelegt. „Malerei als pia philosophia“ ist die gründlich umgestaltete und verbesserte Habilitationsschrift, die zeigt, dass Botticelli in seinen Altarbildern als erster Maler autonome, ästhetisch eigenwirkliche Kunstwerke ­realisierte.

InfoS: - Giorgio Vasari: Das Leben des Sandro Botticelli, Filippino Lippi, Cosimo Rosselli und Alesso Baldovinetti. 240 Seiten, 14,90 Euro - Damian Dombrowski: Botticelli. Ein Florentiner Maler über Gott, die Welt und sich selbst. 144 Seiten, 15,90 Euro, beide Verlag Klaus Wagenbach - Damian Dombrowski: Die religiösen ­Gemälde Sandro Botticellis. Malerei als pia philosophia. Deutscher Kunstverlag, 584 Seiten, 88 Euro 7. Mai, 18.30 Uhr, Toskanasaal der Residenz: Buchpräsentation „Die religiösen Gemälde Sandro Botticellis” mit dem Leiter des Deutschen Kunstverlags, Prof. Dr. ­Stefan Kummer u. a., anschl. Empfang im Martin-von-Wagner-Museum 18. Mai, 18 Uhr, Buchhandlung Schöningh am Hubland, Mensagebäude: Autorengespräch mit Damian Dombrowski

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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Kunst | 

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Ornament verbindet bis 9. Mai, Museum im Kulturspeicher und Mainfränkisches Museum „Ah, Riemenschneider! Erkenn ich sofort!“ Laut, aber blind läuft mancher durchs Museum. Oder, ebenfalls eine beliebte Kulturtechnik des Galeriebesuchs: aufs Bild zustürzen, knappe Wendung zur Beschilderung, Vergleich zwischen Titel und dem, was sich dargestellt findet, mit dem abschließenden inneren Bemerken: „Stimmt!“ Nächstes Bild. Was aber hat ein Nürnberger Weihrauchfass vom Anfang des 15. Jahrhunderts mit der abstrakten Stahlplastik Angel Duartes, „Pyramide E. 31 A. 1“ zu tun? Ist es bloß das Repetitive? Verbinden sich bei jedem der beiden Objekte die kleinsten Bauelemente zu größeren, runden Binnenformen? Die gemeinsame Ausstellung der zwei Würzburger Museen kontrastiert die (bekanntlich völlig gegenstandsfreie) Konkrete Kunst mit Exponaten von der Burg, deren Sammlungsschwerpunkt vor 1800 endet. Diese älteren Werke wurden danach ausgesucht, was sie an Ornamentalem mitbringen. Bei ihnen kommt es also zunächst einmal ganz auf die Oberfläche an, ebenso wie in der Konkreten Kunst des 20. Jahrhunderts allein das zählt, was unmittelbar ins Auge springt. Nun begegnen sich also reine Muster über die Jahrhunderte hinweg. Fragt sich, welche genau das jedesmal sind. 50 Paare einander entsprechender Ausstellungsstücke haben die Leiterinnen der beiden Häuser zusammengetragen, nachdem sie sich zuvor gründlich mit Geschichte und Theorie des Ornaments auseinandergesetzt hatten. 100 Vergleichsobjekte zwingen den Betrachter sanft zum genauen Hinsehen. Manchmal liegt das verbindende Dritte ganz nahe, mitunter muss man schon gründlich hindenken. So wird neben dem Auge und der Aufmerksamkeit auch die Fähigkeit zur Abstraktion geschult.

Dass es nicht auf ein Schwelgen in sinnlichen Genüssen ankommt, dafür sorgt die Ausstellungsarchitektur mit: eins der beiden Stücke ist jeweils auf leuchtend blauen Hintergrund gebettet. Das erleichtert zumal im Mainfränkischen Museum die Orientierung, denn hier ist die gastierende Konkrete Kunst in den Parcours der Regionalsammlung eingereiht (während die Leihgaben von der Festung in den Sonderausstellungs-Sälen des Kulturspeichers mit ihren modernen Nachfahren in Dialog stehen). Das kräftige blaue Signalement trennt die Werke eher voneinander ab, als dass es sie miteinander verbindet; wie gesagt, die Präsentation zielt auf den Kopf. Es gibt aber auch viel zu lernen. Denn in der älteren Kunst wurden abstrakte Formen, also Ornamente, bisweilen gerade dazu eingesetzt, um gegenständliche Bildbestandteile zu unterstreichen. So erklärt sich beispielsweise der unnatürliche Haarfall von Riemenschneiders Eva an der Marienkapelle. Seine Wellenform sollte die Locken betonen, das lange offene Haar, nicht jedoch aus Freude an der reinen Form, sondern am reinen Inhalt: langes, offenes Haar symbolisierte Evas Unschuld vor dem Sündenfall. Viel Wissenswertes erschließt der Katalog! | www.kulturspeicher.de | www.mainfraenkisches-museum.de ++++++++++++++++++++++++

Menschenbild bis 25. Juli, Kunsthalle Schweinfurt Die 350 Stücke umfassende Sammlung Joseph Hierling widmet sich ganz dem Expressiven Realismus, also der Breitenwirkung des Expressionismus, dieser autochthon deutschen Kunstrichtung, die kurz nach Beginn ihrer zaghaften Ausbreitung von den Nazis verboten wurde. Man muss sich an die eher etwas finsteren Bilder gewöhnen. Auflockerung verschafft KulturGut 01 | Seite

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dabei die Wechselausstellung, im Zuge derer viele Bilder der Dauerpräsentation ausgetauscht wurden. | www.kunsthalle-schweinfurt.de ++++++++++++++++++++++++

Kultur-Stationen 23. bis 25. April, Kitzinger Land Iphofen und Umgebung ist der Schauplatz des diesjährigen Kulturwochenendes, zu dem die Kuratorin Brigitte Meister-Götz bildende Künstler einlud – nicht nur aus der Region Kitzingen. Vernissagen und Konzerte spicken den Veranstaltungskalender, der auch den Fahrplan eines Shuttle-Busses enthält. | www.kitzinger-land.de ++++++++++++++++++++++++

Dieter Stein und Freunde 30. April bis 23. Mai, BBK-Galerie im Kulturspeicher Neun Künstler versammelt diese Gemeinschaftsausstellung beim Berufsverband Bildender Künstler. Dieter Stein unterhält bis heute ein hervorragendes Verhältnis zu den jüngeren Generationen. Dadurch erhält der Saal eine breite Varianz von Positionen. Ihr gemeinsamens Thema lautet: Akt und Porträt, die großen Themen Steins. | www.bbk-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Geerdete Hoffnung 4. Mai bis 23. Juli, Oberes Foyer des Mainfranken Theaters Das Museum am Dom verwaltet den Nachlass des jüdischen Künstlers Jehuda Bacon. Als einen ganz


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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Kunst | 

 | Termine  |  positiv gestimmten Beitrag zum Apokalypse-Jahr möchte es die Zusammenstellung farbiger Zeichnungen verstanden wissen, die eine künftige Vollendung des Seins in der Gegenwart reflektieren. | www.endspiel2010.de ++++++++++++++++++++++++

SichtlichMensch 8. Mai bis 13. Juni, Franck-Haus Marktheidenfeld Menschen mit Behinderung fotografierten sich untereinander unter Anleitung eines professionellen Fotografen, Andreas Reiner aus Biberach a. d. Riß. Dabei musste niemand versuchen, einen möglichst unverkrampften Blick auf die Abzubildenden zu gewinnen. Die Fotografen brachten ihn schon mit, und weil sie teils gut miteinander bekannt waren, schufen sie beeindruckende Nahsichten. | www.marktheidenfeld.de ++++++++++++++++++++++++

Eklips 13. Mai bis 19. September, Kunsthalle Würth Schwäbisch Hall Ist das derselbe Zeichner, der in romantischem Stil Kinderbücher illustriert und mit elegant dekadentem Strich triefende Junggesellenmaschinen entwirft? Die Tomi-Ungerer-Werkschau zieht die Summe eines Lebens, das 1931 begann. Außer Zeichnungen stellt Würth aus dem privaten Fundus des Künstlers Collagen aus, die zuvor nie der Öffentlichkeit präsentiert wurden. | www.kunst.wuerth.com

Farbwelten

Stark 19, schwach 20

29. Mai bis 1. August, Museum im Kulturspeicher

ab 20. Juni, Kunstschiff Arte Noah

In Yasmina Rezas Theaterstück „Kunst“ droht die Freundschaft zwischen drei Männern an einem weißen Bild („das mit ein paar weißen Streifen verziert ist“) zu zerbrechen. Hier ist die Ausgangslage umgekehrt: Die Ausstellung „Werke der klassischen Moderne aus dem Kunstmuseum Krefeld von Monet bis Yves Klein“ endet mit Gemälden von drei Männern: Piero Manzoni, Antoni Tàpies und Lucio Fontana. Alle drei Bilder sind monochrom weiß. Aber die Erkundung der Farbwelten treibt es auch bunt. Dafür sorgen die Expressionisten. 55 exemplarische Exponate kommen vom Niederrhein, wo das Kaiser-WilhelmMuseum wegen Sanierung geschlossen ist. | www.kulturspeicher.de ++++++++++++++++++++++++

Petra Meyer 6. bis 27. Juni, Spitäle In der gegenstand-, ja menschenkörperbezogenen Malerei der gebürtigen Darmstädterin suchen Raum und Farbe miteinander eine neue Struktur. Wenn sie sie nicht finden, dann helfen Pop-Art-Elemente, um das Ganze zu einer Flächenordnung zu bringen. Wer bis zur Ausstellungseröffnung am 6. um 11 Uhr unbedingt Genaueres wissen will, kann sich an die Galeristin Gabriele Müller in der Würzburger Theaterstraße wenden. Die vertritt die Meyer sehr überzeugt. | www.spitaele.de ++++++++++++++++++++++++

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Ist die Natur ein Kunstwerk? Und wie steht es um den Urheber bzw. Schöpfer? Markus Wirthmann kombiniert Bewegungen und Naturstoffe so miteinander, dass sie Formen erzeugen. Wie gewachsen. | ww.kunstverein-wuerzburg. ++++++++++++++++++++++++

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Kurztripp: Mannheim (2)

Das Gold der Steppe bis 25. Mai, Museum Zeughaus Die Begleitausstellung zu der schon beendeten Alexander-Schau lockt mit dem Erbe der Skythen und Sarmaten und breitet eine Kultur aus, von der keine schriftlichen Zeugnisse überliefert sind. Die 200 Leihgaben stammen u.a. aus der Eremitage St. Petersburg. Die Grabungsfunde aus den letzten Jahrzehnten wurden bisher nie in Deutschland ausgestellt.

Robert Häusser. Die Berliner Mauer bis Mitte Juni, Reiss-Engelhorn-Museum 24 großformatige Schwarz-Weiß-Fotos bilden einen Zyklus. Häusser schoss die Bilder in der ersten Zeit des Mauerbaus, also in den frühen 1960ern. Es ging ihm darum, Zeichen zu dokumentieren, mit denen Menschen sich abzäunen. Konfrontiert werden diese Arbeiten mit Zitaten von John F. Kennedy, Franz Josef Strauß, Martin Luther King, Ronald Reagan und anderen. | www.rem-mannheim.de


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Offen und voll Die Initiative für ein Programmkino in Würzburg bekommt regen Zulauf. Wie sieht es anderswo auf kommunalen Leinwänden aus? von Thomas Williams

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+ Es waren übersichtliche Zeiten, als in den USA das Studiosystem regierte. Fünf Hollywood-Gesellschaften beherrschten den Markt bis hinein in die Innenarchitektur der Kinos. Dass die Filmproduktionen von MGM, Fox und Mitanbietern einen wiedererkennbaren Stil pflegten, versteht sich von selbst. Gegenteilig sieht die Szene der kommunalen Kinos in Deutschland aus. Werden diese überhaupt von einer Kommune betrieben und wenn ja, inwieweit? Sabine Schöbel, Sprecherin des Bundesverbands kommunale Filmarbeit: „Es gibt bislang keine umfassende aktuelle Erhebung über die Organisationsstruktur der Kommunalen Kinos in Deutschland“, und vor allem nicht über „das Maß ihrer Einbindung in die Kommunen und deren Haushalte“. 170 kleine Kinos vertritt der Verband, schon diese Zahl spricht für sich. (Zum Vergleich: Bahnhofsmissionen gibt es in Deutschland nur etwa 100.) Deutlich schwieriger ist die Komparistik der Programmkinos untereinander, sagt Schöbel: Die Branchenkennerin verweist auf etliche unterschiedliche Modelle. Demnach sind die prominentesten Beispiele für kommunale Kinos, die ganz von der jeweiligen Stadt betrieben werden, das „Filmmuseum” in München, das „Caligari” in Wiesbaden und das „Filmhaus” in Nürnberg. Ersteres fällt mit der Besonderheit aus dem Rahmen, dass es in ein Stadtmuseum eingebunden ist. Eine Landeshauptstadt wie Saarbrücken glänzt sogar mit einem eigenen Amt für ihr Kino. Vergleichszahlen, die ein Bild von den Kosten entwerfen, sind auch gar nicht so leicht zu generalisieren. Gerade beim „Caligari“ und dem Hamburger „Metropolis“ sind die Personalkosten in den Sachmitteln enthalten, während dies bei anderen nicht der Fall ist. Kommunale Kinos im engeren Sinne zahlen Schöbel zufolge zudem keine Miete und Unterhaltskosten. Andererseits haben Institutionen wie das Filmmuseum München auch weitergehende Aufgaben wie zum Beispiel das Archivwesen. Und: „Ob die Kinos über die Einnahmen verfügen können bzw. wie viel sie durch Finanzierung von Dritten noch dazu verdienen, ist ebenfalls unterschiedlich und hängt von den Möglichkeiten vor Ort ab.“ Provisorische Örtlichkeiten am Main werden gerade erprobt. Nach dem Chambinzky steht der Projektor im April vor zwei Privatbühnen, wobei das Plastische Theater Hobbit seine Tauglichkeit als Spielstätte schon beim Internationalen Filmwochenende vor über einem Dutzend Jahren unter Beweis stellte. Die Aula des Mozartgymnasiums und das ehemalige Autonome Kulturzentrum stehen nicht zur Verfügung, erklärte die Initiative für ein Würzburger Programmkino. Zu groß, zu wenig Einrichtung und Infrastruktur – die Erfahrungen der bisherigen Projektionsabende zeigen: Allzu provisorisch darf es auch nicht zugehen. Selbst alternative Kinobesucher haben gern einen gastlichen Rahmen. KulturGut 01 | Seite

Den bietet ein Vergleichsobjekt, das die Würzburger Initiatoren zu ihrer Auftaktveranstaltung im Luisengarten einluden: das genossenschaftliche „Kino am Kocher“ in Aalen, vertreten durch seinen Finanzvorstand Friedrich Erbacher. In der 70.000-Einwohner-Stadt steht neben dem Programmkino ein Mulitplexpalast, man koexistiert friedlich. Die Genossenschaft am Kocher investierte 150.000 Euro: zu 40 Prozent Einlagen (Geschäftsanteile), zu je 30 Zuschüsse und Darlehen. Letztere flossen auch aus einer EU-Förderung, die unter anderem für Integrationsmaßnahmen gewährt wird. Die Lichtspiele am Kocher sind ausgesprochen rolligerecht eingerichtet. Mit fünf bis sieben Spieltagen in der Woche bringt es der 70-Plätze-Saal auf 10.000 Besucher jährlich. Für die 130.000 Würzburger sollen’s 130 Plätze werden. Ob es da eine Quote gibt, zum Beispiel jeweils ein Kinosessel pro 1000 Einwohner? Der Grund für die Zahlen-Regelmäßigkeit liegt nicht in einem cineastischen Proporzgesetz, sondern: Ein so kleines Kino wie das am Kocher ist ohne erhebliches ehrenamtliches Engagement überhaupt nicht zu betreiben. In Würzburg geht man davon aus, dass bei 130 Plätzen, die vielleicht zukünftig in der umgestalteten Frankenhalle Platz finden könnten, andere betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen gelten. Durch sie bekäme ein größeres Kleinkino andere Freiheiten. Dabei ist folgender Zusammenhang zu durchdenken: Die Aalener Genossen stellen eher konventionelle Spielpläne auf. Erbach machte bei seinem Besuch am Main keinen Hehl daraus, dass sie hauptsächlich Streifen vorführen, die im Großraumkino Aalens schon durch sind. Die kosten weniger Miete und erreichen ein langsameres Publikum, das sich zum ersten Filmstart einfach noch nicht aufraffen konnte. Im Einklang mit dem Mann vom Kocher warnt der juristische Berater der Würzburger Initiative, Anwalt David Herzog, das hiesige Programmkino als Hort des Experimentalfilms anzugehen. Indes, wenn Würzburg von der Größe her nun leichter wirtschaftlich zu betreiben ist als ein 70-Sessel-Winzling, dann könnte hier durchaus ein wagemutigeres Programm laufen – vorausgesetzt, dass die künstlerischen Risiken aufgefangen werden, indem auch hierzulande Volunteers durch unbezahlte Eigenleistungen ein mögliches Defizit ausgleichen. Man hat also einige Handlungsparameter in der Hand. Für Mai ist die Gründungsveranstaltung der Genossenschaft geplant. Die 2.700 Würzburger, die sich im letzten Jahr mit ihren Unterschriften bei der Stadt für ein Programmkino starkgemacht haben - sie können jetzt ihre Chance nutzen, mitzugestalten.

INFO: | www.programmkino-wuerzburg.de Programmkino-Veranstaltungen S. 51

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Der Film zum Weitermachen „Fremdkörper“ schaut auf das Leben: Du hast eine Alternative, aber sie ist keine von Anna Hell und Kurt Niederhausen

+ Kleine Szenen und Gesten erzählen von drei kleinen Siegen. Siege? Vermutlich werden die Helden in der Zeit nach dem Filmabspann weitermachen wie bisher. Aber ihre Perspektive hat sich geändert. Sie werden ein wenig neuen Schwung auffahren können, um ihre selbst gewählten Lebensaufgaben weiter zu verfolgen. Und diese Aufgaben lasten schwer: alleinerziehende Mutter mit zahlungsunwilligen Männern, Werbefuzzi in der Sinnkrise und Countrysänger ohne Land. Regisseur und Autor Alex Weimer, der mit seinem ersten 90-minütigen Spielfilm das Diplom an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt ablegte, drehte den Etappenstopp eines Roadmovies: Spontan unterbricht der Berliner Creative Director Lars eine Dienstreise und kehrt in seinem Heimatort Karlstadt ein. Ungewöhnlich hingegeben, wenngleich handwerklich allenfalls halbherzig, beginnt der boy with the faraway eyes (Daniel Frantisek Kamen) mit der Renovierung seines verlassenen Elternhauses. Während dieser Tage im Kaff steht seine Karriere vermutlich nie ernsthaft zur Disposition, selbst wenn er seine Agentur sausen lässt. Denn der langhaarige Introvertierte ist nur in Karlstadt ein Dropout. Der passt einfach zu gut in seinen Angeber-Benz – und fährt doch menschlich ein bisschen klüger aus seinem Abenteuer raus. Das natürlich kein spektakuläres Abenteuer ist. Die revolutionärste Tat des stillen Streifens begeht Claudia (Brigitte Zeh). Die Angestellte bei der „Winkelwoche“ schmeißt die Titelseite um, weil ihr die Überstunden nicht bezahlt werden, und kommt mit einer Schlagzeile in eigener Sache raus. Wenn ihr der Chef am Ende ganz nebenbei den RedaktiKulturGut 01 | Seite

onsschlüssel zurückgibt, dann hat sie zumindest erfolgreich demonstriert, dass sie nicht aufhören wird, zu verlangen, was ihr zusteht. Und der Erfolg des Country-Sängers Peter (Stephan A. Tölle) – der besteht in der Entdeckung, dass er den abstrusen Traum vom Wilden Westen nicht ganz alleine träumt. Man kann dieses dreifache Happy End hier ruhig verraten, ohne dem Betrachter die Spannung zu stehlen. Die steckt nämlich im Detail, in jeder einzelnen Sekunde, und sei es einfach durch die Kraft der Bilder (Kamera: Xiaosu Han). Durchweg von der Dezenz eines Wenders oder Jarmusch geleitet, trägt Weimer ein paar Elemente vielleicht eine Spur zu dick, zu ausdrücklich auf, etwa Claudias Alkoholismus. Aber gerade eine der ganz großen kleinen Szenen verdankt sich dem Überzogenen: Wenn Claudia ihren Chef zum zweiten Mal um Überstundenbezahlung bittet, lässt der Kerl sie so kalt runterlaufen, dass er als Kabarettfigur aus dem Rahmen des Filmpersonals fällt. ‚Das ist doch nicht möglich!’, besagt darauf Zehs Körpersprache – und bettet die mögliche Drehbuch-Entgleisung innerhalb einer halben Sekunde wieder ins Geschehen ein. Nicht jede Einstellung zeigt eine derart dichte Interaktion. Aber schon beim Einstieg in den Film zeigt Weimer, was er kann – mit wenigen Strichen und Schraffuren in kürzester Zeit ebensoviel Geschichte erzählen wie Atmosphäre vermitteln.

LINK: | www.fremdkoerper-derfilm.de

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Programmkino

Sodom und Gomorrha

8. bis 10., 20. und 27. April

28. April, 20 Uhr, Neubaukirche

Das provisorische Programmkino zieht zunächst in das Plastische Theater Hobbit und passt sein Vorführschema dem Markt an: Lotte Reiningers Scherenschnittmärchen von Prinz Achmed und „Séraphine“ mit Ulrich Tukur werden am Donnerstag und Samstag je zweimal (16 und 19.30 Uhr) gezeigt. Am Freitag geht der Blick durch die Leinwand aufs Globale mit Werner Bootes Doku „Plastic Planet” (20 Uhr). An den beiden letzten Dienstagen d.M. ist die Initiative im Theater am Neunerplatz zu Gast. Am 20. April (20 Uhr) sehen Literaturfreunde das Porträt der Swetlana Geier, die Dostojewskis „Der Jüngling” als „Ein grüner Junge” übersetzte. In der Woche drauf (19.30 Uhr) folgt der türkische Mehrgenerationen-Spielfilm „Pandora’s Box”. Die Auswahl ist interkulturell und anspruchsvoll ausgerichtet.

Der stummfilmerfahrene Domorganist Prof. Stefan Schmidt vertont in der Veranstaltungsreihe „Endspiel. Würzburger Apokalypse 2010“ die rekonstruierte Fassung des Monumentalstummfilms aus dem Jahr 1922 an der Orgel. Die seinerzeit teuerste österreichische Filmproduktion besticht vor allem durch ihre gewaltigen Kulissen. So zählte der eigens gestaltete Tempel von Sodom zu den damals weltweit größten Filmbauwerken.

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Augenblicke 21. April, VHS-Filmforum im Cinemaxx Elf internationale Kurzfilme, die sich unterschiedlichster Genres bedienen, werfen einen präzisen Blick auf unsere Gesellschaft.

Der Dokumentarfilm zeigt beispielhafte Projekte für eine globale Umstrukturierung und eine Demokratisierung der Energieversorgung. Regisseur Carl A. Fechner ist anlässlich der Vorführung zu Gast im Casablanca.

Lilja 4-ever 21. Juni, 19.30 Uhr, Casablanca Ochsenfurt Die erschütternde Geschichte eines jungen Mädchens, das zur Prostitution gezwungen wird. Schonungslos zerstört der Film jede Hoffnung auf eine andere, bessere Welt. ++++++++++++++++++++++++

Children of Men 17. Mai, 19.30 Uhr, Casablanca Ochsenfurt Mit teilweise dokumentarisch anmutenden Szenen lässt Alfonso Cuarón in seinem Sciene-Fiction-Thriller eine beklemmende, pessimistische und düstere Zukunftsvision entstehen: Es werden keine Kinder mehr geboren. Einer der emotionalen Höhepunkte der Filmgeschichte überhaupt zeigt, wie in einer ebenso turbulenten wie bedrohlichen Szene doch ein Baby entdeckt wird.

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22. April, 19 Uhr, Casalanca Ochsenfurt

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Die 4. Revolution – Energy Autonomy

folg garantiert, das heißt (nun freilich sehr ungenau formuliert:) dass es sinnlos ist.

Wege zum Ruhm 31. Mai, 19.30 Uhr, Casablanca Ochsenfurt Stanley Kubricks Antikriegsfilm spielt im ersten Weltkrieg. Ein zentrales Anliegen war es dem Regisseur zu zeigen, wie bewusst genau bemessene Mengen von Todesopfern eingesetzt werden, um ein Ziel zu erreichen – ebenfalls im vollen Bewusstsein darüber, dass das Ziel keinen nachhaltigen strategischen ErKulturGut 01 | Seite

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Old Boy 28. Juni, 19.30 Uhr, Casablanca Ochsenfurt Oh Dae-su erwacht in einer kafkaesken Situation: Fünfzehn Jahre lang wird er in einer Zelle gefangen gehalten, ohne den Grund dafür zu kennen. Wieder in Freiheit übt er gnadenlos Vergeltung. ++++++++++++++++++++++++

Panoptikum montags, 19.30 Uhr, Café zum schönen René Alternatives Kino-Feeling entsteht im gläsernen ­Pavillon bei ausgewählten Filmen, mal klassisch, mal schräg oder einfach romantisch. Exklusive Musikvideos runden den Filmabend ab.


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Eine Stadt voller Goldschmiede Der Stadtbildkommissar erklärt, was gentrifizierte Straßen langweilig macht und warum öffentliche Kunst temporär sein sollte von Prof. Ovis Wende

+ Welche Charakterzüge hat das Würzburger Stadtbild und welche davon sollten bei der Stadtbildgestaltung hervorgehoben, weiter herausgearbeitet werden? – Eine derart umfassende Fragestellung zielt auf eine Antwort, die am ehesten in einem Masterplan gegeben werden kann. Solch einen Plan haben wir in Dortmund für eine Reihe von Industriebrachen entwickelt; das Verfahren erfordert einen ziemlich hohen Aufwand, der nicht mehr – wie bei der Würzburger Kommission für Stadtbild und Architektur – mit Tagessitzungen geleistet werden kann. Also liegt diese Kommission ganz im Rahmen ihrer Möglichkeiten, wenn sie sich auf das Begutachten von Einzelmaßnahmen konzentriert. Grundsätzlich geht es mir um Urbanität, um die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, um einen Stadtraum mit unterschiedlichen Baustilen nebeneinander, um unterschiedliche soziale Schichten im gleichen Viertel und um differente kulturelle Identitäten. Dazu möchte ich auch bei den künftigen Sitzungen in Würzburg versuchen, Anregungen in Richtung auf eine lebenswerte Stadt zu geben – bzw. negative Tendenzen zu erkennen und zu benennen. In München kann man in vielen Vierteln beobachten, was mit dem Schlagwort Gentrifizierung gefasst wird: Jüngere, zahlungskräftigere Einwohner ziehen in Quartiere mit Sanierungsbedarf, wobei die Aufwertung des Wohnumfelds zugleich eine Uniformität mit sich bringt. Gewerbebetriebe in Innenhöfen, kleine Lebensmittelgeschäfte, Eckkneipen verschwinden, stattdessen finden sich nur noch Goldschmiede, Lampendesignläden und Castingbüros etc. Durch die Umwandlung von Mietshäusern in Eigentumswohnungen beschleunigt sich der Mieterwechsel oder die Anlageobjekte stehen außerhalb der Opernfestspiele leer. Die lebendige Mischung von jungen Eltern, Rentnern, Handwerkern und Kreativen kippt in die Trostlosigkeit eines Protzghettos. Konformität, bürgerliche Langeweile entsteht: Das Gegenteil von Stadt, von Urbanität. In Würzburg zeigt sich diese Entwicklung noch nicht ganz so schlimm, aber eine Tendenz besteht hier auch. KulturGut 01 | Seite

Aufenthalt für Besucherströme Um eine ganz einschneidende Zukunftsentscheidung ringt Würzburg auf dem Gelände des früheren Mozart-Gymnasiums. Die Fußgängerzone soll bis hierher erweitert werden, über die Eichhornstraße, die sich bislang noch durch eine gesunde Mischung von kleineren Geschäften auszeichnet. Eine solche Struktur ist auf der großen Achse der Schönbornstraße bereits gekippt: Hier gibt es zwischen den Ladenlokalen beispielsweise keine zwischengelagerten kleinen gastronomischen Einheiten mehr, sondern nur noch in den Seitengassen. Ideal dagegen wäre eine gemischte Abfolge, etwa so: eine Imbissbude, ein Restaurant, ein inhabergeführtes Einzelhandelsgeschäft und eine Niederlassung einer überregionalen Verkaufskette. Inmitten solch einer Nutzung bekommen die Leute das Gefühl: Das ist meine Stadt. Bei der künftigen Entwicklung der Würzburger Innenstadt sollte vermieden werden, dass Eichhorn- und Spiegelstraße sich in ihrem Charakter der Schönbornstraße angleichen. Eine solche von Filialen beherrschte Fußgängerzone darf auf keinen Fall zu groß werden. Es braucht von jeder Stelle aus in fußläufiger Entfernung Lokalitäten, die ein ganz gemischtes Publikum anziehen – etwa Cafés wie früher das Kleine Lu, in denen Schüler ihre Mitschülerinnen bezirzen wollen und zugleich alte Damen ihren Kuchen gabeln und im Freien die Flaneure beobachten. Auf diese Weise entstehen für die unterschiedlich motivierten Besucherströme Knotenpunkte in der Stadt, und diese bilden die idealen Standorte für Kunst im öffentlichen Raum. Allerdings – keine Brunnen! Für jedes einzelne dieser Werke ist viel zu viel Platz notwendig, und die Diskussion über die erheblichen Wartungskosten ist hier ja alles andere als unbekannt. Dennoch sollte Kunst an diesen prominenten Knotenpunkten fließend sein, sollte sich ändern. Kunst sollte temporär sein.

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In München konnte ein interessantes Modell für Kunst am Bau durchgesetzt werden. Hier hat man aus den einzelnen Beträgen, die an den verschiedenen öffentlichen Bauvorhaben rechnerisch für Kunst am Bau anfallen würden, einen Gesamtetat gebildet und diesen halbiert. Aus den ersten 50 Prozent bestreitet man größere Kunstprojekte an ausgewählten Stellen, und weitere 50 Prozent stehen für temporäre Kunst zur Verfügung: Ein Platz wird reserviert, und dort wird für ein Jahr eine Skulptur, Installation o. a. hingestellt.

Quellborn der Urbanität Das Dynamische an diesem Modell ist nicht allein das Prinzip der Wechselausstellung. Vielmehr kommt es gerade durch das temporäre Angebot auch zu Bewegungen innerhalb der Bürgerschaft. Ein installierter Stahlring von 25 Metern Standhöhe hat in München am Alten Botanischen Garten / Ecke Luisenstraße den Anwohnern und Geschäftsleuten so gut gefallen, dass sie sich zusammengeschlossen haben. Das temporäre Werk konnte gekauft und auf Dauer dort installiert werden. Ein solcher Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum zeigt noch ein weiteres Moment von echter Urbanität: Wo sich die Anwohner, die umliegenden Geschäftsleute, Sponsoren und Mäzene zusammentun, da werden die Kunstwerke auch gepflegt. Da ist man schon einen Schritt weiter als in fast allen Ausschreibungen für Kunst im öffentlichen Raum, die implizit verlangen, dass der Entwurf vandalensicher, abwaschbar und wartungsfrei sein soll. Dabei weiß jeder Autobesitzer, dass er permanent in sein Objekt investieren muss. Und auf Europas Plätzen stünde heute kein einziges Denkmal aus der Barockzeit mehr, wenn nicht seit ihrer Entstehungszeit erhebliche Anstrengungen für ihren Erhalt geleistet worden wären.

InfoS: Neben fünf auswärtigen Architekten wurde der

Künstler Ovis Wende in die Kommission für Stadtbild und Architektur berufen. Bei seiner ersten Tagung begutachtete das Gremium sechs künftige Baumaßnahmen – von der Hubland-StraßenbahnTrassenführung bis zum Zentrum für angewandte Energieforschung – und sprach Empfehlungen für den Fortgang der Planungen aus. Nicht in die Perspektive der Kommission rückte das Stadtbild als Ganzes. In München ansässig und an der Dortmunder Fachhochschule mit einer Professur für Kunst im öffentlichen Raum und Szenografie versehen, verbrachte Wende seine Schulzeit in Würzburg. Beispiel für seine Auffassung des Raumgestaltens geben hier zwei Plastiken am Neunerplatz.

Kurz, temporäre Kunst zeigt sich in mehrfacher Hinsicht als Träger von Urbanität: Während der Ausstellungsphase kommt es zu einem ästhetischen Diskurs. Bei Ankaufsinteresse folgt der wirtschaftliche: Wie können wir das Werk finanzieren? Und auf Dauer mündet der Dialog in ein gemeinsames Engagement für den Erhalt des Kunstobjekts. Dass Raum-Kunstwerke zudem Aussagen über die sie umgebende Stadt treffen, versteht sich von selbst. KulturGut 01 | Seite

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Lebendiges Würzburg – aus Sicht der Frauen 12. April, 18.30 Uhr, Stadtteilzentrum Grombühl Die Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderung ionformiert alle Würzburgerinnen vier Stunden lang über Angebote speziell für Frauen und über Möglichkeiten, sich bürgerschaftlich zu engagieren. Neue Projekte können initiiert werden. Besonders gefragt sind Sichtweisen und Wünsche von Frauen um die 55 und von jung gebliebenen Seniorinnen, um mit ihnen einen Wandel gemäß dem Motto „Alter schafft Neues“ einzuleiten. Dabei kann es unter anderem darum gehen, sich mit anderen Frauen auszutauschen, Kontakte zwischen Alt und Jung aufzubauen oder sich selbst zu engagieren. ++++++++++++++++++++++++

Kultur-Räume 12. April, 20 Uhr, Mozart-Gymnasium Das zweite Gespräch zur kulturellen Stadtentwicklung zeigt Alternativen auf, nämlich Lösungsmöglichkeiten zur Innenstadtgestaltung. Das Beispielobjekt ist die Neue Mitte Ulm. Die Herausforderungen in Würzburg nennt der Veranstalter, der Dachverband freier Würzburger Kulturträger: „Frankenhalle, Mozartareal, Patriziergelände und natürlich Hubland/Leightons – es gibt in Würzburg einige bauliche Großprojekte, die eine Vielzahl von Chancen bieten.“ In Ulm wurde ein Areal im Sinne aller Bürger umgestaltet. Über den langwierigen Planungsprozess und das weithin beachtete Ergebnis berichtet Christian Guther, Architekt und Stadtplaner aus Ulm. Zur Vergleichbarkeit der Städte: Drei Viertel der Ulmer Altstadt wurden im Kriege zerstört. Stadtplaner nutzten die Chance für eine „Neue Straße“ quer durch

die südliche Innenstadt, mit Bäumen am Rande und Straßenbahn in der Mitte. Diese Zubringerstraße mutierte zur öden Verkehrsschneise. In vorsichtigen Schritten gelang es der Stadtbauverwaltung, eine alle Bürger überzeugende Lösung zu finden und umzusetzen. ++++++++++++++++++++++++

Flohmarkt 24. April, 7 Uhr, Adalbero-Kirche Atmosphärisch betrachtet ist er weit und breit der beste Flohmarkt. Im bunten Gewusel rund um die Adalbero-Kirche, im Idealfall von Sonnenschein begleitet, gleicht er einem ausgelassenen Familientreffen mit Kaffee und Kuchen und manchmal auch mit Musik. Mit sehr moderaten Standpreisen und einem Angebot aus ausschließlich Gebrauchtem!  www.adalbero-flohmarkt.de ++++++++++++++++++++++++

3. Würzburger Umwelttag ­24. April, ab10 Uhr, Landesgarten „Wertvoller Leben” ist das Motto zahlreicher ­Aktionen, Künstler, Stände und Bio-Köstlichkeiten. Musikalisch wird der Tag ab 20 Uhr mit der Folk-Band Solid Ground ausklingen. | www.wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Internationales Kinderfest 2. Mai, rund um den Markt Aktionsgruppen stellen sich und ihre Arbeit vor. Schulen, Kindergärten, Kirchengemeinden, Vereine und andere Gruppen mit Schwerpunkt Kinder- oder KulturGut 01 | Seite

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Jugendarbeit sind dabei und machen das Fest mit Aktionen, Verkaufs- und Informationsständen zu Bayerns größter Spielwiese. Rund 60 Aussteller vom einfachen Informationsstand über kulinarische Angebote oder Spiele bis hin zu Mitmach-Aktionen von Sportvereinen oder Verkehrspolizei locken in die Altstadt. Auf der großen Bühne am Unteren Markt und der Aktionsfläche am Oberen sich Einrichtungen mit Musik, Tanz, Spiel – erlaubt ist hier, was dem Publikum gefällt. Das Internationale Kinderfest wird von der Stadt Würzburg und dem Regionalstudio Mainfranken des Bayerischen Rundfunks veranstaltet. Der gesamte Erlös geht an Hilfsprojekte der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) in Brasilien; die DAHW unterstützt die Veranstalter bei der Koordination. Grundsätzlich dürfen auch einzelne kommerzielle Unternehmen am Kinderfest teilnehmen, sofern ihr Angebot mit den Grundsätzen der Veranstalter vereinbar ist und der Erlös komplett in die Spendenaktion fließt. ++++++++++++++++++++++++

Happy Birthday Ringpark! 13. Juni, 16 Uhr, Altes Amtsgericht Ottostraße 110 Jahre Glacis! Zu einer Jubiläumsführung über die bewegte Parkgeschichte und die Ökologie einheimischer und exotischer Gehölze lädt die Volkshochschule in diese grüne Lunge der Stadt. Bei einer Wein- und Sektprobe haben alle ­Mitgänger die Gelegenheit, auf das immer noch kräftig ­sprießende Geburtstagskind anzustoßen. Anmeldung: | www.vhs-wuerzburg.de


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Die Zuckerdose bleibt heil! Prof. Armin Stock leitet das neue Museum für Psychologiegeschichte. Ein Besuch bei Hemmschuhlegern und Sternezeichnen hinter Spiegeln von Gerriet Harms / Fotos: Tilman Dominka

+ Er ist ein angenehmer Gesprächspartner und sehr bescheiden. Gern wüsste er, wieso die Zeitschrift KulturGut auf ihn kam, er sei doch „völlig unbedeutend“. Immerhin ist er über Fachkreise hinaus aus mehreren Gründen bekannt: durch das Telekolleg Psychologie, den Nobelpreisträger-Lehrpfad im Ringpark, das Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie. Aber selbst das scheint Stock nicht recht von sich selbst zu überzeugen. Er beharrt. Er sei unbedeutend, „zumindest relativ“. Doch auf die offene Reporterfrage, ob man also lieber wieder gehen solle, fängt er an zu erzählen. Und wie!

An der Schwelle zur Lautheit Für seine Doktorarbeit forschte Stock zur Diagnostik von Schwerhörigkeit. Insbesondere, wenn es um die Anpassung von Hörgeräten geht, sind psychologische Experimente wichtig. Um eine Brille anpassen zu können, vermisst der Augenarzt einfach den Augapfel und weiß schon ungefähr, wie viele Dioptrien nötig sind. Das, was der Brillenträger ihm über seine Scharfsichtigkeit sagt, dient lediglich der Feinabstimmung. Ins Innenohr hingegen kann man nicht schauen, deswegen hat KulturGut 01 | Seite

der Hörgeräteakustiker als einzigen Anhaltspunkt die Aussagen des Hörgeräteträgers. Das Messinstrument ist in diesem Fall der Mensch. Deswegen fragt der Akustiker den Psychologen: Welche Lautheitsgrade kann der Durchschnittsmensch überhaupt unterscheiden? Wie ist das besonders an der Schwelle vom Unhörbaren zum Hörbaren und umgekehrt? Inwiefern ist die Wahrnehmung des zweiten Tons abhängig vom ersten? In seiner Habilitationsschrift hat sich Armin Stock mit „Intentionalität und Handlungssteuerung“ beschäftigt. „Wenn ich diese Zuckerdose vom Tisch hochheben will“, erklärt er und hebt die Zuckerdose vom Tisch hoch (sie ist übrigens grün mit Zitronen und Pfirsichen drauf), „dann ist zuerst die Absicht da, das zu tun.“ Als Nächstes sehe man die Dose an, hebe den (richtigen) Arm und greife nach der Dose, und zwar mit angemessener Kraft, damit sie nicht zerdrückt wird. Das muss irgendwie gesteuert werden, und dann auch noch so, „dass ich nicht jedes Mal nach einer Zuckerdose greife, wenn ich eine sehe.“ Das ist witzig, aber Herr Stock lacht nicht. Handlungssteuerung, eine ernste Sache. Zweites Beispiel, das Treppensteigen: „Wie schwer fällt es Kindern, das zu lernen!“ Erwachsenen-Beine hingegen wissen fast

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immer, was sie auf der Treppe zu tun haben, „selbst im angetrunkenen Zustand und im Halbdunkeln“, fügt Stock hinzu, „und dann findet die Hand auch noch den Lichtschalter!“ Da klingt Begeisterung aus seinen Worten, und die Zitronen auf der Zuckerdose leuchten heller.

Die Säulen der Psychologie-Geschichte Das Adolf-Würth-Zentrum ist eine der größten Sammlungen zur Geschichte der Psychologie weltweit, und Prof. Stock ist sehr stolz darauf, die Adolf Würth GmbH und Co. KG als Sponsor für die Baumaßnahmen gewonnen zu haben. Die Geschichte einer Wissenschaft zu bewahren sei sehr wichtig, gerade in einem Fach wie Psychologie, in dem der Wissenszuwachs enorm und die Gefahr groß sei, aus Unwissen über schon Erforschtes das Rad neu erfinden zu wollen. Stock führt durch das Archiv. Zwei gusseiserne Säulen verleihen dem Lesesaal etwas von dem Gründerzeit-Charme, wie er am Röntgenring vorherrscht. Lexika und historische Zeitschriften in den Regalen, daneben eine komplette Gelehrtenbibliothek samt Schrank. Meterweise Monographien, etwa zur Erbbiologie oder über Spiritismus. Daneben KulturGut 01 | Seite

zwei dicke russische Bände. Liest die jemand? „Natürlich liest das keiner!“, ruft Stock, schon vom nächsten Regal aus. „Aber wenn es mal einer braucht, dann findet er es hier!“ Prof. Armin Stock bewahrt gern und baut gern auf. Berät und unterrichtet gern. Und, natürlich, Familie „hat man ja auch“. Auf dem Weg nach unten in den Ausstellungsraum fragt er sich – übrigens höchst munter –, wie er das eigentlich alles schafft. Dann testet er, ob die Alarmanlage ihn heute in die Ausstellung aufnehmen will.

Froschschenkel-Report Ein Raum von der Größe eines weitläufigen Wohnzimmers, in Vitrinen allerlei Gerätschaften, mittels derer Psychologen früher Wissen schöpften. Die erste Vitrine ist Hermann von Helmholtz gewidmet. Helmholtz stellte die damals gängige Lehrmeinung, Denkprozesse ereigneten sich in Lichtgeschwindigkeit, in Frage und führte Experimente zur Nervenleitungsgeschwindigkeit durch. Und zwar an Froschschenkeln. „Die Frösche waren da schon tot“, beruhigt Stock.

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In dieser Vitrine zeigt außerdem, amphibienfreundlich, eine Videoanimation, worum es geht: An den herauspräparierten Muskel, der in eine Apparatur gespannt ist, wird ein elektrischer Impuls gelegt. Dieser geht durch den Muskel hindurch, und der Muskel zuckt. Das passiert alles der Reihe nach und nicht gerade langsam. Aber Lichtgeschwindigkeit? Blödsinn. Das ist der Beweis: Die Verarbeitung eines Muskels braucht Zeit, und diese Zeit lässt sich messen. Zum Beispiel mit einem der formschönen Chronometer in den Schaukästen nebenan, die einmal viele Goldmark gekostet haben.

Der Hemmschuhleger darf nicht sterben Am Boden liegt ein gelber Metallkeil, der mächtig schwer aussieht. „Ein Hemmschuh“, erklärt Herr Stock und hebt ihn auf, „nicht nur eine Redensart.“ Was hemmt man damit? Üblicherweise Güterzüge, damit diese auf dem Gleis nicht rollen, wenn sie nicht sollen. Um Unfällen zwischen Zug und Mensch vorzubeugen, die oft schrecklich ausgehen können, ersannen Psychotechniker, wie die Arbeitspsychologen früher hießen, erstens eine ergonomische Form für den Hemmschuh und zweitens einen Eignungstest zur Auswahl des geeigneten Hemmschuhlegers. Also eine Art Assessment-Center, wie es früher war. Im großen Stil Arbeitsaufgaben simuliert haben nämlich (nach den Chinesen) schon die Amerikaner, vor allem im Ersten Weltkrieg, um in der gewaltigen Kriegsmaschinerie möglichst jeden Kampfplatz mit geeigneten Rekruten besetzen zu können. Im Falle des Hemmschuhlegers geschah das Recruiting so: Der angehende Leger sollte von einer Wand einen von drei nummerierten Holzklötzen abnehmen und zurückhängen können, ohne mit der waagrecht angebrachten Stange zu KulturGut 01 | Seite

kollidieren, die sich unterschiedlich schnell vor der Wand auf und ab bewegte. Herr Stock demonstriert und kollidiert, da geübt, nicht. Puh! Bei einem Test für angehende Zahnmediziner ist die Besucherin dran. Sie soll mit einem Stift den Umriss eines Sterns nachfahren. Den Stern sieht man aber nur in einem Spiegel. Anscheinend klappt es ganz gut, denn Armin Stock lobt sehr: „Sie können direkt in der Zahnklinik gegenüber anfangen.“ Andere Probanden haben nur wüst um den Startpunkt herum gekrakelt. Wieso das? „Manche kommen nicht vom Fleck“, erklärt Stock. Doch das deutet auf keinen psychischen Defekt hin, sondern ist reine Übungssache. Als nachhaltig anregendes Schlussexponat fungiert eine Art Taucherbrille, an der zwei Prismen so angebracht sind, dass die Augen verdreht schauen. Damit kann der Psychologe herausfinden, welches Auge das führungsstärkere ist – wenn denn ein Auge diese Rolle übernimmt. In diesem Fall zeigt sich: Eben stand Prof. Armin Stock noch links, jetzt steht er rechts. Sonst bleibt alles gleich. Ein letzter Beweis für die Vielseitigkeit dieses Mannes.

InfoS: Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der

­ sychologie, Pleicherwall 1, 97070 Würzburg. P Nach Voranmeldung jeden Werktag; Terminvereinbarungen für Führungen Telefon 0931 318 8683 E-Mail awz@uni-wuerzburg.de

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Zerbrechliche Zeitzeugen 9. April, 16.30 Uhr, Unibibliothek am Hubland „Wie Handschriften unser Wissen von Antike und Mittelalter prägen“ lautet der Untertitel dieses Bibliotheksbesuchs. Der ist nicht nur für Graphologen interessant: Die Handschriftenabteilung des Bibliotheksarchivs präsentiert in der Reihe „Bibliothek für alle” ausgewählte fragile Schätze und erläutert deren Bedeutung für unser Verständnis von Vergangenheit. | www.bibliothek.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Update Herzinfarktnetz Mainfranken 14. April, 18 Uhr, Zentrum Innere Medizin Ärzte, Kliniken und Rettungsdienste arbeiten im Herzinfarktnetz der Region zusammen. Der heutige dreistündige Abend, der mit einem kleinen Imbiss ausklingt, versteht sich als Fortbildungsveranstaltung. So berichtet ein Frankfurter Arzt über die Optimierung von Therapieerfolgen. Ein weiteres Thema von insgesamt vieren: das Funktionieren und die Zukunft des Funk-EKG. ++++++++++++++++++++++++

Lust – Freude – Begierde 15. bis 17. April, Toskanasaal Den „wHedonismus von den Anfängen bis zur Neuzeit” untersucht eine Tagung, zu der die Klassischen Philologen zusammenrufen. 19 international renommierte Gelehrte und Nachwuchsforscher stehen

auf der Liste der aktiven Teilnehmer. Sie behandeln Entstehung und Rezeptionen des epikureischen Lustprinzips, die Frage nach dem Glück. Zuhören kann bei freiem Eintritt jeder, wobei sich der Organisator Prof. Michael Erler besonders über Studierende freut. Der Graezist Erler hebt die historische Bedeutung Epikurs hervor: „Zwar gab es Positionen, die wir heute als hedonistisch bezeichnen würden, schon vor Epikur – es sei hier nur auf Demokrit, Aristippos oder Eudoxos verwiesen – und wurde die Frage nach der Lust als leitendes Motiv der Lebensführung auch außerphilosophisch z.B. in der Dichtung thematisiert. Doch war es Epikur, der das subjektive Anliegen eines Strebens nach Lust nicht nur zu einer anthropologischen Konstante erhob, sondern diese Erkenntnis zur Grundlage eines Gegenentwurfes zur klassischen Philosophie erhob und damit ein für allemal die hedonistische Tradition Europas prägte.” Verantwortung für den philosophischen Teil übernimmt der schweizerische Privatdozent Wolfgang Rother. | www.klassphil.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Literatur – Medien – Lesen 3. Mai, 18.15 Uhr, Toskanasaal Berufsberatung in der Residenz: Prof. Dieter Wrobel, Lehrstuhlinhaber für Didaktik der deutschen Literatur, wendet sich an alle, die gerne Deutschlehrer oder Vergleichbares werden möchten. Eineinhalb Stunden lang spricht er über Voraussetzungen, Perspektiven und Chancen eines geisteswissenschaftlichen Studiums, das viele junge Menschen wählen, ohne ihre Position zuvor genauer zu hinterfragen.

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Die Idee des Welttheaters 8. Juni, 19.30 Uhr, St. Burkardus-Haus Das Mainfranken Theater inszeniert im Juli Calderóns „Das Große Welttheater”. In Vorbereitung dazu fragt Prof. Ralf Konersmann nach Möglichkeiten, Funktionen und Ideen des modernen Welttheaters. Der Kieler Gelehrte ist Kulturphilosoph, was ihn fachlich für diesen Vortrag qualifiziert. Derzeit lehrt er mit dem Schwerpunkt Didaktik der Philosophie, so dass der Mann obendrein verständlich sein dürfte. | www.endspiel2010.de ++++++++++++++++++++++++

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Kurztrip Mannheim (3)

Nano! – Nutzen und Visionen einer neuen Technologie bis Oktober 2010, Technoseum Mannheim Kratzfester Autolack und schmutzabweisende Textilien gelten als Wunder der Nanotechnologie. Über deren Risiken wird strittig diskutiert. Die Ausstellung soll sich realistisch mit ihren Möglichkeiten auseinandersetzen. Zumindest zählt sie jetzt schon zu den größten Präsentationen dieser Zukunftstechnologie in Europa. Sie weiß ihren Besucher zu packen: Mit einem Fahrstuhl geht es in immer kleinere Dimensionen, bis man schließlich die Nanowelt auf 900 Quadratmetern Ausstellungsfläche erreicht. Das Technoseum ist das frühere Landesmuseum für Technik und Arbeit. Auch dessen Dauerausstellung wurde grundlegend überarbeitetet und bietet großen wie kleinen Besuchern neues Wissen und spannende Erlebnisse. Auf rund 8000 Quadratmetern formieren sich 200 Jahre Technik- und Sozialgeschichte im Ländle zu einer Zeitreise. | www.technoseum.de


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Kunst ist alternativ! Sozio- und Kultur gehören zusammen. Theorie-Anregungen zu den Würzburger Plänen, ein soziokulturelles Zentrum wiederzubeleben von Dr. Hermann Glaser / Foto: Walter H. Pehle

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+ Es gab Zeiten, da war die kulturelle Szene gespalten: „Soziokulturelle“ Bewegungen wandten sich gegen etablierte Einrichtungen wie Theater und Museen, deren Kulturbegriff als antiquiert, ja reaktionär erschien. „Alternativ“ wollte man neue Formen der Kreativität und Kommunikation erproben und suchte dafür Örtlichkeiten, die keine „Kulturtempel“ waren und somit keine Schwellenangst hervorrufen konnten; häufig waren dies in den Städten ungenutzte Gebäude, die nun umgenutzt wurden; etwa eine Fabrik (wie in Hamburg) oder eine Desinfektionsanstalt (wie in Nürnberg). Als Verfechter einer Kultur, die viele Blumen blühen lassen wollte, habe ich als langjähriger Kulturdezernent von Nürnberg, aber auch generell als Kulturpolitiker die Soziokultur in Theorie und Praxis entschieden unterstützt; aber immer betont, dass nur Missverständnisse zu einem Entweder-Oder führen könnten. Kultur bedürfe des Sowohlals-auch: also der Einrichtungen verschiedenster, auch unterschiedlichster Art. Es gehe bei Kultur und Soziokultur nicht um Gegensätze, sondern um eine Dichotomie: Zweiteilung eines gemeinsamen Sprosses. Diese Gemeinsamkeit zu erkennen, anstelle gegenseitiger Polemik, ist Ergebnis eines steten Diskurses, der speziell in Hinblick auf Soziokultur, aber auch allgemein für deren Begründungszusammenhang notwendig ist. Die Praxis sei häufig so schlecht, weil die Theorie fehle, meinte sinngemäß Immanuel Kant. Populär formuliert (für Politik wichtiger denn je): Man kann nichts vom Kopf auf die Füße stellen, wenn man nichts oder zu wenig im Kopf hat.

Uralte Triebfeder: bürgerschaftliches Engagement Der historische Rückblick zeigt dabei, dass Soziokultur keineswegs eine spätgeborene „Sparte“ darstellt, sondern – das kann ihren teilweise vorhandenen Minderwertigkeitskomplex abbauen helfen – den Ursprüngen von Kulturpolitik immanent ist. Es zeigt sich, dass ererbte Einrichtungen nur insofern einen Anciennitätsvorsprung haben, als sie im Rahmen des kulturgeschichtlichen und kulturpolitischen Entwicklungsprozess im 19. und 20. Jahrhundert den Bezug zu den Quellen neuzeitlicher Kultur verloren hatten. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ ist zum Beispiel eine soziokulturelle Aussage Goethes, die ihrer humanen Substanz im Laufe der Zeit verlustig ging; es blieben ästhetische Hülsen. In bitterer Selbsterkenntnis hat 1939 Thomas Mann, sich seiner deutsch-bürgerlich-geistigen Herkunft erinnernd, konstatiert, dass ihm ursprünglich die Einsicht fremd gewesen sei, auf die es aber bei Kultur wesentlich ankomme: die Einsicht nämlich, dass das Politische und Soziale ein Teilgebiet des Menschlichen darstelle und somit der „Totalität des humanen Problems“ angehöre; diese Totalität weise „eine gefährliche, die Kultur gefährdende Lücke auf, wenn es ihr an dem politischen, dem sozialen Elemente gebricht“. Was dieses politisch-soziale Element betrifft, so versucht Soziokultur in besonderem Maße die Teilhabe und auch die Selbstorganisation wie Selbstverwaltung der Bürger wie Bürgerinnen bei kulturellen Zentren zu aktivieren.

ven anregen und unterstützen sollte; nicht zuletzt dadurch, dass ihnen Verortung ermöglicht wird. In einer Zeit des digitalen Surfens, damit auch weltweiter „Verlorenheit“, wird „Heimat“ immer notwendiger: als ein Territorium für Seins-Gewissheit. Man vergewissert sich seines Daseins, indem man kommunikative Nähe real, nicht nur virtuell, indem man etwa Kultur in ihren vielfältigen Formen, vor allem auch als Klein-Kunst (was nicht mit Kabarett gleichzusetzen ist) erlebt.

Ausgekochte Kultur gegen Deterritorialisierung Essen und Trinken als „ausgekochte Kultur“ gehören dazu. Für Kommunikationszentren ist „Kneipenkultur“ sehr wichtig. Die Vereinsamung am Bildschirm bedarf der Gegenwelt haptischer Gemütlichkeit, wie sie besonders nischenreiche Örtlichkeiten ermöglichen. Dafür geeignete Gebäude zu finden ist nicht einfach, denn lange Zeit war der kahle Funktionalismus modern (bis im Zeichen der Postmoderne „Schnuckeligkeit“ wieder um sich griff). Fazit: Kommunale Mitträgerschaft bei der Neugründung von Kommunikationszentren, die, wie jeder Kulturort, alternativ sind – ein Segen, dass sie es sind –, ist für deren Beständigkeit sinnvoll. Alternativ ist Kultur, welcher Art auch immer, deshalb, weil sie ein Gegengewicht zu dem darstellt, was Friedrich Schiller (zu seiner Zeit ein „alternativer Rebell“) als große Gefahr beschwor: „Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts.“ Schiller sah in der „ästhetischen Erziehung des Menschen“ ein Überlebensmittel und meinte, dass deshalb die Blicke erwartungsvoll auf den politischen Schau-platz zu richten seien; in unsere Zeit übersetzt: Die Kommunen sollten trotz Finanznot kulturelle Investitionen wagen, denn eine gute kulturelle Infrastruktur hilft mit, dass – um Schiller nochmals zu zitieren – „das große Schicksal der Menschheit“ positiv verhandelt wird.

InfoS: Hermann Glaser, vor 81 Jahren in Nürnberg ge-

boren, studierte von 1947 bis zu seiner Promotion 1952 in Erlangen und Bristol Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie. Nach etwa einem Jahrzehnt im Schuldienst wechselte er in das Nürnberger Rathaus. Ab 1964 war er über ein Vierteljahrhundert lang, bis 1990, Schul- und Kulturdezernent seiner Geburtsstadt. Er führte eine wichtige vermittelnde Stimme im politischen Streit um das Nürnberger Soziokulturzentrum Komm. Die Begriffe Soziokultur und Alltagsgeschichte füllte er in zahlreichen, auch mehrbändigen Veröffentlichungen mit Leben. Hermann Glaser ist Mitglied des PEN, Honorarprofessor an der Technischen Universität Berlin und Dozent an der Dresden International University. Er lebt in Roßtal bei Nürnberg. | www.hermannglaser.de

Gedämpfte Autonomie-Sehnsucht Nach einer Partizipations-Euphorie hat freilich die Realität gezeigt, dass die Sehnsucht nach Autonomie sehr zurückgegangen ist und ein Mangel an „Kulturvereinen“ (also Gruppen, die sich bei der Gestaltung des „Kulturbetriebs“ konkret einbringen) besteht. Deshalb ist die öffentliche Hand gefragt, die für die Kontinuität soziokultureller Einrichtungen mit sorgen muss, aber auch die bürgerschaftlichen InitiatiKulturGut 01 | Seite

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Genusskultur verbindet Bernhard Reiser gewann den Gastronomie-Preis. Dabei kommt’s auf Konzepte statt auf Schlagwörter an von Joachim Fildhaut

+ Würzburgs präsentester Meisterkoch hat seine Kräfte konzentriert. Die festen Reisers-Adressen sind seit diesem Frühjahr die beiden Restaurants am Golfplatz und am Stein und das Haus für Catering und Workshops im Mainfrankenpark: „Alle mit dem Auto nur eine Viertelstunde voneinander entfernt. So lässt sich eine optimale Personalauslastung erreichen.“ 45 Hauptamtliche, acht Auszubildende und fünf Food&Kulinaristik-Studenten arbeiten unter der Dachmarke „Genussmanufaktur“. Was noch nicht alle flüchtigen Beobachter der Szene realisiert haben: Seinen früheren Sterntempel, das Louvre in Rothenburg, hatte er schon im Jahr nach der Eröffnung des damals so genannten Weinstein im Gutshof von Ludwig und Sandra Knoll abgegeben. Bei den Skeptikern blieb der Eindruck haften, dass sich der agile Gründer keiner Würzburger Residenzpflicht unterwarf. Setzte er nur hier eine Marke, um dann dort weiter an einem verzweigten Gastro-Unternehmen zu arbeiten? „Man muss lernen loszulassen“, besinnt sich Bernhard Reiser. So ließ er die mittelfränkische Nobelküche los, weil die Entfernung zum Main im Alltagsgeschäft zu groß wurde. Aber er kann auch Verantwortung delegieren, muss nicht persönlich permanent kontrollieren. Eine gute Grundlage hierfür ist die Etablierung einer spezifisch Reiserschen Variante von Genusskultur, die ihrerseits zudem eine tief wurzelnde Einheit zwischen den Tätigkeitsbereichen des 45-jährigen Illertisseners stiftet. KulturGut 01 | Seite

Kleinschmecker Die Wortwahl rutschte zuletzt ins Allgemeinere, und das aus aktuellem Anlass. Denn Reisers jüngste Auszeichnung, der branchenintern ausgesprochen renommierte Warsteiner Gastronomie-Preis, wird nicht für leckeres Essen vergeben, sondern für Konzepte. Seins erscheint in etwa folgendermaßen: Er fördert und verfeinert den Genuss so, dass die Ernährung zugleich gesünder wird, und zwar möglichst für alle. Auf den ersten Blick tritt diese Leitlinie hinter einen anderen Eindruck zurück. Denn etliche Aktionen machen mit geradezu existenziellen Reizen von sich reden: essen im Dunkeln; soviel zahlen, wie es dem Gast wert war; Abschied vom Hauptgericht... Solche Ideen lassen sich als Promotion-Gag einsetzen; im Reisers am Stein machen sie hingegen das Genießen bewusster oder sie schaffen erst die Bedingungen für ein in- und extensiveres Genießen. Temperatur und Textur einer Speise erschließen sich in völliger Finsternis, während der Service mit Hilfe von Nachtsichtgeräten auftischt und der unbekannte Tischnachbar über schwer vergleichbare, aber ebenfalls interessante Erfahrungen philosophiert. Oder, zweites Beispiel: Der Verzicht auf feste Preisforderungen in den Speisekarten hält den Gast dazu an, über Sinneserlebnisse und einen äquivalenten Geldausdruck nachzudenken. Während Dunkelessen und Zahl-was-dumeinst zeitlich befristete Aktionen sind, hat sich im Reisers am Stein der Verzicht auf abendfüllende Portionen seit zweieinhalb Jahren be-

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währt. Vier Gänge und mehr probiert der Besucher im Durchschnitt (und lässt dabei statistisch 50 Euro im Haus). Er muss sich nicht mehr zwischen Fisch- und Fleischgericht entscheiden. Er kann mehr probieren – und will es auch: „Der Abschied vom Hauptgericht hat eine unglaubliche Resonanz gefunden“, schwärmt Bernhard Reiser: „Bei unserem Publikum, das für Empfänglichkeit steht, können sich vor allem die Damen wieder viel genussfreudiger geben.“ In der Küche bedeutet das mehr Aufwand, erfordert ein kleiner Teller doch denselben handwerklichen Einsatz wie ein großer – und es kommt dem Reiser darauf an, die Qualität von altem Küchen-Handwerk zu demonstrieren. Es braucht mehr Geschirr und Besteck, mehr Personal. Aber der Abschied vom Hauptgericht lohnt sich auch betriebswirtschaftlich: Im gleichen Maß wie die Umsätze stiegen auch die Erträge. Anders herum betrachtet: Die Portionsgrößenumstellung brachte zwölf neue Arbeitsplätze. Dass es eine gesunde Ernährungsweise ist, langsam überschaubare Mengen zu konsumieren, liegt auf der Hand. Direkt bei der Gesundheit setzt eine Nebentätigkeit des Kochs an: Gemeinsam mit dem AntiStress-Trainer Peter Buchenau zieht er durch Firmen und macht dem geplagten Personal klar, dass man bei Stress nicht automatisch in Ernährungssünden verfallen muss. Der Küchenmeister beklagt einseitige Vorsorge: „In größeren Unternehmen muss es einen Sicherheitsbeauftragten geben, aber keiner verlangt einen Stressbeauftragten.“ Hier sieht er die Entwicklung – auch im Denken der Krankenkassen – noch sehr in den Anfangsgründen. Dabei wünscht er dem bewussten Ernährer große Gaumenfreude, bedauert er doch zu viele Verbote in der Diätetik: „Ich kenne keinen Ernährungsberater, der mit Lust kocht.“ Unter dieser Maxime kümmert sich der Langstreckenläufer Reiser auch um aufgeklärte Sportlerkost und doziert an der Berufsakademie Mosbach.

Entwicklung im Fluss Im Mainfrankenpark, vor Reisers Event-Manufaktur, parkt ein Reisebus voller Schulkinder. Die Meute strömt in die Schulküche, in der sich bisweilen Manager zur Belohnung für ihre Plagerei kochend entspannen. Der Mann, der den Kleinen nun das Schmecken näher bringt, gestaltete auf einem früheren Höhepunkt seiner Karriere Bankette für Boris Jelzin und Bill Clinton. Vermisst er die weite Welt der Großen? Wieder muss der Reiser nicht lange nachdenken: „Es ist schön, dass ich darauf zurückblicken kann. Aber wesentlich ist, dass ich meinen eigenen Weg gefunden habe.“ Kommen wir noch einmal auf das Loslassen zurück. Man kann ja auch den Weg in die große Welt an andere Menschen übertragen. „Ich bin Ideengeber für meine Leute“, definiert er seine Rolle: „Man muss sie infizieren können.“ Gelungen ist ihm das etwa bei Carolina Baum, derzeit Deutschlands jüngste Sterneköchin. Die war eine seiner ersten Auszubildenden. Im alltäglichen Umgang zwischen Küche und Saal versucht der agile Schwabe, seine Werte vorzuleben – und infiziert die Mitarbeiter ernährungsphysiologisch auch direkt durch den Magen. Sein Ziel ist, täglich einmal mit der Crew gemeinsam zu speisen, samt ernährungsphysiologischer Aufklärung: „Die Leute müssen das nicht nur mit dem Kopf kapieren, sondern verinnerlichen und am eigenen Körper feststellen: Mir geht es wirklich besser.“ So kann Reiser seiner Mannschaft „Vertrauen schenken, ihnen die Freiheit geben und sie bitten: Macht was draus.“ Reisersche Genussstruktur durchdringt die Vielfalt der Einzelerscheinungen. Da stellt sich die Documenta-Frage, ob Kochen Kunst sei, überhaupt nicht mehr. Info: | www.der-reiser.de

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Das ist doch kein Weltuntergang! Endspiel 2010. Würzburger Apokalypse. Ein Plädoyer für ruhige Lesarten von Joachim Fildhaut

+ Zum Millennium richtete die Diözese Passau eine Ausstellung zum Thema mit dem Untertitel „Zwischen Himmel und Hölle“ aus. Im Vorfeld machten die Kuratoren eine Umfrage, mit dem Ergebnis, dass 95 Prozent aller Befragten den Begriff Apokalypse als Synonym für „Ende der Welt“ deuten. Lediglich fünf Prozent bringen ihn mit einer biblischen Schrift in Verbindung, der geheimen Offenbarung des Johannes; ihnen ist auch am ehesten geläufig, dass das Wort übersetzt „Enthüllung“ meint. Dem verbreiteten, negativ eingefärbten Verständnis gegenzusteuern sehen die Initiatoren des Würzburger Zyklus – Katholische Akademie Domschule und Kunstreferat der Diözese – als wichtige Aufgabe an. Allerdings setzen sie dem großen Verschlingen von Armageddon nicht einfach die bloße Antithese entgegen und behaupten, bei den Visionen des Johannes komme es ja vielmehr auf das Positive, auf die Verheißung des neuen Jerusalem an. Vielmehr nehmen sie den Offenbarungstext als ganzen sehr ernst, und das in verschiedener Hinsicht. Essenziell ist ihnen die Bewegung auf eine endgültige Entscheidung zu, auf ein Finale mit offenem Ausgang. So betrifft Apokalypse auch den gegenwärtigen Menschen in seiner Biographie, in seinem Alltag – und bei seinen Festen. Denn der Veranstaltungstitel „Endspiel“ erinnert nicht nur an das Theaterstück von Samuel Beckett, sondern auch an das sportliche Großereignis des Jahrs. Dietmar Kretz, Studienleiter an der Domschule, nimmt den Ball auf: „Im Finale geht es um Alles KulturGut 01 | Seite

oder Nichts. Viele Emotionen wie Jubel und Enttäuschung sind damit verbunden.“ Etwas von dieser Dynamik sieht er auch in der eigenen Veranstaltungsreihe möglich: „Wir sind gespannt, was mit unserem schillernden Titel im öffentlichen Bewusstsein geschieht, wenn die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer kommt.“ Die Struktur der Apokalypse gibt dem Leben Ernst, individuell wie global. Das letzte Buch der Bibel wendet sich an die verfolgten Christen im achten Jahrzehnt zu Kleinasien. Wer die Schrift wirklich mal zur Hand nimmt und ein bildmächtiges Stück Literatur liest, der stolpert vielleicht darüber, wie eingangs die Empfänger-Gemeinden angeredet werden, ganz konkret; wenn es seinerzeit schon Postleitzahlen gegeben hätte, sie wären leicht ins Vorwort eingeflossen. Kurz: Der Text nennt das historische Umfeld, vor dem er verstanden werden kann. Und er kann nicht nur als Zukunftsvision gelesen werden, erinnert Kretz: „Seine Bilder beschreiben die damalige Gegenwart mit Bildern, die dazu verhelfen sollten, dass die Menschen diese Umstände überhaupt aushalten konnten.“ Übersetzungen bedrängter Zeitläufte in Zukunfts-Bildwelten – solche Gegenwartsdeutungen aufzuspüren ist ein dringendes Anliegen der Initiatoren zu Würzburg 2010. Dietmar Kretz: „Es kommt nicht auf den Schrecken um des Schreckens willen an, sondern darauf, sich mit Angst auseinanderzusetzen – um damit vielleicht Hoffnungsperspektiven zu gewinnen.“

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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

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Indien

Frühling International

Südafrika

ab 14. April, 18 Uhr, VHS Würzburg

9. Mai, 12-18 Uhr, Landesgarten

„Interkulturelle Kompetenz mit Bezug auf Indien“ nennt Gloria Träger ihre vier Mittwochabende (bis 5. Mai), in denen sie die Verhaltensweisen im Alltag auf dem asiatischen Subkontinent vorstellt und zugleich das selbstverständliche Benehmen der Deutschen bewusster macht. Da die indische Wirtschaft auf dem globalen Markt eine zunehmend wichtige Rolle spielt, bildet der geschäftliche Umgang einen Schwerpunkt in diesem Seminar. Gloria Träger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Indologie an der Universität Würzburg, richtet sich zugleich aber auch an alle, die sich privat für mehr als die Esskultur Indiens interessieren. Die Teilnahmegebühr beträg 73 Euro. Anmeldung und Informationen: (0931) 355930. | www.vhs-wuerzburg.info

Die Partnerschaftsgärten der Landesgartenschau füllen sich jährlich Anfang Mai mit dem Leben ihrer Herkunftsländer. Sinngemäß. So begegnet man den Vertretern der deutsch-französischen Patenschaften wohl am normannischen Haus und den Iren-Freunden an ihrem Rundturm oberhalb der Rosengärten – wenn man sie dort an ihrem etwas abgelegenen Platz denn findet. Recht aktiv ist der Austausch mit Schweden, obwohl keine skandinavische Nation einen Schärengarten oder dergleichen zur LGS 1990 anlegte. Doch es findet sich allemal ein Plätzchen, an dem nordische Snacks unters flanierende Volk gebracht werden. Dass ein Partnerschaftsgarten existiert, ist keine Zulassungsvoraussetzung für die deutsch-internationalen Gesellschaften, um an diesem globalen Frühlingsfest teilzunehmen. Der Würzburger Verband der interkulturellen Vereine richtet die Begegnung gemeinsam mit dem kommunalen Partnerstädtebüro, dem „Büro Würzburg International“, aus. Die US-Amerikaner verzeichnen guten Zulauf, wenn sie etwa zum Square Dance aufspielen. Dafür ist an ihrem Rochester Garden kein Platz – man tanzt auf der Terrasse beim Eingang Jägerstraße, der für folkloristische Massenbegängnisse eh sehr geeignet ist. So hat man hier in den vergangenen Jahren schon Sirtaki-Aufläufe gesehen und italienische Aufläufe dazu verspeist. Für Kindertheater und Mitmachprogramme eignet sich die etwas ruhiger gelegene Wiese oberhalb vom Wasserspielplatz.

20. Mai, 20 Uhr, Akademie Frankenwarte

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Würzburg ist bunt, nicht braun 1. Mai, Innenstadt Marschieren Rechtsextreme in Würzburg auf? Zu Redaktionsschluss hatte eins ihrer Netzwerke MaiVersammlungen in Würzburger und Schweinfurt beantragt, doch unter Gesinnungsgenossen allein für eine Teilnahme in Schweinfurt geworben. Nichtsdestotrotz formierte sich auch in Würzburg ein breites Bündnis unter gewerkschaftlicher Organisation, um bei einer (Gegen)Demonstration zu zeigen, dass Würzburg keine Sympathien für Neonazis hegt. | www.dgb-wuerzburg.de

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++++++++++++++++++++++++ KulturGut 01 | Seite

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Die Länderabende der Erwachsenenbildungsstätte vereinen Politik, Kultur und Kulinarisches zu einem Einblick in das jeweilige Themenland. Aus aktuellem Anlass richtet die Akademie nun eine abendfüllende Annäherung an Südafrika aus: Referenten werden einen Blick auf die Politik und Gesellschaft im Angesicht der anstehenden Fußball-WM. Trotz zahlreicher Durchbrüche in Wirtschaft und Bildung in den vergangenen Jahren ist das Land weiterhin mit Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität konfrontiert. Neben einem kulturellen Teil lädt der Akademie ihre Gäste ebenso ein, an diesem vorsommerlichen Abend bei traditionellen kulinarischen Genüssen der südafrikanischen Küche zu verweilen. Anmeldung unter: (0931) 80464-340 | www.frankenwarte.de ++++++++++++++++++++++++

Wird Afrika arm regiert? 24. Mai, 11.30 Uhr, Restaurationszelt Mainwiesen Das Africa Festival setzt den Ex-Diplomaten Volker Seitz auf das Podium seiner dritten und brisantesten Mittagsdiskussion. Der schrieb das Buch „Afrika wird arm regiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“ und brachte dort seine Erfahrungen von 17 Jahren im diplomatischen Dienst ein. Gesprächspartner Seitz’ ist Youssou N’Dour. An den Vortagen werden zur gleichen Zeit am gleichen Ort mutmachende Beispiele für gelungene Projekte (Samstag) und die Politik Südafrikas vorgestellt (Sonntag). | www.africa-festival.org


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Anschprechpartnerin: Nanni Kebschull-Schmidt, Telefon 0160 443 42 41

Produktion & Distribution: MorgenWelt Würzburg, Gerberstraße 7, 97070 Würzburg

Kostenlose Auslage in Kulturzentren, Kinos, Veranstaltungshäusern, städtischen Einrichtungen, Gastronomie und ausgewählten Ladengeschäften

Chefredaktion: Iris Wrede C. v. D.: Joachim Fildhaut

Sonstiges: Alle Veranstaltungsangaben ohne Gewähr. Veranstalter, die Fotos an den Verlag senden, haben eventuelle Honorarkosten zu tragen. Urheberrechte für Anzeigenentwürfe, Vorlagen, redaktionelle Beiträge sowie für die gesamte Gestaltung bleiben beim Herausgeber. Der Nachdruck von Fotos, Zeichnungen, Artikeln und Anzeigen, auch auszugsweise, bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des ­Herausgebers. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte/Leserbriefe und Fotos kann keine Haftung übernommen werden. Bearbeitung und Abdruck behalten sich Verlag und Redaktion vor. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Verlags und der Redaktion wieder.

Redaktionelle Mitarbeit: Johannes Engels, Thomas Williams, Gerriet Harms, Dr. Ulrike Öhm, Christine Weisner, Anna Hell, Kurt Niederhausen, Peter Sandkopf Gastbeiträge: Prof. Ovis Wende, Dr. Hermann Glaser Redaktionsbeirat: Anja Flicker, Muchtar Al Ghusain, Hans-Georg Mennig, Dr. Rotraud Ries, Hermann Schneider, Dr. Gunther Schunk, Prof. Dr. Ulrich Sinn Fotos: Tilman Dominka, Gleb Polovnykov, Melanie Probst, K. Forster, Sonja Werner, Walter H. Pehle, Gabriela Knoch, Stadt Würzburg Bildarchiv, KulturGut Bildarchiv, Veranstalter

Dank: Wir danken ausdrücklich den Unterstützern und beteiligten ­Kulturinstitutionen und ­Kulturschaffenden, ohne die die Herausgabe dieses Mediums nicht möglich wäre.

Art Direktion Melanie Probst, MorgenWelt Würzburg

KulturGut erscheint viermal jährlich in Würzburg.

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Ein groĂ&#x;es Frisches aus einem kleinen Dorf.

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