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Stefan Klein, Jahrgang 1965, ist einer der erfolgreichsten Wissenschaftsautoren deutscher Sprache. Der promovierte Biophysiker und Philosoph wechselte aus der Forschung zum Schreiben, weil er „die Menschen begeistern wollte für eine Wirklichkeit, die aufregender ist als jeder Krimi“. Von 1996 bis 1999 gehörte er der Spiegel-Redaktion an; 1998 erhielt er den „Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus“. Sein Bestseller „Die Glücksformel“ (2002) wurde in 25 Sprachen übersetzt. 2004 erschein, wiederum mit großem Erfolg, „Alles Zufall“, 2006 sein hoch gelobtes Buch „Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist“. Stefan Klein lebt als freier Autor in Berlin.

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Kardioforum 3 | 2009

klappen. An anderer Stelle erklärte Leonardo, wie sich die Strömungen im Glasherz sichtbar machen ließen, indem man Partikel in die Flüssigkeit streut: „Mache diesen Test im Glas und bewege darin Wasser und Hirsesamen.“ Um zu beweisen, dass Leonardo diese Versuche wirklich durchgeführt hatte, baute Gharib in seinem Labor einen künstlichen Herzausgang nach den Skizzen des Meisters: Aus einer Plexiglasplatte ragt jener Kolben auf, dessen Form Leonardo auf seinem blauen Blatt mit wenigen Strichen umriss. Von unten presst eine Pumpe stoßweise Wasser in das Gefäß, und bei jedem Pulsschlag öffnet sich am Kolbenboden eine aus drei Flügeln zusammengesetzte Klappe wie eine Schwingtüre. Ihre aus einem weichen Kunststoff bestehenden Teile erscheinen so zart, dass man sie auf den ersten Blick für Hautlappen hält. Sobald der Nachschub von unten ausbleibt, schließt sich das Tor wieder. Dann beginnt das Spiel von neuem, so dass der Kolbeninhalt im Takt der Pumpe pulsiert. Moderne Wissenschaftler beobachten Strömungen genau so, wie Leonardo es empfohlen hatte – sie lassen Körnchen in der Flüssigkeit schwimmen. Nur bemühte sich Gharib nicht auf der Suche nach Hirsekörnen in den Bioladen, sondern benutzte winzige, silberbeschichtete Glaskügelchen, wie es heute üblich ist. Und statt mit dem bloßen Auge verfolgte er deren Bewegungen mit einer komplizierten Laser-Messapparatur. Doch am Ende erschienen auf Gharibs Computerbildschirmen genau die Stromlinien, die der Meister mehr als 500 Jahre zuvor aufgezeichnet hatte. Tief demütig habe er sich in den Tagen dieser Experimente immer wieder gefühlt, sagt Gharib: „Leonardos Blick war so scharf, dass er mit dem Zei-

chenstift Zusammenhänge erfasste, die andere Wissenschaftler erst viele Generationen später in Gleichungen zu gießen verstanden.“ Doch Leonardos scharfes Auge wäre hilflos gewesen ohne sein Kombinationstalent. Jahrzehnte zuvor hatte er sich mit der Strömung an Schleusentoren befasst. Jetzt wusste er, wonach er im Herzen suchen musste, denn das Blut sollte sich ähnlich verhalten wie das Wasser in einem Kanal: Nach einer Engstelle baut sich ein Kehrwasser auf; Wirbel entstehen, die das Schleusentor von außen zudrücken können. Ein Wasserbauingenieur musste diesen Effekt verhindern – die Natur jedoch hatte ihn beim Herzen geschickt ausgenutzt. Weshalb aber muss die Klappe am Herzausgang aus drei Teilen bestehen? Nun kam es Leonardo zugute, dass er einst von dem Versuch besessen war, den Kreis zu quadrieren. Seine zahllosen Blätter, die er mit immer wieder ähnlichen geometrischen Figuren füllte, könnte man leicht für die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen halten; doch gerade sie erleichterten es ihm nun zu verstehen, wie sich das aus drei dreieckigen Abschnitten zusammengesetzte Ventil der Aorta verformt. Hätte die Klappe nur zwei Flügel, würde sie sich schwerer öffnen, mit vieren aber wäre sie instabil. Mit seinem Glasherz zeigte sich Leonardo als wahrer Prophet: Er nahm wissenschaftliche Methoden der Neuzeit vorweg. Während seine Zeitgenossen noch darüber diskutierten, wie Planeten den menschlichen Herzschlag überwachen, ahmte er die Natur im Modell nach, um sie zu studieren. Die Mona Lisa ist die Neuschöpfung eines Gesichts, das Kunstherz der Nachbau eines inneren Organs nach den Regeln der Natur.

Kardioforum 3/09  

Ausgabe Kardioforum 3/09

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