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Koronarintervention bei Neunzigjährigen Wolfgang Motz ie Inzidenz der koronaren Herzkrankheit steigt progressiv mit Zunahme des Lebensalters an. Entsprechend kommen auch heute immer mehr hochbetagte, rüstige Patienten, die älter als 80 Jahre sind, zur invasiven kardiologischen Diagnostik. Beim Nachweis relevanter Koronarstenosen stellt sich auch die Frage, ob eher ein interventionelles oder operatives Vorgehen angezeigt ist. Grundsätzlich hat die aortokoronare Bypass-OP bei hochbetagten Patienten wegen des Vorliegens vieler Komorbiditäten ein hohes Operationsrisiko. Auch ohne Vorliegen großer randomisierter Studien haben wir uns im Herz- und Diabeteszentrum Mecklenburg-Vorpommern, Klinikum Karlsburg entschieden, hochbetagte Patienten > 80 Jahren koronarinterventionell zu behandeln, wenn es die Koronarmorphologie zulässt. Seit 2001 haben wir 14 Patienten > 90 Jahren, entweder stark symptomatisch oder im Rahmen eines akuten Koronarsyndroms (AKS) mit STEMI oder NSTEMI, mittels PCI behandelt. Die Eingriffe erfolgten nach dem Standardprotokoll der Klinik (Vorgehen nach Judkins, Führungskatheter 5 oder 6 French, Monorailsystem, wenn möglich direktes Stenting). Die meisten Patienten, 11 von 14, wurden notfallmäßig wegen eines akuten Koronarsyndromes bzw. eines STEMI oder NSTEMI in unsere Klinik eingewiesen. Das spricht dafür, dass die betreuenden Hausärzte wegen des hohen Lebensalters der Patienten keine kardiologische Diagnostik in Betracht zogen. 10 von 14 Patienten hatten eine Niereninsuffizienz, entweder im Stadium der kompensierten Retention oder dialysepflichtig. Dies hat in der Regel wegen der daraus resultierenden Notwendigkeit einer Nachbehandlung mit NaCl-Infusion und Überwachung der Kreatinin-Werte zu einer Verlängerung des stationären Aufenthaltes geführt. 5 von 14 Patienten hatten eine hochgradig eingeschränkte LV-

D Korrespondenzadresse: Prof. Dr. med. Wolfgang Motz Klinikum Karlsburg Herz- und Diabeteszentrum Mecklenburg-Vorpommern Greifswalder Straße 11 17495 Karlsburg Tel.: 038355 70-1283 Fax: 038355 70-1655 prof.motz@drguth.de www.drguth.de

Karlsburgs ältester Patient Alte Menschen profitieren von der Stenttherapie besonders! Der 94-jährige, rüstige Ernst Bonow von der Insel Usedom ist der älteste Patient, den Prof. Dr. med. W. Motz interventionell behandelt hat. Durch die Implantation eines Koronarstents in 20 Minuten konnte Herr Bonow von seiner schweren Angina pectoris befreit werden.

Literatur (1) Graham MM, Ghali WA, Faris PD, Galbraith PD, Norris CM, Knudtson ML. Survival After Assessment in Coronary Heart Disease (APPROACH) Investigators. Circulation 2002; 105:2378–2384.).

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Kardioforum 3 | 2009

Funktion, bei 4 von 7 Patienten mit einem ST-Hebungsinfarkt war dieser kompliziert durch das Auftreten eines AV-Blockes 3. Grades bzw. einer passageren Asystolie oder ventrikulären Tachykardie. Bei den meisten der hochbetagten Patienten fanden sich stark verkalkte und torquierte Koronargefäße, so dass ein direktes Stenting des relevanten Zielgefäßes meist nicht möglich war. In der Regel war es schwierig, einen signifikanten Lumengewinn der verkalkten Stenosen zu realisieren. Meist nur durch mehrmalige Vordilatationen gelang es, ein zur Einbringung eines Stents geeignetes Lumen zu schaffen. Kompliziert waren die Eingriffe auch durch ein häufig bestehendes Kinking der Aorta. Trotz dieser Komplikationen verliefen die Eingriffe relativ problemlos. Die häufigsten Komplikationen im postinterventionellen Verlauf waren Pneumonien auf dem Boden einer Lungenstauung. Ein Patient entwickelte unter der Infusion mit dem Glykoprotein IIIa/IIb Blocker eine hämorrhagische Cystitis. Bei den meisten Patienten bestand eine meist ausgedehnte, schwere koronare Zwei- bis Dreigefäßkrankheit, deren Koronarmorphologie eher für eine aortokoronare BypassOperation sprach. Gegen die Durchführung der Operation sprach bei der Hälfte der Patienten die Tatsache, dass sie wegen eines ST-Hebungsinfarktes in das Herzkatheterlabor kamen. Erfahrungsgemäß ist der ST-Hebungsinfarkt wegen seiner hohen Operationsletalität die Domäne der Koronarintervention. Beim interventionellen Vorgehen beschränkten wir uns außer bei einem Patienten auf eine Behandlung des Infarktgefäßes beziehungsweise des mutmaßlichen Zielgefäßes, das für die Angina pectoris verantwortlich war. Wir gingen und gehen davon aus, dass sich die Behandlung der koronaren Herzkrankheit bei Neunzigjährigen auf eine Behandlung der Symptomatik beschränken und nicht auf eine Verbesserung der

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Ausgabe Kardioforum 3/09

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