Page 3

Editorial

Wolfgang Motz Herausgeber

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, in den letzten Wochen wurde in der Presse intensiv über „Fangprämien“ diskutiert. Bei Fangprämien handelt es sich um Zahlungen an zuweisende Ärzte quasi als Dankesprämie für eine stationäre Einweisung zu einem operativen Eingriff, z. B. Hüftgelenksersatz, Prostataoperation oder Koronarintervention. Für solche „Fangprämien“ hält das Strafrecht empfindliche Sanktionen bereit. Jeder wirtschaftliche Vorteil, den der Arzt für die Überweisung von Patienten vom Krankenhaus oder von Kollegen erhält, ist rechtswidrig. Jede Vereinbarung, die sich später inhaltlich als ein Verstoß gegen diese Regelung herausstellt, ist nichtig. Ein Patient muss sich darauf verlassen können, dass die Entscheidung allein von medizinischen und nicht verdeckt finanziellen Gesichtspunkten geleitet wird. In den letzten Jahren ist es der politische Wille der früheren rot-grünen und der letzten schwarz-roten Regierung gewesen, die Sektoren zwischen ambulanter und stationärer Versorgung niederzureißen. Kliniken können jetzt Kassenarztsitze kaufen und medizinische Versorgungszentren gründen. Warum tätigen private und staatliche Kliniken solche Investitionen? Hintergrund für solche Unternehmens- und Investitionsentscheidungen ist, sich Portale zu schaffen, um Patienten in das dahinter stehende Schwerpunktkrankenhaus oder „Mutterhaus“ einzuweisen. Wie sonst gäbe es Sinn, für viel Geld Kassenarztsitze zu erwerben und medizinische Versorgungszentren aufzubauen. Eine deutsche Universitätsklinik ist sogar so weit gegangen, sich ein in ihrem Einzugsgebiet liegendes Kreiskrankenhaus mit „Steuermitteln“ zu kaufen. Kliniken nehmen erhebliche Abschläge bei Verträgen der „integrierten Versorgung“ in Kauf, weil sie sich eine Fallzahlvermehrung und Zusatzeinnahmen außerhalb des Budgets durch die gezielte – vom Patienten nicht mehr beeinflussbare – Zuweisung durch den Partner erwarten. Der Patient wird von den Krankenkassen durch Rabatte und ein meist vages und nicht reales Qualitätsversprechen verleitet, seine freie Arztwahl aufzugeben. Meines Erachtens führt diese Entwicklung dazu, dass gutgläubige Patienten in das „Mutterhaus“ überwiesen werden, ohne dass diese Entscheidung allein von medizinischen Gesichtspunkten geleitet wird. Den meisten Patienten und auch vielen Lokalpolitikern sind diese Gefahren nicht bewusst. Es werden in der Öffentlichkeit die „Fangprämien“, die von der einen oder anderen Klinik vielleicht gezahlt werden oder wurden, mit Krokodiltränen beklagt. Die mittlerweile immer mehr um sich greifende Entmündigung des Patienten durch klinikeigene Kassenarztsitze, medizinische Versorgungszentren und IV-Verträge ist bereits Realität. Der Patient kann sich heute nicht mehr darauf verlassen, dass die Empfehlung für eine Klinik oder einen Facharzt allein von medizinischen und nicht von verdeckten finanziellen Gesichtspunkten geleitet wird. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!

Wolfgang Motz

Kardioforum 3/09  

Ausgabe Kardioforum 3/09

Kardioforum 3/09  

Ausgabe Kardioforum 3/09

Advertisement