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KrummhĂśrner OrgelfrĂźhling 16. bis 21. Mai 2017

Du schaffst mir einen sichern Ort Genfer Psalter, Psalm 4


Inhalt Seite

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Grußwort des Schirmherrn D. Dr. h. c. Peter Bukowski

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4 bis 30

Konzertprogramme

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32 bis 33

Orgeldispositionen

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34 bis 37

Orgelfrühling mit jungen Leuten

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38 bis 53

Orgelfrühling mit der Krummhörn

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54 bis 71

Die Krummhörn - Weggehen und Ankommen

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72 bis 74

Informationen

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Programm auf einen Blick!

Veranstalter: Synodalverband Nördliches Osfriesland der Evangelisch-reformierten Kirche Leitung: Pastor Siek Postma Redaktion und V.i.S.d.P.: Karin Bockelmann, mail: drkarinbockelmann@web.de www.krummhoerner-orgelfruehling.de Layout und Grafik: Auguste Damaske Bildmaterial: Archive der Künstler, Archiv des Orgelfrühlings, Leihgaben von privat, Horst Arians, Jürgen Berwing, Otto Damaske, Harro Hinrichs, Jürgen Hoogstraat, Wikipedia Sollte der Wunsch bestehen, Teile aus dem Programmheft nachzudrucken, kann dies nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autoren und der Redaktion geschehen.


Grußwort

"Du schaffst mir einen sichern Ort"

dunkler Zeit" - "Du bist mein Licht und Heil" - "Du schaffst mir einen sichern Ort". Du. Nicht ich. Was mich betrifft, so nehme ich Zuflucht. Wie? Durch Eintauchen in die guten Worte, die von der Freundlichkeit und von der Kraft Gottes erzählen: "Mein Herz hält fest sich an Dein Wort" - heißt es im Psalm.

(Psalm 4)

"Raum schaffen" - so heißt eine Übung, die sich in der Psychotherapie bewährt hat, wenn jemand von dem, was ihn ängstigt oder bedrückt so besetzt ist, dass die Sorge sein ganzes Leben zu bestimmen droht. In einem ersten Schritt wird das Ängstigende/Bedrohliche noch einmal klar in den Blick genommen - also weder verharmlost noch weggeredet. Dann aber beginnt die innere Suche nach einem Ort, an dem ich mich mit all meinem schweren Gepäck geborgen, sicher fühlen kann. Diesen Ort male ich mir (möglichst plastisch) aus und stelle mir vor, wie ich dorthin Zuflucht nehme. Das setzt Kräfte frei, um mich dem Schweren neu zu stellen. Diese Übung kam mir in den Sinn, als ich Psalm 4 las. Er ist, wie die Überschrift sagt, ein Abendlied. Auch hier wird Belastendes ohne schön zu färben in den Blick genommen. Im Fall des Psalmsängers: "Angst", die ihn fast vergehen lässt, Angriffe auf die eigene Integrität, ehrabschneidende Gerüchte - neudeutsch: Mobbing. Nun werde ich mich nicht immer so gefährdet und bedroht fühlen, wie hier angesprochen. Aber ob ich in der Nacht zur Ruhe komme, entscheidet sich wesentlich daran, ob ich um eine Geborgenheit weiß, die mir auch in schwersten Zeiten Sicherheit bietet. Das Bedrückende löst sich nicht in Nichts auf, aber sein Zugriff lockert sich, und es vermag mich nicht gefangen zu halten. Den "sichern Ort" findet der Psalmist bei Gott. Bezeichnenderweise lautet in der hebräischen Bibel einer der Gottesanreden "Ort" (hebr.: makom)! Diesen Ort muss ich mir nicht in meiner Phantasie erschaffen, er liegt bereit, er steht mir offen: "Du schaffst mir Raum in

Kirchengebäude halten die Erinnerung an Gottes Wort lebendig. Darum waren den Dörfern in der Krummhörn ihre Kirchen so wichtig. Sie erzählen mit ihren Mauern, ihrer Architektur und ihrem "Innenleben" von der Gottesbegegnung früherer Generationen und erinnern zugleich daran, dass ich nicht allein unterwegs bin, sondern als Teil der versammelten Gemeinde. Und in den Kirchen die Orgeln! Da war den Leuten das Beste gerade gut genug. Denn die Musik verkündigt auf ganz eigene, kraftvolle Weise das Evangelium von der Lebendigkeit und Treue Gottes. Als begeisterter Gitarrist freut es mich natürlich, dass der Psalm 4 laut Überschrift zum Saitenspiel gesungen werden soll. Das mag für ein GuteNacht-Lied auch angehen. Zugleich muss ich zugeben: Die Orgel hat den nicht zu unterschätzenden Mehrwert, dass sie atmet. Darin gleicht sie der menschlichen Stimme - und weist auf Gottes eigenen "Odem" hin, dem sich alles Leben verdankt. Mögen die Mitwirkenden wie die Besucher des Orgelfrühlings erleben, wie sie angehaucht und vom erklingenden Gotteslob zum "sichern Ort geführt" werden. Peter Bukowski

Pfarrerin Sylvia Bukowski: Predigerin beim Festgottesdienst am 21. Mai in der Manslagter Kirche

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Uttum

Dienstag, 16. Mai 2017

20 Uhr

Eröffnungskonzert Sietze de Vries, Orgel,

Eran Wajsenblum, Blockflöte

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Jan Pieterszoon Sweelinck 1562 - 1621

Psalm 23 ‘Mein hütter undt mein hirtt’ Choral mit drei Variationen

Improvisation

Psalm 33 im Wechsel mit den Flötenvariationen von Jacob van Eyck (ca.1590 - 1657)

Georg Philipp Telemann 1681 - 1767

Fantasia für Blockflöte

Jan Pieterszoon Sweelinck

Psalm 140 im Wechsel mit den Flötenvariationen von Jacob van Eyck

Improvisation

Psalm 4: ‚Du schaffst mir einen sichern Ort‘


Hamburg ist stolz auf seine Musiktradition und hat Georg Philipp Telemann darin fest verankert. In einer Sendung des NDR vom 4. Februar 2014 wird er sozusagen als ‚großer Sohn der Stadt‘ gewürdigt, obwohl weiter flussaufwärts 1681 in Magdeburg geboren; hier Auszüge daraus: „Georg Philipp Telemann ist einer der wenigen Künstler seiner Zeit, der zu Lebzeiten nicht nur angesehen war, sondern von seinem Schaffen auch gut leben konnte. Dabei sah es zunächst nicht so aus, als würde aus dem kleinen Georg Philipp, der am 14. März 1681 in Magdeburg zur Welt kam, einmal einer der berühmtesten deutschen Barockkomponisten werden, denn Musik war keine Passion in seiner Familie …, so eignete er sich das Musikhandwerk - darunter das Spiel mehrerer Instrumente - weitgehend autodidaktisch an. 1701 begann Telemann in Leipzig ein Jurastudium ... und knüpfte Kontakte zu Musikern seiner Zeit - darunter Georg Friedrich Händel. Ihre Freundschaft sollte ein Leben lang andauern. …das Komponieren fiel dem jungen Musiker außerordentlich leicht und so belieferte er nicht nur die Leipziger Kirchen mit Kantaten. 1704 stieg er zum Musikdirektor der Universitätskirche auf. Zuvor hatte er bereits ein eigenes Ensemble gegründet, dem zeitweise wohl bis zu 40 Musiker angehörten…. 1712 ging Telemann nach Frankfurt am Main. Dort erhielt er die Stelle des städtischen Musikdirektors … und wagte sich auf eigenes Risiko an das Verlegen von Musikwerken. …Einflussreiche Hamburger Fürsprecher holten Telemann 1721 nach Hamburg. Er war zu dieser Zeit 40 Jahre alt und ein deutschlandweit geschätzter, umworbener und wohlhabender Musiker. … Mit mehreren Tausend verzeichneten geistlichen, weltlichen und Instrumentalwerken verschiedenster Musikgattungen gilt Georg Philipp Telemann als einer der produktivsten Komponisten der Musikgeschichte. Dennoch geriet er nach seinem Tod für fast zwei Jahrhunderte in Vergessenheit. Eine systematische Aufarbeitung seines Schaffens fand erst ab den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts statt.“ www.ndr.de/kultur/geschichte/.../Telemann-derbarocke-Multitasker, telemann107.ht... Telemann hatte seine Kreise und sein Publikum und genoss zweifellos Bewunderung und Ruhm, nicht anders sein Freund Händel. Im fernen Amsterdam ging es Jan Pieterszoon Sweelinck Jahrzehnte zuvor nicht ganz viel anders, denn in der Oude Kerk fanden sich täglich Vertreter der Spitzen der Stadt, deren Gäste und wohlhabende Bürger zu seinen Orgelkonzerten ein, die er außerhalb der Gottesdienste als vom Rat – nicht von der Kir-

che! – besoldeter Organist gab. Sweelinck gehörte damit zu den ersten Veranstaltern von weltlichen Konzerten im neuzeitlichen Europa, so der Orgelfachmann Hans Maier. Das Publikum wusste diese Bereicherung der Musikszene der Stadt ganz außer ordentlich zu schätzen; Sweelinck war aber vor allem derjenige, dem man immer wieder vielversprechende junge Organisten zur anspruchsvollen Ausbildung nach Amsterdam schickte. „Sweelinck ist der größte „Orgelsystematiker“ vor Johann Sebastian Bach; er wirkte weit über Amsterdam hinaus auf Organisten und Orgelmusik in den Niederlanden und in Norddeutschland ein. Außer ihm hat keine Figur der Orgelgeschichte den Beinamen des ‚Organistenmachers‘ erhalten.“ (Hans Maier, Die Orgel – Instrument und Musik, München 2015, S. 54) In ganz Europa verbreitete sich sein Ruhm als Komponist. Den Genfer Psalter hat er in seinen letzten Lebensjahren vollständig vertont.

Sietze de Vries ist internationaler Konzertorganist und Kirchenmusiker. Seine Tätigkeit hat drei Schwerpunkte: 1. Das Promoten des historischen Orgelbestandes, besonders in der Provinz Groningen 2. Das Verbreiten des Improvisations-Handwerks 3. Das Weitergeben der oben aufgeführten Dinge an folgende Generationen Diese drei Punkte treffen im Orgel Educatie Centrum Groningen zusammen, dessen künstlerischer Leiter Sietze de Vries ist. In dieser Eigenschaft ist er einer der festen Organisten der Hinsz-Orgel in der Petruskerk zu Leens und der Schnitger-Orgel in der Jacobikerk zu Uithuizen. Neben diesen beiden Spitzeninstrumenten steht ein Großteil des berühmtem Groninger Orgelerbes für allerlei Aktivitäten zur Verfügung, wie z.B. Konzerte, Exkursionen und Kurse. Studenten aus dem In- und Ausland kommen daher auch gerne zum Studieren nach Groningen, und die vielen Orgelexkursionen zeigen, dass die Orgelkultur quicklebendig ist. Sietze de Vries erhielt seine Ausbildung bei u.a. Wim van Beek und Jos van der Kooy. Bei letztgenanntem Dozent studierte er auch Improvisation, ebenso beim berühmten Jan Jongepier. Neben seinen Orgel- und Konzertdiplomen verfügt er über das niederländische Kirchenmusikdiplom mit Auszeichnung für Improvisation. Während und nach seinem Studium an den Konservatorien von Gro– ningen und Den Haag machte er sich einen Namen durch nicht weniger als fünfzehn Preise bei verschiedenen Orgelwettbewerben. Ein abschließender Höhepunkt dieser Periode war das Gewin-

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nen des Internationalen Orgelwettbewerbes von Haarlem 2002, wo er übrigens zuvor schon zweimal im Finale war. Im neuen Jahrtausend nahm die Karriere von Sietze de Vries auch international einen erfolgreichen Verlauf: Er konzertierte in vielen europäischen Ländern, aber auch in den Vereinigten Staaten, Kanada, Russland und Australien. Als Dozent für Improvisation wird er international viel gefragt und ist “visiting professor” an der Universität von Collegedale (USA) und der McGill Summer Organ Academy in Montreal (CA). Die Kombination von Werken der Literatur und Improvisation, immer an das zu spielende Instrument angepasst, ist das Markenzeichen von Sietze de Vries, nicht nur bei Konzerten, sondern auch auf CD. Eine reichhaltige Auswahl von Tonträgern ist mittlerweile auf seinem eigenen Label JSB-Records verfügbar. Die CDs erhalten international sehr positive Kritiken und werden in großer Auflage weltweit verkauft. Neben seiner Arbeit als konzertierender und lehrender Organist ist Sietze de Vries international als Exkursionsleiter aktiv, hält Vorlesungen in Meisterkursen und macht spezielle Kinderprogramme rund um die Orgel. Sein Engagement bei der Förderung von jungen Talenten wird auch aus der Tatsache deutlich, dass er fester Begleiter des bekannten Roder Jongenskoor, der Roden Girl Choristers und des Kampen Boys Choir ist, die nach englischanglikanischer Tradition musizieren. Artikel von seiner Hand über Kirchenmusik, Orgelbau und Improvisation erscheinen regelmäßig in verschiedenen internationalen Zeitschriften. Als Redakteur für Orgelbau ist Sietze de Vries für die Fachzeitschrift “Het Orgel” tätig. www.sietzedevries.nl

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Die nachfolgenden Psalmen sind der Gute Nachricht-Bibelübersetzung entnommen. Psalm 23 Der Herr ist mein Hirt 1 Ein Lied Davids. Der HERR ist mein Hirt; darum leide ich keine Not. 2 Er bringt mich auf saftige Weiden, lässt mich ruhen am frischen Wasser 3 und gibt mir neue Kraft. Auf sicheren Wegen leitet er mich, dafür bürgt er mit seinem Namen. 4 Und muss ich auch durchs finstere Tal – ich fürchte kein Unheil! Du, HERR, bist ja bei mir; du schützt mich und du führst mich, das macht mir Mut. 5 Vor den Augen meiner Feinde deckst du mir deinen Tisch; festlich nimmst du mich bei dir auf und füllst mir den Becher randvoll. 6 Deine Güte und Liebe umgeben mich an jedem neuen Tag; in deinem Haus darf ich nun bleiben mein Leben lang. Psalm 33 Der Schöpfer der Welt schützt sein Volk

1 Jubelt dem HERRN zu, ihr alle, die ihr ihm gehorcht! Es ist gut, wenn die Redlichen ihn preisen! 2 Dankt dem HERRN auf der Laute, spielt für ihn auf der zehnsaitigen Harfe! 3 Singt ihm ein neues Lied, singt und spielt, gebt euer Bestes! 4 Das Wort des HERRN ist verlässlich; er beweist es durch seine Taten. 5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht; von seiner Güte lebt die ganze Welt. 6 Durch das Wort des HERRN ist der Himmel entstanden, die Gestirne schuf er durch seinen Befehl. 7 Das Wasser am Himmel hat er in Wolken gefasst, die Fluten in Kammern eingesperrt. 8 Vor ihm muss sich die ganze Erde fürchten und jeder Mensch in Ehrfurcht erschauern. 9 Denn er spricht und es geschieht; er gibt einen Befehl, schon ist er ausgeführt. 10 Der HERR durchkreuzt die Beschlüsse der Völker, er macht ihre stolzen Pläne zunichte. 11 Doch was er selbst sich vornimmt, das führt er auch aus; sein Plan steht für alle Zeiten fest. 12 Glücklich das Volk, das den HERRN zum Gott hat, das er erwählt hat als sein Eigentum! 13 Der HERR blickt vom Himmel herab auf die Menschen; 14 von dort oben, wo sein Thronsitz ist, beobachtet er alle, die auf der Erde leben. 15 Er hat ihnen Verstand und Willen gegeben und weiß alles, was sie tun und treiben.


16 Wenn ein König in der Schlacht den Sieg erringt, verdankt er das nicht seiner großen Armee; und wenn ein Krieger heil davonkommt, liegt es nicht an seinen starken Muskeln. 17 Wer sich auf Reiterheere verlässt, ist verlassen; auch viele Pferde mit all ihrer Kraft können den Sieg nicht erzwingen. 18 Doch der HERR beschützt alle, die ihm gehorchen, alle, die mit seiner Güte rechnen. 19 Er wird sie vor dem Tod bewahren und in Hungerzeiten am Leben erhalten. 20 Wir hoffen auf den HERRN, er hilft uns und beschützt uns. 21 Wir freuen uns über ihn, denn auf ihn, den heiligen Gott, ist Verlass. 22 HERR, lass uns deine Güte sehen, wie wir es von dir erhoffen!

Psalm 4 ist im Programmheft an anderer Stelle in der Fassung des Genfer Psalters in moderner Form (Konzert Jennelt) und in alter englischer Form (Evensong Pilsum) wiedergegeben.

Psalm 140 Bitte um Hilfe gegen Verleumder 1 Ein Lied Davids. 2 HERR, rette mich vor boshaften Menschen, vor gewalttätigen Leuten beschütze mich! 3 Ihr Kopf steckt voll von bösen Plänen, ständig brechen sie Streit vom Zaun. 4 Sie sind gefährlich wie züngelnde Schlangen, ihre Worte sind tödlich wie Natterngift. 5 HERR, bewahre mich vor Menschen, die dich und deine Gebote missachten; vor gewalttätigen Leuten beschütze mich, vor denen, die mich zu Fall bringen wollen. 6 Diese Vermessenen haben mir Fallen gestellt, mir Schlingen und Netze in den Weg gelegt. 7 Ich aber sage: HERR, du bist mein Gott! Höre mich, wenn ich um Hilfe rufe! 8 Gott, du mein Herr, mein starker Helfer, du hast mich im Kampf geschützt wie ein Schild. 9 Gib diesen Unheilstiftern nicht, was sie sich wünschen! Lass ihre Machenschaften nicht gelingen; sie würden sonst noch überheblicher! 10 Die Lügen, die sie über mich verbreiten, lass sie zurückfallen auf diese Verleumder! 11 Lass glühende Kohlen auf sie regnen! Stürze sie ins Feuer, in tiefe Schluchten, aus denen sie nicht mehr herauskommen können! 12 Für böse Zungen soll im Land kein Platz sein, und wer Gewalttat liebt, den soll das Unglück zu Tode hetzen! 13 Ich weiß es, HERR: Du trittst für die Unterdrückten ein, du wirst den Wehrlosen Recht verschaffen. 14 Alle, die dir die Treue halten und nach deinem Willen fragen, werden in deiner Nähe leben und dich preisen.

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Groothusen

Mittwoch, 17. Mai 2017

20 Uhr

Bas de Vroome, Orgel

Georg Böhm 1661 - 1733

Präludium, Fuge und Postludium g-moll

Improvisation Hans Friedrich Micheelsen 1902 - 1973

Präludium D-dur

Francois Couperin 1668 - 1733

“Messe pour les Paroisses” Fugue sur les jeux d’anches Duo Dialogue Montre en taille Dialogue sur les Grands Jeux

Wolfgang Amadeus Mozart 1756 - 1791

Ah! Vous dirai-je, Maman. KV 265

Johann Sebastian Bach

Schafe können sicher weiden BWV 208 Toccata und Fuge d-moll BWV 565

Bas de Vroome studierte ab 1980 am Sweelinck Konservatorium Amsterdam Orgel und Kirchenmusik bei Pit Kee und Klaas Bolt und machte 1986 dort seinen Abschluss mit summa cum laude. Anschließend studierte er Glockenspiel in Amersfoort, gewann 1994 den zweiten internationalen Wettbewerb für Glockenspiel in Groningen und arbeitet nun seit vielen Jahren intensiv in Schulprojekten mit, um Kindern das Glockenspielen nahe zu bringen; er praktiziert das Glockenspiel an verschiedenen Orten in den Niederlanden und ist regelmäßig Juror bei Glockenspielwettbewerben. Als Organist in der reformierten Kirche ist Bas de Vroome in Delft tätig, dort ist er Hauptorganist der Alten und der Neuen Kirche und leitet auch den gemischten Chor ‚Mit Herz und Stimme‘, mit dem er bereits dessen 50jähriges Jubiläum feiern konnte. Bas de Vroome hat viele Male Trauerfeierlichkeiten und andere kirchliche Feiern des niederländischen Königshauses an der Orgel begleitet. Er gewann acht erste und zweite Preise bei nationalen und internationalen Orgelwettbewerben, u.a. in Deventer, Nijmegen, St. Albans und Roeselare. Seit 1994 ist Bas de Vroome Hauptfachdozent für Orgel am Rotterdamer Konservatorium, wo er auch Fachdidaktik und Basso Continuo unterrichtet. Er hat zwölf CDs eingespielt, unter anderem das Orgelgesamtwerk von Hugo Distler. In den letzten Jahren hat er sich sehr auf das Cembalospiel verlegt und hofft im Juni sein Diplom bei Fabio Bonizzoni am Königlichen Konservatorium in Den Haag zu erhalten.

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Georg Böhm und Johann Sebastian Bach: Als sie einander begegneten in Lüneburg, da war Georg Böhm schon mit seiner musikalischen Ausbildung und einem Studium in Jena ein respektabler junger Mann von Anfang dreißig und seit 1698 Organist an St. Johannis, gefeiert und bewundert ob seines Orgelspiels. Johann Sebastian Bach war gerade mal dreizehn und galt als einer der begabtesten Schüler der Ohrdrufer Lateinschule. Durch Vermittlung eines seiner Lehrer bekam er dann einen Freiplatz an der hochangesehenen Lüneburger St. Michaelisschule und wanderte im März 1700 mit seinem Freund Georg Erdmann dorthin. Die beiden waren nun neben der Schule als ‘Mettensänger’ tätig, sangen also im Kirchenchor und verdienten so immerhin 12 Groschen in der Woche. Wieviel der junge Bach und der wohlbestallte Böhm in Lüneburg tatsächlich miteinander zu tun hatten, blieb lange im Ungewissen. Deshalb galt es unter Fachleuten im Jahre 2006 eine Entdeckung in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar - sie war 2004 abgebrannt und musste gründlich restauriert werden - durchaus als Sensation: Es wurden Bach zugeschriebene Abschriften von Orgelwerken gefunden, und zwar auf Papier mit Georg Böhms Wasserzeichen. Daraus wird geschlossen, dass Bach in Lüneburg Böhms Orgelschüler war. Für Georg Böhm war und blieb St. Johannis mit seiner gewaltigen Renaissance-Orgel, die nach seinen Plänen zwischen 1712 und 1714 umgebaut und erweitert wurde, zeitlebens der Ort seines Wirkens, er hatte die Organistenstelle bis zu seinem Tode 1733 inne. Und später heißt es über ihn: “Georg Böhm muss nicht nur ein fertiger Orgelspieler gewesen seyn, sondern er muss auch seinen Geschmack in der Nähe großer Komponisten gebildet haben, denn er weiß eine Melodie und die untergeordneten Stimmen so leicht fließend und gefällig zu führen, dass sie mit dem sehr steifen und unbehilflichen Machwerk seiner Zeit sehr kontrastieren...” (Ernst Ludwig Gerber, Historisch-Biographisches Lexicon der Tonkünstler 1812). Der Musikwissenschaftler Philipp Spitta beschrieb die heute zu hörende Komposition von Georg Böhm so: „Eine Stimmung, so tief, so eigen melancholisch, ein Träumen und Schwelgen in herb-süßen Harmonien ..“ (Ph. Spitta, J.S Bach, Leipzig 1873)

wurde und dort bis zu seinem Tode seine gewaltige Schaffenskraft weiter entfalten konnte – wie anders dagegen die Lebens- und Schaffensgeschichte von Francois Couperin, bald mit dem Beinamen ‚Le Grand‘ belegt. Couperin entstammt wie Bach einer weitverzweigten Musikerfamilie, die großen Einfluss auf die französische Musik hatte. Das Organistenamt an der Pariser Kirche St. Gervais mit nicht weniger als acht Kalkanten hatten Mitglieder der Familie von 1653 an mehr als 200 Jahre inne, so auch Francois Couperin, als er gerade 1685 mal achtzehn war, mit einem Jahresgehalt von 300 Livres bedacht. Das war wohl auskömmlich, aber wenn man bedenkt, dass der französische König Ludwig XIV. bei einem Besuch in einer Manufaktur der Hauptstadt an einem einzigen Tag für 22.000 Livres Spitzenstoffe bestellte, werden die Relationen von Hof- und Alltagsleben sichtbar. Gleichwohl war es für Francois Couperin ein bedeutender weiterer Schritt, als er 1693 auch zum Organisten an der Königlichen Kapelle Ludwigs des XIV. in Versailles ernannt wurde und diese Aufgabe neben seinem Organistenamt an St. Gervais versah. Mit der Erteilung eines königlichen Druckprivilegs für seine Kompositionen fanden seine Werke die gebührende Verbreitung, denn Couperin machte sich als Komponist bald einen Namen, nicht nur in Frankreich, blieb aber Zeit seines Lebens Kirchen- und Hoforganist. „Die beiden Orgelmessen, die Francois Couperin im jugendlichen Alter von 22 Jahren geschrieben hat, bilden den späten Höhepunkt der im katholischen Europa seit Beginn der Orgelmusik gebräuchlichen Alternatim-Messen. Die größere und schwerere ist die für die Pfarrkirchen und Hochfeste, die kleinere und leichtere für Männer- oder Frauenklöster bestimmt …“(Hans Maier, Die Orgel – Instrument und Musik, München 2015, S. 57) Aus der „Messe pour les Paroisses“, der ersteren der beiden oben genannten, stammen die heute zu hörenden Stücke. Maier schließt den Text zu Couperin ab mit der Anmerkung: “Couperins Offertorium (sur les Grands yeux) bildet bis heute das „Flaggschiff“ der altfranzösischen Orgelmusik.“ (ebd., S. 57) Und beim Hören des heutigen Mozart-Stückes werden Sie vielleicht eine kleine Überraschung erleben …!

Böhm in Lüneburg, zu seiner Zeit Salz- und Handelsstadt mit allenfalls bescheidenem Wohlstand, Bach mit mancherlei Station in den Jahren bis 1723, als er schließlich Thomaskantor in Leipzig

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Rysum

Donnerstag, 18. Mai 2017

20 Uhr

Lorenzo Ghielmi, Orgel „Trifolium sonans“ Wolfgang Pude, Tenor/Bass, Reinhard Mawick, Tenor, Ralf Popken, Alt/Bass

Musik während der religiösen Kriege. Weltliche Macht und ewiger Frieden.

Der Organist des Papstes Marcantonio Cavazzoni (ca. 1490 - ca. 1560) im Dienst Papst Leo X. in Rom — l’organista del papa al servizio del Pontefice Leone X in Roma Ricerata Madame vous avez mon cuor Christobal de Morales (ca. 1500 - 1550) „Si n’os hubiera mirado“, Nr. 13 aus dem „Cancioneiro de Upsala“ Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525 - 1594) „Ahi, che quest’occhi miei“ aus dem „Canzonette a la Romana“, Venedig 1601 Die Organisten der Kaiser — gli organisti degli imperatori Paul Hofhaimer (1459 - 1537), Organist des Kaisers Maximilian - organista dell’imperatore Massimiliano Zucht, Ehr und Lob „Herzliebstes Bild“, Liedsatz von Arnolt Schlick auf die Melodie von Paul Hofhaimer „Maria zart“, geistliches Lied aus dem 15. Jahrhundert Arnolt Schlick (ca. 1450 - post 1521), Organist der Krönung Karls V. in Aachen im Jahre 1520 — organista all’incoronazione die Carlo V ad Aachen nel 1520 Maria zart Antonio de Cabezon (ca. 1500 - 1566), Organist Philipps II. von Habsburg — organista die Filippo II d’Asburgo Deferencias sobre el canto llano del caballero Die Organisten zu Zeiten der Wirren der Reformation — gli organisti nel turbine della Riforma Hans Buchner (1483 - 1540) Kyrie in summis festis Kyrie „De angelis“ — choraliter aus dem „Graduale romanum“ Hans Kotter (1483 - 1540) Kochersperger Spanieler Ein Organist am Hofe einer protestantischen Königin — un organista cattolico alla corte della regina protestante William Byrd (1543 - 1623) The Queens Alman „O gloriosa domina“, Motette aus „Gradualia, ac cantiones sacrae … Liber primus“ (1610) Musik der Jesuiten — musica per i gesuiti Francisco Correa de Arauxo (1576 - 1654) Tres Glosas sobre el Canto Llano de la Immaculada Concepcion „Todo el mundo en general“ in organo Sieg der lutherischen Musik — il trionfo della musica luterana dalla „Lueneburg Tabulaturen“ (XVII sec.): Ein feste Burg ist unser Gott Michael Praetorius (1571 - 1621): „Ein feste Burg ist unser Gott“

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In diesem Jahr, in dem die fünfhundert Jahre der Reformation gefeiert werden, kann es interessant sein, eine Ideenreise durch jene Gegenden zu unternehmen, die zutiefst von diesem Ereignis berührt wurden. Als Luther nach Rom kam, glich der päpstliche Hof eher einem der großen weltlichen Höfe als einer religiösen Stätte. Nach Rom strömten die größten Maler, Bildhauer und Architekten; auch auf dem Gebiet der Musik wusste der Papst große Künstler anzulocken: unter ihnen den Spanier Cristobal de Morales wie auch Marcantonio Cavazzoni, einen der größten Orgelvirtuosen seiner Zeit und Verfasser der ersten Sammlung für Orgelmusik, die je im Druck erschien (das Drucken war erst kurz zuvor erfunden worden).

Jeder König, Kaiser, Herzog oder Adlige liebte es, sich mit Musik zu umgeben, was auch ein äußeres Zeichen seiner Macht war: Paul Hofhaimer war der Organist des habsburgischen Kaisers Maximilian. Er ist auch bekannt als Lehrmeister: Praktisch alle der gefeierten Orgelkünstler deutscher Zunge zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren seine Schüler. Arnold Schlick hingegen war sein Rivale: Er schrieb auch eine Abhandlung über den Orgelbau, die man heute als eine der wertvollsten Informationsquellen für die Kenntnis der Orgelbaukunst in der Renaissance betrachtet. Schlick wurde gebeten, die Orgel bei der Krönung Karls V. 1520 in Aachen zu spielen. Antonio de Cabezon, von Geburt an blind, war Privatorganist Philipps II. Als dieser eine Reise durch ganz Europa unternahm, folgte er ihm treu. Seine kleine tragbare Orgel wurde auf dem Rücken zweier Maultiere befördert und auf jeder Etappe seines langen Weges, der ihn von Barcelona nach Italien, nach Österreich und bis Brüssel führte, wurde dieses Instrument zusammengebaut, um sofort Musik erklingen zu lassen. Logischerweise war Cabezon ein großer Improvisationskünstler, aber viele seiner Stücke sind uns überliefert geblieben durch seinen Sohn Juan de Cabezon. Johannes Buchner war Organist am Dom zu Konstanz, doch mit Aufkommen der Reformation verlor er seine Stelle und starb in ärmlichen Verhältnissen. Eine seiner Handschriften, aufbewahrt in der Universität zu Basel, enthält das früheste Beispiel von Fingersätzen. Dem Schüler wird präzise erklärt, welcher Finger bei jeder Note zu benutzen ist: Folgen wir heute diesen Hinweisen, bemerken wir einen höchst speziellen Aufführungsstil, in dem die Noten sehr viel kürzer gespielt werden, als dies in der Realität der musikalischen Partitur geschrieben steht.

religiöse Zugehörigkeit wechselte. Auch in England erregte die protestantische Reform, wenngleich mehr von politischen als von religiösen Motiven diktiert, die musikalische Welt. Latein wurde unterdrückt und größtenteils ging man von der Gregorianik ab. William Byrd, der bei seinem katholischen Glauben blieb, wusste sich dank seiner Kunst die Wertschätzung der Königin zu erhalten. Seine Werke für Tasteninstrumente zählen zu den reichsten und wichtigsten der Renaissance. Schauen wir dann hundert Jahre später auf die Welt der Musik, dann sehen wir, wie die lutherische Reform eine eigenständige musikalische Welt hervorgebracht hat. Die durch Luther der Musik vermittelte Bedeutung hat die Grundlagen für die Großartigkeit der deutschen Musik gelegt. Im selben Zeitraum hat die Gegenreformation Anstöße für den Bereich der Kunst in allen katholisch gebliebenen Ländern gegeben. Höchst eigenartig das Thema von Correa de Arauxo: ,,Die ganze Welt im Allgemeinen" ist ein von den Jesuiten verbreiteter Gesang, um die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria zu preisen, worüber Correa eine Reihe von Variationen aufbaut. Ähnlich entstehen auf protestantischem Boden die Praeludien zu den Chorälen auf Melodien, die Luther in die Liturgie eingeführt hatte und die schon früh musikalisches Erbgut des ganzen deutschen Volkes wurden. Lorenzo Ghielmi

Hans Kotter war Organist zu Straßburg in den qualvollen Jahren, in denen die Stadt mehrfach die

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Lorenzo Ghielmi befasst sich sowohl als Musikwissenschaftler als auch als Organist, Cembalist und Dirigent seit vielen Jahren mit dem Studium und der Aufführung von Renaissance- und Barockmusik. Er konzertiert in ganz Europa, in Japan und den USA und kann zahlreiche Rundfunkaufzeichnungen (BBC, WDR, MDR, Radio France, NHK) und CD-Einspielungen vorweisen. Mit dem „Diapason d’Or“ wurden seine Tonaufnahmen von Bruhns, Bach und den Konzerten für Orgel und Orchester von Händel und Haydn ausgezeichnet. Zu seinen Publikationen zählen ein Werk über Nicolaus Bruhns sowie diverse Studien über die Orgelkunst des 16. und 17. Jahrhunderts und über die Interpretation der Werke Johann Sebastian Bachs. Lorenzo Ghielmi unterrichtet Orgel, Cembalo und Ensemblemusik am Institut für Alte Musik der Civica Scuola di Musica in Mailand und von 2006 bis 2015 war er Professor an der Schola Cantorum Basiliensis zu Basel. Lorenzo Ghielmi ist Titularorganist an der Ahrend-Orgel der Mailänder Basilika San Simpliciano, an der er das Gesamtorgelwerk von Johann Sebastian Bach eingespielt hat. Er ist als Jurymitglied bei internationalen Orgelwettbewerben (Toulouse, Chartres, Tokio, Brügge, Freiberg, Maastricht, Lausanne, Nürnberg) tätig sowie als Referent und Dozent von Meisterkursen an zahlreichen Musikinstitutionen (Haarlemer Akademie, Salzburger Mozarteum, Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris, Musikhochschule Lübeck, New England Conservatory of Music in Boston, Musikakademie Krakau). Darüber hinaus betreute er die Planung und den Bau zahlreicher neuer Orgeln, unter anderem der großen Orgel der Kathedrale von Tokio. Lorenzo Ghielmi leitet das Instrumentalensemble „La Divina Armonia“.

Das Ensemble „Trifolium sonans“ besteht aus drei aus Wilhelmshaven gebürtigen Sängern und wurde eigens für dieses Programm des „Krummhörner Orgelfrühlings“ gegründet. Ralf Popken, Leiter des Ensembles, ist einer der bekanntesten Sänger, Dirigenten und Musikpädagogen der BarockmusikWelt und durch mehr als hundert CD-Einspielungen von internationaler Bekanntheit. Seit seinem Studium an der Hochschule für Musik und Theater Hannover ist der international bekannte Countertenor als Gesangssolist, Dirigent und Gesangspädagoge tätig. Als Sänger gastierte er an zahlreichen Opernhäusern wie der Staatsoper

Ralf Popken

Unter den Linden, Berlin, dem Theatre de la Monnaie, Brüssel, und der Staatsoper Hannover. Er musizierte mit den bekanntesten europäischen Dirigenten wie z.B. René Jacobs, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhard. Vor einigen Jahren hat er sich in Lütjenburg in Schleswig-Holstein niedergelassen, wo er seitdem als Kantor der ev. Kir– chengemeinde tätig ist. Seit 1988 leitet er das „Wilhelmshavener Vokalensemble“, das vielen durch Konzerte im norddeutschen Raum sowie CD- und Radio-Aufnahmen bekannt ist.

Wolfgang Pude

Wolfgang Pude ist Diplom-Ingenieur für Systemanalyse. Reinhard Mawick ist Jornalist und Theologe und wirkt als Chefredakteur der Zeitschrift „zeitzeichen“ in Berlin.

Reinhard Mawick

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Jennelt Boris Becker, Percussion

Freitag, 19. Mai Uwe Steinmetz, Saxophon

THE HEART OF THE ROSE Eine Jazzsuite mit musikalischen Bildern über die Lutherrose von Uwe Steinmetz Die Lutherrose, das Siegel von Martin Luther, war zugleich eine Visualisierung eines persönlichen Glaubensbekenntnisses für ihn. In der für die Jazztage Görlitz komponierten Suite von Uwe Steinmetz werden die Erläuterungen Luthers zu den Symbolen und Farben des Wappens mit Arrangements der Liedstrophen von ausgewählten Lutherchorälen inhaltlich kontrapunktisch kombiniert und dienen mit ihren archetypischen Rhythmen und ihrer Klangarchitektur als Improvisationsgrundlage. Damit entsteht ein improvisierter Weg in das Herz des Glaubens von Martin Luther, der sich loslöst von dogmatischen Bestimmungen und kirchenpolitische Bekennnisen. ZUM EINGANG Choral: Ach Gott, vom Himmel sieh' darein Ach Gott, vom Himmel sieh' darein und lass' dich des erbarmen, wie wenig sind der Heil'gen dein, verlassen sind wir Armen: Dein Wort man lässt nicht haben wahr, der Glaub' ist auch verloschen gar bei allen Menschenkindern. Sie lehren eitel falsche List, was eigner Witz erfindet; ihr Herz nicht eines Sinnes ist, In Gottes Wort gegründet. Der wählet dies, der andre das, sie trennen uns ohn' alle Maß' und gleißen schön von außen. Gott woll' ausrotten alle Lehr'r, die falschen Schein uns lehren, dazu ihr' Zung' stolz offenbar spricht Trotz, wer will's uns wehren? Wir haben Recht und Macht allein, was wir setzen, das gilt gemein; wer ist, der uns soll meistern?

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20 Uhr Daniel Stickan, Orgel


I. SCHWARZ - Kyrie Eleison Das erste sollte ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, dass der Glaube an den Gekreuzigten mich selig macht. Choral: Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand, ist auferstanden, die Sünd hat er gefangen. Kyrie eleison. Der ohn Sünden war geboren, trug für uns Gottes Zorn, hat uns versöhnet, dass Gott uns sein Huld gönnet. Kyrie eleison. Tod, Sünd, Leben und auch Gnad, alls in Händen er hat; er kann erretten alle, die zu ihm treten. Kyrie eleison. II. ROT - GLORIA Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Choral: Christ lag in Todesbanden Christ lag in Todesbanden für unsre Sünd gegeben, er ist wieder erstanden und hat uns bracht das Leben; des wir sollen fröhlich sein, Gott loben und ihm dankbar sein und singen Halleluja, Halleluja!

III. ENGELWEISS - CREDO Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, anzeigen, dass der Glaube Freude, Trost und Friede gibt. Darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Choral: Wir glauben all an einen Gott Wir glauben all an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, der sich zum Vater geben hat, dass wir seine Kinder werden. Er will uns allzeit ernähren, Leib und Seel auch wohl bewahren; allem Unfall will er wehren, kein Leid soll uns widerfahren. Er sorget für uns, hüt’ und wacht; es steht alles in seiner Macht.

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Wir glauben auch an Jesus Christ, seinen Sohn und unsern Herren, der ewig bei dem Vater ist, gleicher Gott von Macht und Ehren, von Maria, der Jungfrauen, ist ein wahrer Mensch geboren durch den Heilgen Geist im Glauben; für uns, die wir warn verloren, am Kreuz gestorben und vom Tod wieder auferstanden durch Gott. Wir glauben an den Heilgen Geist, Gott mit Vater und dem Sohne, der aller Schwachen Tröster heißt und mit Gaben zieret schöne, die ganz Christenheit auf Erden hält in einem Sinn gar eben; hier all Sünd vergeben werden, das Fleisch soll auch wieder leben. Nach diesem Elend ist bereit’ uns ein Leben in Ewigkeit. Amen.

IV. HIMMELBLAU – TE DEUM

Solche Rose steht im himmelfarbenen Feld, dass solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünftig. Choral: Herr Gott, dich loben wir (Der Ambrosianische Lobgesang nach Martin Luther) Herr Gott, dich loben wir, Herr Gott, wir danken dir, Dich, Vater in Ewigkeit, ehrt die Welt weit und breit. All Engel und Himmelsheer und was dienet deiner Ehr, auch Cherubim und Seraphim singen immer mit hoher Stimm: Heilig ist unser Gott, heilig ist unser Gott, heilig ist unser Gott, der Herre Zebaoth.

V. GOLD - Lux Aeterna Und um solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter, wie das Gold das edelste, köstlichste Erz ist. Choral: Der du bist drei in Einigkeit

Der du bist drei in Einigkeit, ein wahrer Gott von Ewigkeit; die Sonn' mit dem Tag von uns weicht: Laß leuchten uns dein göttlich Licht.

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Des Morgens, Gott, dich loben wir, des Abends auch beten vor dir, unser armes Lied rühmt dich jetzt und immer und ewiglich. Gott Vater, dem sei ewig Ehr, Gott Sohn, der ist der einig' Herr, und dem Tröster, Heiligen Geist, von nun an bis in Ewigkeit. ZUM AUSGANG Choral: Verleih uns Frieden gnädiglich Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

Genfer Psalter, Psalm 4

Herr, wenn ich ruf, so hör mein Flehen, du Gott meiner Gerechtigkeit! Du lässt, muss ich vor Angst vergehen, mich doch dein freundlich Antlitz sehen und schaffst mir Raum in dunkler Zeit. Erbarme dich und hör in Gnaden auf mein Gebet aus tiefer Not! Mit Schande hat man mich beladen und sucht selbst meiner Ehr zu schaden. Erweis dich als mein HERR und Gott! Wer gegen mich sich will erheben, erkenne, was mir ward zuteil: Der HERR hat Gnade mir gegeben, er führet mich zum vollen Leben. Du bist, o HERR, mein Licht und Heil. In dir ist Freude mir beschieden; mein Herz hält fest sich an dein Wort. Ich lieg und schlafe ganz in Frieden, denn nichts hat mich von dir geschieden. DU SCHAFFST MIR EINEN SICHERN ORT. Melodie: Straßburg-Genf 1542 / Genf 1551 (verkürzte Form) Text: Gerhard Fooken 1990 KURSIV GEDRUCKT: Martin Luthers Auslegung seiner Lutherrose; Quelle Zitat: WA, Luthers Briefwechsel, 5. Band, S. 444f (Nr. 1628)

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Die Reformatoren hielten es mit dem Singen, aber je auf ihre eigene Weise! In Wittenberg – und nicht nur da – waren die Zeiten unruhig, als Martin Luther 1524 sein Osterlied schrieb. Luther, seit 1512 Doktor der Theologie, war Professor für Bibelauslegung an der noch jungen Wittenberger Universität, die Zeit auf der Wartburg lag hinter ihm und das Geschehen, was wir heute mit dem Sammelbegriff Reformation bezeichnen, war nun in vollem Gange. So vieles musste sich neu finden, bedurfte der Gestaltung, der neuen Gestalt: Glaubensverständnis, Gottesdienstordnung, das Selbstverständnis von Theologen und Gemeinden waren im Umbruch. Unruhe und drängende Fragen begleiteten allenthalben diese Wege hin zu neuen Inhalten und Formen. Mit seinem Osterlied des Jahres 1524, dem Choral ‚Christ lag in Todesbanden‘, begann Luther eine gut zwei Jahrzehnte währende Arbeit als Verfasser und Komponist von über vierzig kirchlichen Liedern, die wir bis heute als Choräle in unseren Gesangbüchern finden. Dabei erwies sich Luther, der eben nicht nur Theologe und Prediger, sondern auch Dichter und kundiger Musiker war, als Kenner der Kirchenmusik seiner Zeit und vorrangegangener Epochen. Er griff häufig zurück auf vertraute lateinische Gesänge, auf überkommene Bestandteile der lateinischen Messe und andere bedeutsame Texte und überformte sie sprachlich, baute sie so um, dass der Kern des neuen Glaubens, der Kern der Reformation erkennbar und verstehbar wurde für die Gläubigen. Die Texte des heutigen Konzerts geben davon Zeugnis. Ach Gott, vom Himmel sieh darein‘ – diesem Choral liegt der Psalm 12 zugrunde; dort heißt es in der Gute Nachricht-Bibel in Vers 1: “HERR, hilf uns, sonst ist es mit deinen Leuten aus! Menschen, auf die Verlass ist, gibt es immer weniger.” Und in der ersten Strophe des 1524 erschienenen Liedes dichtet Luther: ‚Dein Wort man lässt nicht haben wahr …‘ Hier zeigt sich die ganze sprachliche Wucht und Kraft des Kirchenkritikers und Reformators Luther. Im selben Jahr schrieb er den Choral ‚Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand …‘ und knüpfte zwar mit dem ‚Kyrie eleison‘ am Schluss jeder Strophe an ganz frühe liturgische Formen an, brachte aber in den Text machtvoll seine, die neue Theologie ein. Dieser Choral war Teil des Achtliederbuches, das unter dem Titel „Etlich Cristlich lider / Lobgesang und Psalm“ bereits 1524 im Druck vorlag, sozusagen ein erstes evangelisches Gesangbuch. Das bereits erwähnte Osterlied des Jahres 1524, der Choral ‚Christ lag in Todesbanden‘, ist angelehnt an die

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wohl um das Jahr 1000 entstandene Ostersequenz ‚Victimae Paschali‘, die zentraler Bestandteil der österlichen Messe war. Luther erreichte durch die sprachliche und inhaltliche Verdichtung, dass in diesem Choral die Osterbotschaft offenbar wurde: ‚… und hat uns bracht das Leben …‘.

Mit ‚Wir glauben all an einen Gott‘ erschien das lateinische ‚Credo in Deum, Patrem omnipotentem‘, also das ehrwürdige apostolische Glaubensbekenntnis, in Form eines Liedes in deutscher Sprache und auch hier baute Luther seine umwerfende Erkenntnis des ‚selig allein aus Glauben‘ mit ‚…durch den Heilgen Geist im Glauben …‘ in die zweite Strophe dieses Chorals ein. Das 1529 geschriebene Lied ‚Herr Gott, dich loben wir‘ ist das verdeutschte ‚Te deum laudamus‘, ein feierlicher Lobgesang aus den ganz frühen Zeiten der Kirche, den Luther selber als ‚das dritte Glaubensbekenntnis‘ bezeichnet hat und dessen gregorianische Melodie er wiederum vereinfachte. Luther war um die sechzig, als er den Hymnus ‚Lux beata trinitas‘ deutsch nachdichtete mit dem Titel ‚Der du bist drei in Einigkeit‘, auch dieser Hymnus ist aus der frühen Kirche überkommen. Dieser Choral war eine seiner letzten Dichtungen, nach 1543 sind keine neuen Lieder mehr von ihm überliefert. Die hier auf das heutige Konzert bezogene, aber tatsächlich noch viel ausgeprägtere Übertragung von mittelalterlicher, also zu seiner Zeit auch schon ‚alter‘ Kirchenmusik war für Luther sozusagen Programm. Dazu schreibt Konrad Küster (in „Musik im Namen Luthers“, Kassel 2016, S. 18): „Viel eher regte Luther an, genau die Gesänge beizubehalten, die jenen akustischen Eindruck des Kirchenraumes damals prägten. In seiner frühen Schrift „Vonn ordenung gottis dienst yn der gemeine“ schreibt er 1523: „Das gesenge yn den sontags messen und vesper laß man bleyben, den sie sind fast gut, und aus der schrift gezogen.“ Auch ihm ging es um den Text; solange dieser aus der Bibel stammte, hatte er mit den überkommenen liturgischen Gesängen keine Probleme.“ Küster hebt an anderer Stelle hervor, dass es allerdings eben nicht die Gemeinde war, die die ‚gesenge‘ anstimmte: „Die Besucher eines Gottesdienstes waren über weite Strecken dessen Zuhörer und Zuschauer; nur für kurze Momente spielten sie eine aktive Rolle. Lieder sangen Schüler, die mit ihnen liturgische Anteile in der spätmittelalterlichen Messe ersetzten.“(ebd.,S. 38). Bekannt gemacht wurden die neuen Lieder vielmehr — so Küster — durch Drucker, die


allenthalben mit Luthers Liedern, aber auch denen anderer Autoren, einen interessanten Markt entdeckten; es gab entsprechend wohlhabende Käuferschichten für diese Liedsammlungen, vor allem aber waren sie wichtig für den Einsatz in Schulen und sie dienten — so Küster — „dem schulischen Ziel der Liedkultur.“ (ebd., S. 41) Man muss sich das so vorstellen, dass es ein Gesangbuch für eine Schule gab, nur der Schulmeister hatte also in der Regel eines als Grundlage für seine Arbeit mit den Schülern. Auch wenn Luther keineswegs immer begeistert war von der Art der flinken Drucker im Umgang mit neuen Liedern und Vorreden zu deren Drucken – es ging da zum Teil recht robust zu und der Begriff des geistigen Eigentums spielte noch keine wirkliche Rolle – gefiel das Angebot doch dem Publikum und war somit für das allmähliche Entstehen einer lutherischen Gesangbuchprägung nicht zu unterschätzen.

lehemsgemeinde Berlin-Neukölln, o.J.) Das musste organisiert werden, war aber keineswegs einfach. Am Beispiel der bereits reformierten Teile der Niederlande lässt sich das nachvollziehen: „Ab 1580 sollten also die niederländischen Reformierten diese Lieder (den Genfer Psalter, d. Verf.) als neue liturgische Grundlage nutzen. Die Kenntnis der Melodien und ihrer Texte war bestenfalls begrenzt; also war hier fortgesetztes Lernen angesagt. Es fand natürlich in der Schule statt, und je größer der Ort war, der im Einzelnen betroffen war, desto eher bestand die Chance, dass der Schulmeister die Lieder mit den Schülern einstudieren und daraufhin sonntags die Gemeinde mitziehen konnte. … Ein zweiter Teil des Lernkonzepts fiel den Organisten zu. Dort, wo es sie gab, erhielten sie den Auftrag, außerhalb der Gottesdienstzeiten die Melodien vorzuspielen: in Orgelkonzerten am Samstagnachmittag, ebenso vor und nach dem Sonntagsgottesdienst.“ (Küster, a.a.O., S. 101 ff.)

Calvin, einer der Begründer der reformierten Kirche, entwickelte einen eigenen, einen anderen Weg, das Kirchenlied zu fördern — den Genfer Psalter. Denn nach Calvins Verständnis war es nur das Wort Gottes selber, das den im Gottesdienst zu nutzenden Texten zugrunde gelegt werden konnte und sollte. Alle 150 Psalmen wurden deshalb zunächst in gereimter Form, aber ausgesprochen texttreu in französischer Sprache aufgeschrieben und 1539 in Genf herausgegeben; in seiner endgültigen Fassung erschien der Genfer Psalter dann 1562, damit kurz vor Calvins Tod 1564. Der Psalter wurde bald auch in andere europäische Sprachen übertragen. In der 1570er Jahren konnte er in Deutsch gelesen und gesungen werden, wenig später dann auch in Niederländisch und in Englisch. Damit war der großen Verbreitung des Psalmliedes in Europa und dessen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent der Weg bereitet. Der Genfer Psalter war das Gesangbuch aller reformierten Gemeinden und deren grenzenübergreifendes Erkennungszeichen.

In diesem Sinne hören und singen wir im heutigen Konzert Psalm 4 auf die Melodie des Genfer Psalters, aber mit einer Textnachdichtung aus unserer Zeit. Der Schlussvers der letzten Strophe ist das Motto des diesjährigen Orgelfrühlings: DU SCHAFFST MIR EINEN SICHERN ORT. Luther und Calvin und mit ihnen andere sahen die große Bedeutung des Wortes – gesprochen und gesungen – für den neuen religiösen Aufbruch. Aber – und das ist für uns heute immer noch die Botschaft – sie blieben dabei ganz nahe an diesem überlieferten Wort, wollten es unverfälscht und in seiner Wirkmächtigkeit gestärkt sehen. Und in der lutherischen ebenso wie in der reformierten Kirche waren es die Jungen, die Schüler in den Schulen, die – so würden wir es ausdrücken – die notwendigen Transferagenten waren und dazu angeleitet wurden, dieser Rolle gerecht zu werden. Dass sie dann auch als Erwachsene die Lieder ihrer Gemeinde konnten, was für eine starke Umsetzung einer pädagogisch ausgerichteten Form!

Aus Straßburg wird berichtet, dass Psalmlieder als Teil des Gottesdienstes von der ganzen Gemeinde gesungen wurden. „Johannes Calvin hatte das Psalmensingen während seines Aufenthaltes in Straßburg kennengelernt und 1539 eine erste Sammlung zusammengestellt und drucken lassen. Sie bestand zunächst nur aus 19 bereimten Psalmen und Gesängen. 1541 nach Genf zurückgekehrt betrieb Calvin das Projekt weiter. Die Gemeinde sollte zu einer singenden Gemeinde werden.“ (Gemeindebriefe der Ev.-reformierten Beth-

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Der Percussionist und Schlagzeuger Boris Becker wohnt in Düsseldorf. Vielseitigkeit, Kreativität und motivierende Spielfreude zeichnen ihn ebenso aus wie sein ausgeprägtes Gespür für klanglichmusikalische Zusammenhänge. Als Live- und Studiomusiker spielte er unter anderem mit Peter Horton, Pat Garcia, Brother Act und Werner Hoffmann. In dem Booklet zur CD von Peter Horton schreibt dieser: "... seine Namensgleichheit mit dem Weltstar des Tennis ist zufällig, nicht aber seine manuelle Virtuosität, die ihn in gewissem Sinne mit diesem verbindet." Tourneen im In- und Ausland und Konzerte bei internationalen Festivals zählen zu seinen musikalischen Stationen. Viele Jahre unterrichtet er erfolgreich als Dozent an der Volkshochschule Düsseldorf den Bereich „Rhythmik und Percussion“. Neben seiner musikalischen Profession arbeitet er als Musiktherapeut und hat sich durch Forschung, Vorträge und Workshops im musik-therapeutischen Bereich einen Namen gemacht. Zu seinen Publikationen zählt unter anderem ein Buch zum Thema „Wirkung und Wahrnehmung von Trommeln“. Darüber hinaus war er in Köln als Professor und Studiendekan im Bereich der Gesundheitswissenschaftlichen Fakultät tätig. Uwe Steinmetz wurde 1975 in Bremervörde/NDS geboren und studierte Saxophon und Musiktheorie in Berlin, Bern, Indien und Boston. Wesentliche Einflüsse waren das Studium mit den Komponisten George Russell und den Saxophonisten Jerry Bergonzi, Joe Maneri, John Surman, Roscoe Mitchell, Bennie Golson, Michael Brecker und David Liebman, sowie Konzertreisen mit dem Bundesjugendjazzorchester unter der Leitung von Peter Herbolzheimer. Er arbeitet als Komponist, Saxophonist und Dozent über das europäische Umland hinaus in Indien, Äthiopien, Brasilien, Korea und den USA, war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und erhielt nationale und internatio-

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nale Auszeichnungen für seine künstlerische Arbeit, u.a. den Theodor Fontane Preis 2000 vom Stiftungsverband der Deutschen Wissenschaft, und den Solisten- und Studiopreis beim Europäischen Jazzwettbewerb in Getxo 2001. Mit der Band der mehrfachen Echo-Preisträgerin Eva Kruse erreichte er 2017 das Finale des höchst dotierten deutschen Jazzwettbewerbes, des BMW Jazz Awards. Uwe Steinmetz veröffentlichte bisher 12 CDs unter eigenem Namen und komponiert für Big-Bands, Chöre, Kirchenorgel und Streichquartette, für das britische Fitzwilliam String Quartet, die drei seiner Werke uraufführten, den zweifachen Grammy-Gewinner Mads Tolling (Violine), sowie Eric Ericsons Kammerkor aus Stockholm. Seit 2015 forscht er zusätzlich an den Universitäten Leipzig, Göteborg und Oxford über das liturgische Potential von Jazz und entwickelt liturgische Jazzformate in Kirchen. www.u-musik.us Daniel Stickan wurde 1980 in Göttingen geboren. Früh begann er sich für Jazzpiano und Orgel zu interessieren. An der Hamburger Musikhochschule studierte er künstlerisches Orgelspiel bei Prof. Pieter van Dijk sowie Jazzpiano bei Prof. Dieter Glawischnig, Vladislav Sendecki, Prof. Jürgen Friedrich und Bobo Stenson. Daniel Stickan erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Medica pro Musica, Jugend Jazzt mit Sonderpreis für Komposition, war Halbfinalist bei der Bösendorfer Solo Piano Competition des Jazzfestivals Montreux und des internationalen Orgelwettbewerbes in Toulouse und erhielt 2011 den Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg. Sein Interesse für neue Musik führte zu mehreren Uraufführungen auf internationalen Festivals für neue Musik. Daneben schrieb und spielte er Bühnenmusik für Monica Bleitreu, Jutta Hoffmann und Dietmar Mues und Opern von Gluck und Händel. Von 2007 bis 2013 erfüllte er einen Lehrauftrag für Klavier an der Musikhochschule Hamburg. 2009 wurde er als Organist Stipendiat des Niedersächsischen Ministeriums für Kultur. Mehrere CD-Veröffentlichungen (u.a. Bachs “Goldberg-Variationen”) und zahlreiche Beiträge für den NDR. Veröffentlichung von Chorsätzen im Bärenreiter Verlag („Chorbuch - Reformation“).


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Pilsum

Samstag, 20 Mai 2017

17 Uhr

Even - Song Roden Girl Choristers, Leitung Sonja de Vries Sietze de Vries, Harmonium und Orgel Sietze de Vries (* 1973) Praeambulum (Improvisation) Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847): Lift thine eyes (Psalm 121) Lift thine eyes to the mountains, whence cometh help? Thy help cometh from the Lord, the Maker of heaven and earth. He hath said, thy foot shall not be moved. Thy Keeper will never slumber. Psalm 134: Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit (Gemeinde) Stephen Darlington (* 1952) Preces (Eingangsgebet)

O Lord, open thou our lips; and our mouth shall shew forth thy praise. O God, make speed to save us; o Lord, make haste to help us. Glory be to the Father, and to the Son, and to the Holy Ghost; as it was in the beginning, is now and ever shall be: world without end. Amen. Praise ye the Lord; the Lord’s name be praised.

Chant: Matthew Camidge (1764 – 1844) Psalm 4 Hear me when I call, O God of my righteousness: thou hast set me at liberty when I was in trouble; have mercy upon me, and hearken unto my prayer. O ye sons of men, how long will ye blaspheme mine honour: and have such pleasure in vanity, and seek after leasing? Know this also, that the Lord hath chosen to himself the man that is godly: when I call upon the Lord, he will hear me. Stand in awe, and sin not: Commune with your own heart, and in your chamber, and be still. Offer the sacrifice of righteousness: and put your trust in the Lord. There be many that say: Who will shew us any good? Lord, lift thou up: the light of thy countenance upon us. Thou hast put gladness in my heart: since the time that their corn and wine and oil increased. will lay me down in peace, and take my rest: for it is thou, Lord, only, that makest me dwell in safety. Glory be to the Father and to the Son and to the Holy Ghost. As it was in the beginning is now and ever shall be: world without end. Amen.

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1. Lesung: Psalm 4 Sietze de Vries: Magnificat in G My soul doth magnify the Lord: and my spirit hath rejoiced in God my Saviour. For He hath regarded: the lowliness of His handmaiden. For behold, from henceforth: all generations shall call me blessed. For He, that is mighty hath magnified me: and holy is His name. And His mercy is on them that fear Him: throughout all generations. He hath shewed strength with his arm: He hath scattered the proud in the imagination of their hearts. He hath put down the mighty from their seat: and hath exalted the humble and meek. He hath filled the hungry with good things: and the rich He hath sent empty away. He remembering His mercy hath holpen his servant Israel, as He promised to our forefathers, Abraham and his seed, forever. Glory be to the Father and to the Son and to the Holy Ghost. As it was in the beginning is now and ever shall be: world without end. Amen. 2. Lesung: Matthäus 11,25-30 Sietze de Vries Nunc Dimmittis in G Lord, now lettest thou Thy servant depart in peace, according to Thy Word. For mine eyes have seen Thy salvation, which Thou hast prepared before the face of all people; to be a light to lighten the gentiles, and the glory of thy people Israel. Glory be to the Father and to the Son and to the Holy Ghost. As it was in the beginning is now and ever shall be: world without end: Amen. Meditation zu Psalm 4 Alison Bauld (*1944) Anthem: Exult (Psalm 92) Lord, how great are Thy deeds. O Lord, it is good to give Thee thanks, to sing psalms to Thy name, O most High. Thy acts, O Lord, fill me with exultation. How great are Thy deeds, how fathomless Thy thoughts. How great are thy deeds, O Lord. It is good to give Thee thanks, to sing psalms to Thy name, O most High. To declare Thy love in the morning and Thy constancy every night. To the music of ten stringed lute, to the sounding chords of a harp. Thy acts, O Lord, fill me with exultation. I shout! In triumph at Thy mighty deeds.

Psalm 25 Meine Seele steigt auf Erden (Gemeinde, Strophe 3 RGC)

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Stephen Darlington (* 1952) Responses (Gesungene Gebete) The Lord be with you, and with thy spirit. Let us pray: Lord, have mercy upon us, Christ, have mercy upon us, Lord, have mercy upon us Our Father, which art in heaven, Hallowed be thy name; thy kingdom come; Thy will be done in earth as it is in heaven. Give us this day our daily bread And forgive us our trespasses, As we forgive them that trespass against us. And lead us not into temptation; But deliver us from evil. Amen O Lord, show thy mercy upon us; and grant us thy salvation. O Lord, save the King; and mercifully hear us, when we call upon thee. Endue thy ministers with righteousness; and make thy chosen people joyful. O Lord, save thy people; and bless thine inheritance. Give peace in our time, O Lord. because there is none other that fighteth for us, but only thou, O God. O God, make clean our hearts within us; and take not thy Holy Spirit from us Collect of the day Lord, you have taught us that all our doings without love are nothing worth: send your Holy Spirit and pour into our hearts that most excellent gift of love, the true bond of peace and of all virtues, without which whoever lives is counted dead before you. Grant this for your only Son Jesus Christ's sake. Collect for Peace O God, from whom all holy desires, all good counsels, And all just works do proceed: Give unto thy servants that peace which the world cannot give; that both our hearts may be set to obey thy commandments, and also that by Thee we being defended from the fear of our enemies may pass our time in rest and quietness; through the merits of Jesus Christ our Saviour. Amen Collect for aid against all perils Lighten our darkness, we beseech thee, O Lord; and by thy great mercy defend us from all perils and dangers of this night; for the love of thy only Son, our Saviour Jesus Christ. Amen

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Gebete (gesprochen) Charles Villiers Stanford (1852 – 1924) Anthem: A Song of Battle (Psalm 124) If the Lord himself had not been on our side, now may Israel say: If the Lord himself had not been on our side, when men rose up against us; Then they had swallowed us up alive: when their wrath was kindled against us. Then the waters had overwhelmed us: The stream had gone over our soul. Then the proud waters: had gone even over our soul. Blessed be the Lord: who hath not given us as a prey unto their teeth. Our soul is escaped even as a bird from the snare of the fowlers: The snare is broken, and we are delivered. Our help is in the name of the Lord: who made heaven and earth. Schlusswort EG 316: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren (Gemeinde) Sietze de Vries: Postludium (improvisation)

Rhoden Girl Choristers Der Mädchenchor, Roden Girl Choristers, besteht seit September 2000 und zählt ungefähr 22 Sängerinnen im Alter von acht bis 16 Jahren. Der Chor ist Teil der Stiftung Koorschool Noord Nederland. Diese dynamische Gruppe hat sich unter der Leitung ihrer Dirigentin Sonja de Vries inzwischen einen klingenden Namen erarbeitet. Der Chor besteht aus zwei aufeinander folgenden Ausbildungsgruppen: In einer ersten Gruppe steht für ein Jahr allgemeine musikalische Bildung und Gesang auf dem Programm, in einer zweiten Gruppe (B-Chor) bilden dann Chorgesang und gemeinsame Auftritte den Schwerpunkt. Nach einem intensiven Stimmtraining können sich die Mädchen vorstellen, um in den Konzertchor (A-Chor) aufgenommen zu werden. Die Roden Girl Choristers möchten so etwas wie ein Aushängeschild für den Mädchenchorgesang in den Niederlanden sein. Ziel ist ein semiprofessionelles Niveau, das es dem Chor ermöglicht, auf den wichtigsten Konzertbühnen im ganzen Land aufzutreten. Kennzeichnend für die Choristers ist ihr großartiger Einsatz, um „Qualität zu liefern“. Wenn man dann noch eine ordentliche Dosis “Spaß an der Freud“ und fröhliche Ausstrahlung hinzufügt, entsteht ein Slogan: „Where friends commit to quality“. Mit 20 Konzerten pro Jahr und vielen Reisen im In- und Ausland erreichen die Roden Girl Choristers eine große Anzahl begeisterter Zuhörer. Hinsichtlich des Repertoires bietet die anglikanische Chortradition eine schier unerschöpfliche Quelle für Inspirationen. Der Organist Sietze de Vries begleitet den Chor.

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Westerhusen

Samstag, 20. Mai 2017

21 Uhr

Nachtkonzert bei Kerzenschein Matteo Imbruno, Orgel

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Johann Caspar Friedrich Fischer 1656 - 1745

‚Uranie‘, Muse der Astronomie Praeludium – Allemande – Courrente – Sarabande – Gavotte – Gigue – Menuett – Passaglia

Antonio Vivaldi 1678 - 1741

Concerto in C RV 265 (Bew. J.S.Bach) Allegro – Largo – Allegro

Domenico Zipoli 1688 - 1726

Elevazione in F

Giovanni Battista Cervellini 1735 - 1801

Sonata in F

Johann Sebastian Bach 1685 - 1750

Wer nur den lieben Gott lässt walten BWV 691 Fuga sopra il Magnificat BWV 733

Gaetano Valery 1760 - 1822

Rondo

Georg Friedrich Händel 1685 - 1759

Concerto in Judas Maccabäus Ouverture – Allegro – Adagio – Allegro – Fuga Adagio – Andante - Marche


Matteo Imbruno, gebürtig aus Pietramontecorvio, Italien, studierte Orgel in Bologna bei Liuwe Tamminga, in Rotterdam bei Bernard Winsemius und in Lübeck bei Martin Haselböck. Er ist Organist der Oude Kerk in Amsterdam, der gleichen Position also, die Jan Pieterszoon Sweelinck im 17. Jahrhundert hatte. Matteo Imbruno ist auch der Organist des Hermitage Museums in Amsterdam. Er hat bei den renommiertesten Festivals und Musikzentren in Europa, Japan, Südamerika und in den USA konzertiert. Zusammen mit Gustav Leonhardt, der den Gästen des Krummhörner Orgelfrühlings in lebhafter Erinnerung ist, hat er Duoabende an zwei Orgeln gegeben. Er war Gastdozent am Konservatorium in Buenos Aires, Universität Rosario, an der Universität von Menoza in Argentinien, an der Arizona State University in Phoenix, USA, und an der Brown University in Providence, USA. Matteo Imbruno hat weltweit Meisterkurse durchgeführt und ist gefragter Juror bei internationalen Wettbewerben. Er hat eine Reihe von CDs auf historischen Orgeln in den Niederlanden und in Italien eingespielt, ebenso Radiosendungen für BBC Radio London. Er ist künstlerischer Leiter des ‚Internationalen Orgelwettbewerbs Jan Pieterszoon Sweelinck‘ und der ‚Fondazione Italiana Accademia per Musica per Organo‘ in Pistoia. Dass Johann Conrad Ferdinand Fischer 1656 gerade in Schlackenwerth in der Nähe von Karlsbad in Böhmen zur Welt kam und dort aufwuchs und bald bei den Piaristen in die Schule ging, kann in mehrfacher Hinsicht als entscheidend für seinen Lebensweg gelten. Denn der Piaristen-Orden hatte sich neben der Allgemeinbildung besonders der Pflege von Musik und Theater verschrieben, um Talente zu entdecken. Damit wurde auch bei Fischer früh der Grundstock für eine anspruchsvolle musikalische Bildung gelegt. Aber dass diese tatsächlich zum Tragen kam, verdankt sich einer höfischen Liebesgeschichte. Im Schloss Schlackenwerth wuchsen die beiden Töchter des Herzogs von Sachsen-Lauenburg auf, Vollwaisen nach dem Tod beider Eltern und der Obhut des Kaisers Leopold I. in Wien anheimgestellt. Dieser fühlte sich veranlasst, dem Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden – auch bekannt als der ‚Türkenlois‘ – eine angemessen gute Partie zu vermitteln; eben diese sah der Kaiser in den herzoglichen Waisen. Alsbald ging der Markgraf – immerhin damals schon in seinen Mittdreißigern – auf Brautschau und verliebte sich in die jüngere der beiden Schwestern, die damals knapp 15jährige Franziska Sybilla Augusta. Das Paar heiratete umgehend und resi-

dierte im wunderschönen Schloss der Familie der Braut in Schlackenwerth. Und hier kommt nun endlich auch Johann Conrad Ferdinand Fischer wieder ins Spiel. Die junge Braut war wie er, allerdings Jahre später, bei den Piaristen in die Schule gegangen, dürfte über die Begabungen der Absolventen informiert gewesen sein und so wurde der vielversprechende Fischer 1695 zum Kapellmeister des Markgrafen berufen. Im gleichen Jahr verlegte er bereits eine Komposition in Augsburg, Le journal du printemps; im Titel dieses Werkes deutet sich die enge Beziehung zur französischen Barockmusik mit dem zu der Zeit alle überragenden Komponisten Lully an. Und der badische Kapellmeister trug entscheidend dazu bei, den Einfluss der französischen zeitgenössischen Musik im deutschsprachigen Raum zu stärken. Es sollte aber noch bis 1715 dauern, bis Fischer Schlackenwerth verlassen und als nunmehr erster Hofkapellmeister des badischen Hofes in die Residenz in Rastatt einziehen konnte. Markgraf Ludwig Wilhelm hat das schon nicht mehr erlebt, er starb 1707; aber Franziska Sybilla Augusta war nun Regentin und förderte nicht nur das Bauen von Schlössern im badischen Land tatkräftig, sondern ebenso auch die Musik an ihrem Hofe. Als Fischer das heute zu hörende Werk komponierte, einen Teil des ‚Musikalischen Parnass‘ aus dem Jahre 1738, war er also schon über zwanzig Jahre Hofkapellmeister am badischen Hof und hatte sich längst einen Namen gemacht. Im ‚Musikalischen Parnass‘ mit neun Tanzsuiten für Cembalo feierte Fischer die neun olympischen Musen, wobei er den französischen und den deutschen Stil auf seine Weise ideenreich verband. Im heutigen Konzert ist es Urania, die Muse der Astronomie oder ‚des Himmels‘, der die besondere Aufmerksamkeit gilt. Ganz anders als Georg Friedrich Händel, schon in seiner Zeit europaweit unterwegs, gefeiert und hier heute ebenfalls zu hören, blieb Fischer bis in sein hohes Alter in Rastatt, diente so drei Generationen des markgräflichen Hofes mit seiner Musik, wurde aber doch auf seine Art weithin gerühmt. Aus einer brieflichen Erwähnung durch einen der Bach-Söhne, nämlich Carl Philipp Emanuel Bach, erfahren wir, dass sein Vater Fischers Kompositionen gekannt und studiert, ja geliebt habe. In späterer Zeit wurde Fischer als ‚der badische Bach‘ bezeichnet, auch das sicherlich ein Ehrentitel.

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Eilsum

Sonntag, 21. Mai 2017

17 Uhr

Festliches Abschlusskonzert mit der Capella de la Torre Margaret Hunter, Sopran, Birgit Bahr, Pommer, Falko Munkwitz, Posaune, Annette Hils, Bassdulzian und Blockflöte, Hartmut Rohmeyer, Orgel, Katharina Bäuml, Schalmei und Leitung Narrabo opera Domini Mit Gott Anonym / Ottaviano dei Petrucci 1466 - 1539 Heinrich Isaac Um 1450 - 1517 Ludwig Senfl 1490 - 1543 Anonym Ritter Georg Robert Morton Um 1430 - 1479 Anonym Heinrich Isaac Da pacem Anonym Parabosco/ Improvisation 1524 - 1557 Gaudeamus Anonym / Annaberger Chorbücher Anonym Ambrosius Lobwasser 1515 - 1585 Diego Ortiz 1510 - 1570 Susanna Didier Lupi 1520 - nach 1559 Claude de Sermisy 1490 - 1562 Thoinot Arbeau 1519 - 1595 Psalm 4 Claude Goudimel/ Lobwasser Um 1514 - 1572 Josquin Desprez Passion Antoine Brumel Um 1460 - 1513 Anonym Non moriar Gebrüder Hess Ludwig Senfl

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Kirchenfeste der Renaissance in der Musik Dit le Bourgignon Suesser Vater, Herre Gott Was wird es doch des Wunders noch

Ciaconna per fiati L’Homme armé Improvisation Loquebar de testimoniis Battaglia Da pacem Domine

Gaudeamus omnes Annae matris Canto Psalm 116 « Ich lieb den Herrn » Recercada Folia ***** Susan un jour Jouyssance je vous donnerai Basse Dance Jouyssance

O Gott, mein Herr, erhör mein Flehen In te Domine speravi Lamentationes: Heth cogitavit Dominus Recordare (Orgelsolo) Pavan – Gagliard – Saltarello Non moriar, sed vivam et narrabo opera Domini


Die Zeit der Renaissance und vorausgegangene Epochen standen ganz im Zeichen der Heilsgeschichte christlichen Denkens: Alles Geschehen auf der Welt dient der Erfüllung des von Anbeginn vorbestimmten göttlichen Heilsplanes. Sogar Leid und Unglück sind lediglich Umwege auf dieser Bahn und nicht selten Abbilder der Passion Christi. Die Aufgabe der Kunst ist es, die einzelnen Stationen des Heilsplanes immer wieder zu repräsentieren und den Menschen nahe zu bringen. Das Konzert der Capella de la Torre zeichnet in der Besetzung mit Gesang, Laute und dem feierlichen Bläserensemble der Renaissance (Schalmei, Pommer, Posaune, Dulcian) den Gang der Heilsgeschichte anhand von Musik des 15. und 16. Jahrhundert für die Feste des Kirchenjahres nach.

Kloster Wechselburg: Seitenaltar

Neben ihrer Tätigkeit als Konzertsängerin arbeitet sie regelmäßig mit renommierten Ensembles im Bereich der Alten Musik zusammen u.a. dem Balthasar-Neumann-Chor, Weser Renaissance Bremen, Cantus Thuringia, Freiburger Barockorchester und widmet sich außerdem zeitgenössischer Musik. Sie konzertiert bei vielen internationalen Festivals, und ihre Arbeit ist auf zahlreichen Rundfunkaufnahmen und CD-Produktionen dokumentiert. Auf der Opernbühne wirkte sie bei Produktionen von Werken des 17., 18., und 21. Jahrhunderts in Deutschland, Italien und den USA mit. Katharina Bäuml, geboren in München, studierte zunächst moderne Oboe und legte ihr Diplom „mit Auszeichnung“ ab. Daneben studierte sie Barockoboe und historische Rohrblattinstrumente an der Schola Cantorum in Basel und schloss auch hier „mit Auszeichnung“ ab. Seitdem spezialisierte sich Katharina Bäuml in verschiedenen Bereichen der Alten Musik. Ihr ganz besonderes Interesse gilt der Bläsermusik des 15.-17. Jahrhunderts. 2005 gründete sie das Ensemble „Capella de la Torre“, das heute wichtigste deutsche Ensemble für Renaissancemusik. Die Gruppe hat bisher 20 CD Einspielungen vorgelegt. Mit ihrem Ensemble Capella de la Torre erhielt Katharina Bäuml 2016 den ECHO Klassik als Ensemble des Jahres.

Margaret Hunter Die aus Neuengland stammende Sopranistin Margaret Hunter erhielt ihre Ausbildung am Pomona College (Kalifornien), University College (Oxford University) und der Longy School of Music (Boston). Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes führte sie danach nach Bremen, wo sie bei Harry van der Kamp und Stephen Stubbs studierte.

Katharina Bäuml Fotograf Andreas Greiner-Napp

Margaret Huber,

Foto privat

Katharina Bäuml widmet sich auch der zeitgenössischen Musik auf historischen Instrumenten. Seit 2010 entstanden so zahlreiche Kompositionen für das Duo „Mixtura“, u.a. zu hören beim Berliner Festival „Ultraschall“. Katharina Bäuml ist Leiterin

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mehrerer Festivals und Konzertreihen und initiiert immer wieder Begegnungen zwischen Musik der frühen Neuzeit und Jazz. Zuletzt übernahm sie die Reihe „Musica Ahuse“ in der romanischen Klosterkirche Auhausen, in der jährlich renommierte Spitzenensembles der Alten Musik auftreten. Die Musikerin unterrichtet in Berlin und gibt regelmäßig Meisterkurse an den Musikhochschulen in Genf (Schweiz), Hannover und Lübeck.

Die Capella de la Torre ist stolz, sich unter die weltweit führenden Ensembles für Musik der frühen Neuzeit, speziell Bläsermusik, zählen zu dürfen. Capella wurde im Jahr 2005 von der Oboistin und Schalmeispezialistin Katharina Bäuml gegründet. Seitdem hat das Ensemble in nahezu tausend Konzerten sein Publikum stets begeistert. Hinzu kommen bislang 20 CD-Einspielungen und eine Vielzahl von Live-Mitschnitten. Auf diese Weise hat sich Capella de la Torre umfangreiche Erfahrung in der Musik des 14. - 17. Jahrhunderts erspielt. 2016 wurde ihm als Lohn für diese Arbeit der ECHO Klassik in der Kategorie „Ensemble des Jahres“ verliehen. Um die Musik vergangener Jahrhunderte für heutige Ohren lebendig werden zu lassen, finden aktuelle historische und musikwissenschaftliche Erkenntnisse ständig Eingang in die Programme von Capella de la Torre. Dazu gehört besonders die Arbeit mit Quellen und Originaltexten.

Ein besonderes Anliegen des Ensembles ist neben den Konzerten die Arbeit mit einem jungen Publikum, die in einer Vielzahl von Vermittlungsprojekten ihren Ausdruck findet. Der Name „de la Torre“ ist auf zweierlei Weise zu verstehen: Anfang des 16. Jahrhunderts komponierte der Spanier Francisco de la Torre das wohl berühmteste Stück für eine Bläserbesetzung, seine „Danza Alta“. Neben dieser Hommage an den Komponisten ist der Name aber auch ganz wörtlich zu verstehen: „De la Torre“ bedeutet übersetzt „vom Turm herab“; Bläsergruppen musizierten seinerzeit bei den verschiedensten Gelegenheiten auf Türmen oder Balkonen.

Capella de la Torre c/o Katharina Bäuml info@capella-de-la-torre.de

Fotograf Andreas Greiner-Napp

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Ev.-ref. Kirche Uttum Orgel eines unbekannten Meisters (um 1660)

Ev.-ref. Kirche Rysum Gotische Orgel eines unbekannten Meisters ( 1457, 1513)

Disposition (9 / I)

Disposition (7 / I)

Manual Praestant (P) 8‘ o Ouintadena 16‘ o Gedact 8‘ o Quintadena 8‘ o Octaaf 4‘ o Octaaf 2‘ o Sesquialtera II r Mixtur III-IV o/r Trompet 8‘ o/r

Manual Praestant (P) 8‘ o Gedackt 8‘ o Octave 4‘ o Octave 2‘ o Sesquialtera II r Mixtur III-IV r Trompete 8‘ r

Pfeifenwerk o = Orgelbauer unbekannt, unter Verwendung alter Register aus dem 16. u. 17. Jahrhundert (um 1660) r = Ahrend & Brunzema (Leer-Loga) (1957)

Pfeifenwerk o = Unbekannte Orgelbauer (1457, 1513) r = Ahrend & Brunzema, Loga (1959-60) Manualumfang: CDEFGA - g‘‘ a‘‘, kein Pedal

Manualumfang: CDEFGA - c‘‘‘, kein Pedal

Ev.-ref. Kirche Westerhusen Orgel von Jost Sieburg (1642/43)

Ev.-ref. Kirche Jennelt Orgel von Johann Friedrich Constabel (1738)

Disposition (7 / I / angehängtes Pedal)

Disposition (8 / I / angehängtes Pedal)

Manual Praestant (P) 4‘ o Gedackt 8‘ o Ouintadena 8‘ o Octave 2‘ o Quinta 1 1/3‘ o Mixtur IV o/r Trompete 8‘ o

Manual Praestant (P) 4‘ r Gedackt 8‘ o Flöte 4‘ o Quinte 3‘ o Waldflöte 2‘ o Sesquialtera II r Mixtur III o Trompete B/D 8‘ r

Pfeifenwerk o = Jost Sieburg, Göttingen (1642/43) unter Verwendung alter Register aus der Zeit um 1500, die in der Mensur umgearbeitet wurden r = Ahrend & Brunzema, Leer-Loga (1955) Manualumfang: C - c‘‘‘ Pedal (angehängt): C – e

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Pfeifenwerk o = Johann Friedrich Constabel, Wittmund (1738) r = Ahrend & Brunzema, Loga (1969) Manualumfang: C - c‘‘‘, Pedal (angehängt): C – d`


Ev.-ref. Kirche Pilsum Orgel von Valentin Ulrich Grotian (1694) Disposition: (20 / HW/BW/angehängtes Pedal) Werck Principal (z.T. P) 8‘ o, Octav 4‘ o/r Nassat 3‘ o Flachfloit 2‘ r Mixtur IV-V o/r Brustpositiv Gedact (H) 8‘ o Super-Octav 2‘ o Scharf II o

Quintadena 8` r Gemshorn 4‘ o Octav 2‘ o Sexquialter II r Trompet 8´ r

Ev.-ref. Kirche Eilsum Disposition Die Orgel wird beim Krummhörner Orgelfrühling nicht gespielt.

Gedactfloit 4‘ o/r Quint 1 1/2‘ o Regal 8‘ ?/r

Pfeifenwerk: o = Valentin Ulrich Grotian (1694) r = Jürgen Ahrend (1991) Manualumfang: CDEFGA - c“‘ Pedalumfang (angehängt ans HW): CDE - d‘

Ev.-ref. Kirche Manslagt

Ev.-ref. Kirche Groothusen Orgel von Johann Friedrich Wenthin (1798 -1801)

Disposition: (14 / HW / BW / angehängtes Pedal) Hauptwerk Principal (P) 8‘ o/r Quintadena (P, C-Fs) 16‘ r/o Viol di Gamba 8‘ r Gemshorn 4‘ o Octava 2‘ o Trompet B/D 8‘ r Gedact 8‘ o Octava 2‘ o Krumhorn 8‘ r

Octava 4‘ o Quinta 3‘ o Mixtur IV o Brustwerk Rohrflöt 4‘ o Scharff III o

Pfeifenwerk

o = Hinrich Just Müller, Wittmund (1778) r = Bartelt Immer, Norden (2000) Manualumfang: C - c‘‘‘ Pedal (angehängt ans HW): C – d‘ Windladen o Tremulant o Klaviaturen Man r Calcantenzug o Pd o Winddruck: 60mm/WS Manualkoppel r Tonhöhe: ca.1/2 Ton über normal 4 Keilbälge o Stimmung: ungleich schwebend 2 Sperrventile o

Disposition ( 19 / HW / OW / angehängtes Pedal) Manual I Principal (P) 8‘ r Bordun 16‘ o Gedact 8‘ o Fluit travers 8‘ o Octav 4‘ o/r Fluit travers 4‘ o Nasat 3‘ o Octav 2‘ o Mixtuur IV o Fagot 16‘ r Trompet 8‘ r

Bovenwerk II Principal( P) 4 r Aangenaam Ged.´ o Gedact Fluit 4` o Octav 2`r Wald Fluit ` o Cornet III r Vox angelica 8`r Vox humana 8´r Pfeifenwerk o = Johann Friedrich Wenthin, Emden (1798-1801) r= Alfred Führer, Wilhelmshaven (1987) Manualumfang: C - f´´´ Pedalumfang (angehängt ans HW): C-d ´

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Jennelt

Mittwoch, 17. Mai 2017

10 Uhr

„Kinderorgel“: Alle Vögel sind schon da Mitmach-Orgelkonzert mit Kindern der Grundschule Jennelt und Maxim Polijakowski

Der Auricher Kreiskantor Maxim Polijakowski und seine Mitstreiter werden mit Euch zusammen Vögel zum Klingen bringen, den unterschiedlichsten Vögeln lauschen und die eigenen Stimmen erklingen lassen. Schon vor über 350 Jahren hat man begonnen, Vogelgesang mit der Orgel zu imitieren. Besonders beliebt waren der Kuckuck und die Nachtigall. Aber zuweilen sind auch ganz andere Vögel zu hören. Eines der Lieder, die im Konzert vorkommen, kennt Ihr vielleicht schon: Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle! Welch ein Singen, Musizieren, Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren! Frühling will nun einmarschiern, kommt mit Sang und Schalle. Wie sie alle lustig sind, flink und froh sich regen! Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar wünschen dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen. Was sie uns verkünden nun, nehmen wir zur Herzen: alle wolln wir lustig sein, lustig wie die Vögelein, hier und dort, feldaus, feldein, springen, tanzen, scherzen. Dieses Lied erzählt davon, wie im Frühling die Zugvögel wieder zurückkommen. Geschrieben hat es Hoffmann von Fallersleben, der auch das ‚Deutschlandlied‘ gedichtet hat. Ein Lied aus dem Jahre 1835, eine Orgel, die noch älter ist, gebaut wurde sie schon 1738, und dann Kinder, die geboren wurden, als das 21. Jahrhundert schon lange begonnen hatte: Wie das wohl zusammen geht? Wetten, es geht gut und macht Euch viel Spaß? Wir freuen uns mit Euch auf die Kinderorgel 2017!

Hoffmann von Fallersleben 1798 – 1874

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J. F. Constabel 1738


Kinderorgel 2016

Maxim Polijakowski wurde 1975 in St. Petersburg geboren und zeigte schon früh großes Interesse an der Musik. Seinen ersten musikalischen Unterricht bekam er an einer Musikschule in seiner Heimatstadt. Danach besuchte er die Glinka-Chorschule, wo er in den Fächern Klavier, Komposition und Chorleitung unterrichtet wurde und als Chorknabe in der Knabenkantorei sang. Im Anschluss daran studierte er am staatlichen Petersburger Konservatorium und anschließend an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford und der Hochschule für Künste in Bremen. Nun ist er schon einige Jahre Kantor an der Lambertikirche in Aurich und dort für die Kirchenmusik verantwortlich. Er gibt auch viele Konzerte und begleitet in diesem Orgelfrühling wieder eine Orgelreise, die nach Dornum und nach Marienhafe führt. Denn so eine Orgelreise macht erst Spaß, wenn man die schönen Orgeln nicht nur anschauen, sondern auch hören kann!

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Jennelt

Donnerstag, 18. Mai 2017

10 Uhr

„Offene Musikwerkstatt“ mit Jugendlichen der IGS Krummhörn, IGS Marienhafe, Boris Becker, Bodo Florian, Imke Siuts und Daniel Stickan

Wer kommt? Rund 50 Jugendliche aus den beiden Gesamtschulen Krummhörn-Hinte und MarienhafeMoorhusen Wer begleitet die Jugendlichen? Imke Siuts, Musiklehrerin an der der IGS Krummhörn - Hinte, und Bodo Florian, Musiklehrer an der IGS Marienhafe-Moorhusen, weiter Boris Becker, Percussionist aus Düsseldorf, und Daniel Stickan, Organist aus Lüneburg Worum geht es? Das musikalische Thema ist in diesem Jahr die Titelmelodie von ‚Game of Thrones‘, einer weltweit erfolgreichen Fantasy-Fernsehserie. Diese Melodie hat Ramin Djawadi 2011 komponiert, er hat deutsch-iranische Eltern und ist 1974 in Duisburg geboren. Bodo Florian hat seine Schülerinnen und Schüler, die sich schon mit dieser Musik vertraut gemacht haben, gefragt, was ihnen daran gefällt. Hier sind die Antworten, die sie aufgeschrieben haben: Das Lied „Game of Thrones“ gefällt mir, da das Zusammenspiel der verschiedenen Instrumentengruppen sehr harmoniert und sich das Stück „voller“ anhört als andere Orchesterlieder.

„Game of Thrones“ ist ein tolles Lied. Es ist schön aufgebaut und klingt einfach super. Es reißt bestimmt alle Zuschauer mit durch den tollen Klang. Mir gefällt das Lied „Game of Thrones“ sehr, weil es einen an seine Lieblingsmomente in der Serie erinnern kann (….mich erinnert es an einen Markt im Mittelalter und an die Musik, die dort gespielt wurde). Weiterhin bringt der eigentlich immer gleich bleibende Rhythmus durch Veränderung der Töne trotzdem eine große Breite an Abwechslungen. Zusammengefasst ist das Lied atemberaubend (wortwörtlich).

„Game of Thrones“ ist ein sehr tiefgehendes Stück, welches einen emotional und gedanklich mitreißt, wenn man es zulässt. Es gibt ein schönes Zusammenspiel der Instrumente und der verschiedenen Stimmen. Ich finde, dass „Game of Thrones“ ein sehr ruhiges Lied ist – zudem mit viel Gefühl. Im ganzen Orchester klingt es außerdem super! Wir finden das Lied „Game of Thrones“ gut, weil es abwechslungsreich ist und ein gutes Tempo hat, so dass es nicht langweilig wird. Außerdem finden wir die Serie gut und denken, dass die Musik gut das mittelalterliche Leben widerspiegelt. Bodo Florian kommt nach Jennelt mit dem Schulorchester seiner Schule und schreibt dazu: Das Schulorchester der IGS Marienhafe - Moorhusen ist eine freiwillige AG für Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 9 -12. Zur Zeit umfasst die Gruppe 24 Schülerinnen und Schüler. Zur Besetzung gehören Flöten, Klarinetten, Trompeten, Saxophone, Posaune, Euphonium, Tuba und Schlagzeug. Das Orchester tritt auf schulischen Veranstaltungen und örtlichen Festen auf. Aber auch über Ostfriesland hinaus wird aufgetreten. Im April 2017 war die Gruppe zu Gast in Pribram in der Tschechischen Republik, um mit dem dortigen Schulorchester gemeinsam zu musizieren. Ein weiterer Höhepunkt ist die Teilnahme am „Krummhörner Orgelfrühling“ und die Vorfreude und Neugier auf die musikalische Begegnung mit professionellen Musikern sowie Schülerinnen und Schülern der IGS Krummhörn - Hinte ist groß.

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Die Gruppe aus der IGS Krummhörn - Hinte wird schon einen Tag vor dem Treffen in Jennelt zusammen mit Imke Siuts und Boris Becker den Percussion-Part vorbereiten. Dazu schreibt Boris Becker: Spannend ist es in jedem Fall, wenn sich ein Rhythmusworkshop mit der Begleitung des Titelsongs von „Game of Thrones“ beschäftigt. Lässt sich mit verschiedenen Rhythmusinstrumenten wie Trommeln, Rasseln, Holz und Metallinstrumenten eine Klangcollage entwickeln, die zu enem vorgegebenen Song passt? Kann ein eigener rhythmischer Klangteppich die Grundlage des Stückes bereichern? In jedem Fall geht es um Begegnungen: untereinander, im Klang mit Rhythmus, im Zusammenspiel mit anderen Instrumentalisten, in der Kombination verschiedener Klangkörper. Im Rhythmus „Game of Thrones“ zu erleben bedeutet ein mutiges Experiment zu wagen. Und – wie auch anders im Orgelfrühling – auch und gerade die Orgel hat ihren Part! Das zu erfahren ist das Besondere an diesem Tag, denn es ist ungewöhnlich im musikalischen Schulalltag, was mit den Klängen einer Orgel zu tun zu kriegen. Im Orgelfrühling geht das nur deshalb, weil alle nach Jennelt kommen; da ist die Orgel und da ist der offene Kirchenraum, in dem sich alle gut bewegen können, auch alle Instrumente Platz haben. Die große Jennelter Orgel – ja immerhin schon 1738 von Johann Friedrich Constabel erbaut und eher auf eine Solorolle festgelegt – braucht an diesem Tag eine ‚kleine Schwester‘, eine Truhenorgel, damit die Töne des Schulorchesters und der Orgelklang richtig zusammengehen. Daniel Stickan, der Organist im Team, schreibt zu ‚seinem‘ Instrument: Die Orgel kann nur alt? Weit gefehlt! Neben dem großen Repertoire an zeitgenössischer Orgelmusik des 20. und 21. Jahrhunderts ist die Orgel für jedes Klangexperiment zu haben. So ein facettenreiches Instrument will sich nicht festlegen lassen. Film- und Fernsehmusik? Auch, warum nicht. Und so werden wir einer kleinen Truhenorgel ein mutiges "Game of Thrones" entlocken ... Es wird also wieder spannend und fröhlich zugehen in der Jennelter Kirche, so war das auch im letzten Jahr, aber man merkte auch allen Beteiligten an, wieviel sie einbrachten, um mit den Herausforderungen gut umzugehen. Um 13 Uhr werden dann die Kirchentüren weit geöffnet für alle, die Lust, Zeit, Interesse haben zu hören, was die Musikwerkstatt aus und mit ‚Game of Thrones‘ gemacht hat. Und vielleicht sagen sie dann: „Da hat einer eine gute Idee gehabt, gerade diese Musik vorzuschlagen!“

Musikwerkstatt 2016

Foto Otto Damaske

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Orgelfrühling mit der Krummhörn! Orgelfrühling – das ist immer auch „...und mehr“! Zuallererst sind da die gastgebenden Kirchengemeinden zu nennen mit ihren Pastorinnen und Pastoren, den Kirchenältesten, engagierten Gemeindemitgliedern und vor allem den Küsterinnen und Küstern, die dafür Sorge tragen, dass es gastlich zugeht in ihren Gemeinden. Und schon lange vor dem Orgelfrühling sitzt wieder eine Projektgruppe in der Grundschule Jennelt und macht sich viele Gedanken und viel Arbeit, damit es wieder ein besonderes Plakat für den Orgelfrühling gibt. Dazu wird auf Seite 39 berichtet. Dann sind, gleich einem bunten Strauß, wie in jedem Jahr an vielen Orten Angebote für das “… und mehr“, zu erleben, immer zusätzlich zu den Konzertterminen.

Das geht in diesem Jahr am 16. Mai los mit der Orgelreise nach Dornum und Marienhafe, dazu findet sich zur Einführung auf Seite 40 ein Gespräch mit Reinhard Ruge. In Groothusen ist es am 17. Mai wieder die Osterburg, die ihre Tore öffnet für die nun schon zur Tradition gewordene ‚Lesung aus dem Schrank‘ im ehrwürdigen Ahnensaal: Dieses Jahr mit dem Blick auf Paul van Wingene, einen der Glaubensflüchtlinge aus den damals spanischen Niederlanden, und seine Familie. Der Name van Wingene ist später mit der Osterburg und ihrer Geschichte aufs engste verbunden.

Am 18. Mai ist in der Orgelwerkstatt Ahrend in Leer/Loga ab 10 Uhr viel darüber zu erfahren, woraus und wie Orgeln gebaut werden und wieviel Wissen und Erfahrung dafür eingesetzt werden.

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Am selben Tag um 13 Uhr öffnet die ‚Offene Musikwerkstatt‘ in Jennelt die Kirchentüren. Junge Leute der Gesamtschulen Krummhörn und Marienhafe laden ein, das Ergebnis ihres vormittäglichen Workshops zu hören und zu erleben und dazu gehört auch ´Orgel mal ganz anders´: Zusammen mit den Bläsern und der Percussion-Gruppe sind sie sicherlich für eine Überraschung gut. Um 17 Uhr an diesem 18. Mai ist dann wieder in der Mühle in Rysum der Teetisch gedeckt und der Rosinenstuten duftet wie immer. Dorthin kommt Pastor Jürgen Hoogstraat aus Victorbur, der sich bestens mit dem Thema der ostfriesischen Auswanderer nach Amerika auskennt; er erzählt davon, wie das war mit den amerikanischen Ostfriesen. Zur Einstimmung hat er schon mal einen Text speziell über Rysumer Auswandererfamilien geschrieben, nachzulesen ab Seite 43.

Am Freitag, dem 19. Mai sind dann alle nach Pilsum in die Galerie Szkudelski eingeladen; hier ist das Thema eines, das ganz unmittelbar mit Land und Leuten in der Krummhörn zu tun hat: Es geht um historische Barometer und Uhren. Ein Text dazu findet sich ab Seite 50. Besonders die Barometer haben ihre ganz eigene Geschichte, dazu mehr um 17 Uhr in Pilsum! Mit der Krummhörn, das heißt eben auch, dass die vielen Menschen, die hier genannt sind oder auch – mehr im Hintergrund – ungenannt bleiben, jedes Jahr wieder die Tage im Mai, die Zeit des ‚Krummhörner Orgelfrühlings‘ als ihre Sache ansehen, sich einbringen mit Ideen, mit Arbeit, mit Hilfe. Gemeinsam was anpacken, das hat ja Tradition in diesem Landstrich; gut, dass das immer noch gilt!


„Hoffnung!“ Kimberley Benker, Fentje Hinderks, Martha Klaassen, Okko Klöwer und Sarah Oltmanns – das waren die fünf, für die seit Wochen der Krummhörner Orgelfrühling auf dem Stundenplan stand. Zusammen mit Marion Jakob, ihrer pädagogischen Betreuerin, haben sie nicht etwa musiziert oder Noten gelernt, nein, es war das Plakat für den Orgelfrühling, für das sie viele Ideen, viel Zeit und viel Arbeit eingebracht haben.

Auf die Frage, wie sie das denn so gemacht hätten, erzählten sie davon, dass sie von dem Motto des diesjährigen Orgelfrühlings „Du schaffst mir einen sichern Ort“ ausgingen und so zu ersten Entwürfen kamen. Das Meer sollte eine Rolle spielen, ein Boot, das am Ufer angekommen war, die Kirche, die stark und groß mitten im Bild stehen sollte, aber auch viele Menschen, die auf diese Kirche zustreben. Das Besondere an dieser Kirche: Sie zeigt sich weit geöffnet, die Orgel strahlt daraus hervor, zeigt sich den ankommenden Menschen. Am Meer ist das Krummhörner Wahrzeichen, der rotgelbe Leuchtturm, zu sehen.

Das gab es von der Grundschule Jennelt im letzten Jahr schon einmal, da natürlich von anderen Schülerinnen und Schülern, und die Gäste des Orgelfrühlings waren davon begeistert. Deshalb — so erzählte es die Projektgruppe — kam es erstmal darauf an, was Neues zu überlegen, das Thema des Orgelfrühlings 2017 mit eigenen Gedanken zu füllen, zu überlegen, wie man das zeigen kann: „Du schaffst mir einen sichern Ort.“

Die Fotos auf dieser Seite sind während der Erarbeitung entstanden, das sind also richtige Werkstattbilder, an denen man den Weg der Gedanken und der Stifte und der anderen Materialien auf dem Papier ablesen kann. Und auf die Frage, wie denn der Bericht über die Projektarbeit überschrieben werden solle, kam es wie auf einem Mund: „Hoffnung!“

Damit das gemeinsame Arbeiten an diesem Plakat auch klappte, haben sich die fünf selber Spielregeln gegeben: Es wird nicht gestritten, einer hilft dem anderen, wenn das gut für die Arbeit ist; Ideen werden besprochen und ausprobiert; wie etwas am besten gelingen kann, ist eine gemeinsame Sache der Gruppe. So ist klar, dass keiner alleine im Mittelpunkt steht, jeder seine Meinung und seine Talente einbringen kann, alle zusammen das Ziel erreichen: wieder ein besonderes Plakat für den Orgelfrühling.

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Krummhörner Orgelfrühling : Die Orgelreise 2017 Lieber Herr Ruge, unsere diesjährige Orgelreise führt uns nach Dornum und Marienhafe, also zu zwei Orgeln des ostfriesischen Orgelbauers Gerhard von Holy. Was weiß man eigentlich über ihn noch? Einer Orgelbauerfamilie entstammte er doch wohl eher nicht oder?

Möglichkeiten, einen reichen Schatz von konzertanter Orgelmusik darzustellen, erheblich erweitert sind. Eine Besonderheit ist auch, dass sowohl im Rückpositiv, als auch im Brustwerk die Register Gedact 8‘ und Flöte 4‘ mit Eichenholzpfeifen besetzt sind, eine lediglich für das Brustwerk von Schnitger übernommene Tradition (s. Norden/ Ludgeri).

Man weiß sehr wenig über ihn. Geboren ist er Mitte September 1687 in Aurich, gestorben Anfang Juni 1736 in Remscheid während einer dortigen Orgelbauarbeit. Sein Vater, auch gebürtiger Auricher, war kein Orgelbauer, sondern Weber in Wittmund. Der 1683 am Auricher Hof nachgewiesene Meisterkoch Holy war entgegen früheren Vermutungen nicht sein Vater. Die Dornumer Orgel wurde ja 1710 begonnen, war aber nicht die erste Orgel in dieser Dorfkirche. Was gab es da für eine Vorgeschichte? Die erste Orgel kam der Überlieferung nach aus der Klosterkirche zu Marienkamp bei Esens („olde Kloster“) mit Aufhebung des Klosters (um 1530) nach Dornum. Sie hatte ihren Platz offenbar an der Südseite der Kirche. Über die weitere Geschichte dieser Orgel im 16. und 17. Jahrhundert ist leider nichts bekannt, da das Dornumer Burgarchiv 1721 abbrannte. Woran erkennt man denn bei der Dornumer Orgel, dass Holy wohl Schnitger-Schüler war? Am Aufbau der Disposition, besonders auch an der Ähnlichkeit der äußeren Gestalt. Hauptwerk und Rückpositiv zeigen hier, wie übrigens auch in Marienhafe, die typisch Schnitgerische Prospektgestaltung mit polygonalem Bassturm in der Mitte, den Spitztürmen mit den Pfeifen der Tenorlage beidseitig außen und zweistöckigen Flachfeldern mit den Diskantpfeifen dazwischen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass man beide Instrumente nach ihrer Wiederentdeckung im frühen 20. Jahrhundert zunächst für Schnitger - Orgeln gehalten hat. Was ist Ihrer Auffassung nach das besonders Charakteristische, wenn man die Disposition der Dornumer Orgel betrachtet? Dass sie im Unterschied zu den anderen ostfriesischen Dorforgeln drei Manuale und ein voll ausgebautes selbständiges Pedal besitzt, wodurch die

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Spieltisch der Dornumer Orgel

Und welche Rolle spielte der Landdrost von Closter hinsichtlich dieser Orgel? Der opferfreudige und kunstverständige Dornumer Burgherr und Kirchenpatron Haro Joachim von Closter, der schon Portal, Turm und Park seines Schlosses hatte neu anlegen lassen und in der Kirche einen neuen Altar gestiftet hatte, war auch der Auftraggeber für die neue Orgel. Offenbar angesichts des sich abzeichnenden guten Gelingens der Orgelbauarbeiten in der Stadtkirche zu Jever – dort war von Closter Landdrost – und in Dornum hat er noch während des Baus Meister Holy mit der Vergrößerung der Orgel um ein Brustwerk und ein selbständiges Pedal beauftragt. Weil der Platz an der Südseite dann nicht mehr ausreichte, wurde die Orgel auf die Westseite verlegt. So entstand in Dornum die größte Dorfkirchenorgel Ostfrieslands. War das nicht ungewöhnlich, praktisch sofort einen Umbau bzw. eine Erweiterung vorzunehmen? Ja, das war ungewöhnlich; denn meistens wurden Orgeln erst in späterer Zeit erweitert, wenn die Ansprüche und Klangvorstellungen sich geändert hatten. Hier spielte offenbar der wohlgelingende gleichzeitige Bau einer größeren Orgel in der Stadtkirche zu Jever mit drei Manualen und selbständigem Pedal bei insgesamt 33 Registern eine Rolle, die für den Dornumer Kirchenpatron ein


Anreiz sein konnte, auch die Dornumer Orgel zu einer Stadtorgel dieser Größe aufzurüsten. Wie wurde denn die Dornumer Orgel in späteren Jahren eingeschätzt und erhalten? Noch im Jahre 1857 schätzte man die Orgel gerade in dieser Disposition sehr hoch, wie ein Brief des Lehrers H. J. Sundermann aus Hesel zeigt: „Wenn man Kraft und Lieblichkeit, dazu Vollständigkeit und fast alles an einer Orgel sonst Wünschenswerte beisammenfinden will, so muss ich auf die herrliche Orgel in der Kirche zu Dornum hinweisen; wie ich überhaupt kein Werk in Ostfriesland gefunden habe, das ich so hoch stellen kann. Wenn ich eine Orgeldisposition aufzustellen hätte, so würde ich sie stets der Dornumer Orgel möglichst genau nachbilden.“ Ihr Erbauer war „wahrlich ein Meister“. 1883 aber hatte sich der Zeitgeschmack dann doch so sehr geändert, dass man ihm die Disposition anpasste. Der Norder Orgelbauer Johann Diepenbrock führte zusammen mit einer Reparatur zugleich einen Umbau durch, bei dem 7 neue Register unter Aufgabe von 7 Originalregistern eingebaut wurden, außerdem neue Klaviaturen, neue Registergriffe, ein vorgebauter Spielschrank und ein elektrisches Gebläse. 1917 wurden dann noch die Prospektpfeifen (Prinzipale von Rückpositiv, Hauptwerk und Pedal, also 3 weitere Register) für die Kriegsrüstung abgeliefert. Sie wurden erst 1932 durch Zinkpfeifen ersetzt. Im Zuge der Orgelbewegung wurde 1935 - 37 eine gründliche Instandsetzung der Orgel mit Wiederherstellung der ursprünglichen Disposition durchgeführt. Dem damaligen Standard entsprechend wurden dafür fabrikmäßig hergestellte neue Pfeifen verwendet. Auch die Traktur und die Klaviaturen wurden teilweise erneuert. Erst 1952 wurde die Orgel vom Landeskirchenamt in Hannover unter Denkmalschutz gestellt. Ab 1960 verschlechterte sich der Zustand der Orgel zusehends, vor allem durch Verschmutzung bei Kirchenbauarbeiten und nach Einbau einer Warmluftumwälzheizung, wodurch die Holzteile viele Risse bekamen oder aus dem Leim gingen. Die schlimmsten Heizungsschäden wurden 1969 notdürftig behoben. 1980 wurden die umknickenden (weil schief stehenden) Posaunen- und Trompetenbecher der Pedaltürme ausgebaut. Nach einer Kirchenrenovierung mit Abtragung und Wiederaufbau des Westgiebels wurde 1997/98 endlich die längst fällige umfassende Restaurierung der Orgel nach denkmalpflegerischen Maßstäben durchgeführt, und zwar von der Orgelbauwerkstatt Jürgen Ahrend (Leer-Loga). Rekonstruiert wurden dabei alle nicht mehr original

vorhandene Teile, nämlich Teile der Mechanik, die gesamte Spieltischanlage und 11 Register einschließlich der Prospektpfeifen. Inzwischen ist das Kunstwerk als nationales Denkmal anerkannt worden. Kommen wir zur zweiten Orgel unserer Reise, zur Holy-Orgel in Marienhafe. Sie wurde ja fast zeitgleich mit der Dornumer Orgel erbaut. Ist das ein Ausdruck der besonderen Leistungsfähigkeit des Orgelbauers oder wie muss man das verstehen? Und wer vergab hier den Bauauftrag? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich Holys Zeitplan näher anschauen, soweit er uns bekannt ist: Im Jahr 1709 hatte er zunächst noch von Hamburg aus in Lüneburg zu tun gehabt, siedelte dann aber nach Aurich über, um den „Kriegsläuften im gantzen Römischen Reich“ zu entgehen und in der Heimat sein „Brod zu gewinnen“. Schon im Februar 1709 hatte er in Nesse einen Orgelbauvertrag abgeschlossen, wo er dann bis Juli 1710 zu tun hatte. Im Februar 1710 hatte er den Auftrag von der Stadtkirche in Jever bekommen und im selben Jahr auch von Dornum und Marienhafe (dort im November). Als erste von diesen war die Dornumer Orgel fertig, nämlich im Dezember 1711, in Marienhafe zog es sich hin bis Oktober 1713, und in Jever schließlich datiert der Abnahmebericht vom September 1714. So scheinen die Orgelbauprojekte weitgehend nacheinander durchgezogen worden zu sein. Aus Streitigkeiten zwischen dem Marienhafer Kirchenvorstand und dem Orgelbauer, die zur Verzögerung der dortigen Arbeiten beitrugen, könnte man aber auch entnehmen, dass von Holy dort wegen gleichzeitiger Arbeiten an anderen Orten nicht genügend Mitarbeiter und Material zur Verfügung hatte, um den Orgelbau fristgerecht (Pfingsten 1711 sollte das Werk vollendet sein) fertigzustellen. Auch die Orgel in Marienhafe hatte ja eine Vorgängerin, nicht wahr? Wie war denn deren Geschichte? Die älteste nachweisbare Orgel der Marienkirche wurde 1437 durch „Magister Thidricus de Dominis“ (Meister Diedrich von Heeren?) vollendet. Sie hatte ihren Platz an der Nordecke des Chores, wo das Gehäuse und die Brüstung noch bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts vorhanden waren. Von der zweiten Orgel, die seit dem 16. Jahrhundert in einer Mauernische über dem Eingang am Westende der Kirche stand, sind weder der Name des Erbauers noch die genaue Entstehungszeit

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bekannt. 1778 wurde die vielfach reparierte und inzwischen als alt und unbrauchbar angesehene Orgel abgebrochen und verkauft. Inzwischen hatte die große Kirche mit der Holy-Orgel längst ein sehr gutes neues Instrument bekommen, das zunächst auf der Chormauer im Osten stand, unweit der ersten Chororgel. Nun hat ja auch die Kirche selber im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Zeiten erlebt: Sie musste sozusagen geschrumpft werden aus bautechnischen Gründen. Was bedeutete das für die Orgel? Als wegen Einsturzgefahr des Chores große Teile der Kirche abgebrochen wurden, verschwand damit auch der bisherige Standort der Orgel. Sie fand nun ihren neuen Platz auf der Westseite, also ungefähr dort, wo die zweite Orgel gestanden hatte. So wurde die bisherige Chororgel einer großen romanischen Basilika zur Hauptorgel des übrig gebliebenen Kirchenraumes.

Im Vergleich mit der anderen noch erhaltenen Holy - Orgel in Dornum ist zunächst festzuhalten, dass es sich in Marienhafe, wie in Dornum zunächst auch geplant, um eine nur zweimanualige Orgel mit nur angehängtem Pedal handelt. Wenn man aber den Vergleich mit der Dornumer Orgel ohne deren spätere Erweiterung, also nur mit Hauptwerk und Rückpositiv, anstellt, sind die Unterschiede gar nicht so groß. Im Hauptwerk hat die Marienhafer Orgel zwei Register mehr, die Dornumer dafür im Rückpositiv (Marienhafe 12 und 8, Dornum 10 und 10). In Marienhafe wurden alle Register von Holy neu gebaut und dabei alle Pfeifen aus Metall. In Dornum stammen 6 Register noch aus der Vorgängerorgel, 14 von Holy, und 12 mussten von Ahrend rekonstruiert werden, während in Marienhafe nur 2 rekonstruiert sind und 18 noch von Holy stammen. Dort gab es keine teilweise wiederverwendete Vorgängerorgel. Und welchen Rang hat diese Orgel heute in der engeren und weiteren Orgellandschaft? Sie ist die am besten und vollständigsten erhaltene zweimanualige Barockorgel Ostfrieslands, besitzt auch noch die originalen Prospektpfeifen und wird von Fachleuten als ein Werk von europäischer Bedeutung eingestuft. Ihr Klang wirkt noch besonders ursprünglich und anrührend. Das Gespräch führten Reinhard Ruge und Karin Bockelmann

Fotos Otto Damaske

Prospekt der Marienhafer Orgel

Was sind nun aus Ihrer Sicht im Bezug auf Disposition und Aufbau die besonderen Merkmale der Marienhafer Orgel, auch im Vergleich mit anderen Holy-Orgeln?

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Der Exodus der Rysumer Dorfschiffer Jürgen Hoogstraat, Victorbur Wenn man die Auswanderungsbewegung nach Amerika im 19. Jahrhundert in der Krummhörn untersucht, dann nimmt es nicht wunder, wenn die höchsten Auswanderungszahlen unter den Arbeiter- und Tagelöhnerfamilien sowie unter den unverheirateten Knechten und Mägden zu finden sind. Blickt man dann weiter auf die Emigrationsraten unter einzelnen Berufsgruppen, so fällt der ungewöhnlich hohe Prozentsatz bei den Familienverbänden der Dorfschiffer auf. Sie stellen für die Krummhörn eine der größten Berufsgruppen unter den Auswanderern des 19. Jahrhunderts. Auch bei den Dorfschiffern wurde der Beruf häufig von einer Generation an die nächste vererbt und so „standen“ manche Familiennamen geradezu für die Tradition des dörflichen Handels. Sicher gehörten die Dorfschiffer im 19. Jahrhundert nicht zu den Einwohnern der Krummhörndörfer mit dem höchsten Einkommen, jedoch war ihre Existenz durch die Spezialisierung auf den Warentransport durchweg gesichert. Die hohe Zahl der Auswanderer unter den Dorfschiffern ist ein erstes Indiz für das spätere langsame Aussterben dieses Berufsstandes, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ganz verschwunden ist. Erste Landstraßenbauten und vor allem die Begründung der Kleinbahn nach Emden 1899 markieren wichtige Etappen der letzten Epoche dieses besonderen Krummhörner Berufsstandes. Mitte des 19. Jahrhunderts freilich florierte die Dorfschifferei noch, wenn sie auch harte Arbeit für die ganze Familie bedeutete. Die umtriebige Bewohnerschaft Rysums beschäftigte zu Beginn des 19.Jahrhunderts zweitweise nicht weniger als sechs sogenannte „Beurtschiffer“ (1), die für den Handel mit dem benachbarten Emden zuständig waren. Die Zahl der Dorfschiffer war allerdings nicht konstant und schwankte nicht zuletzt auch auf Grund der unterschiedlichen konjunkturellen Entwicklung. Nach den wirtschaftlichen Turbulenzen im deutschen Kaiserreich war die Dorfschifferei in Rysum in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ganz zum Erliegen gekommen (2). Um die Versorgung des Ortes aufrecht erhalten zu können,

Das Ende eines alten Krummhörner Berufsstandes kündigt sich früh an. musste der mit der zweiten Loquarder Dorfschifferfamilie Boots (3) eng zusammenarbeitende Loquarder Schiffer Tamme Duffert einspringen. 1919 kauften die Brüder Jan, Harm und Berend Bloempott das letzte neue Dorfschiff für Rysum. Auch in der Dorfschifferei wurde der Beruf häufig vom Vater auf den Sohn vererbt und die Familie Bloempott versah als letzte in Rysum in drei Generationen lang diese Tätigkeit. Die Rysumer Auswanderung nach Amerika wurde im 19. Jahrhundert vom Ortspastoren Ubbo Tiden Meyer in seiner „Chronika Rysumana“ dokumentiert und so stellt dieses Werk eine interessante zusätzliche Quelle für die Erforschung der Auswanderung aus der südwestlichen Krummhörn im 19. Jahrhundert dar (4). Er hat ein waches Auge für die sozialen Probleme in seiner Gemeinde gehabt und es ist ein bleibendes Verdienst Meyers, die Situation in der Gemeinde Rysum seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in so hervorragender Weise dargestellt zu haben. Ähnlich gestaltete Auswanderer-Dokumentationen sind aus anderen Krummhörner Orten bisher nicht bekannt. Bei der Benutzung dieser Liste ist in jedem Fall eine Überprüfung anhand anderer Quellen notwendig. So hat Pastor Meyer zusammen mit einem Rysumer Kaufmann und Gastwirt diese Liste teilweise aus dem Gedächtnis nachträglich erstellt und dabei nicht immer ganz exakte Angaben über die betroffenen Familien machen können. Die „Chronika Rysumana“ ergänzt aber vorhandene Quellen und gibt wertvolle Einblicke in die Lebenswelt der Rysumer Bevölkerung vor 150 Jahren. Im Folgenden wird versucht, die Geschichte der ersten fünf ausgewanderten Rysumer Dorfschifferfamilien zu erhellen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Heimatort verließen. Es handelt sich um die Familien Kamminga, Freerks, Albertsen, Meyer und Heeren. Mit ihnen verließen viele andere Einwohner den Ort und Ubbo Tiden Meyer selbst gebraucht auf dem Höhepunkt der Auswanderungswelle 1868 den biblischen Begriff „Exodus“ dafür. Die südwestlichen Krummhörner Dörfer haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu 30 % ihrer Einwohnerschaft durch die Emigration verloren.

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Die evangelisch-reformierte Kirche in Rysum: Wirkungsstätte von Pastor Ubbo Tiden Meyer

I. Krummhörner Pioniere in Iowa: Die Dorfschifferfamilie Kamminga Der erste größere Familienverband überhaupt, der Rysum und Umgebung in Richtung Amerika verlassen hat, besteht aus den vier Kindern des Dorfschiffers Minne Janssen Kamminga (1774-1829) und seiner Frau, der Hebamme Martje Ubben (1769-1862). Schiffer Minne Kamminga stammte gebürtig aus dem nahegelegenen Logumervorwerk, wo auch sein Vater Johannes Christopher Kamminga (ca.1728-1795) bereits als Schiffer tätig war. Obwohl der Name Kamminga zunächst durchaus auf eine Krummhörner Herkunft schließen lassen könnte, gibt das Ledematenregister in Logumervorwerk Auskunft über die tatsächliche Herkunft der Schifferfamilie: Schiffer Kamminga senior stammte aus der „Stadt Schelinda in duitsch Böhmen“ (5). Der in den Kirchenbüchern von Logumervorwerk etwas verstümmelte Name seiner Frau Gertruit Folthem Hetten (1743 1778) ist dagegen wohl durchaus ostfriesischen Ursprungs: es dürfte sich um die Tochter des Wybelsumer Hausmannes Folpent Minnen Hettings/Hettinga (ca. 1700-1780) und seiner Ehefrau Eke Arends aus Wiegboldsbur handeln (6). Vorher hatten – soweit bisher bekannt – nur einige Junggesellen den Ort in Richtung USA verlassen. Wenn Rysumer vor 1850 auswanderten, so waren fast ausschließlich die unmittelbar benachbarten Niederlande das Ziel (7). 1854 nun aber verließen die Nachkommen der Eheleute Minne Kamminga und Martje Ubben ihren Heimatort mit Ziel Amerika: Von ihren fünf Kindern starb der Sohn Jans mit zwei Jahren, alle anderen vier Geschwister sind mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgewandert. Belegt ist die Auswanderung eindeutig bei drei Geschwistern.

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An erster Stelle ist der Dorfschiffer Arend Minnen Kamminga zu nennen, der mit seiner Frau Mareke Jürjens Fluth und fünf Kindern 1854 nach Amerika zog. Diese fünf Kinder waren Martje Arends Kamminga (geb. Rysum 1831, gest. Butler County/Iowa 1908; oo Tiemen Petersen), Katrina Arends Kaminga (geb. Rysum 1837, gest. Harlan County Nebraska), Jantje Arends Kamminga (geb. Rysum 1839, gest. Hardin County/Iowa 1864, oo Jan van Bockeren), Minne Arends Kamminga (geb. Rysum 1834) und Janssen Arends Kamminga (geb. Rysum 1840). Anders als ihr Ehemann hat Mareke Jürjens Fluth (sprich: Flüth) ihren Nachnamen nur selten geführt. Sie stammte aus einer hauptsächlich in Loquard ansässigen Schuhmacherfamilie. Gleich mehrere verwandte Familien Fluth folgten ihr ab 1855 nach Illinois und Iowa (8). Ebenfalls in Loquard ansässig waren zwei Schwestern ihres Mannes. Die ältere von ihnen hieß Gertrud Minnen Kamminga (geb. Rysum 1803, gest. Grundy County/Iowa 1881), verheiratet mit Benjamin Heyen Smidt aus Loquard. Die jüngere hieß Grietje Minnen Kamminga (geb. Rysum 1810, gest. Forreston/ Illinois 1891), verheiratet mit Jan Wullbrands Duitsmann, ebenfalls gebürtig aus Loquard. Das Schicksal des Bruders Marten Minnen Kamminga ist bisher nicht eindeutig belegt. Von sechs Kindern aus drei Ehen überlebten zwei, eine Tochter Elisabeth heiratete in die Wolthuser Familie Dose ein, die andere Tochter ist mit ihrer Familie in den USA nachweisbar: Mareke Martens Kamminga (geboren in Rysum 1825, oo Rysum 1851) wanderte mit ihrem Ehemann, dem Rysumer Reint Harms Hanssen (auch Reints) ebenfalls aus. Dieses Ehepaar wird in der Auswandererliste der „Chronika Rysumana“ unter der Nummer 66-72 geführt. Der Familienverband Kamminga spielte als eine Art „Schrittmacher“ eine wichtige Rolle bei der Erschließung des mittleren Iowa für die ostfriesischen Siedler. In dem zunächst angesteuerten ostfriesischen Siedlungsgebiet im nördlichen Illinois blieben nur die Eheleute Jan Duitsmann und Grietje Kamminga wohnhaft, alle anderen zogen noch im Jahr der Ankunft 1854 weiter nach Iowa. Dorthin damals zu ziehen, bedeutete großen Mut zu haben, denn für die meisten ostfriesischen Siedler, die bereits seit Jahren in Illinois lebten, galt Iowa noch als die „große Unbekannte“ (9). Die Rysumer Dorfschiffer sind die ersten Krummhörner Pioniere in Iowa überhaupt gewesen. Dorfschiffer Arend Kamminga und seine Frau Mareke Jürjens Fluth hatten vor ihrer Abreise aus


Ostfriesland ein Kind (Minne 1828-1830) in Rysum verloren und die bereits verheiratete älteste Tochter Geertje blieb mit ihrer Familie in Rysum zurück. In der Auswandererliste der „Chronika Rysumana“ hat die Familie die Nummer 4-9 bekommen, ist also nach der Kenntnis Pastor Meyers mit vier Kindern ausgewandert. Soweit erkennbar war Arend Minnen Kamminga überhaupt auch der erste Krummhörner Dorfschiffer, der in die USA ging; noch viele seiner Berufskollegen sollten ihm aus fast allen Krummhörner Dörfern folgen. Arend Kamminga starb im hohen Alter von 90 Jahren am 14. August 1888 in Ackley/Hardin County/Iowa. Seinen Lebensabend verbrachte er auf der Farm seines 1859 in Iowa eingetroffenen Neffen M.B. Smith in Etna/Hardin County/Iowa. Der Census von 1880 nennt den dort als 82jährigen Farmer im Ruhestand lebenden Rysumer Dorfschiffer Arend Cumminggruch (10), diese Farm lag unmittelbar neben der seines Schwagers Benjamin Smidt.

je West und dann erst die Schwester Stientje mit dem Vater Harm Freerks 1860. Dessen ebenfalls aus Rysum gebürtige Ehefrau Ebel Heikes war bereits 1839 erst 38jährig verstorben. Die FreerksFamilie zog es zunächst in das zweite Zentrum der ostfriesisch-reformierten Auswanderung rund um Pekin und Peoria/Illinois, in dem die Unternehmungen des Hamswehrumers Thees Smidt ausreichend Beschäftigung und Auskommen boten. Erst später zog es einzelne von ihnen weiter westlich nach Iowa und Minnesota.

II. In Etappen durch den Westen: Die Dorfschifferfamilie Freerks

Noch im selben Jahr wie die Kammingas begann die nächste große Dorfschifferfamilie nach Amerika zu ziehen: Es handelt sich um Angehörige des Dorfschiffers Harm Meinderts Freerks, genannt in der „Chronika Rysumana“ unter den Nummern 12-18. Harm Meinders Freerks wurde als Sohn der Eheleute Freerk Ariens und Stientje Meinders am 08.01.1800 in Rysum geboren (11). Die Familie hat lange Tradition in Rysum gehabt, auch die Großeltern Arien Hinderks und Martha Harms sowie Meindert Harms und Stientje Janssen lebten bereits zu Beginn des 18.Jahrhunderts hier. Harm Meinders Freerks heiratete 1826 die Rysumerin Ebel Heikes, Tochter des Heike Dirks und der Hilke Martens, ebenfalls aus alteingesessenen Rysumer Familien. In rascher Folge wurden dem Ehepaar 10 Kinder geboren, von denen zwei im Säuglingsalter verstarben (Freerk 1831-1833 und Jürren 1832-1835). In der „Chronika Rysumana“ handelt es sich im Falle dieser Familie um Daten, die der Autor bereits selber in Zweifel gezogen hat. Pastor Meyer schrieb: „Harm Freerks, Arbeiter und Witwer mit sechs Kindern: Marten, Arjen, Heyke, Hilke, Stientje, Jürgen ausgewandert 1855 ni fallor“ (wenn ich mich nicht täusche, J.H.). Hier hat Meyer sich tatsächlich getäuscht: Diese Personen wanderten nicht alle zusammen aus, sondern auf die zunächst bereits 1854 als Kundschafter ausgesandten vier Geschwister folgten in den nächsten Jahren zunächst 1856 der jung verheiratete Marten Cornelius Freerks mit seiner Ehefrau Evert-

Anziehungspunkt für viele Rysumer: die Unternehmungen des Hamswehrumers Thees Smidt

Nicht allen gelang der Start im Mittleren Westen: Während Freerk Arjens Freerks (geb. Rysum 1835) bereits auf der Überfahrt vor der britischen Küste verstarb, hat sein Bruder Jürren Heits Freerks (geb. Rysum 1838) sich als Soldat im amerikanischen Bürgerkrieg mit Gelbfieber infiziert und starb an den Folgen dieser Krankheit zu Kriegsende in Florida. Der Bruder Arien Freerks (geb. Rysum 1828) heiratete in Pekin Katrina Even aus Norden und blieb mit ihr in Illinois, ebenso Heike Freerks (geb. Rysum 1829), verheiratet mit Gretje Wessels. Die Schwester Hilke Freerks (geb. Rysum 1833) zog mit ihrem Mann Geerd Oltmanns in das benachbarte Livingston County, die Schwester Stientje Freerks heiratete in Illinois den Bruder ihrer Schwägerin Katrina, Harm Even aus Norden. Besonders bemerkenswert ist es, dass die jung verheirateten Eheleute Marten Freerks (geb. Rysum 1827) und Evertje West (geb. Norden 30.04.1830) ihr Auswandererschiff als einzige der hier genannten bereits in Emden bestiegen. Die 1856 in Emden ausgelaufene „Gertrude“ hatte eine große Gruppe von Auswanderern aus der südwestlichen Krummhörn an Bord, 32 von 81 Personen stammte in diesem Fall aus Rysum und Umgebung (13).

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Der frühere Dorfschiffer Harm Freerks lebte nach seiner Ankunft zunächst bei seinem Sohn Arien und dessen Familie in Pekin/Illinois. Er war sein Leben lang stark an Fragen des christlichen Glaubens und der Bibelauslegung interessiert und wandte sich im Alter der ostfriesisch-baptistischen Gemeinde zu. Die US-Volkszählung von 1870 sah ihn als Mitbewohner der Farm von Harm Bleeker im Grundy County/Iowa, dessen Familie sich zur ostfriesischen Baptistengemeinde hielt. (14). Die nächste US-Volkszählung von 1880 führt den mittlerweile 80 Jahre alten ehemaligen Dorfschiffer im Grundy County dann unter dem Namen „Harm Frurks“. Er hatte wiederum einen Umzug hinter sich: Jetzt wohnte Harm Freeks bei seiner Tochter Stientje und deren Mann Harm Even in Colfax Center/Grundy County/Iowa, aktiven Gliedern der Baptistengemeinde von Buck Growe/Iowa. Diese Gemeinde hat ihre Ursprünge in der dritten ostfriesisch-baptistischen Gemeindegründung in Amerika, der 1876 entstandenen „Deutschen Baptisten Kirche von Steamboat Rock/Iowa“. Wegen der großen Entfernung zu dieser Kirche hatten sich etliche Farmer in Buck Grove für die Gründung einer Tochtergemeinde an ihrem Ort eingesetzt. Zu ihnen zählte Harm Even, der Schwiegersohn von Harm Freerks. 1878 gelang es, den bekanntesten ostfriesischen Baptistenprediger Pieter Johannes de Neui in die Gemeinde zu holen, der nun abwechselnd in Steamboat Rock und in Buck Grove predigte. In dieser Gemeinde fand nun auch der alte Rysumer Dorfschiffer seine Heimat. Die Gründung einer eigenständigen Gemeinde Buck Grove im September 1889 erlebte er allerdings nicht mehr, einer der wenigen erhaltenen Grabsteine auf dem kleinen Baptistenfriedhof in Buck Grove nennt „H. Freerks, gestorben 26.01.1885, 85 Jahre alt“. Neben ihm wurde seine im selben Jahr verstorbene 14jährige Enkelin Maria Even begraben (15). Durch den Wegzug vieler Gemeindeglieder weiter nach Westen wurde diese Gemeinde immer kleiner und die Feier von Gottesdiensten endete 1921. Heute erinnert nur noch der gut unterhaltene Friedhof an diese ehemalige ostfriesische Baptistengemeinde im amerikanischen Westen und die letzte Lebenszeit von Dorfschiffer Freerks. III. Dorfschiffer und Kaufleute Notizen zur Auswandererfamilie Albertsen Die nächsten Dorfschiffer, die Rysum verließen, stammten aus der Familie Albertsen. Dieser Name wurde von verschiedenen Familien in Rysum an-

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genommen und bei der Erforschung dieser Familien ist aufgrund der großen Ähnlichkeit der Namenswelt besonders auf das Patronym zu achten, um Verwechslungen zu vermeiden. Stammeltern dieser Dorfschifferfamilie sind Albert Hinderk Albertsen (1811-1859) und Rendeeltje Jannes Ohling (1815-1856). Von ihren 11 Kindern sind drei im Kindesalter verstorben. Drei von ihnen sind ausgewandert: die Söhne Hinderk und Ubbe Geelts Albertsen und die Tochter Hilke Geelts Albertsen. Die Brüder wanderten 1867 mit dem Schiff „Leocadia“ aus und fanden ihre neue Heimat wie die früheren Berufskollegen aus der Familie Freerks zunächst in der Nähe von Pekin/Illinois. Der Census von 1880 verzeichnet Hinderk Alberts Albertsen (* 1842) dann in Sheridan/Logan County/Illinois unweit des amerikanischen Ostfriesenstädtchens Emden. Sein Bruder Ubbe Geelts Albertsen (* 1844) war weiter in den Westen gezogen und lebte zu dieser Zeit bereits im Carroll County im äußersten Westen des Bundesstaates Iowa, wohin es in dieser Zeit auch andere Rysumer Dorfschiffer zog. Beider Schwester Hilke Geelts Albertsen (* 1839) hatte den aus Twixlum gebürtigen Dorfschiffer Hinderk Bruns geheiratet und wanderte 1868 mit ihm nach Hartsburg/Illinois aus. Dieses Ehepaar trägt in einer Sonderliste für das Jahr mit der stärksten Auswanderung 1868 in Pastor Meyers „Chronika Rysumana“ die Nummer 10-14, die Brüder Hinderk und Ubbe wurden nicht mit aufgeführt. Damit ist ein Indiz dafür gegeben, dass die von Pastor Meyer ermittelte Datensammlung wohl um noch mehr Namen zu erweitern sein wird. An dieser Stelle zu nennen ist der in den USA wohl am bekanntesten gewordene Rysumer, Ubbe Janssen Albertsen (* 1845), Sohn des Jan Hedden Albertsen und der Hilkea van Brethorst. In der „Chronika Rysumana“ werden diese Eheleute mit ihrer Familie geführt unter der Nummer 27-34. Auch sie zog es mit ihren Kindern nach Pekin ins mittlere Illinois. Bei der Angabe der Kinder ist eine Unklarheit der Überlieferung in der „Chronika Rysumana“ zu vermuten, da dort die Rede von vier mit auswandernden Kindern ist; zur Familie gehörten jedoch in Ostfriesland bereits sechs Kinder (Ubbe, Lammert, Trientje, Sophia, Albert, Gesina), die auch alle im Tazewell County/Illinois gelebt haben. Die Angabe von Meyer, die Albertsens seien „nach 1862“ ausgewandert, entspricht nicht den Tatsachen, alle anderen Quellen belegen das Auswanderungsjahr 1856. Die Familie emigrierte zunächst ins nördliche Illinois, zog dann aber 1858


weiter nach Pekin. Die Tochter Gesina Alida wurde 1858 bereits in Pekin geboren. Die Albertsens lebten ihr kaufmännisches Geschick auch in den USA (16) aus: Die Söhne Lammert und Ubbo Albertsen gehörten zu den bekanntesten Geschäftsleuten von Pekin/Illinois. Beide arbeiteten zunächst in der Wagenfabrik von Thees Smidt als Maler und Anstreicher, machten sich dann aber als Kaufleute selbständig. Lammert war erfolgreich im Lebensmittelhandel und besaß die Keksfabrik „Biscuit and Cracker Company“. Sein Bruder Ubbo stieg in die unter den Ostfriesen sehr bekannte Orgelfabrik von Johann Hinners ein und wurde bald einziger Teilhaber von Hinners. Bis heute sind Exemplare aus der Fabrikation von Hinners und Albertsen in Privatbesitz oder auch in Kirchen und Gemeinderäumen erhalten und einsatzbereit.

Ubbe Albertsen war später Senator des Staates Illinois und galt als einer der fleißigsten Parteigänger der republikanischen Partei. Seiner Biographie zufolge soll er in vierzig Jahren nicht eine Versammlung seiner Partei versäumt haben. Auch der jüngste Bruder Albert Hinderks Albertsen ergriff zunächst den Malerberuf und machte sich später ebenfalls selbständig im Handel mit Malerbedarf und Tapeten.

Ubbo Janssen Albertsen in seiner Zeit als Senator und Mitinhaber der Hinnerschen Orgelfabrik. Der republikanische Politiker war wohl der bekannteste Rysumer des Mittleren Westens um 1900.

IV. Die Nachfahren des Dorfschiffers Wicher Martens (1735 - 1809) Rysumer Traditionsschiffer-Familie hat viele Nachkommen in den USA Der nächste Dorfschiffer, der Rysum in Richtung USA verließ, war dann Hinderk Wigchers Meyer (1828-1881). In seiner Familie hatte die Dorfschifferei in Rysum lange Tradition. Schon sein Urgroßvater Wicher Martens (1735-1809) hatte dieses Amt inne und hat an etliche seiner Nachkommen diesen Beruf weitervererbt. So ergriff auch Urenkel Hinderk Wichers Meyer den Beruf des Dorfschiffers, der seinen patronymischen Namensbestandteil diesem Urgroßvater verdankt. In der „Chronika Rysumana“ sucht man seinen Namen zunächst vergeblich. Eingedenk der Tatsache, dass der Ortspastor oft nicht den „nur angenommenen“ Nachnamen notierte, sondern lediglich den im Ort gebräuchlichen Rufnamen, lässt sich dann schon mehr herausfinden: Unter der Nummer 89-95 der „Chronika Rysumana“ finden wir „Schiffer H. Adams mit Frau und fünf Kindern“. Da Hinderk W. Meyer, wie er sich in den USA nannte, ein Sohn des Rysumer Paares Adam Tjarks und Maria Hinderks war, lässt sich dann der ganze Name Hinderk Wigchers Adams Meyer zusammenstellen. „Hinnerk Adams“ reichte auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Name für den Schiffer, den neu angenommenen nicht eben einfallsreichen Namensbestandteil „Meyer“ nahm niemand in Rysum wirklich ernst. 1857 heiratete er Stientje Ihmels (1829 - 1899) aus Loquard, die ebenfalls einer großen Dorfschifferfamilie entstammte. Ihr Vater Ihmel Onnen Ihmels betrieb mit seiner Ehefrau Sophia Folkerts zu Beginn des 19.Jahrhunderts das Loquarder Dorfschiff. Soweit bisher ersichtlich wanderte neben Stientje noch eine weitere Tochter Reintje Ihmels mit ihrem aus Hamswehrum stammenden Ehemann Casjen Hayunga aus. Dieses Ehepaar lebte in der Nähe von Clara City/Minnesota. Auch Vetter Folkert Ihmels und Kusine Taatje Ihmels aus Loquard gaben 1865 bei ihrer Trauung in Loquard an, der zukünftige gemeinsame Wohnort sei „Amerika“ (17). Dorfschiffer Hinderk Meyer und Stientje Ihmels brachten fünf Kinder mit nach Amerika. Die älteste Tochter Sophia (geb. Rysum 1855, gest. Carroll County/Iowa 1899) heiratete in Iowa Freerk Dirks Hoogestraat, der ebenfalls aus der weitverzweigten Dorfschifferfamilie Freepsums in der Krummhörn stammte (18). Die zweite Tochter Adammina (geb. Rysum 1857, gest. Carroll County 1894) war mit Willem Schooneboom verheiratet, die dritte

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Tochter Greetje Ihmels Meyer (geb. Rysum 1860) war verheiratet mit Meine Kriens (19). Hinderk Wichers Meyer jun., (geb. Rysum 1863), war verheiratet mit Anna-Magdalena Hanssen, gebürtig aus Schleswig-Holstein. Ebenfalls noch in Rysum geboren wurde Ihmel Onnen Meyer (geb. Rysum 1866), der sich in den USA später „Emil“ Meyer nannte. In den USA wurden den Eheleuten Meyer noch fünf weitere Kinder geboren. Von 1866 1875 lebte die Familie im Grundy County/Iowa, von 1875 an siedelte sie im Wheatland Township des Carroll County in Iowa. Dort hat der ehemalige Rysumer Dorfschiffer nur noch wenige Jahre als Farmer gearbeitet, er starb am 01.11.1881 im Alter von erst 52 Jahren. Seine Witwe ließ ihm mitten in der kaum besiedelten Prärie einen Grabstein auf dem gerade frisch angelegten Friedhof der Whatland Presbyterian Church setzen. Diese kleine reformierte Gemeinde wurde als Heimat der gerne gelesenen „Ostfriesischen Nachrichten“ recht bekannt. Im äußersten Westen Iowas spielen reformierte ostfriesische Siedler zahlenmäßig eine eher geringe Rolle, rund um die nächst größere Stadt Breda/Iowa dominiert bis heute der Einfluss niederländisch-katholischer Siedler. Doch die Meyers im äußersten Westen Iowas blieb nicht die einzige Dorfschifferfamilie aus der Nachfahrenschaft des Wicher Martens, die in die USA gezogen ist. Über seinen Sohn Heere Wiechers (1772-1826) und seinen Enkel Marten Heeren (1800-1854) hat sich ein weiterer Familienzweig über ein Jahrhundert lang in der Rysumer Dorfschifferei betätigt (20). Doch auch aus dieser Familie verzeichnet die „Chronika Rysumana“ dann Auswanderer: Unter der Nummer 73 findet sich Heere Wichers Heeren, geboren in Rysum am 24.02.1827, gestorben in Seward/Winnebago County/Illinois am 27.08.1901. Der Anreiz zur Auswanderung wurde in seinem Fall noch verstärkt durch die hohe Emigrationssrate in der Familie seiner Ehefrau Fenke Luiken Murra aus Hamswehrum, deren Angehörige sich in fast allen Staaten des Westens der USA wiederfinden lassen. Unter der Nummer 99 folgt in der Chronika sein Bruder, der Dorfschiffer Jan Harmannus Heeren, geboren in Rysum 1830, verheiratet mit Martje Remmers aus Manslagt. Sein Vorname Jan Harmannus erinnert an die Familie seiner Mutter Antje Janssen Manus vom „Dyksterhus“ am Krummhörner Deich, Tochter des Landwirts Jan Aukes Harmannus und Greetje Martens. Die Dyksterhuser Vettern aus der Familie mit dem dann angenommenen Namen „Manus“ gehörten zu den bekanntesten ostfriesischen Siedlern in der

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Anfangsphase der großen Ostfriesenkolonie im Stephenson County/Illinois. Angaben zu dieser Familie finden sich in den Kirchenbüchern der ev.luth. Kirchengemeinde Loquard. Die Nachfahren vieler alter Dorfschifferfamilien auch aus dieser Gemeinde oder anderer benachbarter Krummhörner Ortschaften leben heute wie die Nachkommen ihrer Rysumer Berufskollegen verstreut im Westen der USA.

Harm Alberts (1833 -1912) aus Rysum, hier als Soldat der Armee der amerikanischen Nordstaaten

Anmerkungen: 1) Friedrich Arends, Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland, Emden 1823, S. 143 2) Günther Hummerich, Wolfgang Lüdde, Dorfschiffer, Tee aus Emden - Korn aus der Krummhörn, Norden 1992, S. 126 3) Dorfschiffer-Kollege Freerk Boots (1866-1934) aus Loquard ist ebenfalls ausgewandert, er lebte mit seiner Frau Mareka Straatmeyer zuletzt in Johnson/Traverse County/Minnesota. 4) Die „Chronika Rysumana“ befindet sich im Archiv der Kirchengemeinde Rysum. 5) OSB Logumervorwerk Nr. 419. Dabei dürfte es sich mit ziemlicher Sicherheit um den Ort Schönelinde in der sogenannten „Böhmischen Schweiz“ in der Gegend von Zittau handeln, heutiger Name des zu Tschechien gehörenden Ortes ist Krasna Lipa.


6) Ich stimme damit der von Hans-Heinrich Lauterbach geäußerten Vermutung zu OSB Wybelsum Nr. 693 zu, Eke Arends stammt aus Wiegboldsbur und ist eine Tochter des Arend Tiemens (Eke * um 1701). Hilda Bruns wies mich auf die Eintragung der Eheschließung im Kirchenbuch Wiegboldsbur hin: Folptmet Minnen, Sohn von Minnen Hettings, heiratete 1729 Eke Arends, Tochter von Arend Thiemens; zu anderen Zweigen dieser Familie s. auch OSB Victorbur. In dieser Familie haben wir die Stammeltern der Krummhörner Familie van Hettinga vor uns. 7) Bekannt wurde in der Provinz Groningen so u.a. Dr. Ubbo Peters Tjaden aus Rysum, der nach einem Medizinstudium an der Universität Groningen lange Jahre als praktischer Arzt tätig war. Dr. Ubbe Tjaden war von 1825-1833 in Appingedam, später in Wijhe ansässig und starb in Zwolle 1878. Der Rysumer Ulfert Schulz wurde in Amsterdam Mitte des 19.Jahrhunderts als Bäcker tätig, bekannt geworden ist die Familie in den Niederlanden später durch seinen Enkel Ulfert Schulz jun., der sich als Musiker und Mitglied der Vereinigung der „Nederlandse Tonkunstenaars“ einen Namen machte. 8) Zu nennen sind u.a. die Eheleute Jakob Janssen Fluth (geb. 1828) und Deever Hagen Arends sowie Freede Janssen Fluth und Hiske Tjarks Wagenaar. Auch die Ehefrau eines der bekanntesten ostfriesisch-altreformierten Pastoren Klaas Weiland, Engel Jürrens Fluth, gehörte zu dieser Familie. 9) George Schnücker, Die Ostfriesen in Amerika, Cleveland, Ohio 1917, S. 213 ff. 10) Die Namen der Siedler wurden bei den Volkszählungen häufig von englischsprachigen Beamten aufgenommen und sind manches Mal bis zur Unkenntlichkeit verändert. Eintragungen aus Census-Listen werden oft nur durch weitere hinzugezogene Quellen aussagekräftig. 11) Vgl. George P. Heikes, The Genealogy of Harm Meinderts Freerks, o.O. 1983 12) Eine Aufstellung der durch Thees Smidt persönlich angeworbenen oder zur Auswanderung beeinflussten Einwohner der südwestlichen Krummhörn ist in Vorbereitung.

14) Eine Aufstellung der wichtigsten ostfriesischen Baptistengemeinden in den USA ist in Vorbereitung. Erste Treffen von ostfriesischen Baptisten in dieser Region fanden in „Dreyers“ und „Schneidermanns“ Schulhäusern statt. Bei diesem Harm Bleeker handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um Harm Aggen Bleeker, Sohn des Agge Bleeker und der Gertruid Berends Walraad, erwähnt OSB Larrelt 151 und OSB Logumervorwerk 54. Harms Ehefrau hieß Maria Meyer (oo 29.09.1867 Hardin County/Iowa), sie stammte aus Nordgeorgsfehn; seit 14.07.1888 waren die beiden Landbesitzer im Turner Co./Süd-Dakota. Beide liegen begraben auf dem First Baptist Cemetery/ Chancellor/S.D. 15) Ihr Grabstein vermeldet lediglich Even… gestorben 09. September 1885, Tochter von H. und S. Even. Harm und Stientje Even zogen selber nach dem Tode ihres Vaters weiter nach Westen, 1890 lebten sie im Lyon County/Iowa, danach erwarben sie eine Farm im Pipestone County/ Minnesota, unweit der Grenze zum Bundesstaat Süd-Dakota. 16) Pekin, A Pictorial History, St. Louis, Missouri 1998, S. 130 17) Nach Erhebungen in Krummhörner Kirchenbüchern gab nur ein Bruchteil der bereits bei der Trauung auswanderungswilligen Paare den zukünftig geplanten Wohnort „Amerika“ tatsächlich an. 18) Diese Dorfschifferfamilien waren auch in Ostfriesland schon verwandtschaftlich miteinander verbunden: vgl. DGB.Bd.190, Limburg 1983, S.385, zu den Freepsumer Dorfschiffern s. OSB Freepsum ab Nr.570 19) Damit ergibt sich ein Hinweis auf die hohe Auswanderungsrate aus dem Raum Moormerland: Willem Schooneboom und Meine Kriens waren Vettern und stammten beide aus Rorichmoor, vgl. OFB Neermoor 3113 und 4233 20) Heere und sein Bruder Jan Harmannus Heeren waren Vettern zweiten Grades des Hinderk Wichers Meyer.

13) Zu dieser Schiffsliste vgl. die wertvollen Anmerkungen von Hilda Bruns und Jill Morelli, www.immigrantships.net Vol.7. Brig Gertrude.

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„Erst eben up’t Weerglas kieken!“

„Barometer und mehr…“ in Pilsum

Am 19. Mai 2017 öffnet die Galerie Szkudelski in Pilsum um 16 Uhr ihre Pforten zur Eröffnung einer ganz besonderen Ausstellung. Wer diese Galerie kennt, weiß, dass hier oft das ‚ganz Besondere‘ zu sehen und zu erleben ist, aber dieses Mal sind es keine Bilder, keine Keramiken, es werden historische Barometer und Uhren gezeigt, ebenso auch eine Auswahl von alten niederländischen Fliesen. Was das alles mit dem Orgelfrühling zu tun hat, muss nicht lange erklärt werden, denn alles Genannte spiegelt Leben und Arbeiten auf den Krummhörner Plaatsen wider – und wenn es das Putzen eines Barometers ist; auch dazu gibt es eine schöne Geschichte zu erzählen!

Was Albrecht Thaer, Begründer der deutschen Agrarwissenschaft, hier mit einigermaßen nüchternen Worten beschreibt, war die später als Februarflut bezeichnete außerordentlich folgenreiche Sturmflut im Jahre 1825, bei der allein in der Krummhörn über 100 Menschen ums Leben kamen und schwerste Schäden an Gebäuden, im Viehbestand und auf den Acker- und Weideflächen beklagt werden mussten. Und Thaer machte das Geschehen an der Beobachtung des Barometerstandes fest, eines Instruments, das — einmal eingeführt — als unverzichtbar für die tägliche Arbeit auf den Bauernhöfen der Krummhörn erkannt wurde. Immer wieder wies Thaer in seinen für die Landwirte gedachten Veröffentlichungen auf die Barometerbeobachtung hin, die in seiner Arbeit eine außerordentliche Rolle spielte und durch wissenschaftliche Beobachtungen wie auch durch eigene praktische Erfahrungen dieses Experten fundiert waren.

Horst Arians, Remels, Fachmann für ostfriesische und andere Antiquitäten und langjähriger Sammler und Restaurator, wird in die Ausstellung und deren historischen Hintergrund einführen; Cornelius Dieken, ‚Grimersumer Vorwerk‘, hat sein Leben lang als Landwirt mit Barometern gearbeitet; seine Erfahrungen können sicherlich auch Menschen, die sich mit Getreideanbau weniger auskennen, den unschätzbaren Nutzen eines guten Barometers für den richtigen Zeitpunkt von Bodenbearbeitung und Ernte deutlich machen. Die Ausstellung kann außer am Freitag auch am Sonnabend zwischen 11 und 15 Uhr und am Sonntag zwischen 14 und 16 Uhr besucht werden.

Mit dem nachfolgenden Text wird schon vorab ein Einblick zu Geschichte und Geschichten von Barometern gegeben. In der Krummhörn und anderswo in Ostfriesland heißt es: „Erst eben up’t Weerglas kieken!“ „Mit Anfang des Februars gingen aber heftige Veränderungen in der Atmosphäre vor. Am 1sten hatten wir 5 Grad Wärme und in der Nacht Sturm aus Nordwest, am folgenden Tage Schnee und nachts wieder Sturm, welcher am 2ten, 3ten und 4ten fortdauerte. Das Barometer fiel plötzlich von 28‘ 3‘‘ auf 27‘1‘‘ und dann am 4ten mittags auf 26‘10 ½ ‘‘ herunter. Dies ließ eine heftige Katastrophe vermuten, von deren schrecklichen Wirkungen uns dann die Nachrichten vom Ausfluss der Elbe und an der Nordsee von Ostfriesland und Holland leider (!) zukamen. Am 4ten gegen Abend legte sich endlich der Sturm und das Barometer fing an, sich wieder zu heben.“

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In den ‚Landwirtschaftlichen Brosamen‘ des Gevatters Chrischan, einer 1898 erschienenen vor allem für den praktisch denkenden Landmann gedachten Abhandlung, hört sich das so an: „Er hat in seiner Stube ein Barometer zu hängen und beobachtet dasselbe sehr aufmerksam. Zeigt nun dasselbe bei Beginn der Ernte beständiges Wetter an, so kommandiert er: „Alle Mann auf Deck!“ Alle verfügbaren Kräfte werden bei den Erntearbeiten verwandt und rips raps ist er, zum Ärger seiner erstaunten Nachbarn, damit fertig. Zeigt aber das Barometer vor dem Beginn der Ernte Regen an, so schiebt er dieselbe, wenn es irgend angeht, noch um einige Tage hinaus, bis das Barometer wieder steigt. Ist aber die Ernte schon in vollem Gange und das Barometer sinkt, beginnt er sofort mit dem Einfahren, obwohl das Getreide noch einige Tage stehen könnte.“ Fazit: Es kam eben darauf an, das Barometer klug zu nutzen. Welche Bedeutung dem übergreifenden Thema Wetterkunde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts beigemessen wurde, zeigt u.a. ein Eintrag in Meyers Konversationslexikon, hier im Ergänzungsband von 1912. Dort findet sich unter dem Stichwort ‚Volksschulen‘ folgendes: „Im Hinblick auf die Bedeutung der Wetterkunde, insbesondere für die landwirtschaftliche Bevölkerung, sowie mit Rücksicht darauf, dass an zahlreichen Landschulen seitens der Kreiskommunalverbände kostenfrei Wetterkarten geliefert werden, hat das preußische Kultusministerium am 22. Januar 1912 bestimmt,


dass die Schulkinder im heimatkundlichen, erdkundlichen und naturkundlichen Unterricht mit der Einrichtung und Verwertung der Wetterkarten bekannt gemacht werden. Das hat man in Remels offensichtlich zu beherzigen versucht!

Volksschule Remels mit Barometer hinten rechts Foto überlassen von Horst Arians, Remels Bei der Entwicklung von brauchbaren Barometern, die etwa ab der Mitte des 17. Jahrhunderts einsetzte, stoßen wir auf große Namen: So hat sich Galilei mit der Suche nach dem Vakuum, also dem luftleeren Raum, und der Frage nach dem Druck von Luft ganz grundsätzlich befasst, aber erst sein Schüler Torricelli fand durch ein Experiment, bei dem er eine Glasröhre mit Quecksilber füllte und damit den Luftdruck tatsächlich messen konnte, eine entscheidende Erkenntnis: „Die Atmosphäre ist es, welche den Druck hervorbringt, die Luft ist ein schwerer Körper, sie hat ein Gewicht und lastet mit diesem Gewicht auf der Erde, wie das Wasser des Meeres schwer auf dem Grunde seines Beckens ruht.“ Von dem englischen Physiker Robert Boyle wurde etwa 1663 der Begriff Barometer für die Apparatur zur Luftdruckmessung geprägt. Dass dieses Gerät in der Landwirtschaft „ein höchst nützliches und wichtiges Instrument sei, an welchem man im voraus die Veränderung des Wetters abnehmen, und sowohl ein Gärtner als der Ackersmann mit dem Pflanzen, Säen, Ernten und anderen Garten- und Feldarbeiten sich darnach richten kann,“ stellte z.B. Johann Georg Krünitz in seiner ‚Öconomisch-technologischen Encyklopädie‘ fest, die ab 1773 fortlaufend erschien. Krünitz gibt auch Ratschläge, was beim Kauf eines Barometers zu beachten sei: „Bei dem Einkauf der Barometer hat man auf folgende Eigenschaften zu sehen. Man muss zuvörderst die Rohre untersuchen, ob sie überall gleich weit, stark und ganz sei. Hernach, ob das unten befindliche Gefäßlein oder Kölblein nach seinem inneren

Raum 8 bis 10 mal weiter sei, als die Weite der Rohre ist. Ferner hat man das Quecksilber zu betrachten, ob es allenthalben in der Röhre dicht aufeinander liege oder ob Luft dazwischen befindlich sei, die besonders gern an den Seiten zwischen der Röhre und dem Quecksilber hängen zu bleiben pflegt; hauptsächlich aber, ob nicht zuoberst über dem Quecksilber Luft zurückgeblieben sei. Das letztere kann man erfahren, wenn man das Barometer langsam und gelind neigt und sieht, ob auch das Quecksilber völlig in das obere Ende der Röhre laufe. Sofern nun alle diese Umstände sich richtig befinden, so kann das Barometer richtig sein, wenn nur auch der Zettel, worauf das Steigen und Fallen verzeichnet ist, an dem rechten Ort der Höhe angemacht ist. Wegen der Luft über dem Quecksilber ist noch zu bemerken, dass bei der anzustellenden Probe ein ganz kleines Bläslein Luft, wie eine Stecknadelspitze, das auch nicht länger ist als die Dicke der Nadel beträgt, und welches in dem ganz zuoberst befindlichen Haarröhrlein über dem Quecksilber wahrgenommen wird, keinen Schaden bringe… Das Gefäßlein kann zwar 8 bis 10 mal weiter sein als die Röhre; man muss aber auch darauf sehen, ob es sich daselbst so befindet, wo das Quecksilber bald aufhört; insbesondere bei einem Barometer, das wie die gewöhnlichen unten gebogen ist und wieder herauf steiget. Denn auf die Weite des Gefäßleins allein kommt es nicht an, sondern darauf, dass das Quecksilber auch wirklich darin gehörig ausgebreitet sei. Ferner hat man auf die Reinheit des Quecksilbers und des inneren Randes der Röhre selbst zu sehen; welches man erfährt, wenn man das Quecksilber etwa 1 Zoll tief unter die Leiter oder den Einteilungszettel, vermittelst des Neigens der Röhre, ganz gelind zurück sinken lässt. Hierbei darf nichts von dem Quecksilber an der Röhre bekleben bleiben, sofern beides rein ist; welches man hingegen bemerken wird, wenn eins von beiden unrein ist. Ob die Leiter recht angemacht sei, kann man am füglichsten durch Vergleichung seines Barometers mit einem richtigen, das ein guter Freund hat, und sich an eben dem Orte, also auch unter eben der Luftschwere befindet, untersuchen. Da auch die Röhren öfters an dem Brett nicht genügend befestigt sind, und besonders wenn sie weit sind, wegen der Schwere des darin befindlichen Quecksilbers hinunter sinken; so ist diese Vorsicht desto nötiger. Es ist daher auch ratsam, dass sich, wie oben gemeldet worden, der Zettel, der auch Leiter heißt, verschieben lasse, oder, wenn er schon angeleimt ist, man noch einen von den Verkäufern der Barometer zu bekommen suche. Durch das Abmessen der Höhe an der

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Röhre, z. E. mit einem Pariser Maßstab, kann man sich nicht zuverlässig davon versichern, dass der Zettel an dem gehörigen Ort angeklebt sei.“ Damit der Erwerb eines Barometers nun auch wirklich den gewünschten Erfolg bringen könne, fügt Krünitz die einschlägigen Regeln für das Verständnis der angezeigten Werte bei: „1. Man muss im Steigen und Fallen des Quecksilbers auf die geringste Veränderung Achtung geben, um daraus das Wetter recht zu erkennen. 2. Das Steigen des Quecksilbers prophezeit überhaupt schönes Wetter, so wie das Fallen desselben schlechte Witterung, als: Regen, Schnee, starke Winde und Sturm anzeiget. 3. Bei sehr heißem Wetter zeigt das Fallen des Quecksilbers Donner an. 4. Im Winter wird durch das Steigen des Quecksilbers Kälte vorbedeutet; und wenn bei kaltem Wetter das Quecksilber um 3 oder 4 Grad fällt, so folgt ganz gewiss Tauwetter; steiget aber das Quecksilber bei anhaltendem Frost, so wird es gewiss schneien. 5. Wenn bald nach dem Fallen des Quecksilbers schlimmes Wetter einfällt, so kann man glauben, dass es nicht lange anhalten werde. Ein gleiches ist auch zu bemerken, wenn bald nach dem Steigen des Quecksilbers das Wetter schön wird.

6. Wenn bei schlimmen Wetter das Quecksilber stark und hoch steiget, und dasselbe 2 oder 3 Tage lang anhält, ehe das schlimme Wetter vorüber ist, so kann man hoffen, dass anhaltendes schönes Wetter erfolgen werde. 7. Wenn bei schönem Wetter das Quecksilber stark und weit herunter fällt und 2 oder 3 Tage lang beständig so fortfährt, ehe sich noch der Regen einstellt, so kann man starke Winde vermuten und große Nässe erwarten. 8. Die unbeständige Bewegung des Quecksilbers zeigt veränderliches, ungewisses und wandelbares Wetter an. 9. Wenn das Barometer im Monat März ungewöhnlich hoch steigt: so folgt gern ein trockner Sommer, wenigstens ein trocknes Frühjahr darauf.“ (www.kruenitz1.uni-trier.de/site/a_to_z.htm)

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Teilansicht eines Barometers von J.J. Solaro, tätig ca. 1780 bis1800 Foto: Horst Arians Eigene Erfahrungen und Notizen bei der Beobachtung des Barometerstandes und in der Folge zu erwartender Wetterumschwünge waren natürlich mindestens genauso wichtig wie die Lektüre solcher Texte, war doch gerade in einer Küstenlandschaft wie der Krummhörn manches an Besonderheiten zu beachten beim Lesen und Verstehen der Barometerstände. Die tägliche Beobachtung des Wetterglases, wie das Barometer meist genannt wurde, gehörte einfach dazu, um die Tagesarbeit richtig einteilen und darüber hinaus weitergehend planen zu können; kein Wunder, dass es bald in Emden, in Aurich, in Norden Barometermacher gab, bei denen man die begehrten Instrumente erwerben konnte. Bereits um 1785 war A. Peia in Emden als Barometermacher tätig, um 1840 Nicolai Alipi ebenfalls in Emden, um 1835 G. Cardeneio in Norden, um 1840 Aron Hirsch in Aurich, sein Sohn Isaac desgleichen um 1850 in Emden; um 1774 schon wird J.J. Solaro genannt, um 1797 ein weiterer Barometerbauer gleichen Namens und um 1840 ein nächster J.J. Solaro, tätig in Emden und in Aurich. Vor 1800 sind auch solche Hersteller im benachbarten Holland verzeichnet, viele ebenfalls mit südländisch klingenden Namen, andere mit niederländischer Herkunft wie z.B. Pieter Eysenbroek in Haarlem. Ähnliches gilt für England, auch hier finden sich in dieser Zeit bei den Barometermachern überwiegend Namen aus dem Süden


Europas, daneben auch eine Reihe englischer Namen sowie einige wenige deutsche. Wilfried Habenicht, ausgewiesener Barometerkenner und -sammler, erläutert die Gründe für diese Verteilung: „An vielen Akademien in Europa beginnen Wissenschaftler damit, das einfache Gerät Torricellis zu verbessern. Zentren sind die Royal Society in London und die Akademien der Wissenschaften in Florenz, Paris, Leiden und danach auch Amsterdam. … Erst nach 1685 finden Barometer auch Verwendung im häuslichen Bereich. Sie werden von zahlreichen Uhrmachern, Optikern und Instrumentenmachern hergestellt und ständig weiterentwickelt. Jeder Barometerhersteller versucht, seinem Instrument ein ganz besonderes Aussehen zu geben.“ (Wilfried Habenicht, Rainer Holland, Alte Quecksilberbarometer, Bremen 1977)

Teilansicht eines Barometers von G. Cardeneio, Emden, tätig ca. 1820 - 1845 Foto Horst Arians

Ein Barometer erwies sich auf den Krummhörner Plaatsen – wie überhaupt in der Landwirtschaft – vor allem als äußerst zweckmäßiges Gerät, aber es sollte auch Wohlstand und Geschmack ausdrücken, galt zum Beispiel als wertvolles und gediegenes Hochzeitsgeschenk und war eben auch etwas, mit dem man Ehre einlegen konnte bei den Nachbarn und Verwandten! Karin Bockelmann mit Beratung von Horst Arians, Remels, Wilfried Habenicht, Bremen, und Cornelius Dieken, ‚Grimersumer Vorwerk‘.

Contrabarometer Mahagoni Hersteller G. Cardeneio, 124 cm Höhe siehe W. Habenicht 1977

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Weggehen und Ankommen – die Krummhörn Land am Meer, Land mit einer langen Küstenlinie, mit hohen Deichen und mit Sielen, mit dem schweren Kleiboden so verschieden von den angrenzenden Geest- und Moorgegenden, mit einer ganz eigenen Geschichte, ‚Land der Freien‘, des Wohlstands, ja Reichtums durch Handelsaustausch mit Kaufleuten in weit entfernten Gegenden – alles das und noch viel mehr machte die Krummhörn aus, wirkt bis heute vielfältig weiter. Und doch waren es gerade diese Verhältnisse und ihre Folgen, die so viele dazu brachten, ihre Heimat zu verlassen, davonzuziehen für immer. Die einen gingen, taten das mit guten Gründen; aber andere kamen auch, suchten hier das, dessen Fehlen sie von woanders vertrieben hatte: die Möglichkeit zu überleben, Sicherheit und Frieden. Für manche war es auch der Frieden der Landschaft, die Nähe der Menschen im Dorf, die sie hier heimisch machte. Vom Weggehen und Ankommen soll hier erzählt werden. Vom Weggehen: „Kommt Lü, nu laat uns reisen, over’t Meer in’t anner Land ...“ * „Es hat dem Herrn gefallen, meinen lieben Mann und der Kinder treusorgenden Vater Harm Peters ganz plötzlich durch einen Schlaganfall am 3. März aus unserer Mitte zu nehmen. Er wurde am 27. Februar 1871 geboren in Grimersum, Ostfriesland, kam im Alter von 11 Jahren mit nach Amerika, nach der Gegend von Parkersburg, Iowa, wo er bis zum Mannesalter blieb, worauf er nach Clara City, Minn., auf eine Farm zog. Im Jahre 1923 verheiratete er sich in DellRapids, S.Dak., mit Catharina Schipper. Sie wohnten dann in Clara City, Minn., und im Jahre 1933 zog die Familie auf eine Farm in der Nähe der Stadt. Im Jahre 1940 verzogen sie auf eine Farm nördlich von Renville. Die Beerdigung fand nun statt am 12. März auf dem Friedhof der Ref. Gemeinde zu Clara City unter Leitung der Pastoren P.P. Brunn und M. Weeldreyer. Er wird betrauert von seiner Gattin und 7 Kindern: Hermann, S. Milwaukee, Wis., Claus und Edwin, Renville, Harold Ufkes und Frau Gesina geb. Peters, Hector, Minn., Martha, Albert und Gertrude zu Renville. Ferner hinterläßt er seinen Schwiegervater Claas Schipper in Marienhafe und andere Verwandten. Die trauernden Hinterbliebenen. Renville, Minnesota.“

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Diese Anzeige lasen Anfang Mai 1947 Ostfriesen diesseits und jenseits des Atlantiks, in der Krummhörn, auf den Fehnen, im Rheiderland, in Illinois, in Iowa, in Nebraska, in Minnesota, in Ohio, in South Dakota … Sie stand in der Ostfriesen Zeitung, dem Heimatblatt der Ostfriesen in Amerika, vormals Ostfriesische Nachrichten, die seit 1882 in Breda / Iowa erschien, pünktlich am 1. und 15. jeden Monats, und das noch bis 1971. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als alles zu knapp war in Ostfriesland, wurde in der Zeitung notiert: „Die Ostfriesen Zeitung nach der Heimat bestellt: Durch Mrs. H.E. de Buhr, Rockford, Bernhard de Buhr, Aurich, und Tönno de Buhr, Pewsum, Dezember 1948; durch John Harberts, Parkerburg, Johann Harberts, Leer, Juni 1949, durch G.J. Hoodjer, Clarksville, Harm Harms, Blaukirchen.“ Und so ging es noch weiter mit einer Reihe weiterer Bestellungen der Zeitung für die Verwandten in Ostfriesland. In der Ausgabe vom 1. Mai 1948 wurde auch Alardus van Hettinga betrauert, geboren 1865 in Visquard, dann nach Pilsum gekommen, 1884, also im Alter von 19 Jahren nach Amerika ausgewandert, wo er sein Auskommen im Ogle Co., Illinois, fand. Er verheiratete sich 1893 mit Lena Frey, das Paar hatte vier Kinder, Lena starb 1940. Alardus war „ein Glied der Ref. Ebenezer Gemeinde zu Oregon, Ill., und von deren Kirche aus ist er am 31. März zur letzten Ruhestätte getragen worden.“ Die Verbindungen zwischen den Ostfriesen in der Heimat und denen, die sich längst als Bürger der Vereinigten Staaten verstanden, waren immer noch so stark, dass man einander aus dem Leben hier und dort berichtete. So wie Harm Peters und Alardus van Hettinga, wie Catharina Schipper und Lena Frey zogen die Menschen im 19. Jahrhundert in Scharen davon, verließen die Krummhörn, ihre Heimat, hatten ein großes Ziel: Amerika, die noch jungen Vereinigten Staaten! ‚Arbeit, Land und Freiheit‘ – dafür nahmen sie Gefahren, Unsicherheit und Mühsal auf sich, wollten es schaffen, das alte Leben mit Enge, Zwang und oft auch nackter Not hinter sich zu lassen. In Bremen und Hamburg, in Bremerhaven, selten auch in Emden - sie begannen eine Reise über den Atlantik, die sie im wahrsten Sinne des Wortes oft an ihre Grenzen führen sollte. * Dies ist eine Textzeile aus dem Musical „Achter de Sünn an – Der Weg nach Iowa“. Darauf wird auf Seite 60 ff. genauer eingegangen.


Quilt ‚ Ankommen in Amerika‘

Viele ihrer Namen wissen wir noch, nur einige der Krummhörner davon seien hier in zufälliger Auswahl genannt: 1854 Peter Pemann, Zimmermeister aus Loquard, 1855 Jan Heeren, Bäckermeister aus Uttum und K. Lolling, ein Schmiedemeister aus Jennelt, 1856 Jakob Diutsmann, Zimmermeister aus Rysum, 1857 Pastor Dirksen aus GroßMidlum, 1861 Ewert Wagenaar, Bäckermeister aus Visquard, 1864 dann Böttchermeister Buss aus Pewsum, Torfschiffer Geike Bruns aus Woquard, Harm Abts, Schmiedemeister aus Pilsum, Claas Berends, Arbeiter aus Groothusen … Innerhalb weniger Jahrzehnte verließ ungefähr ein Viertel der dort lebenden Menschen die Krummhörn – so wird angenommen, weil genaue Zahlen nicht verbürgt sind – darunter viele Landarbeiter, ebenso Bauernsöhne, Handwerker, Schiffer, ganze Familien mit ihrer Kinderschar, Alte und Junge, arme Schlucker und Begüterte, Wagemutige und Verzweifelte, solche, denen es mit der Abreise nicht schnell genug gehen konnte und solche, denen das Heimweh bald schrecklich zusetzte. Alle mussten den Schritt wagen, sich entscheiden, gewiss von ihren ganz eigenen Vorstellungen getrieben, wie denn in dem fernen Land Amerika das Glück zu machen sei, das Leben besser werden könne als in der Heimat; alle mussten sie mit neuen Herausforderungen fertig werden, hatten sich manches vielleicht auch anders vorgestellt. Und so mögen sie gedacht und gehofft haben:

Gisela Stumpenhausen, Syke

Ein junger Knecht „Hier wird es nichts mit mir, auch wenn ich mich noch so sehr darum mühe. Sicher, mit Pferden kann ich gut umgehen, weiß schon Bescheid über viele Aufgaben auf dem Plaats, über Saat und Ernte, kann was reißen bei der Arbeit. Aber was nützt mir das; es gibt für einen wie mich, dessen Familie immer nur Knechte, Mägde, Landarbeiter hervorgebracht hat, keine Aussicht, dass sich was ändert. Im Dorf erzählen sie, dass das in Amerika alles ganz anders ist. Da gibt es Land, gutes Land; wer es bis dahin schafft, der kann siedeln, kann es zu was bringen, kann eine Familie gründen und ernähren; das sagen die, deren Söhne und Brüder schon dort sind. Du kannst dich verpflichten als Kontraktknecht, wenn du kein Geld hast, damit du die Schiffspassage bezahlt kriegst und dann ist es erstmal hart, du schuftest, du quälst dich. Aber du bist in einem freien Land und wenn dein Dienst dann doch mal zu Ende ist, bist du selber auch frei, kannst gehen, wohin du willst. Und wenn du mutig und tüchtig bist, dann wirst du es zu was bringen wie so viele vor dir! Die Gedanken daran gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, ich mach das, kann gar nicht anders. Der Vater sieht es mir an, die Mutter sagt nichts, aber sie kennt mich so gut, ahnt schon, was ich mir vorgenommen habe. Ich muss raus hier aus der Enge, was wagen! Es wird wohl ein Abschied für immer sein, aber da muss ich durch, wenn ich weiterkommen will, weiter als hier auf jeden Fall.“

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Ein Handwerker „Schlecht geht es mir nicht, ich bin im Dorf als Stellmacher doch wohl gut angesehen, es gibt viel Arbeit für mich; eine Braut hab‘ ich auch schon. Immerhin war ja auch mein Vater schon Stellmacher und davor sein Vater, einer in der Familie hat das Handwerk immer weitergeführt. Mit dem, was das Grabeland an Kartoffeln und Gemüse hergibt, mit Speck und Fleisch von den beiden Schweinen, die wir jedes Jahr schlachten, hat Mutter uns noch immer so einigermaßen satt gekriegt. Hungern mussten wir wohl nicht in unserer Familie. Aber nun kommen hier im Dorf Briefe aus Amerika an und einer, der mit mir die Schulbank gedrückt hat, schreibt: Leute wie du werden hier gebraucht! Glaub man, du hast ganz andere Möglichkeiten, was aus dir zu machen. Richtige Handwerker, auf die man sich verlassen kann, sind noch Mangelware in diesem Land und überall in den neuen Ansiedlungen brauchen die Farmer gute Wagen, die was aushalten. Es sind auch viele Trecks mit Planwagen unterwegs, immer weiter nach Westen; sie können den langen und gefährlichen Weg nur schaffen, wenn ihre Wagen durchhalten. Da kannst du mitziehen, reparieren, was unterwegs kaputt geht, später in der neuen Ansiedlung mit deinem Können ein gemachter Mann werden! Das alles geht mir immerzu durch den Kopf und ich stelle mir vor, wie es sein könnte in diesem fernen Land. Wenn nur auch meine Braut mitgeht! Wir haben oft darüber gesprochen, was in den Briefen steht und sie weiß, was sie will, ist tüchtig und vor allem hat sie den Mut, was zu wagen. Ich rede noch mal mit ihr, ob sie nun wirklich mit mir auswandern will. Wenn sie ja sagt, dann mache ich den Plan wahr! Die Eltern werden verstehen, was ich vorhabe. Hier in der Familie und in der Werkstatt geht es ja weiter, mein jüngerer Bruder arbeitet schon mit dem Vater und mir zusammen, der kann bald meinen Platz einnehmen. Er will lieber im Dorf bleiben; die anderen Geschwister sind auch noch da, hier und im Nachbardorf verheiratet, so dass die Eltern im Alter nicht allein dastehen.“ Ein Landwirt „Bei uns erbt nur einer der Söhne den Hof und das bin nun mal nicht ich. Aber ich habe schon länger den Plan gefasst, in die Neue Welt auszuwandern. Dafür bin ich gut vorbereitet, habe mich lange genug mit der Landwirtschaft befasst, war auf der Winterschule in Norden, auf verschiedenen Höfen hier in der Krummhörn, aber auch in anderen Gegenden Preußens. Mein Erbteil habe ich mir auszahlen lassen, das ist schon mal eine gute Grundlage für den Anfang. Und ich habe mich viel-

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fach erkundigt, wie ich es am besten anfange mit der Passage und mit dem Erwerb von Land. Es sind auch schon einige, die ich von der Winterschule kenne, in Amerika. Ich bin froh, dass ich immerhin Nutzen aus ihren Erfahrungen ziehen kann. Vieles ist ja doch ganz anders da, aber in der Gegend, wo ich wohl hingehen werde, sprechen sie mein vertrautes Plattdeutsch und eine Frau werde ich da hoffentlich auch finden und einen Pastor, der uns trauen kann. Die Eltern und Geschwister legen mir keine Steine in den Weg, aber ich spüre schon, dass es ihnen schwerfällt, mich davonziehen zu sehen. Besonders Mutter werde ich vermissen, aber es ist nun mal beschlossen, dass ich mein Glück in Amerika machen will. Und Briefe können hin und her wandern, das werde ich Mutter morgen nochmal sagen, bevor ich in die Stadt fahre, um die Schiffspassage festzumachen.“ Alte Eltern „Ob wir das wirklich tun sollen? Weggehen aus der Krummhörn, aus unserem Dorf, wo wir unser ganzes Leben waren, jeden kennen, unseren Platz in der Kirche haben? Und dann die Schiffsreise! Gut, es sind nicht mehr die Segler, mit denen man Monate unterwegs war, heute gibt es Dampfschiffe, die viel schneller sind, aber bequem wird es auch da nicht werden mit dem Reisen. Man hört so allerhand Geschichten von dem Leben im Zwischendeck; ich mag gar nicht so recht dran denken, wie das ist. Und dann erst in Amerika, alles fremd, alles so ganz anders. Aber die Kinder drängen uns zu kommen und hier ist keiner mehr, auf den wir uns im Alter stützen könnten. Zuerst ist der mittlere von den Jungs ausgewandert und hat bald die beiden anderen Brüder nachgeholt. Die beiden Töchter gingen auch mit, haben sich in Iowa verheiratet, zum Glück mit Ostfriesen, sind längst tüchtige Farmersfrauen geworden. Nun sind alle fünf Kinder in Amerika und von den Enkelkindern wissen wir nur über Briefe, würden sie doch so gerne sehen. Eine Kirche gibt es da, wo die Töchter wohnen, auch schon, die Gemeinde ist altreformiert wie unsere hier auch. Der Pastor spricht unser Plattdeutsch und wir werden unbedrängt Gottes Wort hören können. So hat es doch auch sein Gutes, einen solchen großen Schritt in die Fremde zu tun. Viel werden wir ja nicht mitnehmen können, die Bibel, das Gesangbuch, etwas an Kleidung, das Nötigste eben. Und Saatgut, vor allem Bohnen, Erbsen und Kohl, das haben die Töchter extra geschrieben, dass sie das dringend brauchen, updröögt Bohnen wie hier in der Krummhörn mögen sie einfach zu gerne und die Sorte Bohnen bei uns im Dorf ist


dafür die beste! Gute Schweine haben sie da, kein Wunder bei all dem Mais! Dann schmeckt das Essen jedenfalls wie hier, auch das ein Trost bei allem, was uns nun bevorsteht. Wären wir doch erst da, zuerst die Reise nach Bremerhaven, dann auf den Dampfer, dann noch weiter mit der Eisenbahn und schließlich mit dem Ochsengespann vor dem Wagen… Aber in Amerika warten sie auf uns, die Kinder, die Enkelkinder, halten für uns eine neue Heimat in der Fremde bereit. Gebe Gott, dass wir das in Gesundheit erleben!“ Ein Dorfschiffer „Ich sehe ja, wie es läuft, immer mehr Straßen und die Eisenbahn, da werden wir Dorfschiffer doch bald über sein, verdrängt werden von anderen, die schneller und billiger sein können, wenn es was zu transportieren gibt. In unserer Familie waren wir immer Dorfschiffer, die ganze Familie hat mitgearbeitet, schon als Jungs mussten wir treideln, beim Laden und Löschen helfen, dann noch auf dem Grabeland arbeiten oder auf einem der Höfe im Dorf. Irgendwie sind wir zwar zurechtgekommen, aber nun müsste eigentlich ein neues Schiff her, das alte tut es nicht mehr lange, wird nun bald geslopt werden müssen. So kriegen wir noch ein bisschen was dafür. Aber ein neues Schiff bauen zu lassen, das lohnt nicht mehr! Wir verkaufen alles, was wir hier noch haben und wenn es gut geht, reicht das für die Passage und für den neuen Anfang. Es sind schon so viele aus unserem Dorf in Amerika, da gibt’s immer welche, die Arbeit für uns haben und dann werden wir es schon schaffen, auch eigenes Land zu bekommen. Schiffer werd‘ ich da wohl nicht mehr, aber ich versteh‘ mich ja auch auf das Ackern, habe hier oft genug als Tagelöhner gearbeitet, wenn es nichts zu fahren gab. Und Farmer ist doch auch was! Das schreiben viele aus dem Dorf und aus der Verwandschaft, die es schon so gemacht haben. Warum sollte uns das nicht auch gelingen? Wir gehen jetzt nach Amerika, dahin, wo schon Leute aus der Krummhörn sind, und die ganze Familie geht mit, wir beide, die Kinder, die auch schon mit anpacken können, und mein Bruder und seine junge Frau! Natürlich weiß ich auch, dass die Dollars da nicht auf der Straße liegen, sondern schwer verdient werden müssen. Aber wir schaffen das, wenn wir zusammenhalten!“ Einer der Auswanderer war Friedrich Arends, der genaue Beobachter und Chronist der Verhältnisse in Ostfriesland, ganz besonders in der Krummhörn, die ihm so vertraut war. Ebenso anschaulich wie über seine angestammte Heimat berichtete Arends

dann über seine Seereise nach Amerika, die er – verwitwet und begleitet von drei Kindern – 1833 unternahm, weil auch er wie so viele vor und nach ihm sein Glück in der Neuen Welt machen wollte, allerdings war er dabei nicht wirklich erfolgreich. Er beschrieb seine Erlebnisse in dem Band „Schilderung des Mississippithales“, Emden 1838. Das Schiff, ein Segler namens ‚Theodor Körner‘, hatte 200 Reisende an Bord, davon im Zwischendeck „82 volle männliche, 54 volle weibliche Passagiere, 59 Kinder unter 12 Jahren, zum Teil Eheleute meist mit Kindern, eine Familie sogar mit 7, gegen 30 junge Männer und fast ein Dutzend ledige Mädchen, die auf ihre eigene Hand den Wanderstab ergriffen, um in der neuen Welt ihr Glück zu machen.“ Die Unterbringung war so beengt, dass Arends die Menschen bedauerte, die nicht wie er und seine Familie eine Kajüte bewohnten; für die vielen Menschen im Zwischendeck war es „vollends widrig bei Seekrankheit“. Arends berichtet weiter: „Die Frauen der Passagiere kochten wechselweise. Die Lebensmittel waren in hinlänglicher Quantität vorhanden und von recht guter Qualität.“ Diese Schiffsreise endete aber doch glücklich, man erreichte New Orleans und schließlich St. Louis am Mississippi mit dem Flussdampfer.

Friedrich Arends, „Schilderung des Mississippithales“, Emden 1838

Auf den Seglern diente das Zwischendeck auf der Fahrt von Amerika nach Europa vor allem dem Import von Kolonialwaren, von Baumwolle und Tabak, auch von anderen Waren aus der Neuen Welt. Es war für die Reeder wirtschaftlich interessant, in der umgekehrten Richtung Auswanderer im Zwischendeck unterzubringen, so eng und dunkel es da auch sein mochte, und zwar so viele wie nur irgend möglich. Wurde die kalkulierte Reisezeit von rund 45 Tagen eingehalten, konnte der Proviant reichen. Das war aber bei schwierigen Wetterlagen und Stürmen auf dem Atlantik nicht selten

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ganz anders, sodass Hunger und Seuchen den Menschen im engen Zwischendeck schwer zusetzen konnten. Es war auch keineswegs selbstverständlich, dass Proviant gestellt wurde. Vielfach mussten sich die Zwischendeckspassagiere selbst versorgen und hatten deshalb neben anderer Ausrüstung wie Strohsack und Bettzeug auch einen Kochtopf und Vorräte mit an Bord zu bringen. Angesichts zu weniger Kochplätze für so viele entstand in der Schiffsküche oft Streit. Auch wenn ungefähr ab 1850 von den Reedereien Dampfschiffe eingesetzt wurden und die Bestimmungen für die Schiffsreise strenger wurden, nutzten dennoch bis in die 1870er Jahre weiterhin viele ärmere Auswanderer die Segler: Die Passage war nur ungefähr halb so teuer. Immerhin erreichten die Dampfschiffe die ersehnten Ziele meistens in nur gut acht Tagen; es ging im Zwischendeck auch weiterhin sehr eng zu, weil sich nun auf den größeren Schiffen bis zu 800 Passagiere den knappen Platz teilen mussten. Im Amtsblatt für die Provinz Ostfriesland vom 28. August 1852, das in Aurich als dem Sitz der Königlich-Hannoverschen Landdrostei erschien, wurde unter Bekanntmachungen mitgeteilt: „Dem Kaufmann J.J. Reese in Emden ist die Erlaubnis zur Übernahme einer Agentur des als Expedienten zur Beförderung von Schiffspassagieren nach überseeischen Häfen concessionierten Schiffsmaklers Fr. W. Bödeker jun. zu Bremen ertheilt.“ Desweiteren wurden „dem Kaufmannsgehilfen H. Wiemann in Leer, dem Kaufmann W.B. Rodenbäck in Esens sowie dem Handlungs-Agenten H.A.L. Bley in Emden die Erlaubnis zur Übernahme einer Agentur des als Expedienten zur Beförderungen von Schiffspassagieren nach überseeischen Häfen concessionierten Handlungshauses F.J. Wichelhausen & Comp. in Bremen ertheilt.“ Das Auswanderungsgeschäft war zu diesem Zeitpunkt also bereits weit besser geordnet als in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, die Anlaufstellen für Interessierte gut erreichbar, in den größeren Städten ohnehin, aber zunehmend auch im ländlichen Bereich. Die Passagen wurden in der Regel von Agentenuren vermittelt, die auch mal ganze Zwischendecks buchten und dann die Plätze mit gebührendem Aufschlag weiterverkauften. Dass diese Agenturen nun von Amts wegen lizensiert und kontrolliert wurden, deutet auf sehr schwierige Umstände hin, denen die Auswanderer zuvor ausgesetzt gewesen waren, so dass die Obrigkeit sich zum Eingreifen genötigt sah. In Bremen, ab 1830 auch im neugegründeten Bremerhaven, ebenso in Hamburg etablierte sich eine regelrechte Auswan-

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dererindustrie; Reeder, Makler, Agenturen arbeiteten profitabel zusammen und die großen Auswandererhäuser, die in den Hafenstädten errichtet wurden, boten den wartenden Reisenden mindestens eine Unterkunft, waren aber für die Städte auch ein Wirtschaftsfaktor. In einer Anzeige von 1868, in der für die Reise mit Bremer Schiffen geworben wird, warb eine der einschlägigen Agenturen denn auch mit folgendem Versprechen: „Auf prompte Beförderung und gute reichliche Beköstigung ist unter allen Umständen zu rechnen ...“ Beide Hansestädte hatten ungefähr ab 1850 umfängliche Bestimmungen auch für die Beförderung von Zwischendeckpassagieren erlassen. Der Norddeutsche Lloyd trat nun als Reederei auf den Plan und allmählich wurden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch die Passagen auf den Dampfschiffen für Auswanderer günstiger, vor allem bedingt durch den Wettbewerb der Reedereien untereinander.

Anzeige des NorddeutschenLloyd — 1860er Jahre

In Emden kam man allerdings nicht so recht dazwischen, was die Beförderung der Auswanderer betraf; die Firma. Brons bereederte zwar einige Auswandererschiffe, aber man gab das Ganze nach einigen Jahren wieder auf, weil es sich denn doch nicht lohnte. Einen weiteren Versuch unternahm auch die ‚Frisia‘, gegründet 1856 in Leer als ‚Auswanderungsgesellschaft‘ gegründet. Im Prospekt dieser Gesellschaft, verfasst mit dem Ziel, Investoren zu gewinnen, findet sich dazu auch eine klare Aussage: „Dass das Auswanderungsgeschäft an sich ein, direct wie indirect, höchst profitables sei, darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren, vielmehr nur hinzuweisen auf den großartigen Aufschwung, den Bremen namentlich diesem Geschäft verdankt. Gelingt es also, auch nur einen kleinen Teil der deutschen Auswanderung über hier zu lenken, so müssen der zu bildenden Gesellschaft wie nicht minder der Stadt und deren Bewohnern erhebliche Vorteile daraus erwachsen. An der Möglichkeit oder vielmehr Wahrscheinlichkeit des Gelingens können wir nicht zweifeln ….“


Aber auch der ‚Frisia‘ war kein langes Leben, schon gar kein gedeihliches, beschieden. Die Krummhörner Auswanderer hatten, vermittelt durch die Agenten an so vielen Orten, Bremen und Bremerhaven in erreichbarer Nähe, vor allem, als ab 1869 endlich auch eine Eisenbahn aus Ostfriesland bis nach Bremen führte. Und so fanden sich in der Zeitung denn regelmäßig Anzeigen für Auktionen von Hausrat, Möbeln, Kleidung, Handwerkszeug, Vieh, Heu, Ackergerät, auch Düngerhaufen und ‚was sonst zum Vorschein kommen möge‘. Auf diese Weise konnte eine Familie, obwohl sie nicht von vornherein über entsprechende Geldmittel verfügte, darauf hoffen, die Überfahrt zu finanzieren. Kinder kosteten die Hälfte, Säuglinge noch weniger. Langte es irgendwie doch für die Überfahrt, mochte man getrost sein, auch bald Arbeit zu finden, auch wenn es oft ein harter Anfang war und Rückschläge nicht ausblieben.

Erster Eindruck von Amerika Karin Schulz, Hoffnung Amerika, Bremerhaven 1994

Die Krummhörner zog es dann natürlich am ehesten dahin, wo schon Landsleute waren und sie vor allem als ‚farmhands‘ erstmal unterzukommen vermochten. Wer gar nicht zahlen konnte und auch vorab keine Abmachung hatte, war dennoch in der Lage auszuwandern, und zwar auf Grundlage des Redemptioner-Systems, was nichts anderes bedeutete, als dass der Passagier sozusagen einen Kredit auf seine Arbeitskraft aufnahm und diesen als ‚Kontraktknecht‘ später durch Arbeit zurückzahlte. So konnte der Mittellose zwar reisen, musste aber nach der Ankunft in den USA beim Kapitän von einem Dienstherrn ausgelöst werden, für den er dann ohne Bezahlung, nur für Kost und Logis, zu arbeiten hatte, oft mehrere Jahre.

Allerdings warnte die Königlich-Hannoversche Landdrostei in Aurich im April 1866 mit einer Mitteilung ,an die Obrigkeiten der Provinz‘ – gemeint war Ostfriesland – ganz ausdrücklich „vor den Gefahren, welchen sich die nach den nordamerikanischen Freistaaten Auswandernden dadurch aussetzen, dass sie ohne genügende Kenntnis der Verhältnisse und ohne auch nur wegen der Beförderungskosten und einer genügenden Nahrung gesichert zu sein, längere Zeit laufende Contracte wegen des Arbeitens in den Baumwollfeldern der nordamerikanischen Südstaaten abschließen. Nach Mitteilung der ‚Neuen Hannoverschen Zeitung‘ … benutzen namentlich Speculanten in den nördlichen Staaten Nordamerikas die Unerfahrenheit deutscher Einwanderer, um den Ausfall der Sclavenarbeit durch deutsche Einwanderer in einer für diese höchst nachtheiligen Weise zu decken. Wir veranlassen deshalb in höherem Auftrag die Obrigkeiten, den in ihrem Bezirk befindlichen Agenturen …. jede Mitwirkung beim Abschluss von Contracten, durch welche die Auswanderer für die Arbeit in den südstaatlichen Baumwollfeldern offen oder verdeckt angeworben werden, bei Meldung der sofortigen Concessionsentziehung in Unserem Namen zu untersagen,“ nachzulesen im Amtsblatt. Die Obrigkeit wirkte eben auf vielerlei Weise mit bei allem, was Auswanderung und Auswanderer betraf, sei es die Überprüfung, ob ein junger Mann den allfälligen Militärdienst abgeleistet hatte, sei es die Unterstützung der Städte und Gemeinden bei der Überstellung nach Amerika von entlassenen Strafgefangenen oder Insassen von Armenhäusern, denen man Passage, Handgeld und auch die notwendige Ausstattung mit Kleidung und anderem Bedarf zur Verfügung stellte. So konnte und sollte sichergestellt werden, dass sie zukünftig der Heimatgemeinde in keiner Weise mehr zur Last fallen würden; zurückzukehren war dabei nicht vorgesehen. Eine Kontrolle darüber, dass die betreffenden Personen auch tatsächlich ausreisten, war im Rahmen der Amtshilfe durch das ebenfalls hannoversche Amt Lehe, bei Bremerhaven gelegen, zu leisten. Allerdings erging nicht lange danach die Mitteilung an die Obrigkeiten in der Provinz, das Amt Lehe sähe sich wegen erheblicher Überlastung auf mehr als ein Jahr im voraus nicht mehr in der Lage, solche Aufgaben zu übernehmen.

Es dauerte dann noch einige Jahrzehnte, bis die USA begannen, die Einwandernden zu kontrollieren und nicht erwünschte Personen abzuweisen. Auf einer New York vorgelagerten Insel – Ellis

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Island – wurde 1892 eine Sammelstelle eingerichtet, durch die alle Ankommenden durchgeschleust wurden, bis zu 12.000 am Tag. War dann der Weg erst mal frei, galt es gerade für die Krummhörner Einwanderer oft möglichst schnell dahin zu kommen, wo schon Landsleute waren. Illinois war einer der Zaubernamen, viele zog es dahin. „Des guten Bodens hat der Staat im Vergleich mehr als andere, und darunter vieles der besten Art,“ stellte Friedrich Arends mit Kennerblick fest, „der Boden ist 20 bis 25 Fuß tief aus Thon oder Lehm bestehend … und von höchster Fruchtbarkeit.“ Das galt für das Land an den Flussufern, aber auch die Prärie lobte Arends. „Die gute Erde geht durchgängig beträchtlich tief …“ Der richtige Boden für den Maisanbau, das lernten auch die neuen Farmer schnell, und der Mais, das corn, wurde zur wichtigsten Lebensgrundlage der Farmer im Corn Belt. “Das Land ist hier so gut wie das beste Kleiland in Ostfriesland,“ schrieb einer der ostfriesischen Einwanderer 1846 aus Illinois an seine Eltern und Geschwister und schlug ihnen vor, doch auch nach Illinois zu kommen. „Wenn Euch jemand das Geld vorstrecken will, um zu uns zu kommen, so wollen wir das Geld wieder gleich für Euch zurückzahlen!“ Dieser Brief wurde 1912 in den ‚Ostfriesischen Nachrichten‘ von einem der Nachfahren der Familie veröffentlicht, so George Schnücker in seinem Band „Die Ostfriesen in Amerika“, Cleveland 1917. „Es war hier noch lange recht heiß und trocken. Aber der Haferertrag war gut und auch das Maiskorn verspricht eine sehr gute Ernte. Wer dann noch nicht zufrieden ist, dem ist nicht zu helfen,“ so heißt es auch im Oktober 1947 aus Freeport, Illinois, nachzulesen in der Ostfriesen Zeitung aus Breda. Aus manch einem Brief, der die alte Heimat erreichte, sprach denn auch schon im 19. Jahrhundert unverkennbar Zufriedenheit: „Wir haben ein gutes Haus mit zwei Stuben, eine gute Kuh, ein Kalb, vier Schweine, einen Hund und zwei Katzen. Reich sind wir noch nicht, zu essen haben wir genug und sind ziemlich zufrieden. Reich werden wir erst in zwei drei Jahren, wenn wir genug Land haben… das geht eins zwei drei.“ Noch mehr Land, das war plötzlich möglich, das ‚Iowa-Fieber‘ brach aus! Iowa grenzt im Osten an Illinois und von dort aus zogen viele Siedler weiter, als die Regierung das neue Land freigab, viel Land und billig zu erwerbendes Land, Land, das wenige Jahrzehnte zuvor noch der Lebensraum von Indianern – vor allem der Sauk – gewesen war. 1837 hatten die Sauk zunächst Land in Illinois abtreten müssen, 1832 einen Teil von Iowa und 1842

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schließlich das gesamte noch verbliebene Gebiet dieses jungen Staates. Und dann gab es für viele kein Halten mehr! Auch wenn sie schon in Illinois oder anderswo erste Wurzeln geschlagen hatten, mehr Land, gutes Land, das war das heiß ersehnte Ziel. Besonders viele Ostfriesen, darunter auch eine ganze Anzahl von Krummhörnern, siedelten im Grundy County in Iowa, 1851 gegründet und zunächst als Black Hawk-County bezeichnet. Häuptling Black Hawk hatte in den Auseinandersetzungen um die Landnahme eine wichtige Rolle gespielt. Grundy County ist nun Partnerregion der Krummhörn, man besucht sich hin und her, es gibt einen regelmäßigen Schüleraustausch, die Verbindungen bleiben lebendig.

Die Karte von Iowa, 1846 als Staat gegründet, mit Grundy County

Das Musical „Achter de Sünn an,“ entstanden und uraufgeführt in der Krummhörn, anschließend sozusagen als Exportgut auch in Iowa gespielt, erzählt von dieser Sehnsucht, die immer weiter nach Westen führte. Im ‚Spiegel‘ vom 8. Mai 1995 war dazu zu lesen: "Achter de Sünn an", zu hochdeutsch: Hinter der Sonne her, heißt das plattdeutsche Musical, mit dem 134 Ostfriesen im Herbst in den USA auf Tournee gehen. Die Darsteller, allesamt Laien, stammen aus den Dörfern der abgeschiedenen Gemeinde Krummhörn. Das sonnige Singspiel behandelt die Auswanderung der rund 95 000 Ostfriesen, die sich im vorigen Jahrhundert in Iowa und Illinois ansiedelten. Organisiert wird die Tournee von dem Emder Musikpädagogen Hans-Jürgen Tabel. Verständigungsschwierigkeiten befürchtet er nicht: "In manchen Dörfern in Iowa stammen bis zu 80 Prozent der Einwohner von Ostfriesen ab." Getestet wird das Ostfriesical allerdings vor heimischem Publikum vom 16. Juni an in Pilsum bei Emden.“ So weit der ‚Spiegel‘ und bei Wikipedia liest sich das auf Plattdeutsch so: „Achter de Sünn an is en plattdüütsch Musical. Toeerst opföhrt worrn is dat Stück 1994 un 1995 in


de Clüversche Gulfschüün in Pilsm. In’n Harvst 1995 sünd se denn mit dat Stück un en Trupp von 134 Lüüd ok na Amerika gahn un hebbt dor en Reeg Vörstellungen hatt.“ Das war ein großes Ereignis: Sich erinnern an gemeinsame Vorfahren, sich erinnern an ein Stück gemeinsamer Geschichte, sich erinnern an gemeinsame Hoffnungen der Ausgewanderten und der daheimgebliebenen Familienangehörigen, die ihnen verbunden blieben. Im Text des Musicals klingt das so:

Iowa; auch wenn die Fläche von Grundy County davon gerade mal knapp ein Prozent ausmachte – ganz Ostfriesland war nur knapp zweieinhalb mal größer als dieses eine County! Was Wunder, dass immer neue Einwanderer kamen, aus der Krummhörn, aus Ostfriesland, aus ganz Europa. Dirk Aden, Mitarbeiter bei der schon zitierten amerikanischen Ostfriesenzeitung, schrieb 1911 nach einer Reise durch Iowa über die Anfänge der Besiedelung durch die Ostfriesen und andere: „Das Land, wo sie nach weiter Fahrt sich niedergelassen hatten, war ja eben erst von den Rothäuten und Büffeln verlassen worden, es lag noch unberührt, ja kaum verbunden mit der Kultur, weit, weithin als endlose Prärie sich in der Ferne verlierend, ohne Weg und Steg und Grenze, und in der Nacht umschlichen noch heulende Präriewölfe die einsamen Blockhütten nach Beute… nur Arbeit fand Anerkennung.“ „Westwärts, gen Sonnenuntergang, wälzt sich der Strom der Menschheit,“ schrieb Pastor George Schnücker 1917 in seiner Chronik über „Die Ostfriesen in Amerika“ und ordnete die große Wanderung über den amerikanischen Kontinent sozusagen menschheitsgeschichtlich ein. Dann kam sein Bericht aber wieder zurück auf das unmittelbare Geschehen: „Selbst in Amerika ging der Zug der Weißen stets der untergehenden Sonne entgegen, bis sie, die roten Ureinwohner gewaltsam zurückdrängend, mit Pulver und Blei, mit Axt und Pflugschar, mit Dampf, Maschinen und ihrem Geisteskönnen das Land kultiviert und sich eine neue, schöne, starke Heimat geschaffen hatten.“

Einer der Nachfahren der Einwanderer schrieb anlässlich der Aufführung des Musicals in einem Brief an die Krummhörner Gäste unter anderem folgendes: „In the year 1873, my ancestors purchased land from the founder of Wellsburg, George Wells, an 80 acre farm for $ 12 per acre. There was also land that could be acquired free for the claiming, in other parts of the country. …“ Das war überhaupt der größte Anreiz, einen Claim abstecken, bis zu 160 acre ging das, und man musste sich verpflichten, das Land zu bearbeiten, gegebenenfalls auch zu roden von Buschwerk und Bäumen. Wenn man fünf Jahre durchhielt, dann gehörte einem schließlich das Land, umgerechnet gut 64 Hektar, vorausgesetzt man war Bürger der Vereinigten Staaten oder hatte die Absicht erklärt, eingebürgert zu werden. Und es gab viel Land in

George Washington, erster Präsident der jungen Vereinigten Staaten, schrieb 1785 in einem Brief nach Europa: “Die Folge ist, mit Hilfe Frankreichs und vieler tugendhafter Bürger Amerikas, eine Revolution, die von Bedeutung sein kann für die Freiheiten der Menschheit und die Entwicklung eines Landes, das (wenn wir klug sind, den Pfaden zu folgen, die zu Tugend und Vaterlandsliebe führen) den Unterdrückten und Notdürftigen auf Erden Asyl bieten kann. Unser Gebiet erstreckt sich weit. Unsere Ebenen sind produktiv und wenn sie großzügig und klug kultiviert werden, können wir uns glücklich schätzen und dies alles teilen mit jenen, die daran teilhaben wollen…“ Genau das wollten die Krummhörner Einwanderer, die vielen Ostfriesen, auch wenn sie diesen Brief Washingtons schwerlich gekannt haben werden, denn er war Teil eines privaten Briefwechsels, nachzulesen bei Geert Mak, Die vielen Leben des Jan Six, München 2016.

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Einer, der schnell verstand, wie man in diesem neuen Land Amerika zu ’Riekdom‘, zu Reichtum, gelangen könne, kam aus der Krummhörn, genauer aus Hamswehrum; George Schnücker erzählt die Geschichte so: „Im Revolutionsjahr 1848 … schloss sich Theis Smidt einer Anzahl junger Ostfriesen an und kam mit ihnen nach St. Louis … Hier fand er lohnende Beschäftigung.“ Es sagte Theis Smidt alles so sehr zu, dass er seinen Vater und die ganze Familie bat, doch auch zu kommen, was diese – Conrad Smidt mit Frau und sechs weiteren Kindern – auch tat. „Da die Männer geschickte Schmiede und Stellmacher waren, widmeten sie sich diesen Handwerken.“ In Pekin, Illinois, „eröffneten sie eine bescheidene Werkstatt, die dazu bestimmt war, im Verlaufe der Jahre sich zu einer der größten Wagen- und Pflugfabriken des mittleren Westens zu entwickeln und in welcher nachher hunderten von eingewanderten Ostfriesen die Gelegenheit geboten wurde, ihr erstes amerikanisches Geld zu verdienen.“

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stützung bot, in dem neuen Land Fuß fassen zu können! Er war – so wird berichtet – sogar persönlich in der Krummhörn, um zum Auswandern und zur Arbeit in seinen Fabriken zu ermuntern – mit Erfolg! Als Theis Smidt früh starb, entschied sich seine Witwe, das Unternehmen an John Deere zu veräußern, auch er ein Pionier auf dem Gebiet der Landmaschinenentwicklung und -herstellung und in lllinois ansässig.

Denn als die Anzahl der Aufträge mehr und mehr zunahm, „gedachte Theis an seine Hamswehrumer Landsleute. Hätte er nur eine Anzahl von ihnen, dann sollten diese Yankees einmal sehen, was Ostfriesenfleiß bewerkstelligen könnte… Er schrieb an die Bekannten in Hamswehrum, Groothusen, Upleward, Manslagt und sonstwo. Sie kamen. Den Unbemittelten streckte er das Reisegeld vor, das sie hier wieder abverdienten. Er stellte die neuen Ankömmlinge in der Regel zunächst in der immer größer werdenden Fabrik an. Nachdem sie sich aber etwas verdient hatten, versah er sie mit den nötigen landwirtschaftlichen Gerätschaften, verhalf ihnen zu einem Stück Land, das sie zunächst pachteten und später käuflich erwarben und war überhaupt in fast allen Dingen ihr Berater und Helfer… Fast jeder Ansiedler pries Theis Smidt als seinen Heiligen und Schutzpatron. Ob jedoch seine Interessen an ihnen gänzlich aus selbstlosen Gründen herrührten, wird von manchen in Zweifel gezogen. Diese weisen darauf hin, dass er durch die Herüberziehung immer neuer Einwanderer stets billige Arbeitskräfte für die Fabrik bekam, dass er durch deren Ansiedlung in der Prärie ein sich stetig erweiterndes Absatzgebiet für die Produkte seiner Werkstätten schuf, und dass er sie durch seine Beihilfe verpflichtete, ihre Geldgeschäfte durch seiner später gegründete Bank besorgen zu lassen.“

Einen ganz anderen Weg ging ein Junge aus Loquard, der seine Geschichte so erzählt: „Geboren am 24. Juli 1888 in Loquard, eine Stunde Fußweg nordwestlich von Emden entfernt, Ostfriesland, Norddeutschland. Vater ein Tagelöhner. Kam mit sechs in die Schule, durchlief alle Klassen. Amerika stand mir immer vor Augen. Wir sahen einige dorthin auswandern. Im vierzehnten Jahr meines Lebens kam ein Brief von dort, der uns sehr stark drängte, dorthin zu kommen und wegen des fortgeschrittenen Alters meines Vaters dies als die letzte Gelegenheit dafür ansah. Vater war unentschlossen. Ich erinnere mich, wie ich Vater dringend bat zu gehen, für meine eigene Zukunft. Meine Schulzeit war sehr glücklich gewesen, aber mein Ideal, mein Ruf, drängte mich vorwärts und ich spürte die Unmöglichkeit, dies im Vaterlande zu realisieren und ich sah Amerika mich locken mit dem Versprechen auf Erfüllung. Mein Drängen überzeugte meinen Vater und so gingen wir, wohl wissend, dass wir die alten Orte niemals wiedersehen würden, aber wir waren auf dem Weg ins Paradies. Am dritten Tag nach unserer Ankunft folgte ich einem Mann auf die Farm. An das Dorfleben gewöhnt fühlte ich mich hier manchmal einsam, umso mehr, als ich selten in Kontakt mit anderen kam, höchstens mal am Sonntag. Ich kann mich nicht erinnern, mehr als ein Dutzend englische Worte gelernt zu haben in diesem Sommer. Aber im ersten Winter ging ich ein wenig zur Schule und hatte daran Freude. Ein bisschen mehr Amerikanisches durchdrang mich die folgenden zwei Jahre, als ich Lohnarbeiter auf einer anderen Farm war. Dort wurden englische Zeitungen gelesen. Die neuen Postverbindungen waren gerade eröffnet worden. Ich erinnere mich, dass der amtliche Wetterbericht jeden Tag mit der Post kam. Im Winter ging ich wieder mehr zur Schule. Der Lesestoff gefiel mir und ich machte solche Fortschritte, dass ich Carpenter’s Geographical Reader mit Vergnügen lesen konnte …“

Ein Geschäftsmodell, das Theis Smidt und seine Familie zu reichen Amerikanern machte, aber zugleich vielen die für sie überlebenswichtige Unter-

Und dann ging John Saathoof seinen Weg, mehr Schule, Universität, Princeton Theological Seminary, Erlangung eines Doktortitels, Tätigkeit in


verschiedenen kirchlichen Ämtern, wobei ihm besonders seine Zweisprachigkeit zugutekam. Als er viele Jahre später noch einmal das ‚Fatherland‘ besuchte, sich an die Kindheit dort erinnert, spürte er doch zugleich bewusster als je zuvor, dass er ‚zu Amerika gehört.‘ Es handelt sich dabei um Dr. John Saathoof; dessen Biografie ist nachzulesen in seiner Studie „The Ostfriesians in Amerika“, veröffentlicht als online-Publikation durch die Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft, Aurich.

many.“ „Der Vater der vielleicht berühmtesten Zeichentrickfigur, Micky Maus, ist Walt Disney. Das weiß doch jedes Kind - und jeder Erwachsene auch. Stopp! Irrtum! Walt Disney, der mit Micky, Donald & Co. sagenhaft berühmt wurde, hat sich am Anfang seiner Laufbahn nämlich fremde Federn angesteckt. Denn tatsächlich war es der heute weitgehend unbekannte Zeichner Ub Iwerks, der die freche Maus aufs Papier und damit in die Kinderzimmer der Welt brachte,“ so heißt es auf wissen.de. „The Hand Behind the Mouse: The Ub Iwerks Story“ lautet eine Überschrift auf der Seite von Duckipädia Disney Enzyklopädie, allerdings gibt es dort noch keinen Text zur ‚Hand hinter der Maus‘. Stoff genug gibt es für diese Geschichte, auch von Walt Disney selber. 2008 heißt es in einer anderen Memorial-Eintragung: „Ub Iwerks war bei Disney bekannt für seine genialen Animationen, seine technischen Hexereien und seinen ungewöhnlichen Namen.”

Princeton Theological Seminary, Princeton, New Jersey

Und dann eine wiederum ganz andere Geschichte: 1869 wanderte Eert Ubben Iwwerks, gerade mal vierzehn Jahre alt, nach Amerika aus, einer aus einer Schar von sieben Geschwistern, Vater Arbeiter in Uttum, Großvater Böttcher und Fassmacher. In Missouri, genauer Kansas City, heiratete Eert Ubben Iwwerks später Laura May Wagner, eine Niederländerin, sie war seine dritte Frau. Er arbeitete als Friseur; 1901 wurde der Sohn Ubbe Eert Iwwerks geboren. Der 1. Weltkrieg war gerade vorbei, da lernten sich Ubbe und Walt in Kansas City kennen, beide probierten, beruflich Fuß zu fassen, sie begannen als Werbezeichner, waren Kollegen, angestellt bei der Agentur Pesmen und Rubin, und zeichneten: Hennen, die auf Nestern voller Eier saßen, Rinder, die begeistert an Salzblöcken leckten, Farmer, die stolz ihre moderne Farmausstattung herzeigten. Die beiden wollten aber mehr, gingen nach Los Angeles und starteten ihre Karriere als IwerksDisney, einen ‚little commercial art shop‘, wie Walt das Vorhaben nannte. Ub Iwerks starb 1971 in Los Angeles; auf der Memorialseite des Forest Lawn Memorial Parks, wo er begraben wurde, findet sich 2010 folgende Eintragung: „He changed the world of cartoons for ever. His last name is of East Frisian origin in Ger-

Ub Iwerks, der East Frisian in Hollywood Foto http://www.duckipedia.de/Datei:Ubbe.jpg

´ Im Februar 1929 waren Walt Disney und sein New Yorker Vertriebsbüro außerordentlich zufrieden mit Ubs Animation der Mickey Mouse Cartoons, wozu Walt Disney einen Brief an seine Frau Lily schrieb: „Jedermann lobt hier seine Kunst und macht Späße über seinen witzigen Namen. Die Eigenartigkeit von Ubs Namen ist ein Gewinn – er bringt die Leute dazu, zweimal hinzuschauen, wenn sie ihn lesen. Sag Ub, dass die Trickzeichner hier ihren Hut vor ihm ziehen…“ Als solch ein Trickzeichner arbeitete Ub in Rekordgeschwindigkeit. Er zeichnete den ersten Mickey Mouse-Stummfilm ‚Plane Crazy‘ ganz alleine innerhalb von drei Wochen und schaffte bis zu 700 Zeichnungen am Tag. (Heute macht ein normaler Trickfilmzeichner 80 bis 100 Zeichnungen am Tag.)“

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Aus dieser und vielen anderen Texten auf der Memorial-Seite lässt sich die große Bewunderung und geradezu liebevolle Dankbarkeit ablesen, mit der des East Frisian Ub Iwerks immer noch gedacht wird; er ist keineswegs vergessen, auch wenn Walt Disney den Platz im Rampenlicht für sich beanspruchte und bekam. So viele Menschen aus der Krummhörn, aus ganz Ostfriesland in Amerika, so viele Geschichten sind zu erzählen, Geschichten über Erfolge, über schwere und harte Arbeit, auch über manches gescheiterte Vorhaben. Es ist zu berichten über den Bau von eigenen Kirchen, die ein Stück Heimat boten, über Pastoren, die manches Mal von Ort zu Ort reisten, um zu predigen, zu taufen, zu beerdigen, alles auf Plattdeutsch. Die Geschichten bleiben lebendig durch Kinder und Enkelkinder, die Amerikaner wurden, aber doch noch die Verbindung in die alte Heimat halten wollen, sich mit Begeisterung auf Kirchenbücher stürzen, in denen was zu finden ist über ihre ‚ancestors‘, die Vorfahren aus der Krummhörn. Jürgen Hoogstraat, Von Ostfriesland nach Amerika, Norden 1990

„So sah sie aus, die erste Blockhauskirche der Pioniere. Dieses Blockhaus war die ‚Moederkerk‘ der reformierten und altreformierten Ostfriesengemeinden, die 1851 erbaute erste ostfriesische Kirche in Amerika.“ Ganz praktisch konnten die amerikanischen Krummhörner und all die anderen Ostfriesen ihrer Heimatverbundenheit in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg durch Pakete Ausdruck verleihen. Dass ein solches Paket die allergrößte Freude auslöste, ist nur allzu gut nachvollziehbar; zwei Pfund Tee – ein Vermögen und ein echtes Überlebensmittel in der Krummhörn, als es Tee nur in kleinen Rationen und auf Marken gab! In der Ostfriesen Zeitung vom 1. Oktober 1948 sind über vier volle Spalten Namen aufgezählt, Namen von Teilnehmern am großen Ostfriesenfest

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in Manson. Dabei ließen sich längst nicht alle n registrieren; einige wollten „mit de dumme Schrieveree nicks to dohn hebben“ und noch andere ließen sich nicht registrieren, „da sie dadurch im letzten Jahr monatelang eine Flut von Bettelbriefen erhalten hätten.“

Die Registrierung umfasste immer den Namen, den amerikanischen Wohnort und den Heimatort: Frau Meta Meyer geb. Ohling, Wellsburg, von Loquard …Ubbo Weets und Frau, Pipestone, von Loquard …Jan A. Smidt, Forest City, von Upleward .…Jan Lüpkes und Frau, Rock Rapids, von Pilsum …Frau Ulfert Dirksen, Parkersburg, von Hamswehrum …Ulfert Dirksen, Parkersburg, von Greetsiel …Und so ging es Spalte um Spalte; man kann sich richtig vorstellen, wie die Leser hüben und drüben mit dem Finger über die Zeilen wanderten und immer mal wieder sagten: „Kiek, de sien Vader hebb ich noch kennt, de seet tegen mi in’t Bank in uns‘ Dörpschool!“ Oder: „Dat is de Vedder von uns‘ Moeder!“ Oder: „Dat wuss ick gor nich, dat de noch leevt!“ Dabei war es durchaus fraglich gewesen, ob man das Ostfriesenfest tatsächlich auf die Beine stellen könne, aber als es mit einer Notiz in der Zeitung schon als so gut wie abgesagt galt, war was los! Das hörte sich dann als Echo aus der Redaktion am 1. August 1948 so an: „Kinnerminschen, wat hebbt uns de Ohren klungen! .. Und erst in Manson selbst! Die Storekeepers, die im letzten Jahr alle ‚Kluntjes‘ ausverkauft hatten in ein paar Stunden, hatten sich längst vorgesehen und einen großen Vorrat auf Lager, um alle befriedigen zu können, und nun sitzen sie fest mit all ihren Kluntjes. Hotels und Cabins waren dabei, angesichts des Spürsinns der Ostfriesinnen nach dem geringsten


Schmutz in Hoeken un Hörns alles extra sauber zu machen. Der Restaurantmann, der alle Ostfriesen satt halten wollte an diesen Tagen, hatte die allerbesten Schinken schon zur Hand. Angesichts dieser Lage haben sich dann Freunde zusammengefunden, ein neues Komitee gebildet, und sie sind nun trotz Haferdreschen und heißen Tagen dahinterher, alles zu ordnen und zu bestellen. Sie haben nun Zusagen von mehreren Seiten und wenn alle vereint mithelfen, wird alles leicht gelingen. Mit vereinten Kräften kommt alles zurecht.“ Es wurde ein wunderbares Fest, so viele kamen, so viele feierten ein Wiedersehen, genossen das Reden und Hören in der alten heimatlichen Sprache, den plattdeutschen Gottesdienst, waren sich auch wohl einig darin, wie lang und hart der Weg der Eltern und Großeltern oftmals gewesen war. Und hinterher schrieb Jan aus Titionka, Iowa, in der Zeitung: „All gode Dingn kamt ok to Enn, un so ook de vergnögde Dagen vant Ostfreesenfest. Bi Manson wassen se all mal weer binanner kamen, nich de sück all persönlich kennen dehn, man de all een Sinn haren, een Spraak und een Heimat. Un was dat ook man’n lütjet Land, dat was doch hör Ostfreesland!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Vom Ankommen: „In Ostfreesland is’t am besten …“ Ob man diesen Vers des ostfriesischen Heimatliedes so einfach singen kann, wenn man nicht ‚schon immer‘ da war, also dazukam, wenn man einwanderte in die Krummhörn, weil man sich das aussuchte oder wenn man kam, weil man diese freie Wahl eben gerade nicht hatte? Um diese so unterschiedlichen und ganz persönlichen Gedanken, Erfahrungen und Gefühle des Ankommens in der Krummhörn soll es hier gehen. Karl-Heinz Janßen, Ostfriese von Geburt und mit Herz und Sinn, lange in Hamburg als Journalist tätig, schreibt unter dem Stichwort ‚Ostfriesland – eine große Geschichte‘: „Einst war dieses Land eine der reichsten Regionen Europas … Die Ostfriesen waren etwas Besonderes im Heiligen Römischen Reich teutscher Nation … Nachdem die Ostfriesen die Wikinger endgültig vertrieben hatten, fühlten sie sich hinter den Deichen im Norden und den Mooren im Süden sicher. Die von dort kamen, waren und sind bis heute ‚de Dütsken‘.“ Aber sie kamen doch, die Fremden, im 16. Jahrhundert waren es Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und den damals spanischen Niederlanden, noch nicht mal ‚de Dütsken‘, sondern wahrhaftige ‚Fremdlinge‘. Einer dieser ‚Fremdlinge‘ war Johannes à Lasco, auch um seines reformierten Glaubens willen verfolgt, der sich dann außerordentlich verdient machte um die Neuordnung des ostfriesischen Kirchenwesens und half, der reformierten Kirche Struktur und Festigkeit zu verleihen. Er schrieb um 1542 an seinen Freund und Mitstreiter Albertus Hardenberg in Bremen: „Wir sind hier alle so aufgenommen, da es bei den nächsten Verwandten nicht liebevoller hätte geschehen können. Alle angesehenen Männer des Landes sind so besorgt um die Kirche, dass ich ihren Eifer, ihre Freundlichkeit, ja auch ihre Freigiebigkeit nicht genug preisen kann. Wir sind in ein gemeinsames Vaterland gekommen.“ John Saathoof, dem Jungen aus Loquard, dem wir schon in Amerika begegnet sind, ist der Hinweis auf einen Artikel in den ‚Ostfriesischen Nachrichten‘ zu verdanken, erschienen am 1. Januar 1916 in Breda, Iowa. Saathoof fasst den Artikel so zusammen: „Die Amerikaner sind besonders stolz auf ihre Freiheit und auf die Tatsache, dass Amerika in der ganzen Welt als Zuflucht der Verfolgten und Unterdrückten bekannt ist. Woher stammt diese Idee? In den amerikanischen Lehrbüchern

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steht, dass sie aus England kam. Tatsächlich hat sie einen friesischen Ursprung. England verhielt sich gegenüber denen, die sich unterschieden, genauso intolerant wie andere Länder. Die Puritaner und die Quäker wurden ihres Glaubens wegen aus England vertrieben. Unter denen, die gehen mussten, war William Penn. Er ging zuerst nach Frankreich, dann nach Holland und kam schließlich in die Stadt Emden nach Ostfriesland. Emden war zu der Zeit ein Hafen für Verfolgte um ihres Glaubens willen. Einige hundert kamen aus England, hatten ihre eigene Gemeinde, in der das Evangelium in Englisch gepredigt wurde. Andere kamen aus Frankreich und besonders aus Holland, wo sie von dem spanischen König Phillip II. verfolgt wurden. Es wird erzählt, dass William Penn zusammen mit einigen führenden Emder Bürgern am Stadttor stand, um sie zu begrüßen. Und es war hier auf ostfriesischer Erde, dass er den Plan fasste, ein Land zu suchen, das allen Freiheit und Schutz bieten könne.“ Penn ging schließlich mit seinen Glaubensbrüdern nach Pennsylvania, nach Amerika. „Der erste Satz der Verfassung dieser Kolonie besagte auch, dass niemand wegen seines Glaubens Schaden leiden solle. Dies schrieb Penn auf ostfriesischer Erde nieder.“ (Übersetzung Verf.) Man hört heraus, wie sehr Saathoof diese Überlieferung zu schätzen wusste. Auch wenn die Geschichte Penns und die der Quäker an anderer Stelle etwas unterschiedlich und manchmal auch weniger begeistert erzählt wird, ist es doch bezeichnend, welchen großen Wert amerikanische Ostfriesen 1916 darauf legten, dass Penn diesen grundlegenden Gedanken der Glaubensfreiheit auf ‚ostfriesischer Erde’ aufgezeichnet habe. Hätte John Saathoof die Geschichte sonst so wiedergegeben? Manche der anderorts Verfolgten blieben in der Stadt, hatten ihre eigenen Gemeinden mit Predigten in französischer und niederländischer Sprache in Emden, prägten gerade im reformierten Westen Ostfrieslands die Entwicklung der Kirche wesentlich mit. Glaubensflüchtlinge kamen auch in der Krummhörn an, so ist in Pilsum Johann Michael Knottnerus als reformierter Pastor verzeichnet. Knottnerus war 1617 in Hagenhausen in der Oberpfalz als Sohn des Predicanten Hans Knöttner geboren worden, der seinerseits wegen seines reformierten Glaubens schon aus Eger in Böhmen hatte fliehen müssen. Doch auch in der Oberpfalz konnte die große Familie nicht bleiben. 1620 – nach der ersten großen Schlacht des Dreißigjährigen Krieges am Weißen Berge bei Prag – fiel die

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Oberpfalz an die siegreichen Habsburger zurück. Sie vertrieben die Reformierten, zumal deren Geistliche. Johann Knöttner, nun mit latinisiertem Namen Knottnerus, war gerade mal vierzig Jahre alt, als er sich mit der großen Familie auf die Flucht begeben musste. Der mittlere Sohn Johann Michael gelangte nach Groningen, studierte dort als Flüchtling auf Kosten der Provinz Theologie, wurde dann zunächst für einige Jahre Pastor in Pilsum, anschließend in Greetsiel, wo auch heute noch seine Grabplatte in der Kirche zu finden ist. In späteren Jahrzehnten wirkten seine Nachfahren als Prediger in Krummhörner Gemeinden, so Johannes Knottnerus in Campen und dann in Uttum, dort 1783 verstorben. Sein Sohn Johannes, 1763 in Campen geboren, 1835 in Aurich verstorben, war reformierter Pastor unter anderem 1798 in Cirkwehrum, 1798 bis 1808 in Lütetsburg und schließlich von 1808 bis 1835 in Hinte; Spuren der Nachfahren des Glaubensflüchtling Hans Knottnerus finden sich in vielen Kirchengemeinden der Krummhörn und andernorts. 1872 verheiratete sich eine Tochter des Borkumer Pastoren Wesselius Brons Knottnerus mit einem Canumer Landwirt; nach dem Tod der Mutter wanderte der Vater mit seinen Kindern nach Amerika aus, wo sich zwei von ihnen in Iowa, Grundy County, verheirateten, wiederum mit Kindern von Krummhörnern. Mehr als dreihundert Jahre später kamen wieder ‚Dütske‘, erst 1945 Flüchtlinge, dann in den folgenden Jahren Vertriebene vor allem aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern und suchten Schutz. KarlHeinz Janßen nennt das „die große Völkerwanderung aus den Ostprovinzen und dem östlichen Mitteleuropa.“ Und in der Ostfriesen Zeitung in Breda stand am 1. August 1949, was es aus Westerhu– sen von dort hatte jemand den Bericht geschickt, über die Flüchtlingssituation zu sagen gab: „Unser Dorf hat verhältnismäßig die meisten Flüchtlinge. Von 600 Einwohnern hat die Wiege jeder zweiten Person im fernen Land gestanden. Westerhusen wurde aus der beschaulichen Ruhe eines Krummhörner Dorfes herausgerissen, als man damit begann, auf dem Gelände der alten Burg innerhalb der alten Wassergräben Baracken für Hitlers Wehrmacht zu errichten. Seitdem hat das Kommen und Gehen fremder Menschen nicht aufgehalten. Nach dem Krieg wurden in den Baracken erst die Häuptlinge der Hitler-Partei interniert. Als diese entlassen waren, kamen Ostvertriebene und Heimatlose. Man steckte bis zu 200 Menschen und noch mehr hinein, bedauernswerte Leute, die nichts hatten als eine leise Hoffnung auf bessere Zeiten. Die Baracken haben aber nun schon länge-


re Zeit gestanden, sie werden morsch und schadhaft, die Türen schließen nicht mehr und die Dächer haben Löcher. Die Bewohner tun alles Denkbare, sich selbst zu helfen, jedes kleinste Fleckchen Grund und Boden ist bepflanzt, aber was ist das alles unter so vielen!“

Als dieser Bericht in der Ostfriesen Zeitung diesseits und jenseits des Atlantiks gelesen wurde, wird man zwischen den Zeilen auch Bedauern und Mitleid des Schreibenden gespürt haben. 1949 da hatten die Menschen in den Baracken schon den eisigen Winter 1946/47 erlebt, als es zwischen November 1946 und März 1947 so bitterkalt war, dass immer neue Minusrekorde gemessen wurden. Der Sommer 1947 war lang und glutheiß gewesen, auch das wohl schwer zu ertragen in den Baracken in Westerhusen und andernorts in der Krummhörn, in den Nissenhütten in Groß Midlum oder auf Höfen, wo Flüchtlinge und Vertriebene mit schwierigen Umständen fertig werden mussten. Hier in der Krummhörn wie auch anderswo in Ostfriesland waren ‚de Dütsken‘, die nach dem Krieg kamen, verteilt worden von den Behörden, hatten keine große Wahl, mussten erstmal untergebracht werden, manches Mal eben mehr schlecht als recht. Dennoch war ihre Arbeitskraft oftmals durchaus willkommen, es fehlte ja die Kriegsgeneration. Das machte die Bedingungen, zu denen sie arbeiteten, allerdings nicht von vornherein besser. Wie nahmen Menschen einander wahr in dieser ersten Nachkriegszeit? Die Ostfriesische Landschaft hat knapp 50 Jahre nach der großen Flüchtlingswelle den Band „Viele suchten ihre neue Heimat selbst“ des Autors Bernhard Parisius herausgegeben, der die Lebens- und Arbeitssituation der ‚Dütsken‘ in ihrer neuen Umgebung umfänglich erforscht hat. Der Titel des Buches bezieht sich allerdings nicht auf die allererste Zeit des Ankommens, sondern auf spätere Entwicklungen in den späten 40er und frühen 50er Jahren. Parisius hat u.a. ein in der Krummhörn ansässiges Ehepaar befragt zu dessen Erfahrungen mit den `Dütsken‘. Die beiden waren Kinder damals und auch fünfzig Jahre später immer noch beeindruckt: „Es war für uns eine gänzlich neue Welt. Erstmal, dass überhaupt Flüchtlinge da waren; und die Flüchtlinge, die waren auch viel weltoffener, die waren ganz anders als die Ostfriesen.“ Erwachsene sahen das oft nicht so, aber auch das sollte sich ändern. Man lernte einander besser kennen, junge Leute fanden Gefallen aneinander und die ersten Hochzeiten zwischen Einheimi-

schen und Flüchtlingen ließen nicht lange auf sich warten. Die Kinder gingen in dieselbe oft völlig überfüllte Dorfschule. Krummhörner Kinder wunderten sich über das Hochdeutsch der Fremden, die wiederum lernten oft schneller Platt als man es ihnen zugetraut hätte. „Dat scheelde en Bült – das machte viel aus“, so sehen es heute die Kinder von damals. Nicht lange und man konnte an der Sprache die einheimischen nicht von den meisten ‚dütsken‘ Kindern unterscheiden. Im Rückblick nimmt sich das Ankommen und Bleiben in der Krummhörn so aus: Es war kein freiwilliges Kommen und ein freiwilliges Aufnehmen war auch eher die Ausnahme. Das Leben hatte mehr Härten als Hilfen für die Neuen im Dorf. Aber es gab Arbeit auf den Höfen und wer mit anpackte, galt bald was. Wenn das Essen dazugehörte – auch für die Kinder – war das für‘s Überleben fast noch wichtiger als das wenige Geld, das es für die Feldarbeit gab. „West watt, du büst de flietigste Frau hier in’t Dörp!“ Daraus sprach die verdiente Anerkennung für die so Angesprochene, auch wenn für sie das Platt der Krummhörner ungewohnt blieb. Das eigene durch den Heimatdialekt gefärbte Deutsch beibehalten, die vertrauten Lieder weiter singen, die bald auch im Dorf ebenso beliebt waren wie der hier vorher nicht bekannte Mohnkuchen, aber auch ein neues Gefühl des Dazugehörens entdecken, das sich langsam entwickelte und gestärkt wurde durch gemeinsames Arbeiten und Feiern im Dorf mit Osterfeuer, Maibaum und all den anderen Festen, die Lust am Leben behalten trotz aller Beschwernisse – alles das machte doch auch wieder Mut. Und es trug dazu bei, dass die Erinnerung an das, was man hatte aufgeben müssen, allmählich verblasste. Was die Generation der Kinder angeht, die oft gleich mit Platt aufwuchs, war es dann im Dorf klar: „Du hörst daarto!“ Und heute? Die Heimat von früher gibt es nicht mehr; Orte von damals nochmal aufzusuchen, das hat diese Erkenntnis besiegelt: Das Dorf, die Menschen, die vielen Gemeinsamkeiten – zuhause ist jetzt in der Krummhörn. Am 19. September 2015 schrieb die Emder Zeitung: „Pewsum. Vereine, Gruppen und Initiativen in der Krummhörn wollen ihr Engagement für Flüchtlinge in der Gemeinde besser strukturieren und enger zusammenarbeiten. Sie haben sich darum am Mittwochabend zum Aktionsbündnis „Krummhörn helpt“ zusammengeschlossen. Mit diesem Netzwerk sollen nach den Worten von Bürgermeister Frank Baumann (SPD) die Wege für

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Hilfesuchende kurz gehalten und die Hilfe koordiniert werden. „Viele leisten bereits Flüchtlingsarbeit in der Krummhörn“, sagte Baumann und spricht dabei vor allem den Asylkreis an, der sich seit Jahren in der Gemeinde um Flüchtlinge kümmert. In den Sportvereinen werde mit Flüchtlingskindern gearbeitet. „Einige spielen dort Fußball.“ Oder auch das Rote Kreuz mit seiner Kleiderkammer in Jennelt, und neuerdings auch in Pewsum, kleide immer wieder auch Asylsuchende ein. Darüber hinaus habe es auch bei der Gemeinde immer wieder Anfragen gegeben, wo man helfen könne. Ihm sei es vor diesem Hintergrund wichtig gewesen, die Flüchtlingsarbeit zu bündeln, so Baumann, der den Abend moderierte. Erst in zweiter Linie sei es um Vorbereitungen für eine mögliche Nutzung des ehemaligen JAG-Gebäudes in Pewsum als Flüchtlingsunterkunft gegangen. Wie berichtet, hatte der Landkreis das Gebäude überprüft und für die Unterbringung von 130 Personen als geeignet eingestuft.“ Wie anders erlebten alle Beteiligten das Ankommen von Flüchtlingen in diesen denkwürdigen Jahren 2015 / 2016 im Vergleich zu der Zeit nach dem 2. Weltkrieg - und doch war und ist es keineswegs einfach, ‚Krummhörn helpt‘ jeden Tag und immer wieder wahrzumachen.

“Flüchtlingsstrom— Gegeneinander Miteinander Füreinander“ Quilt: Gisela Stumpenhausen, Syke

In der Jennelter Kirchengemeinde baten mehrere junge Männer, im Winter angekommen, um Taufunterricht, wollten endlich das tun, was ihnen so wichtig war: Sich als Christen zu einer Gemeinde zugehörig fühlen. Am 2. Ostertag 2016 wurden sie im Gemeindegottesdienst getauft. Im reformierten Verständnis der Taufe übernimmt die ganze Gemeinde die Patenschaft für die Getauften, in Jennelt immer wieder spürbar im Sonntagsgottesdienst, bei gemeinsamen Festen und im Alltag.

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Flucht und Ankommen: Eine Herausforderung Wenn das eigene Leben bedroht ist, wenn man sich schützen muss, bleibt keine andere Wahl: Gehen, die vertraute Welt verlassen, mit nichts als einem Rucksack mit dem Nötigsten. Dann die Unsicherheit, die nicht mehr weichen will, als sich eine Grenze schließt und eine andere sich nicht öffnen mag. Als die endlose Schlange sich nur quälend langsam vorwärts bewegt, läuft im Kopf der Film, fühlt es sich an wie ‚lost in space‘. Aber ich zweifle nicht daran, dass das da mehr ist als meine eigene Stärke. Das Papier, das ich endlich in Händen halte, ist ein klares Signal, ein Zeichen


des Lebens; ich weiß aber, dass es kein Zurück mehr gibt. Über viele Stationen des Suchens und der Hilfe geht der Weg in den Norden. Und ich weiß, dass es auf mich ankommt, auf meine Kraft zu handeln. Meine innere Sicherheit trägt, mein Glaube hält mich, führt in die Gemeinde. Ich bin ein Flüchtling, sicherlich, das ist eine amtliche Feststellung. Aber ich fühle mich als Mensch unter Menschen, mit denen ich die Gewissheit teile, dass die Liebe die stärkste Kraft im Leben ist. Das ist der Schlüssel und das hilft mir jetzt, Geduld zu haben und zu vertrauen. Ankommen wollen und ankommen können in der Krummhörn, das geht an vielen Orten und auf vielfache Art und Weise! Gottseidank! Aber es gibt auch viele, die nicht hierher fliehen mussten, die sich aus freien Stücken entscheiden konnten und wollten, die Krummhörn als Ort ihres Lebens zu wählen.

Wintertag

Foto Otto Damaske

So viele verschiedene Gründe mag es geben, in die Krummhörn zu kommen - wie es vor mehr als 150 Jahren eine Vielzahl von Gründen gab, den Weg nach Amerika anzutreten. Heimat verlassen, Heimat suchen – immer ist das wohl mit einer Sehnsucht verbunden, die sich in Worte gefasst auch so anhören kann: Kindheitsgefühle: Das Meer war schon immer da als ein Ort, wo ich sein möchte. Das Wasser, die Weite des Landes, der gewaltige Himmel, die Offenheit – am Deich sein, da ist die Wahrnehmung ganz anders; da ist so etwas wie Gott spüren. Und als wir das Haus sahen, wussten wir gleich: Hier ist es richtig. Es ist die Nähe, im Dorf ganz selbstverständlich: Mal reden, Gemeinschaft wahrnehmen, sich austauschen, wenn man nach dem Garten guckt, Alltagsleben teilen mit den Nach-

barn. Ein einsames Haus irgendwo in dieser Landschaft, das wäre nicht mein Ding. Den Kontrast zur Stadt nehme ich sehr bewusst wahr, genieße die Gegensätze geradezu. Das Zurückkommen, das Wiederankommen, das Hiersein und das Anderswosein – beide Welten sind mir wichtig, beide kenne ich, mit beiden bin ich vertraut. Das vertieft die Wahrnehmung, hält die Spannung, öffnet für Teilhabe in meinem Krummhörner Dorf. Oder so: Der Himmel, das Land, der Blick – alles ist weit, offen, gibt mir das Gefühl, dass es hier für mich stimmt. Die Wolkenbilder, der Horizont, die Landschaft im wechselnden Licht, rundum die markanten Profile der Kirchtürme, Zeichen der Ruhe und Beständigkeit, das ist es, was ich mag, mehr noch, was ich brauche für mich. Klar ist das eine Herausforderung, aber genau die will ich haben, jeden Tag. Und in so ein Dorf hier in der Krummhörn musst du erstmal reinkommen. Das ist nicht so, dass du so wie alle, die schon immer da waren, einfach dazu gehörst. Du bist wie das kleine Sandkorn, das der Wind auf die Düne weht, deren Gestalt sich aber damit nicht wirklich verändert. Du bewegst dich, dann geht was, dann bewegen sich die anderen auch, nehmen dich mit rein in das Leben in ihr Dorf. Du bringst was ein, was von dir, wo es hinpasst, wo es gebraucht wird. Und du spürst bei allem Miteinander bald, worauf es ankommt: Hier kann jeder sein, was er ist. Verbiegen würde nicht gehen. Ich meine, die Nähe in so einem kleinen Dorf setzt Toleranz voraus, sonst wäre das nicht auszuhalten. Der räumliche Abstand zum Nachbarn ist manchmal sehr gering; es ist nicht mehr Platz im alten Dorfkern. Warftendörfer sind da wie Städte. Weil es so für die anderen in Ordnung ist, passt es für mich auch: Sein, wer ich bin in meinem Krummhörner Dorf.

Dorf in der Krummhörn Harro Hinrichs, Neermoor, 2014

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Oder auch so: Erste Annäherung an die Krummhörn, das Dorf, eher zufällig, und dann, weil es sich aus mancherlei Gründen so ergab, die Verwirklichung des Gedankens, genau dort mitten in diesem Dorf wohnen zu wollen; bald darauf eine überraschende und fürsorgliche Willkommensgeste und – als man einander schon besser kannte – ein Fest, von dem noch lange die Rede sein sollte. Wir waren jetzt nicht mehr nur einfach die Neuen, wurden hineingeholt in das Leben im Dorf, einbezogen in die Dinge und Aufgaben, die miteinander zu regeln waren. Wir spürten etwas von diesem besonderen sozialen Organismus, trauten uns zu, ein Teil davon zu sein, mit unseren Möglichkeiten ein Stück Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es lief im Dorf, dass es weiterging. Wir kauften das alte Haus mit dem Blick weit in das offene Meedland hinein, aber doch eingebettet in die Nachbarschaft auf der Warft. Das Haus hatte seine ganz eigene Geschichte, verlangte uns viel ab, bis es dann doch den Raum bereithielt für unsere Geschichte, die immer noch weitergeht und so viel Platz braucht und bietet, weil sie hier in der Krummhörn ihren Ort und ihren Sinn hat. ‚Ick hebb dor’n Andacht bi‘, das ist der plattdeutsche Ausdruck für etwas, was einem am Herzen liegt, eine Bedeutung hat. ‚Ick hebb dor’n Andacht bi‘, so geht es uns mit unserem Krummhörner Dorf. Oder in der Erinnerung so: Diese Geschichte davon, wie eine junge Frau sich die Krummhörn zur Heimat machte, liegt schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück und war doch für die Mitlebenden etwas so Besonderes, dass noch jetzt davon erzählt wird. In einen Landstrich kommen, den man vorher nicht gesehen hat, das mitbringen, was einem wichtig ist – so die vertrauten Bücher – in ein Haus, in eine dörfliche Umgebung, in eine Landschaft, die sehr herausfordern und dann doch auch wieder bezaubern konnte mit ihrer Frische und ihren Farben – dafür musste es gute Gründe geben. Oder doch einen, den wirklich einzigen wichtigen Grund – die Liebe. Diese Liebe konnte klug machen, dazu verhelfen, Reibungsflächen mit dem nun einmal gegebenen Umfeld zu vermeiden, besser noch gar nicht erst entstehen zu lassen. Stattdessen: Berührungen mit Menschen suchen und gestalten, die in dieser neuen Heimat Krummhörn bereit waren für ein solches tägliches Miteinander: Menschen in der Nähe mit eigener Nähe begegnen! Das ging nicht über die

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mitgebrachte Sprache, denn die konnte und wollte sie nicht verändern, aber über die Herzenswärme, die sie ausstrahlte, an ihre wachsende Kinderschar weitergab; das war ihr Rezept für das Gestalten des eigenen Lebens in diesem kleinen Reich des Hofes und der dazugehörigen Landarbeiterhäuser, davon wird immer noch erzählt. Manches hat diejenigen, die sie beobachteten, wohl auch erstaunt: Eine Frau, die sich mit ihrem Mann einen wesentlichen Teil der täglichen Hofarbeit teilte, dafür mit ihm in aller Herrgottsfrühe aufstand, weil die beiden das so wollten, die mit ihm zusammen bei dieser Arbeit sang – eine solche Frau wurde respektiert und geliebt, gerade weil sie so war, wie sie war. Vielleicht hat sie damit ein Grundmuster dafür entdeckt, sich zu beheimaten in der Krummhörn: die Liebe schon mitbringen, nicht von den anderen einfordern.

Der Raps blüht

Foto Otto Damaske

Um zum Schluss zu kommen … Auswandern und Einwandern, Gehen und Kommen haben viel miteinander zu tun; es gibt Gemeinsamkeiten, die sich beim genaueren Hinsehen, Hinhören erschließen: Was man mitnimmt, was man mitbringt, ist eben gerade nicht wirklich verschieden. Es waren Ideen, Wünsche, Träume, Beschwernisse, Ängste, Gefahren, die Auswanderer davonziehen ließen. Und das galt und gilt genauso auch für die, die gekommen sind. Zum Weggehen gehörte Mut, den brauchten und brauchen auch die Ankommenden. Wo immer man als Fremder hinkommt, ob nach Iowa oder in die Krummhörn, das Eigene, das, was die Menschen ausmacht, bewahren sie, und das auf ihre besondere Art und Weise. Das kann die Sprache


sein, aber auch der Mohnkuchen, der Glaube oder das Rezept für updröögt Bohnen, das Ärmelaufkrempeln und Zupacken, die Choräle und der Geschäftssinn. Die Krummhörn, sie kommt vielen, die sie nicht kennen, weitab vor, ganz am Rande gelegen - und ist doch ein Landstrich des lebendigen und über die Jahrhunderte fortdauernden Austauschs mit vielen andern Weltgegenden. Spiegelt nicht auch der Krummhörner Orgelfrühling dieses Bild? Karin Bockelmann

Vielen ist hier Dank zu sagen für die Begleitung und Unterstützung bei der Arbeit an ‚Weggehen und Ankommen – die Krummhörn‘. Namentlich seien genannt Jürgen Hoogstraat, mit dem ich ausgelotet habe, welche Bandbreite ein Text über das ‚Weggehen‘ umfassen könnte, Horst Arians, der mit der Überlassung der ‚Ostfriesen Zeitung‘ aus Iowa half, den zeitlichen Bogen vom 19. über das 20. Jahrhundert bis in die heutige Zeit zu straffen, Jürgen Tabel, der den gerade für die Krummhörn wichtigen Rückgriff auf das Material zum Musical „Achter de Sünn an“ ermöglichte, Anne Eddigehausen, die mit ihren Briefen aus der Familie 2015 zur Beschäftigung mit dem Thema anregte, Haro Hinrichs, dessen Bild abgedruckt werden konnte, und Otto Damaske, dessen Landschaftsfotos aus der Krummhörn die Texte wunderbar illustrieren. Für die vielen Gespräche, die ich im Teil ‚Ankommen‘ führen konnte, bin ich ausgesprochen dankbar, wobei diejenigen, mit denen ich mich lange und in sehr persönlicher Weise austauschen konnte, vereinbarungsgemäß namentlich nicht genannt werden. Angaben zur verwendeten Literatur sind in den Texten direkt vermerkt.

Wind ist eigentlich immer in der Krummhörn

Foto Otto Damaske

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Freuen Sie sich mit uns auf den nächsten

Krummhörner

Orgelfrühling 08. bis 13. Mai 2018

Der Orgelfrühling braucht noch mehr gute Freunde und lädt ein zur Mitgliedschaft im „Freundeskreis des Krummhörner Orgelfrühlings e.V.“

Beitrittserklärung unter www.krummhoerner-orgelfruehling.de und an der Abendkasse Mitgliedsbeitrag pro Jahr 15 €


Konzerte... Dienstag, 16. Mai Eröffnungskonzert Sietze de Vries, Orgel

20:00 Uhr

Uttum

10 €

Mittwoch, 17. Mai Bas de Vroome, Orgel

20:00 Uhr

Groothusen

10 €

Donnerstag, 18. Mai Lorenzo Ghielmi, Orgel „Trifolium sonans“: Wolfgang Pude, Tenor / Bass Reinhard Mawick, Tenor, Ralf Popken, Alt / Bass

20:00 Uhr

Rysum

10 €

Freitag, 19. Mai Boris Becker, Percussion, Uwe Steinmetz, Saxophon Daniel Stickan, Orgel

20:00 Uhr

Jennelt

10 €

Samstag, 20. Mai Even-Song — Roden Girl Choristers, Ltg. Sonja de Vries

17:00 Uhr

Pilsum

Kollekte

Samstag, 20. Mai Nachtkonzert Matteo Imbruno, Orgel

21:00 Uhr

Westerhusen

10 €

Sonntag, 21. Mai Festliches Abschlusskonzert Capella de la Torre

17:00 Uhr

Eilsum

10 €

09:00 Uhr

ab Pewsum

Mittwoch, 17. Mai „Lesung aus dem Schrank“, Osterburg Groothusen *

17:00 Uhr

Groothusen

Donnerstag, 18. Mai Besichtigung der Orgelwerkstatt Ahrend *

10:00 Uhr

Leer-Loga

Donnerstag, 18. Mai „Tee und mehr“ in der Mühle Rysum * mit Jürgen Hoogstraat

17.00 Uhr

Rysum

Freitag, 19. Mai Ausstellung „Barometer und mehr“ * Galerie Szkudelski

16.00 Uhr

Pilsum

Samstag, 20. Mai MV Freundeskreis Krummhörner Orgelfrühling e.V. Alte Brauerei

15:00 Uhr

Pilsum

Sonntag, 21. Mai Festgottesdienst Pfarrerin Sylvia Bukowski, Predigt Yvonne Kortmann, Orgel

10:00 Uhr

Manslagt

Mittwoch, 17. Mai „Kinderorgel“ mit Kindern der GS Jennelt und Maxim Polijakowski

10:00 Uhr

Jennelt

Donnerstag, 18. Mai „Offene Musikwerkstatt“ mit Jugendlichen der IGS Marienhafe, IGS Krummhörn, Boris Becker, Bodo Florian, Imke Siuts und Daniel Stickan Gäste sind herzlich willkommen ab

10:00 Uhr

Jennelt

...und mehr Dienstag, 16. Mai Orgelreise nach Marienhafe und Dornum Reinhard Ruge und Maxim Polijakowski Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich!

Kollekte

* Eine Anmeldung wird erbeten unter mobil: 0173-6088583 oder mail: drkarinbockelmann@web.de

Junge Menschen begeistern…

13.00 Uhr

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Krummhörner Orgelfrühling 16. bis 21. Mai 2017 Du schaffst mir einen sichern Ort

Bild: Fentje, Kimberley, Martha, Okko und Sarah mit Marion Jakob, Grundschule Jennelt

www.krummhoerner-orgelfruehling.de Veranstalter: Synodalverband Nördliches Ostfriesland der Evangelisch-reformierten Kirche Karten-Vorverkauf bei allen bekannten Nordwest-Ticket-Vorverkaufsstellen, Ticket-Hotline 0421 363636 (www.nordwest-ticket.de) und bei der Touristik-GmbH Krummhörn-Greetsiel, Telefon 04926-91880

Programm Krummhörner Orgelfrühling 2017  

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