Page 1

AUSGABE Kosmopolis Rotterdam www.kosmopolisrotterdam.nl

.nl.de.tr/ turkishconnections

Juli 2010 nummer 3

WOHNEN IM EINEN LAND UND ARBEITEN, DIE FAMILIE BESUCHEN, URLAUB MACHEN UND AUSGEHEN IN ANDEREN LÄNDERN

Mustafa Tazeoğlu Made in Marxloh

Erdem Tali Schnell im Ausland

Nurdan Erbuğ inkorten

Mustafa Tazeoğlu wurde in Duisburg geboren und hat in Frankreich und Spanien studiert. Selbst bezeichnet er sich als Unternehmer kreativer, sozialer projekte. Von ihrem so genannten “Medien-Bunker” aus erfand Mustafa gemeinsam mit Nachbarsjungen Made in Marxloh: eine Reihe von plänen, um dem problemviertel Marxloh im deutschen Duisburg wieder hoch zu helfen.

Er fungierte als Gastgeber für europäische Studenten, die am Austauschprogramm Your World teilnahmen. Erdem Tali studiert Verwaltungswissenschaften an der Erasmus Universität. Er engagiert sich in der gesellschaftlichen und politischen Debatte in den Niederlanden und anderenorts in Europa. Wann immer es geht, fährt er nach Belgien und Deutschland für Konzerte und Veranstaltungen. „Von den Niederlanden aus ist man schnell im Ausland, das ist das Schöne.“

Nurdan Erbuğ handelt mit Stiersperma: Sie ist der zweitgrößte Importeur von Stiersperma in der Türkei. Seit kurzem importiert sie auch Embryos und Hormone aus Amerika und den Niederlanden, zum Klonen von Kühen und Schafen. Durch die Arbeit fühlt Nurdan sich in den Niederlanden zuhause und hat dort inzwischen so viele Freunde, dass Sie ohne einen pfennig quer durch das ganze Land reisen könnte, erzählt sie stolz.

➔ seite 11

➔ seite 12

➔ seite 30

.nl.de.tr/turkishconnections

Fotos von Otto Snoek 17 Juli – 31 oktober

Warbruckstraße (gegenüber der Merkez-Moschee) Duisburg-Marxloh

.nl.de.tr/turkishconnections präsentiert 15 menschen, die ihre türkischen kontakte als einen mehrwert empfinden. nicht nur beim geschäftlichen, im theater oder in Chefetagen, auch bei ihren hobbys oder beim knüpfen von kontakten.


porträt

S2

.nl.de.tr/ turkishconnections

Marxloh mit eigenen Augen

Nachdem ich länger darüber nachgedacht habe, wird mir klar, dass diese sichtbare Vitalität den Bewohnern nicht einfach nur so zugeflogen ist. Marxloh muss seinem Schicksal überlassen gewesen sein, bevor deutsche Türken mit Unternehmergeist den Stadtteil aus seinem trübseligen Zustand erlösten. Was auf den ersten Blick nur einer der zahlreichen Stadtteile des Ruhrgebietes zu sein schein, erweist sich als kosmopolitisches Bollwerk.

Otto Snoek Im Übergang begriffene Städte sind nervenaufreibend. Wer sich dafür interessiert sollte sich Duisburg-Marxloh auf keinen Fall entgehen lassen. Immer wenn ich dort hin komme, fahre ich zuerst zur Kreuzung KaiserWilhelm-Straße und Weseler Straße. Dort meine ich immer, die Nähe Istanbuls zu spüren. Hier bündelt sich aus allen Himmelsrichtungen die neue Leidenschaft dieses Stadtteils. Jede Art von gewerblichem Mittelstand, den man hier finden kann, hat einen türkischen Ursprung. Ganz spontan entstand hier eine Gesellschaft aus dutzenden Brautmodegeschäften mit Schaufenstern voller bunter Kollektionen. Gespannte türkische Brautpaare aus ganz Deutschland und inzwischen auch aus zahlreichen angrenzenden Ländern finden den Weg nach Marxloh. Dazu gehören anschließend auch die Juweliere und Fotostudios.

Sie wollte an die Kunsthochschule. Auf Drängen ihres Vaters wurde sie Elektrizitätsingenieurin an der Bosporus Universität. Dies war ihr Sprungbrett über die Grenze. Nurdan Erbuğ

Ihre Identität durchkreuzt die nationalen Grenzen, sagt Ergül. Ihre Brüder und Schwestern wohnen in Duisburg und Frankfurt. Ihre Eltern sind nach Istanbul zurückgekehrt. Sie selbst reist häufig hin und her nach Deutschland, mindestens dreimal jährlich in die Türkei.

Als er hier ankam, wunderte Atilla sich, dass seine Kollegen mit dem Fahrrad zur Arbeit kamen. Jetzt tut er es selbst. Atilla Hancı

Ergül Kaygun

„Es ist großartig hier. Meine Freundinnen in den Niederlanden haben ein viel beschränkteres Leben als ich. Sie arbeiten und gehen dann wieder nach Hause. Hier gibt es so viele tolle Orte. Und das Nachtleben ist der reine Wahnsinn!” Semiha Ünal

Ihre sechsjährige Tochter wird als kleine Türkin erzogen. Trotzdem versteht sie ein wenig Niederländisch. Und jedes Jahr bekommt sie Besuch von Sinterklaas. Tülin Arsal

Von Zuhause aus spricht er Kurdisch und Türkisch, dazu kam Niederländisch, ebenso wie Englisch, ein bisschen Deutsch und Französisch. Er denkt über einen Spanisch-Kurs nach, das könnte ganz praktisch sein. Und wer weiß, vielleicht auch Chinesisch. Erdem Tali

,,Um einen multikulturellen Supermarkt zu managen, muss man gut die Augen aufhalten.“ Özgür Topuz

Eines weiSS Aysun ganz sicher: Ihr endgültiges Reiseziel führt sie zurück zu den Wurzeln ihrer Familie: nach Tuva. Aysun Yontar


turkishconnections

porträt

.nl.de.tr/

.nl.de.tr/turkishconnections Wohnen im einen Land und Arbeiten, die Familie besuchen, Urlaub machen und Ausgehen in anderen Ländern - für immer mehr Menschen ist das ganz normal. Vor allem für Migranten, und ganz speziell für die der zweiten und dritten Generation. Dies ist eine völlig andere Art zu leben, als wir sie bis vor kurzem noch gewohnt waren. Der Fotograf Otto Snoek hat dafür einen aufmerksamen Blick. In der Serie .nl.de.tr/turkishconnections präsentiert er Studenten, Manager, Geschäftsleute und Künstler in den Niederlanden, Deutschland und der Türkei. Alle haben sie einen türkischen Hintergrund, eine geteilte Migrationsgeschichte und ein transkulturelles, internationales Netzwerk. Die portraitierten Menschen fühlen eine enge Verbundenheit zu den Menschen aus ihrem Herkunftsland und zu dem Land, in dem sie leben. Darüber hinaus haben sie aber auch allerlei Arten von Beziehungen mit Menschen aus völlig anderen Kulturen und Ländern. Und dank Internet, Handys und Skype können sie all diese Kontakte auch tatsächlich aufrechterhalten. Fragen nach Loyalität und Nationalität spielen höchstens noch bei den Fußballspielen Türkei – Niederlande oder Niederlande – Deutschland eine Rolle. .nl.de.tr/turkishconnections präsentiert 15 Menschen, die ihre türkischen Kontakte als einen Mehrwert empfinden. Nicht nur beim Geschäftlichen, im Theater oder in Chefetagen, auch bei ihren Hobbys oder beim Knüpfen von Kontakten. Die Geschichten, die sie erzählen, sind großstädtisch, grenzübersteigend und ein selbstverständlicher Teil der modernen Realität. Und so zeigt Otto Snoek sie auch: normal, erkennbar und mit Gefühl für Humor. Fotografisch ein Zeitbild zu erkennen ist eine Kunst. Was Otto Snoek als Fotografen kennzeichnet, ist seine Sensibilität für die sich schnell verändernde Wirklichkeit in den Großstädten. „Ich untersuche die Grenze zwischen sozialer Kritik und Anteilnahme”, sagt er selbst. „Zwischen den Verheißungen und Enttäuschungen unserer modernen Lebensart in der Großstadt.” Seine Fotos macht Snoek in den Niederlanden, in Europa und außerhalb. Er legte die städtische Realität in klarem Licht und mit einem eindeutig, erkennbaren eigenen Stempel fest: Er versteht es, das Besondere im Alltäglichen zu treffen. Im Auftrag von Kosmopolis Rotterdam präsentiert er in der Serie .nl.de.tr/turkishconnections moderne transkulturelle Entwicklungen. Diese Ausgabe wurde mit gröSSter Sorgfalt zusammengestellt. Es können nicht ohne weiteres Ansprüche am Inhalt geltend gemacht werden. Ohne vorherige schriftliche Genehmigung von Kosmopolis Rotterdam darf nichts aus dieser Ausgabe vervielfältigt und/oder veröffentlicht werden, in Form von Druckwerk, Fotokopie, Mikrofilm oder auf irgendeine andere Weise. Änderungen vorbehalten. www.kosmopolisrotterdam.nl | tel: 0031 10 417 74 22

IMPRESSUM Fotos: Otto Snoek Texte: Steven Adolf und Jessica Lutz Grafische Darstellung: Studio beige

Otto Snoek präsentierte auf Ersuchen von Kosmopolis Rotterdam transkulturelle Entwicklungen in der Serie .nl. de.tr/turkishconnections. Für die Entstehung der gleichnamigen Ausstellung bedanken wir uns ganz besonders bei:

Tülin Arsal, Ahmet Aslan, Nurten Bayar, Mesut Demir, Ramadan Demirel, Nurdan Erbuğ, Atilla Hancı, Ergül Kaygun, Nabiye Müjde, Mehmet Salpar, Erdem Tali, Mustafa Tazeoğlu, Özgür Topuz, Semiha Ünal, Aysun Yontar. .nl.de.tr/turkishconnections entstand mit finanzieller

Unterstützung des Kunstund Kulturamtes Rotterdam, Generalkonsulat der Niederlande (Düsseldorf), immeo=wohnen und mit Unterstützung von MedienBunker Duisburg.

Tayfun Demir (Stadt Duisburg), Olaf Reifegerste (Stadt Duisburg), Dineke Stam (Cultuur & Co), Mustafa Tazeoğlu (Medien-Bunker Duisburg) und Walter Ziegler (immeo=wohnen Duisburg).

Außerdem mit Dank an: Inez Boogaarts (Generalkonsulat der Niederlande),

© Kosmopolis Rotterdam 2010

S3


porträt

S6

.nl.de.tr/ turkishconnections

Nurten Bayar Brautmode in Marxloh Die Weseler Straße in Marxloh, Duisburg: Wer an den Schaufenstern dieser Hauptstraße entlang läuft, sieht dort fröhliche Kleider mit Rüschen, Pailletten und Spitze in Weiß oder grellen Farben. Für die Männer gibt es glänzende Gala-Anzüge und eng geschnittene Smokings. Die Weseler Straße ist ein Begriff. Aus den entferntesten Ecken Deutschlands, aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich kommen die Kunden, um ihre Brautmode zu kaufen. Häufig fällt dabei die Wahl auf eines der drei Geschäfte der Familie Bayar, die die Straße dominieren. „Dank der Brautmode ist wieder Leben in der Weseler Straße eingekehrt, sonst wäre

es hier wie ausgestorben“, sagt Nurten Bayar. Sie lacht verlegen dabei. Vor fünfzehn Jahren eröffnete Nurten ihr erstes Geschäft auf der Hauptstraße von Marxloh, damals noch eine Gegend, der drohte zu verkommen. Sie war ein Pionier in dieser Straße. Inzwischen hat die Familie drei Geschäfte - Bayar, Karakas und Queens - die sie gemeinsam mit ihrem Sohn Feryat und Tochter Özlem leitet. Darum herum eröffneten zahlreiche Restaurants, ein Reisebüro, Lebensmittelgeschäfte und andere Bekleidungsgeschäfte. Marxloh erlangte zunehmende Bekanntheit und das neue Publikum brachte wieder Leben in den Stadtteil. Heute gilt die Weseler Straße als internationales Beispiel dafür, wie sich eine Problemviertel wieder zu einem Erfolg

Für ein paar hundert Euro bekommt man ein Galakleid, das besser ist als die Kleider aus China und auch noch günstiger.

entwickeln kann. Früher stand Nurten bei Wind und Wetter mit Gemüse und Obst auf dem Markt. Ein Bekleidungsgeschäft erschien ihr eine bessere Alternative. Mit Karakas eröffnete sie ein Brautmodegeschäft für eine deutsch-türkische Zielgruppe. Es erwies sich als Volltreffer. „Günstige Preise, gute Qualität“, so beschreibt Nurten ihr Erfolgsgeheimnis. Für ein paar hundert Euro bekommt man bei ihr bereits ein Galakleid, das besser ist als die Kleider aus China und auch noch günstiger. Vier junge Frauen laufen aufmerksam an der langen Reihe weißer Kleider vorbei. Es ist Frühling, dann herrscht hier Hochbetrieb. Jetzt wird geheiratet bevor der Sommer kommt und alle Kunden in den Türkeiurlaub aufbrechen. Nurten Bayar zeigt ihren Kundinnen eines der weißen Brautkleider aus ihrer eigenen Serie, ein hübsches Exemplar, geschmückt mit glänzenden Steinchen. Einmal von Bügel genommen, erweist sich das Kleid als äußerst schwer. Der Preis beträgt insgesamt eintausenddreihundert Euro, aber darüber kann verhandelt werden, betont Nurten. Die Entwürfe für ihre Kleider lässt sie von Modedesignern auf der Düsseldorfer Messe anfertigen. Die Stylisten kommen aus Italien und China und hören sich Nurtens Vorschläge gerne an. Denn letztendlich dreht sich alles um den Wunsch des Kun-

den. Die Herstellung der Kleidung erfolgt in der Stadt Bursa, südlich von Istanbul an der gegenüberliegenden Seite des Marmara-Meeres. Dort lässt Bayar ihre eigene Brautmode-Serie fertigen. Alle drei Monate reist sie dorthin. „Um Ideen auszutauschen“, berichtet Nurten. Vor einem Jahr hat sie auch ein eigenes Geschäft im türkischen Izmir eröffnet. Das Publikum dort hat einen etwas anderen Geschmack als in Duisburg, hat sie bemerkt. Man merkt es an den Details, den Farben, den Dekorationen. Andere Traditionen, „aber die Geschmäcker entwickeln sich aufeinander zu“, sagt Nurten Bayar. „Die Welt wird nun einmal kleiner.“

“Dank der Brautmode ist wieder Leben in der Weseler Straße eingekehrt, sonst wäre es hier wie ausgestorben.“


turkishconnections

Tülin Arsal stellt sich vor: „Ich bin ein Sufi, ein Anhänger eines mystischen Ordens. Das wollte ich nur schon mal gesagt haben.“ Auf einer Anrichte liegt ein aufgeschlagener Koran. „Es soll gut sein, ihn häufig anzusehen,“ erklärt sie. In einem offenen Küchenschrank steht ein Päckchen niederländische Schokoladenstreusel als Brotbelag. Und vor der Tür ihrer Wohnung im Istanbuler Stadtteil Balat am Goldenen Horn, in der sie mit Mann und Kind wohnt, steht ihr Motorrad. Selbst bezeichnet sie sich als einen Erdenbürger. „Gerade habe ich mir die Sendung ’De Wereld Draait Door’ angesehen, aber ich fühle mich nicht mehr wirklich niederländisch. Auch nicht wirklich türkisch“, fügt sie hinzu. Die in Rotterdam geborene Tochter eines türkischen Vaters und einer niederländischen Mutter war schon immer

ein wildes Mädel, das gerne ausging. Sie geht noch immer gerne tanzen. Als die Familie in Roosendaal wohnte, lernte sie den Karneval kennen und lieben. Ihr Lieblingsort in Amsterdam war die Diskothek Roxy. Damals arbeitete sie als Stewardess für Martinair und flog um die ganze Welt. „Das war eine schöne Zeit, aber mein Leben war so unregelmäßig, das war auf Dauer nicht auszuhalten.“ 1986 arbeitete sie schon einmal als Au pair in Kuşadası, an der Westküste. Das war der Auslöser für ihre spätere Entscheidung, dauerhaft auszuwandern. „Als ich bei Martinair aufhörte, musste ich mir darüber klar werden, ob ich in Amsterdam bleiben oder auswandern wollte.“ Sie war 26 Jahre alt. ¸ Die Wahl fiel auf die Türkei. In ihrem ersten Jahr arbeitete sie dort als Reiseleiterin. Dann wurde sie Personalmanagerin in einem Fünf-Sterne-Hotel in Istanbul. Dort arbeitete sie fast sechzehn Jahre lang. Vor einem Jahr gründete sie ein Zeitarbeitsunternehmen für Hotelpersonal und einen Abrufservice für Handwerker. 2003 heiratete sie, zwei Jahre später wurde ihre Tochter geboren. Über ihren Mann lernte sie den Sufismus kennen. Es fühlte sich an wie ein Neuanfang, sagt Tülin. Islam und Modernität sind für sie keine Gegenpole. Ihr Kühlschrank hängt voller Fotos ihrer Liebsten. „Vergöttern ist untersagt, aber nirgendwo im Koran steht, dass Fotos

Islam und Modernität sind für sie keine Gegenpole.

porträt

.nl.de.tr/

S7

Tülin Arsal Sufismus, Motorrad und Schokoladenstreusel verboten sind“, sagt sie. Und nicht nur das: „Ich lasse mich gerne betend fotografieren. Ich möchte zeigen, dass das nicht nur etwas für Männer mit Käppchen ist. Das es das durchaus geben kann, auch wenn man modern ist.“ Für das Gebet zieht sie ein schwarzes Gewand über ihre Kleidung. Ihr Glaube handelt von Liebe, sagt sie. „Vor allem in Europa und Amerika wird der Islam völlig falsch ausgelegt.“ Ihrer Meinung nach schaffen Politiker ein Schreckensbild von Moslems. Sie ärgert sich über den Politiker Wilders. „Durch Menschen wie ihn, ist es in den Niederlanden zu einem Problem geworden, Ausländer zu sein“, sagt sie.

Sich selbst nennt sie glücklich. Die Beziehung zu ihrem Mann hat ihr Leben verändert. „Ich bin ein echter Fußballfan. In den Niederlanden war ich ein großer Fan von Feijenoord. Hier hatte ich eine Jahreskarte für Galatasaray. Aber mein Mann interessiert sich überhaupt nicht für Fußball, also gehe ich nicht mehr hin. Inzwischen ist es mir fremd geworden.“ Ihre sechsjährige Tochter wird als kleine Türkin erzogen. Trotzdem versteht sie ein wenig Niederländisch. Und jedes Jahr bekommt sie Besuch von Sinterklaas.

„Ich bin ein echter Fußballfan. In den Niederlanden war ich ein großer Fan von Feijenoord.“


porträt

S8

.nl.de.tr/ turkishconnections

Özgür Topuz Weltweit einkaufen

Von seinem gläsernen Büro aus hat Özgür Topuz einen guten Überblick über seinen Supermarkt. Dunya heißt das Geschäft am Groene Hilledijk in Rotterdam-Zuid. „Das bedeutet ‘die Welt’ auf Arabisch und Türkisch“, erklärt Topuz. „Der Name gefiel mir. Dunya ist die Zukunft.“ „Produkte aus aller Welt unter einem Dach. So wollen die Leute in dieser Gegend einkaufen“, sagt Özgür. Früher mussten sie erst zum türkischen Gemüsehändler, dann zum Metzger, der Halal-Fleisch verkaufte, anschließend zum Bäcker für türkisches Brot und für den Rest dann noch zum Su-

permarkt. In seinem Geschäft finden sie alles. Hier kann jeder einkaufen. Es gibt natürlich niederländische Produkte, aber auch Produkte aus dem Herkunftsland. Türkische Kunden kaufen hier ihre ÜlkerPlätzchen, ihren yayla-Joghurt, ihren RizeTee und Würstchen von Koç. Jugoslawen bekommen hier ihre Fleischpastete und Vegata-Gewürz. Polen und Bulgaren kaufen häufig Lech-Bier oder Tomatenpüree von Lutenitza. Um einen multikulturellen Supermarkt zu managen, muss man gut die Augen aufhalten, sagt Özgür. Ungefähr siebzig Prozent seiner Kunden kommen ursprünglich aus dem Ausland. Özgür beobachtet, wer hierher zieht, knüpft Kontakt zu Importeuren aus dem betreffenden Land und stellt die bekanntesten Markenprodukte in seine Regale. Fünfunddreißig Jahre ist er jetzt alt, geboren und aufgewachsen in Rotterdam-Zuid. Vor sechs Jahren ergriff er als Filialmanager bei Bas van der Heijden die Chance, sich selbstständig zu machen. Inzwischen eröffnet ein zweiter Dunya am Binnenweg. Vater Topuz kam 1966 aus einem Dorf in

der Nähe von yozgat in die Niederlande, um in Pernis bei Shell zu arbeiten. Als Özgür in die Schule kam, war er der einzige Ausländer in seiner Klasse. Später setzte der Strom der Immigranten ein. Vieles in dem Stadtteil hat sich in den letzten Jahren verbessert, aber das Klima ist weniger sozial geworden, findet Özgür. „Die Polizisten sind strenger. Die Regierung denkt weniger mit. In der Türkei ist die Atmosphäre sozialer.“ Manchmal träumt er davon, umzuziehen. In der Türkei ein Unternehmen zu gründen, das würde ihm gefallen. Dieses Multikulturelle hält er für eine gute Sache, nicht nur im Geschäft. „Man fühlt sich einfach wohl“, sagt er. Er liebt das Dunya Festival, auf dem er sich die vielen unterschiedlichen Musikrichtungen anhören kann. Aber er macht sich auch Sorgen über die negative Stimmung in den Niederlanden. Auf der Straße merkt er davon übrigens nichts. „Die Rotterdamer Omas unter meinen Kunden rufen immer ‘Tag, Chef!’ wenn sie morgens in den Laden kommen. Die lieben mich einfach.“ Er lebt in mehreren Kulturen, sagt Özgür. Wenn er in der Türkei im Dorf seiner Fami-

lie ist, fühlt er sich türkisch. Aber eine niederländische Familie, der er einmal in der Türkei begegnete und die ihn reden hörte, hielt ihn für einen Niederländer. „Was bist du eigentlich?“, fragten sie ihn, als sie seine türkische Erscheinung sahen. „Wenn Sie meinen ältesten Sohn fragen, was er ist, dann sagt er: Türke. Sie fahren jedes Jahr in den Ferien dorthin und finden das herrlich. Aber die Zukunft der Kinder liegt letztendlich doch hier.“

Türkische Kunden kaufen hier ihre Ülker-Plätzchen, ihren Yayla-Joghurt und Würstchen von Koç. Jugoslawen bekommen hier ihre Fleischpastete und Vegata-Gewürz.


turkishconnections

Mustafa Tazeoğlu Made in Marxloh Mustafa Tazeoğlu hat eine neue Idee. Als er sie uns erzählt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. „Zum Beispiel all die leerstehenden Wohnungen und Betriebsgebäude der Gemeinde im Duisburger Stadtteil Marxloh. Wenn man dort kostenlos Studenten und andere Junge Menschen für den Stadtteil unterbringen würde, dann könnten sie den Kindern aus der Gegend im Gegenzug einige Stunden Nachhilfe geben oder einfach Paten der Kinder werden.“ Mustafa rechnet es uns laut vor: „Finanziell müsste das machbar sein“. Schnell trägt er der Gemeinde seinen Vorschlag vor. ‘Made in Marxloh’, so heißt das Projekt, bei dem Mustafa einer der Initiatoren ist. Im sogenannten Medien-Bunker, einem überirdischen Versteck aus dem Zweiten Weltkrieg, entwickelte eine Gruppe Medien-

macher und Stadttherapeuten eine Reihe von Medienprojekten für Marxloh. Dieser Stadtteil war bekannt für seine Arbeitslosigkeit, Drogen und Kriminalität. „Ich bin kein Türke, kein Deutscher - sondern Marxloher’’, wiederholt Mustafa den Slogan, der wieder Stolz in den Stadtteil brachte. Der Medien-Bunker bedruckte Karten zu dem Thema, machte Videos und entwickelte kreative Ideen, mit denen das Viertel wiederbelebt werden sollte. Marxloh wurde ein großer Erfolg. „Früher sah man an jeder Ecke Teehäuser und Männer, die nichts zu tun hatten. Mädchen, die in ihrem eigenen Viertel nicht flirten und sich verabreden durften, kamen nach Marxloh“, erzählt Mustafa. „Inzwischen ist Marxloh in der ganzen Region berühmt für die gute und günstige Kleidung. Vor allem die Brautmode läuft sehr gut. Ich kenne Frauen, die früher zum flirten kamen, heute ihr Brautkleid gekauft haben.“

Mustafa bezeichnet sich selbst als einen Stadttherapeuten. Er wuchs auf als Enkel eines türkischen Immigranten, der in den Siebzigerjahren nach Deutschland kam, um in den Stahlfabriken zu arbeiten. In seiner Jugend veränderte sich Marxloh in ein Problemviertel, aber Mustafa ging zum Gymnasium und nahm am Schüleraustausch nach Calais teil. Danach studierte er Wirtschaft an der Universität von Duisburg-Essen und International. Das Studium brach er ab, aber dank seiner Sprachkenntnisse und der wirtschaftlichen Erfahrung wurde er als Zwanzigjähriger zum ‘Frontoffice Manager’ für die Universiade 2005 in Izmir: die Weltsportspiele der Studenten. Hier lernte er ‘anständiges’ Türkisch. „Zuvor sagten die Mädchen im Türkeiurlaub immer: wie süß, ich weiß nicht was er sagt, aber es hört sich türkisch an.“ Durch seine Auslandserfahrung lernte er, sein eigenes Viertel auf kreative Weise zu betrachten. Als Teenager bemerkte er, dass

porträt

.nl.de.tr/

S9

man abweisend reagierte, wenn er erzählte, dass er aus Marxloh kam. Das sollte sich ändern. Inzwischen ist er wieder häufiger im Ausland, in Belgien und Frankreich, aber auch in Arnheim und Amsterdam, um vom großen Erfolg von ‘Made in Marxloh’ zu erzählen. Mustafa hat schon wider eine Idee. Viele türkische Frauen in Marxloh wurden, ebenso wie seine eigene Großmutter, schon früh zur Witwe. Aus den Händen dieser Großmutter stammt die Tagesdecke, die eine Freundin von Mustafa so bewundert. Die feine Häkelarbeit der Witwen von Marxloh: Damit müsste sich doch was anfangen lassen. In Kombination mit digitalen Produktionstechniken und modernem Textildesign Studenten könnte man ein gutes Produkt daraus machen. „Handarbeit aus den eigenen Wurzeln, davon können wir noch etwas lernen und es hilft den Witwen. Ein gutes Projekt.“

„Wenn man dort kostenlos Studenten und andere Junge Menschen für den Stadtteil unterbringen würde, dann könnten sie den Kindern aus der Gegend im Gegenzug einige Stunden Nachhilfe geben oder einfach Paten der Kinder werden.“


porträt

S12

Er hat sich schon immer gerne mit Gesellschaft und Politik auseinandergesetzt, sagt Erdem Tali. Daher ist die Mitwirkung an einem Projekt wie Your World von Rotterdam als europäische Hauptstadt für Jugendliche 2009 natürlich ein großes Erlebnis. Gemeinsam mit der Jugendarbeitsgruppe Fusion fungiert er als Gastgeber für ausländische Gäste. „Sechzig Studenten und Jugendliche aus Luxemburg, Belgien, Frankreich, Italien, Großbritannien und Deutschland“, sagt er. „Wir organisieren Informationsabende und Diskussionsrunden. Und natürlich auch Partys. Wir zeigen ihnen die multikulturelle Seite der Stadt.’’ Erdem steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums der Verwaltungswissenschaften an der Erasmus Universität. Von der sechsten Etage des H-Gebäudes aus sieht man die Van Brienenoord-Brücke, Rotterdam Zuid und Feyenoord im gefilterten Nachmittagslicht eines sonnigen Herbsttages. Hier lebt er. Er engagiert sich aktiv im Jugendrat des Stadtteils Feyenoord und ist Mitglied des Einwohnerverbandes Bloemhof. Mitreden und sich in der Umgebung engagieren sind für Erdem selbstverständlich. Die internationalen Kontakte sind da nur eine logische Folge. Im vergangenen Jahr konnte er nicht mit auf den Austausch

.nl.de.tr/ turkishconnections

ins französische Lille. Aber für das nächste Jahr steht die Veranstaltung schon auf dem Plan. Er hofft, dass es diesmal nach Italien geht. Dort war er einmal ein Wochenende auf der Durchreise. „Eine wunderschöne Landschaft, hübsche Städte. Dort würde ich mich gerne mal etwas länger umsehen.’’ „Von den Niederlanden aus ist man schnell im Ausland, das ist das Schöne“, sagt Erdem. Ein Wochenende Shoppen im belgischen Mechelen. Nach Deutschland für Konzerte in Köln und Duisburg. Konzerte seiner kurdischen Lieblingssängerin Aynur Doğan und der Gruppe Munzur. Das europäische Dersim-Festival in Bonn und Duisburg. Hierher kommen tausende Besucher aus ganz Europa, die sich für die anatolische Kultur interessieren. Die˘Wahlen in Deutschland hat er aufmerksam verfolgt, er beobachtet, was Europa von Brüssel aus unternimmt, und versucht, die niederländischen Entwicklungen darin einzuordnen. Geboren wurde er in Nazimiye, einem Dorf in der heutigen Provinz Tunceli. Sein Vater verlies das Land als Gastarbeiter, ging zunächst nach Deutschland, später dann nach Rotterdam. Als jüngstes von acht Kindern kam Erdem später mit seiner Familie nach. Außer Erdem gingen noch zwei Brüder und eine Schwester zur Universität. Er arbeitete als wissenschaftlicher Assistent für eine Agentur, die nach Möglichkeiten

Erdem Tali Schnell im Ausland sucht, schwer vermittelbare Empfänger staatlicher Unterstützung wieder in die Arbeitswelt zu integrieren. Die Zukunft kennt immer weniger Grenzen, meint Erdem. Sprachen sind wichtig. Von Zuhause aus spricht er Kurdisch und Türkisch, dazu kam Niederländisch, ebenso wie Englisch, ein bisschen Deutsch und Französisch. Er denkt über einen SpanischKurs nach, das könnte ganz praktisch sein. Und wer weiß, vielleicht auch Chinesisch. Sein Freundeskreis hat einen gemischten Hintergrund. „Man sollte ein Bestandteil der Umgebung sein, in der man lebt.“ Verschiedenartigkeit, dafür steht Rotterdam. Die Herkunft ist nicht so wichtig. „Er geht um die eigenen Normen und Wertvorstellungen. Den Respekt, den man sich selbst verdienen muss. Und darum, dass man an-

dere so behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte. Dass ich als Kurde meine Sprache beherrsche. Und als Niederländer die Freiheit habe, meine Meinung zu sagen. Das ist wichtig für einen Erdenbürger.’’

Die Wahlen in Deutschland hat er aufmerksam verfolgt, er beobachtet, was Europa von Brüssel aus unternimmt, und versucht, die niederländischen Entwicklungen darin einzuordnen.


turkishconnections

porträt

.nl.de.tr/

S13

Nurdan Erbuğ Internationale Geschäftsfrau für Stiersamen

„Ich verkaufe Sperma.” sagt Nurdan Erbuğ, ˘ mit einem frechen Grinsen. Nurdan ist der zweitgrößte Importeur von Stiersperma in der Türkei. Seit kurzem importiert sie auch Embryos und Hormone, zum Klonen von Kühen und Schafen. Das meiste Material liefern Unternehmen aus den Niederlanden und Amerika. Sie reist zu den Bauernhöfen und Universitäten, die ihre Produkte abnehmen. Wenn sie nach Amerika fliegt, dann am liebsten mit KLM. Für den Zwischenstopp auf Schiphol. „In den Niederlanden machen sie nämlich den besten Kaffee der Welt“, sagt Nurdan. Die Kleinstadt an der Mittelmeerküste, in der sie aufwuchs, wurde ihr schnell zu klein. Sie wollte an die Kunsthochschule. Auf Drängen ihres Vaters wurde sie Elektrizitätsingenieurin an der Bosporus Universität. Dies war ihr Sprungbrett über die Grenze. „Mein Schicksal ist eng mit den Niederlanden verbunden“ sagt Nurdan. Zuerst kam sie zu einem Milchbetrieb, der Niederlän-

dische Kühe importierte. Weil sie Englisch sprach wurde Nurdan schon bald zum Ansprechpartner. So kam sie zum Import von Bussen und Lastwagen von DAF. Bis das niederländische Viehzuchtunternehmen, mit dem sie schon früher geschäftlich zu tun gehabt hatte, sie fragte, ob sie nicht dort arbeiten wolle. Kurz darauf schlug der Rinderwahn zu und man stellte Nurdan die Frage: „Warum fängst du nicht mit Sperma an?“ Die erste Ladung Sperma kam in einem großen Fass voller kühlendem Stickstoff an. Damit musste sie dann quer durch die ganze Stadt zum Veterinärdienst fahren. Durch das Geschaukel begann das Fass wie verrückt zu qualmen. „Ein Polizist hielt mich an und dachte, ich hätte eine Bombe auf dem Rücksitz. Als ich ihm sagte, dass es Sperma sei, ließ er mich mit offenem Mund weiterfahren“ , lacht Nurdan. Ihre türkischen Gegner prophezeiten ihr, sie als Frau würde es nicht ein einziges Jahr aushalten. Aber sie biss sich fest. Ihre niederländischen Kollegen nannten sie ‘die Bulldogge’. „Ich glaube, das ist ein Kompliment“, sagt sie. Ihre

internationalen Kontakte retteten sie vor dem Untergang: Sie entdeckte, dass ihr treuester Mitarbeiter sie betrog und ein Distribuent sich mit einer kostbaren Ladung Sperma aus dem Staub gemacht hatte. Anfangs schwieg sie, wollte vor ihren niederländischen Geschäftspartnern nicht das Gesicht verlieren. „Ich wollte nicht, dass sie dachten: Diese unzuverlässigen Türken vermurksen alles.” Sie nahm Kredite auf, um einen Konkurs zu vermeiden. Dann wurde sie im Jahr 2000 ernsthaft krank, konnte nicht mehr arbeiten und musste alles erzählen. Die Niederländer nahmen es ihr übel, dass sie sich nicht früher gemeldet hatte. Zu

Recht, sagt Nurdan heute. Inzwischen läuft ihr Unternehmen wieder wie geschmiert. Sie hat aus dieser Erfahrung gelernt. Objektiver hinsehen, ohne sich für Fehler zu schämen, und nicht alle Probleme selbst lösen wollen. Sie ist auch viel direkter geworden. „Eigentlich ein bisschen niederländisch“, meint Nurdan. Im Laufe der Jahre wurde ihr das Land zu einem Zuhause. Sie ist Patentante dreier niederländischer Kinder und hat dort so viele Freunde, dass sie ohne einen Pfennig quer durch das ganze Land reisen könnte, erzählt sie stolz. „Aber das mache ich natürlich nicht“, fügt sie schnell hinzu.

Wenn sie nach Amerika fliegt, dann am liebsten mit KLM. Für den Zwischenstopp auf Schiphol. „In den Niederlanden machen sie nämlich den besten Kaffee der Welt. “Ihre niederländischen Kollegen nannten sie ‘die Bulldogge’.


porträt

S14

.nl.de.tr/ turkishconnections

Aysun Yontar Die Reisen liegt ihr im Blut „Ich habe nicht verstehen. Können Sie das noch einmal sagen?” Im Proberaum des Staatstheaters Wiesbaden spielt die Schauspielerin Aysun Yontar ihre Rolle einer türkischen Mutter. Konzentriert liest sie den Text des Theaterstückes „Türkei-Deutschland 0-0“ über eine türkische Mutter in Deutschland, und eine deutsche Mutter in der Türkei. In ein paar Monaten wird das Stück, zweisprachig, in Deutschland und in der Türkei aufgeführt werden. Aysun lebt seit sechzehn Jahren in Köln. Sie spielte in unterschiedlichen Produktionen, von Kabarett bis hin zu tot modernem Theater. 1996 startete sie Theaterprojekte als Therapieform für Kinder und Erwach-

sene, die mit Arbeitslosigkeit, Sucht oder Kriminalität zu tun hatten. „Ich habe gelernt, genauer hinzusehen und Menschen dadurch besser zu verstehen“, erklärt sie. Dann bekam sie ihren Sohn und wand dem Theater den Rücken zu, um sich seiner Erziehung zu widmen. In „Türkei-Deutschland 0-0“ steht sie zum ersten Mal wieder auf der Bühne. In letzter Zeit reiste Aysun von ihrem deutschen Wohnort aus wieder häufiger in die Türkei, zur Vorbereitung der Darbietung Istanbul Kulturhauptstadt Europas 2010. Das Reisen und Emigrieren liegt in der Familie. Ihre Großeltern mütterlicherseits flüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem kommunistischen Regime aus Bulgarien. Die Familie landete im Nordosten der Tür-

kei. Aysun selbst wuchs in Istanbul auf. „Aber genau wie meine Familie fühlte ich eines Tages, dass ich weiter ziehen musste.’’ Ihre erste große Reise führte sie nach Deutschland. Dann lernte sie als Rucksacktouristin an den türkischen Stränden einen Deutschen Motorradfahrer kennen. Die beiden zogen in Istanbul zusammen und zogen später in Richtung Wuppertal. Aysun landete im Theaterleben und hatte Auftritte in ganz Europa. Eines weiß Aysun ganz sicher: Ihr endgültiges Reiseziel führt sie zurück zu den Wurzeln ihrer Familie: nach Tuva. Dies ist eine kleine russische Republik in Sibirien. Schon früher hing Aysun ihrer Großmutter an den Lippen, wenn diese die Familiengeschichten aus Tuva erzählte. Seitdem hat sie Tuva in ihr Herz geschlossen.

sun vermisst ihre Freunde. Ihr fünfjähriger Sohn wird Deutscher, daran hat sie keine Zweifel. „Aber ich werde ihm vieles über meine Vorfahren beibringen, das man hier nicht findet“, sagt Aysun. Auch ihm liegt das Reisen im Blut, denkt sie. In diesem Sommer war er sieben Wochen lang bei ihrer Familie in Istanbul zu Besuch und ließ sich danach nur mühsam wieder mit nach Hause nehmen. Später, wenn er achtzehn ist, kann er selbst entscheiden: Entweder mit seiner Mutter nach Sibirien, oder er macht sich auf die Suche nach seiner eigenen Bestimmung in der Welt. „Denn er ist wie ich. Eines Tages will er weg.“

So trägt Aysun eine ganze Reihe von Kulturen in sich. Von türkischer Seite, so sagt sie selbst, hat sie das Emotionale, das Leibliche, die Neigung, schnell andere Menschen zu berühren. Und vielleicht ihre Mühe, mit Geld umzugehen. Und der deutsche Einfluss? Darüber muss Aysun nicht lange nachdenken. „Durch Deutschland bin ich ein ordentlicher Mensch geworden. Nun stehe ich rechtzeitig auf, um zur Arbeit zu gehen“, lacht sie. Aber Deutschland hat sie auch einsamer gemacht, denkt sie. Ay-

Emigrieren liegt in der Familie. Ihre Großeltern mütterlicherseits flüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem kommunistischen Regime aus Bulgarien. Die Familie landete im Nordosten der Türkei. Aysun selbst wuchs in Istanbul auf.


turkishconnections

Das Beste an den Niederlanden findet er das Fahrrad. Wann immer es geht machen Atilla Hancı und seine Frau Tagesausflüge auf dem Rad. Von ihrem Haus im Rotterdamer Stadtteil Kop van Zuid bis nach Den Haag oder nach Delft. „Wunderschön, man fährt einfach wohin man will. An Kühen und Windmühlen vorbei. Auf all den schönen Radwegen“, erklärt Atilla. Wir befinden uns weit oben im Bürogebäude an der Maas, in dem Atilla als Projektmanager für das internationale Umschlagsunternehmen Maersk arbeitet.

porträt

.nl.de.tr/

S15

sie sollten etwas gemeinsam haben mit den Menschen in ihrer Umgebung. Common ground nennt man das im Englischen. „Für mich bedeutet das gegenseitigen Respekt, dass man sich auf bestimmte Regeln verständigt. Dass man ein Land versteht. Und dass es zur eigenen Lebensart passt. Wenn der Unterschied zur Türkei zu groß wäre, würde ich mich hier auch nicht zuhause fühlen.’’ Auch das Radfahren passt für ihn dazu. Als er hier ankam, wunderte Atilla sich, dass seine Kollegen mit dem Fahrrad zur Arbeit kamen. Jetzt tut er es selbst.

Atilla ist ein Expat: ein junger, gut ausgebildeter Türke, der sein Land verlassen hat, um die Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu nutzen. Nach seinem Studium an der Universität und seiner Arbeit in der food processing Industrie kam er in die Welt des Seetransportes. Zunächst war er zwei Jahre lang für Maersk in Hamburg, inzwischen arbeitet er in Rotterdam. Atilla stammt aus Çanakkale, einer Stadt am Marmarameer, ca. 300 Kilometer südöstlich

nicht reibungslos. Der niederländischen Einwanderungsbehörde war bei der Erteilung seiner Arbeitserlaubnis ein Fehler unterlaufen. Dadurch entstand eine erhebliche Verzögerung bei der Beantragung der richtigen Papiere. Kein schönes Gefühl, fand Atilla. Vor allem nicht auf seiner Arbeit. „In einem so großen internationalen Unternehmen möchte man natürlich gerne ein vollwertiger Teil sein.’’ Als er in die Niederlande umzog, sah er dies vor allem als eine neue Herausforderung. Wenn man für ein internationales Unternehmen arbeitet, ist eine Versetzung ins Ausland immer möglich. Aber seit er verheiratet ist, möchte er lieber nicht mehr in ein neues Land versetzt werden. „Ich bin hier glücklich. Das einzige Problem ist vielleicht das Wetter”, lacht Atilla. In dieser Welt, in der Menschen und Kulturen immer mehr Grenzen überschreiten, erscheint ihm eine Eingliederung in die Gesellschaft nur logisch. Vor allem wenn er in den Niederlanden bleibt. Das bedeutet für ihn nicht so sehr, dass alle Immigranten plötzlich Niederländer werden sollten. Aber

„In einem so großen internationalen Unternehmen möchte man natürlich gerne ein vollwertiger Teil sein.’’

‚,Wenn der Unterschied zur Türkei zu groß wäre, würde ich mich hier auch nicht zuhause fühlen.’’

von Istanbul. Menschen aus seiner Heimatstadt kennt er kaum, er ist ,,international eingestellt’’. Freunde hat er vor allem unter seinen niederländischen Kollegen. Die Verkehrssprache auf der Arbeit ist Englisch. Niederländisch versteht er zwar, aber das Sprechen fällt ihm schwer und er würde es gerne besser lernen. In den Niederlanden lässt es sich gut leben, findet Atilla. Die Menschen sind nett und hilfsbereit. Er ist jung, hat seine Ausbildung: der Vorteil ist gegenseitig. Die Niederlande sehen ein, dass junge Immigranten, die etwas auf dem Kasten haben, einen positiven Beitrag leisten. Seine Einreise verlief jedoch


porträt

S18

.nl.de.tr/ turkishconnections

Semiha ünal Ohne Visum nach Europa Mühelos und mit einem strahlenden Lächeln spricht Semiha Ünal einen nach dem anderen niederländischen Geschäftsmann an auf einer Party im Palais de Hollande, dem niederländischen Generalkonsulat in Istanbul. An nichts kann man hören, dass sie seit 23 Jahren nicht mehr in den Niederlanden lebt. Sie hat ihr eigenes Unternehmen gegründet, das zwischen niederländischen und türkischen Unternehmen vermittelt, und sie gehört zum Vorstand des niederländischen Verbandes. Semiha bewegt sich elegant zwischen den Kulturen hin und her. Geboren und aufgewachsen ist sie in Den Haag. Mit achtzehn Jahren, nach ihrem Abitur am Maerlant Gymnasium bekam sie den Schock ihres Lebens: Ihre Eltern be-

schlossen, zurück nach Eskişehir zu ziehen. Von Den Haag in eine konservative Stadt im Herzen Anatoliens: keine besonders vielversprechende Aussicht. Der einzige Vorteil schien ihr, dass sie dort vielleicht kein Außenseiter mehr sein würde, so dachte sie jedenfalls. Sie wurde enttäuscht. „Ich war völlig geschockt, wie sehr die Menschen sich hier in Schubladen einordnen. Politisch oder ethnisch, da gab es viele Kategorien. Ich wurde oft vor meiner Freundin gewarnt - sie sei Mitglied einer feindlichen Partei. Und ich dachte immer, wir Türken wären alle gleich.” Sie hatte solches Heimweh nach Den Haag, dass ihre Mutter jahrelang ihren Pass versteckte, um ihre Tochter zuhause zu halten. Letztendlich gab sie es auf, heiratete, bekam Kinder, ging arbeiten. Inzwischen

machte sie jedoch ihren Universitätsabschluss und außerdem ein englischsprachiges Studium zum Master of Business Administration. Die niederländischen Wurzeln machten sich immer wieder bemerkbar. Aber sie hatte keinen niederländischen Pass mehr. „Die Niederlande haben mich gefördert: Ich bin dort zur Schule gegangen, habe die niederländische Zivilisation mitbekommen. Aber dorthin zurück konnte ich nicht, es sei denn, ich würde fünf Jahre lang dort hinziehen”, sagt sie ein wenig verbittert. Ihr ausgezeichnetes Englisch, das sie in der Schule gelernt hatte, war ihre Rettung. Sie kämpfte sich hoch bis in eine Managerposition in einem staatlichen Unternehmen. Dadurch bekam sie nach zehn Jahren auch einen speziellen Pass, mit dem sie ohne Visum nach Europa reisen konnte. Als ihre Söhne alt genug waren, kam es dann doch soweit. Sie verlies ihren Mann und flog in die Niederlande. Dort wurde sie in einem Callcenter angenommen. Schon bald bot man ihr jedoch eine Managerposition in einer Geschäftsstelle in Istanbul an. Also flog sie wieder zurück. Auf ihrer Arbeit war sie umgeben von Türken mit niederländischem Hintergrund und dort fühlte sie sich wie ein Fisch im Wasser. Außerdem bietet Istanbul alle Vorteile einer Metropole. „Es ist großartig hier. Meine Freundinnen in den Niederlanden haben ein viel beschränkteres Leben

als ich. Sie arbeiten und gehen dann wieder nach Hause. Hier gibt es so viele tolle Orte. Und das Nachtleben ist der reine Wahnsinn!” Semiha wohnt im asiatischen Teil der Stadt: ein hochmoderner Stadtteil mit Sportanlagen und Einkaufszentren die High Park, Andromeda, South Side oder Equinox heißen. Semiha klingt es wie Musik in den Ohren: international, auch wenn die Niederlande für sie immer noch an erster Stelle kommen. „Ich bekomme zwar keinen Pass, aber die Niederlande werden mich trotzdem nicht los.” In den Ferien kommen ihre Söhne zu Besuch. Der älteste hat gerade einige Monate in Amerika studiert. Das ist gut, sie wünscht sich, dass ihre Kinder sich international orientieren. Niederländisch sprechen sie nicht. „Aber was ‘gezellig’ bedeutet – das wissen sie.”

An nichts kann man hören, dass sie seit 23 Jahren nicht mehr in „Ich bekomme zwar keinen Pass, aber die Niederlande werden den Niederlanden lebt. mich trotzdem nicht los.”


turkishconnections

porträt

.nl.de.tr/

S19

Ahmet Aslan Europäische Harmonie und orientalischer Rhythmus

Bisher hat er nur wenige Konzerte dort gegeben, aber auf den Straßen Istanbuls wird er bereits regelmäßig von Fans angesprochen. Eigentlich kann Ahmet Aslan Istanbul gar nicht leiden. Mainz oder Köln - da fühlt er sich zuhause. „Hier ist es laut und bedrückend. Und aus politischer Sicht ist es unfrei”, sagt Ahmet. Trotzdem werden seine politisch gefärbten CDs hier herausgegeben. Ahmet steht der Welt nicht gleichgültig gegenüber. Er ist ein Kurde aus Hozat in Tunceli, oder Dersim, wie es hieß bevor die Türkei dort 1938 einen großen Aufstand niederschlug. In den vergangenen 20 Jahren war Dersim erneut ein Widerstandsherd, der rigoros von der türkischen Armee unterdrückt wurde.

ziger Konservatorium studierte er Gitarre bei dem großen Flamenco-Gitarristen Paco Peña.„Ich fühle mich jetzt als Europäer’’, so sagt er in einem Straßencafé in Istanbul, als er gerade von einem Besuch in Dersim zurückgekehrt ist. Es war das erste Mal seit 12 Jahren, dass er dort war. „Es ist komisch. Dersim hat sich verändert. Ich auch. Meine Familie und ich haben uns voneinander entfernt. Wo Wissen ist, da bin ich zuhause. Am stärksten fühle ich mich jetzt mit meiner Schule verbunden.’’ Die steht zurzeit in Rotterdam. Ahmet studiert seit 2008 am Konservatorium Codarts. Er begleitet seine tiefe Stimme auf der Saz,

Er studierte am Konservatorium in Istanbul, aber als Kurde wollte er aus der Türkei heraus. Ein entferntes Familienmitglied lud ihn nach Deutschland ein. Dort beantragte er Asyl und wurde aufgenommen. Am Leip-

Ein entferntes Familienmitglied lud ihn nach Deutschland ein. Dort beantragte er Asyl und wurde aufgenommen.

dem türkischen Saiteninstrument mit rundlichem Resonanzkörper, oder auf der Gitarre und spielt anatolische Volksmusik. Seine türkischen und kurdischen Balladen handeln häufig von der Sehnsucht nach einem unbekannten, verletzten Heimatland. Und von Trauer, tiefer Trauer. „Ohne Betrübnis wird ein Mensch kein Mensch“, so findet er. Und: „Liebe ist das Verlangen an sich. Sobald man sein Ziel erreicht hat, ist es mit der Liebe vorbei.“ Ahmet nimmt seine Musik sehr ernst. Die Lieder seiner Heimat und die Geschichten derer, die 1938 miterlebt haben, inspirieren ihn. Mit seiner Musik versucht er, das Zazaki, die Sprache der kurdischen Aleviten, zu retten. „Ich spiele keine Popmusik, ich möchte bleibende Musik machen. Ich gebe nur richtige Konzerte, keine Auftritte auf Hochzeiten und in Kneipen. Und ich mag auch keine Videoclips. Manchmal ist das wirklich schwierig.“ In seiner Musik klingt ab und zu der Flamenco hindurch. Außerdem benutzt er westliche Instrumente. Dass er so selten nach Dersim kommt, findet er schade. „Aber man kann es auch als

einen Gewinn sehen. In Europa habe ich Harmonie und Technik gelernt. In unserer orientalischen Musik steht der Rhythmus im Vordergrund. Wenn man diese beiden Dinge kombiniert, kann etwas wunderbares daraus entstehen.“ Sein wichtigster Dozent am Codarts ist der Deutsche Martin Greve. Gemeinsam mit seinem anderen Dozenten Kemal Dinç entwickeln sie gerade ein neues Instrument, eine Kreuzung zwischen der Saz und der klassischen Gitarre. Die Krönung von Ahmets fusion.

„Ich spiele keine Popmusik, ich möchte bleibende Musik machen“.


porträt

S20

Sie ist keine Frau, die lange still sitzen kann. In Duisburg, der Stadt, in der Ergül Kaygun aufwuchs, hat sie gerade gemeinsam mit ihrem Bruder und der Schwägerin ein Schmuckgeschäft eröffnet. Die Silberwaren werden in Istanbul hergestellt, von Ergül importiert und an einen internationalen Kundenkreis verkauft. „Schmuck ist doch etwas schönes, die Leute kaufen ihn gerne. Das Geschäft vermittelt positive Energie neben all der schweren Arbeit in den Stadtteilen“, sagt Ergül über einer Tasse Kaffee bei Engels. Ihren Hals ziert eine selbstgemachte Kette aus Glasperlen. Von Rotterdam aus sah sie, wie die Zustände in ihrem alten Duisburger Stadtteil Marxloh immer schlimmer wurden. Marxloh wurde zu einem Problemviertel mit vielen Immigranten, der Mittelstand zog weg. Plötzlich waren da die türkischen Unternehmer, die ihre Chance nutzten. Sie eröffneten hier ihre Modegeschäfte. Viel Brautmode: in der Türkei entworfene, meist ausgelassene Kleidung, aber von guter Qualität und nicht zu teuer. Das kam an, auch außerhalb von Marxloh und weit über Duisburg hinaus. Aus den Niederlanden und Belgien kamen die Kunden, um hier ihre Brautmode zu kaufen. Da passt ein Schmuckgeschäft genau dazu, dachte sich

.nl.de.tr/ turkishconnections

Ergül. Und es machte Spaß. Marxloh wurde neu belebt. Ergül weiß, was es heißt, einem Problemviertel wieder auf die Beine zu helfen. Sie bietet Interim-Management und Projektarbeit an und ist Ratgeber für Gemeinden und Unternehmen. In Rotterdam Zuid rettete ihr Unternehmen das Appartementhaus De Peperklip. Sie stellten einen Gebäudemanager ein, der die Probleme der Bewohner untereinander und mit den Institutionen löste. Die Idee dazu entstand am Flughafen Schiphol, als sie für einen Flug nach Istanbul eincheckte. „Alles läuft wie am Schnürchen auf so einem Flughafen. Ein Bereichsmanager behält dort alles im Auge und sorgt dafür, dass die Koffer vom Band rollen.’’ Ihr Geschäftspartner Ton Huiskens kam so auf die Idee, Bereichsmanager für große Gebäude und Problemviertel anzustellen. Problemviertel, die Vorbildviertel werden sollen: Ergül sieht es häufig entgleisen. Kreative Ideen werden vom Tisch gefegt. Zum Beispiel die Schaffung von Jobs für Jugendliche in Problemvierteln. „Das ist kommerziell, wird dann gesagt’’, sagt Ergül. „Aber die beste Art, sich zu emanzipieren, ist die mit selbstverdientem Geld.“ Ergül weiß wovon sie spricht. Sie emigrierte 1967 als Dreijährige aus einem Dorf im Osten der Türkei nach Duisburg. Sie folgte ihrem Vater, der als Gastarbeiter in den

„Aber die beste Art, sich zu emanzipieren, ist die mit selbstverdientem Geld.“

Ergül Kaygun Niederländisch, Türkisch, Deutsch: darin und darüber Stahlfabriken von Thyssen im Ruhrgebiet arbeitete. Mit neunzehn heiratete sie in den Niederlanden, bekam ein Kind, studierte aber weiter: Deutsche Sprache und Literatur an der Universität von Leiden. Sie wurde Beamtin und gründete anschließend ihre eigenen Unternehmen. Zuhause ist sie in den Niederlanden, aber sie bemerkt, dass die Menschen sie noch immer anders behandeln, sobald sie ihren Namen nennt. Sie wird gefragt, wann sie wieder zurück geht. „Ich habe ein dickes Fell. Aber mein Sohn, der hier geboren wurde und aufgewachsen ist, sagt: Die wollen mich hier nicht mehr. Das ist verwirrend.

Er hat eine Anstellung im Finanzsektor. In Ankara und Istanbul heißt man solche Talente herzlich Willkommen.’’ Ihre Identität durchkreuzt die nationalen Grenzen, sagt Ergül. Ihre Brüder und Schwestern wohnen in Duisburg und Frankfurt. Ihre Eltern sind nach Istanbul zurückgekehrt. Sie selbst reist häufig hin und her nach Deutschland, mindestens dreimal jährlich in die Türkei. ,,Ich fühle mich vor allem ich selbst. Niederländisch, Türkisch, Deutsch? Ich bin mitten darin und stehe darüber. Das ist einfach richtig schön.’’

Die Silberwaren werden in Istanbul hergestellt, von Ergül importiert und an einen internationalen Kundenkreis verkauft.


turkishconnections

porträt

.nl.de.tr/

S21

Nabiye Müjde Aus der Türkei in die Niederlande und zurück

„An fünf Tagen pro Woche habe ich eine Haushälterin, die kocht und sich um die Kinder kümmert. Ich würde nie wieder zurück in die Niederlande wollen,” sagt Nabiye Müjde. Die Haushälterin kocht uns einen Tee und reicht selbstgebackenes Kartoffelgebäck herum. Ganz ohne die Niederlande kann Nabiye trotzdem nicht. Wenn sie von ihrem alljährlichen Besuch zurück kommt, bringt sie einen ganzen Koffer voller Honigkuchen, Rosinenbrötchen und Lakritz mit. Und was noch wichtiger ist: Hätte sie vor sechzehn Jahren nicht die Stelle beim niederländischen Generalkonsulat bekommen, dann wäre sie schon längst wieder zurückgegangen, meint sie. „Ohne die niederländische Kultur im Konsulat hätte ich mich nie hier einleben können”, erklärt Nabiye. Nabiye war vier Jahr alt, als ihre Familie aus der türkischen Kleinstadt Adana ins holländische Zaandam umzog. Ihr Vater arbeitete dort bereits ein paar Jahre als Zimmermann. In den Niederlanden hatten die

fünf Töchter und der Sohn der Familie die besten Chancen. Nabiyes Vater lebt inzwischen wieder in Adana. Nabiyes Mutter, ihre Schwestern und ihr Bruder wohnen noch immer in den Niederlanden. Bevor sie nach Istanbul umzog, arbeitete sie genau wie ihr Vater bei der Gemeinde Zaandam. „Ich hatte einen guten Arbeitsplatz gefunden, ein hübsches Haus, ein kleines Auto. Aber eines Tages lief ich mit meiner Schwester über die Istiklal Caddesi, am niederländischen Konsulat vorbei, und sagte plötzlich einfach so, dass ich dort gerne mal ein Jahr arbeiten würde. Ich war einfach abenteuerlustig.” In ihrem ersten Jahr in der Türkei hatte sie ständig Streit mit Beamten, Bankangestellten, mit all den Personen, mit denen sie Dinge regeln musste. „In den Niederlanden ist der Kunde König. Hier sind sie es.“ So richtig zuhause fühlt sie sich hier aber eigentlich immer noch nicht. „Erst hier wurde mir klar, wie niederländisch ich eigentlich bin, während ich in den Niederlanden immer dachte, ich wäre türkisch. Manchmal denke ich: Wäre mein Vater doch bloß

in Adana geblieben. Dann wäre ich heute eine einfache Bäuerin mit fünf Kindern.” Stattdessen hat sie zwei Töchter von 7 und 9, auf die sie sehr stolz ist. Für türkische Verhältnisse ist Nabiye erst spät Mutter geworden. Deshalb findet sie mehr Anschluss an eine jüngere Generation. Aber auch dort sorgen ihre niederländischen Wurzeln zum Teil für Reibung. „Meine Freunde werfen mir vor, ich würde meine Kinder nicht lieben, weil ich diszipliniert bin. Sie können ihren Kindern das vierte Eis nicht verweigern. Und die Kinder werden überall mit hin geschleppt. Wenn ich meine Töchter dabei habe, bleibe ich nicht bis 11 Uhr abends irgendwo zum Quatschen und Teetrinken.” Wenn sie Probleme mit ihren türkischen Freunden hat, besucht sie andere Türken, die in den Niederlanden aufgewachsen sind. Schicksalsgefährten, bei denen sie Dampf ablassen kann. Mit ihnen fühlt sie sich wirklich verbunden. Nabiye wohnt seit kurzem mit ihrer Familie in Atakent, einem riesigen Neubauviertel mit Hochhäusern an der Autobahn

nach Edirne. In diesem Stadtteil gibt es die meisten Kindertagesstätten pro Einwohner von ganz Istanbul, sagt sie stolz. Aus diesem Grund wohnen hier viele berufstätige Frauen. Nabiye fühlt sich erleichtert. In Istanbul grüßt man sich nicht. Hier im Compound schon. Die Menschen halten einem hier die Tür auf. Als ich hierher kam, dachte ich: Endlich habe ich die Niederlande gefunden.”

Wenn sie von ihrem alljährlichen Besuch zurück kommt, bringt sie einen ganzen Koffer voller Honigkuchen, Rosinenbrötchen und Lakritz mit.


porträt

S24

.nl.de.tr/ turkishconnections

Mesut Demir Reisen con amore

Inzwischen gilt sein Interesse Asien und Afrika. Für nächstes Jahr steht Südafrika auf seiner Liste. Dann Simbabwe, Tansania und Kenia. China vielleicht. Und Island und Skandinavien. Gemeinsam mit seinem Bruder will er das Polarlicht sehen. „Aurora Borealis, das muss unbeschreiblich schön sein.“ Definitiv wegziehen? Landwirt werden in Italien, oder ein Café in Australien aufmachen? Nein, das nicht: Die Niederlande bleiben seine Ausfallbasis, Rotterdam sein Zuhause. Trotz „der ganzen Geschichte mit den Moslems nach dem 11. September“ und der Verhärtung der Gesellschaft. Vielleicht ein kleines Haus in Essaouira. Wer weiß, vielleicht lohnt sich dort ja ein Eiscafé. „Milch, Zucker und Wasser: Die Zutaten für die Herstellung von Eis findet man überall. Und natürlich con amore. Aber die bringe ich selbst mit.“

Sieben Monate lang arbeitet er zwölf Stunden täglich, sieben Tage pro Woche in seinen beiden italienischen Eisdielen. Aber in den Wintermonaten zieht Mesut hinaus, um neue Länder zu erkunden. Dieses Jahr geht es nach Vietnam, Laos und Kambodscha. Später dann in Richtung Japan. Unbekannte Länder, neue Kulturen, neue

Inzwischen hat er in Rotterdam Noord ein zweites Café hinzubekommen, er stellt sein eigenes Eis her und vermietet Eiswagen. Am Ende der Saison beginnt für ihn die Reise. Das Gefühl von Freiheit, das Bedürfnis, andere Menschen und Kulturen zu sehen. Mesut war schon in Australien und Malaysia, Kuba, Israel und Palästina. Mit dem Auto war er in Spanien, Portugal und Marokko. Auf Marokko war er schon immer neugierig, wegen Tante Latifa, der Nachbarin seiner Eltern, die immer Couscous kochte, wenn er mittags bei ihr war. Südlich von Casablanca fand er diese Wärme wieder. „Safi, Marrakesch, Essaouira: diese Farben und Düfte! Das Straßentheater auf dem Djemma-el-Fna Platz in Marrakesch mit den Orangen und den Affen, einfach toll!“ Es erweitert seinen Horizont. Auf seinen Reisen entdeckt er neue Aromen, neue Düfte, neue Ideen für sein Eis. Diesen Drang hat er vielleicht von seinem Vater geerbt. Der zog mit seinen Brüdern aus einem kleinen Dorf in einem Tal bei Anatolien in das unbekannte Nordeuropa. Ein wahres Abenteuer. Bis er zwanzig Jahre alt war reiste Mesut jeden Sommer mit seinen Eltern nach Anatolien und Antalya an die Küste. Aber er wollte weiter. Italien war seine erste große Reiseliebe. Fast hätte er sich dort niedergelassen. „Diese Wärme, darin erkenne ich vieles“, so sagt er.

Auf seinen Reisen entdeckt er neue Aromen, neue Düfte, neue Ideen für sein Eis.

Mit seinem Studium der kommerziellen Wirtschaft hätten seine Eltern ihn lieber Bankdirektor werden sehen.

Die Eis-Werbetafel vor dem italienischen Eiscafé Doppio am Crooswijkseweg wiegt im sanften Wind ein wenig verloren hin und her. Die Saison ist fast vorbei, bald wird Mesut Demir seine Türen wieder für einige Monate schließen und auf Reisen gehen. Innen hängt ein mannshohes Foto der Stadt Rome in den Fünfzigerjahren, eine Gruppe von Italienern sieht einer Amerikanerin hinterher. „Dieses Bild sah ich zum ersten Mal in Sydney, auf meiner Rundreise durch Australien”, sagt Mesut.

Kontakte. „Schon als kleiner Junge träumte ich von einer Reise mit dem TranssibirienExpress. Die meisten Menschen kommen nicht dazu. Ich kann mir diese Art von Träumen erfüllen. Das ist ein Privileg“, sagt Mesut. Mit seinem Studium der kommerziellen Wirtschaft hätten seine Eltern ihn lieber Bankdirektor werden sehen. Aber sein Studentenjob in einer Espressobar am Beursplein gefiel ihm ausgezeichnet. Vor fünf Jahren übernahm er das Café Doppio.


turkishconnections

porträt

.nl.de.tr/

S25

Mehmet Salpar Ich würde wunderbar dorthin passen.

Mehmet Salpar malt niederländische Mühlen. Gewohnt hat er in den Niederlanden nie, aber noch immer reist er täglich in Gedanken über die Grenze in die flache Polderlandschaft. „Die Niederlande sind jeden Tag sein erster und letzter Gedanke”, sagt Seine Melek. „Er ist ganz verrückt danach.” Madurodam ist sehr hübsch, und er mag die Musik auf den Straßen in Amsterdam. Aber das Schönste ist wohl der Keukenhof, sagt Mehmet, aus der Sicht des Künstlers. Diese Farben, diese Einteilung. „Das ist ein wahres Paradies im Frühling. Alles ist so sauber und ordentlich.’’ Seine Liebe erwachte, als er 1980 zum ersten Mal dort im Urlaub war. In den 80er Jahren kam er mehrmals dorthin zurück. Sein Gesicht strahlt, als er von dem Michael Jackson- Konzert in Istanbul erzählt, auf dem er die ganze Nacht durch tanzte. Am nächsten Morgen machte er sich mit seiner jungen Braut auf eine lange Rundreise durch Europa, die ihn erneut in die Niederlande führte. Das war 1987. Danach was es

mit dem Reisen vorbei, denn „wenn man verheiratet ist, ist man nicht mehr so ungebunden“. Durch die Arbeit in seiner Apotheke in Istanbul kam er dann nicht mehr dazu. Die Niederlande blieben ein Traum in der Ferne. Die Malerei nimmt einen ganz besonderen Platz in seinem Leben ein. Die Ausstellungen seiner Werke bringen ihn in Kontakt mit der Welt, mit anderen Menschen und Kulturen. „Vor ein paar Jahren kaufte ein Amerikaner auf einer meiner Ausstellungen im Stadtteil Beyoğlu eines meiner Bilder. Dieses Bild hängt heute in Florida. So etwas berührt mich. Jeder Mensch, den ich kennenlerne, macht mich ein wenig glücklicher.“ Die Niederlande sind das dominierende Thema seiner Werke als Amateurmaler. Im Laufe der Jahre erstellte er unzählige Bilder von niederländischen Mühlen. Seine Leidenschaft gipfelte 1990 in den Besuch des niederländischen Generalkonsuls bei der Eröffnung seiner ersten Ausstellung. Seitdem steht er auf der Gästeliste des niederländischen Generalkonsulats in Istan-

,,Mein großer Traum ist eine Ausstellung in den Niederlanden.“

bul und nimmt immer an den Feierlichkeiten zum Geburtstag der niederländischen Königin teil. Nachdem seine Apotheke 2005 aufgrund einer Stadtsanierung schließen musste und Mehmet notgedrungen in Rente ging, setzte er sich zum ersten Mal seit Jahren wieder in das Flugzeug nach Amsterdam. Während er ein Mühlenbild nach dem anderen hervor holt, erklärt er: ,,Mein großer Traum ist eine Ausstellung in den Niederlanden. Meine Freunde vom Künstlerverband lachen mich immer aus. In dem Jahr, in dem ich Mitglied wurde, hatte der Verband eine Gemeinschaftsausstellung in Amsterdam. Ich war gerade zu spät gekommen.“ Sein guter Freund Jef Clement aus Heerlen, selbst Maler und mit einer Türkin verheiratet, hatte ihm mit seiner Ausstellung helfen wollen. Leider verstarb er frühzeitig. Über Jef lernte er viele Freunde in den Niederlanden kennen. „Ich möchte immer noch nichts lieber als eine Ausstellung in den Niederlanden, in Erinnerung an Jef. Ich hatte hier inzwischen 29 Ausstellungen, einzig und allein durch meinen eigenen Ein-

satz. Darauf bin ich stolz. In den Niederlanden gibt es Organisationen, die Werbung für jemanden machen können. Würde ich dort wohnen, dann wäre es einfacher. Ich würde übrigens wunderbar dorthin passen - in die Niederlande. Besser als viele andere Türken meiner Generation. Die schließen sich alle in ihren Häusern ein.“

Seitdem steht er auf der Gästeliste des niederländischen Generalkonsulats in Istanbul.


porträt

S30

.nl.de.tr/ turkishconnections

Ramadan Demirel Gemüse aus der Ferne

Wer sich in Duisburg nicht auskennt, der muss vielleicht ein wenig suchen. Immer mehr zufriedene Kunden finden jedoch den Weg in das Lebensmittelgeschäft der türkischen Familie Demirel. Ein Tor hinter der Hauptstraße, die quer durch den Stadtteil Marxloh verläuft, verschafft Zugang zu einer ehemaligen Garage, in der sich das Geschäft und das Exportunternehmen der Demirels befinden. Ramadan Demirel ist damit beschäftigt, einen Lastwagen mit einem Sackkarren zu entladen. Vater Saban Demirel hilft ihm dabei, Mutter Aicha beaufsichtigt alles, flüchtet aber lachend in die Kabine des Lastwagens als ein Foto gemacht werden soll. „Sie ist der wahre Chef dieses Familienunternehmens“, sagt Ramadan Demirel mit Nachdruck. „Wenn ich bei den Bauern auf der anderen Seite der Grenze Gemüse einkaufe, ist sie dabei. Das ist gute Ware, sagen die Bauern dann. Aber wenn sie es ablehnt, weil sie nicht überzeugt ist, dann findet der Kauf nicht statt.“

Gemüse und Obst holen sie mit dem Lastwagen aus Belgien und den Niederlanden: Tomaten, Gurken, Auberginen und Erdbeeren gelangen so in den Duisburger Supermarkt. In den großen Kühlzellen, die in der ehemaligen Garage stehen, liegen Kisten mit Aprikosen, Bohnen und Peperoni, die mit dem Lastwagen aus Mersin an der Südostküste der Türkei geliefert wurden. Im Raum daneben stehen hohe Stapel Eier neben Mehl, Reis, Fleisch und Würsten. Dies ist die Abteilung seines Bruders, Ramadan kümmert sich um Obst und Gemüse. Seit zwölf Jahren gibt es den Familienbetrieb nun, und das ist Anlass für ein bescheidenes Jubiläum, sagt Ramadan. Hätte ihm früher einmal jemand gesagt, die Familie Demirel werde eines Tages auf der Suche nach Obst und Gemüse die Grenze überschreiten, dann hätte er wahrscheinlich seltsam dreingeschaut. Die Familie kam vor vierzig Jahren aus der Stadt Konya im Zentrum der Türkei nach Deutschland. Ramadan studierte ein paar Jahre Jura und kam zur Abteilung Kreditvergabe bei einer

„Meine Mutter sagte: „Du musst Geduld haben, die Leute erkennen Qualität“.

Bank. Seine Eltern verkauften Stoffe auf dem Markt. Sie beschlossen, Lebensmittel zu verkaufen, denn gute und günstige Nahrungsmittel werdend immer gebraucht. In den ersten beiden Jahren musste man um die Kunden kämpfen. „Wir hatten keine Ahnung von Nahrung und die Kunden blieben aus. Meine Mutter sagte: „Du musst Geduld haben, die Leute erkennen Qualität“. Sie hatte Recht, inzwischen sind wir in ganz Duisburg das größte Importunternehmen für Obst und Gemüse mit einem Supermarkt. Ich habe sogar Kunden aus den Niederlanden, die hier ihre niederländischen Tomaten kaufen, weil sie günstiger sind.“ Er arbeitet häufig mit niederländischen Bauern zusammen. Die haben eine direkte, offene Art, Geschäfte zu machen, findet Ramadan. In der Türkei muss man die Leute erst kennen, um Geschäfte mit ihnen zu machen. Deshalb arbeiten die Demirels am liebsten innerhalb ihrer Familie. Da hat man eine bessere Übersicht. Wird die Demirel Company noch weiter wachsen? Das steht in den Sternen, lacht Ramadan.

Vielleicht wenn die Familie weiter wächst. Das schönste an der Arbeit findet er zufriedene Kunden. „Geld verdienen ist natürlich wichtig“, sagt Ramadan. „Aber letztendlich habe ich die größte Freude, wenn sich die Kunden bei mir bedanken un das nächste Mal wieder kommen. Das ist das größte Kompliment, das man bekommen kann.“

Das schönste an der Arbeit findet er zufriedene Kunden.


turkishconnections

Mustafa studierte Wirtschaft an der Universität von Duisburg-Essen und International. Das Studium brach er ab, aber dank seiner Sprachkenntnisse und der wirtschaftlichen

porträt

.nl.de.tr/

S31

NL-RUHR: Die Niederlande bei RUHR.2010

Erfahrung wurde er als Zwanzigjähriger zum ‘Front-office Manager’ für die Universiade 2005 in Izmir: die Weltsportspiele der Studenten. Hier lernte er ‘anständiges’ Türkisch. „Zuvor sagten die Mädchen im Türkeiurlaub immer: wie süß, ich weiß nicht was er sagt, aber es hört sich türkisch an.“ Mustafa Tazeoğlu

,,Wo Wissen ist, da bin ich zuhause. Am stärksten fühle ich mich jetzt mit meiner Schule verbunden. Die steht zurzeit in Rotterdam.“ Ahmet studiert seit 2008 am Konservatorium Codarts. Ahmet Aslan

Das Ruhrgebiet ist Kulturhauptstadt 2010 und die Holländer feiern kräftig mit. An mehr als 150 Aktivitäten werden niederländische Künstler während RUHR.2010 beteiligt sein. Überall, wo das gelbe Kennzeichen von NL-RUHR auftaucht, sind sie dabei mit Musik und Theater, mit Design und Tanz, mit Malerei und Landschaftskunst. NL-RUHR hat für jeden etwas im Programm - im gesamten Ruhrgebiet und das ganze Jahr hindurch. Alle Informationen gibt es auf www.nl-ruhr.de The Flying Grass Carpet: Ein Perserteppich in der Stadt Im Juli gibt es einen besonderen Grund, nach Essen zu fahren. Direkt beim Hauptbahnhof, auf dem Willy-Brandt-Platz, landet dann ein riesiger bunter Perserteppich aus Kunstgras. Mitten in der Stadt kann man einen Monat lang auf dem Flying Grass Carpet picknicken, Frisbee spielen, lesen oder einfach entspannen. Es wird auch Konzerte und Tanzvorstellungen geben und auch ein Fußballspiel ist geplant. Nicht ohne Grund heißt er „Flying Grass Carpet“, denn der Teppich fliegt von einem Ort zum anderen, um als öffentlicher Park die Städte für kurze Zeit zu verschönern. In diesem Jahr landet der farbenfrohe Teppich in den drei Kulturhauptstädten. Von Pécs kommt er im Juli nach Essen und fliegt im September auch noch weiter nach Istanbul. The Flying Grass Carpet – 01. bis 31. Juli 2010 – Willy-Brand-Platz, Essen

„Erst hier wurde mir klar, wie niederländisch ich eigentlich bin, während ich in den Niederlanden immer dachte, ich wäre türkisch. Manchmal denke ich: Wäre mein Vater doch bloß in Adana geblieben. Dann wäre ich heute eine einfache Bäuerin mit fünf Kindern.” Nabiye Müjde

Concrete Playground: Internationale Streetart Bei „concrete playground“ geht es um Streetart. Bis zum 30. September gibt es auf Zeche Zollverein eine Pop-Up-Gallery, in der in wechselnden Ausstellungen Arbeiten von Pionieren und Nachwuchskünstlern der Straße präsentiert werden. Mit dabei ist auch die holländische Graffiti-Legende Niels „Shoe“ Meulman. Während der gesamten Laufzeit der Ausstellung gibt es kostenfreie Workshops für Jugendliche. Wer also wissen will, was gerade angesagt ist, sollte dort vorbeischauen. Beim Juicy Beats Festival am 31. Juli im Dortmunder Westfalenpark schaut „Streetlab“ mit jungen Modemachern, DJs & Street Artists aus Amsterdam vorbei. Hier treffen sie auf Jugendliche und Kreative aus dem Ruhrgebiet, um zu schauen, was die Jungs hier so drauf haben. Wer am 31. Juli keine Zeit hat, kann im August kann die Arbeiten von Streetlab auch noch in einem Pop up-Shop bei Heimatdesign in Dortmund sehen. Niels „Shoe“ Meulman bis 30.09.2010 – Zeche Zollverein, Essen Streetlab bei Juicy Beats 31. Juli 2010 – Westfalenpark Dortmund Streetlab im Pop up-Shop 04. bis 28. August 2010 Heimatdesign, Dortmund

„Vor ein paar Jahren kaufte ein Amerikaner auf einer meiner Ausstellungen im Stadtteil Beyoğlu eines meiner Bilder. Dieses Bild hängt heute in Florida. So etwas berührt mich.“

Mehmet Salpar

Sieben Monate lang arbeitet er zwölf Stunden täglich, sieben Tage pro Woche in seinen beiden italienischen Eisdielen. Aber in den Wintermonaten zieht Mesut hinaus, um neue Länder zu erkunden. „Schon als kleiner Junge träumte ich von einer Reise mit dem Transsibirien-Express.“ Mesut Demir

Vor einem Jahr hat Nurten Bayar auch ein eigenes Brautmodegeschäft im türkischen Izmir eröffnet. Das Publikum dort hat einen etwas anderen Geschmack als in Duisburg, hat sie bemerkt. Man merkt es an den Details, den Farben, den Dekorationen. Andere Traditionen, „aber die Geschmäcker entwickeln sich aufeinander zu“, sagt Nurten Bayar. „Die Welt wird nun einmal kleiner.“ Nurten Bayar

„Inzwischen sind wir in ganz Duisburg das größte Importunternehmen für Obst und Gemüse mit einem Supermarkt. Ich habe sogar Kunden aus den Niederlanden, die hier ihre niederländischen Tomaten kaufen, weil sie günstiger sind.“ Ramadan Demirel


Alle Bildergeschichten sind bis zum 31. Oktober in der Warbruckstraße gegenüber der Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh zu besichtigen.

.nl.de.tr/turkishconnections präsentiert 15 Menschen, die ihre türkischen Kontakte als einen Mehrwert empfinden. Nicht nur beim Geschäftlichen, im Theater oder in Chefetagen, auch bei ihren Hobbys oder beim Knüpfen von Kontakten.

TurkishConnections  

Duitstalig magazine bij de fototentoonstelling .nl.de.tr/turkishconnections. Fotograaf Otto Snoek portreteerde in ruim 100 foto’s 15 beeldve...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you