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„Die Armutsquote bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist im Vergleich zu anderen Altersgruppen am höchsten.“ sozial‌arbeit und „Jugendarmut – Nein Danke!“ der BAG Evan-

von Alleinerziehendenhaushalten und Mehrkindfamilien bspw.

gelische Jugendsozialarbeit wurden aktuel‌le Forschungsergebnisse

durch die Berücksichtigung des Elterngelds auf das anzurechnen-

und Forderungen zur Jugendarmut aufbereitet und öffentlichkeits-

de Einkommen weiter verschärft. Mit den Sachleistungen aus dem

wirksam kommuniziert. Gemeinsam mit dem interaktiven „Ar-

Bildungs- und Teilhabepaket werden zentrale Förderbedarfe im

mutsatlas“ des Paritätischen Gesamtverbands steht somit eine

Bereich des schulischen Mittagessens, der Lernförderung und der

regional differenzierte Expertise zu aktuellen Armutsrisiken auch

außerschulischen Bildung zwar aufgegrif‌fen. Ihre Wirksamkeit

nach 2010 zur Verfügung. Begleitet wurden die Forderungen von

und Akzeptanz ist angesichts der mit dem geplanten Gutscheinsys-

Einzelaktivitäten der Organisationen, zum Bei‌spiel der Aktion

tem ver‌bundenen hohen Bürokratiekosten, den Diskriminierungs-

„Letztes Hemd“ mit Beteiligung der Arbeiterwohlfahrt anlässlich

effekten und dem Gebot der Kostengün‌stigkeit bei der Leistungs-

der Sparbe‌schlüsse der Bundesregierung, der Durchführung eines

erbringung sehr fraglich. Statt eine entsprechende weitgehend

interkulturellen Fußballturniers und eines europäischen study‌visit

beitragsfreie soziale und Bildungsinfrastruktur in Verbindung mit

durch die BAG EJSA bis hin zu einem europäischen Symposium

einer personenbezogenen Förderung auszu‌bauen, werden die Teil-

der BAG KJS sowie zum Parlamentarischen Abend des Deutschen

habechancen von Familien mit geringem oder ohne Einkommen

Roten Kreuzes im September zu „Bildung und Jugendarmut“. Die

weiter ein‌geschränkt.

Forderungen und Ergebnisse wurden auch auf dem Fachtag der Nationalen Armutskonferenz im Juni 2010 anlässlich der Natio-

Bis jetzt haben die europäischen Ziele 2020 keinen Eingang in die

nalen Fokuswoche vorgestellt, an dem auch der Kooperationsver-

nationale Politik gefunden, eher das Gegenteil ist der Fall. Welche

bund Jugendsozialarbeit vertreten war.

Verbesserungen im Bereich der Grundsicherung noch errungen werden können, liegt nun in der Hand des Vermittlungsausschus-

Mit Vorschlägen zum Ausbau einer sozialen Bildungsinfrastruktur,

ses. Das Motto, mit dem das Bun‌desministerium für Arbeit und

zur Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze, zur Stärkung des § 13 SGB

Soziales die nationale Kampagne gegen Armut und soziale Aus-

VIII und zum Verzicht auf Sanktionsregelungen bei unter 25-Jähri-

‌grenzung überschrieben hat, sollte dabei im eigenen Haus ernst

gen haben die jeweiligen Organisationen im Kooperationsverbund

genommen werden: „Mit neuem Mut“ gilt es, in den nächsten Jah-

Jugendsozialarbeit kon‌krete Maßnahmen und Gesetzesvorschläge

ren integrierte Strategien zu beschließen, die Bedürftigkeit nicht

vorgelegt, um Armutsrisiken insbesondere unter Kin‌dern und Ju-

als Gegensatz von Autonomie definieren, Familien ein existenz-

gendlichen zu verringern und den Kreislauf von Armutskarrieren

sicherndes Einkommen gewährleisten, Jugendliche stärken und in

zu durchbrechen.

ihre Ressourcen investieren sowie Bildungs- und Lernbedingungen zur Verfügung stellen – Strategien, die integrieren und nicht selektieren oder diskriminieren. Erst dann haben auch „Europäische

„Trotz der überproportional hohen Armutszahlen werden die tatsächlichen Bedarfe von Kindern und Jugendlichen auch zukünftig nicht abgeschätzt.“

Jahre“ eine Chance, längerfristige Wirkungen zu entfalten und nicht als Symbolpolitik mit Feigenblattfunktion wahrgenommen zu werden. Die Kampagnen der Jugendso‌zialarbeit jedenfalls werden auch 2011 diese Probleme in den Blick der Öffentlichkeit rücken. // Die Autorin: Katharina Fournier ist Referentin für Migration/Integration bei der Bundesarbeitsge‌meinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit e. V. (BAG EJSA). E-Mail: fournier@bagejsa.de.

Entsprechend kritisch fielen auch die Positionierungen aller Organisationen auf die vorgelegten Reformvorschläge der Bundesregie-

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rung zur Grundsicherung im Herbst 2010 aus. Besonders kriti‌siert

Anmerkungen: Schenk, Martin: „Armut im Reichtum – Von den

werden die neuen Berechnungsgrundlagen für die Regelsätze, in

süßen Früchten am Birnbaum, den Stärken der Schwachen und

der die Bezugsgruppen in der Einkommens- und Verbraucherstich-

Schlüsseln ohne Schlösser.“ Materialheft zur Jahreskampagne „Ju-

probe nach unten definiert wurden. Zahlreiche Bedarfspositio‌nen

gendarmut – Nein Danke!“ der BAG Ev. Jugendsozi‌alarbeit, S. 19,

wurden scheinbar willkürlich gestrichen und führen zu einer wei-

zu beziehen über www.bagejsa.de.

teren Senkung der veranschlag‌ten Bedarfe. Trotz der überpro-

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portional hohen Armutszahlen werden die tatsächlichen Bedarfe

Jugendsozialarbeit, abrufbar unter www.jugendarmut.de.

Datenquellen: Vgl. „Monitor Jugendarmut“, BAG Katholische

von Kindern und Jugendlichen auch zukünftig nicht abgeschätzt, die Kinderregelsätze de facto eingefro‌ren und die Armutsrisiken

Der Kommentar

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dreizehn Heft 4 2011

dreizehn, Ausgabe 4  

Zeitschrift für Jugendsozialarbeit I Herausgegeben vom Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit

dreizehn, Ausgabe 4  

Zeitschrift für Jugendsozialarbeit I Herausgegeben vom Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit

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