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«Unsere Seelen sind ein Minenfeld.» Mit Verminte Seelen widmet sich das Schauspiel dem Thema Administrative Versorgung

Verminte Seelen Ein Schauspiel-Projekt des Theaters St.Gallen zum Thema Administrative Versorgung Uraufführung Dienstag, 28. Mai 2019 20 Uhr, Lokremise Einführungsmatinee Sonntag, 19. Mai 2019 11 Uhr, Lokremise, Eintritt frei Nachgespräche Donnerstag, 6. Juni 2019 Donnerstag, 20. Juni 2019 jeweils im Anschluss an die Vorstellungen Leitung Inszenierung: Barbara-David Brüesch Bühne: Markus Karner Musik: Christian Müller Kostüm: Heidi Walter Licht: Rolf Irmer Dramaturgie: Anja Horst Mit Birgit Bücker Diana Dengler Pascale Pfeuti Fabian Müller Bruno Riedl Marcus Schäfer Die nächsten Vorstellungen Donnerstag, 6. Juni 2019, 20 Uhr Mittwoch, 12. Juni 2019, 20 Uhr Donnerstag, 20. Juni 2019, 20 Uhr

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Mit Verminte Seelen setzt das Schauspiel nach Das Schweigen der Schweiz und Lugano Paradiso seine erfolgreiche Auseinandersetzung mit brisanten Schweizer Themen fort. Hausregisseurin Barbara-David Brüesch greift das dunkle Kapitel der Administrativen Versorgung auf. Bis 1981 konnten in der Schweiz Kinder, Jugendliche und Erwachsene ohne Gerichtsentscheid und ohne, dass sie ein Delikt begangen hatten, administrativ versorgt werden. Es reichte, wenn ihre Lebensweise nicht der gesellschaftlichen Norm entsprach. Sie wurden unbefristet in Arbeitserziehungsanstalten, Strafanstalten, Erziehungsheime oder Psychiatrien eingewiesen und von dort nicht selten als unbezahlte Arbeitskräfte ausgeliehen. Nach willkürlichen moralischen Massstäben entschieden Beamte darüber, wer «nacherzogen» werden sollte, um so angeblich zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft zu werden. In der Realität stigmatisierte man die Betroffenen mit Zuschreibungen wie «arbeitsscheu», «liederlich» oder «asozial», ver weigerte ihnen Bildung, riss sie aus dem Familienverband, misshandelte und missbrauchte sie. Es kam zu Zwangssterilisationen, Zwangsadoptionen oder Medikamententests. Bis heute leiden Betroffene unter den Folgen des erlittenen Unrechts, viele sind daran zerbrochen, nicht wenige haben Suizid begangen. Das Stück Verminte Seelen basiert auf einer umfangreichen Recherche, dem Studium von Akten und Interviews mit Betroffenen. Daraus ist ein Stück entstanden, das die bewegenden Erlebnisse administrativ versorgter Menschen exemplarisch am Schicksal einzelner Figuren erzählt: Da ist Mario, der mit fünf Jahren als Waisenkind von einer Familie adoptiert wird, später in eine Erziehungsanstalt gesteckt wird und alles dafür tut, um aus der von Mönchen geführten und von Gewalt und

Missbrauch geprägten Institution auszubrechen. Carol, die in die Freiheit versprechende Stadt ziehen möchte und stattdessen grundlos im Frauengefängnis landet. Christian, der im Gefängnis geboren ist, von klein auf drangsaliert und schliesslich als Testobjekt neuer Antidepressiva missbraucht wird. Und Ursula, die aufgrund ihrer jenischen Herkunft ins Visier der Behörden gerät. Vor allem Dank der jahrelangen Pionierarbeit der Leidtragenden selbst kommt es endlich zu einer Rehabilitierung und Entstigmatisierung. Seit Ende 2014 ist vom Bundesrat eine Unabhängige Expertenkommission ( UEK ) mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgung beauftragt. Im März 2019 erschien die erste von zehn Publikationen. Gleichzeitig machen eine Wanderausstellung durch zwölf Schweizer Städte und zahlreiche Podiumsdiskussionen auf die Thematik aufmerksam. Im folgenden Interview äussern sich Ursula Biondi, die ehemalige Präsidentin des Vereins RAVIA «Rehabilitierung Administrativ Versorgter» und Dr. Beat Gnädinger, Staatsarchivar und Mitglied der UEK , aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zum Thema Administrative Versorgung. Frau Biondi, Sie waren damals selbst ein Opfer der Behördenwillkür. Warum wurden Sie administrativ versorgt? UB: Ich selbst wurde als junges Mädchen von 1966 bis 1968 wegen unehelicher Schwangerschaft ohne Gerichtsverfahren in die Strafanstalt Hindelbank gesperrt; die Frauenstrafanstalt wurde von der Amtsvormundschaft meinen Eltern gegenüber als Erziehungsheim ausgegeben, für das sie insgesamt beinahe CHF 7000 bezahlen mussten. «Pflegekosten» wurde das genannt! Bis 1981 hielt sich der Staat nicht an die Europäische Menschenrechtskonvention

Ursula Biondi, Betroffene der Administrativen Versorgung

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Terzett Mai 2019  

Monatsmagazin von Konzert und Theater St.Gallen

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