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Der Fluss hat in der Nacht die kritische Marke von 8,30 Meter überschritten, die Schifffahrt ist eingestellt. Baumkronen ragen aus dem Wasser. Schaulustige flanieren an den Absperrungen entlang. Die Philharmonie erreichen wir ohne nasse Füße, auch das gegenüberliegende Hotel bietet gewohnt Komfort im Trocknen. Der Empfangschef vermeldet eilfertig, dass die Musikanlage im Haus nun für das Interview abgestellt werde – das ist absolut auch im Sinne von Ingo Metzmacher, dem sich bei Musikberieselung »die Haare sträuben«. Hier in Köln dirigiert er am Abend ein Konzert mit der Jungen Deutschen Philharmonie; hier hat er studiert; hier war auch die Hauptwirkungsstätte des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Anlässlich dessen 100. Geburtstags werden Metzmacher und das SWR Symphonieorchester im April die Zeitinsel mit fünf zentralen Orchesterwerken Zimmermanns im Konzerthaus gestalten.

RHEINLEGENDEN Als Sie in Köln studierten, wehte da noch der Atem von Bernd Alois Zimmermann in der Hochschule, in der Stadt, in der Musikszene? Damals habe ich eher die Persönlichkeit Stockhausens als stärkeren Einfluss empfunden, aber dennoch muss ich schon sehr früh in meiner Zeit als Student auf Zimmermann aufmerksam geworden sein: An der Hochschule, das habe ich neulich erst wiedergefunden, haben wir mit dem Orchester und Sängern der Kölner Oper die selten zu hörende Vokalsinfonie nach »Die Soldaten« aufgeführt. Es war damals ein ziemlich gewagtes Unternehmen. Zimmermanns Musik ist mir schon lange wichtig. Später habe ich in Frankfurt als Assistent von Michael Gielen, der die Oper ja uraufgeführt hat, an der Produktion von »Die Soldaten« mitgewirkt – was natürlich höchst spannend war. Wie ist der Plan dieser außergewöhnlichen Zimmermann-Zeitinsel entstanden? Die Idee mit Bernd Alois Zimmermanns Orchesterwerken – und ihrer Gegenüberstellung mit Beethoven – ist vor Jahren in Japan gewachsen, wo ich einige Programme auch schon umgesetzt habe. Dann schlug ich das Projekt irgendwann Benedikt Stampa vor, weil er einer der ganz wenigen ist, die an solchen Projektkonzepten interessiert sind. Ist Beethoven ein Hinweis darauf, dass Zimmermann sich der Tradition zugehörig fühlte – oder auf die Haltung »dem Schicksal in den Rachen zu greifen«? Zunächst eher das zweite. Beide sind existenzielle Komponisten, die den letzten Fragen in ihrem Werk nicht aus dem Weg gegangen sind. Zimmermann hat zwar die »Sinfonie in einem Satz« geschrieben, sich aber sonst rein formal nicht mit Beethoven auseinandergesetzt. Beide ringen um etwas Großes, sie versuchen es dennoch – und dadurch entsteht diese unglaubliche Kraft der Musik. Im zweiten Programm stehen »Prelude, Fugue and Riffs« für Klarinette und Jazz-Ensemble sowie »Two Meditations from MASS« von Leonard Bernstein – der ja ebenfalls 100 Jahre alt geworden wäre – neben Zimmermanns Trompetenkonzert und der Ballettsuite »Alagoana«... Ganz außergewöhnlich und charakteristisch ist Zimmermanns eigene Nähe zum Jazz. Denken Sie an diesen faszinierenden Moment in »Die Soldaten«, wo plötzlich die Jazzband losspielt. Überhaupt sind die improvisierenden Anteile in seiner Musik, etwa in »Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht« – ein ganz zentrales Stück – besonders spannend, das steht im Gegensatz zu seiner sonst systematischen Durchdringung des Materials. »Ich wandte mich« in die Zeitinsel mit aufzunehmen war mir sehr wichtig, aber auch solch ein Stück wie die »Musique pour les soupers du Roi Ubu« mit Claus Dieter Clausnitzer als Conférencier – es zeigt auf der anderen Seite Zimmermanns großen Humor.

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hörbar 04 | 2017|18  
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