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Nr. 1/2019 (126) - K 6045 - 3 EURO

ZEITSCHRIFT FÜR DEUTSCH-POLNISCHE VERSTÄNDIGUNG

Entscheidendes Jahr S.3 POLEN und wir 1/2019 „Nicht zufriedenstellend“ S.6

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EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe erschütterte uns die Nachricht von dem Mordanschlag auf den Stadtpräsidenten von Gdansk. Einen Nachruf finden Sie auf Seite 9 dieses Heftes. Besonders erschreckt hat, dass der Anschluss bei der Veranstaltung der großen Hilfsaktion stattfand, die seit einiger Zeit in der Kritik der Regierungspartei steht. Zwei Tage vor dem Mord hatte das verstaatlichte Fernsehen einen spöttischen Beitrag gesendet, in dem der Eindruck erweckt wurde, dass es nicht um Hilfe sondern um Bereicherung gehe. Das hat für Empörung in der Gesellschaft gesorgt. Jetzt - endlich - gerät das verstaatlichte Rundfunk- und Fernsehsystem auch in der Öffentlichkeit stärker in die Kritik, weil es immer weniger Information, dafür immer mehr Propaganda sendet. Unabhängige Medien sind ein wichtiges Rückgrat der Demokratie. Deshalb ist es wichtig, die anderen, noch unabhängigen, TV- und Rundfunksender und Zeitungen so zu erhalten.

Karl Forster

In dieser Ausgabe lesen Sie: Seite 3 Seite 4 Seite 5 Seite 6 Seite 9 Seite 10 Seite 13 Seite 18 Seite 19 Seite 20 Seite 21

Ein entscheidendes Jahr Halbvoll, halbleer - Wahlanalyse Denkmalabriss Deutsch-Polnische Nachbarschaft nicht zufriedenstellend Er stand für ein offenes und tolerantes Polen Aufbruch in die Moderne Europa als »Wir« und »Nicht-Wir« Zeit für eine Gedenktafel „Hängen Sie die Tafel wieder auf“ Ausstellung in Sobibor Beiderseits der Oder

Das Titelbild zeigt den „Brunnen der guten Nachbarschaft zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk“ (Inschrift in beiden Sprachen am Brunnenrand) in Lubniewice. Die Figur ist dem historischen (früher Königswalde) und aktuellen Stadtwappen nachempfunden Foto: Karl Forster Datenschutzerklärung Die Deutsch-polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V. speichert von Mitgliedern und Abonnenten der Zeitschrift personenbezogene Daten wie Name, Anschrift, Zeitpunkt des Eintritts bzw. Abo Beginns sowie die zum Beitrags- bzw. Bezugspreiseinzug erforderlichen Dankdaten. Die Daten werden ausschließlich für die Zwecke der Mitglieds- und Abonnementsverwaltung (Zeitschriftenversand, Einladungen, Zahlungsinformation) verwendet. Die Adressen nur zum Versand der Zeitschrift an einen Dienstleister übergeben. Eine Weitergabe von Daten darüber hinaus erfolgt in keinem Fall. Nach Beendigung der Mitgliedschaft oder des Abos werden Daten lediglich gespeichert, solange sie gesetzlich, z.B. für Steuerprüfung etc. aufbewahrt werden müssen. Danach werden die Daten gelöscht. Bescheinigung für das Finanzamt bei Zuwendungen bis 200,00 Euro: Diese Bescheinigung gilt in Verbindung mit einem Kontoauszug oder einem Bareinzahlungsbeleg der Bank für Ihre Zuwendungen (Spenden und Mitgliedsbeiträge). Wir sind wegen der Förderung internationaler Gesinnung, der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und des Völkerverständigungsgedankens nach dem letzten uns zugegangenen Freistellungsbescheid für 2017 zur Körperschaftsteuer vom 5.12.2018 vom Finanzamt Düsseldorf-Mitte St-Nr. 133/5906/0194 gemäß $5 Absatz 1 Nr. 9 KStG von der Körperschaftsteuer befreit. Es wird bestätigt, dass die Zuwendung nur zur Förderung internationaler Gesinnung, der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und des Völkerverständigungsgedankens gemäß §52 Absatz 2 Satz 1 Nr. 13 AO verwendet wird. Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V., c/o Manfred Feustel, Im Freihof 3, 46569 Hünxe

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DEUTSCH-POLNISCHE GESELLSCHAFT DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND E.V. 1. Vorsitzender: Prof. Dr. Christoph Koch, Sprachwissenschaftler, Berlin Stellv. Vorsitzender: Dr. Friedrich Leidinger, Psychiater, Hürth Vorstand: Manfred Feustel, Steuerberater, Hünxe - Dr. Egon Knapp, Arzt, Schwetzingen Wulf Schade, Slawist, Bochum. Beirat: Armin Clauss - Prof. Dr. sc. Heinrich Fink - Christoph Heubner - Witold Kaminski - Dr. Piotr Łysakowski. Anschrift: Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V., c/o Manfred Feustel, Im Freihof 3, 46569 Hünxe, Tel.: 02858-7137, Fax: 02858-7945

IMPRESSUM:

Zeitschrift für deutsch-polnische Verständigung ISSN 0930-4584 - K 6045 Heft 1/2019, 36. Jahrgang (Nr. 126) Verlag u. Herausgeber: Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V. Redaktion: Karl Forster (verantwortlich), Dr. Friedrich Leidinger, Wulf Schade Redaktionelle Mitarbeit: Susanne Kramer-Drużycka Layout: KonTakT-Press Karl Forster Redaktionsadresse: POLEN und wir Karl Forster, Neue Grottkauer Str. 38, 12619 Berlin, Tel.: 030-89370650 e-Mail: redaktion@polen-und-wir.de Druck: WIRmachenDRUCK GmbH, Backnang

Aboverwaltung: Manfred Feustel, Im Freihof 3, 46569 Hünxe, Fax: 02858-7945 Bezugspreis: Einzelheft 3,00 €, Jahres-Abonnement 12,00 € inkl. Versand, Ausland: 10,00 € zuzügl. Versandkosten, Mitglieder der DeutschPolnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V. erhalten POLEN und wir im Rahmen ihrer Mitgliedschaft. Kontoverbindung: Konto Postbank Essen, IBAN: DE88360100430034256430 BIC: PBNKDEFF Namentlich gekennzeichnete Beiträge stimmen nicht immer mit der Meinung der Redaktion oder der Herausgeberin überein. Für unverlangt eingesandte Manuskripte oder Fotos wird keine Haftung übernommen. Wir freuen uns über Leserbriefe, Abdruck und evtl. nötige Kürzungen etc. behält sich die Redaktion vor. Erscheinungstermin: 15. Februar 2019 Erscheinungstag der nächsten Ausgabe: Freitag, 15. Mai 2019 Redaktionsschluss: 31. März 2019


POLITIK

Polen bleibt ein gespaltenes Land

Blütenträume einer Zweidrittelmehrheit zerplatzt

Ein entscheidendes Jahr

Zwei Lager mit annähernd gleichgroßem Potential Von Jan Opal, Gniezno Das angebrochene Jahr steht viel weniger im Zeichen großer historischer Jahrestage, es ist ein Jahr der politischen Entscheidung. Spätestens seit den Wahlen zu den Körperschaften der sogenannten Selbstverwaltung auf regionaler und lokaler Ebene im Herbst 2018 ist allen Beteiligten klar, welch knappes Rennen es im Herbst 2019 werden könnte. Niemand darf sich auf Landesebene mehr klarer Mehrheiten sicher sein – die Zustimmung ist klar geteilt. Auf die regierenden Nationalkonservativen gemünzt lässt sich feststellen, dass zwar die Blütenträume einer künftigen verfassungsändernden Zweidrittelmehrheit der Parlamentssitze zerplatzt sind, allerdings weiterhin damit gerechnet werden kann, auch im Herbst des Jahres wieder als stärkste politische Kraft vom Felde gehen zu können. Zumindest legen das aktuelle Umfrageergebnisse nahe. Ob es dann für eine weitere Alleinregierung reichen wird, ist indes fraglicher geworden, so dass Kaczyńskis Strategen zumindest eine Koalitionsvariante ins Auge fassen müssten. Und die liberale Opposition hat ihre Hochburgen in den größeren und Großstädten verteidigen können, doch hat sich ansonsten kaum etwas zu ihren Gunsten verschoben. Noch immer ist offen, in welcher Form sie gegen das fester gefügte

Kaczyński-Lager antreten will. Der Spielraum erstreckt sich von einem breiten Wahlbündnis möglichst aller für die geltende Verfassung eintretenden Gruppierungen unter weitgehender Federführung der Wirtschaftsliberalen bis hin zu kleineren Wahlbündnissen von zwei, drei Gruppierungen entsprechend der jeweiligen politischen Ausrichtung, um dann nach erfolgtem Einzug ins Parlament gegebenenfalls Koalitionen einzugehen. Die wichtigste Aufgabe des sogenannten Verfassungslagers wird also darin bestehen, das vorhandene Wählerpotential mit klaren Wahlaussagen zu binden und in entsprechende Parlamentssitze umzusetzen. Allerdings gibt es hier noch jede Menge Fragezeichen, vieles wird sich erst im Laufe der nächsten Monate klären – vor allem auf der linken Seite des Oppositionsspektrums. Spätestens die Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai werden einen ersten festen Anhaltspunkt geben, wie das Oppositionslager in den Herbst ziehen wird. Ein Vergleich ist ganz hilfreich, um sich ein gutes Bild der Lage verschaffen zu können: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Warschau und Umgebung mehr als doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt (der betrug 2018 etwa 15.000 US-Dollar). Warschau steht zwar einsam an der Spit-

ze, doch zugleich verdeutlicht es den Trend in anderen prosperierenden Großstädten – beispielsweise in Wrocław oder Poznań. Und das Gefälle zu den ländlichen und strukturschwächeren Regionen wird in diesen Zahlen sichtbar. Das Kaczyński-Lager versteht sich gewissermaßen als starker Anwalt der Regionen gegenüber dem Spitzenreiter Warschau, unterstellt stilschweigend, dass diese nicht hinzunehmende Schere beibehalten bleibe oder sogar weiter aufgehe, wenn die Opposition das Regierungsruder wieder in die Hand bekäme. Und umgekehrt ist das liberale Lager überzeugt, dass das erfolgreiche Beispiel Warschau grundsätzlich den Weg weise auch für den Rest des Landes, so mühsam der auch immer sein werde. Während nun also die beiden großen Lager – das nationalkonservative Regierungslager und das liberal geführte Verfassungslager – mit annähernd gleichgroßen Wählerpotentialen in die wohl entscheidende Schlacht ziehen, müssen die Wahlstrategen auf beiden Seiten sich den Kopf zerbrechen, wie sie bei den unentschiedenen Wählerspektren verhindern können, dass die Gegenseite erfolgreicher punktet. Schwer auszumachen ist so, wie die jüngeren Wählerschichten sich im Herbst entscheiden werden. 2015 hatten die sich in deutlicher Mehrheit für diejenigen Gruppierungen ausgesprochen, die gegen die geltende Verfassung aufgetreten waren und eine neue Verfassung versprachen – also für die Nationalkonservativen und die Rechtspopulisten. Auch im kommenden Herbst könnte diese Wählerschicht durchaus das Zünglein an der Waage spielen. Und selbst bei den jüngeren Frauen ist längst noch nicht ausgemacht, wie die Entscheidung schließlich ausfallen wird. Zwar haben die Frauenproteste vom Herbst 2016 und Frühjahr 2018 gegen geplante Verschärfungen des ohnehin rigiden Abtreibungsrechts den Nationalkonservativen zwei empfindliche Niederlagen bereitet, aber auf der anderen Seite steht der Erfolg der Einführung eines gesetzlich garantierten Kindergeldes, was sozusagen nur die Kehrseite ist für die insbesondere von einflussreichen Kreisen der katholischen Kirche geforderten Gesetzesverschärfung beim Schwangerschaftsabbruch. Gesonderte Analysen lohnen sich, das sei am Schluss hinzugefügt, für die Situation auf dem Lande und für die Entwicklungen bei den Linkskräften. Auch in diesen Feldern wird im Herbst mitentschieden, wohin das Pendel ausschlagen wird. 

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SCHWERPUNKT

Alle konnten behaupten, sie hätten gewonnen

Halbvoll, halbleer

Eine kurze Analyse der Regionalwahlergebnisse von Holger Politt, Warschau Die Wahlen zu den Selbstverwaltungsorganen auf der Regional- und Lokalebene am 21. Oktober 2018 haben in Polen zu Ergebnissen geführt, die allgemein erwartet wurden. Auch deshalb behaupteten hinterher fast alle Seiten, sie hätten gewonnen. Auch wenn zwischen den Ebenen der Zentralregierung und den gewählten Körperschaften in den einzelnen Wojewodschaften, Kreisen, Städten und Gemeinden erhebliche Unterschiede bestehen, liegen nun Ergebnisse vor, die das Kräfteverhältnis zwischen den politischen Lagern Ende 2018 zuverlässig abbilden. Für die Nationalkonservativen war es ein Test darüber, ob sie in einem Jahr darauf hoffen dürfen, die Alleinregierung verteidigen zu können. Am Wahlabend sagte Jarosław Kaczyński, diese Möglichkeit sei eindrucksvoll bestätigt worden, aber die Partei müsse künftig noch härter arbeiten. Und für das breit aufgestellte Oppositionslager ging es darum, die in den öffentlichen Auseinandersetzungen der letzten Jahre gewonnene Stärke auf der Straße nun an der Wahlurne unter Beweis zu stellen. Dazu einige kurze Bemerkungen: 1) Die Nationalkonservativen regieren nun in sieben Wojewodschaften im Osten und Süden alleine, in einer weiteren regiere sie in Koalition. In acht Wojewodschaften bleibt das oppositionelle Verfassungslager vorne. Bislang hatte die Kaczyński-Partei nur in einer Wojewodschaft regieren können, insofern können sie das Wahlergebnis als einen deutlichen Erfolg verbuchen. 2) Allerdings blieben die Nationalkonservativen landesweit hochgerechnet unter 35 Prozent, eine Ergebnis also, das deutlich unter den selbstgesteckten Erwartungen blieb. Die Ernüchterung in der Wahlnacht war insbesondere Kaczyński anzusehen, dem unabhängig von der Zahl der gewonnenen Wojewodschaften schnell klar wurde, wie schwer es nun werden wird, in der verbleibenden Frist bis zum Herbst 2019 den Rückstand zu den erhofften und gebrauchten Werten wettzumachen. Die liberal-bürgerliche Liste, die mit Abstand stärkste Kraft im Verfassungslager, erreich-

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te landesweit gemessen knapp 27 Prozent der abgegebenen Stimmen. Mit den anderen Kräften im Verfassungslager wird der Rückstand zur Kaczyński-Partei aber schnell wettgemacht und diese schließlich deutlich überrundet. Anders gesagt: Wären es Parlamentswahlen gewesen, hätten die Nationalkonservativen gegenüber dem Verfassungslager klar verloren und wären nach Lage der Dinge auf die Oppositionsbank verwiesen worden. 3) Ein Hauptgegner der Nationalkonservativen waren die moderaten Agrarier der PSL. An der Spitze der Kampagne stand Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, der unentwegt erklärte, wie schädlich der politische Einfluss der PSL für den ländlichen Raum sei. Tatsächlich hat die PSL gegenüber den Selbstvertretungswahlen von 2014 faktisch die Hälfte an Mandaten und Einfluss eingebüßt, dennoch sind die landesweit 12 Prozent ein Wert, den nicht mehr jeder Beobachter den Agrariern noch zugetraut hatte. Somit steigen bei den Agrariern die Hoffnungen, im Herbst 2019 ins Parlament einziehen zu können. Das ist insofern von einiger Bedeutung, denn nur so kann das Verfassungslager auch im ländlichen Raum punkten und den Nationalkonservativen dort ordentlich Wind aus den Segeln nehmen, die im ländlichen Raum auf einen klaren Durchmarsch setzen. 4) Unterhalb der Wojewodschaftsebene waren vor allem die Wahlergebnisse in den Großstädten von besonderem Interesse. Insbesondere der Wahlausgang in Warschau wurde von Kaczyński in den Rang einer Chefsache erhoben, war doch hier Zwillingsbruder Lech Kaczyński von 2002 bis 2005 Stadtpräsident und gewann von dieser Position aus im Herbst 2005 knapp das Rennen um das Amt des Staatspräsidenten gegen Donald Tusk. Bei diesen Wahlen hatte Kaczyńskis Kandidat indes keine Chance, verlor bereits in der ersten Runde das Rennen um das Rathaus. Diese Niederlage symbolisiert das insgesamt schwache Abschneiden der KaczyńskiPartei in den großen Städten Polens. Dies bewerten die meisten Beobachter als ein ungünstiges Ohmen für die große Wahl-

Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Jeder konnte die Wahlen für sich interpretieren.

schlacht im Herbst 2019. 5) Die einzigen, die offen ihre Niederlage zugaben, waren die linksgerichteten Kräfte. Für die Linksdemokraten der SLD standen landesweit immerhin noch 6,6 Prozent der abgegebenen Stimmen zu Buche, für die Partei Razem waren es unter zwei Prozent. Schnell wurden jedoch im linken Spektrum Stimmen laut, im Herbst 2019 gemeinsam anzutreten, um tatsächlich in das Parlament zurückkehren zu können. Laut Meinungsforschern werden im Herbst 2019 für linksgerichtete und linksliberale Gruppierungen maximal fünfzehn, eher sogar nur zehn Prozent der abgegebenen Stimmen zu holen sein. Wenn daraus die entsprechenden Parlamentssitze entspringen, wären alle Vorstellungen der Kaczyński-Partei, die Alleinregierung auch bei einem Ergebnis von unter 40 Prozent fortsetzen zu können, nur noch Makulatur. Die eigentliche Herausforderung besteht folglich darin, aus diesem Potential im Herbst die entsprechenden Parlamentssitze zu münzen. Im Hintergrund lauert bereits Robert Biedroń, der im Februar seine neue Partei vorstellen will und außerdem erklärt hat, im Herbst mit einer eigenen Liste anzutreten. In Umfragen werden ihm schon jetzt zwischen 5 und 10 Prozent attestiert, allerdings sind das vorerst nette Vorschusslorbeeren, die im Herbst nicht mehr zählen werden. Doch vorher stehen im Mai noch die Wahlen zum Europaparlament an. 


SCHWERPUNKT

Jetzt auch per Gesetz

Denkmalabriss Abkommen ignoriert Von Dr. Daniela Fuchs Polen befinde sich im Kriegszustand mit Denkmälern. Dies äußerte unlängst der russische Außenminister Sergej Lawrow über den im großen Stile durchgeführten Abriss von Denkmälern in Polen, die an die Befreiung des Landes durch die Rote Armee und an den gemeinsamen Kampf sowjetischer und polnischer Soldaten gegen den Hitlerfaschismus erinnern. Etwa 500 sogenannter Dankbarkeitsdenkmäler sind davon betroffen. Die bisher wilden Abrisse sind jetzt durch ein Gesetz geschützt, weitere Zerstörungen nunmehr legitimiert. Der Sejm hatte dafür eine Änderung im „Gesetz zur Dekommunisierung“ beschlossen. Diese Gesetzesänderung unterschrieb Präsident Andrzej Duda am 22. Juni 2017, am Jahrestag des Angriffs Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion. Am 21. Oktober 2017 trat es in Kraft. Ein bestehendes bilaterales Abkommen zwischen Russland und Polen zum Schutz der Denkmäler lasse nach polnischer Lesart diese Vorgehensweise zu, denn Begräbnisstellen und Friedhöfe von Rotarmisten sollen von der Liquidierung ausgenommen sein. Für die russische Seite ist dies ein offener Rechtsbruch. Insgesamt ließen mehr als 600.000 sowjetische Soldaten und Offiziere für die Befreiung Polens ihr Leben. Das Polnische Institut für das Nationale Gedenken hat eine Liste mit Denkmälern für den Abriss vorgelegt. Am 24. März 2018 wurde in Legnica nach 67 Jahren ein Denkmal abgebaut, das die Waffenbrüderschaft durch einen Händedruck zwischen einem polnischen und einem sowjetischen Soldaten symbolisiert (unser Foto). Ein junges Mädchen steht für die Überlebenden des zweiten Weltkrieges. Adam Wierzbicki, der im Stadtrat von Legnica für die nationalkonservative Regierungspartei (PiS) sitzt ist froh darüber, denn seiner Meinung nach war Polen rund 50 Jahre nach dem Krieg von der Sowjetunion besetzt. Andere Stimmen sehen in dem Denkmal ein Teil der Stadt, ein bewahrenswertes Zeugnis der Geschichte oder einfach nur eine touristische Attraktion. Was mit der Figurengruppe weiter geschehen soll, ist unklar. Zunächst wurde sie in einem Magazin eingelagert. Im niederschlesischen Oleśnica wur-

de das Denkmal sowjetisch-polnischer Waffenbrüderschaft abgerissen. Der passionierte Heimatforscher Dr. Marek Nienałtowski ist entsetzt. Für ihn stellte das Denkmal eine Wertschätzung derjenigen dar, die es ermöglichten, in dieser schönen Stadt zu leben. Das dortige Bündnis der Demokratischen Linken (SLD) hatte noch vergeblich versucht, wenigstens eine Verlegung des Denkmals auf den sowjetischen Friedhof zu erwirken, um somit einem Abriss zu entgehen. Die Beispiele des Frevels ließen sich beliebig weiterführen. Eine Ausnahme im Zerstörungswahn bildet das Denkmal „ Zur Befreiung der Erde von Ermland und Masuren“, das sich in der Stadtmitte von Olsztyn befindet. Schon frühzeitig hatten die Stadtväter das Monument unter Denkmalschutz gestellt. Polen kämpften an vielen Fronten des Krieges an der Seite alliierter Armeen. Die Waffenbrüderschaft zwischen Polen und der Sowjetunion war ein schwieriges und fragiles Bündnis mit äußerst komplizierten Voraussetzungen. Erinnert sei an die Verschleppung vieler tausender Polen in die Lager der Sowjetunion nach der Besetzung Ostpolens durch sowjetische Truppen im Ergebnis des Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakts vom August 1939. Der Überfall Hitlerdeutschland auf die Sowjetunion 1941 änderte die Situation. Unter der Führung von General Władysław Anders wurde auf der Grundlage eines Abkommen mit der polnischen Exilregierung in London dort eine polnische Armee aufgestellt, die im März 1942 in den Nahen Osten verlegt und britischem Kommando unterstellt wurde. Die Entdeckung der Massengräber von Katyń im Frühjahr 1943 mit ermordeten polnischen Offizieren durch Stalins Scher-

gen, führten zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Exilregierung. Ohne deren Segen entschied Stalin über den Aufbau einer weiteren polnischer Armee. Mit Unterstützung polnischer Kommunisten formierte dann General Zygmunt Berling die 1. Infanteriedivision, die nach dem polnischen Nationalhelden Tadeusz Kościuszko benannt wurde. Am 1. September 1943 erfolgte der Abmarsch an die Front. Es war eine Armee durch die vielerlei Risse gingen, auch weltanschauliche. Zunächst wurden 11500 polnische Soldaten in nur drei Monaten ausgebildet. Immer wieder gab es Unstimmigkeiten zwischen den Soldaten und dem mehrheitlich sowjetischen Führungspersonal. Doch das gemeinsame Ziel, die Vernichtung des Hitlerfaschismus und die Befreiung Polens ließ sie letztendlich zu Verbündeten werden. Aus der Division entwickelte sich die 1. Armee. Im Sommer 1944 wurde die 2. Armee aufgestellt. Seite an Seite kämpften sie in blutigen Schlachten von Lenino bis Berlin. Von 1943 bis 1945 sind fast 18 000 von ihnen gefallen, rund 50 000 wurden verletzt. Heute feiert Polen seine „neue Helden“die sogenannten Verstoßenen Soldaten. Damit werden Kämpfer des antikommunistischen Untergrunds geehrt, die von 1944 bis 1963 bewaffnete Anschläge gegen die Volksrepublik Polen unternahmen. Diese hatten auch vor Morden an der eigenen Zivilbevölkerung nicht zurück geschreckt. Um sie hat sich ein regelrechter Kult entwickelt, der nationalistische und aggressive Züge trägt. Denkmäler zu Ihren Ehren schießen in Großstädten wie Warschau oder Gdańsk, aber auch in kleineren Orten wie Pilze aus dem Boden. 

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GEDENKJAHR

Polnischer Botschafter brüskiert bei Jubiläumskonferenz

Deutsch-Polnische Nachbarschaft „nicht zufriedenstellend“ Deutsche Polenpolitik war „eine Katastrophe“ Von Karl Forster Zwei interessante Konferenzen zu Geschichte und aktuellem Stand der deutschpolnischen Beziehungen fanden aus Anlass des 100. Jahrestags des Wiedererstehens Polens Ende vergangenen Jahres in Berlin statt. Einer der Höhepunkte dabei war ein Festkonzert mit dem Philharmonischen Orchester aus Poznań, bei dem die Veranstaltung knapp an einem Eklat vorbeigeschrammt ist. Aber bei einer Konferenz im Auswärtigen Amt kam es noch dicker: Die 100 Jahre deutscher Polenpolitik „waren eine Katastrophe“, auch die Zeit der Ostpolitik sowie nach 1989. Zum 19. Mal fand das Deutsch-Polnische Forum statt, das seit 2014 die Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit auf Wunsch und mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des polnischen Außenministeriums ausrichtete. Leitthema war die Frage nach der Zukunft und Bedeutung der EU. Ziel war es, knapp 300 Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft aus beiden Ländern zusammen und miteinander in Gespräch zu bringen. Ihnen allen rief der polnische Staatssekretär im Außenministerium Szynkowski vel Sęk in seinem Grußwort eingangs in Erinnerung, was in den vergangenen 27 Jahren in den deutsch-polnischen Beziehungen vor allem auf zivilgesellschaftlicher Ebene erreicht worden ist und sich zum Positiven hin entwickelt hat. Gleichzeitig betonte er aktuell bestehende Meinungsverschiedenheiten in bilateralen und europapolitischen Fragen und ermunterte die versammelten Gäste, sich auch über diese beim Forum auszutauschen.

und stetig, dass der deutsche Direktor der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, Cornelius Ochmann, scherzte, vielleicht solle man das diesjährige Treffen in „Nord Stream II Forum“ umbenennen. Auch auf einer parallel laufenden Pressekonferenz mit den beiden Staatspräsidenten Steinmeier und Duda verlangte der polnische Präsident, Deutschland müsse das Projekt aufgeben. Brexit gegen EU-Fremdherrschaft Im Anschluss daran kamen die beiden Präsidenten zu den Beratungen des Fotums im Weltsaal des Auswärtigen Amtes. Hier erging sich Duda, trotz des eigentlichen Anlasses 100 Jahre Wiedererstehen Polens, in Vorwürfen gegen Deutschland und die Europäische Union. Während

Steinmeier noch den wichtigen geschichtlichen Anlass hervorhob, dass vor hundert Jahren Polen nach mehr als 120 Jahren der Aufteilung zwischen den damaligen Großmächten Österreich, Preußen und Russland seine Eigenstaatlichkeit wieder erlangte und Deutschland 1918 die Monarchie beendete und sich in Demokratie versuchte, suchte Duda die Konfrontation. Er vermittelte den Eindruck, die EU sei nach den polnischen Teilungen, der Naziherrschaft und der Zugehörigkeit zum Ostblock nur eine Fortsetzung von Fremdherrschaft. Das gipfelte in der Feststellung, dass die Briten aus gleichen Gründen aus der EU austreten wollen: „Die Briten lassen sich keine Fremdherrschaft gefallen“, so Duda. Das war den meisten Zuhörern im Saal doch zuviel. Ein kollektiver Aufschrei aus dem Publikum, gegen diese Darstellung. Doch Duda setzte noch eins drauf: Die EU-Vorgabe, dass man in Polen jetzt keine alten Glühbirnen sondern nur noch energiesparende Leuchtmittel kaufen könne, sei ein weiterer Beweis für die EU-Diktate. Deutlich genervt, versuchte Bundespräsident Steinmeier dem polnischen Kollegen zu entgegnen. „Schon die Art, wie Duda die Pressekonferenz für die Forderung nach einem Aus für die Gaspipeline Nord Stream II instrumentalisiert hatte, hat ihn aufgebracht, hört man von Mitarbeitern.“ berichtete später die Berliner Tageszeitung „Tagesspiegel“. Steinmeier unterstrich, die EU sei ein freiwilliger Zusammenschluss und nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Rechtsgemeinschaft. „Niemand darf überrascht sein, dass europäische

Nord Stream 2 - Forum Dabei fiel auf, dass die anwesenden polnischen Vertreter in ihren Ansichten gespalten waren. Da waren wie bei früheren Konferenzen unabhängige Vertreter der Zivilgesellschaft, aber auch Journalisten, die sich um eine Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Ländern bemühten. Fast alle Vertreter offizieller Institutionen warfen jedoch der deutschen Seite vor, Polen unter Druck zu setzen und in den Medien ein falsches Bild zu zeichnen. Immer wieder wurde Deutschland die Beteiligung an der Gaspipeline Nord Stream 2 vorgeworfen. Die Vorwürfe waren so massiv

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Bundespräsident Frank Walter Steinmeier bei seiner Rede vor dem Jubiläumskonzert zum 100jährigen Wiedererstehen Polens im Berliner Konzerthaus.


GEDENKJAHR

Festkonzert anlässlich des 100. Jahrestages der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit im Berliner Konzerthaus.

Gerichte zu innerstaatlichen Streitfragen Stellung nehmen“, erklärte er das am Vortag gefällte Urteil des EUGH zur Frage der Zwangspensionierung von Richtern in Polen. Doch Duda kontert: Die EU-Reaktion auf Polens Justizreform sei wieder so ein Eingriff, wo Polen „stur“ bleiben müsss. Noch heute seien in Polen Richter im Amt, die vor 1989 an „Unrechtsurteilen“ beteiligt waren, gegen Menschen, die gegen die kommunistische Diktatur protestierten, behauptet er. Auf die Frage eines Tagesspiegel-Redakteurs, auf wie viele der 27 Richter das zutreffe, deren Wiedereinstellung der EuGH am Freitag verlangt hatte, antwortete Duda nicht.

das war formal und ohne dem Anlass zustehende verbindende Worte. Politiker und Musiker Die fand dagegen anschließend Bundespräsident Steinmeier. Er sprach über das bevorstehende Konzertprogramm, die Besonderheit einer Beethoven-Komposition der seine Ouvertüre „zur Namensfeier“ dem polnischen Fürsten Antoni Henryk Radziwiłł widmete. Oder über die Tatsache, dass es doch etwas überaus positives sei,

Foto: msz.gov.pl

wenn, hier bezog er sich auf den Komponisten Ignacy Jan Paderewski, „Musiker Politik machen und Politiker Musik“. Kurz darauf hatte dann das Deutsche Polen Institut gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt zu einer Konferenz „Ein Jahrhundert deutsche Polenpolitik“ geladen. Mit dieser zweitägigen Konferenz wollte die Bundesregierung Polen ein Geschenk zum 100. Geburtstag der staatlichen Wiedergeburt machen. Damit wolle man die gemeinsame Erinnerungskultur pflegen, so die

Zwischenrufe beim Konzert Am Abend dann das Festkonzert zum Jahrestag im Berliner Konzerthaus. Als Duda ans Mikrofon geht, versuchen einige ihn mit dem Ruf „Konstytucja, konstytucja“ an seine Verfassungsbrüche zu erinnern. Doch während man dies im größten Teil des Saales kaum hört, springen im ganzen Saal Anhänger der PiS auf um mit langanhaltenden Sprechchören „Andrzej Duda, Andrzej Duda“ die Kritik zu übertönen und dem Präsidenten ihre Unterstützung zu versichern. Die anstehende Grußrede Du-

Zum Auftakt des Deutsch-Polnischen Forums hatte der Tagesspiegel die Teilnehmer zu einem Podiumsgespräch in seine Redaktionsräume geladen. Foto: Marc Darchinger

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GEDENKJAHR

Im Weltsaal des Auswärtigen Amtes in Berlin fand die Konferenz zu einem Jahrhundert deutscher Polenpolitik statt. Die Tagung des Deutschen Polen Instituts und des Aussenministeriums fand reges Interesse. Foto: Deutsches Polen Institut

Co-Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Regierungskommission, Sybille Katharina Sorg. Außenminister Heiko Maas bat Polen um Vergebung für die deutschen Verbrechen. Er betonte die Etappen der Aussöhnung, die wegen des Ost-West-Konflikts erst spät begonnen hatte und mühsamer verlaufen war als mit Frankreich. Weiter bot Maas den Polen eine enge Kooperation in der EU an, einschließlich einer „gemeinsamen neuen Ostpolitik“, sowie enge Abstimmung im Sicherheitsrat der UN, in dem beide Staaten jetzt für zwei Jahre vertreten sind. Maas setzte ganz auf gute Nachbarschaft, auch wenn sein polnischer Amtskollege trotz ursprünglicher Zusage kurzfristig zugunsten eines polnisch-tschechischen Regierungstreffens den Besuch in Berlin abgesagt hatte. Vom Redemanuskript abgewichen Anstelle von Außenminister Czaputowcz sprach dann der polnische Botschafter Andrzej Przylebski, der ein Jahr zuvor den deutschen Journalisten vorgeworfen hatte, dass sie nur schreiben, was die deutsche Regierung ihnen genehmigt, und düpierte quasi Maas. Seine Ansprache gipfelte in der Behauptung, die gesamten letzten 100 Jahre deutscher Polenpolitik seien „eine Katastrophe“ gewesen. Auch nach 1989, so Przylebski, habe sich die Nachbarschaft nicht so entwickelt, wie die meisten Polen

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es sich gewünscht haben. Die Nachbarschaft zwischen beiden Völkern bezeichnete er als „nicht zufriedenstellend“. Damit war der Botschafter offensichtlich von seinem Redemanuskript abgewichen, denn in dem danach auf der Webseite der polnischen Botschaft veröffentlichten Redetext hieß es dann „In meinen Augen, (...) sind mehr als die Hälfte der letzten hundert Jahre von deutscher Polenpolitik eine Katastrophe gewesen“. Diese Aussagen stießen auf erheblichen Widerspruch in der Konferenz und führten zu einer empörten Intervention von Gesind Schwan, ehem. Polen-Beauftragte der Bundesregierung, die für ihre Kritik starken Beifall aus dem Publikum erhielt. Aber auch polnische Teilnehmer distanzierten sich von den Positionen ihres Botschafters.

präsentiere 35 bis 40 Prozent der Wähler. Eine Mehrheit im Parlament habe sie nur, weil Polens Wahlsystem der Partei mit dem besten Wahlergebnis einen hohen Bonus gebe, um regierungsfähige Mehrheiten zu ermöglichen. Das könne sich bald wieder ändern. Und Przylebskis Behauptung, er spreche für die Mehrheit, sei fragwürdig.“ Deutlich bei beiden Konferenzen wurde allerdings: Die offiziellen polnischen Positionen werden von der polnischen Zivilgesellschaft nicht in Gänze getragen und die Zusammenarbeit auf gesellschaftlicher Ebene ist besser, als zwischen den Institutionen, aber sie ist auch unbedingt erforderlich. 

Gewollte Provokation

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Die Medien sprachen anschließend von gewollter Provokation. Der Berliner „Tagesspiegel“ kommentierte: „Deutsche Diplomaten und Konferenzteilnehmer ziehen den Schluss, dass die Brüskierung gewollt war. Sie warfen die Frage auf: »Wie viel Sinn haben die Kooperationsbemühungen, wenn nur eine Seite offen dafür ist und die andere blockiert?« Andere verwiesen darauf, dass Maas‘ Rede eine Investition in die Zukunft sei. Polens Regierungspartei PiS spreche nicht für die Mehrheit der Polen, wie Przylebski behaupte. Die PiS re-

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Unsere Zeitschrift erscheint vierteljährlich, jeweils zu Quartalsmitte. Damit sind wir natürlich nicht immer aktuell. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V. und die Zeitschrift POLEN und wir informieren aber auf ihrer Internetseite sowie auf Facebook auch über aktuelle Entwicklungen in Polen und über interessante Veranstaltungen. Keine Registrierung erforderlich.


NACHRUF

Nachruf auf den ermordeten Paweł Adamowicz

Er stand für ein offenes und tolerantes Polen

Mit Sensibilität und Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge Von Prof. Dr. Robert Traba Am 14. Januar ist der Stadtpräsident der Stadt Gdańsk, Paweł Adamowicz, ermordet worden. Robert Traba, langjähriger Leiter des Zentrums für Historische Forschung der Poln. Akad. der Wissenschaften in Berlin, hat in der wichtigen Wochenzeitschrift Polityka einen Aufruf veröffentlicht, den wir hier abdrucken. Traba stellt den Mord in einen Zusammenhang des Strebens für Demokratie, für Dialog und Toleranz und für ein anderes Polen, er erinnert dabei an die persönliche Geschichte von Adamowicz und zieht den Bogen aus zur derzeitigen Politik. Trabas Kollege Prof. Dr. Diethelm Blecking aus Freiburg, der diesen Aufruf weiterverbreitet, kommentiert: „Was in Polen z. Zt. passiert ist ein Menetekel, eine Flammenschrift an der Wand, nicht zufällig sichtbar geworden in Danzig, in der Stadt, in der im Sommer 1980 alles anfing und die bis heute mit dem europäischen Zentrum der Solidarität und dem - wenn auch verstümmelten - Museum des Zweiten Weltkriegs für ein freies, zukunftsträchtiges Europa steht, das den aufrechten Gang praktiziert.“ In der Woche seit dem Tag der Ermordung des Stadtpräsidenten Paweł Adamowicz beherrschte das Bedürfnis nach Ruhe, nach Besinnung über das Leben und die Folgen der verbrecherischen Tat die Öffentlichkeit. Das wollte auch die nächste Familie, was auf dem Danziger Langen Markt in dem Song „The Sound of Silence“ seinen Ausdruck fand. Heute muss das Wort folgen, denn Paweł Adamowicz hat im Laufe seines Lebens nicht geschwiegen. Er agierte mit Wort und Tat. Für diese seine Haltung der Offenheit und des Dialogs hat er das höchste Opfer gebracht. Vor einigen Tagen schrieb mir eine bekannte polnische Intellektuelle, Anna Wolff-Powęska. „Ich möchte aufrichtig glauben, dass dieser absurde Tod uns zumindest dazu zwingt, darüber nachzudenken, in welche Richtung wir uns entwickeln. Ist das bisherige Schweigen gegen die Saat des Hasses nicht eine Mittäterschaft?“ Wir müssen darüber sprechen, damit die öffentliche Rede wieder ihre Position zurückgewinnt! Meine Beziehungen zu Paweł Adamowicz betrafen das weite Feld der Gegenwart der Geschichte im öffentlichen Raum. Er konnte in diesem Feld auf erhebliche Erfolge zurückblicken. Er war der Ideengeber und Vertreter des Europäischen Zentrums der Solidarität, dessen Mission Basil Kerski ausgezeichnet erfüllt. Er unterstützte und förderte das Museum des Zweiten Weltkriegs in der Form, die ihm seine Schöpfer

mit Paweł Machcewicz an der Spitze gegeben hatten. Es gelang ihm nicht, seine dritte museale Vision zu realisieren, ein neues Gebäude und eine neue Ausstellung des Museums der Stadt Danzig, an dessen Programmrat ich die Ehre hatte, teilnehmen zu dürfen. Es sollte ein Museum der Danziger werden, ein schöpferischer Ort der Identifikation mit der eigenen, schönen, aber auch nicht einfachen Geschichte. Ein Museum für die Stadt Danzig, für Polen und Europa so beschaffen, dass durch die Geschichte Danzigs in ihm die multikulturelle Geschichte Polens in Europa wiedergefunden werden konnte. Diese Vision der Metropole Danzig schrieb sich in die Vision eines modernen, demokratischen Polens ein. Eines offenen und toleranten Polens. Eines Polens des Dialogs und nicht des Ausschlusses und der Eliminierung der Gegner. Im Geiste dieser Werte ist Paweł Adamowicz auch unser Präsident! Der Präsident all der Polen, die an Freiheit, Toleranz und Demokratie glauben. Der Polen, die wie er für diese Freiheiten kämpfen können, die aber nicht gegen Jemand kämpfen wollen, die für den Dialog und nicht die Dominanz einer hegemonialen Macht sind. Paweł Adamowicz war auch ein Mensch der Grenzregionen. Die erzwungene Migration seiner Eltern aus dem Wilnagebiet lebte in ihm, so wie die Vertreibung Millionen anderer Polen, die in dramatischen Wanderungen in einem weglosen Europa

Paweł Bogdan Adamowicz, geb. 1965 in Gdańsk, war seit 1998 Stadtpräsident seiner Heimatstadt. Seine Familie war nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Region um Vilnius nach Gdańsk umgesiedelt worden. 1990 wurde Adamowicz erstmals ins Stadtparlament gewählt und behielt seinen Sitz bis zu seiner Wahl zum Stadtpräsidenten 1998. Er war zuletzt f+r die von ihm gegründete Wählervereinigung „Alles für Danzig“ (Wszystko dla Gdańska) angetreten. Am 13. Januar 2019 wurde auf Adamowicz während der regionalen Abschlussveranstaltung des Großen Orchesters der Weihnachtshilfe ein Messerattentat verübt, an dessen Folgen er am Tag darauf starb

herumirrten. Vielleicht deshalb blickte er mit eines solchen Sensibilität und Hilfsbereitschaft auf die Flüchtlinge, die in den letzten Jahren massenhaft vor der Kriegstragödie in ihren eigenen Ländern flohen. In den Zwangsmigrationen sah er vor allem ein menschliches Drama und in der kulturellen Vielfalt einen Reichtum in individueller und gemeinschaftlicher Hinsicht – einen Reichtum für uns Polen, für unsere Bürgergesellschaft. Ich glaube, dass wir nur in der Treue zu den Werten des Dialogs, die Paweł Adamowicz so nahe waren, seine Mission fortsetzen können. Nicht nur im Bereich der Danziger Metropole, sondern ebenfalls in der politischen Kultur Polens. Wir sind Ihm das schuldig und einem Polen, das gerade heute Handlungen benötigt, die den Worten „Toleranz, Demokratie und Dialog“ ihren Wert zurückgeben. Und vergessen wir nicht, dass ein Dialog nicht ein Verwischen von Bedeutungen ist, sondern diesen Bedeutungen einen Sinn gibt, um sich zu unterscheiden, miteinander zu sprechen und die besten Werte auszuwählen, und zugleich dabei den Gegner wertzuschätzen.

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GESCHICHTE

Internationale Konferenz zum Ende des Ersten Weltkriegs

Aufbruch in die Moderne Von Christoph Koch

Am 13.–14. Oktober 2018 fand an der Freien Universität Berlin die sechste einer Reihe von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e. V. konzipierter und in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft e. V. seit 2007 in Berlin und Potsdam durchgeführter internationaler wissenschaftlicher Konferenzen zur deutschen Geschichte vom Kaiserreich bis in die Gegenwart statt, die alle in der einen oder anderen Weise die deutschpolnischen Beziehungen zum Gegenstand hatten. Die Tagung hatte den Titel „Aufbruch in die Moderne. Die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die Neugestaltung der internationalen Staatenwelt“. Der Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, Prof. Dr. Christoph Koch, stellte der Konferenz die folgende Einführung voran. Der Titel unserer Konferenz lautet „Aufbruch in die Moderne“. Aufbruch benennt für den Vorausschauenden einen Moment der Offenheit. Dem Rückblick aus dem Abstand eines Jahrhunderts stellt sich die Offenheit dagegen als vom Moment ihrer Geburt durch viele Parameter beengt und auf eine den ursprünglichen Möglichkeiten keineswegs wohlgesonnene Bahn gezwängt dar. Die Offenheit des Aufbruchs selbst ist keine unbedingte. Sie ist durch die Erwartungen der Aufbrechenden begrenzt, die alsbald sowohl auf die Widerstände der Wirklichkeit als auch auf ihre wechselseitigen Widersprüche stoßen. Der Aufbruch in die Moderne begann nicht im Moment der Beendigung des sich verlustreich dahinschleppenden Ersten Weltkrieges, sondern mit der Oktoberrevolution in Rußland, einer erfolgreichen Maßnahme der deutschen Obersten Heeresleitung zur Schwächung des zaristischen Rußland, deren Folgen zu den Parametern zählen, denen sich andernorts aufgebrochene Aufbrüche in der Folge ausgesetzt sahen und die eine Reihe gesellschaftlicher Notwendigkeiten auf die Tagesordnung setzten, die bis heute nicht bewältigt sind. Die Oktoberrevolution brach zu Zielen auf, die von der ersten Stunde an in schroffem Gegensatz zu allen übrigen durch das Kriegsende ermöglichten oder erzwungenen Aufbrüchen stand, einem Gegensatz, der nahezu das ganze 20. Jahrhundert in Atem hielt und der sich in unseren Tagen als durch das vermeintliche Ende der Geschichte keineswegs erledigt erweist. Die Entstehung der Sowjetunion unterbrach die Kollegialität des Kriegsgerangels der europäischen Mächte, und die noch

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rangelnden Kollegen erkannten ihr Aufkommen augenblicks als tödliche Gefahr für die Fundamente der eigenen Existenzweise, zu deren sofortiger Beseitigung sie sich freilich im Zuge des anhaltenden Gerangels gerade die Waffen aus der Hand schlugen. Auch brauchte man ein existenzfähiges Rußland, um andere Konkurrenten (Japan) von dem Griff auf Teile des rohstoffreichen Landes abzuhalten. So blieben die anfänglichen Versuche der heißen Beseitigung des Übels ein Mißerfolg, und man mußte sich statt dessen mit dem Kalten Krieg begnügen, der, lange bevor er nach einem seinerseits vergeblichen zweiten Versuch den Namen erhielt, von Stund an das Geschehen bestimmte. Wir verdanken ihm die längste Friedenszeit, die Europa in den letzten Jahrhunderten erlebte, und meine Generation ist ihm gewiß zu Dankbarkeit verpflichtet. Außerhalb Rußlands blieben die Kollegen unter sich. Der Erste Weltkrieg war in seinem Kern der Abwehrkampf professioneller Imperialisten gegen den Angriff auf ihren Besitzstand seitens der zu spät und zu kurz Gekommenen. Unter den Mittelmächten hatte sich Deutschland nicht so sehr einen Platz an der Sonne zu seiten der Besitzenden, als vielmehr den eigenen Fuß auf dem Nacken der alteingesessenen Kolonialmächte auf die Fahnen geschrieben. Das Ergebnis des Griffs nach der Weltmacht war nicht das erhoffte. Außer dem gegnerischen Zarenreich fiel dem Krieg vorab das Bündnis der Angreifer selbst zum Opfer – das Habsburger, das Osmanische und, als treibende Kraft, das Deutsche Reich, der Neuling, der sich erst wenige Jahrzehnte zuvor mit deutscher Delikatesse im Königs-

schloß des in den Befreiungskriegen zum Erbfeind avancierten und 1871 niedergerungenen Frankreich unter die europäischen Mächte gezwängt hatte. In den besiegten Reichen schuf die Niederlage die Voraussetzung für die Verabschiedung der feudalen Vergangenheit und den Ersatz von Kaisertum und Sultanat durch die Republik. Der Zusammenbruch der Reiche zeitigte zudem die Entstehung einer ganzen Reihe neuer Staaten, angefangen von dem bis dato zwischen Rußland, Österreich und Preußen geteilten Polen über die aus Habsburger Hoheit ausscheidenden Länder der Tschechoslowakei, Jugoslaviens und eines unabhängigen Ungarn bis zu den arabischen Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs vom heutigen Syrien und dem Irak bis in den Westen Nordafrikas, auf die die Kolonialmächte England und Frankreich bereits weit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Hand ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen gelegt hatten. „Lieber Gott, weißt Du, wer auf der Landkarte diese Linien um die Staaten gezeichnet hat?“ schrieb ein syrisches Kind während des aktuellen Syrienkriegs an den überirdischen Adressaten. Der Brief ist vermutlich ohne Antwort geblieben. Das Linienzeichnen aber war das eilige Geschäft der siegreichen Kolonialmächte, die in spannungsreicher Kollegialität den Sieg dazu nutzen, aus der Beute der Unterlegenen im Vorderen Orient und in Afrika Imperien zu arrondieren, in die Krieg und Kriegsfolgen bereits den Keim des Untergangs gelegt hatten. Der gemeinsame Nenner der Nachfolgestaaten der Feudalreiche ist auf der einen Seite das Fehlen tragfähiger demokratischer Traditionen, deren Ansätze in Polen durch die Aufhebung der Verfassung vom 3. Mai 1791 durch die dritte Polnische Teilung, in Deutschland durch das Scheitern der Revolution von 1848 vereitelt wurden und anderenorts keine vergleichbaren Keimzellen hatten. Es ist auf der anderen Seite der Mehltau der wirtschaftlichen Interessen des in feudalem Ambiente erstarkten Bürgertums, das es verstanden hatte, die Errungenschaften demokratischen Aufbegehrens der Vergangenheit zur Sprengung der eigenen Fesseln, und das es verstehen sollte, die demokratischen Ansätze der Gegenwart zur Etablierung der eigenen Vormachtstellung zu nutzen. Nicht der schlechteste Start in die republikanische Zukunft war der Türkei vergönnt, in der die Republik Atatürks von


GESCHICHTE dem Pfund des bitter erkauften militärischen Siegs über die Besatzungsmächte England, Frankreich und Griechenland zehren konnte, doch legte auch hier ein ethnischer Nationalismus – Ne mutlu türküm diyene („Wie glücklich der, der sagen kann: ‚Ich bin ein Türke’“) – die Axt an die Wurzeln des nunmehr republikanischen Vielvölkerstaats. Von den Nachfolgestaaten der europäischen Reiche fiel das glücklichste Los der Tschechoslowakei zu, die ihre republikanische Gestalt aus den Händen entschiedener Vertreter der parlamentarischen Demokratie, allen voran ihres Präsidenten Tomáš Mazaryk, erhielt und in den dreißiger Jahren die einzig verbliebene Demokratie in Mitteleuropa war, bis das Münchener Abkommen von 1938 ihre Beseitigung dem deutschen Kollegen anheimstellte. Am anderen Ende der Skala steht das Schicksal Jugoslaviens, das den republikanischen Anfang nach wenigen Wochen durch eine Staatsform ersetzte, die die kulturellen Gegensätze der Slovenen, Kroaten und Serben und die Autonomiebestrebungen der nichtserbischen Bevölkerungsteile vergebens durch ein Serbisches Königtum zu überwölben suchte, das sich alsbald gezwungen sah, zu diktatorischen Mitteln Zuflucht zu nehmen. Die polnische und die deutsche Republik teilen das Schicksal, daß sie auf unterschiedlichem Wege in die Hände entschiedener Gegner der parlamentarischen Demokratie gerieten. In Polen waren es die Hände Józef Piłsudskis, dessen Trachten nicht der Demokratie, sondern der Wiederherstellung eines polnischen Staates in den Grenzen der Adelsrepublik galt, der zu diesem Zweck kein Paktieren mit den Mittelmächten ausließ und von der Geburtsstunde des wiedererstandenen Polen an alle Macht im Staate auf sich zu vereinigen wußte. Auch er war Import der deutschen Obersten Heeresleitung, mit dem jedoch kein Frieden von Brest-Litovsk zu schließen sein würde. Das „Wunder an der Weichsel“ im Rücken, legte Piłsudski die Grundlagen für die Politik, die Polen in den Untergang des Zweiten Weltkriegs führte und die in unseren Tagen in eigenwilliger Verquickung mit der konkurrierenden nationalkonservativen Konzeption Roman Dmowskis zu den Vorbildern der Polnischen Regierung zählt. In Deutschland verlief die Entwicklung weniger eingleisig. Sie nahm ihren Anfang mit der Rückkehr der Reste der deutschen Armeen, die unter Zurücklassung von mehr als 2 Mio. Gefallenen „im Felde unbesiegt“

Die Delegierten des Deutschen Kaiserreiches und der Alliierten nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne. Foto: Archiv

einen vom Kriege unberührten Heimatboden betrat und deren Führung sich in der ausbrechenden Republik augenblicks als Machtfaktor etablierte, der jede Verantwortung für das eingetretene Desaster von sich wies. Den Krieg durfte des Kaisers getreue Sozialdemokratie, die Sozialdemokratie der bewilligten Kriegskredite und des Burgfriedens verlieren, der man vorsorglich den Dolch der Dolchstoßlegende vor Augen hielt, auf daß sie sich fortan befleißige, ihre untadelig patriotische Gesinnung unter Beweis zu stellen. Dies tat sie unter anderem, indem sie sich zur Abwehr ihrer linken Konkurrenten, darunter der Ermordung

Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, der Reichswehr und der paramilitärischen Freikorps bediente. Der erste Präsident des neuen Staates, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, blickte auf die Republik mit den Augen des Anhängers einer parlamentarischen Monarchie. Nachdem man ihn über den Vorwurf der Mitschuld an der militärischen Niederlage und des Landesverrats zu Tode gebracht hatte, wählte man 1925 den ehemaligen Chef des Generalstabs Paul von Hindenburg, den neben Ludendorff Hauptverantwortlichen für Kriegsführung und Niederlage, zum Reichpräsidenten – einen unbeirrten Monarchisten, der hinfort eine Politik betrieb,

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GESCHICHTE die auf die Ausschaltung des Parlaments und die Berufung von Präsidialregierungen gerichtet war, deren Kanzler vom Vertrauen des Präsidenten abhängig war. Von den bürgerlichen Parteien als Garant der Verhinderung einer Kanzlerschaft Hitlers auf den Schild gehoben, berief Hindenburg am 30. Januar 1933 den „böhmischen Gefreiten“ zum Reichskanzler und unterzeichnete in den folgenden Wochen Verordnungen zum Schutz „des Deutschen Volkes“ und „von Volk und Staat“, die die bürgerlichen Grundrechte bis zum Ende des Dritten Reiches außer Kraft setzten. Die Kräfte der europäischen Entente reichten mit knapper Not dazu, einen Sieg der Mittelmächte zu verhindern. Sie zu besiegen bedurfte es der Hilfe von aussen. Kriegsentscheidend war das Eingreifen der USA, eines Kollegen neuen Typs, der anstelle einer feudalen eine koloniale Vergangenheit abgeschüttelt und sich eine nach den Maßstäben der Zeit demokratische Verfassung gegeben hatte. Sein Eingreifen in den Ersten Weltkrieg bedurfte der Nachbesserung im Zweiten, um das 20. Jahrhundert zum amerikanischen Jahrhundert und die USA zu einer Weltmacht zu machen, hinter dem die verbliebenen europäischen Imperien verblaßten und das vereinte Europa zu keiner Zeit zu ebenbürtigem Gewicht erblühte. Das Eingreifen der USA in Europa sprengte die kollegialen Kreise nicht, und die Entwicklung vollzog sich außerhalb der Sowjetunion im Rahmen einer Siegern und Besiegten gemeinsamen Gesellschaftsordnung, die nun auch außerhalb der Reichweite von Magna Carta und Französischer Revolution Gelegenheit bekam, sich aus den Banden der voraufgegangenen Gesellschaftsformation zu emanzipieren und fortan das materielle Geschick eines zunehmenden Teils der Menschheit in eigener Regie zu bestimmen. Die materielle Grundlage der Moderne, die nun anbrach, ist eine Wirtschaftsordnung, die den allmählich auch hierzulande vom Odium ideologischer Verblendung befreiten Namen Kapitalismus führt, genauer die Phase seines folgerichtigen Übergangs von der monopolistischen zur globalisierten Existenzweise. Es hat seit dem Beginn der Menschheit keine einzige politische Entscheidung gegeben, die nicht von wirtschaftlichen Hinsichten geleitet gewesen wäre. Dabei konnte sich die Politik bis in die jüngste Vergangenheit im Besitz der Entscheidungshoheit über die Belange wenigstens der nationalen Wirtschaft fühlen.

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Referenten aus zahlreichen Ländern nahmen an der Konferenz teil. Hier Frau Prof. Annika Mombauer von der Open University Milton Keynes (Großbritannien), Prof. Dr. Adam Tooze von der Columbia University New York (links) und Prof. Dr. Christoph Koch. Foto: Karl Forster

Schon die staatliche Entscheidungshoheit über die nationale Wirtschaft war jedoch einem fortwährenden Erosionsprozeß ausgesetzt. Nachdem die Monopolisierung der Wirtschaft die nationalen Grenzen hinter sich gelassen hat, stößt die Entscheidungshoheit der nationalen Politik über die Wirtschaft an ihre Grenzen. Das führt auf der einen Seite dazu, daß übernationale Steuerungsinstrumente der Wirtschaft geschaffen werden, und hat auf der anderen Seite zur Folge, daß sich die Entscheidungshoheit zwischen Politik und Wirtschaft umkehrt und relevante Entscheidungen nicht in politischen, sondern in wirtschaftlichen Gremien getroffen werden. Sichtbaren Ausdruck findet die Verschmelzung von wirtschaftlicher und politischer Entscheidungshoheit vor unseren Augen in der Gestalt des Präsidenten der bis gestern führenden Wirtschaftsmacht, der als Unternehmer den Staat nach unternehmerischen Prinzipien und Interessen führt. Daß es sich dabei nicht um einen Ausrutscher, sondern um eine innere Gesetzmäßigkeit der herrschenden Wirtschaftsordnung handelt, verdeutlicht das Beispiel Chinas, in dem die gleiche Gesetzmäßigkeit selbst einen kommunistischen Anfang hinter sich zu lassen vermochte. Das amerikanische Beispiel verdeutlicht überdies, daß es sich bei dem Aufgehen politischer in unternehmerischer Entscheidungshoheit nicht um den ultimativen Erfolg der herrschenden Ordnung, eben das Ende der Geschichte, sondern um den kritischen Punkt ihrer Entwicklung handelt. Wir wissen seit zwei Jahrhunderten, daß in einer endlichen Welt eine auf unendliches Wachstum, d. h. auf unendliche Ausbeutung der materiellen und menschlichen Ressourcen angewiesene Wirtschafts-

ordnung zum Scheitern verurteilt ist. Zugleich müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß sich auf seiten der Protagonisten und Profiteure der Entwicklung eine materielle Macht zusammengeballt hat, die imstande ist, jedes gesellschaftliche Aufbegehren zu ersticken. Das absehbare Szenario der Zukunft ist also nicht die Überwindung der herrschenden Ordnung durch den sozialen Aufstand, sondern ihre Selbstzerstörung durch einen unerbittlichen Machtkampf der Ordnungsträger, der vor keinem Mittel zurückschrecken wird, um das unausweichliche eigene Scheitern hinauszuzögern. Die Moderne, die 1917/1918 aufbrach, ist also keine Erfolgsgeschichte. Sie hat in eine auswegslos erscheinende Gegenwart geführt, die nicht weniger als die Gefahr der Zerstörung der Erde und die Vernichtung der Menschheit birgt. Anstelle von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit hat sie die nahezu uneingeschränkte Herrschaft der Besitzenden und den historischen Höchststand sozialer Ungleichheit gebracht. Eben dadurch lehrt sie die notwendige Alternative. Es ist eben die Alternative, die an ihrem Beginn aufgeworfen wurde: die Alternative der gesellschaftlichen Aneignung und Kontrolle der wirtschaftlichen als der elementaren Tätigkeit menschlicher Gesellschaft. Das Gegenbild zur Unterwerfung der Politik unter das Diktat der Wirtschaft ist die Unterstellung der Wirtschaft unter das Diktat des gesellschaftlich Notwendigen. Unser Geschäft ist die Wissenschaft vom Notwendigen, und alle Formen seiner Wahrnehmung, darunter unsere Konferenz, haben die Aufgabe, dem gesellschaftlichen Handeln die Erkenntnis des Notwendigen und damit Ziel und Richtschnur der erforderlichen Konsequenzen an die Hand zu geben. 


POLITIK

Polen-Analysen des Deutschen Polen Instituts

Europa als »Wir« und »Nicht-Wir« Zum Europabild der polnischen Nationalkonservativen Von Dr. Magdalena Telus Die in Polen seit November 2015 regierenden Nationalkonservativen haben ein gespaltenes Verhältnis zu Europa. Sie bejahen Europa als christliche Zivilisation, tun sich jedoch schwer mit der Europäischen Union, der sie Entwurzelung vorwerfen. Sie bekennen sich zu einer diffus verstandenen europäischen Kultur und Tradition einerseits und zeigen sich skeptisch gegenüber den politischen Strukturen, Eliten und liberalen Werten der Europäischen Union andererseits. Es liege nun an Polen, Europa an seine christlichen Traditionen zu erinnern. Polen sei ein Staat, der seinen Patriotismus und seinen Glauben hochhalte, und sei gleichsam aufgerufen, in Europa, insbesondere in seiner regionalen Nachbarschaft, eine entsprechende Rolle zu spielen. Das ambivalente Verhältnis der Nationalkonservativen zur europäischen Integration orientiert sich angesichts der im heutigen Europa unscharfen Identitäten an der vom Kommunismus konservierten Sehnsucht nach Grenzen, Vorgaben und der einen unumstößlichen Wahrheit. »Europa, erhebe dich von den Knien!« Beata Szydło, die frühere polnische Ministerpräsidentin der nationalkonservativen Regierung von Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS), beschwor die Gefahr des islamistischen Terrors in Europa herauf, als sie am 24. Mai 2017 den damaligen Verteidigungsminister Antoni Macierewicz vor der Vertrauensabstimmung im polnischen Parlament verteidigte. Attentate wie jenes vom 22. Mai 2017 in Manchester seien ein »Anschlag« auf »unsere Kultur« und »unsere Tradition«. Angesichts der »Migrationskrise« positionierte sich Szydło entschlossen gegen eine »Utopie der unkontrollierten Grenzöffnung« und eine »Erpressung« von Seiten der Europäischen Union. Die »Brüsseler Eliten« würden einen Wahnsinn« veranstalten, an dem Polen nicht teilnehmen werde. »Und ich habe den Mut…«, so Szydło in ihrer Rede, »ich habe den Mut, den politischen Eliten in Europa die Frage zu stellen: Wo geht ihr hin? Wo gehst du hin, Europa? Erhebe dich von den Knien und wache aus der Lethargie auf, denn sonst wirst du jeden Tag deine Kinder beweinen« . Szydłos Rede veranschaulicht das ambivalente Verhältnis der regierenden polnischen Nationalkonservativen zu Europa – ihr Bekenntnis zu einer diffus verstandenen europäischen Kultur und Tradition einerseits und ihre Skepsis gegenüber politischen Strukturen, Eliten und den liberalen Werten der Europäischen Union andererseits. In diesem Spannungsfeld soll Polen eine mahnende, mitunter eine bekehrende Funktion zukommen. »Polen ist eben das Beispiel eines Staates, der die Erfordernis-

se des neuen Modells eines integrierten Europas erfüllt, und somit können wir zum Zentrum der europäischen Rekonstruktion werden. Denn wir sind ein seltenes Beispiel einer Gesellschaft und eines Staates, der, während er auf außerordentliche Weise mit den Fundamenten seiner Souveränität und Identität verbunden ist, sie gleichzeitig mit einer starken Unterstützung für die europäische Integration und die Mitgliedschaft Polens in der Union verbinden kann.« Mit diesen Worten erklärt Krzysztof Szczerski, Professor für Politologie und Kabinettschef des polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda, die besondere Position und die wünschenswerte zukünftige Rolle Polens in Europa in seinem Buch »Utopia Europejska« (dt. Europäische Utopie) aus dem Jahr 2017. Wie es der Untertitel verkündet, geht es in dem Buch um »Die Integrationskrise und die polnische Initiative der Erneuerung«. Europas Demokratiedefizit Szczerskis Narrativ über die Krise Europas und die rettende Rolle Polens ist von zwei Darstellungen der Arche Noah eingefasst. Das Bild von Simon de Myle von 1570 stellt die Arche Noah auf dem Berg Ararat dar, das Bild von Domenico Morelli von 1901 präsentiert Noah, der Gott für seine Rettung dankt. Wie der biblische Urvater soll Polen, angesichts der über Europa aufziehenden Sintflut, eine Arche bauen – einen starken polnischen Staat, gestützt auf traditionelle christliche Werte, der zu einem Hort der Hoffnung auch für den Rest Europas wird: »Man hat den Eindruck, dass viele Länder auf uns warten, sie warten auf

die Heimat des Heiligen Johannes Paul II, damit sie einen neuen Weg weist«. Wovor nun soll Polen Europa retten? Szczerskis Diagnose benennt eine Reihe schwerwiegender Probleme: Europas Krise habe mehrere Dimensionen und bewirke, dass die Menschen das Vertrauen in die europäische Integration verlieren würden. Die aus Brüssel kommenden Regulierungen griffen immer stärker in das Leben der Menschen ein, seien aber immer weniger verständlich. Immer mehr Menschen würden die Union nicht mit der Freiheit, sondern mit Verboten verbinden. (Charakteristisch war in diesem Zusammenhang die abfällige Äußerung Andrzej Dudas beim Deutsch-Polnischen Forum in Berlin im Oktober 2018 über das europäische Glühbirnen-Verbot.) Das Problem des Demokratiedefizits sei auch für den Einzelnen offenkundig geworden. Unverständlich müsse das Verhalten der politischen Parteien erscheinen, die bei den nationalen und bei den Europa-Wahlen unterschiedliche Bündnisse eingingen. Als Beispiel nennt Szczerski Christdemokraten und Sozialdemokraten, die sich auf Landesebene bekämpften, im europäischen Parlament jedoch zusammenarbeiten würden. Insgesamt würden die Wahlen zum Europäischen Parlament auf wenig Interesse bei den Bürgern stoßen, die EU-Abgeordneten blieben ihren potentiellen Wählern größtenteils unbekannt. Ein weiteres Beispiel stellten die Eingriffe der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Kommission in die Staatshaushalte dar: Während über die Haushalte demokratisch legitimierte Parlamente der jeweiligen Mitgliedsstaaten abstimmten, werde auf der Ebene der EU disziplinierende Macht durch Institutionen ohne ein demokratisches Mandat ausgeübt. Szczerski schildert die Legitimierungsprozesse innerhalb der EU, die auf Delegierung an Instanzen mit unterschiedlichen Legitimitätsarten beruhten und mit jedem Schritt, nach dem »Schneeball-Prinzip«, eine weitere Legitimierungsquelle auf sich vereinen würden. Insgesamt kommt er zu dem Schluss, dass eine übernationale Demokratie nicht möglich sei und begründet dies mit fünf »Beweisen «: (1) Es gebe keinen europäischen Demos. Szczerski tut die theoretischen Ansätze zur Begründung eines übernationalen politischen europäischen Demos, z. B. den von Jürgen Habermas vorgeschlagenen »Verfassungspatriotismus «, als »nicht überzeugend« ab. Er verweist in diesem Zusam-

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DOKUMENTATION menhang auf die gescheiterten Referenden über den Vertrag über eine Verfassung für Europa in Frankreich und den Niederlanden. (2) Es gebe kein übernationales gesellschaftliches Bindemittel. Es gebe nur scheinbar ein übereinstimmendes Verständnis europäischer Werte, dies gelte auch für das Erleben und Verstehen historischer Ereignisse und die Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung. Hinzu komme das Fehlen einer europäischen öffentlichen Meinung sowie sich als europäisch begreifender Medien, die eine demokratische Kontrolle über die Entscheidungsprozesse in der Europäischen Union gewährleisten würden. (3) Selbst wenn die Entscheidungsebene der Europäischen Union nach der Art der Regierung eines demokratischen Staates gestaltet werden würde, hätte die Macht einer solchen »Regierung«, von demokratischen Prozessen entkoppelt, einen »verwaisten« Charakter (władza sieroca). Entsprechende Symptome seien bereits heute zu beobachten, wenn EU-Institutionen zu Handlangern starker Mitgliedsstaaten bzw. Einflussgruppen würden. (4) Es würden Beispiele fehlen, dass das Instrument der Demokratie auf der Ebene eines zwischennationalen Systems funktionieren könnte, im Gegenteil, Integration und Globalisierung stellten für das Prinzip der Demokratie eine Herausforderung dar. (5) Eine überstaatliche Demokratie würde zudem, mangels geeigneter Instrumente, die Probleme, denen nationale Demokratien ausgesetzt würden, nicht lösen. Zu solchen Problemen zählten »das Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Schichten, die Qualität der gesellschaftlichen Debatte, die Fähigkeit zur rationalen gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung und der Umfang der demokratischen Entscheidungen selbst«. Angesichts der unklaren Legitimierung der Macht und intransparenten Machtverteilung auf europäischer Ebene würden die Forderungen nach Rückübertragung der Kompetenzen auf die Nationalstaaten immer lauter. Dies könne zu einer langfristigen Desintegration Europas führen bzw. zur Aufteilung Europas in unzusammenhängende Gruppen von Staaten und einem Zusammenbruch des gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Raumes. Europas axiologische Leere Das Demokratiedefizit der Europäischen Union habe mit der tiefgreifenden Identitätskrise Europas zu tun, deren Ursache

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eine »axiologische Leere« sei. Dies ist nicht nur die Meinung Krzysztof Szczerskis, sondern ein wiederkehrendes Motiv des Europadiskurses polnischer Nationalkonservativer. Die axiologische Leere Europas wurzelt demnach in der französischen Aufklärung, als an die Stelle der Person mit ihrer gottgegebenen Würde das von der eigenen Allmacht überzeugte »Subjekt« getreten sei. Der Erzbischof von Krakau, Marek Jędraszewski, sprach darüber in einem Panel während des Wirtschaftsforums in Krynica Zdrój am 6. September 2018. Das Panel mit dem Titel »Europa auf der Suche nach Werten« stand unter dem bezeichnenden Motto »Europa gemeinsamer Werte oder Europa gemeinsamer Interessen?«. Die Kultur Westeuropas ist nach Meinung des Erzbischofs von der Krankheit des Subjektivismus befallen. Mit der Infragestellung von Gott und der Zurückweisung der christlichen Auffassung vom Menschen habe sich der Mensch in der Position gesehen, selbst darüber zu entscheiden, wen er als »Mensch« begreife und wem er sein Menschsein abspreche. Dies sei die Quelle der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, aber auch des heutigen »weichen Totalitarismus« in Westeuropa: »Man befindet die einen des Überlebens würdig und spricht dieses Recht den Anderen ab, und es gibt im Grunde genommen keine wesentlichen Unterschiede zwischen dem, was heute im Westen Europas passiert, was unterstützt wird, und den totalitären Systemen in der Mitte des 20. Jahrhunderts«. Auch Krzysztof Szczerski nennt die französische Aufklärung und die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts im gleichen Atemzug: »Dieser irreführende Anthropozentrismus mit dem aus ihm folgenden philosophischen Nihilismus und moralischen Relativismus machte die Urquelle allen Unglücks aus, das die europäischen Völker in den letzten Jahrhunderten erfuhren. Insbesondere ist hier von der französischen Aufklärung und den späteren Totalitarismen die Rede. Diese unheilvollen Strömungen kämpfen aufs Schärfste mit der Religion und der Kirche und brachten im Namen politischer Hirngespinste hauptsächlich Massenmorde hervor. Heute wiederum hat diese irrende Anthropologie die sich unter den Europäern verbreitende Desorientierung und den Verlust des Lebenssinns zu verantworten. Denn das Fehlen einer Bezugnahme auf Gott und Christus verfälscht das wahre Bild vom Menschen und das Ziel, zu dem er berufen wurde, und darüber hinaus bewirkt die kulturelle Entfremdung

der Bewohner Europas, ohne Christus, wie der Heilige Johannes Paul II es sagte, dass wir als Europäer ›Fremde in der eigenen Kultur‹ werden und den ›Schlüssel zum Verstehen von uns selbst‹ verlieren«. Während die Anfänge des integrierten Europa auf dem christlichem Fundament der Versöhnung fußten, entfernte sich das Integrationsprojekt infolge eines »linken Überfalls« (abordaż) der Generation ‘68 auf die staatlichen Institutionen und den intellektuellen Mainstream Westeuropas immer mehr von seinen christlichen Wurzeln. An die Stelle der christlichen Werte traten »politische Werte« wie »Multikulturalität, Mobilität, Modernisierung, politische Toleranz, Bejahung der Vielfalt und sexueller Andersartigkeiten, Rationalismus (atheistische Weltanschauung), Fortschritt, Ökologie usw.«. Diese »politischen Werte« sollten eine politische Identität der Europäischen Union begründen, die sich nicht auf Gott und das natürliche Recht berufen würde. Die Forderung nach »mehr Europa« bedeute nicht »mehr Geist« oder »bürgerliche Tugend«, sondern den Ausbau eines immer stärker rechtlich regulierten Systems und die Abnahme von Solidarität und Loyalität. »Es ist ein Europa der Utopie und Gewalt. Ein Europa, das sich in eine gefährliche Richtung bewegt. Ein Europa am Rande des Abgrunds«. Der einflussreiche konservative Journalist Bronisław Wildstein stimmt ein, indem er auf die Schnittstellen der westeuropäischen »liberalen Linken« mit dem Marxismus hinweist, was im heutigen polnischen Diskurs eine Verunglimpfung ist. Gemeinsam sei der »liberalen Linken « und dem Marxismus die Absage an die vorgefundene Welt (was Wildstein mit dem Nihilismus gleichgesetzt) und die Überzeugung, der Mensch könne eine bessere Welt schaffen (Bronisław Wildstein: O kulturze i rewolucji, 2018; dt. Über die Kultur und die Revolution). Beide gründeten auf der marxistischen Annahme, der Mensch hätte keine »Natur«, sondern lediglich ein Potential, dessen Verwirklichung er anstreben sollte, ggf. gegen die Fesseln der Zivilisation, Kultur und Identität. Die Absage an die Lehre des Christentums hat nach Ansicht Wildsteins zur »radikalen« Aufklärung, später zur »radikalen Romantik« und schließlich zum Marxismus geführt. Europa sei zwar veraltet und verbürgerlicht, habe sich jedoch den Traum von einem Paradies auf Erden erhalten. An die Stelle der blutigen Revolutionsromantik sei das Recht getreten, das versucht, dem aus allen Verbind-


DOKUMENTATION lichkeiten losgelösten Menschen durch detaillierte Regelungen Sicherheit zu bieten. Diese Entwicklung habe gleichermaßen die Religion, die Kirche, die klassische Kultur, aus der die westliche Zivilisation hervorgegangen sei, sowie alle Formen der traditionellen Gemeinschaft zum Feind. Der Erhalt der nationalen Gemeinschaft und die Wiederherstellung der zerstörten europäischen »Gemeinschaft der Nationen« ist ein wichtiges Anliegen der polnischen Nationalkonservativen. Wird die EU als konträr zu diesem Anliegen ausgelegt, geht dies mit einer starken Abwertung und emotionalen Ablehnung ihr gegenüber einher, wie im Falle der PiS-Abgeordneten Krystyna Pawłowicz. In einem Fernsehinterview mit Sławomir Jastrzębowski im Jahr 2016 in dem »Sensationskanal« Super Express TV bezeichnete sie die EU-Fahne als »Lumpen« (szmata) und begründete dies damit, die EUFahne würde ein Gebilde symbolisieren, »das Kompetenzen übernimmt, von den Kompetenzen der Nationalstaaten lebt. Sein Ziel ist die Abschaffung der Nationalstaaten und unter anderem der Unabhängigkeit Polens, eines Mitgliedsstaates. […] niemand bekämpft die Kirche so stark, rücksichtslos, die Religion und die Kirche, wie die Unions-Ultralinken (lewacy). […] es ist etwas diabolisch zu sagen, ich sollte die Unionsflagge ehren. Für mich ist sie ein Lumpen, denn ich verbinde sie mit etwas sehr Schlechtem, Ungutem, Schmutzigen«. Der konservative Historiker und Publizist Andrzej Nowak bestimmte in einem Vortrag in Lodz (Łódź) am 23. Februar 2016 den »Konsumismus« und die Beschleunigung der Kommunikation als zwei wichtige Faktoren, welche die Abkehr der westlichen Zivilisation von dem Bedürfnis nach Identität und historischem Bewusstsein bedingen würden. In dieser Zivilisation ginge es nunmehr um die Herausbildung eines Menschen ohne Eigenschaften, eines Menschen, der die Verankerung in der Geschichte nicht mehr brauche. Das Festhalten an der schmerzhaften Auseinandersetzung mit Europas Verfehlungen wie dem Holocaust, den Gulags, den beiden Weltkriegen, dem Kolonialismus u. a., die an die Stelle der Geschichtserzählung getreten sei, befördere nicht, sondern zerschlage die europäische Identität ebenso wie die Dekonstruktion des Nationalen. Nowak bezeichnet das Projekt der Europäischen Union als »dem gesunden Menschenverstand radikal widerstrebend«. Dieses Europa sei für Polen kein Vorbild, es komme selbst nicht zurecht. Deutsch-

land würde Fehler machen, Frankreich sei ein »gefallenes Land«, Paris – eine Stadt, in der Kriegsrecht herrsche. Die europäischen Eliten hätten den Kontakt zur ihren Gesellschaften verloren, die von ihnen verordnete politische Korrektheit höre auf zu wirken. Dies sei eine neue Situation, die Situation einer Kapitulation vor der anrückenden starken Zivilisation des Islam, die das europäische Terrain, von Ideen verlassen und zur Verteidigung unfähig, in Besitz nehmen wolle. In dieser Situation könne Polen getrost »nach der Wahrheit streben«, ohne Dankbarkeitskomplex. Das Polentum sei ein Weg in Europa, der nicht erst im Jahr 1945, sondern in der Antike und dem Christentum seinen Anfang gefunden habe (»Spór o historię Polski i Europy w XXI wieku«, Spotkanie Częstochowskiej Frondy z prof. Andrzejem Nowakiem, 23.02.2016).

Was soll nun Polens Beitrag bei der Erneuerung der Europäischen Union sein? Stellung dazu nahm u. a. der Soziologe Andrzej Zybertowicz in einem Vortrag in Berlin am 11. September 2016 (»Polska w obliczu krysysu cywilizacji zachodniej«, Niedzielny Klub Dyskusyjny, Klub Gazety Polskiej Berlin). Als die drei wichtigsten Faktoren, die die westeuropäische Zivilisation der Gegenwart prägen würden, identifizierte Zybertowicz die technologischen Veränderungen, die sich der Menschen bemäch-

Kommunikationskanäle wegen einer übertriebenen politischen Korrektheit, trotz ihrer anfänglichen »guten Intentionen«, nicht funktionieren würden. Ebenso gefährlich sei die Entwicklung der Linken, von einer »sozialen Linken« (lewica socjalna), die in ihrem Geiste christlich gewesen sei, hin zur »Sitten-Linken« (lewica obyczajowa), die sich in ihrem Bestreben, die biologischen Begrenzungen abzuschütteln, gegen den christlichen Geist richte. In dieser Situation solle der polnische Staat auf die eigene Konsolidierung setzen, die Ohnmacht des Staates beenden, die kosmopolitischen Eliten gegen patriotische austauschen, late-comers-Vorteile ausschöpfen und einen zeitgemäßen Konservatismus pflegen, der geschichtspolitische Aspekte mit gutem Wirtschaften verbinden würde. Die EU sei insbesondere angesichts der Politik Russlands gut für Polen, jedoch sollte sich Polen für ein Überdenken der politischen Korrektheit und die Überwindung der Aufklärung, deren Fortschrittsvision auf einer unrealistischen Konzeption der menschlichen Natur aufbaue, einsetzen. Die Vision einer Welt ohne Grenzen sei unrealistisch und unverantwortlich, Grenzen würden gebraucht, sie sollten jedoch im vernünftigen Maße durchlässig sein. Einen besonderen Stellenwert nimmt in Zybertowiczs Darstellung die sog. DreiMeeres-Initiative ein (siehe Grafik). Sie sei keine »Alternative«, sondern ein »Korrektiv« innerhalb der EU, wobei es zunächst um

tigen würden, den Angriff auf das Christentum und den »Hyperindividualismus«. Das in diesem zivilisatorischen Rahmen betriebene Projekt eines »übernationalen « und »post-religiösen« Europa sei gefährlich, zumal die normalen gesellschaftlichen

die Schaffung einer Nord-Süd-Infrastruktur ginge. Auf diese Initiative geht auch Krzysztof Szczerski ein. Die Drei-Meeres-Initiative solle die Region konsolidieren und der historischen Aufteilung in ein altes und ein neues Europa ein Ende setzen. Auch wenn

Vorschläge polnischer Nationalkonservativer für Europa

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DOKUMENTATION es sich dabei eigentlich nicht um ein geopolitisches Projekt handele, könne es als »eine Antwort auf die geopolitischen Gefährdungen für Mittel- und Osteuropa angesehen werden«. Gemäß ihrer ambivalenten Haltungen zu Europa gehen in den Vorschlägen der Nationalkonservativen nüchterne Verbesserungsentwürfe mit einer Ablehnung der aufklärerischen Vision Europas einher, sachliche Darstellungen wechseln sich mit emotionalen Deklarationen ab. So auch bei Szczerski, wenn er einerseits eingehende politische Analysen präsentiert, andererseits z. B. die polnischen Migranten in den Plan der geistigen Erneuerung Europas einspannt: »Die Ausreisen einer großen Anzahl polnischer Bürger eröffnen neue Möglichkeiten evangelisierender Aktionen im Westen, unter der Bedingung, dass die Polen, die ihr Land verlassen, tatsächlich das Feuer des Glaubens mit sich tragen werden, dass sie es mitnehmen auf den Weg der Emigration. Daraus folgt die Pflicht, dafür zu sorgen, dass unsere Landsleute, die Arbeit in Europa suchen, den Glauben nicht verlieren, sondern im Gegenteil: Dass sie, indem sie ein Zeugnis über ihre Freundschaft mit Christus ablegen, Evangelisten Europas werden […]. Deshalb möchte ich vorschlagen, dass Arbeiten an der Vorbereitung einer Art »Katholischen Passes« aufgenommen werden, also eines Dokuments für die polnischen Katholiken, die sich dafür entscheiden, das Vaterland zu verlassen […]. Es geht darum, dass jeder, der sich für einen solchen dramatischen Schritt entscheidet, Polen mit der klaren Botschaft verlässt, dass er das Licht des Glaubens für sich, für seine zukünftige Familie und für die Menschen um ihn herum zu tragen habe. Damit die Polen, die aus dem Vaterland in die atheisierten westeuropäischen Länder emigrieren, nicht den dortigen linksorientierten Moden nachgeben, sondern dass sie Gott und Polen treu bleiben, dass sie das Bewusstsein haben, dass auf ihnen die Pflicht lastet, diesen Glauben in ihrem Umfeld zu verbreiten«. Die Nationalkonservativen in Europa: Die Sehnsucht nach Orientierung Mit dem EU-Beitritt 2004 ging für die allermeisten Polen ein Traum in Erfüllung. An dem entsprechenden Referendum beteiligten sich 58,85 Prozent der Wahlberechtigten; 77,45 Prozent sprachen sich für den Beitritt aus. Bis heute ist die Zustimmung zur EU-Mitgliedschaft Polens quer durch die Parteien ungebrochen hoch, wie die

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neuesten Umfragen des Meinungsforschungsinstituts CBOS zum Thema zeigen. Jahrelang war Polen der »Musterschüler« unter den neuen EU-Mitgliedsstaaten. Noch vor kurzem hieß es in einem Sammelband zur Transformation osteuropäischer Beitrittsländer: “Poland has become a bastion of stability in Eastern Europe and serves as an attractive model of successful transformation […]”. Jetzt will Polen kein »Schüler« und kein »Modell« mehr sein, es beharrt hingegen auf seinem Subjekt-Sein (podmiotowość) als Nationalstaat, um eine der Lieblingsvokabeln von Jarosław Kaczyński, dem Parteivorsitzenden der PiS, zu bemühen. Die soziale Wirklichkeit der Nation, wie wir es aus inzwischen als klassisch anzusehenden Schriften solcher Autoren wie Benedict Anderson, Eric Hobsbawm, Ernest Gellner oder Ruth Wodak wissen, baut auf der Homogenisierung nach innen und Abgrenzung nach außen, auf der Entfachung negativer und positiver Emotionen, auf Mythenbildung, Stereotypisierung usw. auf. All dies machen die Politiker der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) und die von der Partei übernommenen öffentlichen Medien jeden Tag. Das Weltbild der PiS entfaltet sich entlang der Identifizierung innerer und äußerer Feinde, das Individuum wird darin mit der expliziten Vorgabe der Vaterlandsliebe, mit normativen sozialen Zuschreibungen und staatlich abgesegneten Mustern der Frömmigkeit konfrontiert. Aus kulturhistorischer Sicht sieht es aus, als ob die PiS bzw. ein Teil der polnischen Gesellschaft eine Bremse ziehen wollte in der Welt der späten Moderne, die sich durch Unschärfe, Dynamik und die Tendenz zur Fragmentierung auszeichnet. In der Welt der späten Moderne lässt sich eine europäische Identität nur als eine Vielheit denken, als eine »Bindestrich-Identität« (Anthony Giddens), eine »MelangeIdentität« (Ulrich Beck und Edgar Grande), eine »Flickwerk-Identität« (Norbert Parschalk), eine »verschachtelte« (»nested identity«, Peter Schmitt-Egner) bzw. eine »Marmorkuchen-Identität« (»marble cake identity«, Thomas Risse). Jahrzehntelang erschien es ausreichend, von einem »permissiven Konsens« (Thomas Risse) der Bevölkerungen der Mitgliedsstaaten, nach 2004 auch Polens, auszugehen. Langfristig wurde eine »prozedural im politischen Raum hergestellte Sozialintegration « zur demokratischen Legitimierung der entstehenden neuen politischen Ordnung postu-

liert (Viktoria Kalina). Europa nahm seine BürgerInnen sozusagen vorweg, vorausgesetzt wurde etwas, wovon man ausging, dass es dabei sei zu entstehen (Gerard Delanty). Dies erschien gerade mit einer axiologischen Begründung rechtens. Im Hinblick auf das Europa nach 1945 wurde eine Reihe von historisch-semantischen Unterschieden zur Nation ausgearbeitet, die das Projekt des vereinten Europa legitimierten. Dieses Europa ist postheroisch, da es aus den Kriegsverheerungen und Traumata heraus entstand und daraus gelernt hat (so z. B. Herfried Münkler und Hartmut Kaelble). Es ist ein Charakteristikum europäischer Narrative im Unterschied zu ihren nationalen Entsprechungen, den Opfern eine Stimme zu geben und der eigenen Täterschaft selbstreflexiv- kritisch nachzugehen. Eine europäische Identität grenze sich nicht nach außen ab ‒ im Gegenteil, der Blick von außen wird als ein willkommener Beitrag ernst genommen. Das identitätsstiftende Andere Europas sind die Gewaltverbrechen des 20. Jahrhunderts und die eigene Täterrolle. Die Ersetzung des Mythos durch das Trauma der eigenen Täterschaft lockert den sozialen Zusammenhalt einerseits, andererseits werden neue, horizontale, netzwerkartige, lebensweltlich verankerte Zusammenschlüsse gefördert. »Identität« kommt einer Verortung in einem vielschichtigen, dynamischen Koordinatensystem gleich. Nationalstaatliche Gesellschaften bleiben bestehen, ihre identitätsstiftende, sprich orientierende Bedeutung jedoch wird neu verhandelt, die Qualitäten des sozialen Zusammenhalts verändern sich grundlegend, auch wenn es schwierig ist, sie zu benennen. Es ist mitunter diese Schwierigkeit, Dinge zu benennen und eine Orientierung zu entwickeln, die einen Teil der europäischen Gesellschaften in den vermeintlich sicheren, vertrauten Hafen der Nation zurückrudern lässt. Diese Sehnsucht nach Orientierung, Wahrheit und Tradition ist in den ehemals kommunistischen Ländern besonders spürbar. Der Kommunismus konservierte die Nation als verpflichtende kollektive Identität, zementierte das Freund-FeindDenken und hielt an der essentialistischen Vorstellung vom »Wesen« der Dinge fest. Indem der Kommunismus aus der Vorstellung eines linearen Fortschritts heraus JaNein-Antworten generierte und am Begriff der objektiven Wahrheit als Fluchtpunkt der eigenen gesellschaftlichen Diagnose festhielt, hinterließ er latente Schablonen


DOKUMENTATION kulturkonservativen Denkens, die von der PiS wiederbelebt werden. In ihrer ambivalenten Haltung zu Europa erweist sich die PiS als Erbin der Sehnsucht nach einer starren, klar strukturierten Welt, mit staatlichen Orientierungshilfen und eindeutigen Identitätsvorgaben. P.S. Nach den Kommunalwahlen im Oktober/ November 2018, in denen die PiS zwar in absoluten Zahlen gewann, jedoch ein vernichtendes Ergebnis in den Städten erzielte, gibt sich die Partei dezidiert Europa-freundlich. Sie muss annehmen, dass das schwache Ergebnis in den Städten mit dem Vorwurf der Opposition, die PiS strebe einen Polexit an, zusammenhing. 

Dieser Artikel wurde zuerst in den PolenAnalysen des Deutschen Polen-instituts veröffentlicht. Wir danken für die Nachdruckerlaubnis. Über die Autorin Dr. Magdalena Telus forscht zu linguistischen Stereotypen und Identität sowie Sprachenpolitik. Sie ist Erste Vorsitzende der Bundesvereinigung der Polnischlehrkräfte und Mitherausgeberin der Zeitschrift »Polski w Niemczech/Polnisch in Deutschland«. Sie unterrichtet Polnisch an der Universität des Saarlandes. Die Übersetzungen der Zitate ins Deutsche stammen von der Autorin.

Buchbesprechung:

Informatives über ein beliebtes Getränk Schreibt man ihn nun mit W oder mit V am Anfang? Stammt er aus Russland oder aus Polen? Unwichtig. Viel wichtiger ist, wie er schmeckt. Ja, es gibt deutliche Geschmacksunterschiede auch bei Wodka. Da ist beispielsweise der Unterschied, ob die Spirituose aus Weizen, Roggen oder gar Kartoffeln gebrannt wurde. Aber auch die Zahl der Brennvorgänge spielt eine Rolle und vor allem das verwendete Wasser. Dazu kommt, dass Wodkas (gerade aus Polen) auch aromatisiert werden. Schließlich ist der Begiff Wodka in Polen oft ein Sammelbegriff für Schnäpse, die nach unserem Verständnis nicht reiner Wodka sind. Eine Gute Übersicht über die Unterschiede, aber auch die wichtigsten weltweiten Produzenten bietet jetzt ein interessant gemachtes „Handbuch“ zu dem neben Bier beliebtesten Getränk der Polen. Isabel Boons ist eine Belgische Autorin die mit wechselnden Coautoren bereits eine Reihe von Büchern über alkoholische Getränke verfasst hat. Gemeinsam mit Frédéric du Bois, Inhaber einer beligischen Spirituosen-Importfirma, hat sie in einem begischen Verlag das Buch über Wodka verlegt, das nun vom Hildesheimer Gerstenberg-Verlag auf deutsch herausgebracht wurde. Wer sich für Wodka interessiert, findet hier sicher auch noch viele interessante Details. Vor allem eine Liste wichtiger Produzenten.

Denn wer weiss schon, dass viele bekannte polnische Wodkas in der Hand ausländischer, häufig französischer, Unternehmen sind. Auch wenn die Geschichte polnischen Wodkas stark verkürzt dargestellt wird (So wird ein wichtiges in der Teilungszeit im österreichischen Teil Polens gegründetes Unternehmen völlig vergessen) und der Text einige wenige kleinere (teilw. der Übersetzung bedingt) Unrichtigkeiten enthält, ist es ein spannendes und lesenswertes Buch, das sich auch gut als Geschenk eignet. Das Hammer und Sichel-Symbol auf dem Umschlag hätte man sich allerdings sparen sollen. Frédéric Du Bois, Isabel Boons: Wodka. Das ultimative Handbuch. 256 Seiten, 13 x 19,5 cm. gebunden ISBN 978-3-83692153-4. EUR 26.00

Verstehen, was in Polen geschieht Die Polen-Analysen werden gemeinsam vom Deutschen Polen-Institut, der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegeben. Sie bieten regelmäßig kompetente Einschätzungen aktueller politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Entwicklungen in Polen. Autoren sind internationale Fachwissenschaftler und Experten. Die Polen-Analysen werden auf Anforderung unentgeltlich per E-Mail als pdf-Datei versandt. Sie erscheinen mit Ausnahme einer Sommerpause an jedem ersten und dritten Dienstag im Monat. In der Ausgabe 229 vom 15.1.2019 finden Sie das Schwerpunktthema: „Die jungen Polen und die offene Gesellschaft“. Mit einem Beitrag von Filip Pazderski (Institut für Öffentliche Angelegenheiten, Warschau) Die Dezember-Ausgabe enthielt den hier wiedergegebenen Artikel Europa als »Wir« und »Nicht-Wir« mit weiteren Dokumenten. Die Polen-Analysen sind im Internet zu finden unter: http://laender-analysen.de/polen/ Hier sind im Archiv auch ältere Ausgaben zu finden. Wenn Sie die Polen-Analysen mit einem Smartphone für Android™ lesen möchten, empfehlen wir Ihnen die Installation der App „PolenAnalysen“, die kostenlos auf Google Play™ zur Verfügung steht. Die App ermöglicht den Zugriff auf alle Ausgaben der Polen-Analysen, die ab Januar 2016 erschienen sind.

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GESÄCHICHTE

Noch heute ist das Gebäude ein Gefängnis. Mit Gedenktafeln wird an ehemalige Heftlänge gedacht. Doch kein Gedenken an Rosa Luxemburg.

Rosa Luxemburg in Breslau im Gefängnis

Zeit für eine Gedenktafel „Schutzhaft zur Abwehr einer Gefahr für die Sicherheit des Reiches“ Von Daniela Fuchs Erbaut 1895 im damaligen Breslau, spiegelt das Wrocławer Strafgefängnis Nr. 1 und die Geschichte der dort inhaftierten politischen Gefangenen den Mikrokosmos der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Noch heute bietet der düstere Bau aus roten Ziegelsteinen Raum für bis zu 1375 Gefangene. Zwischen 1917 und 1918 saß Rosa Luxemburg hier ihre »Schutzhaft« zur »Abwendung einer Gefahr für die Sicherheit des Reichs« ab. In ihren Gefängnisbriefen ist überliefert, unter welchen Bedingungen sie in der damaligen Kletschkaustraße lebte. Seit ihrer Verlegung aus Wronke bei Posen hatten sich die Haftbedingungen für Luxemburg verschlechtert. Im August 1917 schrieb sie an Sophie Liebknecht: »Was mir hier fehlt, ist natürlich die relative Bewegungsfreiheit, die ich dort hatte, wo die Festung den ganzen Tag offen stand, während ich hier einfach eingesperrt bin, dann die herrliche Luft, der Garten und vor allem die Vögel ... Hier gibt es auf dem großen gepflasterten Wirtschaftshof, der mir zum Spaziergang dient, nichts zu entdecken.« In Breslau erlebte sie, wie Büffel, die als Lastentiere eingesetzt wurden, von Soldaten grausam misshandelt wurden. In tiefer Verzweiflung identifizierte sie sich

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mit einem der blutig geschlagenen Tiere. Darüber schreibt sie im Dezember 1917: »Wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht.« In Gefangenschaft trauerte Rosa Luxemburg um ihren Freund, den Arzt Hans Diefenbach, der zur gleichen Zeit an der Westfront des Ersten Weltkrieges gefallen war. Was muss in ihr vorgegangen sein, als sie von der Machtübernahme der Bolschewiki in Russland hörte. Hier verfasste sie im Frühherbst 1918 auch das Manuskript »Zur russischen Revolution«, die den berühmten, später viel diskutierten und oft missverständlich interpretierten Satz »... Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden ...« enthielt. Erst die revolutionären Ereignisse im November 1918 brachten für Rosa Luxemburg die Freiheit. Doch die sollte nur kurz andauern und mit ihrer Ermordung am 15. Januar 1919 in Berlin enden. Während der faschistischen Diktatur der Nationalsozialisten wurde das Gefängnis ein wichtiger Bestandteil der Breslauer Topographie des Terrors. Hier wurden Häftlinge verhört, verwahrt oder hingerichtet. Davon zeugt etwa eine Gedenktafel, die an polnische Hochschullehrer der Krakauer Jagiellonen-Universität erinnert, die 1939

im Zuge der »Sonderaktion Krakau« von hier in das KZ Sachsenhausen gebracht wurden. Oder ein kleines Emailleschild an der Außenmauer, das einen jungen Mann in tschechischer Fliegeruniform zeigt. Wie František Červinka, der nur 24 Jahre alt wurde, wurden bis zu 1085 Gefangene hier ermordet. Ein Fallbeil der Breslauer Guillotine wurde nach der Befreiung durch die Rote Armee als Kriegsbeute mitgenommen und im Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges in Kiew gezeigt. Ein zweites gehört heute zur Dauerausstellung »1000 Jahre Breslau« des Stadtmuseums Wrocław. Der Gefängnisbau überlebte die schweren Kämpfe um die Stadt - von Hitler in den letzten Kriegsmonaten zur Festung erklärt - nahezu unbeschadet. Nach der Kapitulation am 6. Mai 1945 wurden die Täter von einst zu Insassen des Gefängnisses. Die Zellen wurden im nunmehr polnischen Wrocław von SS- und SA Männern, Volksdeutschen, NSDAP-Mitgliedern und Wehrwolf-Angehörigen belegt, zeitweise waren es bis zu 4300 Gefangene. Der Wrocławer Antifaschist und KZ-Überlebende Fred Löwenberg hätte hier beinahe sein Leben verloren, als er aufgrund einer Denunziation gemeinsam mit ehemaligen KZ-Wachleuten inhaftiert und von Mitinsassen und Sicherheitskräften gleichermaßen schikaniert wurde. Gedenktafeln an den Außenmauern erinnern an die Gefangenen und Hingerichteten des stalinistischen Terrors, darunter an ehemalige Angehörige der Landesarmee, aufgestellt von der polnischen Exilregierung in London. Auch an Mitglieder der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność, die nach Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 hier interniert wurden, wird gedacht. Frische Blumen mit rot-weißen Bändern zeugen vom gerade feierlich begangenen Jahrestag. Im nur eingeschränkt zugänglichen Innenhof des Gefängnisses werden die neuen Helden der Polnischen Republik geehrt - die sogenannten »Verstoßenen Soldaten«, Kämpfer des antikommunistischen Untergrunds. Doch eine Gedenktafel für die Sozialistin und Internationalistin Rosa Luxemburg sucht man vergeblich. In einem Leserbrief der liberalen Zeitung »Gazeta Wyborcza« wurde unlängst gefordert, das zu ändern. Eine Gedenktafel zu Ehren Rosa Luxemburgs wäre nicht nur eine schöne Geste, sondern gleichzeitig ein Protest gegen die nationalistische Rechte Polens. 


GESCHICHTE

Zum 100. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg

„Hängen Sie die Tafel wieder auf“ Appell der stellv. Vorsitzenden der dt.-poln. Parlamentariergruppe Von Zaklin Nastic In einem offenen Brief hat sich anlässlich des 100. Jahrestags der Ermordung von Rosa Luxemburg die stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestags, die Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE, Zaklin Nastic, an Polens Regierung und den Wojewoden von Lublin gewandt mit der Aufforderung, die vor einem Jahr entfernte Gedenktafel am Geburtshaus der Politikerin wieder anzubringen. Wir dokumentieren hier den Brief der polnischdeutschen Abgeordneten: Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Wojewoda Przemysław Czarnek, Anlässlich des sich zum 100. Mal jährenden Tags der Ermordung Rosa Luxemburgs schreibe ich diesen Brief. Bis zum März letzten Jahres erinnerte eine Gedenktafel in Zamość an diese außergewöhnliche, in Polen geborene Persönlichkeit, auf die die polnische Bevölkerung und Regierung stolz sein müssten. Auf der Gedenktafel, die an der Fassade des Hauses, in dem Rozalia Luksenburg mit ihrer Familie lebte, angebracht war, stand, dass sie hier 1871 geboren und eine herausragende Vertreterin der internationalen Arbeiterbewegung gewesen sei. Dass diese Gedenktafel auf Geheiß des

Wojewoden der Region Lublin entfernt wurde, macht in einer demokratischen Weltöffentlichkeit Angst - welche viel größer ist als die, die vom »Kommunismus« noch übrig ist! Am 1. April 2016 beschloss das polnische Parlament ein Gesetz zum »Verbot der Propaganda für den Kommunismus«, das den lokalen Behörden vorschreibt, Straßennamen und Denkmäler mit einer Verbindung zu allen linken Traditionen zu beseitigen. Dieses Gesetz bekundet auch keinerlei Respekt vor jenen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern gegen den Faschismus, derer sich heute alle Völker rühmen. Außer ausgerechnet unser polnisches Volk? Man muss wahrhaft kein Linker sein, um stolz auf diese kleine, jüdische Frau zu

Filmpremiere: Starke Frauen

Am Vortag des Internationalen Frauentags, am 7. März 2019 findet in Berlin (Regenbogenkino) die deutsche Premiere des polnischen Films Starke Frauen (Siłaczki) statt, einen Doku-Spielfilm von Marta Dzido und Piotr Śliwowski, über 100 Jahre Frauenrechte in Polen (aber auch in Deutschland) „Starke Frauen“ („Siłaczki“) ist der erste polnische Film über Suffragetten. Jene Frauen, die um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Polen für die Rechte der Frauen gekämpft haben. Die Dokumentation „Starke Frauen“ ist die Geschichte unserer Urgroßmütter, denen Frauen heute das Stimmrecht verdanken. „Wir sind Menschen und wollen Menschenrechte!“, forderte Kazimiera Bujwidowa, die sich für die Zulassung von Frauen an Universitäten einsetzte. „Lasst uns es wagen, frei zu sein!“, ermutigte Maria Dulębianka, die erste polnische Kandidatin für das Parlament. „Wir wollen ein ganzes Leben!“, rief junge polnische Schriftstellerin Zofia Nałkowska und forderte Gleichheit nicht nur in politischer, sondern auch in moralischer Hinsicht. „Ohne Geschlechterunterschiede!“, postulierte Paulina Kuczalska, die man Päpstin des Feminismus nannte. Diese Frauen kämpften für Rechte in einem Land, das zu dieser Zeit noch nicht einmal wieder auf der Landkarte stand. Ihnen wurde gesagt: Jetzt ist nicht die Zeit, für die Rechte der Frauen zu kämpfen! Aber sie wollten kein unabhängiges Polen ohne freie polnische Frauen.

Zaklin Nastic ist Sprecherin für Menschenrechte der Linksfraktion im Bundestag. Ferner ist sie stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe. 1980 in Gdynia geboren, ist sie polnische und deutsche Bürgerin.

sein, auf ihre Beiträge zur humanistischen Bildung und Kultur, zur Kritik der politischen Ökonomie, zur Kunst und Literatur, zur parlamentarischen Demokratie und vor allen Dingen: auf den Einsatz ihres Lebens für das Ende des Völkergemetzels. Auch für Nichtjuden und Kommunismuskritiker bleiben Antisemitismus und Antikommunismus lebensgefährliche Bedrohungen für die Zivilisation und uns alle. Denn, ob wir wollen oder nicht: Jüdische Kulturen, die Französische Revolution und ihre bürgerliche Rechtskultur und die Oktoberrevolution mit den sozialstaatlichen Standards wirken in uns fort. Wenige haben das so wahrhaftig und anmutig verkörpert wie die außergewöhnliche Demokratin Rosa Luxemburg. Das irrwitzige Geschrei der Naziführer von der »jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung«, mit dem sie über 30 Millionen jüdischstämmiger, anderer sowjetischer, polnischer und auch deutscher Menschen abgeschlachtet haben, sollte auch bei Ihnen als Mindestmaß an antifaschistischer Konsensgründung im Ohr bleiben, um sich wieder den großen demokratischen Traditionen Europas und Polens zuzuwenden, um das Andenken an diese wundervolle Frau weiter zu pflegen. Gerne besuche ich Sie in Zamość oder Warschau, um zivilisiert und strittig im Geiste Rosa Luxemburgs mit Ihnen weitere Argumente auszutauschen. Aber zunächst, bitte, lassen Sie die Gedenktafel wieder anbringen! Mit freundlichen Grüßen: Zaklin Jadwiga Sarah Nastic, geboren Grinholc 

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GESCHICHTE

Finanzmittel für neue Gedenkstätte

Ausstellung in Sobibor Notwendige Bildungsprogramme zur Aktion Reinhard Von Kamil Majchrzak 2018 jährte sich der 75. Jahrestag der „Aktion Reinhardt“ bei der in den drei deutschen Vernichtungslagern Treblinka Belzec und Sobibor mindestens 1.8 Mio., vornehmlich polnische, Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma ermordet wurden. Allein in Sobibor wurden dabei auf brutale Weise mittels Dieselmotoren mehr als 34.000 Kinder und Erwachsene Juden und Roma aus den Niederlanden, 26.000 aus der Slowakei und 3 500 aus Frankreich vergast. Die „Aktion Reinhardt“ stellt den eigentlichen Kern des Holocaust dar. Doch über die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ und den jüdischen Widerstand in Treblinka und Sobibor wissen in Deutschland und Europa heute viel zu Wenige. Seit Jahren fordert DIE LINKE im Deutschen Bundestag, die langfristige Erinnerungs- und Gedenkarbeit finanziell durch Maßnahmen zu gewährleisten, die Forschung, Gedenken und historische Vermittlung vereinen. Anlässlich des Tages der Erinnerung und Mahnung 2013 lancierte die Berliner VVN-BdA, gemeinsam mit dem Sobibor-Aufständischen Philip Bialowitz eine Kampagne, um die „Aktion Reinhardt“ stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und die unermüdlichen Initiativen von Einzelpersonen und Bildungseinrichtungen, wie das Bildungswerk Stanislaw

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Hantz, zu unterstützen. Obwohl die Bundesregierung weder des Jahrestags des Warschauer Aufstandes (April 1943) oder der Aufstände in den deutschen Vernichtungslagern Treblinka (August 1943) bzw. Sobibor (Oktober 1943) gedacht hat, führte das beharrliche zivilgesellschaftliche Engagement und das beständige Erinnern an das Thema im Bundestag zu ersten Fortschritten. So wurde am 19. Dezember 2018 zwischen dem Deutschen Botschafter in Warschau und dem Präsidenten der Auschwitz-Birkenau Foundation eine Vereinbarung über die Anweisung von 1 Million Euro für die Gestaltung der neuen Dauerausstellung in der neuerrichteten Gedenkstätte Sobibor unterzeichnet. Die Weigerung der Bundesregierung, die seit 2015 bereits in den Bundeshaushalt eingestellten Mittel anzuweisen, verhinderte bislang die Durchführung einer Ausschreibung für die AusstellungsGestaltung, die von der Gedenkstätte Majdanek geplant war. Der Sobibor-Überlebende Philip Bialowitz besuchte bereits im Oktober 2013 den Deutschen Bundestag und forderte in einem eindrücklichen Brief an den damaligen Bundestagspräsidenten Lammert die Bundesrepublik auf, mehr Verantwortung zu übernehmen, um die beispiellose Geschichte und das Vermächtnis des

Holocaust, durch den drei Viertel der europäischen Juden vernichtet wurden, für zukünftige Generationen im Gedächtnis zu bewahren und für alle Zeiten daran zu erinnern. Die Große Koalition verhinderte bislang eine fraktionsübergreifende Zusammenarbeit bei dem Thema „Aktion Reinhardt“, obwohl seit 2015 ein umfassendes Konzept in Bezug auf die langfristige Gewährleistung der Erinnerungs-, Bildungs- und Forschungsarbeit zur sog. Aktion Reinhardt vorgelegt wurde. Grundlage dafür war ein Haushaltsantrag der rheinlandpfälzischen Abgeordneten Brigitte Freihold im Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (UAKB), aus deren heutigen Wahlkreis einst Menschen in die deutschen Todeslager Treblinka und Sobibor deportiert wurden. Freihold forderte in einem Änderungsantrag zum Bundeshaushalt, der in Rücksprache mit der Rabbiner-Kommission bei den Jüdischen Gemeinden in Polen, dem Jüdischen Historischen Institut Warschau (ŻIH), dem Deutschen Historischen Institut Warschau (DHI) und insbesondere dem Touro College Berlin erarbeitet wurde, die Mittel für Projektförderung zur Holocaust-Thematik auf

Der Sobibor-Überlebende Philip Bialowitz (2013)

insgesamt 3.620.000 € zu erhöhen und in einer 5-jährigen Förder-Periode zwischen 2019-2023 3,5Mio € für Bildungsmaßnahmen zur „Aktion Reinhardt“ einzustellen. Dadurch sollen in einem ganzheitlichen Ansatz so unterschiedliche Maßnahmen wie Lehrerbildung, Jugendbegegnung, Übersetzungen und die Sanierung der Infrastruktur der Gedenkstätte Treblinka sowie die Erschließung der ehemaligen Kommandantur Belzec, ermöglicht werden. Besonders gewürdigt wird darin auch die notwendige Förderung von Forschung, Erinnerung und historischer Vermittlung zu den im Rahmen der Aktion Reinhardt ermordeten Sinti und Roma.  Den Artikel eentnahmen wir mit frdl. Genehmigung der Zeitschrift „antifa“.


AUSSTELLUNG

Geschichtsraum | Grenzraum | Begegnungsraum

Beiderseits der Oder

Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Von Renate Stiebitz und Karl Forster Vom 7. September 2018 bis 20. Januar 2019 präsentierte das Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) die Ausstellung „Beiderseits der Oder. Geschichtsraum | Grenzraum | Begegnungsraum“. Die Ausstellung war ein Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 SHARING HERITAGE. „Sie beschreibt die Region beiderseits der Oder als einen erinnerungsgeschichtlichen Raum, der heute Deutschen und Polen gemeinsam ist. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren Lebensgeschichten mehrheitlich geprägt sind durch Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung während des Zweiten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren. Zu Wort kommen Nachbarn von beiden Seiten der Oder, die den Blick nicht nur in die Vergangenheit richten, sondern auch berichten, wie für sie Fremdes zu Eigenem wurde, wie neue kulturelle Identitäten entstanden, und welche Möglichkeiten sie heute für eine deutsch-polnische Verständigung sehen.“ heißt es in der Pressemeldung des HBPG. Weiter heißt es in der Selbstdarstellung des Hauses: „Ein als Gesamtkunstwerk inszenierter Raum lädt den Besucher zu einer Reise beiderseits der Oder ein. Nicht Exponate oder Schautafeln, sondern Audio-, Bild- und Videosequenzen begleiten den Besucher auf seiner Reise und bieten ihm einen assoziativen Zugang zu den geschichtlichen Ereignissen. Auch wenn sich die Ursachen unterscheiden, die Situation beiderseits der Oder ähnelte sich: die Besucher sehen Menschen auf der Flucht, zerstörte Städte und Dörfer, und sie erhalten Einblick in den Neubeginn in Landwirtschaft, Industrie und Privatleben. Fotos und Filmausschnitte, aktuelle Interviews und persönliche Erzählungen von Zeitzeugen und Nachgeborenen aus der Region werden verwoben mit privatem Bildmaterial, das in erster Linie Familiengeschichten erzählt, sowie mit offiziellen Aufnahmen, die immer auch Dokumente politischer Propaganda sind. Das Ergebnis ist eine Raumdramaturgie, die alle Sinne anspricht und den kollektiven Schock von Flucht, Vertreibung und erzwungenem Neubeginn nachvollziehbar macht.“

Soweit die Theorie. Tatsächlich gab es allerdings viel Kritik an der Ausstellung. Die wurde auch in den Einträgen im Gästebuch deutlich. „Die Ausstellung hat uns maßlos enttäuscht und lässt uns ratlos zurück“, ist nur eine von zahlreichen ähnlichen Einträgen.. Ratlos und irritiert zurückgelassen Für POLEN und wir nahm die Journalistin Renate Stiebitz an der Führung zur Finissage teil. Ihr Eindruck: „Eigentlich ein sehr spannendes und berührendes Thema, nur sah die Praxis anders aus. Der Betrachter wird ratlos, irritiert zurückgelassen, Emotionen entstanden auch nicht bei mir. Einzig der Vortrag hat geholfen, sich in der Ausstellung zurechtzufinden. Es waren auch sehr alte Leute zur Führung gekommen, um sich umzusehen, sie sind aber auch sehr schnell verschwunden. Bilder allein, dazu noch sehr blass sichtbar, reichen eben nicht. Ein dunkler Raum macht alles noch schlimmer als es ohnehin schon war. Am schlimmsten fand ich das Stimmengewirr. Wenn du dich auf ein Kreuz gestellt hast, fing sofort jemand an, polnisch zu sprechen. Eine Übersetzung dafür gab es nicht. Ich fand die Idee gut, aber die Umsetzung nicht. Das geht besser, denke ich. Aber es war ein Experiment.“ Renate Stiebitz fiel auch auf, dass in der Infoleiste über

Ereignisse der Vertrag zwischen der DDR und der VR Polen von 1950, auch Görlitzer Vertrag oder Oder-Neiße-Friedensvertrag genannt, völlig vergessen wurde. Künstlerische Annäherung Die Journalistin Heidi Jäger schrieb anlässlich der Ausstellungseröffnung in den Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN): „Es ist eine künstlerische Annäherung von Studenten der Technischen Universität Berlin aus dem Mastergang Bühnenbild–Szenischer Raum. Sie schufen in dieser zweiten Kooperation mit dem HBPG eine Rauminstallation ohne Schautafeln. Den Besuchern wird nur ein Flyer mit Erläuterungen an die Hand gegeben, ansonsten bewegt er sich in dem abgedunkelten Raum zwischen historischen Fotografien, Collagen und Interviews, die aus allen Ecken auf ihn einstürzen und beim gestrigen Presserundgang in der Lautstärke noch nicht gut eingestellt waren. Man muss sich konzentrieren in diesem Parcours der Familiengeschichten – angeordnet im Flusslauf zwischen Szeczin/Stettin und Wroclaw/Breslau –, um die losen Enden zusammenzuknüpfen.“ Umfangreiches Begleitprogramm Im Rahmen der Ausstellung fand auch ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen deutscher und polnischer Referenten, Zeitzeugengesprächen, Kuratorenführungen, einer Recherchereise der Studenten und einem Workshop unter dem Titel „Wahre Geschichten? – Zur Rolle von Inszenierung und Szenografie bei der Geschichtsvermittlung in Museen“ statt. Leider ist auf der Internetseite des HBPG zu dem Projekt nichts zu finden. 

Blick in die Ausstellung „Beiderseits der Oder“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Potsdam. Foto: Max Meier

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VERKEHR/TOURISMUS

Nach 70 Jahren:

Zweigleisig Bahnstrecke fertiggestellt Mit der Fahrt eines Sonderzuges und einem Festakt in Niesky wurde die insbesondere für den europäischen Schienengüterverkehr bedeutungsvolle Verbindung zwischen Deutschland und Polen Knappenrode–Niesky–Horka feierlich in Betrieb genommen. Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla eröffneten mit Vertretern des polnischen Infrastrukturministeriums, der polnischen Bahn-Netzgesellschaft PKP-PLK, der Europäischen Kommission sowie zahlreichen Vertretern aus Politik, Wirtschaft die über 55 Kilometer lange Strecke. Mit Fertigstellung der nach 70 Jahren wieder zweigleisigen Strecke wird vor allem der grenzüberschreitende Güterverkehr profitieren, aber auch der Personenverkehr gewinnt an Attraktivität. Seit Fahrplanwechsel am 9. Dezember fahren tagsüber zweistündlich wieder Nahverkehrszüge zwischen Hoyerswerda und Görlitz, die einen Großteil der neu- und ausgebauten Strecke nutzen. Enak Ferlemann: „Wir bringen mehr Güter auf die umweltfreundliche Schiene! Diese Strecke trägt dazu bei, unsere Klimaschutzziele zu erreichen. Dank modernster Technik wird der Schienengüterverkehr wettbewerbsfähiger. Bis zu 740 Meter lange Güterzüge können ohne technische Hindernisse grenzüberschreitend über diese Strecke rollen.“ Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer: „Weniger als eine Stunde zwischen Görlitz und Hoyerswerda, eine gute Verbindung von Städten und Dörfern und die Chance, wieder beim Fernverkehr mitfahren zu können – dazu kommt, dass der Ausbau im europäischen Güterverkehr die Straße entlastet: Die neue Zugstrecke ist ein wichtiger Meilenstein für die Infrastruktur der Zukunft in der Lausitz, dem weitere folgen müssen.“ DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla hob die europäische Bedeutung der Strecke hervor: „Heute wächst Europa auf der Schiene ein weiteres Stück zusammen. Mit der Inbetriebnahme der Strecke zwischen Knappenrode, Horka und der Grenze zu

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unseren polnischen Nachbarn erreichen wir einen wichtigen Lückenschluss im europäischen Verkehrskorridor zwischen Nordseehäfen und Wirtschaftszentren in Mittel- und Südosteuropa.“ Deutschland und Polen vereinbarten seinerzeit im Rahmen der EU-Osterweiterung den Ausbau der grenzüberschreitenden Schienenverbindungen, um den zunehmenden Güter- und Personenverkehr zwischen Ost- und Westeuropa bewältigen zu

Blick auf die Altstadt von Krakau.

können. Dazu gehörte auch das Projekt „Ausbau der Strecke Knappenrode (Hoyerswerda)–Horka“ bis zur deutsch-polnischen Grenze. Die Strecke wurde seit 2010 zweigleisig ausgebaut und elektrifiziert und wird mit dem neuen, europaweit einheitlichen Zugsicherungssystem ETCS ausgerüstet. Das erleichtert den grenzüberschreitenden Güterverkehr. Die Kapazität der Strecke ist für bis zu 170 Züge täglich ausgelegt. 

Foto: Polnisches Fremdenverkehrsamt

Krakau ist Gastrohauptstadt Europas Polens einstige Königsstadt Kraków (Krakau) ist nicht nur Welterbe, ehemalige Kulturhauptstadt und Stadt der Literatur. In diesem Jahr will die Weichselmetropole beweisen, dass sie auch den Titel „Hauptstadt der Gastro-Kultur“ mehr als verdient hat. Dabei kommt ihr sogar eine Vorreiterrolle zu. Denn sie ist die erste Stadt, die von der European Academy of Gastronomy gekürt wurde. Für das „Hauptstadtjahr“ hat sich Krakau einiges vorgenommen. So wird nicht nur ein internationaler Kongress für Gastroprofis und Feinschmecker stattfinden. Es werden auch zahlreiche Treffen und Showkochveranstaltungen mit namhaften Köchen aus dem In- und Ausland sowie die erste „europäische Kocholympiade“ organisiert. Innovativ ist zudem das Format „Virtuelles Abendessen“. Dabei können Interessierte über das Internet gleichzeitig verschiedene Restaurantküchen bei der Arbeit verfolgen. Einen Überblick über diese neuen sowie über altbewährte kulinarische Veranstaltungen, wie das Pierogi-Festival, den Krakauer Karneval oder den Johannismarkt, gibt der offizielle Kulinarik-Kalender für dieses und die kommenden Jahre, der demnächst auf der offiziellen Homepage von Kraków veröffentlicht wird. Die Stadt an der Weichsel hat kulinarisch einiges zu bieten. So finden sich zahlreiche Restaurants mit Empfehlungen im Michelinführer „Main Cities of Europe“ sowie im „Gault&Millau“.


BEGEGNUNG/TOURISMUS ckelte sich im aufstrebenden Kapitalismus. Treffend beschrieb diese Zeit der Literaturnobel-preisträger Władysław Reymont (1867 - 1925) in seinem Roman „Das gelobte Land“ (Ziemia obiecana). Heute hat die Stadt ihre Industriegeschichte auf äußerst interessante Weise in das Stadtbild integriert. Das Camp wird vom 03. – 10. August zum wiederholten Male im reizvollen Mielno, auf der Landzunge zwischen Jamnosee und Ostsee, stattfinden. 

200 Jahre Moniuszko Eine kleine Rast beim Erreichen von Sandomierz bei der Tour 2018.

Von Słubice über Kalisz nach Łódż

Sie rollen wieder Die Radtouren der guten Nachbarschaft 2019 Von Werner Stenzel Seit mehr als 26 Jahren rollen die Radtouren der guten Nachbarschaft. Es ist sicher nicht falsch, von einer Tradition zu sprechen, wenn Jahr für Jahr Radfahrer zur Etappenfahrt und zum Camp mit seinen sternförmigen Touren aufbrechen. Im letzten Jahr fand der Fernradweg Green Velo im Osten des Nachbarlandes das Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Etappentour und des Camps. Natürlich ist jeweils eine Woche viel zu kurz für diese neu errichtete Radfahrtrasse mit einer Länge von fast 2000 km vom Ermland, über die Masuren, Lublin bis in das Karpatenvorland und das Heiligkreuzgebirge. Also ‘beschränkte‘ sich das Teilnehmerfeld auf die Region um Sandomierz und Kielce (Etappentour) und die Gegend um Augustów inmitten der Seenlandschaft der Wojewodschaft Podlasie (Camp). Auf jeden Fall hat sich die mehr als zwölfstündige Anreise mit dem Bus gelohnt, um die Naturschönheiten und Kulturzeugnisse vom Mittelalter bis in die Gegenwart kennenzulernen. Besonders hilfreich war die Unterstützung des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Berlin. Polen entdecken, das geschieht Jahr für Jahr neu. Persönliche Freundschaften und Verständnis für Geschichte und Mentalität des Nachbarn festigen sich. Und immer ‘weht‘ der Geist der Friedensfahrt mit, welche seinerzeit auf den Straßen zwischen Warschau, Berlin und Prag stattfand. Da-

her rührt die feste Verbindung zum Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen. Friedensfahrtlegende Täve Schur persönlich danken die Tourorganisatoren, dass er sich seit Anbeginn um die Touren sorgt. Zugunsten des Friedensfahrtmuseums fand bei der Weihnachtsfeier im November letzten Jahres eine Tombola statt, mit sehr ansprechenden Preisen, welche u.a. das Museum zur Verfügung stellte, z.B. Radtourzubehör wie Rucksäcke und T-Shirts. Täve stellte Trikots von seinen Touren zur Verfügung. Auch Heidi Schultz, die Witwe des Namensgebers der Touren Bruno Schultz, unterstützte durch eine Spende das Anliegen. Besondere Freude lösten natürlich die beiden Hauptpreise aus, gestiftet von der Redaktion Polen und wir und der „Grün Berlin GmbH“: Zwei Jahreskarten für die Berliner „Gärten der Welt“. Und wie sieht es mit den Plänen für 2019 aus? Zuerst ist das Rad-Treffen in Kleinmühlingen vom 29. Mai bis 1. Juni zu nennen, mit dem Programmpunkt „Wir feiern die Friedensfahrt“ am 30. Mai. Nicht nur Täve, Olaf Ludwig und andere Radsport Stars werden dabei sein, auch Gäste aus Frankreich und den östlichen Nachbarländern. Vom 15. – 23. Juni führt die diesjährige Etappentour über ca. 460 km von Słubice über Kalisz nach Łódż. Die alte Industriestadt gilt als Schmelztiegel polnischer, jüdischer und deutscher Kultur und entwi-

Stanisław Moniuszko gilt als Begründer der polnischen Nationaloper. Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten im Mai feiert Polen 2019 das Moniuszko-Jahr. Im ganzen Land wird dessen Musik erklingen. Ein erster Höhepunkt war die offizielle Eröffnung des Festjahres am 5. Januar im Teatr Wielki in Warszawa (Warschau). Ein weiterer Höhepunkt des Festjahres findet am Geburtstag Moniuszkos, dem 5. Mai 2019, statt. Auf diesen Tag fällt die Eröffnung des zehnten MoniuszkoGesangswettbewerbes. Der alle drei Jahre stattfindende Wettbewerb zählt zu den bedeutendsten Veranstaltungen dieser Art in Polen. Das Finale ist für den 11. Mai vorgesehen. Vom 6. April bis 12. Mai können Freunde des Tanztheaters im Teatr Wielki eine Inszenierung mit dem Titel „Fredriana“ erleben. Orchester und Ballettensemble des Hauses präsentieren zwei Stücke zur Musik von Stanisław Moniuszko. Als motivische Textvorlagen dienen Werke von Aleksander Fredro, eines Zeitgenossen von Moniuszko. Darüber hinaus führt die Nationaloper im Mai Moniuszkos Oper „Straszny Dwór“ (Das Gespensterschloss) sowie im Juni die Wilnaer Urfassung von „Halka“ auf. In der Philharmonie von Kraków (Krakau) findet am 15. Mai eine offizielle Geburtstagsveranstaltung statt. An diesem Abend werden die wichtigsten Chöre der Stadt teils mit Klavierbegleitung die bekanntesten Lieder Moniuszkos präsentieren. In der Oper von Wrocław (Breslau) steht im März die selten aufgeführte Kantate „Widma“ (Phantome) auf dem Programm, die der Komponist als Illustration zum zweiten Teil von Adam Mickiewiczs Epos „Dziady“ (Die Totenfeier) geschaffen hatte. Weitere Konzerte finden unter anderem in Łódź (Lodsch), Poznań (Posen), Gdańsk (Danzig) und Opole (Oppeln) statt. 

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DPAG Pressepost Entgelt bezahlt Verlag Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland c/o Manfred Feustel Im Freihof 3, 46569 Hünxe

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POLEN und wir Heft 1-2019  

Zeitschrift für deutsch-polnische Verständigung Ausgabe 1. Quartal

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