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Wie sächsisch ist Big Apple? Auf Spurensuche in New York City er ganze Globus scheint in New York U-Bahn zu fahren. Gesichter aller Kontinente sind hier zu sehen, die Sprachen der Welt zu hören. Sächsisch gehört also auch zu den Weltsprachen dachte ich unlängst: Das junge Paar, das sich während die „Q“-Linie über die Manhattan Bridge ratterte in vertrautem Dialekt unterhält, staunt nicht schlecht über meine Frage: „Auch aus Dresden?“. Die Antwort: KONRAD HIRSCH unterwegs „Ja“. Wir kommen ins Gespräch. Elli und Olli, ein Künstlerduo, für eine Weile in New York auf der Suche nach Inspiration, angesteckt vom Mythos dieser Stadt. Sie haben eine hochauflösende Kamera dabei, sammeln bewegte Bilder, die unverkennbar nach New York aussehen, komponieren am Laptop spontane Sounds dazu und posten diese bei YouTube. Im Besucherzentrum des Guggenheim-Museums überlisten sie die drei mit dem Internet verbundenen Computer und in voller Bildschirmgröße erscheint plötzlich, da wo sonst Infos zum Museum flimmern, ihr New-York-Clip. Glücksmo-

Fotos: Konrad Hirsch

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mente: das erste eigene Werk im Guggenheim – wenn auch noch nicht offiziell. Hier Spuren zu hinterlassen sei schon ein Ziel, verrät Oliver Borner, der in Dresden an der Kunsthochschule studiert und sich für New York eine Auszeit genommen hat um Kontakte zu knüpfen. Er trifft Galeristen, schaut sich Ateliers an. In New York auszustellen, temporär zu arbeiten, zu leben – das wäre ein Projekt, wenn auch kein einfaches. Die Mieten sind utopisch teuer in Manhattan und die Schlange derer, die hier an die Spitze wol-

len, ist lang. Doch die Möglichkeiten sollen ja sprichwörtlich unbegrenzt sein. Das beflügelt Elli und Olli. Die sächsische Kulturstiftung ermöglicht Künstlern sechsmonatige Arbeitsaufenthalte in New York. Eine Leipzigerin und ein Dresdner haben 2011 den Zuschlag erhalten. Seit 1999 läuft das Programm, doch sichtbare Spuren haben die geförderten Künstler in New York nicht hinterlassen. Keine Galerie vertritt hier sächsische Künstler. In den großen Museen Manhattans tauchen ab und

Big Apple als Inspirationsquelle: das Künstlerpaar Elli & Olli aus Dresden in der New Yorker U-Bahn.

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In Dresden hatten Heinrich und Lisa Arnhold die Sammlung begründet. Sohn Henry H. Arnhold, der seit 1942 in New York lebt, hat die Sammlung fortgesetzt. In diesem Jahr wird er 90 Jahre alt. Die jüdische Bankiersfamilie wurde in der Nazizeit aus Dresden vertrieben. Trotzdem unterstützt Henry Arnhold seit 20 Jahren Dresdner Projekte: Er beteiligt sich am Wiederaufbau der Frauenkirche

mit einer Million Mark, zahlte den Umbau des von seiner Familie gegründeten Georg-Arnhold-Bades, engagierte sie sich beim Neubau der Synagoge. Jedes Jahr fördert er Studierende der Palucca Tanzhochschule und der TU Dresden mit Stipendien. Eine von ihnen ist Claudia Horn, die zurzeit für einige Monate in New York an der New School für Social Research studiert und von Henry Arnhold unterstützt wird. Ich treffe sie zum Abendessen in Chinatown. Sie hat sich mit Arnholds Familiengeschichte beschäftigt und ist voller Bewunderung für den betagten Wohltäter. Aus der New Yorker Perspektive fragen wir uns, ob Dresden Arnholds Großzügigkeit ausreichend würdigt. Zum 90. Geburtstag die Ehrenbürgerschaft für Henry Arnhold – das wäre eine angemessene Geste der Dankbarkeit. Neben Henry Arnhold haben sich nach 1994 einige namhafte New Yorker für Dresdner Projekte eingesetzt: Persönlichkeiten wie Henry Kissinger oder David

Fotos: Konrad Hirsch

zu sächsische Bezüge auf: Das Metropolitan Museum zeigte 2007 Neo Rauch, im MOMA entdecke ich in der Ausstellung „On Line: Drawing Through the Twentieth Century“ Kandinskys Tanzkurven, die er 1926 inspiriert durch Palucca entworfen hat. Doch die Originale, die im Kupferstichkabinett in Dresden bewahrt werden, hat das Museum nicht ausgeliehen. Lediglich ein Buch mit den Reproduktionen liegt in der Vitrine. Immerhin. Einer der ganz großen Dresdner Konstruktivisten fehlt in dieser Ausstellung: Hermann Glöckner spielt in dieser Liga und wäre es wert, einmal in Übersee gewürdigt zu werden. Im vergangenen Jahr hat die „Neue Galerie“, die in einer noblen Villa an der Fifth Avenue deutsche und österreichische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts präsentiert, eine Otto-Dix-Ausstellung gezeigt. In der Sonderschau „Chaos and Classicism“ im Guggenheim-Museum entdecke ich Grafiken aus dem Kriegszyklus von Dix sowie das bekannte Poster, das Willy Petzold 1928 für die Dresdner HygieneAusstellung entworfen hat. Vor drei Jahren zeigte die Frick Collection am Central Park die Meissner Porzellansammlung der Familie Arnhold.

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Fotos: Konrad Hirsch

Pirouetten mit Skyline-Blick: Die Eisbahn „Wollman Rink“ am südöstlichen Parkeingang des Central Parks

Terminen, Proben und den jährlich 60 bis 70 Konzerten, die er als Solocellist weltweit gibt. New York hat er schon vor dem Mauerfall auf Tourneen als junger Konzertmeister mit der Sächsischen Staatskapelle kennen gelernt. Als die Mauer fiel war er gerade hier. Dresden sei seine musikalische Heimat. Hier wurde er entscheidend geprägt. New York, wo er seit 2004 unter anderem mit den Philharmonikern zusammenarbeitet, sei als Inspirationsort für ihn wichtig. Für Jan Vogler sind die beiden extrem unterschiedlichen Städte die perfekte Konstellation: „In New York kann ich Kontakte zu den Interpreten knüpfen, die ich nach Dresden einladen möchte.“ Auf dieser Basis ist es ihm in den letzten Jahren gelungen, die bedeutendsten Orchester, außergewöhnliche Ensembles und international gefeierte Künstler nach Dresden zu holen. Das diesjährige Festival hat Vogler unter das Motto „Fünf Elemente“ gestellt. „2011 möchten wir die europäische Kultur mit asiatischen Philosophien in Kontext setzen, eine Brücke zwischen unterschiedlichen Religionen und Lebensmaximen schlagen. Ich freue mich, das Tokyo String Quartet, das New York Philharmonic Orchestra, die Berliner Philharmoniker und Interpreten wie Heinrich Schiff, Lars Vogt,

hauskulisse, die Eisbahn existiert seit Rockefeller engagierten sich in dem von 1950. Hier treffe ich Jan Vogler. Kein Nobelpreisträger Günter Blobel gegrünZweiter legt so häufig die 6500 Kilometer deten Förderverein „Friends of Dresden“. Luftlinie zwischen Hudson River und Elbe Blobel, der seit 1963 in Amerika lebt, hat zurück wie der Intendant der Dresdner einen beträchtlichen Teil seines NobelMusikfestspiele und Künstlerische Leiter Preisgeldes für den Aufbau der Frauendes Moritzburg Festivals. Seit 1998 lebt er kirche gespendet, setzte sich für die orimit seiner Familie in Manhattan. Der ginalgetreue Rekonstruktion des DresdCentral Park ist für ihn zu jeder Jahreszeit ner Neumarktes und den Wiederaufbau beliebter Regenerationsort zwischen der 1968 gesprengten Leipziger Universitätskirche ein. Die Aberkennung des Welterbetitels für das Dresdner Elbtal hat sein Verhältnis zur Elbestadt soweit gestört, dass er für ein Interview nicht zur Verfügung steht. Seine Begeisterung für Dresden sei „auf null abgesunken“ schreibt er mir per E-Mail. Kurz darauf lese ich in der New York Times, dass Dresden auf Platz 28 von 41 „Places to Go 2011“ rangiert und damit zu den spannendsten, schönsten und sehenswertesten Orte der Welt zählt. Ich bin beruhigt. Die Begeisterung für Dresden scheint nicht bei allen New Yorkern auf null gesunken zu sein. Am „Wollman Rink“ im Central Park SchlittschuhWahl-New Yorker seit 10 Jahren: Jan Vogler, Cellist und Intendant der Dresdner Musikfestspiele. läufer vor grandioser Hoch-

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René Pape oder Christian Tetzlaff in Dresden begrüßen zu dürfen.“ Während der Festspielzeit vom 18. Mai bis 15. Juni wird Jan Vogler wohl eher in Dresden als in New York anzutreffen sein. Zum Abschluss unseres Spaziergangs noch ein Foto am Columbus Circle. Die Gelben Taxis ziehen ihre Kreise. Mittendrin Jan Vogler: ein faszinierender Global Player, zu 50 Prozent Dresdner, zu 50 Prozent New Yorker.

sen in der Christopher Street in Greenwich Village. Der Empfang ist überaus herzlich. Barockmusik spielt im Hintergrund, gereicht werden Petits Fours und englischer Tee – selbstverständlich auf Meissner. Michael Koh kennt alle Dekors und Formen. Besonders stolz ist er, aktuell die komplette 16-köpfige Affenkappelle von Johann Joachim Kaendler im Angebot zu haben. In seiner MeissenBoutique ist individuelle Beratung ga-

Bekennender Dresden-Fan ist Michael Koh. Er stammt aus Singapur, lebt seit vielen Jahren in Manhattan und reist fast jedes Jahr nach Dresden, genauer gesagt nach Meißen. Er fühlt sich der Belegschaft der Porzellan-Manufaktur Meissen fast familiär verbunden, liebt das weiße Gold über alles. Vor fünfzehn Jahren hat er seinen „Porcelain Room“ gegründet, seit elf Jahren betreibt er die-

Where the hell is Radeberg? Bier macht neugierig: Jane Lee und Heather Baltz.

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Konrad Hirsch

Fotos: Konrad Hirsch

Ein Herz für weißes Gold: Michael Koh aus Signapur verkauft in New York Porzellan aus Meißen.

rantiert. Mit seinem Enthusiasmus hat der Mann aus Singapur schon viele New Yorker für die exquisiten Produkte aus Sachsen begeistert. Für den Abend haben New Yorker Freunde eine Überraschung geplant und bestellen mich zur 113 N. 3rd Street nach Brooklyn Williamsburg. Noch vor kurzem zählte dieses Viertel nicht zu den sehenswerten Ecken der Stadt, doch nach und nach ist Williamsburg zur hippen Ausgehmeile geworden. In einer alten Werkstatt hat ein New Yorker mit tschechischen Wurzeln einen Indoor Biergarten eröffnet und heute ist „Radeberger Night“. Die Kneipe ist sehr gut besucht, eine Band spielt Blues und man trinkt Radeberger. Der Wirt berichtet stolz, dass das Bier aus Sachsen hier der Renner sei und in New York inzwischen in über 400 Gasthäusern angeboten wird. Die Fregatte „Sachsen“ hat 2009 Manhattan angelaufen, erzählt man sich am Biertisch. Die Sächsische Staatskapelle Dresden spielte im vergangenen Jahr im Lincoln Center und das Ballett der Semperoper ist unlängst im City Center in der 55. Straße aufgetreten. Nun könnte der Eindruck entstanden sein, New York City sei ziemlich sächsisch. Ist es natürlich nicht. New York ist global, hat unzählige Facetten. Hier tummeln sich die Weltkulturen, scheint jede Region der Erde eine Daseinsberechtigung zu haben. Das ist das Geheimnis dieser Stadt. ■


Wie sächsisch ist Big Apple?