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Jahresbericht 2009 Stiftung Netzwerk


Inhalt

4 Editorial 6 I. – Tischgespräch mit Daniel Keller und Guido Dudle 12 II. – Tischgespräch mit Claudia Nielsen und Samira 20 III. – Tischgespräch mit Annatina Nufer und Yannik 26 IV. – Tischgespräch mit Günter Amendt und Peter J. Grob 36 Impressionen 2009: Baustelle Restaurant Viadukt 42 Statistiken 43 Begleitetes Wohnen 44 Auffangwohngruppe 45 Jugendwohnungen 46 Wohnhilfe 47 Ambulante Jugend- und Familienbegleitung 48 AIP Restaurant Konter 49 AIP Mittagstisch E1S 50 Jobbus/Garage 51 Finanzen 51 Rückblick 52 Budget und Ausblick 53 Bilanz 54 Erfolgsrechnung & Budget 55 Mittelflussrechnung & Kapitalnachweis 56 Spenden 58 Revisionsbericht 60 Vision 2010: Der neue Dorfladen in Seegräben 64 V. – Tischgespräch mit Franz Treichler 70 Impressionen 2009: Die Konzerte im Restaurant Konter 82 Impressionen 2009: Jobbus/Garage 90 Impressionen 2009: Jobbus Cup 92 Stiftungsrat und Mitarbeitende 2009 94 Adressen 95 Die Interviewten 98 Impressum


Editorial – Kaspar Jucker, Geschäftsleiter Im Jahresbericht 2008 hat die Stiftung Netzwerk angekündigt, eine Geschäftsstelle sowie ein Restaurant als Arbeitsintegrationsprojekt (AIP) im Kreis 5 in Zürich zu eröffnen. Am 3. Mai 2010 ist es nun so weit: Das AIP Restaurant Viadukt wird Wirklichkeit. Für das Netzwerk – als Nischenplayer im sozialen Bereich bis anhin im Zürcher Oberland tätig – war der grosse Schritt in die Stadt nicht erst seit gestern Vision. Diese Stossrichtung zeichnete sich schon beinahe seit der Gründung ab. Schritt für Schritt arbeiteten wir auf die Umsetzung hin. Auf dem Weg gab es manchmal Zweifel, Schwierigkeiten, Rückschläge. Nichtsdestotrotz: Die Vision blieb. Wer eine Vision verwirklichen will, muss andere zuerst von deren Wirkung und Notwendigkeit überzeugen. Die anderen, das waren in diesem Fall: das Netzwerk-Team, der Stiftungsrat, die Geldgeber und die Stiftung PWG. Sie alle haben sich hinter die Vision gestellt, sie vorangetrieben und bis zuletzt unterstützt. Für diese grosse Unterstützung und das Vertrauen möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken. Tatsache ist: Ohne Visionen hätte es das Netzwerk so nie gegeben. Und ohne die, die bereit sind, unseren Visionen Geburtshilfe zu leisten, ebenfalls nicht. Wir wissen: Besonders jetzt sind Sachverstand und Weitsicht noch mehr gefragt. Wir werden in diesem Sinn die Stiftung Netzwerk visionär weiterführen. Trotzdem können wir nach der Verwirklichung einer Vision nie genau wissen, was daraus wird. Eine Zukunft nach Plan gibt es nicht. Visionen weisen uns vor allem die Richtung in die Zukunft. Sie sind die Nahrung auf dem Weg zum Ziel. Visionen sollten wir also nicht auf morgen verschieben. Darum stellen wir in diesem Jahresbericht die Visionen und VisionärInnen ins Zentrum, getreu dem Motto: «Wann, wenn nicht jetzt?» Wir haben die verschiedensten Menschen an einen Tisch gebeten, um über ihre Träume und Taten zu diskutieren: Mitarbeitende und Schüler, Stiftungsrätinnen und Auszubildende, Musiker und Drogenexperten. Was dabei herausgekommen ist, lesen und sehen Sie auf den folgenden Seiten. Wir wünschen gute Lektüre!

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«The last that ever she saw him, carried away by a moonlight shadow»

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I. – Tischgespräch über Visionen: Daniel Keller, Bereichsleiter Jobbus/Garage, und Guido Dudle, Lehrer AIP

Richtig alt werden ist ein Alptraum. Schlagwörter wie «Ho, Ho, Ho Chi Minh» haben ein Verfallsdatum, vor allem, wenn man deren Bedeutung nicht wirklich versteht. Es braucht viel Spielraum, um Visionen zu entwickeln.

Apropos Visionen: Was wolltet ihr als Kinder werden? Guido Dudle: Kapuziner, die Typen haben mir gefallen, weil sie wie «Sami­chläuse» aussahen. Und Bahnhofsvorstand am Hauptbahnhof Zürich. Daniel Keller: Als Kind wollte ich Kind bleiben, gar nicht erwachsen werden. Später, mit 14, liebäugelte ich mit dem Beruf des Pfarrers – und danach mit dem des Architekten. Von welchen Visionen habt ihr im Laufe der Zeit Abschied genommen? Dudle: Meine ersten Visionen entwickelte ich während des Studiums. Damals skan­ dierte ich Schlagwörter wie «Ho, Ho, Ho Chi Minh». Irgendwann gab ich es auf, mit Schlagwörtern um mich zu werfen, deren Sinn ich nicht wirklich verstand. Ich habe später auch von den katholischen Visionen Abschied genommen. Auslöser war die ganze Sexmoral, das alte Sündenregister. Keller: Ich habe so ziemlich von allen Visionen Abschied genommen. Das ist aber kein Weltuntergang, sondern positiv zu werten, ich lasse mich nämlich ungern täuschen. In den Achtzigern dachten wir noch, dass wir die Dinge verändern könnten, das ist mir heute beinahe peinlich. Als junger Mensch habe ich mein Leben geträumt, in Stationen. Vieles ist später eingetreten. Seither bin ich der Ansicht, dass das Leben grösstenteils vorbestimmt ist. Nichtsdestotrotz sollte man sich anstrengen, etwas aus seinem Leben machen. Du siehst das wahrscheinlich anders, Guido? Dudle: Nein, ich erlebe das ähnlich wie du. Der Schriftsteller Max Frisch hat ja gesagt: Zufall ist das, was wir uns zufallen lassen. Von der Fülle, die auf uns einströmt, nehmen wir also jeweils denjenigen Faden in die Hand, der uns bekannt vorkommt. Ich persönlich weiss nicht, was in einem halben Jahr sein wird. Ich habe damit aufgehört, Pläne zu schmieden. Aber die Richtung ist da. Der Faden, nach dem ich im richtigen Moment greifen kann.

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Daniel Keller, 51, Bereichsleiter Jobbus/Garage. GehĂśrt zum Netzwerk-GrĂźndungsteam, gelernter Zeichenlehrer. Lebt in Wetzikon.

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Ihr seid also mit den Jahren visionsloser geworden? Dudle: Ich habe immer noch Visionen. Meine aktuelle berufliche Vision wäre, dass Institutionen wie das Netzwerk überflüssig würden. Ich arbeite sehr gerne hier. Doch das Ziel sollte sein, dass es in Zukunft möglichst wenige junge Leute gibt, die auf diese Art von Unterstützung angewiesen sind. Keller: Du bist ein Träumer, Guido. In unserem Fall genügt es nicht, dass wir gute Arbeit leisten. Und als NPO hat das Netzwerk auch Verpflichtungen gegenüber Mitarbeiter­Innen und dem Stiftungsrat. Ich träume nicht davon, dass es Jobbus/Garage einmal nicht mehr brauchen wird. Unser Wirtschaftssystem funktioniert nach Regeln, und diese Regeln haben zur Folge, dass es immer Menschen geben wird, die vom Arbeitsprozess ausgeschlossen sind. Dudle: Du sagst, ich bin ein Träumer. Ich gebe dir recht. Aber ich gewichte anders. Trotz der aktuellen Probleme glaube ich, dass wir heute menschlicher handeln. Als Lehrer mache ich ausserdem die Erfahrung, dass jedes Kind lernen will – man darf diesen Willen nur nicht verhindern. Es geht nicht primär um Intelligenz. Ich erlebe diese Situation ganz oft. Zuerst sagen die Schüler: «Ich kann das nicht.» Doch irgendwann wollen sie plötzlich – und dann können sie sich vom Thema beinahe nicht mehr lösen. Das ist für mich als Lehrer ein sehr schöner Moment. Daniel, welche Visionen verfolgst du bei Jobbus/Garage? Keller: Ich habe in meinem Job viel Spielraum, und meiner Ansicht nach braucht es Spielraum, um überhaupt Visionen entwickeln zu können. Meine Vision ist, dass Jobbus/Garage wächst und wir den verschiedenen KlientInnen eine sinnvolle Beschäftigung anbieten können. Die Arbeit und die sozialen Kontakte, die sie bei uns pflegen können, gewährleisten ihre soziale Integration. Sind Visionen bei euren SchülerInnen und KlientInnen ein Thema? Dudle: Ich habe mit meinen SchülerInnen kürzlich über dieses Thema gesprochen. Einer sagte, er habe kein Endziel in seinem Leben. Die meisten wünschen sich eine Lehrstelle, sie möchten weg von zu Hause, selbständig wohnen. Ein Schüler erzählte, er wolle zurück in seine Heimat und dort ein Geschäft aufbauen. Ich war überrascht, wie pragmatisch meine SchülerInnen ihre Visionen formulieren. Keller: Beim Jobbus/Garage wollen die TeilnehmerInnen auch reüssieren, nur klaffen Selbsteinschätzung und Realität oft weit auseinander. Das heisst, es ist schwierig für sie, überhaupt Visionen zu entwickeln. Viele sind ja nicht mehr jung.

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Meine KlientInnen sagen oft zu den anderen Arbeitskollegen: «Ich will auf keinen Fall so werden wie du.» Das wäre ja dann auch eine Vision. Ist die junge Generation visionsloser, als ihr das wart? Dudle: Meine Kinder verknüpfen ihre Ziele heute meistens mit Geld und Konsum. Mein Sohn sagt: «Ich habe keine Visionen, ich muss schauen, dass ich einen Job finde.» Ganz nüchtern. Wir kämpften früher gegen das Establishment. Mein Sohn erstellt mit 26 Jahren bereits einen Finanzplan, weil er weiss, dass es für ihn wahrscheinlich keine AHV und keine Pensionskasse mehr geben wird. Die Entsoli­ darisierung verstärkt sich also: Jeder kämpft für sich und überlegt, wie er 80 Jahre alt werden und gut über die Runden kommen kann. Keller: Die KlientInnen des Jobbus/Garage, vor allem die älteren, träumen nicht vom grossen Geld, im Gegenteil, sie sind aus dem Wettbewerb ausgestiegen. Doch sie wissen natürlich, dass der Staat ihr Leben finanziert und sie dafür eine Gegenleistung erbringen müssen. Dudle: Der Schriftsteller Paul Coelho hat dazu das Bild vom Aquarium mit den Fischen entworfen: Den Fischen, die regelmässig Futter bekommen und im warmen Wasser schwimmen. Zu jedem Zeitpunkt beo­bachten sie durch die Scheibe, was draussen abgeht, aber sie können nicht teilnehmen an dem, was dort passiert. Meine SchülerInnen möchten eigentlich alle auf die andere Seite des Aquariums springen. Keller: Im Jobbus/Garage gibt es auch einige, die gerne rausspringen würden, bei den anderen geht es eher um Schadensbegrenzung. Der Status quo muss aufrechterhalten werden, unser Ziel ist, dass es nicht noch schlimmer kommt, sie nicht ganz durch die Maschen fallen. Stimmt der Spruch: Früher war alles besser? Dudle: Ich bin ja in den Sechzigerjahren mit den Beatles gross geworden. Die sangen: «It’s getting better all the time.» Das war unsere Haltung. Ich würde es mal so formulieren: Wir hatten den Wind im Rücken, den Jungen heute bläst ein sehr kalter Wind ins Gesicht. Keller: Das war in den Achtzigerjahren ähnlich. Ich habe immer einen Job gefunden. Darum hat es so lange gedauert, bis ich überhaupt eine Ausbildung in Angriff genommen habe. Habt ihr das meiste im Leben erreicht oder einen Bruchteil dessen, was ihr euch erträumt habt? Keller: Überhaupt nicht. Ich habe mir vorgestellt, dass ich mit 50 nicht mehr arbeiten muss. Es ist anders gekommen, ich arbeite immer noch, aber gerne. Wenn

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ich von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit wäre, würde ich wahrscheinlich in ein Loch fallen. Das Problem ist: Visionen sind in der Zukunft verankert, im Grunde sollte man sie aber in der Gegenwart verwirklichen können, dann, wenn sie aktuell sind. Trotzdem denke ich, dass ich nun im Alter mehr Freiheiten habe, weil die Kinder bald gross sind. Ein Alptraum wäre für mich, 100 Jahre alt zu werden – und langsam zu vergreisen. Dudle: Davor habe ich ebenfalls «Schiss». Wobei nicht das Alter Angst macht, sondern die Vergreisung. Das Elend beginnt dann, wenn man keinen freien Willen mehr hat und nur noch im Rollstuhl an die Sonne gestellt wird. Ich habe mein Leben eigentlich immer eher in Epochen gesehen. Die Familie war mein wichtigster Lebensabschnitt. Jetzt ist mein Ziel egoistischer und mein Lebensstil bescheidener: Ich mache das, was mir Spass macht. Ich habe den goldenen Lehrerkäfig aufgestossen und verlassen, ich habe auf einen dicken Lohn, die vielen Ferien und andere Annehmlichkeiten verzichtet. Im Netzwerk kann ich endlich mal so Schule geben, wie ich das für richtig halte. Ich kann etwas aufbauen hier und sehe Vorteile noch und noch. Keller: Ja, das war bei mir ähnlich. Wegen der Kinder bin ich überhaupt zu dieser Arbeit hier gekommen, ich musste schauen, dass Geld reinkommt. Die Kinder konfrontieren dich mit einer Jetzt-Realität, und diese Realität verändert auch die eigenen Visionen. Wie erlebt ihr Gewalt im Alltag? Keller: Bei uns erlebe ich wenig Gewalt, weil wir den KlientInnen bei Jobbus/ Garage wohl auch wenig Angriffsfläche bieten. Dudle: Bei mir in der Klasse gibt es Ausbrüche, aber früher in der Schule war das schlimmer. Dort rechnete ich weniger damit. Meiner Ansicht nach hat man früher um das Thema Gewalt nicht so ein Theater gemacht. Wir haben uns ja auch geprügelt und gegenseitig in den Dorfbrunnen geschmissen. Keller: Ich denke auch, dass wir heute einfach genauer hinschauen. Und natürlich wird alles delegiert. Früher wurde die Polizei selten bis nie hinzugezogen. In diesem Sinn hat vor allem die Konfliktfähigkeit der Gesellschaft allgemein abgenommen. Was ist Glück? Dudle: Abstrakt: Es gibt nur Glücksmomente, Glück ist kein Zustand. Das wusste schon Nietzsche. Keller: Ich stelle dem mal eine ganz andere Behauptung gegen­ über: Man muss immer auch ein bisschen unzufrieden sein, um weiterzukommen. Dudle: Einverstanden. Unzufriedenheit ist ebenfalls eine Antriebskraft. Als immerzu lächelnder Buddhist versetzt man keine Berge mehr.

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Guido Dudle, 56, Lehrer AIP. War 34 Jahre als Real- und Sekundarlehrer t채tig. Arbeitet seit 2007 im Netzwerk. Wohnt in Zollikon und Amden.

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II. - Tischgespräch über Visionen: Claudia Nielsen, Stiftungsrätin Netzwerk, und Samira, Köchin in Ausbildung, Restaurant Konter, Wetzikon

Ohne gemeinsame Visionen kommen wir nicht weiter. In Südafrika können sich die Weichen für ein ganzes Leben stellen. Irgendwo wird es immer Krieg und Hass geben.

Eine Vision ist das innere Bild einer Vorstellung, die auf die Zukunft bezogen ist: Samira, wo möchtest du in zehn Jahren stehen? Samira: Ein eigenes Restaurant wäre toll. Ich fände es auch schön, eine eigene Familie zu haben und in einem guten Restaurant zu kochen. Claudia Nielsen, gibt es Visionen in Ihrem Leben, die wegweisend waren? Von welchen Visionen haben Sie Abschied genommen? Claudia Nielsen: Ich habe von der Vision Abschied genommen, 15 Zentimeter grösser zu sein, um endlich ein Fahrrad von der Stange kaufen zu können. Aber Spass beiseite. Ich versuche seit vielen Jahren Schritt um Schritt, die Welt mitzugestalten, etwas zu bewegen, dort, wo ich kann. So kaufe ich zum Beispiel Produkte aus fairem Handel, lege mein Erspartes fair an, bin bei einer alternativen Pensionskasse. Ich engagiere mich politisch oder eben auch als Stiftungsrätin im Netzwerk. Das ist mein Beitrag für eine bessere Welt. Samira, machst du dir Gedanken darüber, was du zu einer besseren Welt beisteuern kannst? Samira: Meine Tante hat vor einer Weile eine Weltreise gemacht. Sie hat mir danach von der Armut erzählt, die sie auf dieser Reise gesehen hat. Es ist schockierend, dass es heute Kinder gibt, die nichts zu essen haben. Das möchte natürlich auch ich ändern. Darum habe ich für die Erdbebenopfer in Haiti gespendet. Ich denke, Solidarität ist wichtig. Es könnte ja auch einmal uns in der Schweiz treffen.

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Claudia Nielsen, 48, Ökonomin. Die SP-Politikerin wurde im März 2010 neu in den Zürcher Stadtrat gewählt, seit 2008 NetzwerkStiftungsrätin. Lebt im Kreis 4 in Zürich.

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Apropos Visionen: Was wolltet ihr als Kinder werden? Nielsen: Meine Mutter arbeitete im Büro, also dachte ich als Kind, dass man als Mädchen Sekretärin wird. Punkt. Später besuchte ich die katholische Sekundarschule in Wiedikon. Die Rektorin lud meine Eltern eines Tages zu einem Gespräch ein und meinte: «Ihr Mädchen, das geht einmal ins Gymi.» Von da an war es plötzlich wichtig, welche Noten ich nach Hause brachte. Prägend war auch meine Reise nach Südafrika nach der Matura. Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein, dass die Welt so funktioniert. Ich wollte mithelfen, dies zu ändern. Und ich wusste, einer der Schlüssel dazu würde die Bildung sein. Samira: Mein Gross­ vater hatte Pferde, und ich liebte Pferde. Damals träumte ich davon, Reitlehrerin zu werden und an Springturnieren teilzunehmen. Eines Tages kam ein neues Pferd auf den Hof. Ich wollte es unbedingt reiten. Beim Ausritt warf es mich unsanft ab. Ich stieg danach wieder in den Sattel, doch es war nicht mehr das Gleiche wie vorher. Nun machst du eine Lehre als Köchin im Konter. Ist das dein Wunschberuf? Samira: Ja, schon. In der ersten Sekundarschule hatten wir Kochen und ich war so begeistert, dass ich sogar zu Hause backen und kochen wollte. In der zweiten Sek fasste ich den Entscheid, Köchin zu werden, obwohl ich wusste, dass der Job streng ist und das Private oft zu kurz kommt. Nach der Weiterbildungs- und Berufs­ wahlschule in Küsnacht fand ich eine Lehrstelle in einem Restaurant in Zürich: In der Küche war ich das einzige Mädchen. Ich hatte Mühe mit der Schnelligkeit und der Hektik. Doch ich biss auf die Zähne und versuchte, dem Druck standzuhalten. Nach zwei Wochen durfte ich dem Chefkoch assistieren. Aber alle wollten immer gleichzeitig etwas von mir. Irgendwann hatte ich keine Energie mehr. Ich brach die Lehre ab. Meine Beiständin schlug mir danach vor, im Konter zu schnuppern. Allerdings war ich wieder das einzige Mädchen in der Küche, ansonsten arbeiteten hier aber hauptsächlich Jugendliche – das fand ich cool. Wenn ihr jetzt auf einen Schlag eine eurer Visionen in die Tat umsetzen könntet, welche wäre das? Nielsen: Kein Krieg, kein Hunger. Alle Menschen sollen die Chance erhalten, ein gutes Leben zu führen. Samira: Wenn ich die Lehre schon hinter mir hätte, wäre das super. Ich möchte, dass die Leute, die in meinem Umfeld Drogen kon­su­ mieren, davon wegkommen. Dass diese Menschen erkennen, wieso ein Leben ohne Drogen genauso lebenswert ist.

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Eine Vision – für einen Menschen wie für ein Unternehmen oder eine Liebesbeziehung – ist der Glaube an eine gemeinsame Zukunft. Was erwartet ihr von der Zukunft? Samira: Ich denke, irgendwo wird es immer Krieg und Hass geben. Ich weiss, es gibt eine Realität, die nicht so schön ist, aber ich wünsche mir, dass wir so gut wie möglich zusammenhalten. Nielsen: Ich bin grundsätzlich optimistischer als früher. Als ich so alt war wie Samira, war das aber anders. Ich bin heute manchmal ungeduldig und ärgere mich darüber, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. Doch dann erinnere ich mich daran, dass meine Mutter ihren Vater fragen musste, ob sie ein Bankkonto eröffnen dürfe. Und ich sage mir: Okay, wir sind doch ein bisschen weiter. Ich sehe, wie alte Frauen in der SP stolz auf mich sind, weil ich das machen kann, was ihnen nicht erlaubt war. Ich komme also zum Schluss, dass allgemein alles zu langsam geht, aber oft in die richtige Richtung. Samira, was befriedigt dich bei deiner Arbeit im Konter? Samira: Wenn ich mit viel Mühe etwas koche und die Gäste sagen «Mmmmh, ist das fein», dann ist das nicht nur eine Befriedigung für mich, sondern auch ein Ansporn und ein Lohn. Im Konter schaue ich beim Chefkoch immer durchs Guckloch, damit ich sehe, ob den Gästen das Menü schmeckt. Das sieht der Chef zwar nicht so gerne, aber ich brauche das. Du wirst ja wahrscheinlich bald im neuen Restaurant im Viadukt in Zürich arbeiten. Ist das eine neue Herausforderung für dich? Samira: Ja, auf jeden Fall. Soviel ich weiss, wird das Restaurant im Viadukt grösser sein. Das heisst: mehr Arbeit, mehr Leute, mehr Stress. Ich will aber auch diese schwierigere Situation meistern. Stress kann ja auch positiv sein, er treibt dich an: In diesem Sinn freue ich mich auf den neuen Job. Claudia Nielsen, vor einem Jahr war noch nicht klar, ob für ein AIP-Projekt mit Restaurant im Viadukt wirklich genug Sponsoren gefunden werden könnten. Doch im Netzwerk glaubte man an die Vision. Im Mai feiert das Restaurant nun Eröffnung. Was bedeutet das für Sie? Nielsen: Ich wurde speziell wegen des neuen Restaurants angefragt, ob ich beim Netzwerk als Stiftungsrätin einsteigen möchte, weil ich in Zürich wohne. Was das AIP-Projekt im Viadukt betrifft, gab es zwischendurch natürlich immer wieder

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Samira, 18, absolviert eine Kochlehre im Restaurant Konter in Wetzikon und befindet sich im 1. Lehrjahr. Wohnt in Uster.

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kleine Zweifel. Ist das Viadukt der richtige Ort? Kriegen wir das Geld zusammen? Wird das Netzwerk in Zürich Fuss fassen können? Aber prinzipiell haben ich und auch die anderen StiftungsrätInnen immer an dieses Projekt geglaubt. Wenn das Restaurant im Mai nun eröffnet wird, so kann ich als Stiftungsrätin meinen Stolz darüber nicht verbergen. Sie sind relativ neu im Stiftungsrat. Was denken Sie über das Netzwerk und seine Visionen? Nielsen: Ich bewundere den Mut der Netzwerk-Verantwortlichen, wenn sie ihre Ideen umsetzen und zum Laufen bringen. Beim Netzwerk ist immer alles in Bewegung. Wenn Organisationen, Firmen oder auch die Gesellschaft stehen bleiben, ist das schlimm. Das Netzwerk hat sich darauf spezialisiert, Lücken im Angebot zu füllen. Dazu braucht es viel Kreativität. Mir entspricht dieses Umfeld. Es gibt keinen allgemeingültigen Plan, der für die nächsten 20 Jahre gültig ist. In diesem Sinn müssen wir auch knallhart Prioritäten setzen. Um Visionen zu entwickeln, braucht es Zeit. Doch Zeit haben wir immer weniger. Werden die Visionen darum auch weniger? Samira: Ich weiss nicht. Bei mir ist es so, dass ich nicht lange überlegen und abwägen will, wenn ich eine Vision, eine Idee habe. Wenn ich etwas wirklich will, dann mache ich es einfach. Nielsen: Für gemeinsame Visionen braucht es sicher Zeit. Im Zeitalter von Facebook, Handy und E-Mail wird die Zeit aber schon immer knapper. Wie geht ihr mit Druck um? Nielsen: Wenn der Druck zu gross wird, gehe ich joggen. Samira: Wenn ich zu viel Druck habe, gehe ich in einen Raum und schlage mit der Faust gegen die Wand. Der Druck muss dann einfach raus. Oder ich rufe Freunde an und klage ihnen mein Leid, das hilft auch. Nielsen: Das hilft bei mir auch. Ich rufe eine Freundin an, und wir treffen uns zum Kaffee. Es heisst, die Jugend sei heute pragmatischer, habe weniger Träume und Visionen? Samira: Ich finde, das stimmt nicht. Jeder hat Träume. Ich habe früher davon geträumt, Superstar zu werden. Nielsen: Ich habe immer davon geträumt, ein freies, unabhängiges, sinnvolles Leben zu führen.

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Haben es Jugendliche heute schwerer als zu Ihrer Zeit, Claudia Nielsen? Nielsen: Ich denke, meine Generation war bei der Wahl eines Berufes noch freier. Wir dachten: Okay, wir machen mal das, und wenn es nicht funktioniert, dann schlagen wir halt einen anderen Weg ein. Bei den Jugendlichen ist der Druck heute gross, den richtigen Beruf zu wählen, eine gute Lehrstelle zu finden. Samira: Die Anforderungen sind sicher gestiegen. Früher genügte für viele Ausbildungswege die Sek B, heute ist oft Sek A gefragt. Doch ich möchte gerne wissen, wie die Leute den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft haben. Ich kann mir nicht vorstellen, woher die Menschen, die damals jung waren, die Kraft und den Willen nahmen. Braucht es Krisen, damit wir weiterkommen? Nielsen: Ich befürchte, Krisen zwingen zu Neuem, ja. Freiwillig werfen die Menschen gewisse Vorstellungen nicht über Bord. Samira: Vor ein paar Wochen hatte ich eine Krise, einen Durchhänger. Ich habe mich gefragt, ob der Job überhaupt noch Spass macht. Ich hatte dann ein Gespräch im Konter, und man sagte mir: «Wir wissen, dass Du das kannst. Zeig es uns nun auch.» Diesen Tritt in den Arsch habe ich irgendwie gebraucht. «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen», soll der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt haben. Sie gehen mit dem deutschen Altbundeskanzler in diesem Punkt wohl nicht einig, Claudia Nielsen? Nielsen: Ich denke, dass es Visionen braucht, sonst wüssten wir nicht, welchen Weg wir einschlagen sollen. Müssen wir wieder vermehrt gemeinsame Visionen entwickeln? Samira: Es ist sicher wichtig, als Gemeinschaft zusammenzustehen. Sonst funktioniert die Welt nicht. Es gibt aber Jugendliche, die sich nur auf ihr persönliches Ziel konzentrieren. Nielsen: Ich glaube auch, dass wieder vermehrt gemeinsame Visionen gefragt sind. Es braucht jedoch auch Platz für diejenigen, die andere Visionen haben. Es darf nicht sein, dass eine Mehrheit der Minderheit ihre Visionen aufs Auge drückt.

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«The sun always shines on TV»

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III. – Tischgespräch über Visionen: Annatina Nufer, Gruppen­ leiterin Jobbus/Garage, und Yannik, Sekundarschüler in Wetzikon und regelmässiger Gast im Mittagstisch E1S

In Rumänien ist nicht alles so reglementiert. In der Schweiz hat es überall Menschen. Es gibt eher individuelle Wünsche als einen kollektiven Traum.

Apropos Visionen: Von welchem Beruf habt ihr als kleine Kinder geträumt? Annatina: Da ich Kühe liebte, wollte ich Kuhdoktor werden. Bauerntochter wäre ich ebenfalls sehr gerne gewesen. Yannik: Mit acht Jahren träumte ich davon, Fussballstar zu werden. Ich besass damals ein T-Shirt von David Beckham. Das ist mir heute zu klein. Ich spiele zwar immer noch Fussball bei den Junioren in Pfäffikon, den Traum von der grossen Fussballkarriere habe ich aber begraben. Wenn ihr in die Zukunft schaut, wo möchtet ihr in zehn Jahren stehen? Yannik: Ich wäre gerne technischer Kaufmann oder Produktionsleiter. Auf jeden Fall möchte ich mich nach der Lehre weiterbilden. Annatina: Ich werde hoffentlich die Hochschule für Soziale Arbeit beendet haben. Ich muss jetzt zuerst den Vorkurs machen und nachher vier Jahre lang studieren. In zehn Jahren werde ich wohl ein paar Kinder haben. Ausbildung, Kinder, fertig: Das klingt jetzt langweilig, oder? Nun, es gibt da noch eine andere Vision. Ich hätte Lust, nach Rumänien zu gehen, dort auf dem Land in einer kleinen Hütte zu leben und Hühner zu halten. Wieso gerade Rumänien? Annatina: Ich habe ein Jahr lang in Rumänien als Schreinerin gearbeitet für eine Schweizer Stiftung, die dort in einer Werkstatt rumänische Orgelbauerinnen und Orgelbauer ausbildet. Das Leben war anders als hier. Der Aufenthalt hat mich sehr verändert. Ich war in Rumänien zufrieden mit mir selbst – vorher, in der Schweiz, waren die Dinge noch sehr ungeordnet gewesen. In Rumänien erkannte ich, was mir wichtig ist.

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Annatina Nufer, 23, gelernte Schreinerin, seit Februar 2009 Gruppenleiterin Jobbus/Garage. Lebt in einer Wohngemeinschaft in Lenzburg.

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Yannik, kennst du diese Sehnsucht nach der Ferne? Yannik: Ich würde gerne einmal nach Australien reisen. Wenn man dort eine Stunde lang mit dem Auto hinausfährt, trifft man keine Menschenseele mehr an. Ist es dir zu eng in der Schweiz? Yannik: Nein, aber es hat hier überall Menschen. Annatina, gibt es Visionen in deinem Leben, die wegweisend waren und sich erfüllt haben? Von welchen Visionen hast du Abschied genommen? Annatina: Weggekommen bin ich vom Berufswunsch Kuhdoktor, mit Tieren möchte ich auch nicht mehr arbeiten. Ich wusste früh, dass ich einen handwerklichen Beruf ergreifen will. Nach der Lehre beschloss ich, nie mehr zur Schule zu gehen. Das hat sich geändert: Ich bin motiviert, eine weitere Ausbildung anzupacken. Yannik, welche Träume hast du? Yannik: Ich möchte eine Lehre als Kunststofftechnologe absolvieren. Mir gefällt die Arbeit am Computer, das Programmieren und Entwickeln. Für den Beruf des Polymechanikers habe ich mich ebenfalls interessiert. Aber den wollen so viele ausüben, die Konkurrenz ist gross. Eine Lehre, das ist wichtig für mich. Sonst habe ich keine grossen Träume. Ich möchte auf jeden Fall reisen, aus der Schweiz raus. Ich war schon in Indien, Thailand und Ägypten. Was hast du an persönlichen Erfahrungen aus diesen Ländern mitgenommen? Yannik: In diesen anderen Ländern gibt es viel Armut; die Leute dort sind auf sich selbst gestellt und werden kaum unterstützt. In der Schweiz haben wir es sehr gut. Wenn ihr jetzt auf einen Schlag eine eurer Visionen in die Tat umsetzen könntet, welche wäre das? Annatina: Ich würde meine sieben Sachen packen und nach Rumänien fahren. Dort ist nicht alles so reglementiert wie hier. Und die Probleme, die es gibt, sind existentieller. Yannik: Ich würde mir viel Geld wünschen, dann könnte ich reisen, wohin ich möchte. Wenn ich jedoch dieses viele Geld hätte, wüsste ich wohl auch nicht genau, was ich mit mir anfangen würde.

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Wie vertrauensvoll schaut ihr in die Zukunft? Annatina: Prinzipiell freue ich mich sehr auf die Zukunft, auch aufs Älterwerden. Vor eineinhalb Jahren war das noch ganz anders. Damals dachte ich: Was wird wohl aus mir? Nun freue ich mich auf die Weiterbildung, bin neugierig auf das, was kommt. Angst macht mir ein bisschen, dass die nächsten Jahre total verplant sind. Doch dafür werde ich später beruflich mehr Möglichkeiten haben. Yannik: Im Moment nehme ich es, wie es kommt. Ich besuche ja die Sekundarschule B und gebe mir Mühe. Meine Erfahrung ist: Wenn man sich Mühe gibt, wird man auch belohnt. Yannik, du isst öfters im Mittagstisch E1S? Wie würdest du den Ort beschreiben? Gefällt er dir? Yannik: Auf das E1S aufmerksam gemacht hat uns der Lehrer. Da die Kollegen hingehen, besuche ich es freitags auch. Es ist im Winter immer sehr heiss, wenn man durch die Türe tritt. Daran muss man sich gewöhnen, aber sonst ist es schon sehr cool. Ich hätte nie gedacht, dass man aus einer solchen Bruchbude so etwas machen kann. Mit dem Essen ist es ein bisschen schwierig. Ich bin ja eher heikel. Daher muss ich mir das Essen individuell zusammenstellen, fettiges Fleisch mag ich gar nicht. Annatina, was war der letzte Aufsteller/Dämpfer bei deiner Arbeit im Jobbus/Garage? Annatina: Die letzte Woche war ein Dämpfer, weil sie so konfliktreich war. Alle waren unzufrieden, und ich musste die Attestlehrlinge immer wieder motivieren. Wenn die Leute alles so schwernehmen und ich Polizist spielen muss, geht mir das auch an die Nieren. Der Aufsteller folgte dann aber in dieser Woche: Die Stimmung hat sich um 180 Grad gedreht. Heute hatten wir es sogar richtig lustig, Demotivation und schlechte Laune sind verflogen. Du bist 23 – hast du das Gefühl, deine Generation habe einen kollektiven Traum? Annatina: Es gibt eher individuelle Wünsche als einen kollektiven Traum. Mit einer Freundin habe ich auch schon laut darüber nachgedacht, einmal ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen. Um Visionen zu entwickeln, braucht es Zeit. Doch Zeit haben wir immer weniger. Werden die Visionen darum immer weniger? Annatina: Nein, wenn ich Stress habe, entwickle ich 1000 Ideen. Sobald ich dann

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Yannik, 14, besucht die 2. Sekundarschule B in Wetzikon und isst regelm채ssig im Mittagstisch E1S. Lebt in Seegr채ben.

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wieder Zeit habe, sind die Visionen nicht mehr so konkret. Ich weiss nicht, wie ich sie verwirklichen könnte. Yannik, du bist in der 2. Oberstufe. Was gefällt Dir an der Schule, was würdest du ändern? Ist Gewalt an eurer Schule ein Thema? Yannik: Dass die Schule um sieben Uhr beginnt, finde ich nicht gut. Ich würde um neun Uhr beginnen, so könnte ich mich von Anfang an besser konzentrieren. Die Gewaltbereitschaft in der Sek B ist ein Problem. Ich war vorher ja in der Sek A, da war das ganz anders, wir hielten zusammen und niemand wurde fertiggemacht. Redet ihr in der Klasse darüber? Yannik: Wir haben eine Klassenstunde, in der wir über Probleme reden, aber heute waren in dieser Stunde alle sehr laut. Der Gruppendruck ist gross. Was glaubt ihr: War früher alles besser? Yannik: Nein, das denke ich nicht. Meine Oma hat ja den Zweiten Weltkrieg erlebt. Heute erhalten die Leute viel mehr Hilfe, wenn etwas schiefläuft. Ich kann überall alles kaufen. Annatina: Ich glaube auch nicht, dass es die Menschen früher leichter hatten. Ich weiss nicht, wie das früher war, aber ich glaube, der Druck war nicht so gross wie heute. Habt ihr ein Idol? Yannik: Ich nicht, nein. Annatina: Ich habe eine Freundin, die ist 41. Seit ich sie kenne, freue ich mich darauf, 40 zu werden. Ich bewundere sie, weil sie so selbständig ist, weil sie macht, was sie will, und vor nichts zurückschreckt. Was ist Glück für euch? Yannik: Wenn etwas eintrifft, mit dem ich nicht gerechnet habe. Wenn ich mich verliebe oder unerwartet etwas gewinne. Annatina: Innere Zufriedenheit. Gute zwischenmenschliche Momente machen mich sehr glücklich, auch wenn sie nur ganz kurz sind.

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IV. – Tischgespräch über Visionen: Günter Amendt, Sozial­wissenschaftler, und Peter J. Grob, emeritierter Medizinprofessor

Man sollte sich auf globaler Ebene darauf einigen, Drogen zu legalisieren. Die Idee war, Menschen, die an den Rand gedrängt wurden, aufzufordern, sich zu zeigen, ein Stück öffentlichen Raum für sich zu erobern. Die soziale Lage der Schweiz wird sich verschärfen.

Herr Amendt, welche Visionen waren in Ihrem Leben wegweisend? Günter Amendt: Eine solidarische Gesellschaft, in der die Ausbeutung von Menschen durch Menschen beendet wird. Das war und ist die grosse Vision, die mich mein Leben lang angetrieben hat. Welche Vision haben Sie als Drogenexperte? Amendt: Was Drogen betrifft, vertrete ich eine pragmatische sozialarbeiterische Haltung: Menschen, denen es schlecht geht, muss man helfen. Punkt. In diesem Sinne war der Platzspitz eine Zeit des Lernens. Ich sah, dass es hier so etwas wie Empathie gibt. Ein solches Mitgefühl habe ich in dieser Form in den grossen deutschen Städten nicht angetroffen. Die Aktivitäten der Frauen von der Gassenküche imponierten mir zum Beispiel immer sehr. Diese Frauen kamen zum Teil vom Zürichberg. Sie hätten dort oben in ihren Villen bleiben und den ganzen Tag über TV gucken können. Aber nein, sie sind mit dem Bollerwagen auf den Platzspitz gefahren und haben Essen verteilt. Mit diesen Frauen habe ich geredet. Ich habe sie nach ihren Motiven gefragt. Und sie haben geantwortet, dass sie in einer so reichen Stadt wie Zürich nicht mitansehen könnten, wie schlecht es den jungen Leuten unten auf dem Platzspitz gehe. Diese reine Empathie, der keine Ideologie zugrunde lag, beeindruckte mich. Bereits in den Sechzigerjahren wurde schon einmal über die Veränderung der Psychiatrie debattiert, stark beeinflusst von der Grundsatzdiskussion in der italienischen Psychiatrie. Die Idee war, Menschen,

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G端nter Amendt, 70, f端hrender Drogenexperte in Deutschland, Soziologe, Sexualforscher, Therapeut und Autor diverser B端cher. Wohnt in Hamburg.

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die an den Rand gedrängt und ausgeschlossen wurden, aufzufordern, sich zu zeigen, ein Stück öffentlichen Raum zu erobern. Und falls sie vertrieben würden, sollten sie diesen durch permanente Präsenz verteidigen. Dieses Szenario wurde für einen kurzen spektakulären Augenblick am Platzspitz Realität. Herr Grob, welche Visionen waren für Sie wegweisend? Peter J. Grob: Ein Drogensüchtiger mit HIV- und Hepatitis-Infektion hatte in meinen Augen damals eine kleine Chance, mit seinen Problemen fertigzuwerden. Meine Vision war also, die Drogenabhängigen wenigstens von der medizinischen Last zu befreien. Wir waren in Europa das Referenzlabor für erste Hepatitis- und Aidstests. Da wir Computer hatten und über Zahlen verfügten, fiel uns auf, dass immer mehr HIV-Positive und Hepatitis-Kranke aus der Drogens­zene stammten. Als akademischer Forscher bin ich also aus einem universitären Glashaus auf den Platzspitz gekommen. Ich habe die Dinge von unten, von der praktischen Seite, angeschaut, während Herr Amendt diese vor allem von oben betrachtete. Meine Überzeugung ist: Wir konnten auf dem Platzspitz so viel erreichen, da wir weder politisch noch weltanschaulich einen bestimmten Standpunkt vertraten. Als Wissenschaftler kam mir entgegen, dass – sobald ein Argument überzeugend war – niemand etwas erwidern konnte. Beispielsweise interessierte sich die Regierung anfänglich nicht dafür, dass «Drögeler» vermehrt Aids haben. Als ich aber darauf hinwies, dass Drogensüchtige auf den Strich gehen und Freier anstecken, änderte sich der Blickwinkel der Politiker. Ich vertrat immer die Meinung, dass die Drogensucht ein gesamtgesellschaftliches Phänomen sei und dass daher die Gesellschaft eine Lösung zu dessen Entschärfung finden müsse. Viele Familien waren in dieser Zeit von der Problematik persönlich betroffen, sie hatten vielleicht selbst ein drogensüchtiges Kind. Die gesellschaftliche Enttabuisierung war die Folge. Sie mussten also damals keine Türen eintreten, obwohl Sie sich rechtlich als Mediziner am Rand der Illegalität bewegten? Grob: Möglich war dies nur, weil Gesellschaft und Regierung damals so sehr auf ein Signal warteten. Platzspitz und Letten waren ein Schreckgespenst, man befand sich in einer Notlage. Wir mussten in der Folge keine Türen eintreten, nein, im Gegenteil: Wir bewegten uns auf dem Platzspitz rechtlich am Rande der Illegalität und wurden trotzdem mit fünf Millionen Franken unterstützt.

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Peter J. Grob, 72, ehemaliger Leiter der Abteilung für klinische Immunologie am Zürcher Universitätsspital. Als solcher die treibende Kraft hinter Zipp-Aids, dem Pilotprojekt für Drogenabhängige auf dem Platzspitz von 1988 bis 1992. In vielen Gremien zur Bekämpfung von Hepatitis und Aids tätig gewesen. Lebt in Zumikon.

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Amendt: «Wenn der Angebotsdruck gebrochen wird, gibt Markt zu drücken, die nur durch den Prohibitionsgewinn

War es für Sie der erste Kontakt mit der Drogenszene? Grob: Nein, den Beginn der modernen Drogenepidemie habe ich in Boston erlebt. Im Jahr 1966 haben sich dort jedes Wochenende 10 000 bis 30 000 Studenten der Harvard- und Tufts-Universität versammelt und Marihuana geraucht. Der Drogenkonsum war damals ein Zeichen des Protests. Die meisten amerikanischen Studenten wollten nicht in den Vietnamkrieg ziehen. Als ich in die Schweiz zurückkam, stellte ich fest, dass sich die Drogenszene hier verändert hatte. Da die Schweiz ein reiches Land ist, waren bei uns teure Drogen im Umlauf, die intravenös injiziert oder als Cocktail konsumiert wurden. Amendt: Dass Zürich immer die Besonderheit hatte, Kokain und Heroin zu mischen, ist unbestritten. Schon in Basel ist das anders. Und erst recht in Deutschland. Es ist klar: Zürich war eine Koksstadt, ist eine Koksstadt und wird eine Koksstadt bleiben – weil Geld da ist. Von welchen Visionen haben Sie Abschied genommen, Herr Amendt? Amendt: Was die Zukunft anbelangt, bin ich illusionslos. Ich gehe davon aus, dass sich die soziale Lage in der Schweiz, wenn auch nicht so krass wie in anderen Regionen Europas, verschärfen wird. Das heisst: mehr Armut, mehr Verelendung. Junkies werden in Zukunft nur eines von vielen sozialen Problemen sein. Dies hat zur Folge, dass für die Heroinsüchtigen keine speziellen Mittel mehr bereitgestellt werden. Ich komme viel herum und beobachte diese Entwicklung zurzeit überall in Europa. Die Sozialetats werden radikal zusammengestrichen. Dass wir davon im Moment noch nicht so viel merken, hat damit zu tun, dass die Heroinszene und das Heroinangebot stagnieren, zumindest in Westeuropa. Es ist aber überhaupt nicht auszuschliessen, dass wir in absehbarer Zeit wieder ähnliche Zustände wie vor 20 Jahren mit Massenkonsum erleben.

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es kein Motiv mehr, ununterbrochen Substanzen auf den so hochattraktiv sind.»

Herr Grob, teilen Sie diese Vermutung, dass weitere Drogenepidemien folgen werden? Grob: Die drogenfreie Gesellschaft wird es nie geben. Ich habe aber den grossen Glauben, dass in einer funktionierenden Demokratie wie der Schweiz das Drogen­ problem auf ein erträgliches Mass reduziert werden kann. Wir haben heute einen tolerablen Zustand erreicht. Meine Vision ist, dass man in der Drogenproblematik die grösstmögliche Humanisierung erreicht. Amerikas Entwicklung hinkt der unsrigen um viele Jahre hinterher, diejenige vieler anderer Länder ebenso. Es ist wohl so, wie Herr Amendt sagt: Es werden wahrscheinlich weitere Drogenepidemien folgen. Solange eine Demokratie so funktioniert wie die unsere, bin ich optimistisch, dass auch in Zukunft Lösungen dafür gefunden werden. In Amerika gibt es jede Menge Uchtenhagens und Grobs, aber das System ist anders, darum sind sie weniger erfolgreich als wir. Was hat Ihrer Meinung nach zum Wandel in der Schweizer Drogenpolitik und zur Entschärfung des Problems entscheidend beigetragen? Grob: Die Kleinheit der Schweiz, die Offenheit der Gesellschaft, die Grauzonen in unserem politischen System haben zur Entschärfung des Problems beigetragen. Für mich waren weder Soziologen oder Psychologen noch Politiker entscheidend, sondern pragmatische, unpolitische Menschen. Zur Entschärfung des Problems führte, dass heute 17 000 Leute Methadon bekommen. Gesamthaft stehen zwei Drittel bis drei Viertel der Drogensüchtigen unter einer Gegendroge. Wenn wir morgen mit Methadon und Heroin aufhören, ist die Gasse wieder voll. Die Medizinalisierung der Drogenhilfe hat die Resozialisierung der Süchtigen möglich gemacht. Heute kümmern sich Organisationen wie das Arud, das Netzwerk und viele andere um diese Leute. Amendt: Wie ich bereits erläutert habe, war für mich die Empathie damals ein Faszinosum. Die andere Sache war der Schweizer Pragmatismus. In den Sechzigerjahren war die Auseinandersetzung mit Drogen Teil eines Kulturkampfs, die Debatte war ideologisch aufgeladen.

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Heute sind alle vernünftigen Menschen, unabhängig von ihrer politischen Position, auf dem Trip zu sagen: Entideologisierung, Schluss mit dem Kulturkampf, pragmatische Lösungen, schadensmindernde Massnahmen, akzeptierende Drogenarbeit, Schluss mit der Doppelmoral. Aus deutscher Sicht war die Schweiz immer ein Hort der drogenpolitischen Vernunft. Hier sind Dinge geschehen, die bei uns erst Jahre später Wirklichkeit wurden. Schweizer Experten, insbesondere Ambros Uchtenhagen, hatten grossen Einfluss auf die deutsche Drogendiskussion. Gleichzeitig gab es irrationale Gegenströme, die ein Umdenken verhindern sollten. Ich habe das alles nicht vergessen. Auch in der Schweiz musste für einen Wandel gekämpft werden. Trotz Aidspanik und Elend. Wir müssen das an dieser Stelle festhalten. Es ist bewundernswert, wie die Schweiz das Problem gelöst hat. Es muss aber auch daran erinnert werden, dass die Schweiz nicht nur ein Hort der Vernunft, sondern auch ein Hort der Irrationalität im Dienste parteipolitischer Interessen war. Dabei spielte eine sehr grosse Rolle, dass sich der Platzspitz gerade beim Bahnhof befand. Dieses Elend im Zentrum war mit dem Image des sicheren Bankenplatzes nicht zu vereinbaren. Der Deal in der Substanz war also: Ihr kriegt Fixerräume, medikalisierte Opiatabgaben, Methadonprogramme. Und im Gegenzug verschwindet die Drogenszene aus der Stadt. Aus den Augen – aus dem Sinn. Man sollte nun auch nicht vergessen, dass die, die diese Politik bekämpft haben, heute noch immer aktiv sind. Warum hatte gerade die Schweiz einen Platzspitz? Grob: In anderen Ländern gab es ebenfalls ähnliche Drogenumschlagplätze. Aber die Szene dort stand weniger im Fokus der Gesamtgesellschaft, weil sie eben nicht einen solch zentralen Versammlungsstandort wählte wie die Drogensüchtigen in Zürich. Der normale Pariser geht nicht in die Banlieue und begegnet dort der Drogenszene. Sind Sie einverstanden damit, Herr Amendt? Amendt: Es wäre meiner Meinung nach hochinteressant zu untersuchen, warum ausgerechnet von zwei europäischen Kleinstaaten, nämlich der Schweiz und den Niederlanden, so viele drogenpolitische Innovationen ausgingen. Ein Grund dafür ist die Überschaubarkeit. Auch die Religion spielt eine Rolle. Protestanten wollen alles geregelt haben, sie ertragen keine Doppelmoral. Meine Hypothese ist, dass die protestantische Klarheit zur Entschärfung der Drogenproblematik beigetragen hat. Die Drogenpolitik hinkte der Realität auf dem Platzspitz immer hinterher? Grob: 1993 existierte das Betäubungsmittelgesetz de facto nicht mehr. Die

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Polizei hatte den Auftrag, Drogenbesitz und -konsum zu bestrafen, und war mit diesem Auftrag völlig überfordert. Die Polizei fasste auch den Befehl, Spritzen zu konfiszieren, doch sie wollte nicht dazu beitragen, dass sich durch das NeedleSharing Aids verbreitet. Das Vier-Säulen-Prinzip der Drogenpolitik – Prävention, Therapie, Schadensminderung, Repression – setzte sich in der Realität bereits früh durch. Es wurde zuerst von der gestressten Exekutive übernommen, die handeln musste. Die Legislative war viel träger; sie stritt noch zehn Jahre weiter. Wichtig waren in der Zeit des Übergangs die Pilotprojekte. Zum Beispiel wollten wir in den Gefängnissen durchsetzen, dass sie Spritzen umtauschen. Doch gesetzlich ging das nicht. Wir konnten ein paar Gefängnisse aber davon überzeugen, ein Pilotprojekt zu starten. Ein Pilotprojekt erlaubte damals einem Politiker, dahingehend zu argumentieren, dass eine solche Abgabe nicht die Normalität sei und diese jederzeit rückgängig gemacht werden könne. Amendt: Vor diesem Hintergrund ist für mich unverständlich, warum sich die rückwärtsgewandte Cannabispolitik in der Schweiz immer noch halten kann, und dies trotz katastrophaler gesundheitlicher Folgen. Wir wissen mittlerweile, dass Cannabis manipuliert und überzüchtet wird. Es gibt in der EU mehrere Millionen Cannabiskonsumenten, die keinerlei Verbraucherschutz haben. Niemand kontrolliert die Ware, die produziert wird, so kann der THC-Anteil willkürlich hochgepusht werden. Das wäre das Gleiche, wie wenn man plötzlich Wein mit einem 20-Prozent-Alkoholanteil anbieten würde. Es macht mich wütend, wenn heute – auch hier in der Schweiz – Leute auf dem Erkenntnisstand der Fünfzigerjahre über Drogen diskutieren. Ist die Drogenliberalisierung nach wie vor das Fernziel? Amendt: Für mich ist völlig klar, dass die Lösung des Problems im Sinne einer Entschärfung nur möglich wird, wenn man sich auf globaler Ebene darauf einigt, Drogen zu legalisieren. Ich nenne das eine Drogenpolitik der praktischen Vernunft. Wenn der Angebotsdruck gebrochen wird, gibt es kein Motiv mehr, ununterbrochen Substanzen auf den Markt zu drücken, die nur durch den Prohibitionsgewinn so hochattraktiv sind. Das Problem der offenen Drogenszene ist hier in der Schweiz in den Hintergrund gerückt. Dafür nimmt die Pharmakologisierung des Alltags zu.Wie beurteilen Sie dieses gesellschaftliche Phänomen? Amendt: In meinem ersten, gemeinsam mit Ulli Stiehler verfassten Drogenbuch «Sucht – Profit – Sucht» habe ich vorausgesagt, dass das höher entwickelte Kapital

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der Pharmaindustrie eines Tages die Drogenszene sozusagen übernehmen wird. Diese Prognose hat sich bewahrheitet. Als Soziologe muss ich aber darauf bestehen, die Pharmakologisierung des Alltags schichtenspezifisch zu betrachten. Bei der Verstärkung der kognitiven Fähigkeiten durch sogenannte Neuroenhancer und der Steigerung des emotionalen Wohlbefindens durch Antidepressiva wie Prozac – zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind mittlerweile auf Antidepressiva – handelt es sich um ein Problem der Mittel- und Oberschicht. Die Leistungsträger, die sich selbst als solche begreifen, suchen angesichts der allgemeinen Beschleunigung und Überforderung nach Substanzen, die ihnen helfen, ihr Hirn durchzublasen, damit sie mehr Hedge-Fonds beliefern können oder what so ever. Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass in der Unterschicht sogenannte «Loserdrogen» wieder an Bedeutung gewinnen und Heroin eine Renaissance erleben wird. Das Hauptbetäubungsmittel der Unterschicht ist und bleibt Alkohol. Meine Prognose für die Zukunft: Die einen werden Richtung Pharmadrogen gehen, die anderen in Richtung klassische Betäubungsmittel. Das ist eine Vermutung, wobei ich immer einschränkend hinzufüge, dass sich die Lage in der Schweiz nicht so dramatisch zuspitzen wird wie in anderen europäischen Ländern. Ich glaube, dass die Diskussion im Zusammenhang mit der Pharmakologisierung im Alltag viel tiefer gehen wird. Ich erinnere daran: Die grössten öffentlichen Drogenszenen sind Alten- und Pflegeheime. Da werden ununterbrochen Pillen abgegeben. Ich bin strikt dagegen, Menschen etwas zu verbieten, bin aber sehr dafür, dass man den Produzenten dieser pillenförmigen Substanzen verbietet, Werbung zu machen, um den Konsum zu pushen. Grob: Ich denke, diese Entwicklung hängt mit dem herrschenden Zeitgeist zusammen. Die Pharmaindustrie schaut, was der Biedermann will, und liefert das. Unser Lebensinhalt besteht mittlerweile darin, in einer materialistischen und kompetitiven Gesellschaft möglichst beschwerdefrei alt zu werden. Wenn der Druck bei der Arbeit abnehmen würde, nähme vermutlich auch der Konsum von Pillen wieder ab. Was Sie drogenpolitisch erreicht haben, darauf können Institutionen wie das Netzwerk noch heute bauen. Wie denken Sie darüber? Amendt: «Ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft.» Dieser Satz, den Brecht seinen Galileo Galilei sagen lässt, war mir immer ein Leitmotiv. Wir sind mit so viel Dummheit, Gemeinheit, Niedertracht konfrontiert worden, doch wir haben durchgehalten in einer oft ausweglosen Situation. Dafür können Sie uns heute loben. Grob: Sie, Herr Amendt, haben durchgehalten. Ich konnte aussteigen,

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sobald die medizinische Versorgung gewährleistet war. Irgendwann hatten die Pioniere ihr Pulver verschossen. Grossartig war, dass danach ganz viele Organisationen wie das Netzwerk eingestiegen und unsere Arbeit weiterführt haben. Amendt: Solche Prozesse dauern immer Generationen. Ich glaube, ich hatte es leichter als Sie, Herr Grob. Ihr Tun brauchte sehr viel mehr Mut, weil Sie im Auftrag einer Institution arbeiteten. Ich bin ein lebenslanger Aussenseiter, als Linker, als Homosexueller. Vor diesem Hintergrund war es für mich selbstverständlich, mich mit Aussenseitern zu identifizieren. Heute empfinde ich es als befriedigend, an der richtigen Sache mitgearbeitet zu haben. Ihr im Netzwerk seid schon wieder Pioniere für die Generation, die nach euch kommt.

Bücher von Günter Amendt und Peter J. Grob «Sexfront» von Günter Amendt, März-Verlag, 1970. Ein Klassiker der Aufklärungsliteratur.

«Sucht, Profit, Sucht» von Günter Amendt und Ulli Stiehler, März-Verlag, 1972. Zur politischen Ökonomie des Drogenhandels.

«Das Sexbuch» von Günter Amendt, Rowohlt-Verlag 1979. Aufklärung für Jugendliche und junge Erwachsene. «Reunion Sundown» von Günter Amendt, Zweitausendeins-Verlag, 1985. Eine Reportage über Bob Dylans Europatournee 1984. «The Never Ending Tour» von Günter Amendt, Konkret-Literatur-Verlag, 1991. Günter Amendt über Bob Dylan. «Die Droge – Der Staat – Der Tod» von Günter Amendt, Rowohlt-Verlag, 1996. Auf dem Weg in die Drogengesellschaft. «XTC. Ecstasy und Alles über Partydrogen.

Co.» von Günter Amendt und Patrick Walder, Rowohlt-Verlag, 1997.

«Back to the Sixties» von Günter Amendt, Konkret-Literatur-Verlag, 2001. Bob Dylan zum Sechzigsten. «No Drugs. No Future» von Günter Amendt, Europa-Verlag, 2003. Drogen im Zeitalter der Globalisierung. «Die Legende vom LSD» von Günter Amendt, ZweitausendeinsVerlag, 2008. Aufstieg und Fall einer Droge. Zurzeit schreibt Günter Amendt an einem Buch über Doping. Der Titel: «Doping ohne Ende. Zur Krise des Sports als Unterhaltungsindustrie», erscheint 2011. «Zürcher Needle-Park» von Peter J. Grob, Chronos-Verlag, 2009. Ein Stück Drogengeschichte und -politik 1968–2008.

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Impressionen 2009: Baustelle Restaurant Viadukt «Das neue Angebot in Zürich ist eine Ergänzung, keine Neuausrichtung.» KASPAR JUCKER aus dem letztjährigen Jahresbericht

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Restaurant Viadukt 22. September 2009 37


Restaurant Viadukt 26. Oktober 2009

Restaurant Viadukt 11. November 2009 38


Restaurant Viadukt 6. Januar 2010

Restaurant Viadukt 22. Februar 2010 39


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Restaurant Viadukt 12. April 2010 41


Statistik & Finanzen

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5 2 3 3 2

f

19 5 1 1

Total 0 17 15.8 26 10 12 16 14 21.3 1

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21 22 23 24

25

Das Begleitete Wohnen hat ein sehr ausgeglichenes Jahr hinter sich. Dank grosser Nachfrage wurden Austritte von KlientInnen sehr schnell wieder durch

Neueintritte ausgeglichen. Die typische Klientel ist männlich, Mitte 20 respektive um die 40 Jahre alt, hat psychische/soziale Probleme, ist politoxikoman

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und stammt aus dem Zürcher Oberland respektive dem Kanton Zürich.

Herkunft: Uster: 5/Wetzikon: 4/Zürich: 4/Männedorf: 2/ausserkantonal: 2/Illnau-Effretikon: 1/Pfäffikon: 1/Dübendorf: 1/Volketswil: 1/Meilen: 1/ Oberengstringen: 1/Uetikon: 1/Winterthur: 1/Zollikon: 1

m Kapazität Plätze Anzahl BewohnerInnen durchschnittlich Total BewohnerInnen 21 Eintritte 8 Austritte 9 Stand 01. 01. 2009 13 Stand 31. 12. 2009 12 Durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste/-zentren Vormundschaft/Beiratschaft Bewährungs-/Vollzugsdienst Privat

f = Frauen m = Männer

Auslastung: 93 %, Durchschnittsalter: 30

Begleitetes Wohnen


2 1 1 1 1

f

13 4

Total 0 11 9.4 17 9 5 8 12 22.5 1

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12

Anfang 2009 kam es in der Auffangwohngruppe zu auffällig vielen Austritten, da einige Klient­ Innen massive Krisen durchliefen und geeignetere Anschlusslösungen gesucht werden mussten. Ein Klient ist leider verstorben. Nach dem eher schwie-

rigen Start ins neue Jahr hat sich die Situation beruhigt, und das Team konnte die freien Plätze im Verlaufe des Frühsommers wieder besetzen. Dank zwei neu geschaffenen Wohnplätzen lebten Ende des Jahres 12 Personen in der AWG. Die typische

13

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Klientel ist männlich, Anfang/Mitte 20, hat psychische/soziale Probleme, ist politoxikoman und stammt aus dem Zürcher Oberland respektive dem Kanton Zürich.

Herkunft: Zürich: 4/Uster: 3/Wetzikon: 2/Fischenthal: 1/Hinwil: 1/Rüti : 1/Wald: 1/Maur: 1/Volketswil: 1/Meilen: 1/Kloten: 1

m Kapazität Plätze Anzahl BewohnerInnen durchschnittlich Total BewohnerInnen 15 Eintritte 8 Austritte 4 Stand 01. 01. 2009 7 Stand 31. 12. 2009 11 Durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste/-zentren Vormundschaft

f = Frauen m = Männer

Auslastung: 85%, Durchschnittsalter: 33

Auffangwohngruppe


12 6 2 1 1

Total 0 11 9.2 22 13 12 9 10 12.3 1

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Die Jugendwohnungen haben ein bewegtes Jahr hinter sich. Viele Ein- und Austritte prägten den Arbeitsalltag. Nach längeren Aufenthalten kam es zu Wechseln in allen Wohneinheiten. Das Team der

Jugendwohnungen konnte 2009 so viele Anfragen von verschiedenen Fachstellen und auch Privatpersonen entgegennehmen wie noch nie. Die typischen Jugendlichen sind durchschnittlich 19-jährig, absol-

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vieren eine Lehre beziehungsweise ein Motivationssemester und kommen aus dem Zürcher Oberland.

Herkunft: Wetzikon: 6/Uster: 2/Zürich: 2/ausserkantonal: 2/Dürnten: 1/Gossau: 1/Hittnau: 1/Russikon: 1/Wildberg: 1/Mönchaltorf: 1/Volketswil: 1/Pfungen: 1/Rüschlikon: 1/Thalwil: 1

m f Kapazität Plätze Anzahl BewohnerInnen durchschnittlich Total BewohnerInnen 12 10 Eintritte 7 6 Austritte 7 5 Stand 01. 01. 2009 5 4 Stand 31. 12. 2009 5 5 Durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste/-zentren Jugend- und Familienberatungen/JS Jugendanwaltschaft Vormundschaft Andere Institution

f = Frauen m = Männer

Auslastung: 86%, Durchschnittsalter: 19

Jugendwohnungen


2 4 4 2

Eintritte 16 Austritte 15 Stand 01. 01. 2009 2 Stand 31. 12. 2009 3 Durchschnittliche Begleitdauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste/-zentren Vormundschaft 20 4

18 19 6 5 5.8

Total 0 24

Der Schwerpunkt in der Wohnhilfe lag 2009 deutlich bei der Wohnungssuche; die Unterstützung bei der Suche nach neuem Wohnraum ist

1

2

3

4

5 6

7

8

9

vor allem in den Städten im Zürcher Oberland weiterhin gefragt. Die Aufträge im Bereich Begleitung von KlientInnen in ihrem bestehenden

Herkunft: Wetzikon: 13/Uster: 7/Hinwil: 3/Illnau-Effretikon: 1

6

ws wb

Total Aufträge 18

ws = Wohnungssuche wb = Wohnbegleitung

Auslastung: 84%

Wohnhilfe

10 12

13

14

15 16

17

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19

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Wohnumfeld haben deutlich abgenommen.

11

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5 3 5 2 0

5 4 3 1 2

jb f b

2 5 2 1

Total 0 10 7 8 3 2 4.5 1

2

3

Die Ambulante Jugend- und Familienbegleitung vermochte sich auch im Jahr 2009 nicht wie erhofft zu etablieren. So konnten insgesamt nur wenige

4

Aufträge ausgeführt werden. Bei den Jugendbegleitungsaufträgen waren vor allem die persönliche Stabilisierung, das Finden einer (Lehr-)Stelle sowie

Herkunft: Uster: 4/Gossau: 1/Grüningen: 1/Wald: 1/Wetzikon: 1/Bauma: 1/ausserkantonal: 1

Total Aufträge Eintritte Austritte Stand 01. 01. 2009 Stand 31. 12. 2009 Durchschnittliche Begleitdauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste/-zentren Jugend- und Familienberatungen Jugendanwaltschaft Privat

jb = Jugendbegleitung sb = Familienbegleitung

Auslastung: 34%

Ambulante Jugend- und Familienbegleitung

6

7

8

9

10

die Unterstützung im Wohnbereich zentral. Bei der Familienbegleitung standen Erziehungsfragen und Ablösungsthemen im Zentrum.

5


f

31 10 17 5 2 0 1 0 10 5 14 5 20 5

m

17 4 6 11 3

Total 0 21 21 41 22 2 1 15 19 25 10.7 5

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40

Herkunft: Zürich: 8/Illnau-Effretikon: 4/ausserkantonal: 4/Wetzikon: 3/Uster: 2/Thalwil: 2/Winterthur: 2/Rüti: 1/Fällanden: 1/Volketswil: 1/Adliswil: 1/Affoltern a. A.: 1/Birmensdorf: 1/Dietikon: 1/Horgen: 1/Kloten: 1/Oberrieden: 1/Pfungen: 1/Turbenthal: 1/Uerikon: 1/Wädenswil: 1/Wallisellen: 1/Zollikon: 1

Kapazität Plätze Durchschnitt Teilnehmende pro Tag Total Teilnehmende Eintritte (davon) Eintritte Schreinerpraktiker Übertritte in Mittagstisch E1S Austritte Stand 01. 01. 2009 Stand 31. 12. 2009 Durchschnittliche Teilnahmedauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste/-zentren Jugend- und Familienberatungen/JS Schulbehörde/Schulpflege/SPD Jugendanwaltschaft SVA Zürich / IV Schwyz

f = Frauen m = Männer

Auslastung: 100%, Durchschnittsalter: 18

AIP Restaurant Konter


4 1 1 3 3

m

0 0 0 0 0

f

Im AIP Restaurant Konter und AIP Mittagstisch E1S konnte dank grosser Nachfrage und Ausbau des Angebotes die Kapazität der Teilnehmenden auf 24 Jugendliche erhöht werden. Die Erweiterung des Angebotes auf verschiedene Berufsbildungs- und

1

Beschäftigungsplätze hat sich etabliert, auf die individuelle Situation der Jugendlichen kann somit adäquat eingegangen werden. Im Sommer schlossen zudem die ersten Lernenden ihre Ausbildung ab. Dank vieler Anfragen gegen Ende Jahr konnte

2 2

Total 0 3 3 4 1 1 3 3 26

Herkunft: Greifensee: 1/Kloten: 1/Regensdorf: 1/Zürich: 1

Kapazität Plätze Durchschnitt Teilnehmende pro Tag Total Teilnehmende Übertritte vom Konter Austritte Stand 01. 01. 2009 Stand 31.12. 2009 Durchschnittliche Teilnahmedauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste/-zentren Jugendanwaltschaft

f = Frauen m = Männer

Auslastung: 100%, Durchschnittsalter: 18

AIP Mittagstisch E1S

3

4

die Auslastung auf 28 Jugendliche gesteigert werden. Diese ist – mit Blick auf den geplanten Ausbau 2010 – wichtig, damit ein reibungsloser Ablauf in den neuen Betrieben (AIP Restaurant Viadukt und AIP Dorfladen Seegräben) gewährleistet werden kann.

2


f

99 12 68 9 61 7 39 3 46 5

m

104 7

Total 0 17.3 25.5 111 77 68 42 51 7.3 5

10 15

20 25

30 35

40 45

50 55

60 65

70 75

80 85

90

95

100

105

Der Jobbus/Garage verzeichnet ein tolles Jahr 2009. Die TeilnehmerInnenauslastung war so hoch wie nie – an Spitzentagen beschäftigte der Jobbus/Garage jeweils mehr als 30 Personen. Die steigenden

Zahlen machten den Ausbau auf Ebene Mitarbeitende und Infrastruktur notwendig. Neu gibt es fünf statt vier Gruppen. Die KlientInnengruppe ist sehr heterogen zusammengesetzt. Es fällt jedoch auf,

110

dass der Hauptteil der Klientel weiterhin vor allem männlich ist und dass viele TeilnehmerInnen aus Winterthur und Uster stammen.

Herkunft: Winterthur: 35/Uster: 21/Wald: 13/Wetzikon: 11/Netzwerk intern: 7/Fischenthal: 6/Hinwil: 4/Illnau-Effretikon: 4/Bubikon: 3/Lindau: 2 Dürnten: 1/Gossau: 1/Russikon: 1/Wila: 1/Oetwil a. See: 1

* Aus- und Wiedereintritte derselben Teilnehmenden im 2009 führen zu Abweichungen

Kapazität Plätze Durchschnitt Teilnehmende pro Tag Total Teilnehmende* Eintritte Austritte Stand 01. 01. 2009 Stand 31. 12. 2009 Durchschnittliche Teilnahmedauer in Monaten Zuweisende Stellen Sozialberatungen/-dienste Netzwerk intern

f = Frauen m = Männer

Auslastung: 147% , Durchschnittsalter: 35

Jobbus/Garage


Kommentar Finanzen Rückblick 2009 Mit einer positiven Bilanz von Fr. 2 401.– können wir mit Stolz auf das finanziell erfolgreichste Geschäftsjahr seit der Gründung zurückblicken. Ausgerechnet im vielbeschworenen Krisenjahr 2009 weist die Stiftung Netzwerk erstmals in ihrer zwölfjährigen Geschichte einen Gewinn aus. Dieser wurde dem Stiftungskapital zugewiesen. Die Auslastungszahlen der meisten Angebote waren gleich ab Jahresbeginn gut, vor allem auch bei den beiden grössten Angeboten Jobbus/Garage und Arbeitsintegrationsprojekt AIP. Dem grossen Einsatz des ganzen Netzwerk-Teams ist es zu verdanken, dass dieser positive Trend bis zum Jahresende anhielt und den Grundstein für das hervorragende Ergebnis legte. Somit konnte mit vereinten Kräften das «Sorgenkind» unter den Angeboten, die Ambulante Jugend- und Familienbegleitung, aufgefangen werden. Dieses Angebot blieb wiederum deutlich unter den angestrebten Vorgaben. Im Berichtsjahr mussten einige wichtige Investitionen getätigt werden. Investiert wurde in die EDV-Infrastruktur und den Ersatz und Unterhalt der intensiv genutzten Betriebseinrichtungen im Restaurant Konter. Dank gutem Geschäftsgang konnten die budgetierten Vorgaben bei den Abschreibungen eingehalten und mit Betriebsmitteln finanziert werden. Erstmals in der Jahresrechnung erscheint das neue Angebot AIP Restaurant Viadukt in Zürich. Zwar wird der offizielle Start dieses Projekts erst im Frühjahr 2010 erfolgen. Mit dem Beginn des Mieterausbaus in unseren Viaduktbögen im Dezember 2009 und mit dem Bezug der Büroräumlichkeiten für die neue Geschäftsstelle Zürich fielen jedoch bereits Kosten an, die noch im Geschäftsjahr 2009 verbucht wurden. Die äusserst erfolgreiche Spendensuche für die baulichen Investitionen in das Projekt AIP Restaurant Viadukt schlägt sich nicht in der Erfolgsrechnung 2009 nieder. In einem allgemein schwierigen wirtschaftlichen Umfeld war diese Spendenaktion dennoch die bisher erfolgreichste Kampagne in der Geschichte der Stiftung Netzwerk. Von den per Ende 2009 gesprochenen Spenden von total Fr. 1 245 000.– sind per Ende Jahr Fr. 1 090 000.– überwiesen worden. Dieses Geld wurde in einen zweckgebundenen Fonds gelegt. Aus diesem Fond wird erfreulicherweise in den nächsten Geschäftsjahren ein Grossteil der Abschreibungen für den Mieterausbau Restaurant Viadukt geleistet werden können. Ebenfalls äusserst positiv zu werten sind die erfolgreich abgeschlossenen Verhandlungen mit der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Hinwil (GGBH) über die Wiederaufstockung des Betriebsdarlehens auf Fr. 300 000.– sowie mit der Schulgemeinde Wetzikon-Seegräben über die Gewährung eines jährlichen Beitrags von je Fr. 30 000.– während dreier Jahre an unsere Investitionen in die Räumlichkeiten des Mittagstischs E1S in Wetzikon.

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Budget 2010 und Ausblick Das Geschäftsjahr 2010 steht ganz im Zeichen der Eröffnung des AIP Restaurant Viadukt anfangs Mai 2010. Dies völlig zu Recht, ist dieses doch das grösste Projekt in der Geschichte der Stiftung Netzwerk. Wie das Budget 2010 zeigt, wird die Budgetsumme um rund die Hälfte auf über sieben Millionen Franken steigen. Die Erfahrungen, die wir mit dem AIP Restaurant Konter und dem AIP Mittagstisch machen konnten, sind uns dabei bestimmt von grossem Nutzen. Sie sind auch in das von uns in akribischer Feinarbeit erstellte Betriebsbudget für das neue Projekt eingeflossen. Zuversichtlich stimmen uns im Hinblick darauf – neben den erfreulichen Ergebnissen der beiden bestehenden AIP-Angebote im abgeschlossenen Jahr – die Unterstützungszusagen von Geldgebern; darunter ein namhafter Betriebsbeitrag vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) für das erste, erfahrungsgemäss schwierigste Betriebsjahr. Mit dem AIP Restaurant Viadukt steigen auch die Anforderungen an den Liquiditäts­ bedarf der ganzen Stiftung. Die bisherigen Kontakte und Verhandlungen mit den Banken verliefen sehr positiv, und es zeigen sich ein grosses Vertrauen und viel Goodwill gegenüber unserer bisherigen und zukünftigen Arbeit. Wir freuen uns auf das neue Kapitel in der Netzwerk-Geschichte und sind zuversichtlich und entschlossen, diese grosse Herausforderung gemeinsam erfolgreich zu meistern. Insgesamt rechnen wir beim Budget 2010 nach längerem wieder mit einem Verlust in der Höhe von rund Fr. 7 500.–, in erster Linie deshalb, weil das Ergebnis der Ambulanten Jugend- und Familienbegleitung (AJFB) erwartungsgemäss defizitär ausfallen dürfte. In Übereinstimmung mit dem Stiftungsrat haben wir beschlossen, nochmals einen weiteren Anlauf zu nehmen, um dieses Angebot besser zu etablieren und die Zusammenarbeit vor allem mit der Stadt Uster weiter zu verstärken. Von sämtlichen übrigen Angeboten wird erwartet, dass sie mehr oder weniger kostendeckend ausfallen. Etwas im Schatten des Schrittes in die Stadt Zürich steht die Erweiterung in unserer Stammregion Zürcher Oberland: Mit der Übernahme des Dorfladens in Seegräben können wir ein weiteres Arbeitsintegrationsprojekt für Jugendliche AIP starten. Neben der Erhaltung der traditionellen Einkaufsgelegenheit für die Dorfbevölkerung wird uns dadurch ermöglicht, Attestlehren für Detailhandelsangestellte anzubieten.

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2 310 196

Umlaufvermögen

1 048 800

3 358 996

Anlagevermögen

Bilanzsumme

754 849 293 950

1 343 017 540 951 238 83 653 240 000 43 819 58 517

Aktiven Flüssige Mittel Debitoren Verrechnungssteuer Kautionen Subventionen Warenlager Transitorische Aktiven

Immobilien Sachanlagen

248 831 545 444 350 43 641 240 000 38 815 32 834

2009 2 067 620

917 704

650 380 267 324

1 149 916

2008

Bilanz 2007 2 196 132

897 293

637 900 259 393

1 298 839

445 492 470 968 1 317 34 411 230 000 43 890 72 762

Bilanzsumme

Eigenkapital per 31.12.

3 358 996

794 863

792 462 0 2 401

1 090 000

Gebundener Fonds Viadukt bzw. AIP Stiftungskapital Minder-/Mehrerträge Subventionen Jahreserfolg

1 474 133

208 890 256 243 528 000 481 000

2009

Fremdkapital

Passiven Kreditoren Transitorische Passiven Darlehensschulden Hypotheken

2008 2 067 620

792 462

803 497 11 000 -22 035

0

1 275 158

237 349 178 309 376 000 483 500

2 196 132

808 498

815 596 5 000 -12 098

43 034

1 344 601

203 239 268 862 384 000 488 500

2007


Ertrag Aufträge Mieten Tagespauschalen Sonstige Erlöse Spenden Subventionen Kanton Unterstützungsbeiträge Gemeindebeiträge MwSt. Aufwand Personalkosten Produktionsmaterial Kapitalkosten/Abschreibungen Raumkosten Leistungen an Klienten Betriebskosten Sport und Kultur Organisationskosten Umlage Betriebsgewinn (+)/Defizit (-)

34 761 95 457 -489 936

72 807 97 751

-544 642 365 341 590

33 435

119 538

152 429

Geschäftsstelle

Begleitetes Wohnen 7 317 107 352 81 420 44 756 106 855 -1 083

6 072 220 713 17 300 66 231

132 479 -666

525 811 284 968

30 248

15 707

531 340 200 69 795

625 612 315 298

Jobbus/Garage 132 185 -1 564

36 855 -41 623 1 443 810 889 893 138 694 36 471 81 122 162 634 134 996

85 040

719 085

631 583 1 574 431 775 074

Auffangwohngruppe

36 243

705 475

757 425

Erfolgsrechnung & Budget

Wohnhilfe 25 820 -900

890 5 969 248 13 956

91 103 70 041

21 202

48 921

45 900

116 023

Ambulante Jugendund Familienbegleitung 882 -6 676

907 6 737 20 2 417

30 649 20 568

24 855

24 855

AIP Rest. Konter

Jugendwohnungen 25 526 14 645

59 674 8 522

-13 696 482 789 1 282 838 304 207 763 859 226 745 4 899 62 549 139 797 118 618 10 775 31 921 23 111 79 145

35 360

522 960 1 351 034 352 198 6 000 522 960 971 172

AIP Mittagstisch E1S 6 516 4 167

-2 905 275 296 154 977 51 559 34 846 17 120 3 16 792

30 000

144 526 1 300 5 000

285 980 108 059

AIP Rest. Viadukt -14 045

1 234

25 1 274

14 045 11 512

Stiftung Netzwerk 2 401

5 416 721 1 235 331 125 538 3 665 312 1 300 73 995 240 000 30 000 104 013 -58 768 5 414 319 3 156 911 416 998 226 782 796 452 304 321 417 399 95 457

485 000 240 000 30 000 105 592 -109 536 7 366 129 4 451 205 788 708 305 580 939 763 238 055 540 318 102 500 -3 -7 507

7 358 619 2 040 719 44 544 4 522 300

Budget 2010


Mittel aus Fondskapital Gebundener Fonds Projekt Viadukt

Mittel aus Eigenfinanzierung Stiftungskapital Mehrerträge Subventionen Jahresgewinn Organisationskapital

Kapitalnachweis

Mittelfluss aus Betriebstätigkeit Betriebsdefizit (Minder-) /Mehrerträge Subventionen Abschreibungen Ab-/(Zunahme) Subventionsforderungen Ab-/(Zunahme) Übrige Forderungen Veränderung Warenlager Ab-/(Zunahme) Transitorische Aktiven Zu-/(Abnahme) kurzfr. Verbindlichkeiten Zu-/(Abnahme) Transitorische Passiven

Mittelflussrechnung 2009 100 669 -22 035 6 000 223 004 -10 000 -82 740 2 955 39 928 34 110 -90 553

2008 792 462

792 462

Anfangsbestand 1.1.2009

-35 407 -5 004 -25 683 -28 459 77 934

198 873

184 655 2 401

2007 1 090 000

2 401 2 401

-2‘401

2‘401

Fondstransfers intern

Mittelfluss aus Investitionstätigkeit Desinvestitionen Investitionen in Mittagstisch Investitionen in AIP Investitionen in Viadukt Investitionen in übrige Sachanlagen Mittelfluss aus Finanzierungstätigkeit Permanent zweckgeb. Spenden AIP Neue Darlehen Rückzahlung Darlehen und Hypotheken Anfangsbestand Flüssige Mittel 1.1. Endbestand Flüssige Mittel 31.12. Veränderung Zahlungsmittel

Zuweisungen extern

131 276 -12 098 5 000 140 294 -5 000 -57 324 -9 245 -22 755 -41 391 133 794

2009 Verwendung

-36 374 -53 977 -183 543 -56 074 1 239 500 1 090 000 160 000 -10 500 248 831 1 343 017 1 094 186

-329 969

2008

-491 000 525 768 445 492 -80 276

-13 000 445 492 248 831 -196 661

1‘090 000

794 863

794 863

Endbestand 31.12.2009

-92 726 -554 673 -63 673

-6 354

343 121 442 200

-57 022 -56 034 -43 034

-241 294 2 836 -153 592 -33 516

2007


Stiftung «Perspektiven» von Swiss Life Les Millionnaires, Zürich Keller Roger, Illnau Getränkehof Oberland, G. Kuhnen AG, Wolfhausen

Arbeitsintegrationsprojekt AIP Restaurant Konter

Arcas Foundation (für die ersten drei Jahre) Spendenstiftung Bank Vontobel (für das Jahr 2010)

Arbeitsintegratinsprojekt AIP Restaurant Viadukt/Betrieb

Alfred und Bertha Zangger-Weber-Stiftung Ernst und Theodor Bodmer Stiftung Evang. Ref. Kirchgemeinde Hinwil Evang. Ref. Kirchgemeinde Rüti (Kollekte und Spende) Spende anonym Gemeindeverwaltung Wald Frauenverein Uster Röm. Kath. Kirchgemeinde Pfäffikon Spende anonym Brütsch Hermann und Esther, Adetswil Lüthi Christoph und Tanner Stefanie, Dübendorf Eggenberger + Schlumpf AG, Rüti Grandjean Dominique, Zürich Röm. Kath. Kirchgemeinde Uster Schalch Rainer, Brugg Cave Cidis SA, Glauser Aschi, Zollikofen Gemeindeverwaltung Urdorf Egli Niklaus, Hinwil Eugster Ulrich Alfred, Hinwil Grüninger Herbert, Wetzikon Haug Heinz, Aarau Jacob Walter, Grüt Meili-Bernet Adrian, Hinwil Moor Eugen, Steinmaur Röm. Kath. Kirchgemeinde Hinwil

Lotteriefonds des Kantons Zürich Ernst Göhner Stiftung Gemeinnützige Stiftung SYMPHASIS AVINA Stiftung Gemeinnützige Stiftung ACCENTUS Vontobel-Stiftung Frieda Locher-Hofmann Stiftung Alfred und Bertha Zangger-Weber-Stiftung Sophie und Karl Binding Stiftung Hilda und Walter Motz-Hauser Stiftung Hans Konrad Rahn Stiftung Spendenstiftung Bank Vontobel Grütli Stiftung Zürich

30 000.00 5 000.00 200.00 160.00

120 000.00 10 000.00

500 000.00 250 000.00 100 000.00 100 000.00 65 000.00 60 000.00 50 000.00 30 000.00 30 000.00 25 000.00 20 000.00 10 000.00 5 000.00

Allgemein

Arbeitsintegrationsprojekt AIP/Restaurant Viadukt/Investitionen

Spendenliste

10 000.00 4 000.00 2 500.00 1 825.20 1 600.00 1 500.00 1 000.00 1 000.00 800.00 700.00 540.00 500.00 500.00 500.00 500.00 300.00 300.00 200.00 200.00 200.00 200.00 200.00 200.00 200.00 200.00


Stadt Wetzikon

Auffangwohngruppe

Stiftung Walter und Anne Marie Boveri (für das Jahr 2010) Moriz und Elsa von Kuffner-Stiftung

Jobbus/Garage Transportfahrzeug

Evang. Ref. Kirchgemeinde Wallisellen

Arbeitsintegrationsprojekt AIP Mittagstisch E1S

200.00

30 000.00 7 000.00

5 000.00

100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00

Friedli Bänz, Zürich Guyer Hansruedi, Dürnten Iten Partner Treuhand GmbH, Wetzikon Jungholz Beatrice, Uster Luginbühl-Welter Ursula, Wetzikon Muggli Rosmarie, Männedorf Paul Morger AG, Rüti Ramseier-Giss Walter und Susanne, Wald Schaller Urs, Zürich Tiefenauer René, Wolfhausen Tüscher Ruth, Betschwanden Urner Lydia, Grüningen Weber Benjamin, Tann-Rüti Weidmann Marcelle, Rüti Wiget Marianne und Theo, Hausen am Albis Wittwer Susanna, Baden Zollinger Hans und Christa, Rüti

Für alle Spenden – auch die vielen kleineren und hier nicht aufgeführten – bedanken wir uns ganz herzlich.

200.00 150.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00 100.00

Stiefel-Waschier Edwin, Tann Vandebroek Ventures AG, Nänikon Acker Stefan, Bäretswil Berchtold Heidi und Jakob, Rüti Berger Hans, Zürich Buonaiuto Marco, Zürich Dürst-Buff Andreas und Sylvia, Aathal-Seegräben Ernst Beat, Rüti Evang. Ref. Kirchgemeinde Dürnten


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Vision 2010: Der neue Dorfladen in Seegr채ben Erweiterung des Arbeitsintegrationsprojektes AIP

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V. – Tischgespräch mit Franz Treichler, Sänger der Genfer Industrial-Pioniere The Young Gods, die seit 25 Jahren zu den wichtigsten Bands der Schweiz gehören

Es ist eine Utopie zu glauben, dass ein Musiker immer originell sein muss und sich neu erfinden kann. Die Vision war, Rockmusik mit anderen Mitteln zu spielen. Solange es eine positive Energie und Kreativität gibt, geht es weiter.

Welche Visionen haben sich in deinem Leben erfüllt, von welchen hast du Abschied genommen?

Die Vision, eine Band zu gründen und durch die ganze Welt zu touren, hat sich erfüllt und war für mein Leben entscheidend. Wichtig war dabei natürlich auch, dass ich die Chance hatte, Menschen zu begegnen, die mit mir diese Vision teilten. Ich wäre gerne Orchesterdirigent geworden, davon habe ich Abschied genommen. Ausserdem war für mich immer klar, dass ich keine Kinder haben werde. Als Musiker konnte ich mir nicht vorstellen, Vater zu sein. Trotz Band und vielen Tourneen habe ich es hingegen geschafft, eine langjährige Beziehung aufrechtzuerhalten. Das ist ebenfalls sehr wichtig für mich. Welche Vision würdest du jetzt sofort realisieren, wenn du die Wahl hättest? Ah, es gibt viele Sachen, die mich interessieren. Gerne möchte ich einmal solo auftreten, weil es etwas ganz anderes ist als mit Band. Ich müsste mein Ding ganz alleine durchziehen. Obwohl ich Respekt davor habe, reizt mich diese Idee. Was wolltest du werden, als du klein warst? Ich wollte Astronaut werden. Der Weltraum faszinierte mich. Die Begeisterung hielt aber nicht allzu lange an; die Technologie schien mir nicht ausgereift genug, und die Astronautenanzüge gefielen mir auch nicht besonders. So oder so trat die Musik früh in mein Leben. Im Alter von etwa zehn Jahren machte es in einem Pfadfinderlager klick, als ich auf einen Typen traf, der auf der Gitarre herumklimperte. Ich nahm später genau bei diesem Mann Stunden. Er brachte mir bei, wie man elektrische Gitarre spielt und was man alles mit elektronischen Effektgeräten anstellen kann.

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Franz Treichler, 48, Sänger der Industrial-ElektroBand The Young Gods. Die Gruppe hat in den letzten 25 Jahren 15 Alben veröffentlicht …

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Treichler: «Gruppen gehen aus verschiedenen Gründen aus zu haben ist auch ein Problem. Wir haben unser Geld immer

Du hast also schon früh damit begonnen, auf das hinzuarbeiten, was du heute machst? Ja. Mein erster Gitarrenlehrer hat mir aber empfohlen, zusätzlich klassischen Gitarrenunterricht zu nehmen. Mein Vater ist Brasilianer und im Gegensatz zu anderen Vätern, die die Hände verwerfen, wenn ihr Sohn sagt, dass er Musiker werden will, war er total begeistert, als er von meinen Absichten hörte. Er kannte einen brasilianischen Gitarrenlehrer am Konservatorium in Fribourg. Bei ihm nahm ich bald Unterricht. Für mich stand fest: Ich will das. Ich besuchte also das Konservatorium und hatte irgendwann auch noch eine Punkband. Das war für mich nicht weiter ungewöhnlich, in meinem Kopf existierte nur eine Musik. Als ich am Konservatorium abschloss, erschien ich mit einem Irokesenschnitt zur Prüfung. Doch mit 21 Jahren musste ich mich entscheiden: Zur Wahl standen die klassische Musiklehrer-Karriere oder eben das Rock’n’Roll-Abenteuer. Wie wir wissen, hast du dich für das Rock’n’Roll-Abenteuer entschieden. Ja, ich habe aufgehört mit der klassischen Gitarre und mit meiner jetzigen Lebens­ partnerin eine Band gegründet. Zusätzlich haben wir damit begonnen, in Fribourg Rockkonzerte zu organisieren. Die Band hielt aber nicht lange, weil wir nicht alle die gleichen Ambitionen hatten. Ich bin dann nach Genf gegangen und habe 1984 mit meinem WG-Kollegen Cesare Pizzi The Young Gods gegründet: Unser erstes Konzert gaben wir im Mai 1985. Das ist nun exakt 25 Jahre her. Heute gelten The Young Gods als Pioniere: Ihr habt für eure Musik früh Samplings verwendet und wart damit eurer Zeit voraus. Wie denkst du heute über diese Pionierrolle? Wir betrachteten uns selbst nicht als Pioniere, wir sahen uns als Teil einer musikalischen Bewegung, die experimentelle und populäre Musik zusammenbringen wollte. Was die Leute damals so beeindruckte, war unsere Radikalität. Die Kraft, die Explosivität, die wir natürlich auch dem Sampling verdankten. Als ich im

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seinander: Zu viel Geld zu haben ist ein Problem. Kein Geld r in die Aufnahmen gesteckt.»

klassischen Rocktrio Bass, Gitarre, Schlagzeug an Grenzen stiess, entstand die Vision, Rockmusik mit anderen Mitteln zu spielen. Wir waren nicht die Ersten, die Samplings einsetzten, aber ein ähnliches Powertrio wie The Youngs Gods existierte damals nicht, das ist wohl so. Die Wirkung war dementsprechend gross, weil dieser Sound vor 25 Jahren wirklich alle überraschte. Heute wiederum ist das ganz anders: Jeder hat das Musikprogramm «Garage Band» auf seinem Mac-Computer und kann ein klassisches Orchester in einen Rocksong mischen. Trotzdem: Die Faszination für die Collage prägt The Young Gods weiterhin. Muss man sich als kreativer Musiker immer neu erfinden? Es ist eine Utopie zu glauben, dass ein Musiker immer originell sein muss und sich neu erfinden kann. Das hat sogar etwas Lächerliches. Für mich ist es wichtig, dass das Zusammenspiel innerhalb der Band funktioniert. Früher war vor allem ich es, der die Musik komponierte, heute steuern alle Mitglieder von The Young Gods ihre Ideen bei. Diese Entwicklung war wichtig für mich. Songideen und Texte fallen mir nicht einfach in den Schoss. Ich muss hart arbeiten dafür. Das heisst, je mehr ich ins Studio gehe und «herumpröble», desto kreativer bin ich. Prinzipiell gehe ich davon aus, dass Dinge, die mich überraschen, auch das Publikum überraschen werden. Das war bei unserem akustischen Projekt zum Beispiel der Fall. Songs schreiben, Studio, live spielen: Welcher Moment im kreativen Schaffen ist der magischste für dich? Ich liebe den Prozess der Kreation, wenn noch nichts sicher ist, wenn sich die Songideen konkretisieren. Beim Aufnehmen ist es anders. Ich mag es zum Beispiel nicht, die Stimme in einem Studio aufzunehmen. Ich mache das lieber alleine in unserem Aufnahmeraum. Dort kann ich mir die nötige Zeit nehmen, gerade wenn ich stimmlich etwas Neues ausprobieren will. Bei The Young Gods passiert aber sicher am meisten auf der Bühne. Dieser magische Livemoment ist wohl auch der Grund, warum es die Band immer noch gibt.

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… 2008 traten The Young Gods am 10-Jahre-Jubiläum der Stiftung Netzwerk auf.  Franz Treichler wurde vom Schweizer Electropop-Duo Yello und vom englischen Musiker und Produzenten Brian Eno inspiriert. Lebt in Genf.

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In der Tat ist es eher selten, dass Rockgruppen ein Vierteljahrhundert zusammenbleiben. Gab es Momente, in denen ihr ans Aufhören dachtet? Gruppen gehen aus verschiedenen Gründen auseinander: Zu viel Geld zu haben ist ein Problem. Kein Geld zu haben ist auch ein Problem. Wir haben unser Geld immer in die Aufnahmen gesteckt. Wir hatten in den 25 Jahren drei Abgänge. Heute sind The Young Gods zu viert. Mit Al Comet spiele ich seit 20 Jahren, mit Schlagzeuger Bernard Trontin 13 Jahre, mit dem Gitarristen Vincent Häni auch schon vier Jahre. Eine Weile lang haben wir alle an Solo-Sachen gearbeitet. Solange es eine positive Energie und Kreativität gibt, geht es weiter. Aber man weiss nie, wie lange das anhält. Nichts ist sicher, nichts ist für immer. Am schwierigsten war in all den Jahren, das Privatleben mit dem Musikerdasein zu vereinbaren. The Young Gods hatten vielleicht nie den Riesenerfolg, aber dafür könnt ihr bis heute auf eine grosse, treue und enthusiastische Fangemeinde zählen. Wie erklärst du dir das? Unsere Fans sind einfach grosse Musikfans. Wir haben natürlich einige Leute mit unserem Ambient-Album «Music for Artificial Clouds» oder auch mit dem akustischen Programm vor den Kopf gestossen. Doch allgemein sind unsere Fans musikalisch neugierig und offen. Wo siehst du dich in zehn Jahren? Ich werde mich wohl noch in zehn Jahren mit Sound und Musik beschäftigen – selbst wenn sich die Band auflösen sollte. Ich habe schon einmal als Musiker mit einer zeitgenössischen Tanzgruppe zusammengespannt, das würde ich gerne wiederholen. Soundinstallationen zu kreieren würde mich ebenfalls reizen.

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Impressionen 2009: Die Konzerte im Restaurant Konter

11. April

Dead Rock West | Count Gabba 02. Mai

Asleep | The Noodles 16. Mai

Delilahs | LouvaR 15. August

Attwenger | Mama Rosin 10. Oktober

Annakin/Weyermann | The Black 24. Oktober

Marygold | TelapHones 07. November

Strozzini | Rita Hey 21. November

Tony Scherr Trio | Coal & Reto 70


lack Iron Brothers

eto Burrell 71


Dead Rock West 11. April 2009

Count Gabba 11. April 2009

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Asleep 2. Mai 2009

The Noodles 2. Mai 2009

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Delilahs 16. Mai 2009

Louvar 16. Mai 2009

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Attwenger 15. August 2009

Mama Rosin 15. August 2009

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Annakin/Weyermann 10. Oktober 2009

The Black Iron Brothers 10. Oktober 2009

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Marygold 24. Oktober 2009

Telaphones 24. Oktober 2009

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Strozzini 7. November 2009

Rita Hey 7. November 2009

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Tony Scherr Trio 21. November 2009

Coal & Reto Burrell 21. November 2009

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ÂŤI'm your Venus, I'm your fire / At your desire / Well, I'm your Venus, I'm your fire / At your desire / Her weapons were her crystal eyesÂť

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Impressionen 2009: Jobbus/Garage stellt sich dem Schleudertest

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Impressionen 2009: Jobbus/Garage f채llt auch B채ume

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Impressionen 2009: Am Jobbus-Cup k채mpften 2009 neun Equipen um den Pokal

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Stiftungsrat und Mitarbeitende 2009

Mitglieder des Stiftungsrates Erika Klossner-Locher, Präsidentin Katrin Liscioch Thomas Frey Claudia Nielsen Eduard Schubiger-Eicher Carlo Wolfisberg Geschäftsstelle Rüti Kaspar Jucker, Geschäftsleitung Liliane Blurtschi, Fachliche Leitung (bis Mai) Yvonne Krauer, Projekte/Marketing/Konzepte Peter Tanner, Buchhaltung/Controlling Ruth Saxer, Buchhaltung Beatrice Kohli, Sekretariat/Liegenschaften Natascia Niedda, Sekretariat Karin Güntensperger, Lernende Azdren Hadergjonaj, Lernender

Wohnhilfe Liliane Blurtschi, Fachliche Leitung (bis Mai) Dieter Theiler, Bereichsleitung (ab Sept.) Lilo Abderhalden, Betreuung Ambulante Jugend- und Familienbegleitung Brigitte Tanner, Co-Betriebsleitung, Bereichsleitung (ab Juli) Stephen Finkenauer, Co-Betriebsleitung (bis Dez.) Lilo Abderhalden, Betreuung Begleitetes Wohnen Dieter Theiler, Co-Betriebsleitung, Bereichsleitung (ab Sept.) Marcel Papis, Co-Betriebsleitung Marielle Albrecht, Betreuung (ab Okt.) Petra Karrer, Betreuung (ab Feb.) Jeanette Stieger, Aushilfe Betreuung Auffangwohngruppe Dieter Theiler, Bereichsleitung (ab Sept.) Yvonne Bütikofer, Co-Betriebsleitung Oliver Spreter, Co-Betriebsleitung Heike Grossmann, Betreuung (bis April) Sibylle Urech, Betreuung (Juli bis Dez.) Jeanette Stieger, Aushilfe Betreuung Jugendwohnungen Brigitte Tanner, Co-Betriebsleitung, Bereichsleitung (ab Juli) Stephen Finkenauer, Co-Betriebsleitung Mirjam Müller, Aushilfe Betreuung Sibylle Urech, Praktikantin (bis März) Sander Graf, Praktikant (April bis Sept.) Serkan Yildiz, Praktikant (ab Okt.) Simon Hofmann, Nachtdienst (bis Jan.) Sibylle Urech, Nachtdienst (Mai bis Sept.) Sander Graf, Nachtdienst (ab Okt.) Mathias Raeber, Nachtdienst Katica Spreter, Nachtdienst (ab Okt.) Philipp Gonser, Kontrollgänge

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AIP – Arbeitsintegrationsprojekt, Restaurant Konter und Mittagstisch E1S Geschäftsstelle Wetzikon Catherine Bolliger, Co-Betriebsleitung, Co-Bereichsleitung (ab Juli) Jürgen Steinberger, Co-Betriebsleitung, Co-Bereichsleitung (ab Juli) Susan Wiget, Betreuung Kathrin Bicherel, Betreuung Stefan Rosenberger, Betreuung (bis Okt.) Noe Yamamoto, Betreuung Corina Liechti, Betreuung (bis Nov.) Sandro Varisco, Aushilfe Betreuung (ab Dez.) Laura Heuberger, Praktikantin (Sept. bis Nov.) Guido Dudle, Lehrer Stefan Wälty, Küchenchef Restaurant Konter Diego Straumann, Küchenchef Mittagstisch E1S Raschid Ouali, Koch Songül Ruepp, Aushilfe Koch Noemi van Oordt, Aushilfe Koch / Betreuung Lernende (ab Okt.) Güllüzar Oezdogan, Sekretariat Natascia Niedda, Sekretariat Beatrice Chenaux Mejias-Cuevas, Serviceaushilfe Simone Galey, Serviceaushilfe

Jobbus/Garage, Geschäftsstelle Uster Daniel Keller, Bereichsleitung Simone Galey, Verantwortliche Klienten Giovanni Falsia, Verantwortlicher Auftragswesen/Stv. Bereichsleitung Rika Schneider, Gruppenleitung und Sekretariat (bis Nov.) Andreas Keller, Gruppenleitung Thomas Marti, Gruppenleitung Gregor Fischer, Gruppenleitung Roger Käser, Gruppenleitung Martin Blum, Gruppenleitung Nathalie Studer, Gruppenleitung (bis Feb.) Benjamin Mac Donald, Gruppenleitung (ab Aug.) Annatina Nufer, Gruppenleitung (ab Aug.) Azdren Hadergjonaj, Lernender Die Stellenprozente der einzelnen Mitarbeitenden werden zugunsten einer besseren Übersicht nicht separat aufgeführt. Das Total aller Stellenprozente pro Jahr beträgt 34 280 Prozent bei 57 Mitarbeitenden (47 ohne Aushilfen). Der Durchschnitt pro Person und Monat beträgt 60.78 Prozent (ohne Aushilfen).

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Adressen

Geschäftsstelle Rüti Stiftung Netzwerk Wettsteinweg 1 Postfach 8630 Rüti T. 055 251 50 40, F. 055 251 50 45 info@netz-werk.ch begleitetes.wohnen@netz-werk.ch Geschäftsstelle Uster Stiftung Netzwerk Bahnstrasse 1 Postfach 8610 Uster T. 044 905 40 40, F. 044 905 40 45 info@netz-werk.ch jobbus.garage@netz-werk.ch wohnhilfen@netz-werk.ch jugendbegleitung@netz-werk.ch jugendwohnungen@netz-werk.ch Auffangwohngruppe Bahnhofstrasse 284 8623 Wetzikon T. 044 930 28 52, F. 044 930 28 77 auffangwohngruppe@netz-werk.ch Geschäftsstelle Wetzikon AIP – Arbeitsintegrationsprojekt Ettenhauserstrasse 5 8622 Wetzikon T. 043 488 15 30, F. 043 488 15 35 aip@netz-werk.ch Restaurant Konter Ettenhauserstrasse 5 8622 Wetzikon T. 043 488 15 38, F. 043 488 15 39 info@restaurant-konter.ch

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Mittagstisch E1S Binzackerstrasse 1 8622 Wetzikon T. 044 930 05 80, F. 044 930 05 81 e1s@netz-werk.ch Dorfladen Seegräben Usterstrasse 1 8607 Aathal-Seegräben T. 044 932 13 06, F. 044 972 19 84 dorfladen@netz-werk.ch Geschäftsstelle Zürich AIP – Arbeitsintegrationsprojekt Heinrichstrasse 221 8005 Zürich T. 043 204 18 90, F. 043 204 18 91 info@netz-werk.ch aip@netz-werk.ch Restaurant Viadukt Im Viadukt 8 + 9, Viaduktstrasse 69/71 8005 Zürich T. 043 204 18 99, F. 043 818 20 61 info@restaurant-viadukt.ch Bankverbindung Clientis Sparkasse Zürcher Oberland, Rüti Konto 164.739.000.10 IBAN CH81 0685 0016 4739 0001 0 PC-Konto: 87-40008-8 Internet www.netz-werk.ch www.restaurant-konter.ch www.mittagstisch-e1s.ch www.restaurant-viadukt.ch


Peter J. Grob fotografiert im Club Hive, Zürich 

Günter Amendt fotografiert im Club Hive, Zürich

Franz Treichler fotografiert im Club Exil, Zürich

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Guido Dudle und Daniel Keller fotografiert in der Werkstatt Jobbus/Garage, Uster

Samira und Claudia Nielsen fotografiert im Restaurant Viadukt sowie auf der Josefswiese, Z端rich

Yannik und Annatina Nufer fotografiert in der Kulturfabrik Wetzikon

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Impressum Konzept und Gestaltung: Komun GmbH, Zürich Text: Judith Wyder, Zürich Fotografie: Basil Stücheli, Zürich Fotografie: «Konzerte 15.8/10.10»: Toshimi Ogasawara, Zürich Illustration: Radionacional, Stephan Walter, Zürich Produktion: Kaspar Jucker, Yvonne Krauer, Bea Kohli, Peter Tanner, Stiftung Netzwerk, Rüti Korrektorat: WORTFORM Ursula Trümpy, Zürich Druck: Druckerei Götz AG, Geroldswil Publikation: April 2010 Auflage: 4 000


Komun, Büro für viesuelles Design und Werbung  

Jahresbericht für Netzwerk, Stiftung für Soziale Arbeit, Sport und Kultur

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