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Nr. 07/08 I Juli/August 2012 www.igbce.de

vor ort Praxis statt trockener Theorie: Achtklässler beim Bewerbungstraining tendenzen Frauentag der IG BCE: Charta fordert Gleichstellung tipps Schwanger in der Ausbildung – wie lassen sich Kind und Karriere vereinbaren?

kompakt

Das Mitgliedermagazin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

Leid & Liebe Unternehmen lassen sich viel einfallen, um Beschäftigte für sich einzunehmen. Doch wie weit geht das Wir-Gefühl?


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unter uns

Von Petitionen und Pausen M Christian Hülsmeier

Chefredakteur

Über die deutschen Exporterfolge mit Rüstungsgütern schweigt man in unserem Land lieber. Dabei zählt Deutschland zu denjenigen Ländern, die ganz dicke Geschäfte mit Waffen und Tötungstechnologie machen. Dabei hat sich unser Land selbst die Verpflichtung auferlegt, keine Rüstungsgüter in Krisenregionen zu liefern – also dorthin, wo die Nachfrage tendenziell am stärksten ist. Dieser Vorsatz ist sicher ehrenwert, aber offensichtlich nicht genug. Deshalb unterstützen die IG BCE und ihre Jugend eine aktuelle Kampagne der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die zum Ziel hat, internationale Regeln für Waffenexporte zu schaffen – Informationen dazu finden sich auf der nebenstehenden Seite 2 sowie der Seite 10. Selten war es so einfach, der eigenen Meinung Ausdruck zu verleihen: Einfach auf die Kampagnen-Webseite von Amnesty gehen und die Petition unterzeichnen. Mehr als 30 000 Menschen haben dies bereits getan. Die Redaktion wünscht allen Leserinnen und Lesern eine erholsame Ferienzeit und verabschiedet sich selbst ebenfalls in den Urlaub. Die nächste kompakt-Ausgabe erscheint, wie gewohnt, zum 1. September. christian.huelsmeier@igbce.de

Foto: Michael Foley/CC

Foto: Ulrich Pucknat

it Stolz durchaus und mit ein wenig Genugtuung registrieren wir immer wieder gern, dass Know-how und Technologie aus Deutschland weltweit gefragt sind. Denn das ist der Verdienst der vielen Beschäftigten in den Fabriken und Büros, das ist das Ergebnis von hervorragenden Leistungen im globalen Maßstab. Wir können es eben – und oft ein bisschen besser als andere.

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11 Standpunkt

VOR ORT

Michael Vassiliadis über fehlende Taten der Politik.

TITEL

21–29

12 Was heißt hier wir?

Vor der Schicht die Firmenhymne singen – Unternehmen lassen sich einiges einfallen, um Beschäftigte für sich einzunehmen. Doch wie weit geht das Wir-Gefühl?

Die Vielfalt der Faser

THEMEN

18 Das hat sich gelohnt

Foto: Carsten Büll

Die Palette ist breit gefächert: Von Zahnbürsten über Airbags bis hin zu Putzmaschinen – sie alle brauchen Kunststofffasern als Ausgangsprodukt. Gesponnen werden diese Filamente in der Region Ulm bei Hahl Filaments in Munderkingen.

Eine kräftige Erhöhung der Entgelte und Entlastung für Ältere – doch das Tarifpaket der Chemie enthält mehr. kompakt beantwortet die wichtigsten Fragen.

TENDENZEN

31 Wende Marsch!

Die Zustimmung zur Energiewende ist ungebrochen. Doch die Kritik an der Umsetzung wächst. Der »Deutsche Energie-Kompass« gibt Aufschluss über Stimmungen in der Bevölkerung und den Unternehmen.

34 Frauen vor

Um über die zukünftige Frauenpolitik der IG BCE zu diskutieren, kamen zum 4. Frauentag 400 Teilnehmerinnen für drei Tage nach Hannover.

International gegen Stellenabbau Protest bei Merck in Darmstadt: Beschäftigte aus Deutschland und aus der Schweiz demonstrierten gemeinsam gegen die Pläne des Unternehmens. Merck hat neben der Schließung des Standorts in Genf einen weiteren Stellenabbau im Laufe einer geplanten Reorganisation des Pharma- und Chemiekonzerns angekündigt.

TIPPS

36 Maßvoll sanieren

kompakt erklärt, wie Hausbesitzer durch Sanierung

Strom sparen können – und was Mieter beachten sollten, wenn ihr Vermieter Umbaumaßnahmen plant.

38 Mit Papa im Schlammbad

Wenn der Akku leer ist, kann eine Kur für Eltern und Kinder erholsam sein.

39 Mit Kinderwagen am Arbeitsplatz

Schwanger mitten in der Ausbildung? Das ist noch lange kein Grund, die Lehre abzubrechen. kompakt erklärt, welche Rechte gelten.

Praxis statt grauer Theorie Einen Vorgeschmack auf den Einstieg in das Berufsleben bekommen Achtklässler mit dem Planspiel »Ready-Steady-Go«. Spielerisch können sie Bewerbungsgespräche erproben.

Foto: Axel Stefan Sonntag

IMMER IM HEFT

4 | kompakt | Juli/August 2012

03 Unter uns 06 Aktuelles 08 Heims Homepage 20 Leserforum/Impressum 30 Einer von uns* 40 Rätsel 41 Glück & Glosse 42 Mein Arbeitsplatz * Der Landesbezirk Westfalen berichtet auf dieser Seite über Jubilarehrungen. Titelbild: Redaktion


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INHALT Juli/August 2012

39

Schwanger in der Ausbildung

36

MaĂ&#x;voll sanieren

Frauentag der IG BCE

34

Der Energie-Kompass 2012

31

Fotos: Boris Roessler/dpa, Ute Grabowsky/photothek.net, Michael Cintula, Frank Rumpenhorst/dpa, picture alliance/Bildagentur-online

12

Wie weit geht Identifikation?

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Foto: Luca Abbiento

BILD DES MONATS

Das gröSSte Kernkraftwerk der DDR würde heute nahe Stendal stehen – wäre der Bau je vollendet worden. Kurz nach der Wiedervereinigung wurde das Projekt wegen Sicherheitsmängeln gestoppt. Seitdem laufen die Abrissarbeiten. Sieben Männer leben auf dem Gelände und rücken

Aufreger DES MONATS

dem Beton zu Leibe. Der Fotograf Jonas Ludwig Walter hat ihren Alltag dokumentiert. Seine Bilder zeigen das »absurde Schauspiel«, wie Der Spiegel das Kraftwerk-Projekt einst nannte. Und dass noch sehr viel Arbeit vor uns liegt, wenn wir als Gesellschaft die Energiewende schaffen wollen.

Auch Kinder in den Knast

Foto: Alexander Stein

Schäbiger Standard sei laut der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl die neue EU-Richtlinie, die regelt, wann Asylbewerber in Gewahrsam genommen werden dürfen. »Mit dieser Richtlinie droht ein Dammbruch, weil fast jeder Schutzsuchende bei der Einreise verhaftet werden kann«, sagte der Europa-Referent von Pro Asyl, Karl Kopp. Besonders beunruhigend finden Europa-Abgeordnete und Flüchtlingsorganisationen das Vorhaben, auch Minderjährige und sogar unbegleitete Kinder in Gewahrsam nehmen zu können. Dafür hat sich laut Frankfurter Rundschau auch der deutsche Innenminister HansPeter Friedrich (CSU) eingesetzt.

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AKTUELLES ZAHL DES MONATS

4000

Meldung DES MONATS

Neue Supermacht 50 Millionen Menschen weltweit vertritt unter Führung

von IG-Metall-Chef Berthold Huber die neue Gewerkschaft IndustriALL Global Union, die drei internationale Branchengewerkschaften in sich vereint: Metallarbeiter (IMB), Chemie-, Energie- und Minenarbeiter (ICEM) sowie Textil- und Lederarbeiter (ITBLAV). Mehr als 30 Gewerkschaftsführer debattierten auf dem Gründungskongress den Aktionsplan der »Supermacht«, wie ein Gewerkschafter im Kurznachrichtendienst Twitter den neuen Spitzenverband nannte. In einer bewegenden Eröffnungsrede sicherte Stefan Löfven, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Neues Logo: Industriall Global Union Arbeiterpartei Schwedens und ehemaliger IF-Metall-Chef, seine Unterstützung zu: »Wo auch immer es politische Diskussionen gibt, sollte die Stimme der Arbeiter gehört und respektiert werden«, sagte Löfven, »ich bin jetzt einer von euch und werde das auch stets sein.« Tony Burke von der britischen Gewerkschaft UNITE forderte gar: »Unser Ziel sollten 100 Millionen Mitglieder sein.«

Foto: Bilderfilm.de

Bis 2020 sollen eine Million Elektroautos über Deutschlands Straßen rollen. Bisher sind es nur etwa 4000. Der dritte Bericht der Nationalen-Plattform Elektromobilität (NPE) betont, dass es bis dahin ohne Mehrförderung höchstens 600 000 E-Autos auf die Straße schaffen werden. Damit das hochgesteckte Ziel doch noch erreicht wird, greift Berlin tief in die Tasche: Die Bundesregierung fördert die Entwicklung der Batterietechnik bisher mit 601 Millionen Euro, die der Antriebstechnologie mit 230 Millionen Euro. Auch die Zahl der Wasserstofftankstellen soll von derzeit 15 auf 50 in den kommenden Jahren wachsen. Das ist dem Staat weitere 20 Millionen Euro wert.

Mehr Gerechtigkeit Löhne der Leiharbeiter werden in der chemischen Industrie an die Entgelte der Stammbelegschaften herangeführt. Darauf haben sich IG BCE, der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) und der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) geeinigt. Die neue Zuschlagsregelung für Leiharbeitnehmer ist in Stufen aufgebaut. In den Lohngruppen 1 und 2 reicht die Staffel von 15 bis 50 Prozent, in den Lohngruppen 3 bis 5 von 10 bis 35 Prozent. In der Endstufe erreichen die Leiharbeitnehmer zwischen 85 und 90 Prozent der Chemieentgelte. Der Vertrag tritt zum 1. November 2012 in Kraft. Dazu ein Beispiel: Ein Leiharbeitnehmer, der in der Lohngruppe 1 des BAP-Tarifvertrags eingestuft ist, erhält einen Stundenlohn von 8,19 Euro. In der Entgeltgruppe 1 der chemischen Industrie (Hessen) werden 13,39 Euro gezahlt. Der Leiharbeitnehmer bekommt nach neun Monaten einen Zuschlag von 50 Prozent und erhält dann einen Stundenlohn von 12,29 Euro. »Das enorme Entgeltgefälle zwischen Stammbelegschaften und Leiharbeitnehmern wird ein kräftiges Stück abgetragen«, sagt Peter Hausmann, Tarifpolitiker der IG BCE. »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist ein Gebot der Fairness und der sozialen Gerechtigkeit. Daran halten wir fest.« Mehr Informationen zur neuen Regelung unter: www.igbce.de/13346/leiharbeit

www.industriall-union.org kompakt | Juli/August 2012 | 7


Heims Homepage Foto: Ulrich Pucknat

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Gesundheit

Gut vorgesorgt

Paragrafen

Alles klar?

HeiSS!

Zu heiß!

Gute Arbeit

Guter Urlaub

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Rudolf Heim

IG-BCE-Online-Redakteur | www.igbce.de präsentiert interessante, manchmal auch ärgerliche Seiten aus dem Web E-Mail: internetredaktion@igbce.de

Sommerzeit – Urlaubszeit. Darauf freuen wir uns eigentlich alle. Doch die schönste Zeit des Jahres kann ziemlich vermiest werden, wenn ein Wehwehchen oder gar Schlimmeres eintritt. Vieles lässt sich durch gute Vorbereitung vermeiden. Jede Menge praktische Tipps in Sachen Reisevorbereitung und Gesundheit bietet die AOK. bit.ly/MaU3rm

Eigentlich sind Urlaubsansprüche klipp und klar geregelt. Doch wie das Leben so spielt, sieht manches im Alltag anders aus. Damit aus Recht nicht Unrecht und dann zu Streit wird, hat der Bund-Verlag in seinem Internet-Portal arbeitsrecht.de wichtige Urteile in Sachen Urlaub aufgelistet. bit.ly/MN8cdq

Der Traum (fast) jedes Deutschen: Sonne, Sonne und nochmals Sonne. Doch wenn dann die Hitze einmal da ist, wird schnell schlapp gemacht. Oft fehlt Flüssigkeit. Wie wär’s denn mit alkoholfreien Cocktails? Leckere Rezepte gibt’s auf dem GourmetPortal »Gute Küche«. Und die sorgen auch in Bochum oder Wuppertal für Karibik-Stimmung pur! bit.ly/LQWNh9

Mit der Sommeraktion »Gute Arbeit – guter Urlaub« will die IG BCE für einen Urlaub ohne Gedanken an den Chef und Arbeitsplatz werben. Und so geht’s: den Laptop zu Hause lassen, Handy ausschalten, Sonnenmilch schnappen und das persönliche »Guter Urlaub«-Motiv cremen. Anschließend Foto machen und zum Wettbewerb einschicken. www.gutearbeit.igbce.de


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Weltweit gefragt

Fragen an Angeline Chitambo

Die Deutsche Chemie exportiert so viel Chemikalien

wie kein anderes Land der Welt. Diese Führungsrolle werde sie wohl auch in diesem Jahr verteidigen können und Chemieexport-Weltmeister bleiben, davon geht der Verband der Chemischen Industrie (VCI) aus. Das sagte Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, dem Handelsblatt. 2011 führten die Chemieunternehmen in Deutschland Erzeugnisse im Wert von mehr als 150 Milliarden Euro aus. Damit sicherte sich Deutschland einen Anteil von rund elf Prozent am globalen Chemieexport. Zu den Erfolgsfaktoren, die Deutschland zur führenden Export-Chemienation machen, gehört nach Einschätzung von Tillmann auch die hohe Innovationskraft. Die chemische Industrie investiere schließlich jährlich weit mehr als acht Milliarden Euro in die Forschung.

Was wollen Sie mit Ihrem Projekt erreichen? Wir wollen die Frauen gezielt stärken. Unsere Gesellschaft ist männlich dominiert – und die Frauen sind auf allen Ebenen benachteiligt. Die Hälfte der weltweiten Lebensmittel wird von Frauen produziert, Frauen erledigen 66 Prozent der Arbeiten – beziehen aber nur zehn Prozent der Einkommen. Es ist wirklich schwierig für Frauen, sich Gehör zu verschaffen und sich bemerkbar zu machen. Deswegen müssen wir sie stärken. Sie brauchen Mut und Selbstbewusstsein – und die bekommen sie am besten über Bildung. Zudem wollen wir, dass Frauen sich auch in der Politik mehr einmischen.

Auf und davon Urlaub – das ist die schönste Zeit im Jahr. Immer mehr

Deutsche verbringen ihre Ferien zwar in Deutschland, doch viele packt immer noch das Reisefieber. Ob Städtetrip, Wellnessurlaub, Hochsee-Kreuzfahrt oder eine Rundreise durch Südamerika – der neue Katalog von DGBReisen hat für jeden etwas im Programm. Bestellen können Sie den kostenlosen Reisekatalog unter der Telefonnummer 0231 9585555 oder im Internet: www.dgb-reisen.de

Foto: MEDEF/CC

Ryder

ist der neue Chef der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Sie ist die wichtigste Wächterin über Arbeitsund Sozialnormen in Neuer ILO-Chef: Guy Ryder. der Welt. Der 56-jährige Brite ist überzeugter Gewerkschafter. Er studierte in Liverpool und Cambridge und schloss sich früh der britischen Gewerkschaftsbewegung an. Mit Ryder werde die Arbeitsorganisation für eine »sozial gerechte Welt der Arbeit stehen, die gegen prekäre Beschäftigung und für soziale Sicherung« eintrete, sagte Michael Sommer, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Foto: Michael Cintula

Die Präsidentin der Gewerkschaft Zimbabwe Energy Workers’ Union zum Projekt mit der IG BCE »Gemeinsam Für Bildung«

Brite an der Spitze Guy

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AKTUELLES

Haben Sie schon konkrete Ideen für Bildungsprojekte? Ein großes Problem ist die Gesundheit, allen voran Aids. Hier müssen wir weiterarbeiten, die Frauen über Vorsorge und Verhütung aufzuklären, aber auch über Hygiene. Viele wissen gar nicht, wie sich Aids ausbreitet, infizieren sich und ihr Leben ist vorbei. Andererseits müssen Frauen wissen, dass sie dieselben Rechte wie Männer haben, viele denken, dass ihnen Führungspositionen gar nicht zustehen und nur für Männer reserviert sind. Und was planen Sie in den Unternehmen und den Minengesellschaften? In unserem Land Simbabwe können nahezu alle lesen und schreiben. Dennoch arbeiten die Frauen auf schlecht bezahlten Positionen. Wir wollen mit unserem Projekt die Frauen gezielt weiterbilden, dass sie sich vielleicht auch mal zutrauen, eine Führungsposition anzunehmen. Wichtig ist auch, dass sie sich trauen, Karriere zu machen. Das nötige Selbstbewusstsein und den Mut dafür gibt ihnen die Bildung, wenn sie sich in einer Sache wirklich gut auskennen. Geldspenden können überwiesen werden auf das Konto des INEP unter dem Stichwort »Bildung für Frauen in Simbabwe«. Kreissparkasse Grafschaft Diepholz, Konto 24174, BLZ 256 513 25

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AKTUELLES

Seid wachsam!

Damals ... 1972

Foto: Dirk Kirchberg

Als Fritz Husemann 1935 von

der Gestapo verhaftet wurde, ging er vermutlich davon aus, dass er wie bereits zwei Jahre zuvor bald wieder freigelassen werden würde. Doch der Bergmann und engagierte Gewerkschafter aus Bochum wurde nur wenige Tage später im KZ Esterwegen ermordet. Wie Husemann erging es vielen Gewerkschaftern, Gegen das Vergessen: die Wanderausstellung denn sie waren von Anfang an er»Deutsche Gewerkschafter im KZ«. klärte Gegner der Nazis. Hunderte wurden für ihr gewerkschaftliches Engagement in Konzentrationslagern inhaftiert und schikaniert. Viele bezahlten den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror mit dem Leben. Die Wanderausstellung »›Seid wachsam, dass über Deutschland nie wieder die Nacht hereinbricht.‹ Deutsche Gewerkschafter im KZ 1933 – 1945« setzt diesen mutigen Männern und Frauen nun ein Denkmal: Unter der Leitung der Professoren Siegfried Mielke und Günter Morsch recherchierten Studierende der Freien Universität Berlin mehr als 34 Biografien von Gewerkschaftern und Gewerkschafterinnen; 22 Lebenswege wurden für die Ausstellung ausgewählt. Unterstützt wurde das Projekt durch die Hans-Böckler-Stiftung sowie die Gedenkstätte Sachsenhausen. Die Sammlung versteht sich laut Professor Morsch als Gegengewicht zur offiziellen Gedenkkultur in Deutschland. Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung dürfe nicht länger unterschlagen werden. Viele der ausgestellten Biografien könnten unterschiedlicher kaum sein. Aber allen Schicksal ist gemein, dass sie sich aktiv gegen das Nazi-Regime stellten. Die Ausstellung ist bis zum 13. August im Foyer der Hauptverwaltung der IG BCE in Hannover zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

> Zehn auf dem Wege zum einigen Europa

Petition gegen Panzer Eine Strikte Waffenkontrolle

www.amnesty.de/att 10 | kompakt | Juli/August 2012

Foto: Matthias Schrader/dpa

wünscht sich Amnesty International, denn laut der Menschenrechtsorganisation sterbe jede Minute ein Mensch durch Waffengewalt. Amnesty fordert daher strikte Regeln für den weltweiten Waffenhandel. In diesem Jahr könnte ein Vertrag zur Kontrolle des Waffenhandels beschlossen werden, auf den sich 2009 die UNO-Länder geeinigt hatten. Derzeit ruft die Organisation dazu auf, online eine Petition zu unterzeichnen. Auf diese Weise sollen die sechs größten Waffenexportländer der Welt – die USA, Russland, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und China – aufgefordert werden, sich endlich für einen starken Waffenkontrollvertrag einzusetzen. Hoffentlich: Keine Waffen in Krisengebiete!

Die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Vorläufer der Europäischen Union, stand 1972 vor einer Erweiterung um die Staaten Großbritannien, Irland, Dänemark und Norwegen. Bis auf Letzteren wurden diese 1973 auch aufgenommen. Bis dahin war es ein weiter Weg, der sich laut des Autors der Mitgliederzeitung einheit, der damaligen Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, aber zu gehen lohnen werde. Denn »gleichgültig, ob man im Überschwang der Ereignisse schon die politische Einheit Westeuropas hereindämmern sah oder aber in pessimistischer Erwartung nur eine westeuropäische Zollunion mit dirigistisch geregeltem, einheitlichem Agrarbereich, so kann die Bedeutung dieses Zusammenschlusses der zehn Länder damit nicht gemindert werden«. Worte, die angesichts finanzieller und politischer Krisensituationen erneut an Bedeutung gewinnen, auch wenn die Aufgabe heute um ein Vielfaches größer scheint, sitzen statt zehn Ländern in der EWG mittlerweile 27 Länder in der EU an einem Tisch. »Aber es bleibt noch eine Chance sozialer Kommunikation«, schrieb der Autor weiter, »die organisierte, soziale Idee in den europäischen Gewerkschaften.«


STANDPUNKT

Foto: Rainer Jensen dpa/lbn

Wir handeln, aber was tut die Politik? E

s ist ein schöner Erfolg, dass in der Chemie Leiharbeit künftig besser bezahlt wird. Wir sind in dieser Branche nah dran am Grundsatz »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«. Mit den Verleihern werden wir nun für weitere Branchen Vereinbarungen treffen, die Schluss machen mit der krassen Ungerechtigkeit in der Entlohnung von Leiharbeitern. Ein erster Schritt hin zu mehr sozialer Ordnung auf dem Arbeitsmarkt.

Foto: Ulrich Pucknat

Mit den mitteln der tarifpolitik gestaltet unsere IG BCE auch den demografischen Wandel. Wir haben die zusätzliche betriebliche Altersvorsorge durchgesetzt, genauso Erholzeiten beispielsweise für Schichtarbeit und wir sorgen für neue Angebote, schrittweise in den Ruhestand zu wechseln. Gleichzeitig tun wir das uns Mögliche, damit mehr junge Leute eine gute Ausbildung erhalten und anschließend im Betrieb bleiben. wir schaffen viel, aber wir können nicht alle Probleme lösen, um die sich die Politik nicht ausreichend kümmert. Gerade weil sich unsere IG BCE nicht nur auf eine faire Teilhabe der Beschäftigten am wirtschaftlichen Erfolg konzentriert, gerade weil wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, gerade deshalb muss auch klar sein, was die Bundesregierung per Gesetz zu lösen hat. Zum Beispiel den Missbrauch von Leiharbeit, Befristung oder Werkvertrag zu verhindern. Zum Beispiel eine Teilrente auf den Weg zu bringen, die mit tariflicher Flankierung einen gleitenden Übergang in den Ruhestand ermöglicht. Da reicht kein lobendes Wort für unsere Tarifpolitik, da muss die Regierung selbst handeln.

Michael Vassiliadis

Vorsitzender der IG BCE vorsitzender@igbce.de kompakt | Juli/August 2012 | 11

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TITEL Identifikation

Was heißt hier wi 

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r? Statt ins Freibad in den

werkeigenen Pool und vor der Schicht die Firmenhymne singen – Unternehmen lassen sich viel einfallen, um ihre Mitarbeiter für sich einzunehmen. Doch wie weit geht das Wir-Gefühl?

Foto: Federico Gambarini

»

Lets break free with Süd-Chemie.« »Wir bei VW sind echt okay. Ein echtes Super-Team, das fest zusammenhält.« »K und L, das ist mein Leben, hier bin ich jeden Tag und hier werd’ ich alles geben.« Firmen- und Motivationssongs treiben bunte Blüten. Da rappen, rocken und raunen die Mitarbeiter bei dem Versuch, das gesangliche Maximum aus sich herauszuholen. Häufig verordnet vom Chef. Aber gibt es Identifikation mit dem Unternehmen wirklich auf Rezept? »Diese Songs haben ihre Wurzeln in Japan«, sagt Managementberater Professor Fredmund Malik. Aber auch in den USA gehören sie zur Normalität in großen Unternehmen. Sie sollen die Mitarbeiter motivieren und die Unternehmensphilosophie nach außen tragen. Bei deutschen Arbeitnehmern lösen sie eher Befremden oder Erheiterung aus. »In Deutschland hat sich das nie durchgesetzt«, sagt Malik. »Und das ist auch besser so.« Hierzulande tauchen Firmensongs meist nur in Videos auf der Videoplattform YouTube und auf Firmenwebsites auf oder sie werden auf der ein oder anderen Feier zum Besten gegeben. Dennoch kursieren immerhin rund 200 Firmensongs von deutschen Unternehmen im Internet – viele aus den vergangenen fünf bis sechs Jahren. Doch was bezwecken die Unternehmen mit diesen Hymnen?

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TITEL Identifikation

Was in US-Firmen normal ist, wir    Reicht es ihnen nicht, dass ihre

Die aktuelle Repräsentativumfrage des nommen, dass die Krankenkassen mittDGB-Index »Gute Arbeit« zeigt die Män- lerweile von einem Volksleiden sprechen. gel in der Arbeitsrealität auf. Demnach Die Ursache ist häufig: Stress am Arfühlt sich mittlerweile mehr als die Hälf- beitsplatz. »Besorgniserregend« nennt te der Beschäftigten gehetzt und fast zwei Hauptvorstandsmitglied Edeltraud Drittel müssen seit Jahren Glänzer die Ergebnisse der immer mehr Arbeit in der aktuellen DGB-Umfrage gleichen Zeit bewältigen. Jeder  hat denn auch und fordert die Seit 2007 werden im innerlich gekündigt, Arbeitgeber dazu auf, zu Auftrag des Deutschen Gehandeln – bevor es zu spät zwei von Dreien werkschaftsbundes (DGB) ist. Deshalb bietet die IG jährlich mehrere Tausend leisten Dienst nach BCE Info-Materialien zur Beschäftigte zu ihren ArEntgrenzung von Arbeit Vorschrift beitsbedingungen befragt. und Leben sowie zu steiUnd es ist eine klare Tendenz zu er- gendem Leistungsdruck an und stellt kennen: Die Belastungen der Arbeitneh- Betriebsräten den IG-BCE-Check »Leismer steigen. Kein Wunder, dass Burn-out tungsverdichtung« zur Verfügung. Mit und psychosomatische Krankheiten im- ihm lässt sich ermitteln, wie und wo im mer häufiger auftreten. Die Fehlzeiten Betrieb die Leistungsdichte zugenomdurch psychische Leiden haben um er- men hat. Ein Schnelltest liefert außerschreckende 80 Prozent derart zuge- dem einen ersten Überblick zur individuellen Belastungssituation. »Ressourcen und Zielvorgaben bei Was unternehmen sonst noch einfällt: Werbung mit Beschäftigten der Arbeit müssen zusammenpassen«, sagt Glänzer. Mit dem diesjährigen Tarifabschluss und der Erweiterung des Tarifvertrags »Lebensarbeitszeit und Demografie« in der chemischen Industrie hat die IG BCE ein Zeichen für Gute Arbeit gesetzt. »Der Tarifvertrag bietet die Chance, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie vor den zunehmenden Belastungen schützen«, sagt IGBCE-Tarifpolitiker Peter Hausmann. »Und er schafft Möglichkeiten, die Arbeitszeit an die Bedürfnisse der Beschäftigten anzupassen.«

Mitarbeiter tun, wofür sie bezahlt werden? Und umgekehrt: Wollen sich Mitarbeiter überhaupt zugehörig fühlen? Und wenn ja, warum? Ihr Lohn könnte ihnen doch Motivation genug sein. Und fürs Gemeinschaftsgefühl könnten sie privat einem Kegelclub oder dem örtlichen Sportverein beitreten. Oder? Antwort gibt eine aktuelle Untersuchung der Unternehmensberatung Gallup. Ihr zufolge hat jeder vierte Arbeitnehmer innerlich bereits gekündigt, zwei von dreien leisten Dienst nach Vorschrift. Die emotionale Bindung zum Job liegt in Deutschland seit Jahren auf niedrigem Niveau. Die Ursachen für den hohen Anteil unmotivierter Mitarbeiter sind, laut Gallup-Studie, hausgemacht und gehen auf Defizite in der Personalführung zurück.

»Danke Gott, es ist Montag« – mit diesem Spruch und dem smarten Lächeln eines echten Mitarbeiters wirbt der Chemiekonzern Henkel auf seiner Homepage für das eigene Unternehmen. Immer wieder nutzen Betriebe ihre eigenen Mitarbeiter zur Imagewerbung. Wer kennt nicht die Obi-Mitarbeiter, die in einem Fernsehspot eine eigene Version von Queens »We will rock you« schmet-

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Foto: Henkel

Foto: Screenshot YouTube

4. 

tern. Wie diese Art von Werbung für die Beschäftigten nach hinten losgehen kann, zeigt das Beispiel 1&1. Die Internetfirma kürte ihren Mitarbeiter Marcell D’Avis zum Leiter für Kundenzufriedenheit. D’Avis trat in dieser Rolle in allen Werbespots auf – und wurde ständig auf der Straße erkannt. Er bekam den ganzen Ärger und Frust der 1&1-Kunden ab – auch in seiner Freizeit. sh

DAS SCHEINT DRINGEND nötig. Laut dem DGB-Index »Gute Arbeit« müssen 37 Prozent der Beschäftigten in ihrer Freizeit oft an berufliche Probleme denken – kein Wunder, wenn jeder Vierte zu Hause sehr häufig oder oft für die Firma erreichbar sein muss. Besonders die von ständiger Erreichbarkeit Betroffenen kommen von ihrem Job oft auch in der Freizeit nicht los. Auf Platz zwei im Branchenvergleich rangieren die Beschäftigten in der Chemie: Hier kann fast jeder zweite Beschäftigte nur schwer abschalten. Jeder fünfte Arbeitnehmer leistet


kt hier befremdlich zehn und mehr Überstunden pro Wo- zwischen Arbeit und Privatleben Grenche. Das soll nicht so bleiben. zen zu ziehen und ein Arbeitsklima zu »Unser Ansatz ist es, die Gesundheits- schaffen, in dem sich die Beschäftigten förderung in den Betrieben verstärkt in wohlfühlen. Van Dick plädiert deshalb den Fokus zu rücken«, sagt der IG-BCE- dafür, die Gruppenidentität im UnterVorsitzende Michael Vassiliadis. Die IG nehmen zu fördern und so Stress vorzuBCE werde deshalb ihre Gestaltungskraft beugen, anstatt einzelne Mitarbeiter zur nutzen, um ihre Vorstellungen von Kur zu schicken. »Fast alle Studien zeiGuter Arbeit in den Betrieben nach vorn gen, dass Identifikation die Zufriedenzu bringen. »Dazu gehört auch eine heit fördert und dadurch mehr oder Führungskultur, die sensibel mit der Leis- besser gearbeitet wird«, sagt er. tungsfähigkeit der einzelnen Beschäftigten umgeht, die einen offenen, in- Mit experimenten konnte van Dick formativen Umgang pflegt und Weiter- belegen, dass Menschen beim Lösen bildungsmöglichkeiten eröffnet«, sagt belastender Aufgaben deutlich weniger Vassiliadis. Stresshormone im Körper haben, wenn Generell gilt: Die berufliche Identi- sie sich ihrer Gruppe verbunden fühlen. fikation sollte spätestens dann Grenzen »Identifikation ist so gut wie immer gehaben, wenn sie das Privatleben beein- sund«, schlussfolgert der Sozialpsyträchtigt. Wenn beispielsweise Über- chologe. »So reduzieren sich Krankheitsengagierte oder vom Chef Getriebene symptome eindeutig, etwa Kopf- und jeden Werbetext auf ihre private Face- Magenschmerzen bei Lehrern.« Hilfreich book-Pinnwand stellen, kann also sein, die Resüberschneiden sich Beruf sourcen, Strukturen und und Freizeit fast zwangsläuArbeitsziele innerhalb des fig. Freundschaften werden Betriebes auf Teamarbeit zuso auf die Probe gestellt. zuschneiden, Auszeiten zu »Man kann über Facebook Fehlzeiten durch ermöglichen und Rituale zu seine berufliche Identität psychische Leiden pflegen. signalisieren«, sagt Dr. Jan Das müssen nicht gleich wie Burn-out Hinrik Schmidt, wissendas Hundeschlittenrennen schaftlicher Referent für diin Finnland oder die Rafgitale interaktive Medien, »und sich ihrer tingtour sein, es geht auch bescheidener: gemeinsam versichern.« So beginnt noch heute jeder TeamausDas Problem dabei: Was vorher räum- flug der ehemaligen Marburger Behringlich und zeitlich getrennt war, vermischt Werke mit einem Gruppenfoto vor der sich und stellt die Frage nach Privatsphä- Pferdeskulptur, die an den aus Pferden re neu. »Jeder muss für sich die Rollen gewonnenen berühmten Impfstoff geabgrenzen«, rät Schmidt, »also zwei Pro- gen Diphtherie der Firma erinnert. file anlegen, unterschiedliche PlattforGlaubwürdigkeit spielt eine wichtige men wählen oder jeweils Inhalte und Rolle für die Mitarbeiter. Deshalb sollte Kontakte einzeln freischalten.« Dann die Geschäftsführung lieber etwas für kann man klar auf die Funktion des Pro- kranke Mitarbeiter tun oder Kinderfils verweisen und unliebsamen Wün- gärten einrichten, um Alleinerziehende schen begegnen. zu entlasten, meint Managementberater Malik. Das schaffe eher eine gute Gedurch burn-out entstehen dem meinschaft als die verordnete Identifikadeutschen Gesundheitssystem laut Rolf tion. Grundlegenderes Zeichen für die van Dick, Professor für Sozialpsycholo- Wertschätzung der Mitarbeiter ist aber gie, jährlich Kosten von sechs Milliarden in erster Linie eine faire Bezahlung. Euro. Vom persönlichen Leid der Betrof- »Wenn das Einkommen nicht stimmt«, fenen ganz abgesehen. Ein Grund mehr, sagt Malik, »frustriert das.« 

80 %

Hitliste der besten Songzeilen

Krach und Kracher Mit dieser Idee und jedem Gedanken, du und ich sind das, was zählt. Du und ich, wir beide gemeinsam, und mit jedem Pulsschlag verändern wir die Welt.

Mischwarenkonzern 3M Let’s break free with Süd-Chemie.

Süd-Chemie K und L, das ist mein Leben, hier bin ich jeden Tag und hier werd’ ich alles geben.

Modehersteller K&L Ruppert Ein Land, deine Welt, in der der Mensch noch zählt, ein Lächeln, dich gewinnt und alle freundlich sind. Ein Land, deine Welt, Verantwortung, die zählt.

Kaufland Wir bei VW, wir bei VW, sind echt okay, sind echt okay. Ein echtes Super-Team, das fest zusammenhält.

Volkswagen Wir bei Heldt sind die allerstärksten Kumpel dieser Welt, hier bei Heldt, bist du niemals auf dich allein gestellt. Weil bei uns in der Verwaltung der Teamgeist stimmt, sind wir einfach besser motiviert.

Sanitärgroßhandel Heldt Die Gedanken stehen nie still, wenn man Träume wahr machen will. An die Zukunft glauben wir, in jedem steckt ein Pionier. Wir sehen nach vorn, heute für morgen – grenzenlos!

Henkel (Song mittlerweile abgeschafft) IBM, happy men, smiling all the way. Oh, what fun it is to sell our products night and day.

IBM Die lustigsten videos Die besten und schrecklichsten Firmenhymnen weltweit im Video finden Sie unter: www.kompakt.igbce.de

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TITEL Identifikation

»Jeder muss für sich die Rollen ab    Der zusammenhalt der Abteilung

sie ihren Teil dazu, dass sich die Mitarbeiter im Betrieb wohl fühlen und faire Arbeitsbedingungen herrschen. Auch das ermöglicht und fördert Identifikation mit dem Unternehmen.

»Seit einem halben Jahr bekommen wir die Informationszeitschrift der Clariant mit Berichten über beide Unternehmen, außerdem gibt es eine Broschüre mit Informationen dazu, was sich ändert und vor allem darüber, was sich nicht ändert.« Damit sich Experten gehen davon alle als Teil des neuen Unteraus, dass sich der Fokus nehmens fühlen können, in Zeiten häufiger Fühmüssen sie wissen, was Sarungswechsel, Übernahmen und Stellenstreichungen der Beschäftigten che ist. Mitarbeiterzeitschriften können dazu ebenso eivom Unternehmen hin zum können in ihrer nen Beitrag leisten wie das Team oder der Tätigkeit verlagert, auch wenn es noch Freizeit schlecht geplante gemeinsame Frühabschalten stück aller Beschäftigten. Im kaum Studien dazu gibt. Moment steht für die MitarWer sich sehr mit seinem Betrieb identifiziert, tut sich vermutlich beiter bei Süd-Chemie aber das Thema schwerer, wenn plötzlich ein anderer Arbeitsplatzsicherheit im Vordergrund. Name auf der Werkkleidung steht, und erst recht, wenn ein Arbeitsplatzwechsel Die Arbeitsbedingungen spielen ansteht. Umso wichtiger sind bei Fir- auch für Jens Grotstabel, Koordinator in menzusammenschlüssen Gespräche, In- der Kundenpflege beim Technologiekoformationen und klare Vereinbarungen, nzern 3M, eine große Rolle. »Vor meiner wie es weitergeht. »Die Arbeitswäsche Einstellung habe ich mir gesagt: Das mit dem Schriftzug der Süd-Chemie Gesamtpaket muss stimmen«, sagt er. wird wohl nach und nach verschwin- »Sozialleistungen, Gehalt und Betriebsden«, sagt Mathias Wendt, Betriebsrats- klima. Das ist bei 3M der Fall.« Auf diese vorsitzender der Süd-Chemie, die ab Dinge legt Grotstabel Wert, um sich als Oktober zum Chemiekonzern Clariant Teil des Unternehmens fühlen und seine gehören wird. tägliche Arbeit gut machen zu können. Und dabei gesund zu bleiben. »Kollegen mit Rückenproblemen beWas würde Mitarbeiter am ehesten zur Kündigung bewegen? kommen zum Beispiel einen passenden Schreibtisch oder speziellen Stuhl«, sagt schlechtes Arbeitsklima 86 % er. Besonders für Alleinerziehende sei zudem der Betriebskindergarten nützJob, der mir keinen Spaß macht 80 % lich. Der Firmensong »Going Together«, schlechte Führungskraft, die mich nicht fördert und 71 % der auf mancher Feier gemeinsam gemich nicht fair behandelt sungen wird, liegt Jens Grotstabel eher zu niedriges Gehalt 60 % weniger am Herzen. »Der Song ist mir sehr unzureichende Work-Life-Balance schon untergekommen, sicher«, sagt er, 43 % »jeder hat ja eine CD bekommen. Aber Job, in dem ich nicht genügend Entscheidungsfreiheit habe 33 % es ist jetzt nicht so, dass die bei mir im mangelhafte oder fehlende Aufstiegs- und Auto liegt.« 30 %

37 %

Karrieremöglichkeiten

Einkommen, das so niedrig ist, dass ich anderswo ziemlich sicher mindestens 20 Prozent mehr bekommen könnte

29 % 27 %

keine oder zu geringe gehaltliche Entwicklungsmöglichkeiten mangelhafte oder fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten ein zu hoher leistungs- und/oder erfolgsabhängiger Vergütungsanteil und deshalb ein relativ gesehen zu niedriges Grundgehalt

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20 % 13 %

Quelle: Hay Group/Online-Jobportal StepStone

ist für Denis Käuper ein entscheidender Faktor für eine gute Atmosphäre im Betrieb. »Dass die Abteilung einen gut aufnimmt, ist ganz wichtig, um sich als Teil des Ganzen zu fühlen«, sagt Käuper, der in der Produktionsplanung der Firma Henkel arbeitet. »Egal, welches Alter oder welche ethnische Herkunft man hat.« Aber auch andere Faktoren oder Gesten können Wertschätzung signalisieren. »Hier erhält man schon in der Ausbildung Verantwortung«, sagt Käuper. »Da fällt es leichter zu sagen: Ich bin Teil des Unternehmens, denn: Man vertraut mir.« Zum Gemeinschaftsgefühl trägt auch der werkärztliche Dienst bei oder die Unternehmensstiftung, die einspringt, wenn bei einem Mitarbeiter etwa Geld für Kindermöbel fehlt. Schwierig wird es, wenn die Teilhabe an der Gemeinschaft unsicher ist, weil ein Stellenabbau droht. »Die Motivation kann in so einer Situation schwinden, weil man sich ja für die Arbeit eingesetzt hat«, sagt Käuper. Betriebsräte und Vertrauensleute setzen sich in den Unternehmen dafür ein, dass dieser Fall nach Möglichkeit nicht eintritt. Damit leisten

Ein Song schadet also nicht, wenn gute Arbeitsbedingungen herrschen. So hat beispielsweise BASF, deren Beschäftigte laut aktueller Mitarbeiterbefragung zu 80 Prozent stolz auf ihren Betrieb sind, zum Tag der offenen Tür ein Stück komponieren und Mitarbeiter im dazuge-


hörigen Video auftreten lassen. »Das denken sich findige junge Leute aus, die mit der Zeit gehen«, sagt René Dillmann, Vorsitzender der BASF-Vertrauensleute. »Vielleicht erreicht das einige, doch an den meisten geht es vorbei.« Der Song ersetzt die Arbeitszufriedenheit also nicht. Wichtig ist vielmehr, dass zwischen Wirklichkeit und Motivationsideen keine Kluft entsteht. »Letztlich beeinflussen viele Faktoren die Identität«, sagt Konzernbetriebsratsvorsitzender Robert Oswald. Aufschlüsse darüber geben die regelmäßig bei BASF durchgeführten Mitarbeiterbefragungen. Probleme werden nicht nur angesprochen, sondern auch gemeinsam geregelt, wie etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wer sich als »Aniliner« versteht und von guten Arbeitsbedingungen profitiert, fühlt sich von einem Song über Zusammenhalt also zumindest nicht verschaukelt – und mancher hatte sicher Spaß daran. Genau wie am durchgestylten Ambiente: So äußerte sich ein BASF-Praktikant bei einer Jubiläumsaktion beeindruckt über die Corporate Identity, die beim Logo auf dem Buttermesser anfange, beim Fahrrad weitergehe und beinah ganz Ludwigshafen präge. »Wer länger hier arbeitet, merkt’s kaum noch«, sagt Robert Oswald und lacht. »Die Tassen sind aber klassenlos. Arbeiter wie Manager trinken daraus.«

Foto: BASF – The Chemical Company

  grenzen«

Stolz auf ihr Unternehmen: 80 Prozent der Mitarbeiter arbeiten gerne bei BASF.

denkt, dem traut man zu, dass er begeistert ist. Oder kokst, wie es in einem Kommentar zu Ballmers YouTube-Auftritt heißt. Der Fokus emotionaler Zugehörigkeit kann sich freilich unterscheiden. Mitarbeiter großer Marken identifizieren sich eher mit dem Betrieb, Ärzte und Piloten mit dem Beruf. Manchmal sind ganze Regionen über ein Handwerk verbunden. »Die Bergmannsehre gibt Einen Eindruck davon, der Beschäftigten welch absurde Züge die leisten zehn oder es hier immer noch«, sagt Norbert Maus, BetriebratsIdentifikation mit dem Unternehmen auch annehmen mehr Überstunden vorsitzender auf dem Bergpro Woche werk Auguste Victoria. »Wir kann, verschaffen regelmäsind unterm Förderturm ßig die Auftritte von Microsoft-Geschäftsführer Steve Ballmer, die groß geworden. Ich hab’ als Kind mit im Internet unter dem Stichwort »going meiner Mutter dem Vater schon die crazy« zu finden sind. Vor einer Firmen- Stullen aufs Bergwerk gebracht.« Entsprechend finden sich in beinahe präsentation springt er fast eine Minute lang über die Bühne und stößt Urwald- jeder Stadt des Ruhrgebiets sowie in geräusche aus, die in dem Ausruf gip- ehemaligen Bergbauregionen Straßenfeln: »I love this company!« (Ich liebe namen wie »Zum Schacht«. Und das dieses Unternehmen.) Wer dermaßen in »Steigerlied« können nicht nur Bergleute Ekstase gerät, wenn er an seine Firma textsicher mitsingen.

20 %

WER SEINEN FIRMENSONG nicht mitsingen möchte, kann ihn im Internet veröffentlichen – und sich so an Hymnen und Motivationssongs rächen. Das ist die These von Kulturwissenschaftler Rudi Maier. »Motivationslieder sind Zeichen einer Krise«, sagt er mit Blick auf die Gallup-Studie. »Manager versuchen so, von oben Anweisungen an die Mitarbeiter herauszugeben und zugleich gute Laune reinzublasen.« Wenn es in einer Firma gut liefe, richteten Firmensongs zumindest keinen Schaden an. Manche funktionieren sogar: So haben sich die Opelaner selbst einen Durchhaltesong komponieren lassen – und natürlich ging es darin nicht um mehr Leistungsfähigkeit. Der Song soll Mut machen. Doch selbst die Lieder, die völlig danebengehen, haben einen positiven Effekt. »Sie stiften auch ein Gemeinschaftsgefühl«, sagt Maier. »Wenn die Mitarbeiter zusammen darüber lästern.« Dagny Riegel/Julia Osterwald/Sarah Heidel

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Themen Chemietarifrunde 2012

Das hat sich Eine kräftige Erhöhung der Entgelte und Entlastung

für Ältere – doch das Chemietarifpaket enthält noch mehr. kompakt beantwortet die wichtigsten Fragen dazu. Um wie viel Prozent steigen die Entgelte, wann tritt die Erhöhung in Kraft?

Die Entgelte werden um 4,5 Prozent angehoben. Die Ausbildungsvergütungen werden einheitlich um 50 Euro angehoben. Dies entspricht einer prozentualen Erhöhung von durchschnittlich knapp 6 Prozent. Die neuen Sätze gelten in den Tarifbezirken Nordrhein, Rheinland-Pfalz und Hessen ab 1. Juli, in Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen/Bremen, Schleswig-Holstein/ Hamburg und Berlin ab 1. August, im Saarland und Nordost ab 1. September. Gibt es Ausnahmeregelungen?

Ja. In Betrieben, die sich in einer sehr guten wirtschaftlichen Lage befinden, werden die Entgelterhöhungen um einen Monat vorgezogen. In Betrieben, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, ist es möglich, die Anhebung der Entgelte um einen oder zwei Monate zu verschieben. Eine Verschiebung ist nur mit Zustimmung der Betriebsräte möglich. Wann wird wieder verhandelt?

Die Laufzeit des neuen Tarifvertrags endet in Nordrhein, Rheinland-Pfalz und Hessen am 31. Dezember 2013. In den anderen Tarifbezirken entsprechend einen oder zwei Monate später.

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Es wurde ein neuer Tarifvertrag »Lebensarbeitszeit und Demografie« abgeschlossen. Ist damit das alte Abkommen ungültig? Foto: Dirk Kirchberg

Guter Erfolg: Der Tarifabschluss setzt einen Meilenstein auf dem Weg zu einer altersgerechten Arbeitswelt.

Nein, alle Regelungen gelten weiter. Kernstück des 2008 abgeschlossenen »Demo-Vertrags« ist der Demo-Fonds. Die Arbeitgeber zahlen pro Beschäftigten und Jahr 312,30 Euro (2012) in

einen Topf. Über die Verwendung der Mittel entscheiden Betriebsräte und Geschäftsführungen. Es stehen fünf Möglichkeiten – die auch untereinander kombiniert werden können – zur Auswahl: Verbesserung Altersteilzeit, Ausbau Langzeitkonto, Aufbesserung Teilrente, Abschluss einer Berufsunfähigkeitszusatzversicherung und Ausbau der Altersvorsorge. Dabei bleibt es. Und was ist nun neu?

Der bestehende Vertrag wird erweitert und neu justiert. In der betrieblichen Praxis hat sich gezeigt, dass die Fondsmittel vor allem für die Altersvorsorge verwendet werden. Jetzt liegt der Fokus auf einer Verringerung der Arbeitszeit; konkret es geht darum, Raum für eine lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung zu schaffen. Schwerpunkt ist es, Wege für einen gleitenden Übergang in den Ruhestand zu ebnen. Wie wird das finanziert?

Es fließen zusätzliche Mittel. Die Arbeitgeber zahlen von 2013 bis 2015 jährlich noch einmal 200 Euro pro Beschäftigten ein – das entspricht durchschnittlich 0,45 Prozent eines Monatsentgelts. Insgesamt sind dies über 200 Millionen Euro. Die Mittel können für unterschiedliche Modelle verwendet werden. Was sind das für Modelle?

Es geht um drei Modelle: 1. Neu ist die »reduzierte Vollzeit 80« (RV 80). Die Arbeitszeit wird um 20 Prozent bei vollem Entgeltausgleich verringert und damit faktisch eine VierTage-Woche eingeführt. Der Eintritt in die Vier-Tage-Woche kann betrieblich


variabel festgelegt werden. Entscheidend ist die Zahl der Anspruchsberechtigten. Die Mittel aus dem Fonds stellen einen vollen Entgeltausgleich sicher, die Einkommen bleiben also stabil. Und Beschäftigte müssen keine Abschläge bei Zulagen, Jahresleistung und Rente hinnehmen. 2. Die Fondsmittel werden in ein Langzeitkonto eingebracht. Später können Beschäftigte das Konto nutzen, um beispielsweise vorzeitig in Rente zu gehen. 3. Der Fonds wird zur besseren Nutzung der Altersteilzeit eingesetzt. Bisher können nur rund 5 Prozent einer Belegschaft in Altersteilzeit gehen, der Kreis wird nun größer. Über die Nutzung der Modelle schließen Betriebsrat und Geschäftsführung eine Betriebsvereinbarung ab. Was passiert, wenn sich Betriebsrat und Geschäftsführung nicht einigen können?

Dann gilt eine Auffanglösung. In Betrieben mit weniger als 200 Beschäftigten können die Fondsmittel für die Altersvorsorge genutzt werden. Für alle anderen Unternehmen gilt: Die Vier-TageWoche wird für Beschäftigte in vollkontinuierlichen Schichtsystemen ab dem 60. Lebensjahr eingeführt, für Beschäftigte in teilkontinuierlichen Systemen ab dem 61. und für Beschäftigte in Tagschicht ab dem 62. Lebensjahr. Mehr zu den Demografie-Regelungen: http://bit.ly/LhgL1F 2011 wurde für den Tarifbezirk Nordost der Vertrag »Lebensphasenorientierte Arbeitszeit« (LEPHA) abgeschlossen. Besteht das Abkommen weiterhin?

Ja, dieser Tarifvertrag gilt weiter. Der neue, zusätzliche Demografiebeitrag von 200 Euro wird voll in »LEPHA« eingespeist. Hier sind vier Nutzungsmöglichkeiten vorgesehen: Arbeitszeitverkürzung für Eltern und für besonders belastete Gruppen (zum Beispiel

Foto: Manfred Rinderspacher

 gelohnt

Die Unterstützung hat sich gelohnt: Viele Tausend IG-BCE-Mitglieder gingen auf die Straße und vor die Werktore, um den Forderungen der IG BCE Druck zu verleihen – so wie hier in Ludwigshafen.

Schichtbeschäftigte); die Fondsmittel können aber auch in ein Langzeitkonto fließen oder für das Modell »Teilzeit ab 60« genutzt werden. Um die Attraktivität der »Teilzeit ab 60« zu steigern, wurde das Modell um ein Element erweitert. Neu ist, dass ein Beschäftigter individuell entscheiden kann, ob er seine Altersfreizeit nutzt, um die Teilzeitphase aufzustocken. Weitere Infos: http://bit.ly/LxIXxM Die Arbeitgeber wollten die Regelungen zur Altersfreizeit abschaffen. Was sagt der neue Tarifvertrag?

Es gibt keine Kürzung oder gar Abschaffung der Altersfreizeit! Für Beschäftigte, die sich nicht an einem betrieblich gefundenen Modell für den flexiblen Übergang in den Ruhestand beteiligen wollen, gelten weiter die bisherigen Regelungen. Danach haben über 55-jährige Schichtarbeiter eine um 3,5 Stunden verkürzte Arbeitszeit, Beschäftigte in Normalschicht arbeiten ab dem 57. Lebensjahr 2,5 Stunden weniger als die normale wöchentliche Arbeitszeit von 37,5 Stunden.

Bleibt die 37,5-Stunden-Woche?

Ja. Es gibt keine Verlängerung der wöchentlichen Regelarbeitszeit von 37,5 Stunden. Der bestehende Tarifvertrag über einen Arbeitszeitkorridor von 35 bis 40 Stunden wird um eine Demografievariante erweitert. Künftig kann der Korridor auch genutzt werden, um vorübergehende personelle Engpässe zu überwinden oder um eine zeitliche Entlastung in bestimmten Lebensphasen zu ermöglichen. Das gilt beispielsweise dann, wenn Angehörige gepflegt werden müssen. Wird die Regelarbeitszeit überschritten, erfolgt der Ausgleich grundsätzlich in Zeit. Was wird für die jungen Leute getan?

Die Chancen junger Menschen sollen verbessert werden. Dazu haben IG BCE und BAVC ein Maßnahmebündel verabredet: Programme zur Förderung der Ausbildungsreife, die Einführung eines »Berufskompass Chemie« und verbesserte Übernahmemöglichkeiten. Die Tarifvertragsparteien sind sich einig, dass das hohe Ausbildungsplatzniveau gehalten werden soll. Michael Denecke kompakt | Juli/August 2012 | 19


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leserforum Nr. 06 I JuNI 2012 www.igbce.de

vor ort Wieder Insolvenz in der Solarwirtschaft – IG BCE und Betriebsräte fordern nachhaltige Lösung tendenzen Immer am Ball – Wo deutsche Firmen an der Fußball-Europameisterschaft beteiligt sind tipps Zigarette zwischendurch – Wann Beschäftigte während der Arbeit rauchen dürfen

Schreiben Sie uns! Wir freuen uns über Lob, Kritik und Anregungen.

kompakt

kompakt IMPRESSUM

Das Mitgliedermagazin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

schicht um schicht Kohle fördern, zuverlässig und sicher, bis die Zechen schließen. Aufgeben kommt für die Bergleute nicht infrage – das ist Ehrensache.

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16.05.2012 13:21:58

Leserbriefe stellen die Meinung des Einsenders dar. Anonyme Zuschriften werden nicht berücksichtigt. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

> Dunkle Wolken über Solar Valley

am Artikel über die IG-BCEBiker Ludwigshafen hängen und freute mich wieder einmal über einen Bericht unserer kleinen Organisation. Leider stieß mir der Inhalt des Artikel etwas auf. Ich korrigiere hiermit das in dem Artikel angesprochene Jubeln: Die IG-BCE-Biker Ludwigshafen bestehen seit dem 23. Mai 1999 – folglich hatten wir schon am 23. Mai 2009 unser zehnjährigers Jubiläum. Karl-Heinz Rheinfrank, per E-Mail

von Susanne Kettelför (06/2012)

Made in China

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Auch als Rentner lese ich eure interessanten Artikel noch gern, speziell über Solarthemen. Dass einige Solarfirmen in Deutschland Probleme haben, liegt doch einzig an China. Dazu ein gutes Beispiel: Im Herbst 2011 wurde bei uns in Erfurt der Ersatzneubau einer Großsporthalle eingeweiht. Nachdem der Schnee getaut war, kam eine Firma mit Hubgerät und einem Lastzug mit lauter Europaletten mit riesigen Papphüllen. Nachdem die Paletten an der Giebelwand abgestellt waren, konnte ich auf der Pappe groß lesen: Solarpaneele, Made in China. Gerhard Orschel, per E-Mail

> Vor Ort Rheinland-Pfalz/ Saarland Zehn Jahre unterwegs: IG-BCE-Biker (06/2012)

Jubiläum korrigiert

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Heute Morgen erhielt ich die kompakt. Beim Durchblättern blieb ich

> Zeit für eine Zigarette von Anke Tiburcy (06/2012)

Kein Qualm, oder?

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Ich finde es komisch, dass die Nichtraucher sich wegen des Qualms bei den Rauchern beschweren, aber in den Pausen in den Raucherraum gehen, um mit den Rauchern zu quatschen. Komische Ansichten, denken sich viele Raucher. Wenn die Nichtraucher keinen Qualm wollen, sollen sie sich von den Raucherräumen fernhalten. Christian Schmid, über Facebook

> Erfolgreiche Runde in der Chemie von Christian Hülsmeier (06/2012)

Abgewehrt

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Die Erhaltung der jetzigen Arbeitszeit von 37,5 Stunden und der Altersfreizeit waren mir das wichtigste Thema dieser Tarifrunde. Und so wie die Arbeitgeberseite losgepoltert hat – meiner Meinung nach haben die die Hosen runtergelassen.

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Ich hätte meinen Kollegen nicht erklären können, dass die Altersfreizeit weg ist und wir die Arbeitszeit flexibilisiert und dafür aber 5,5 Prozent rausgeholt haben. Thomas Schnepf, über Facebook

> Der gelbe Schein ist Pflicht von Regine Suling (06/2012)

Verwirrung

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Ich habe in Ihrem Bericht gelesen, dass ich auch nach den sechs Wochen, die ich Krankengeld beziehe, dem Arbeitgeber eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schicken muss. Das ist mir neu! Lothar Lies, per E-Mail Laut AOK gab es kürzlich Änderungen, die wir in unserem Beitrag leider nicht berücksichtigt haben. Hier deshalb der aktualisierte Sachverhalt: Arbeitnehmer erhalten sechs Wochen lang Entgeltfortzahlung durch den Arbeitgeber. Danach greift das von der Krankenkasse gezahlte Krankengeld: Dazu bekommt der Arbeitnehmer einen Zahlschein vom Arzt ausgestellt, den er der Krankenkasse vorlegen muss. Der Arbeitnehmer ist nicht verpflichtet, diesen dem Arbeitgeber vorzulegen. Er sollte dies aber tun und zuvor die Diagnose auf der Zahlschein-Kopie schwärzen. Der Arbeitgeber hat zudem die Möglichkeit, den Zahlschein bei der Krankenkasse direkt anzufordern. Auch dann wird die Diagnose unkenntlich gemacht. Die Redaktion

Das Mitgliedermagazin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Herausgeber Michael Vassiliadis Chefredakteur (verantwortlich im Sinne des Presserechts) Christian Hülsmeier Stellvertretender Chefredakteur Michael Denecke Chefin vom Dienst Sarah Heidel Redaktion Julia Osterwald, Alexander Nortrup Dirk Kirchberg, Rudolf Heim, Dr. Ulrike Börger Redaktionsassistenz Simone Michels, Tanja Rössner Gestaltung Hans Borgaes Redaktionsanschrift Königsworther Platz 6 30167 Hannover Telefon: 0511 7631-306/-329 Telefax: 0511 7000891 E-Mail: kompakt@igbce.de Internet: www.igbce.de Satz: BWH GmbH Beckstraße 10, 30457 Hannover Gesamtherstellung und -vertrieb: Westend Druckereibetriebe GmbH Westendstraße 1, 45143 Essen Anzeigenverwaltung NetworkMedia GmbH Stresemannstraße 30 10963 Berlin Telefon 030 25594-160 (Fax: -190) E-Mail: haertig@nwmd.de Gültige Anzeigenliste Nr. 11 vom 01. 01. 2012 Verantwortlich für den Anzeigenteil: Claudia Härtig Zusendungen: Für unverlangte Einsendungen wird keine Gewähr übernommen. Bezugspreis 0,90 €, jährlich 10,00 €. Für Mitglieder der IG BCE ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag enthalten. Erscheinungsweise:

kompakt erscheint monatlich

mit acht Regionalausgaben für Bayern, Baden-Württemberg, Hessen-Thüringen, Nord, Nordost, Nordrhein, Rheinland-Pfalz/Saarland, Westfalen. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 21.  6. 2012 Druckauflage: 663 688 (II/2012) Gedruckt auf chlorfreiem Papier


VOR ORT

Flexible Filamente Hahl in Munderkingen produziert Kunststofffasern Mit Herz, Engagement und Verstand Betriebsrätin Claudia Zengin sitzt seit Ende März neu im Aufsichtsrat von Parker Hannifin.

Europaweit im Boot Röchling-Betriebsräte bleiben bei zentralen Managemententscheidungen nicht außen vor.

International gegen Stellenabbau IG BCE und Merck-Beschäftigte aus Deutschland und der Schweiz kämpfen für ihre Arbeitsplätze. Foto: Carsten Büll

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vor ort Hahl Pedex

1

Die Vielfalt der Faser Hahl filaments in munderkingen versorgt die Industrie mit Kunststofffasern für die

unterschiedlichsten Produkte: von Zahnbürsten über Airbags bis hin zu Putzmaschinen.

W

enn Sie sich die Frage stellen, wo überall Borsten zum Einsatz kommen, denken die meisten wohl erst einmal an Bürste und Handfeger. Diese Segmente überlässt der Kunststofffaserhersteller Hahl Filaments in Munderkingen in der Region Ulm seit sechs Jahren beruhigt den Asiaten. In Schwaben konzentriert man sich stattdessen auf die Anwendungsbereiche, in de-

nen sich Kunststofffasern rentabler vermarkten lassen. Beispielsweise in Form von Borsten zur Metall- und Steinbearbeitung, etwa zum Schleifen von Marmorsteinen, als Fasern für die Automobilindustrie oder technische Borsten, wie sie etwa die Druckindustrie benötigt. Die Rohstoffe sind immer die gleichen: Polymere. Die kleinen Kunststoffgranulate von

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BASF, Evonik, Exxon oder Eastman Chemicals füllen fünf Silos auf dem Werkgelände. Hinzu kommen palettenweise Spezialpolymere im Rohstofflager. Die Herstellung der Filamente, wie die Kunststofffasern auch genannt werden, geschieht in wenigen Sekunden: Blitzschnell formt der Extruder, ein schneckenhausartiger Fleischwolf, aus den angesaugten, winzig kleinen

und meist weißen Kunststoffteilchen dünne Fasern. zusätzlich werden unter der enormen Hitze des Extruders Stabilisatoren und, gegebenenfalls, bunte Farben hinzugefügt. Das anschließende Wasserbad kühlt die Fasern ab, bevor sie in mehreren Durchgängen wechselweise gespannt und getrocknet werden. So werden die Filamente stabil, elastisch


schen zwei Klötze und setzt sie hoher Zugkraft aus. Ist der vorgegebene Wert erfüllt, gibt sie den Kollegen vom Versand grünes Licht. Kompromisse sind für Schweikert und Münch keine Option: Schließlich fertigen Automobilhersteller aus den Filamenten Sicherheitsgurte und Airbags. Auf die muss absolut Verlass sein.

2 1 | gespannt Laborantin Inge Münch überprüft die Filamente auf ihre Reißfestigkeit.

2 | geprüft

3 | geschliffen

3

und bekommen Zugkraft. Möglich ist auch, ihnen Eigenschaften wie UV-Beständigkeit und elektrische Leitfähigkeit zu geben – je nachdem, was die Auftraggeber fordern.

Kunststofffasern bearbeiten als Borsten unter anderem Metalle und Steine.

weise tatsächlich die vom Kunden gewünschte Spannung aufweisen, misst Kunststoffformgeber Philipp Schweikert. »Der Kunde darf beim Abwickeln der teilweise bis auf 240 000 Meter aufge-

»Hätten wir in der Krise Arbeitsplätze gestrichen, hätten wir unser Ergebnis von 2010 nie erreicht.«

Reinhard Eppensteiner Betriebsratsvorsitzender

Am Ende der 50 Meter langen Produktionsstraße kommen die ersten Mitarbeiter zum Einsatz. Sie sind vor allem dafür verantwortlich, die Qualität der Fasern zu prüfen. Ob diese beispiels-

spulten Einzelfasern keine Probleme haben«, sagt der 23-Jährige. Laborantin Inge Münch prüft die Filamente auf ihre Reißfestigkeit. Dazu spannt sie die einzelnen Fasern zwi-

Fotos (4): Carsten Büll

Kuststoffformgeber Philipp Schweikert misst die Spannung der Fasern, bevor sie das Haus verlassen.

Im zuge der Krise 2009 fehlten massiv Aufträge. »Wir hatten einen Einbruch von 70 Prozent«, erinnert sich Betriebsratsvorsitzender Reinhard Eppensteiner. Die Mitarbeiter bauten ihre Zeit- und Urlaubszeitkonten ab, kamen aber um fast zwölf Monate Kurzarbeit nicht herum. Trotzdem habe das Unternehmen keine Kündigungen ausgesprochen. Eine Strategie, die sich im Nachhinein als richtig herausgestellt hat: »Im Januar 2010 waren die Auftragsbücher von heute auf morgen wieder prall gefüllt. Hätten wir Leute entlassen, hätten wir das Ergebnis von 2010 nie erreicht.« Geholfen habe auch, dass die Mitarbeiter alle Produktionsschritte beherrschten und flexibel und überall einsetzbar seien, und dass der jetzige Eigentümer ein Werk in Tschechien zugunsten des Standorts Munderkingen geschlossen habe. »Wir machen denselben Preis bei besserer Qualität«, sagt Eppensteiner. Kein Wunder, dass Hahl jetzt an der Kapazitätsgrenze arbeitet. »Wir sind räumlich so eingeengt, dass wir jeden Zentimeter Platz nutzen«, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Norbert Schuh. »Man müsste ein ganz neues Werk aus dem Boden stampfen. Aber das überlegen

sich unsere Anteilseigner sehr genau.« Bereits viermal in zehn Jahren wurde der einstige Familienbetrieb verkauft. Das fordert Flexibilität von allen Beteiligten: »Zuletzt ist die Geschäftsführung an uns herangetreten und hat auf Umsetzung der Öffnungsklauseln im Chemietarifvertrag gepocht, um eine Million Euro einzusparen«, sagt IGBCE-Sekretär Frank Plückelmann. Man ließ sich darauf ein, aber nicht ohne Gegenleistung: eine 450-Euro-Einmalzahlung für IG-BCE-Mitglieder. Axel Stefan Sonntag

Das unternehmen Die Hahl-Pedex-Gruppe produziert Filamente (Kunststofffasern) an drei Standorten weltweit, zwei davon liegen in Deutschland (Munderkingen/Schwaben und Wald-Michelbach/Odenwald). In Munderkingen arbeiten etwa 190 Mitarbeiter, rund 60 von ihnen sind in der Verwaltung tätig. Die Produktion läuft im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Hahl, einst 1923 als Familienbetrieb gegründet, gehört inzwischen dem Wiener Finanzinvestor Global Equity Partners. Im Geschäftsfeld der technischen Borsten erreicht der Betrieb einen europäischen Marktanteil von 75 Prozent. Ein eigenes Recycling-Werk in der Nähe des Standorts Munderkingen verwertet gut 95 Prozent der Kunststoffabfälle, die in der Produktion anfallen, wieder.

www.hahl-pedex.com

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vor ort Aktuelles

Mit Herz, Engagement und Verstand dabei

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ch spreche die Sprache meiner Kollegen«, sagt Claudia Zengin – und das trifft in mehrfacher Hinsicht zu: Die neue Aufsichtsrätin und langjährige Betriebsratsvorsitzende von Parker Hannifin in Pleidelsheim fällt vom Hochdeutschen immer wieder ins Schwäbische, speziell wenn sie sich über Ungerechtigkeiten aufregt. Sie spricht außerdem Türkisch, fließend. So kann sie für die türkischen unter den 270 Mitarbeitern am Standort auch dolmetschen. Zengin hat nach der Hauptschule eine Bürofachschule besucht, war im Einzelhandel und in einer Lackiererei tätig. Bei Parker Hannifin, Hersteller von Präzisionsdichtungen, hat sie 1989 in der Qualitätskontrolle angefangen.

Seit 1991 ist sie Gewerkschaftsmitglied, seit 2000 freigestellte Vorsitzende des neunköpfigen Betriebsrats und seit Oktober 2011 auch Mitglied des Gesamtbetriebsrats. Er umfasst 18 Betriebe, von denen drei in den Organisationsbereich der IG BCE fallen. Die anderen betreut die IG Metall. Für ihre Kollegen habe sie immer ein offenes Ohr, sagt die 48-Jährige: »Zu mir können die Leut’ auch mit dem Rentenbescheid kommen, ich bin Psychologin, Ehe- und Schuldnerberaterin, und das mach’ ich gern.« Ende März wurde Claudia Zengin in den zwölfköpfigen Aufsichtsrat der Parker Hannifin Holding GmbH gewählt – sie bekam auf der Arbeit-

Foto: Michael Cintula

Pleidelsheim | Betriebsrätin Claudia Zengin sitzt seit Ende März neu im Aufsichtsrat von Parker Hannifin

Immer ein offenes Ohr: Claudia Zengin sitzt seit März im Aufsichtsrat.

nehmerseite aus dem Stand die meisten Stimmen. Und das, obwohl die Pleidelsheimerin überregional kaum bekannt war und es auch Gegenwind bei ihrer Kandidatur gab. Sie war deshalb von ihrem guten Wahlergebnis überrascht.

Die Aufgabe nimmt sie mit herzhaftem Engagement an, obwohl sie eigentlich nicht gern im Mittelpunkt steht. »Aber wenn ich seh’, dass jemand unfair behandelt wird, bin ich nicht zu bremsen! Und ich kann sehr stur und dickköpfig sein.«  Karen Roske

Tarifwechsel verhindert Ernste Lage bei Cinram Hamburg | Abschluss bei Shell in der fünften Runde

Alsdorf | Unternehmen fordert drastische Einsparungen

V

D

or der Shell-Raffinerie im Hamburger Hafen legten Beschäftigte am 30. Mai den Verkehr lahm – und blockierten damit auch den Versuch ihres Arbeitgebers, die Tarifleistungen erheblich zu senken. Nach fünf schwierigen Verhandlungsrunden konnte die Tarifkommission am 1. Juni den Haustarifvertrag für Shell Deutschland erhalten, der etwa 15 Prozent über dem Flächentarifvertrag liegt. In diesem Jahr gibt es eine Einmalzahlung von 500 Euro, danach wird die Inflationsrate ausgeglichen. Das ist zwar weniger als erhofft, doch Shell wäre, nach dem Raffinerieverkauf Ende 2011

an den schwedischen Konzern Nynas, am liebsten in den Flächentarif gewechselt. »Nur durch den Druck unserer Kollegen konnten wir dies verhindern«, kommentierte Betriebsratsvorsitzender Jörn Degetow. Bis zum Ende der Laufzeit sollen nach den Vereinbarungen mit Nynas auch 220 der insgesamt 530 Beschäftigten übernommen sein. Ralf Rademacher, stellvertretender IG-BCE-Bezirksleiter, ist überzeugt: »Mit diesem Tarifabschluss wird es möglich, auch künftig auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Alles andere wäre ein Vertrauensbruch.«  Sigrid Thomsen

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ie IG BCE sieht derzeit keine Grundlage für eine Fortsetzung der Tarifgespräche bei Cinram in Alsdorf. Der Hersteller von DVD-, CD- und Blu-Ray-Medien hat deutliche Überkapazitäten. Daher verlangt das Unternehmen von den Beschäftigten Einsparungen im Volumen von 7,5 Millionen Euro bei den Personalkosten der rund 1000 Beschäftigten. Etwa 300 IG-BCE-Mitglieder hatten am Ende einer sehr emotionalen Versammlung die Tarifkommission mit Verhandlungen beauftragt. Diese sind nun ausgesetzt worden. Manfred Maresch, IG-BCE-Bezirkleiter in

Alsdorf: »Die Frage eines möglichen externen Investors ist ebensowenig beantwortet wie die nach einer grundsätzlichen Firmenstrategie. Außerdem hält die Geschäftsleitung unverändert an der Einsparvorgabe bei den Personalkosten fest.« Die IG BCE fordert nun vom Unternehmen zunächst ein Gesamtkonzept. Es soll an anderer Stelle Einsparungen ermöglichen, um Spielräume bei den Personalkosten zu bekommen. Maresch: »Die verlangten Einschnitte sind zu hart. Wir brauchen Sicherheit für die Arbeitsplätze unserer Kolleginnen und Kollegen.« Axel Schappei


Foto: Röchling

Röchling in Worms: Der Euro-Betriebsrat sorgt dafür, dass Arbeitnehmerinteressen auch bei zentralen Managemententscheidungen nicht unter die Räder kommen.

Europaweit mit im Boot Worms | Röchling-Betriebsräte mischen bei zentralen Managemententscheidungen mit

A Foto: Axel Stefan Sonntag

m 16. Mai war es soweit: Die Dachorganisationen der europäischen Chemie-, Metall- und Textilgewerkschaften haben sich zu IndustriALL zusammengeschlossen. Eine Kooperation also, die weit über die bisher üblichen Branchengrenzen hinausgeht.

So wie beim Wormser Automobilzulieferer Röchling. Seit Gründung des Europäischen Betriebsrats (EBR) 1999 ist Ernst Gräber Mitglied und übernahm 2004 den Vorsitz. Röchling, einst mit Tochtergesellschaften wie DeTeWe und Frankotyp Postalia klar

»Wir haben bislang unverbindliche Richtlinien konkret formuiert und als Euro-Betriebsvereinbarung fixiert.«

Ernst Gräber EBR-Vorsitzender Röchling

Mit acht Millionen Industriebeschäftigten in 230 Gewerkschaften will der neue europäische Gewerkschaftsbund die Position von Europas Arbeitnehmern nachhaltig stärken. Beispielsweise mit einer klaren Förderung der Europäischen Betriebsräte. In ihnen setzen sich – betriebsbezogen – die Kollegen von Metall und Chemie schon seit vielen Jahren gemeinsam für die internationalen Belegschaften ein.

»metallorientiert«, ist inzwischen überwiegend über die IG BCE organisiert. Nach diversen Umstrukturierungen sind zwar nur noch wenige IG-Metall-Kollegen im Röchling-EBR mit an Bord, doch als Team hat das Gremium viel für eine konstruktive Betriebsratsarbeit unter den Mitgliedern der 13 europäischen Standorte erreicht. So hat Gräber die teils unverbindlichen EBR-Richtlinien der EU deutlich kon-

kretisiert. Per Euro-Betriebsvereinbarung ist etwa fixiert, dass die »Amtsspache Englisch« ergänzt wird. Die Sitzungen müssen in die jeweiligen Landessprachen übersetzt werden. »Technisches Englisch beherrscht nicht jedermann. Und Alltagsenglisch führt nicht unbedingt zu einem authentischen Austausch«, meint Gräber. Deshalb muss der Arbeitgeber die Tagessätze der Dolmetscher übernehmen. Klare Kriterien enthält die Betriebsvereinbarung zu den Informationspflichten des Arbeitgebers. Beispielsweise, wenn der Konzern oder eine regionsansässige Sparte Betriebsteile verlagern will. Oder wenn es Veränderungen bei Arbeitszeit, Entgelt oder Arbeitsplatzsicherheit geben soll. Zusätzlich können Betriebsräte Alternativvorschläge unterbreiten, die das Management konstruktiv prüfen muss. Das verlangt die Neufassung des Europäischen Betriebsräte-Gesetzes.

Doris Meißner, in der IG-BCE-Hauptverwaltung zuständig für Euro-Betriebsräte, sieht diese als Grundlage, auf der man weiter aufbauen kann. »Internationale Unternehmen zentralisieren ihre Strategien. Das lokale Management ist oft nur noch ausführendes Organ, lokalen Betriebsräten sind schnell die Hände gebunden. Deshalb braucht es viele EuropaKollegen. Der gewerkschaftliche Zusammenschluss zu IndustriALL stärkt ihnen den Rücken.« Axel Stefan Sonntag Euro-Betriebsrat (EBR) Um einen EBR gründen zu können, muss ein Unternehmen EU-weit mindestens 1000 Mitarbeiter beschäftigen. Davon müssen in zwei EU-Mitgliedstaaten mindestens je 150 Arbeitnehmer tätig sein. Ein EBR setzt sich aus maximal 30 Mitgliedern zusammen. Derzeit gibt es knapp 1000 EBRs, etwa 600 davon im Organisationsbereich von IndustriALL.

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vor ort Aktuelles

Online-Coach für Vertrauensleute Hannover | Ein »internetbasiertes Bildungscoaching« der IG BCE unterstützt neu gewählte Vertrauensleute. Das Projekt soll ihnen den Einstieg und die Orientierung erleichtern und zu weiteren Aktivitäten motivieren. Über einen Zeitraum von 14 Wochen bekommen die Vertrauensleute zweimal pro Woche eine E-Mail mit fachlichen, praktischen und aktionsorientierten Informationen. Außerdem sind Verknüpfungen zu ergänzenden Unterlagen und zu einem Diskussionsforum enthalten.

International gegen Stellenabbau Darmstadt | Merck-Beschäftigte aus Deutschland und der Schweiz demonstrieren

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lessandro Pelizzari, Regionalsektretär der Schweizer Gewerkschaft Unia, nimmt kein Blatt vor den Mund: »Das ist die größte Massenentlassung, die die Region Genf je erlebt hat. Aber unser Kampf ist noch lange nicht beendet.« Mit Kolleginnen und Kollegen von Merck Serono Genf war er per Sonderbus am 30. Mai nach Darmstadt zu Gesprä-

chen mit der Geschäftsführung über die angekündigte Schließung des Standortes gekommen. Gemeinsam mit Beschäftigten in Darmstadt demonstrierten sie für ihre Arbeitsplätze. Der geplante Stellenabbau beim Pharmaund Chemiekonzern Merck sorgt bei Deutschen und Schweizern für Wut und Enttäuschung. Rund 2000 ver-

Weitere Informationen

und Anmeldung: www.die-ersten-100-tage.de

Tarifmeldungen BASF Services Berlin | Für die Beschäftigten der BASF Services Europe GmbH Berlin hat die IG BCE einen Haustarifvertrag abgeschlossen. Damit werden erstmals Jahresleistungen eingeführt. Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurden besondere Leistungen vereinbart. Dafür steht ein Fonds von jährlich 100 000 Euro zur Verfügung, der vom Unternehmen eingerichtet wird. Gefördert werden können etwa Kinderbetreuung, Jugendfreizeiten und Job-Tickets für Azubis. Über die Leistungen entscheidet eine aus IG BCE, Betriebsrat und Unternehmen paritätisch zusammgesetzte Kommission. Weitere Regelungen des Haustarifvertrages betreffen Tariferhöhungen individuell vereinbarter Gehälter und Umgruppierungen.

Ausführliche Informationen unter: www.igbce.de

Merck-Beschäftigte demonstrieren in Darmstadt. »Projekte mit Hand und Fuß« fordert Betriebsratsvorsitzender Heiner Wilhelm.

sammelten sich im Werk und zogen zum Luisenplatz, um ihren Unmut über den bisherigen Verlauf der geplanten Reorganisation kund zu tun. »Machen Sie Projekte mit Hand und Fuß«, verlangt dort Heiner Wilhelm, Betriebsratsvorsitzender Merck Darmstadt. Mit einem Umsteuern sei zu lange gewartet worden, kritisiert er: »Jetzt müssen kleine Leute die Last von Fehlern tragen, die die Geschäftsleitung verursacht hat.« IG-BCE-Bezirksleiter Jürgen Glaser bekräftigt: »Vorgehen und Ausmaß der Maßnahmen sind völlig inakzeptabel. Wir erwarten vom Unternehmen eine Rückkehr zur Vernunft. Wir sind angetreten für Beschaftigungssicherung, Einheit des Unternehmens und gleiche Arbeitsbedingungen. Das fordern wir konsequent ein.« Jörg Sommer

Der Druck auf Enthone wächst Langenfeld | Geschäftsführung verweigert seit Monaten Tarifverhandlungen

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eit Monaten kämpfen der Enthone-Betriebsrat und die IG BCE um die Aufnahme von Tarifverhandlungen. Der Oberflächen-Veredler Enthone GmbH mit rund 240 Beschäftigten gehört zur britischen Cookson-Gruppe Bislang werden Verhandlungen verweigert. »Man blockiert jedes Gespräch. Die Geschäftsführung will die Gewerkschaft außen vor lassen«, sagt Betriebsratsvorsitzender Hans Paul Schaaf. Um ihre Entschlossenheit zu untermauern, demonstrierten Ende Mai rund 70 Enthone-Kolle-

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Protest vor dem Tor: Die EnthoneBeschäftigten wollen endlich Verhandlungen.

ginnen und -Kollegen vor dem Werkgelände. Hans Paul Schaaf und der stellvertretende IG-BCE-Bezirksleiter Frank Werth warfen außerdem Postkarten der Beschäftigten mit dem Aufruf, Tarifverhandlungen auf-

zunehmen, in den Firmenbriefkasten. Frank Werth: »Ich habe jetzt in einem Brief die Geschäftsführung letztmalig zu Gesprächen aufgefordert. Andernfalls werden wir den Druck deutlich erhöhen.«  Axel Schappei


Fotos (3): Axel Stefan Sonntag

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Fragen an Sophie Richter und Florian Hahl

Gut organisiert: Die Schüler erhalten ihren »Fahrplan« für den Tag.

Staffellauf zum Start in den Beruf Hassloch | Achtklässler machen sich mit Planspiel schlau

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or fünf Jahren fand in der Pfalz zum ersten Mal »Ready-SteadyGo« statt, organisiert vom ehemaligen BASF-Vertrauensmann und IG-BCE-Mitglied Lothar Zwing. Die Idee hinter dem DGB-Planspiel: Realund Hauptschüler stellen sich übungshalber bei realen Unternehmern für Ausbildungsplätze oder Praktika vor. So sollen sie schon vorab wissen, wie ein Bewerbungsgespräch abläuft und wie sie sich am besten präsentieren. »Mittlerweile rennen uns Schulen und Betriebe die Tür ein. Sie suchen jede Chance, Nachwuchskräfte zu gewinnen«, so Lothar Zwing Auch in diesem Jahr. So sind Schüler von sieben Schulklassen an zwei Tagen zu Gast bei 35 Unternehmern. Das Spektrum reicht vom kleinen ApoMitmacher gesucht Infos zu »Ready-Steady-Go« gibt es bei Oliver Venzke (IG BCE, Abteilung Bildung, oliver.venzke@igbce.de), Fragen beantwortet auch Lothar Zwing (Telefon 06324 1829).

theker über die ortsansässige Lidl-Filiale bis hin zu BASF und Getränkedosenhersteller Ball Packaging. Mit dabei: Sophie Richter

und Florian Hahl. Sie haben am Ende ein ziemliches Pensum absolviert. Denn sie müssen sich bei mehreren Ausbildungsbetrieben vorstellen. Auch, wenn sie schon genau wissen, was sie wollen.

»Die Schulen und Betriebe rennen uns die Tür ein.« Lothar Zwing

Sophie begeistert sich für eine Ausbildung zur Physiklaborantin, Florian will zur Bundeswehr. Um Sport zu treiben – oder treiben zu müssen, wie er sagt. Das Ausbildungsgehalt ist für ihn nicht das Wichtigste. Sophie ist da schon wählerischer: »Wohnung, Auto, Familie – das alles kostet. Und da nehme ich nicht den erstbesten Job«, so die selbstbewusste Schülerin.   Axel Stefan Sonntag

Etliche potenzielle Ausbildungsbetriebe haben Sophie Richter (14) und Florian Hahl (15) während des Planspiels »abgeklappert«. Am Ende des Tages ziehen sie gegenüber kompakt eine erste Bilanz. Was habt ihr heute gelernt? Florian: Mir haben die Chefs Tipps gegeben, wie ich meinen Lebenslauf besser gestalten kann. Sophie: Dass man mit Fragen rechnen muss, von denen ich dachte, dass sie gar keine Rolle spielen. Einer wollte wissen, was wir gerade in Mathe lernen. Wie habt ihr euch bislang vorbereitet? Sophie: Wir haben in der Schule verschiedene Bewerbungsschreiben besprochen und den Ablauf eines Vorstellungsgespräches durchgespielt. Aber das war im Vergleich zu heute natürlich reine Theorie. Bei was wurdet ihr kalt erwischt? Florian: Einer fragte, warum gerade ich den Ausbildungsplatz bekommen soll. Da muss man erst mal nachdenken. Sophie: Gleich an der ersten Station wurde mein Lebenslauf korrigiert, weil ich mich bei der Jahreszahl vertan habe. Manche Fehler fallen einem selbst gar nicht mehr auf. Was hat euch am meisten Spaß gemacht? Florian: Dass ich mich immer mit meinen Freunden austauschen konnte, wo sie gerade sind, wie es ihnen ergangen ist. Und dass ich mich am Gewerkschaftsstand informieren konnte, ob der Lohn wirklich okay ist. Sophie: Chefs und Unternehmen einfach mal kennenzulernen. Und was ist aus eurer Sicht verbesserungsfähig? Sophie: Das Hin und Her. Ich war an sechs Stationen, kam teils etwas gestresst in den Betrieben an. Florian: An manchen Stationen musste ich lange warten. Zum Beispiel bei der BASF. Da will eben jeder hin.

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vor ort Baden-Württemberg NAMEN & NA C HRI C HTEN

Ein Urgestein geht

Postkarten übergeben

Mannheim | Wolfgang Katzmarek verabschiedet

stuttgart | Den Druck auf die Landespolitik, endlich ein

Mit einer Feier auf dem Museumsschiff hat sich der langjährige Gewerkschafter und Roche-Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Katzmarek in die zweite Phase der Altersteilzeit verabschiedet. Bezirksvorsitzender Frank Gottselig ließ es sich nicht nehmen, ihm Glückwünsche und Dank Brigitte Bauhoff, Nachfolgerin von des Bezirks zu überbrin- Wolfgang Katzmarek, dankt ihm für gen: »Dass Wolfgang sein sein Engagement. Feld als Vorsitzender in einem geordneten Prozess über- sitzender. Immer in vorderster geben hat und immer genü- Reihe stehend, setzte er sich gend Nachwuchs für zukünfti- für tarifpolitische Erfolge ein. ge Herausforderungen bei Ro- Verkauf, Arbeitsplatzabbau und che auf der Arbeitnehmerseite Umbau des Unternehmens waaufgebaut hat, zeichnet ihn als ren Ansporn, um auch hier das großen Vorsitzenden aus.« Optimale für seine Kollegen zu Auch innerhalb der IG BCE erreichen. engagierte sich Katzmarek über Für seinen nächsten LebensJahre hinweg als Hauptvor- abschnitt wünschen wir Wolfstandsmitglied und Bezirksvor- gang Katzmarek alles Gute.

Bildungsfreistellungsgesetz zu beschließen, hat die IG BCE nochmals erhöht. Mehrere Hundert entsprechend formulierte Postkarten hat der stellvertretende Leiter des IG-BCEBezirks Kornwestheim, Rainer Holland-Moritz, dem SPD-Wirtschaftsminister Nils Schmid (Foto, rechts) persönlich übergeben. Schmid, zugleich auch stellvertretender Ministerpräsident, informierte Holland-Moritz darüber, dass die SPD-Fraktion eine Gesetzesvorlage für ein Bildungsfreistellungsgesetz erarbeite. Mit diesem Arbeitnehmerbildungsgesetz sollen die Beschäftigten die Möglichkeit haben, sich ohne Anrechnung von Urlaub und ohne Verdienstausfall in unterschiedlichen Themenbereichen beruflich weiter zu qualifizieren.

Werberausflug zu Äppelwoi frankfurt | Mit einem Ausflug hat sich der Bezirk Mannheim bei seinen Werbern für eine hervorragende Mitgliederentwicklung bedankt. Im »Gemalten Haus«, eine der historischen Apfelwein-Gaststätten, amüsierten sich die Gewerkschafter bei Apfelwein und Frankfurter Spezialitäten.

Neuer JAV- und Jugendreferent

Besuch im Parlament

kornwestheim | Marvin Bücher ist im Be-

strassburg | Koehler-Betriebsrat trifft Politik

zirk neuer Ansprechpartner für die Jugend. Der 26-Jährige war in seinem Ausbildungsbetrieb selbst vier Jahre lang Jugendvertreter. Erfahrungen in der IG-BCE-Jugendarbeit bringt er aufgrund seiner Tätigkeit im Bundesjugendausschuss mit.

Wir gedenken Hilde Baumann mannheim | Eine Kämpferin für Frauenrechte war Hilde Baumann. Die einstige Landesfrauensekretärin der IG Chemie-Papier-Keramik gründete einen der ersten Frauenausschüsse überhaupt. Auch beim DGB war sie die Initiatorin zur Gründung eines solchen Gremiums, dessen Vorsitzende sie in ihrem Arbeitsleben war. Wir werden Hilde Baumann in ehrender Erinnerung behalten.

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Zu seiner jährlichen Klausur traf sich der KoehlerBetriebsrat im Europäischen Parlament. SPD-Europaabgeordneter Peter Simon, der zu dem Treffen einlud, beantwortete nach einer Der Koehler-Betriebsrat diskutierte mit MdEP ParlamentssitPeter Simon (erste Reihe, links) die Europapolitik. zung die Fragen der Arbeitnehmervertreter. zudem die teils exorbitante JuThema war insbesondere die gendarbeitslosigkeit in der EU Staatsschuldenkrise. Simon an: »Viele junge Menschen vermachte deutlich, dass reiner lieren aufgrund ihrer persönSparzwang die Situation der lichen Situation den Glauben Krisenländer weiter verschlim- an Europa. Das kann nicht mere. Der 45-Jährige prangerte unser Interesse sein.«


Power für den Chemietarifabschluss Mit zahlreichen Aktionen mobilisierte die IG BCE Beschäftigte in ganz Baden-Württemberg Bezirk Freiburg | Gleich mehrere Protestzüge organisierte die IG BCE in Südbaden. So gingen in Rheinfelden, Freiburg und Laufenburg mehr als 500 Kollegen auf die Straße. Der Südwestrundfunk berichtete in seinem regionalen Radioprogramm ausführlich über die Chemietarifrunde und die Forderungen der IG BCE.

In Rheinfelden mobilisierte die IG BCE für ihre Forderungen zahlreiche Demonstranten.

bEZIRK uLM | Wie der demografische Wandel zu gestalten ist, war ebenso Thema für die Boehringer-Vertrauensleute

am Standort Biberach. Vor Ort wurden gut 300 Unterschriften für die Altersfreizeit gesammelt und anschließend der IG-BCE-Bundestarifkommission übergeben. Klares Ziel: »In diesem Punkt unsere Position gegenüber den Arbeitgebern zu untermauern«, so Vertrauensleutevorstand Daniel Becker, der Bei Boehringer in Biberach haben gut auch Mitglied der 300 Arbeitnehmer für die Altersfreizeit Bundestarifkommission ist. unterschrieben.

Die Beschäftigten von Parker in Bietigheim kannten viele gute Gründe für mehr Geld.

Bezirk Kornwestheim

|

Wie viele gute Gründe es gibt, eine Forderung von sechs Prozent zu rechtfertigen, bewies die Tarifaktion bei Parker in Pleidelsheim. Arbeitnehmer aller Schichten hat-

ten Gelegenheit, ihr Motiv für mehr Erfolgsbeteiligung auf eine Wandzeitung niederzuschreiben. Auch Vertreter des DMT (Division Management Team) ließen sich die ausgegebene Suppe schmecken.

200 Kollegen versammelten sich vor der Miro-Raffinerie.

Bezirk kARLSRUHE | Mo-

bilisierung bei Deutschlands größter Raffinerie, der Mineralölraffinerie Oberrhein (Miro): 200 Kollegen setzten sich für lebensphasenorientierte Ar-

beitszeitmodelle ein. Die Forderung nach mehr Gehalt war schon weit vor den Werktoren mittels knallrotem und meterbreitem »6 %«-Aufsteller für jedermann sichtbar.

Zu jedem Schichtwechsel postierten sich in Eberbach am Werkausgang die Betriebsräte von RP Scherer.

Bezirk Mannheim | Trotz laufenden Sozialplanverhandlungen errichtete das Team von RP Scherer in Eberbach am Werktor einen Infostand.

Zu jedem Schichtwechsel wurden Getränke, Heliumballons und Lose verteilt. Wer die »6  %« zog, bekam darüber hinaus noch ein Extra-Präsent.

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vor ort Bayern NAMEN & NACHRICHTEN

Neu in den Bezirken burghausen | Neu im Team des Bezirks Altötting ist Natalie Mühlenfeld. Ihr Vorgänger Heiko Metzger wechselte in den Bezirk Saarbrücken. Die Volljuristin aus Düsseldorf ist vor allem für Jugend und Frauen zuständig und war während ihrer Traineezeit zur Gewerkschaftssekretärin bereits in Bayern eingesetzt.

Nürnberg ist Philipp Mundt, bisher Gewerkschaftssekretär im Bezirk Ludwigshafen. Der gelernte Informatikkaufmann und ehemalige Jugend- und Auszubildendenvertreter ist vor allem für Betriebsbetreuung, aber auch für Bildung und Jugend zuständig. Sein Vorgänger Robert Spiller wechselte in den Landesbezirk Nordost.

Eine im »Club 2005« Stockheim | »Nur gemeinsam sind wir stark«,

weiß Elisabeth Williams, Betriebsratsvorsitzende bei Rebhan Kunststoff-Verpackungen im oberfränkischen Stockheim. Stolz verweist die 52-Jährige dabei auf den erst kürzlich errungenen Haustarifvertrag. »Das hätten wir sicher nicht geschafft, wenn die Mitarbeiter nicht alle hinter uns gestanden wären.« Von 20 Prozent auf 80 Prozent stieg der Organisationsgrad bei dem Kunststoffexperten. Dieser Erfolg ist nicht zuletzt dem unermüdlichen Engagement der lebhaften Fränkin aus dem Bezirksvorstand Mainfranken zu verdanken. Selbst ihre zwei Enkel sind inzwischen bei der Gewerkschaft. »Wir haben einen Mini-Club gegründet«, verrät sie lachend. Mit ihrer spontanen, offenen Art erreicht sie fast jedes neue Mitglied der Belegschaft. »Die sind bei mir noch nicht ganz im Haus, dann nehme ich schon Kontakt auf«, erzählt sie. Auf ihre Freistellung als Betriebsrätin hat sie verzichtet. Denn sie möchte möglichst nah am GeElisabeth Williams ist Mitglied im »Club schehen sein. »Das 2005«, dem Forum für jahrelang ergilt sicher nicht für jefolgreiche Werber im Landesbezirk. den, aber für mich hat sich das als sehr hilfreich erwiesen«, erklärt sie.

Werberhitparade 16 Aufnahmen: Pierre Baumgärtel (Firma Magna Eybl, Wackersdorf); 9 Aufnahmen: Gebhard Fraunhofer (Siltronic, Burghausen); 7 Aufnahmen: Mehmet Nacioglu (Enka, Obernburg), Elisabeth Williams (Rebhan, Stockheim); 6 Aufnahmen: Hansgeorg Schuster (Siltronic, Burghausen); 5 Aufnahmen: Daniela Gräßle (Leipa, Schrobenhausen).

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Klares Signal für Entgeltgleichheit während einer Podiumsdiskussion.

Bayern beim Frauentag hannover | Für Gleichstellung unterwegs

37 Teilnehmerinnen aus dem Betriebsrätinnennetzwerk im Landesbezirk waren zum Bezirk München unterstützt vierten Frauentag der IG BCE wird, konnte am »Leuchtturm« nach Hannover gekommen des Landesbezirks Bayern er(siehe auch Seite 34). Wie ein fahren werden. »Ich finde es klasse, dass so roter Faden zog sich das Thema Gleichstellung durch den viele starke Frauen zusamTagungsablauf. Die Themen- mengekommen sind«, so Baypalette in den Diskussionen und Workshops reichte dabei vom Berufseinstieg bis zur Führungsverantwortung, befasste sich mit der Entgeltsituation genauso wie mit der Lebens- und Arbeitszeit. Dass sie für Entgelt- Erfahrungsaustausch über das Begleichheit stehen – für triebsrätinnennetzwerk im Bezirk MünZeitarbeiter ebenso wie chen am »Leuchtturm Bayern«. zwischen den Geschlechtern, zeigten einige erns jüngste Teilnehmerin, die Frauen auch während der Po- 23-jährige Biologie-Studentin diumsdiskussion mit Bundes- Larissa Härtle. »Man spürt, arbeitsministerin Ursula von dass sie mit ihrer Kraft und Erder Leyen. Und wie Interes- fahrung das Potenzial haben, senvertretung von und für noch manche verkrusteten Frauen beispielsweise mit dem Strukturen aufzusprengen und sich für mehr Gleichstellung in allen Bereichen einzusetzen.« Und solidarisch mit Frauen in Afrika zeigte sich die bayerische Delegation auch: Für das Projekt »Bildung für Frauen in Simbabwe« spendeten sie 500 Euro. Die bayerischen Teilnehmerinnen.

Fotos (3): Michael Cintula

nürnberg | Neu im Team des Bezirks


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Fragen an

Kandidaten und Aktive für die Wahlen der Vertrauensleute und Ortsgruppenvorstände Bis Ende Oktober werden in den Betrieben und Regionen die Vertrauensleute und Ortsgruppenvorstände neu gewählt. kompakt hat Kandidaten und Aktive interviewt. Kundgebung der Beschäftigten im Industriecenter Obernburg.

Barbara Sartorius

Chemie: »Das passt!«

Verpackerin bei OWA, Amorbach Weshalb kandidierst du? Da ich Betriebsrätin bin, gehört es für mich als engagiertes IG-BCE-Mitglied dazu, zur Vertrauensleutewahl zu kandidieren. Außerdem finde ich es notwendig, dass Frauen mit im Boot sind und deren Interessen noch besser wahrgenommen werden können. Bei uns im Betrieb haben wir durch unsere Tarifverträge erreicht, dass auch beim Thema Gehalt die Geschlechtergleichheit gilt. Was ja trotz aller Gleichberechtigung durchaus noch nicht überall selbstverständlich ist. Außerdem möchte ich mich dafür einsetzen, dass mehr Frauen bei uns im Werk eingestellt werden.

münchen | 4,5 % und lebensphasenorientierte Arbeitszeit

Chemiebeschäftigte in Bayern bekommen ab 1. August 4,5 Prozent mehr Geld, Auszubildende 50 Euro mehr. Außerdem wurden die Angriffe auf die Altersfreizeiten abgewehrt und die Perspektiven für Berufsein- Kundgebung bei Excella und Atotech. steiger verbessert. Und mit einem zusätz- für eine lebensphasenorienlichen Demografie-Betrag tierte Arbeitszeit – oder einen können betriebliche Modelle gleitenden Übergang in die Rente – finanziert werden. Auch in Bayern haben UnMeinungen zum Abschluss: terschriftensammlungen, AkDagmar Burghart, Wacker tionen und zeitgleiche KundChemie: »Bei uns sind die gebungen am 22. Mai zum Rückmeldungen positiv: Das Gelingen des Tarifabschlusses ist ein toller Abschluss!« beigetragen. Michael Schnabl, Infraserv

Industriefachwirt bei quick-mix Porphyr GmbH, Freihung Weshalb braucht es Ortsgruppen? Die Ortsgruppen sind ein unentbehrliches Instrument für die Aktivitäten der Gewerkschaft am Wohnort. Gerade weil sie stark am Ort verwurzelt sind. Unser Angebot ist für Jüngere, aber auch für Senioren attraktiv. Wir organisieren Betriebsbesichtigungen, Ausflüge, Infoabende und beteiligen uns an den DGB-Maikundgebungen. Ich mache dieses Ehrenamt sehr gern und bin auch Betriebsratsvorsitzender.

Aktuelles im Internet: www.bayern.igbce.de

Ahmed Benli Foto: Ruth Hörmann

Gendorf: »Ein Ziel dieser Tarifrunde war Entlastung. Und das haben wir geschafft!«

Hans Goetz

Chemikant bei Kelheim Fibres, Kelheim Warum sind Vertrauensleute notwendig? Vertrauensleute sind deshalb so wichtig, weil sie die Brücke zwischen Mitarbeiter und Betriebsrat darstellen. Wir sind die ersten Ansprechpartner für die Kollegen und ihr direkter Draht zu ihrer Gewerkschaft. Denn der Betriebsrat kann nicht überall gleichzeitig sein. Das ist speziell in einem großen Betrieb sehr hilfreich. Ich mache die Arbeit gern, deshalb kandidiere ich wieder.

Kundgebung vor dem Industriepark Gersthofen. kompakt | Juli/August 2012 | 29


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vor ort Hessen-Thüringen NAMEN & NA C H R I C H TEN

Für mehr Toleranz

Autokorso ein großartiger Erfolg

bostalsee | Abwechslungsreiches Bundesjugendtreffen

darmstadt | 300 Teilnehmer mit 100 Autos, Motorrädern und Fahrrädern folgten dem Aufruf der IG BCE, vor der entscheidenden Verhandlungsrunde der chemischen Industrie Flagge zu zeigen. Sie beteiligten sich am Autokorso rund um Darmstadt und erlebten selbst, welche Wirkung solidarisches Handeln erzeugen kann. Bezirksleiter Jürgen Glaser wertete den Korso als großartigen Erfolg. »Sollte die anstehende Verhandlung kein Ergebnis bringen, ist noch deutlich mehr drin«, erklärte Glaser am Vorabend der letzten Verhandlungsrunde. Der nachfolgende Abschluss mit 4,5 Prozent bestätigte die berechtigte Forderung.

Ausgezeichnet wurden die Aktionen der IG-BCE-Jugend Hessen-Thüringen auf dem Bundesjugendtreffen aufgenommen: Den Teilnehmern wurden durch Rollenspiele die Diskriminierung und Ausgrenzung in Puppenspielbühne und Rollenspiel machten den verschiedenen Diskriminierung und Ausgrenzung begreiflich. Epochen nähergebeim nächsten Bundesjubracht. So durchliefen die Besucher gendtreffen natürlich verteieinen Parcours zur Sklaverei digen. im Römischen Reich, zu Rassismus im Mittelalter und zum Thema Ausgrenzung während des amerikanischen Bürgerkriegs bis hin zu Rassismus und Ausgrenzung heute. Erstmals gab es auf dem Treffen einen Landesbezirkswettbewerb, bei dem Teams aus jedem Landesbezirk in verschiedenen Disziplinen gegeneinander antraten. Hessen-Thüringen gewann den Wanderpokal und will ihn

Motivierte Jugendvertreter Darmstadt | Kürzlich veranstaltete der Bezirk Darmstadt

eine Schulung zum Thema »Wahl der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV)«. Zusammen mit sechs JAVis wollte man damit die Wahlsaison einleiten und Ideen zu den anstehenden Entscheidungen im Oktober und November sammeln. Es wurden viele interessante Vorschläge diskutiert. Die Schulung sollte die JAVen für das Thema sensibilisieren und auf die kommenden Wahlen vorbereiten. Am Ende verließen die Teilnehmer die Veranstaltung motiviert, sodass für die Abstimmungen im Herbst einiges zu erwarten ist.

Jugendtarifaktionen melsungen

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Am 9. Mai fanden in verschiedenen Betrieben in Hessen Aktionen der Jugend anlässlich der Chemietarifrunde statt. Unter anderem auch bei der Firma B.Braun Melsungen. Die JAV und die Bezirkssekretärin Jeannette Härtling gingen durch die Ausbildung und verteilten Taschentücher und Lutschpastillen mit der Aufschrift »Wir verdienen mehr! 6 % ist fair!«. Besonders gut kamen die vom Landesjugendausschuss entwickelten Taschentücher mit einem witzigen und hochpolitischen Aufdruck an: »Mit der 40-Stunden-Woche ist alles doof!« Die IG BCE regte so spannende Diskussionen über Arbeitszeiten, Übernahme und die Rechte junger Menschen an.

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Prävention im Betrieb weilburg | Gesundheit ist zentrales Thema

Wolfgang Werner, Bezirksleiter der IG BCE Mittelhessen, nahm für die IG BCE an der Vertreterversammlung der Deutschen Rentenversicherung teil. Vorgestellt wurde dort unter anderem ein innovatives Präventionsmodell: Dr. Carl Bartholomäus von der Klinik Kurhessen erarbeitet für Großbetriebe individuelle Präventionsprogramme. Sie tragen dazu bei, dass gesundheitliche Schäden bei

den Mitarbeitern vermieden werden. Sehr positive Ergebnisse, so wurde bei dem Treffen berichtet, gibt es bereits bei der Durchführung dieses Projektes bei VW in Baunatal. Wolfgang Werner will dieses Konzept in den kommenden Monaten auch in den von der IG BCE betreuten Großbetrieben vorstellen. Gerade im Rahmen des Tarifvertrages Demografie bietet sich hier eine Umsetzung an.


Junge IG-BCE-Sekretäre in Brüssel (2) Brüssel | Studienfahrt zur Europäischen Gemeinschaft

derte sie als sachbezogener als in den Landesparlamenten, da nicht auf Parteienkalkül Rücksicht genommen werden muss; andererseits sei das EU-Parlament schwächer als die Länderparlamente; es würde nur gehört, wenn es geschlossen auftritt. Direkt im Anschluss gab es Direkt im EU-Parlament empfing Jutta Steinruck, Mitglied die Gelegenheit, einen Insider des Europäischen Parlaments aus der EU-Kommission zu für die SPD, die Delegation befragen: Peer Ritter aus dem zu einem intensiven Gespräch. Kabinett von Olli Rehn, KomJutta Steinruck war kurzfristig missar für Wirtschaft und eingesprungen, da der eigent- Währung. Hauptthema des lich geplante Gesprächspart- Gesprächs waren die Finanzner Udo Bullman am Abend und Wirtschaftskrise und die zuvor durch sein Büro absagen Auswirkungen auf die gemeinsame europäische Währung. ließ. Nach Einschätzung der Jutta Steinruck ist Mitglied im Ausschuss für Beschäf- Kommission waren die Krise tigung und Soziales und eine auf dem US-Immobilienmarkt der Gewerkschafterinnen im und die Pleite der US-Bank Parlament. Eines ihrer Schwer- Lehmann Brothers lediglich »Brandbeschleuniger«. Der Ursprung reiche bereits mehr als zehn Jahre zurück: Die Umstellung des Währungssystems in Europa bei unZu Gast in der Hessischen Landesvertretung. gleicher Leispunktthemen ist die Entsende- tungsfähigkeit der Länder habe richtlinie, wo sie auch Bericht- zu dauerhaften Schieflagen geführt, die sich in der Krise erstatterin der Fraktion ist. Deutschland wird hierbei als 2008/09 äußerten. Dass zum Beispiel DeutschVorbild in der EU gesehen, obwohl es hier Befürchtungen land die Krise besser überwingibt, dass Standards abgesenkt den konnte, lag insbesondere werden könnten. Sie ist der daran, dass bestimmte AnMeinung, dass wir eine euro- passungsprozesse besser oder päische Betrachtung des Ar- konsequenter umgesetzt wurbeitsmarktes brauchen und den: »Die Lösung für diese Prospricht sich dafür aus, Sub- bleme kann dabei nur aus dem unternehmerketten zu begren- Land selbst kommen«, sagte zen, um die damit verbundene Peer Ritter und sprach daArbeitnehmerausbeutung zu bei Länder wie Griechenland, reduzieren. Die Arbeit im Spanien, Italien oder Portugal Europäischen Parlament schil- an. Über den ersten Teil der Studienfahrt junger IG-BCESekretäre nach Brüssel berichteten wir in der JuniAusgabe. Auch der zweite Teil war für die Teilnehmer nicht weniger interessant.

Jutta Steinruck (links) im Kreis der IG-BCE-Delegation.

Den Abschluss der Reise bildete ein Besuch in der Ständigen Vertretung des Landes Hessen. Hier gab es zunächst Gelegenheit zu einem Gespräch mit Dr. Dirk Bergrath, Sozialreferent in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik. Er berichtete ausführlich darüber, wie die deutschen Sozialpartner – in der Regel koordiniert – gegenüber der EU die Interessen der deutschen Wirtschaft und ihrer Beschäftigten wahren. Letzter Höhepunkt der Reise war ein Besuch auf der Baustelle der neuen Hessischen Lan-

Volker Weber (links) und Friedrich von Heusinger vor der Baustelle der neuen Hessischen Landesvertretung in Brüssel.

desvertretung. Der Leiter der Hessischen Landesvertretung, Friedrich von Heusinger, stellte ausführlich das Konzept der neuen Landesvertretung vor, die in unmittelbarer Nähe zu Parlament und Kommission eine wichtige Drehscheibe für die hessische Interessenvertretung in Brüssel werden soll. Sie wird nicht nur ein Musterbeispiel an Energieffizienz darstellen, sondern den dort Beschäftigten auch endlich akzeptable Arbeitsbedingungen bieten – ebenso wie den Vertretern der mit Hessen kooperierenden Regionen. Gerade die neu entstehenden Möglichkeiten für hessische Unternehmen, Verbände und Institutionen, die neue Landesvertretung als »Basislager« für ihre europapolitischen Aktivitäten zu nutzen, wird den hessischen Bürgerinnen und Bürgern zugutekommen. Auf der Rückfahrt fasste IGBCE-Landesbezirksleiter Volker Weber die Erfahrungen der Reise zusammen: »Gerade in der Sozialpolitik werden mehr und mehr Gestaltungsvorgaben in Brüssel beschlossen – und die sind nicht immer positiv für die Arbeitnehmer. Deshalb ist es auch für Gewerkschaften wichtig, frühzeitig über Vorhaben der EU informiert zu sein und darauf Einfluss zu nehmen. Europa wird in Zukunft auch für unsere Arbeit vor Ort immer wichtiger.«

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vor ort Nord

Bunt gegen Braun

NAMEN & NA C HRI C H T EN

Hamburg | Erfolgreiche Demonstrationen gegen Neonazis

hildesheim | »Europa – eine Chance für Niedersachsen« ist am 16. Juli um 17:00 Uhr Thema beim IG-BCE-Regionalforum Ambergau-Lammetal. Der SPD-Europaabgeordnete Bernd Lange, der niedersächsische SPD-Fraktionsvorsitzende Stefan Schostok und IG-BCE-Landesbezirksleiter Ralf Becker werden in Bad Salzdetfurth vor allem über Arbeitsmarktpolitik sprechen.

»Besser bunt als braun« – unter diesem Motto demonstrierten zahlreiche Gewerkschaftsmitglieder in Hamburg am 2. Juni in einem breiten Bündnis gegen einen nationalen Aufmarsch von mehreren Hundert Neonazis. Die IG BCE hatte zu allen geplanten Protesten aufgerufen und war bei allen präsent: Ihre Fahnen flatterten bei der Demonstration von etwa 5000 Menschen vom »Bündnis gegen rechts« durch die Innenstadt (Foto oben). IG-BCE-Mitglieder knüpften zusammen mit anderen DGBGewerkschaftsmitgliedern auf dem Rathausmarkt an einem Netz aus bunten Fäden »gegen braune Strippenzieher« (Foto unten) und hielten mit 10 000 Menschen farbenfrohe Karten in die Höhe, um zu zeigen: »Hamburg bekennt Farbe.« »Wir wollen den Nazis beweisen, was wir nicht dulden, und stellen uns ihnen in den Weg – gewaltfrei«, rief der Hamburger DGB-Vorsitzende Uwe Grund in die Menge. Das taten einige Tausend Demonstranten im Stadtteil Wandsbek, wo die Demonstrationsroute der Rechtsradikalen

goslar | 48 Mitglie-

Foto: Werner Schwerthelm

Goslarer erkunden Paris der der IG-BCE-Ortsgruppe Goslar haben im Mai eine fünftägige Kultur- und Geschichtsreise nach Paris gemacht. Unter Leitung von Brigitte und Peter Bischofer besuchten sie Notre Dame, Sacré-Coeur und Versailles. Eine Nachtfahrt auf der Seine und der beleuchtete Eiffelturm waren Höhepunkte der für viele ersten Reise in die französische Hauptstadt.

Ausflug als Werbebelohnung oldenburg | 15 der erfolgreichsten Werberinnen und Werber aus dem Bezirk Oldenburg haben zur Belohnung ein Wochenende mit Partnern in Hannover verbracht. Sie besuchten ein Varieté und die Herrenhäuser Gärten. »Jede und jeder hatte mindestens drei Werbungen im Jahr 2011 für uns getätigt«, berichtet Bezirksleiterin Vera Ackermann.

goslar | Die Orts-

Foto: Werner Schwerthelm

Der neue Vorstand ist der alte gruppe Goslar hat bei den Vorstandswahlen alle Mitglieder einstimmig bestätigt. Der wiedergewählte Vorsitzende Kai Rückbrodt berichtete über die Tätigkeit des Vorstandes in den letzten zwölf Monaten, darunter Diskussionsrunden zur Kommunalwahl 2011 und das politische Grünkohlessen mit Joachim Gauck.

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Foto: Sigrid Thomsen

Arbeitsmarktpolitik in Europa

genehmigt war, dann buchstäblich: Sie setzten sich auf die Straße. Auch unter ihnen waren Gewerkschaftsmitglieder (Foto Mitte): »Wir wollen der menschenverachtenden Ideologie, die hinter den NaziAufmärschen steht, etwas entgegensetzen«, sagte der Hamburg-Harburger Bezirksleiter

Jan Eulen. »Wir stehen für Integration und Vielfalt, für ein ganz anderes Menschenbild.« Der Aufmarsch der Rechten, von 4500 Polizisten geschützt, wurde so an den Rand gedrängt und vorzeitig abgebrochen. Foto: Sigrid Thomsen

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Belegschaft neu denken

NAMEN & NA C HRI C H T EN

hamburg | Erste regionale Fachtagung über Leiharbeit

Lichtenheldt verhandelt

Mit den Folgen zunehmender Leiharbeit setzten sich mehr als 50 Betriebsräte aus großen und mittleren Unternehmen auf Einladung der IG BCE am 23. Mai in Hamburg auseinander. Hamburgs Senator für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Detlef Scheele (auf dem Foto rechts), plädierte für »passgenaue Unternehmenslösungen« und gleiche Bezahlung. Auf den extremen Wettbewerbsdruck, der durch Leiharbeit vermeintlich gemindert werde, verwies Michael Schulze, Betriebsrat bei Shell Deutschland (auf dem Foto

neumünster | Beim Pharmaziehersteller Lichtenheldt in

Wahlstedt haben am 6. Juni erstmals Tarifverhandlungen für die 200 Mitarbeiter begonnen. Dazu wurde die Geschäftsleitung durch beharrliche Überzeugungsarbeit gebracht. Nach sechs offenen Mitgliederversammlungen ließen sich die Kolleginnen und Kollegen durch Nachforschungen der Vorgesetzten, wer Gewerkschaftsmitglied sei, nicht mehr beirren.

Bürgermeister eins mit IG BCE hamburg | Über den Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung im Norden stimmt Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (Foto) mit der IG BCE überein: Das zeigte sich bei seinem Treffen mit dem Hamburg-Harburger Bezirksvorstand, an dem auch etwa 20 Betriebsräte der großen Chemie- und Energieunternehmen teilnahmen. Die Nordländer müssten die Netzbetreiber bei Stromübertragung und Landanbindung unterstützen, sagte Bezirksleiter Jan Eulen. Scholz betonte: »Hamburg lebt auch von seiner Industrie.«

links). Betriebsräte müssten sich künftig auf eine veränderte Belegschaftsstruktur einstellen und Belegschaft »neu denken«. Das gehörte zu den Schlussfolgerungen dieser ersten regionalen Fachtagung. Bezirksleiter Jan Eulen freute sich, »dass sich so viele Betriebsräte diesem schwierigen Thema nähern«.

Intensive Jahrzehnte

Keine Kündigungen

Beratung bei Rentenanträgen hamburg | Ob Rente oder

der Tariferhöhung von 2014. Die vom Arbeitgeber verlangte Senkung der Entgelte sei damit vom Tisch, sagte Bezirksleiter Ralf Erkens. Das Engagement der Mitglieder, die am 11. Juni während der Verhandlungen demonstrierten, habe für Bewegung bei der Einigungsstelle gesorgt.

Foto: Werner Staffen

Bei der Raffinerie in HeideHemmingstedt wird niemand betriebsbedingt gekündigt: Das haben Betriebsrat und IG BCE gemeinsam bei zweitägigen Verhandlungen im Juni vor der Einigungsstelle erreicht. 60 der Ende 2011 angekündigten 81 Stellen werden abgebaut, jedoch über Altersteilzeit und einen Zeitraum von mehreren Jahren. Dass die anderen bleiben können, bezahlt die Belegschaft mit: Sie verzichtet auf einige Einmalzahlungen und akzeptiert eine Halbierung

Foto: Stefan Carl

heide | Solidarität erhält Stellen in Raffinerie

hannover | Mehr als 80 Jubilare aus dem Bezirk Hannover feierten im Mai 25, 40, 50 und 60 Jahre Gewerkschaftszugehörigkeit. Die stellvertretende Bezirksleiterin Astrid Rasner dankte ihnen für ihre Treue. Oberbürgermeister Stephan Weil gratulierte den Jubilaren, darunter Gunda Schröder, die 1952 Mitglied wurde. »Das waren 60 intensive Jahre«, sagte sie rückblickend.

Reha – Bernd und Christa Große (Foto) beantworten in Hamburg jede Art Fragen zur Rentenversicherung. Die beiden IG-BCE-Mitglieder, vor vier Jahren von der Lausitz nach Bergedorf gezogen, wurden 2011 als Versicherungsälteste der Deutschen Rentenversicherung/Knappschaft Bahn-See gewählt. Versicherungsfachfrau Christa Große: »Uns macht es große Freude, wenn wir Menschen helfen können.« Erreichbar sind sie unter Telefon 040 84509115.

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vor ort Nordost NA M EN & NA C H RI C H T EN

Erfolgreich unterwegs

Chemie Ost: Erster Schritt

Hannover | Nordost beim Frauentag der IG BCE

berlin | Am 1. Juli startet die Umsetzung des im vergan-

33 Frauen bereicherten mit viel Frauenpower als Delegierte aus Nordost den Frauentag der IG BCE (Foto). Der bot in Diskussionsrunden, Vorträgen, Workshops, Lounges und Gesprächen viele motivierende Impulse für die frauenpolitische Arbeit im betrieblichen Alltag, in gesellschaftspolitischen Netzwerken und

genen November vereinbarten Tarifabschlusses für die chemische Industrie Ost. Im ersten Schritt hin zur Tarifangleichung in den Entgeltgruppen E5 bis E8 werden die Entgelte dieser Gruppen bis zu 104 Euro pro Monat erhöht. Dieser Schritt folgt damit noch vor der Erhöhung aller Entgelte um 4,5 Prozent durch den neuen Tarifabschluss Chemie 2012.

Tag der offenen Tür berlin | Gute Gesprä-

che bei Sonne, Wind und Regen gab es Anfang Juni rund um das Haus der IG BCE. Mehr als 500 Gewerkschaftsmitglieder des Bezirks Berlin-Mark Brandenburg feierten auf der Inselstraße ein Fest für die ganze Familie. Thema war dabei vielfach die Energiewende und ihre Auswirkungen. Die Kinder freuten sich über Spielattraktionen.

Betriebsrätekonferenz Solar berlin | Betriebsrätinnen und Betriebsräte von Solarunternehmen aus Nordost und Bayern berieten Anfang Juni gemeinsam mit der IG BCE die durchweg kritische Situation in ihren Unternehmen. Die Konferenz war vom offenen Erfahrungsaustausch geprägt und vermittelte auch Informationen zum Insolvenzrecht und zum aktuellen Stand des Vermittlungsverfahrens zur Solarförderkürzung im Bundesrat. Bei schwieriger finanzieller Lage oder Insolvenz sollten die Betriebsräte von Anfang an eine aktive Rolle einnehmen, so eine der Schlussfolgerungen aus dem Treffen.

Familien-Kindertag im Park

Foto: Michael Cintula

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nicht zuletzt in der Gewerkschaft. Der Landesbezirk stellte sein Projekt »Frauen (auf dem Weg) in Führung« vor.

Segeltörn der Jugend stralsund | Auszeichnung für Mitgliederwerbung

Auf der Werbinale des Landesbezirks waren sie für ihre hervorragende Neuanfängerinnen- und Neuanfängerwerbung ausgezeichnet worden. Nun setzten sie ihren Preis in die Tat um: Junge IG BCEler nahmen Anfang Juni zusammen mit der Crew der Segelyacht »Ahab« Kurs aufs offene Meer und entlang der Ostseeküste. Sie hatten sich in ihren Betrieben für die IG BCE und

die Interessen der Auszubildenden und der Beschäftigten starkgemacht und wurden dafür mit einem erlebnisreichen Segelwochenende belohnt.

Leipzig | Auf die Plät-

ze, fertig, los: Das hörten die kleinen Gäste am 2. Juni im ClaraZetkin-Park oft, denn beim IG-BCE-Familien-Kindertag ging es sportlich zur Sache. Für die Eltern war es ein eher entspannter Vormittag. Junge Familien müssen täglich Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Die IG BCE Leipzig unterstützt sie dabei mit vielen Angeboten zu familienbezogenen Themen.

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Tarif bei Delipapier arneburg | Mehr Entgelt und Sicherheit

Rückwirkend zum 1. Januar erhalten die 281 Beschäftigten der italienischen Delipapier GmbH mehr Entgelt. Vereinbart hat die Tarifkommission der IG BCE nach monatelangen Verhandlungen auch die schrittweise Angleichung

der Arbeitsbedingungen an den Flächentarifvertrag Papier. »Für die Azubis konnten wir sogar eine Steigerung um 30 Prozent gegenüber ihrer bisherigen Vergütung erreichen«, so die Betriebsratsvorsitzende Kerstin Klieckmann.


Spontane Demo

NA M EN & NA C H RI C H T EN

Lausitzdialog bei Vattenfall

Beim bundesweiten Treffen der Bergbauund Energiewirtschaft reagierten Lausitzer Bergleute und Kraftwerker sofort, als sie von einer GreenpeaceAktion gegen die Braunkohle erfuhren. Etwa 80 IG-BCE-Mitglieder machten vor dem Veranstaltungsort ihre Forderung nach einer Zukunft mit Braunkohle deut-

jänschwalde | Zur gemeinsamen Belegschaftsversamm-

lich. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck sprach vor seiner Festrede zu den Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern.

Tarifaktion bei ESSEL dresden | IG BCE fordert Verhandlungen

Mit einer erfolgreichen Aktion ermutigte die IG BCE Dresden-Chemnitz die Beschäftigten des Tubenherstellers ESSEL, sich für Tarifverhandlungen starkzumachen. Da die Geschäftsführung seit Jahren keine Gehaltserhöhung zahlt und einen Tarif kategorisch ablehnt, verteilte die IG BCE symbolisch Äpfel und Eier. Der Zuspruch war größer als erwartet: Zum Schicht-

wechsel kamen fast alle Kolleginnen und Kollegen zum Stand und diskutierten. Dabei wurde klar: »Wir wollen endlich vernünftig verdienen, wir wollen einen Tarif!« Die IG BCE bleibt dran!

MIBRAG-Tarifvertrag zeitz | Start der neuen Verhandlungen

6,5 Prozent mehr Entgelt fordert die IG-BCE-Tarifkommission bei den im Juni gestarteten Tarifverhandlungen für die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH. Außer-

dem wollen die Mitglieder Vereinbarungen erreichen, welche die besonderen demografischen Erfordernisse der MIBRAG und ihrer Beschäftigten berücksichtigen.

lung von Vattenfall Europe Mining & Generation Anfang Juni kam auch Vattenfall-Vorstandsvorsitzender Øystein Løseth (Foto: Bildmitte) aus Schweden. Neben Beschäftigten und Vertretern der IG BCE waren der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka, sowie Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens anwesend, um von Øystein Løseth die Strategie Vattenfalls zur Zukunft der Braunkohle in der Lausitz zu hören und zu diskutieren. Der stellvertretende IG-BCEVorsitzende Ulrich Freese verdeutlichte die Positionen der IG BCE. Foto: Volker Hänsel

Foto: Philipp Zirzow

cottbus | Aktion bei Braunkohletag

Flagge zeigen – Tarif jetzt vetschau | Seit 2004 ist der italienische Fliesenhersteller Porcelaingres im brandenburgischen Vetschau ansässig. Seine Produkte sind hochwertig. Die Arbeitsbedingungen und das Entgelt der rund 140 Beschäftigten aber sind völlig unzureichend geregelt. Die IG BCE will seit Längerem gemeinsam mit dem Betriebsrat einen Tarifvertrag vereinbaren. Bisher scheiterten sämtliche Versuche, den Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu bekommen. Die Gewerkschaftsmitglieder zeigten deshalb am 13. Juni Flagge: Sie demonstrierten für einen Tarifvertrag, für gerechte Bezahlung und mehr Lebensqualität.

JAV-Konferenz zur Übernahme berlin-kleinmachnow | Die Übernahme der Auszubildenden sowie das Ziel der IG BCE, dazu Betriebsvereinbarungen abzuschließen, die Übergabe der JAV-Aufgaben nach den Wahlen im Herbst und schließlich der Übergang in die erwachsene Gewerkschaftsarbeit nach dem 25. Lebensjahr waren Themen der JAV-Konferenz des Landesbezirks. Intensive Diskussionen sorgten für ein gelungenes Treffen.

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vor ort Nordrhein N A M E N & N A C H RI C H TE N

Spiel des Lebens

Für Vielfalt und Toleranz

bostalsee | Perspektiven junger Menschen

duisburg | Für Rechtspopulisten ist in Duisburg kein Platz. Das zeigte der Arbeitskreis Migration des IGBCE-Bezirks Duisburg gemeinsam mit dem Bündnis »Für Toleranz und Zivilcourage« am 30. April. Anlass: das provokative Auftreten von »Pro NRW« im Vorfeld der Landtagswahlen. Unter dem Motto »Wir sind Duisburg« traten die Gewerkschafter gemeinsam mit dem Oberbürgermeisterkandidaten Sören Link und vielen Bürgerinnen und Bürgern für eine bunte, friedliche und tolerante Stadt ein.

Für Furore sorgte die Jugend des Landesbezirks Nordrhein mit ihrem »Spiel des Lebens« zu Perspektiven junger Menschen auf dem IG-BCE-Bundesjugendtreffen Ende Mai. Das Spiel zeigt, wie vielfältig und unsicher das Arbeitsleben verlaufen kann: Das Glücksrad entschied für die Teilnehmer, ob sie nach ihrer Ausbildung in unbefristeter oder prekärer Arbeit landen. Nur mit Glück, Fleiß und Weiterbildung wartet auf sie eine ausreichende Rente am Ende des Arbeitslebens. Auch musikalisch war der Landesbezirk Nordrhein erfolgreich: Seine Band Social Security gewann den Band-

Betriebsräte für Innovationen düsseldorf | Inno-

vation, Forschung und der Austausch von Arbeitswelt und Wissenschaft standen im Mittelpunkt einer Arbeitstagung der Betriebsrätearbeitsgemeinschaft Erdöl-, Kohle- und Grundstoffchemie. Kompetente Gesprächspartnerin der Betriebsräte war Svenja Schulze, NRWMinisterin für Innovation, Forschung und Wissenschaft.

Top Ten der Werber im Mai Platz 1: Horst Ruoff (8 geworbene Neumitglieder, Continental Aachen, Bezirk Alsdorf); Platz 2/3: Ernst Muders (7, Procter & Gamble Euskirchen, Köln-Bonn), Rüdiger Schleuter (7, Henkel, Düsseldorf); Platz 4: Harry Schubert (6, IG BCE Moers); Platz 5: Detlef Rimbach (5, TS Technologie+Service GmbH, Duisburg); Platz 6/7: Kurt Schüppenhauer (4, Evonik Industries Wesseling, Köln-Bonn), Ramazan Vardaroglu (4, Sachtleben Chemie Duisburg, Moers); Platz 8 bis 18: Wolfgang Benstöm (3, IVT Weiner und Reimann GmbH, Duisburg), Reiner Berns (3, Lanxess Krefeld, Moers), Daniel Galic (3, TMD Friction Services GmbH, Leverkusen), Helmut Hönig (3, Shell DO Wesseling, Köln-Bonn), Phu-Huong Quang (3, Akzo Nobel Packaging Coatings, Düsseldorf), Thomas Mockenhaupt (3, Trimet Aluminium AG, Duisburg), Markus Rocholz (3, Gerresheimer Essen GmbH, Duisburg), Michael Westmeier (3, Bayer Vital, Leverkusen), Josef Heffels, Wolfgang Klein, Joachim Wagner (je 3, alle Cinram GmbH, Alsdorf).

Weitere Infos im Internet: www.nordrhein.igbce.de

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Auch Michael Vassiliadis durchlief ein paar Stationen des »Spiel des Lebens« der Gewerkschaftsjugend Nordrhein.

wettbewerb mit dem Song »Spiel des Lebens«. »Der Song kam sowohl bei der Jury als auch beim Publikum super an«, sagte Thomas Neumann, Sekretär zur Ausbildung im Landesbezirk.

Zukunft vor Ort essen | Ministerpräsidentin Hannelore Kraft besucht Trimet

Bei einem Besuch der Trimet Aluminium AG informierte sich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) über die Alu-Produktion. In Schutzkleidung ließ sie sich kurz vor der Landtagswahl Mitte Mai die Abläufe in der Elektro- Ministerpräsidentin Kraft diskutierte bei lyse und der Gießerei Trimet über Herausforderungen der Enerzeigen. giewende für energieintensive Industrien. Kraft sprach auch die aktuellen Herausforderungen tion der CO2-Kosten und die an, die sich durch die Energie- Abschaltvergütung für enerwende für energieintensive gieintensive Unternehmen«. Industrien ergeben. Für das Kraft betonte, dass Trimet eiUnternehmen erneuerte Vor- ner der größten gewerblichen standsvorsitzender Martin Ausbildungsbetriebe in der Iffert die Forderung nach Region sei: »Investitionen in Entlastungsregelungen »zur junge Menschen und neue Sicherstellung eines wettbe- Produkte sind gleichermaßen werbsfähigen Strompreises, wichtig. So bleibt die Trimet insbesondere die Kompensa- zukunftsfähig.«


Perspektiven für NRW

N A M E N & N A C H RI C H TE N

leverkusen | Zukunft durch Industriepolitik

Freiheitsfest zum Verfassungstag

Auf Einladung des Landesbezirks Nordrhein diskutierten rund 80 Betriebsräte, Unternehmensmanager und Politiker am 4. Mai im Leverkusener Forum über die industriepolitischen Perspektiven Nord- Die Zukunft von NRW liegt in der Industrie: rhein-Westfalens. Darüber sind sich der SPD-Vorsitzende Industriepolitik zu Sigmar Gabriel, der SPD-Landtagsabgestalten sei eine der geordnete Rainer Thiel und der IG-BCEwichtigsten Aufgaben Landesbezirksleiter Reiner Hoffmann einig. der IG BCE Nordrhein, stellte Landesbezirks- Die wirtschaftliche Entwickleiter Reiner Hoffmann klar. lung zeige, dass es richtig war, Industriepolitik erlebe derzeit die Industrie mit ihren ineine Renaissance. Selbst novativen Potenzialen und Marktpolitiker wie Christian ihren guten Arbeitsplätzen in Lindner (FDP) stellten »in- Deutschland zu halten und dustriepolitische Programme« nicht allein auf »new econovor. Allerdings seien die Vor- my« und Dienstleistungen zu stellungen der IG BCE andere. setzen. Jetzt komme es darauf Industrie und ihre Leistung für an, dass die Politik gemeinGesellschaft, Umwelt, Wohl- sam mit Industrie, Gewerkstand und soziale Sicherung schaften und anderen gesellmüssten wieder in das Be- schaftlichen Gruppen eine wusstsein der Menschen ge- Industrie- und Energiepolitik rückt werden. »Industriepoli- aus einem Guss gestalte. Das will auch die Initiative tik ist mehr als Infrastrukturpolitik«, so Hoffmann. »Die »Zukunft durch Industrie«. industrielle Basis in unserem Wie Industrie, GewerkschafLand hat entscheidend dazu ten, regionale Politik, Wissenbeigetragen, dass wir relativ schaft sowie Umwelt- und glimpflich durch die Krise ge- Verbraucherverbände gemeinsam für Industriepolitik und kommen sind.« Diese Einschätzung teilte den Dialog darüber werben, auch Hauptredner Sigmar stellte ihr stellvertretender VorGabriel, Vorsitzender der SPD. sitzender Michael Walter vor.

duisburg | Zum »Fest der Freiheit« luden die IG-BCE-Ortsgruppe Duisburg und der Verein »Gegen Vergessen – für Demokratie« am Verfassungstag, dem 23. Mai, ein. Rund 300 Besucher feierten mit. Im Gesprächsforum »Duisburg Plural« diskutierten Vertreter der politischen Parteien neue Ansätze des interkulturellen Austauschs und der politischen Bildung. Die IG BCE informierte über den Tarifabschluss in der chemischen Industrie.

Neuer Vorstand gewählt voerde | Die Ortsgruppe

Voerde im Bezirk Duisburg hat einen neuen Vorstand. Theo Hüßkes, Betriebsratsvorsitzender bei Polytec Composites, ist Nachfolger des verstorbenen langjährigen Vorsitzenden

Michael Hörnig. Komplettiert wird der Vorstand durch Uwe Kleindienst (stellvertretender Vorsitzender), Michael van de Sand (Kassierer), Jürgen Grabo (Schriftführer) und Osman Cinkilic (Bildungsobmann).

Bodenzeitung als Blickfang herzogenrath

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Neue Formen der Öffentlichkeitsarbeit hat die IG-BCE-Ortsgruppe Herzogenrath-Würselen erprobt. Mit einer Bodenzeitung sorgte sie im Vorfeld des 1. Mai auf dem Herzogenrather Wochenmarkt für viel Aufmerksamkeit.

250 Jahre Schmachtendorf oberhausen | Mit ei-

nem selbst gebauten Wagen beteiligte sich die Ortsgruppe Oberhausen-Nord am Festumzug zur »250-Jahr-Feier Oberhausen-Schmachtendorf«. Der 1600 Meter lange Umzug legte eine Strecke von 4,5 Kilometern zurück und zog an 50 000 Zuschauern vorbei. Auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft fuhr einen Teil der Strecke in einer Kutsche mit.

EBR-Vorsitzender aus Walsum walsum | Nach Neuwahlen im Europabetriebsrat (EBR) von Norske Skog bilden der Deutsche Bernhard Graefenstein (Vorsitzender), der Norweger Paul Kristiansen (stellvertretender Vorsitzender) und der Österreicher Kurt Gindl (Schriftführer) den neuen Arbeitsausschuss. Am 10. Mai unterzeichneten der EBR und Sven Ombudstvedt, Geschäftsführer von Norske Skog, eine überarbeitete Fassung der EBRVereinbarung im Werk Walsum.

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vor ort Rheinland-Pfalz/Saarland NAMEN & NACHRICHTEN

Diskutieren und feiern

Neues Gesicht im Landesbezirk

bostalsee | Das Bundesjugendtreffen 2012 war ein Erfolg

mainz | Die Gewerkschaftsjugend in den

Gut 700 16- bis 25-jährige IG-BCEler aus ganz Deutschland zelteten ab Himmelfahrt vier Tage am Bostalsee. Sie diskutierten, schwammen, tanzten und stimmten über die beste Band ab. Jungen Vertretern der politischen Parteien demonstrierten sie ihren Willen zum Mitgestalten. Rund ein Zehntel der Teilnehmer kam aus RheinlandPfalz und dem Saarland. Sie hatten sich gut auf ein besonderes Diskussionsthema vorbereitet: die Sozialversicherungen (Renten-, Kranken-, Unfall-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung) und die soziale Gerechtigkeit. Aus den hier gewonnenen Anregun-

Bezirken Mainz und Ludwigshafen hat im Mai Verstärkung durch den 28-jährigen gelernten Chemikanten Marcel Prause (Foto) erhalten. Marcel startete sein gewerkschaftliches Engagement mit einer dreijährigen Mitgliedschaft in der Jugendund Auszubildendenvertretung (JAV) des Raffinerieunternehmens Bayernoil. Er studierte in Nürnberg mehrere Semester Verfahrenstechnik, gewann währenddessen weitere Erfahrungen als Teamer im Landesbezirk Bayern und war gleichzeitig Mitglied zweier Bezirksjugendausschüsse. Als JAV- und Jugendreferent ist er nun bis Ende 2013 im Landesbezirk tätig, vor allem für den Bezirk Mainz, aber auch für Klein- und Mittelbetriebe des Bezirks Ludwigshafen.

Ein beachtliches Ergebnis Flörsheim-Dalsheim | Schwierige Verhandlungen und

starke Unterstützung aus der Belegschaft führten bei der rheinhessischen Win Cosmetic jetzt zu einem Tarifkompromiss. Die Entgelte steigen mit dem Mai 2012 bis Ende Juli 2013 (15 Monate) je nach Entgeltgruppe um 4 bis 3,1 Prozent. Im August 2013 steigen sie für alle Entgeltgruppen um 3,2 Prozent bis Ende Juli 2014. »Solche guten Abschlüsse können nur durch eine starke Gewerkschaft zustande kommen«, stellte Verhandlungsführerin Petra Plantenberg (Bezirk Mainz) anschließend fest und appellierte an die nicht Organisierten, sich darüber ernsthaft Gedanken zu machen.

Ein trauriges Datum wiebelskirchen | Am letzten Tag des vergangenen Monats nahm die Geschichte des Saar-Bergbaus offiziell ihr Ende. Neben den großen Veranstaltungen aus diesem schmerzhaften Anlass fand die Trauerarbeit oft auch im kleineren Rahmen statt. So organisierte die Ortsgruppe Wiebelskirchen eine eigene Bergbauausstellung, in der es auch um die nahe Grube Kohlwald ging. Zur Eröffnung kamen rund 150 Bergleute und auch Bezirksleiter Dietmar Geuskens. Zu diesem Zeitpunkt weihte das Altersheim Annaheim gerade einen neuen Fahrstuhl ein. Das nahm die Ortsgruppe gemeinsam mit der Heimleitung zum Anlass, diesen Fahrstuhl vom anwesenden Geistlichen auf den Namen »Schacht V« taufen zu lassen – zum Gedenken an die Bergleute und die stillgelegten Schächte I bis IV.

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Der Grillschwenker kam vom FejoJugendtreff Ludwigshafen.

gen wollen sie nun einen Leitantrag für die Jugendkonferenzen formulieren, die im kommenden März anstehen.

Bewährtes Team bleibt am Ruder landau | Die aus 900

Mitgliedern bestehende Ortsgruppe gilt als sehr aktiv. Bei den Vorstandswahlen stellte sich der alte Vorstand komplett für weitere vier Jahre zur Wiederwahl (Foto). Die Mitglieder honorierten diese Kontinuität mit einstimmigen Wahlergebnissen. Als Vorsitzender wurde Georg Nägle gewählt, sein Stellvertreter ist Willi Seebach.

Beide haben auch langjährige Erfahrungen als Betriebsratsvorsitzende, die sie weiterhin in die Arbeit der Ortsgruppe einbringen.

Ein Fest vor dem Werktor annweiler | Die IG BCE und der Betriebsrat der Kartonfabrik Buchmann haben Mitte Juni ein Frühlingsfest für die Belegschaft ausgerichtet. Einen Sonnabend lang wurde von 11 bis 18 Uhr gegrillt

und geklönt. Es gab zwei Infostände, darunter einen der Gewerkschaftsjugend. Für Gespräche standen der Betriebsratsvorsitzende Willi Seebach und Gewerkschaftssekretär Matthias Hille bereit.


»Daumen hoch« Ingelheim | Phantasievolle Aktion zum Thema Übernahme

Mit der Aktion »Daumen hoch für Übernahme« und einer 30 Meter langen Tapete voller Daumenabdrücke appelliert die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) von Boehringer Ingelheim an die Geschäftsleitung des Arzneimittelkonzerns. Grund: Zwar bildet Boehringer hervorragend aus und hat die Zahl der Ausbildungsplätze stark erhöht. Aber nur extrem wenige Ausgelernte bekommen im Anschluss eine feste Stelle. Alle anderen erhalten zunächst nur einen befristeten Vertrag, also eine Arbeit auf Probe. Die Mehrheit von ihnen kann erst danach mit einer festen Stelle rechnen. Viele aber wollen nicht so lange warten und lassen sich »mit besseren Verträgen von anderen abwerben«, klagt der JAV-

 Fragen an

Katja Marx

Katja Marx, Betriebsratsvorsitzende bei Zschimmer & Schwarz in Lahnstein und Mitglied in der Bundestarifkommission Chemie, setzt den neuen Tarifvertrag um.

Eindeutige Zustimmung für eine bessere Übernahme.

Vorsitzende Alexander Berg. Und er nennt es selbstverständlich, »dass Mitarbeiter mit einer gesicherten und damit planbaren Zukunft motivierter und leistungsfähiger sind«.

Zeichen gesetzt wirges | Seniorentag fordert aktive Teilhabe

Stadtbürgermeister Renato Noll und die Landtagsabgeordnete Tanja Machalet. Hauptredner aber war Jörg Leveringhaus, der Abteilungsleiter Vertrauensleute, Ortsgruppen, Regionalforen der IG BCE. Es ging um das neue Versorgungsstrukturgesetz der Krankenversicherung, um ärztliche Unterversorgung sowie den Abbau sozialer Leistungen. Der Vortrag führte zu lebhaften Diskussionen und zeigte: Die SenioDie Senioren zeigten ihren Willen, infor- ren wollen aktive Teilhabe. miert zu sein und mitzureden.

Fast 500 aktive und ehemalige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, aber auch Betriebsräte und Vertrauensleute nahmen am Seniorentag der IG BCE Neuwied-Wirges teil. Es sprachen der Bezirksleiter Holger Zimmermann, der

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Wie war im Betrieb das Echo auf den Chemietarifabschluss? Sehr erfreulich. Viele Kolleginnen und Kollegen hatten der Gewerkschaft schon während der Verhandlungen den Rücken gestärkt. Ich selbst war auf dem Gelände immer wieder persönlich ermuntert worden, für ein gutes Ergebnis einzutreten. Offensichtlich mit Erfolg. Hatte es auch sonst Aktionen gegeben? Wir sind zum Beispiel in nennenswerter Zahl nach Ludwigshafen gefahren, zu der Großkundgebung Mitte Mai mit 15 000 Teilnehmern. Das war eine beeindruckende Veranstaltung. Was sind jetzt die vordringlichsten Aufgaben des Betriebsrats? Sorgen machen uns die über 55-Jährigen. Seit es keine Altersteilzeit mehr gibt, müssen immer mehr von ihnen länger körperlich tätig sein. Das ist ein Gesundheitsproblem. Wir wollen deshalb auch die Alterskomponente des neuen Tarifvertrags nutzen. Was wir aber jetzt möglichst schnell umsetzen müssen, ist schlicht eine geschicktere Arbeitsaufteilung. Und die Jüngeren? Bei uns gibt es 35 Auszubildende. Sie werden bei persönlicher Eignung alle übernommen. Gibt es Probleme mit Zeitarbeitskräften? Nein, es gibt hier kaum Leiharbeit; und wenn doch, dann nur, weil jemand kurzfristig ausfällt. Bewährt sich die Ersatzarbeitskraft, wird sie im Normalfall auch übernommen. War das auch in der Krise so? Das Unternehmen stellt Chemiespezialitäten für unterschiedliche Branchen her. Wenn bisher Kunden aus der einen Branche ausfielen, konnten wir das meist mit Aufträgen für andere Branchen ausgleichen.

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vor ort Westfalen

Jetzt übernehmen wir

N A M EN & N A C H R I C HTEN

Betriebsräte-Vollkonferenz

Bostalsee | Landesbezirk beim Bundesjugendtreffen

lünen | Mehr als 200 Betriebsräte

IG-BCE-Landesbezirk Westfalen »Zukunft 2.0 – Jetzt übernehmen wir!« – unter diesem Motto trafen sich mehr als 700 Jugendliche beim Bundesjugendtreffen am Bostalsee im Saarland. Der Landesbezirk Westfalen war aktiv dabei. So stellten die Jugendausschüsse der Bezirke Westfalens auf einer Landkarte (Foto) ihre Vorstellungen zur »Zukunft der Industrie« im Landesbezirk Westfalen dar. Beim Band- der Firma Dörken, mit ihrem contest für den Jugendsong Lied »Ein besseres Leben« für der IG BCE belegte »Madness den Landesbezirk Westfalen Prime«, die Azubi-Formation den zweiten Platz.

und JAV-Mitglieder des Bezirks Dortmund-Hagen kamen am 1. Juni zur diesjährigen Betriebsräte-Vollkonferenz. Kurt Hay (Foto), Leiter des IG-BCE-Landesbezirks Westfalen, unterstrich die Rolle der Mitbestimmung in Deutschland: »Wir feiern den 60. Geburtstag der Mitbestimmung. Die gute wirtschaftliche Stellung Deutschlands innerhalb Europas und in der Welt ist nicht trotz der Mitbestimmung, sondern durch die Mitbestimmung und durch das verantwortliche Handeln der Betriebsräte begründet.« Hay kritisierte die Bundesregierung hinsichtlich der Umsetzung der Energiewende. Es gebe ein Durcheinander in den politischen Zuständigkeiten mit der Folge eines enormen zeitlichen Verzuges notwendiger Maßnahmen.

Heinrich Imig geehrt Foto: Thomas Steinberg

essen | Eine Straße des UNESCO-Weltkulturerbes Zollverein trägt nun seinen Namen: So ehrt Essen den früheren Vorsitzenden des Internationalen Bergarbeiterverbandes, Heinrich Imig (1893–1956). Als Bergmann und Betriebsrat war Imig der Schachtanlage Zollverein eng verbunden. Zu seinem Andenken lud das IG-BCE-Regionalforum Essen zu einer Feierstunde auf der Kokerei Zollverein. Im Bild (von links): Bezirksbürgermeister Michael Zühlke, IG-BCE-Landesbezirksleiter Kurt Hay, Rudolf Jelinek, Erster Bürgermeister der Stadt Essen, und Hermann Marth, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein.

Bergbau heute – wozu? Bochum | Neue Dauerausstellung des Bergbaumuseums

Einen Einblick in die Bedeutung des ältesten Wirtschaftszweiges der Welt bietet das Deutsche Bergbau-Museum (DBM) in Bochum mit der neu gestalteten Dauerausstellung »Bergbau heute – wozu?« auf rund 280 Quadratmetern Fläche. Die moderne Gestaltung der Halle korrespondiert

Klausurtagung zum Mindestlohn Ahlen | Die IG BCE Ahlen befasste sich auf einer Klausur-

tagung in Winterberg mit dem gesetzlichen Mindestlohn. Gert Hauke vom IG-BCE-Bezirk Hamm schilderte die unterschiedlichen Löhne in Ost und West. Hauke: »Es kann nicht sein, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei voller Arbeitszeit noch zum Amt gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.« Darum müsse der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde immer dort eingeführt werden, wo es keine Tarifverträge gebe. Leiharbeiter müssten beim selben Arbeitgeber das gleiche Entgelt bekommen wie ihre dort festangestellten Kollegen.

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mit der Vielfalt der Themenbereiche. Als Blickfang präsentiert das DBM ein aufgeschnittenes Automobil (Foto), das die vielfältig eingesetzten Roh- und Wertstoffe zeigt. Damit wird

die Wichtigkeit des Bergbaus besonders deutlich, da jedes Auto zu fast 90 Prozent aus Bergbauprodukten besteht. Nach 25 Jahren ist der mehrfach ausgezeichnete Museumsdirektor Prof. Dr. Rainer Slotta (kleines Foto links außen) in den Ruhestand gegangen. Seinen verantwortungsvollen Posten im größten Bergbaumuseum der Welt übernahm Dr. Stefan Brüggerhoff (kleines Foto links), seit 2000 als stellvertretender Direktor zuständig für die Forschungsbereiche des Museums.


Kraftvolle Aktionen

N A M EN & N A C H R I C HTEN

marl | Demos begleiteten Chemietarifrunde

Standort in Bewegung

Von nichts kommt nichts: Ohne eindrucksvolle Aktionen wie die zentrale Tarifdemonstration des Landesbezirks Westfalen am Chemiepark Marl wäre der gute Tarifabschluss in der Chemie nicht so schnell zustande gekommen. Viele Hundert Kolleginnen und Kollegen zeigten den Chemiearbeitgebern bei der Tarifdemo in Marl mit pfiffigen Slogans wie »Geiler als Geiz – Tariferhöhung!« (Foto), wie ernst es ihnen mit

marl | 19 500 Euro für einen guten Zweck – stolze Bilanz des traditionellen IG-BCELauffests »Standort in Bewegung«. Bei den bisherigen zehn Veranstaltungen kamen bereits rund 150 000 Euro als Spenden zusammen. Organisatoren waren die IG-BCEVertrauensleute des Chemieparks Marl sowie des Bergwerks Auguste Victoria in Marl und Haltern. In diesem Jahr geht der Erlös an das »esm-Jugendbüro für Prävention und Handlungskonzepte gegen Gewalt« in Marl. »So kommen wir unserer sozialen Verantwortung für die Menschen in der Region nach und unterstützen Projekte für Kinder und Jugendliche, welche bei der eher angespannten finanziellen Situation der Kommunen oft zu kurz kommen«, so der Leiter des IG-BCE-Bezirks Recklinghausen, Karlheinz Auerhahn.

den berechtigten Forderungen der IG BCE gewesen ist, die schließlich zu dem guten Ergebnis geführt haben. Zahlreiche Aktionen in den fünf Bezirken des Landesbezirks Westfalen unterstützten die IG-BCE-Verhandlungskommission.

»Frauen werben Frauen« geht weiter bochum | Die erfolgreiche IG-BCE-Werbeaktion »Frauen werben Frauen« wird in diesem Jahr im Landesbezirk Westfalen fortgesetzt. Unter dem Motto »Frauen geben den Ton an« fordert der Landesbezirksfrauenausschuss alle Frauen auf, sich bis zum

31. Oktober 2012 an dieser Aktion zu beteiligen. Heike Arndt, stellvertretende Landesbezirksleiterin: »Jede erfolgreiche Werberin kann ein Event-Wochenende vom 7. bis 9. Dezember in Hamburg gewinnen. Also mitmachen und uns Frauen damit gemeinsam stärken!«

Industriepolitische Perspektiven Leverkusen | »Gute Indus-

Formel brachte Reiner Hofftrie – Gute Arbeit – Gute Ent- mann, Leiter des IG-BCElohnung« – auf diese griffige Landesbezirks Nordrhein, das Ergebnis einer Fachtagung, die sich mit industriepolitischen Perspektiven für Nordrhein-Westfalen beschäftigte. Die Teilnehmer waren sich einig: Industriepolitik Aus dem Landesbezirk Westfalen dabei muss mit der Industrie (von links): Gerd Ribbeheger, Sigrid und gesellschaftlichen Kappe, Cornelia Stockhorst-Köthe, Ralf Gruppen gemeinsam gestaltet werden. Danszczyk und Heike Arndt.

Drachenbootrennen

borken | Das Drachenbootrennen Nummer 5 hatte bei herrlichem Wetter wieder zahlreiche Besucher an den Pröbstingsee gelockt, wo auch die IG-BCE-Ortsgruppen des Regionalforums West mit einem Boot an den Start gingen. Das IG-BCE-Team nahm zum zweiten Mal an dem Rennen teil und konnte sich durch ein intensiveres Training trotz starker Konkurrenz um stolze neun Plätze verbessern.

Willkommen in Almanya Gladbeck | »Willkommen in Gladbeck« und »Hände« hei-

ßen die beiden Ausstellungen, die unter Mitwirkung der REVAG und der IG BCE im Foyer des Gladbecker Neuen Rathauses zu sehen sind. Dazu luden das IG-BCE-Regionalforum und der Alevitische Kulturverein zu einem gemeinsamen Filmabend ein. Gezeigt wurde der 2011 erfolgreich in den Kinos angelaufene Film »Almanya. Willkommen in Deutschland«. Er thematisiert auf tragikomische Art und Weise die Frage von Heimat und Identität der türkischen Gastarbeiter. Walter Hüßhoff, Vorsitzender der IG-BCEOrtsgruppe Gladbeck: »Das IG-BCE-Regionalforum und der Alevitische Kulturverein setzen mit diesem Abend ihre erfolgreiche Zusammenarbeit fort.«

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vor ort westfalen

Bockum-Hövel

Minister Stein

Zahlreiche Jubilare konnte die Ortsgruppe Bockum-Hövel auszeichnen. Lothar Wobedo, Leiter des Bezirks Hamm, hob in seiner Festrede fünf Kollegen hervor, die bereits seit 75 und seit 70 Jahren Mitglieder der Gewerkschaft sind: Heinz Hansen, Erwin Tietz (75 Jahre) sowie Wilhelm Montag, Arno Potschies und Helmut Stolle (70 Jahre). Seit 65 Jahren dabei sind Heinrich Bramstedt, Franz Brüchler, Heinrich Haehnel, Heinrich Jurasczyk, Alfred Kovacs, Günter Mann, Fritz Martschinke, Friedhelm Meusel, Theodor Rother, Werner Stiller, Hans Wolter, und Hubert Zimny. Für 60-jährige Mitgliedschaft geehrt wurden Horst Hanisch, Arnold Lippold, Helmut Loeffler, Ewald Sadowsky und Dieter Winterstein. Seit 50 Jahren in der Gewerkschaft sind Dieter Espenhain, Manfred König, Hans-Werner Porzelt und Horst Tecklenburg. Auf ihre 40-jährige Mitgliedschaft zurück blicken Halil Bakir, Ramazan Bulut, Abdullah Celayir, Ünal Cufali, Jürgen Dieckmann, George Hasche, Ahmet Kocdemir, Franz Liebold, Helmut Mersmann, Hermann Owczarski, Halil Özmen, Mehmet Partlak, Jürgen Pukass, Manfred Sieber, Helmut Voelker und Günter Wiesniewski.

Die Angestellten-Ortsgruppe Minister Stein ehrte ihre Jubilare in einer Feierstunde. Der Vorsitzende Rüdiger Nowakowski erinnerte an Ereignisse der Eintrittsjahre der Jubilare. Für 70-jährige Mitgliedschaft wurde Werner Schmidt besonders ausgezeichnet. Seit 60 Jahren sind Josef Bublies, Friedrich Buerhaus, Ernst Grote, Hermann Gruene, Norbert Kleff, Ludwig Lange, Wolfgang Losch, Georg Michna, Hubertus Nitze, Friedrich Reinemann, Dieter Richter, Armin Steltmann, Gerhard Szponik und Edmund-Heinrich Werner Mitglied, seit 50 Jahren Heinrich Bons, Dieter Heyden, Bernhard Kauling; Ulrich Kneisel, Robert Loch und Georg Seiler. Jürgen Ükermann ist seit 40 Jahren dabei.

Rotthausen

Die Ortsgruppe Rotthausen ehrte ihre Jubilare in alter Tradition in der Gelsenkirchener Gaststätte »Haus Dahlbusch«. Sven Schnigge vom Bezirk Gelsenkirchen und Ernst Majewski, Vorsitzender der Ortsgruppe, sowie seine Stellvertreterin Edelgard Sochaczewski ehrten die Jubilare. Seit 60 Jahren in der Gewerkschaft sind Josef Monroch, Edmund Smolinski und (im Rollstuhl) Bernhard Wissing. Für ihre 50-jährige Mitgliedschaft geehrt wurden Heinz Ortkamp, Helmut Schydlowski und Rainer Stall. Seit 40 Jahren dabei sind Uwe Kipp, Carlo Ruttkowski und Wilfried Starke.

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Herbern/Lüdinghausen

Auf eine 70-jährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft blickt Erwin Lind zurück. Der vitale 90-Jährige lebt in einem Altersheim in Datteln. Dort gratulierte ihm Michael Schulte, Vorsitzender der Ortsgruppe Herbern/Lüdinghausen, im Namen des IG-BCE-Hauptvorstandes. 1937 begann Erwin Lind seine Ausbildung als Dreher. Später war er im Schiffshebewerk Henrichenburg tätig. Anschließend arbeitete er als Sportlehrer beim Berufskolleg Bergkamen, das für die berufsschulische Ausbildung des bergmännischen Nachwuchses im östlichen Ruhrgebiet zuständig ist.

Lennestadt

Auf der Jubilarfeier der Ortsgruppe Lennestadt ehrten Ortsgruppenvorsitzender Gottfried Spies und Axel Wolf, stellvertretender Leiter des Bezirks Dortmund-Hagen, Alfred Henke, Rudi Hoffmann, Helmut Loos, Josef Siebert, Clemens Soest und August Sternberg für 60 Jahre Mitgliedschaft. Seit 50 Jahren sind Paul-Peter Dommes, Manfred Grobbel, Horst Menzel und Gerd Rademacher Mitglied, seit 40 Jahren Reiner Heidschötter, Horst Miske und Berthold Schöttler.


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Einer von uns

klaus weiner ist gerne Fotos (2): Dennis Börsch

Instandhaltungsmeister in der Stromversorgung bei LyondellBasell. Seine Leidenschaft aber gilt dem Pilates, das er als Trainer mit Hingabe lehrt.

Mit Hand und Fuß im Fluss

M

al eben auf dem Küchenfußboden zeigen, was der Unterschied zwischen einer typischen Bauch-Beine-Po-Übung und der effektiveren, konzentrierteren Pilates-Variante ist? Für Klaus Weiner kein Problem. Der 45-Jährige, der beim Kunststoffhersteller

noch die Trainerlizenz des Landessportbunds. Per Zufall kam der Euskirchener im Rahmen der Ausbildung zum Lehrtrainer mit dem Pilates in Berührung. Sofort sprang der Funke über. »Nach 15 Minuten hatte ich nur noch Schmerzen. Da hat mich der Ehrgeiz ge-

»Gesundheitssport zu lehren und zu leben ist für mich mehr als ein Ausgleich.« LyondellBasell in Wesseling als Instandhaltungsmeister arbeitet, beherrscht beides. Pilates aber betreibt und lehrt er nicht nur – er lebt es. Begonnen hat die Beschäftigung mit der Körpertrainingsmethode vor vier Jahren. »Ich wollte an der Stadt-Volkshochschule bei uns im Ort Selbstverteidigungskurse anbieten«, sagt Weiner. Die nötige Erfahrung hatte der ausgebildete Taekwondo-Meister. Aber es fehlte 30 | kompakt | Juli/August 2012

packt«, erinnert sich Weiner. Bei dem nach dem Möchengladbacher Joseph Hubert Pilates benannten Ganzkörpertraining werden einzelne Muskelpartien sehr gezielt aktiviert, entspannt und gedehnt. Nicht die Quantität, sondern die Qualität der Übungen zählt, das macht sie so effektiv. 19 Volkshochschulsemester arbeitet Weiner mittlerweile als Pilates-Trainer. Die Faszination ist geblieben. »Man

braucht kein Hochglanzstudio, sondern nur die Matte, Konzentration, Disziplin, Vorstellungsvermögen und den Atem«, fasst Weiner zusammen. »Der Rest ist fließende Bewegung.« Alleine zu trainieren kam für den Elektrotechniker nie infrage. »Ich brauche die Leute um mich herum. Die Bestätigung.« Vor allem aber möchte er seine Begeisterung weitergeben. Regelmäßig qualifiziert sich Weiner weiter. »Wenn ich etwas mache, muss es Hand und Fuß haben.« An dieser Maßgabe hat sich der Vater einer Tochter und junge Großvater sein Leben lang beruflich und privat ausgerichtet: 2013 sind er und seine Frau 25 Jahre verheiratet. Und er ist dann seit 30 Jahren IG-BCEMitglied. Julia Osterwald

Für kompakt@igbce.de hat Klaus Weiner zwei leichte Pilates-Übungen zum Nachmachen vorbereitet – im Büro oder zu Hause.


Tendenzen Energiewende

Wende Marsch!

die zustimmung zur Energie-

wende ist ungebrochen. Doch die Kritik an der Umsetzung wächst. Der »Deutsche EnergieKompass« gibt Aufschluss über Stimmungen und Einschätzungen in der Bevölkerung und den Unternehmen.

Foto: picture alliance/Bildagentur-online

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TENDENZEN Energiewende

Goshi Hosono, Japans Umwelt- und Staatsminister für die Organisation zur Unterstützung von Entschädigungen für Atomkraftschäden, besichtigt im Mai 2012 Fukushima I.

Foto: Toshiaki Shimizu/dpa

Zurück in die Zukunft R

ückblende: Im März 2011 bebte 163 Kilometer nordöstlich des japanischen Kernkraftwerks Fukushima I der Meeresboden. Sekunden später erreichten die Primärwellen des Bebens das Kraftwerkgelände. Knapp eine Stunde nach dem Erdbeben trafen Tsunamiwellen das Kraftwerk. In den kommenden Stunden schmolzen die Kerne in den Reaktoren und einen Tag nach dem Seebeben explodierten die Blöcke 1 bis 4. Die medialen Schockwellen der »Nuklearkatastrophe von Fukushima« erreichten in Echtzeit das Kanzleramt in Berlin. Und nachdem die

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Berliner Koalition im Herbst 2010 noch eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke beschlossen hatte, vollzog die schwarz-gelbe Koalition einen Rückwärtssalto, kündigte den mühsam erzielten, parteiübergreifenden Atomkonsens von 2000 auf und gab einen dramatischen Richtungswechsel vor. Ziel von CDU und FDP war nun ein stufenweiser Ausstieg – 2022 sollte der letzte Meiler vom Netz gehen. Dafür fand sich im Bundestag eine breite Mehrheit. Mit ihrer Kehrtwende machte die Koalition den Weg frei für die Energiewende: Neben dem Aus für die Kern-

energie soll der Kohlendioxidausstoß weiter kräftig verringert werden, vor allem durch den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ein Riesenprojekt, das weltweit seinesgleichen sucht. Die Energiewende ist für die IG BCE

ein Thema ersten Ranges: Zum einen organisiert die Gewerkschaft die Beschäftigten in der Energieerzeugung, in der Fotovoltaik genauso wie im Braunkohlenbergbau oder in den Raffinerien. Zum anderen arbeiten die meisten IG-BCE-Mitglieder in energieintensiven Branchen. Das gilt für die Chemie-, Pa-


Energiewende: Kritik an Bundesregierung groß

Netzausbau und Stromspeicher am wichtigsten

Anteil der Bevölkerung und der Unternehmen, die die Entscheidung zur Energiewende und die daraus folgenden Maßnahmen der wichtigen Akteure als sehr gut oder gut bewerten (in Prozent)

Wichtigkeit von diversen Maßnahmen zur Energiewende und Beurteilung ihrer Umsetzung durch die Bevölkerung (in Prozent)

Bevölkerung

Wichtigkeit

sehr gut

gut

Unternehmen

Bewertung der Entscheidung zur Energiewende Beurteilung der . . . Maßnahmen der 2 Bundesregierung Einsatz der 4 Energieerzeuger 1

20 13

gut

41

26

30 31

24

sehr wichtig

Leitungsnetze für Zulieferungen aus Sonne, Wasser, Wind ausbauen

5

Stromspeicher für Zulieferungen aus Sonne, Wasser, Wind ausbauen

5

Planungssicherheit für Energie-Investitionen/Standort Deutschland stärken

5

Verbraucherpreise erhöhen, 2 4 um Anreize zum Energiesparen zu geben 12

46 38

Deutscher Energie-Kompass 2012 – eine Untersuchung von TNS Infratest im Auftrag der IG BCE

pier- und Glasindustrie, für die Kautschuk- und Kunststoffbetriebe und nicht zuletzt für die Aluminium- und Kupferproduktion. Genau diese Branchen liefern die Grundstoffe und Produkte, die eine erfolgreiche Energiewende überhaupt erst ermöglichen. Dazu zählen etwa Spezialkleber und Kunststoffe für Rotorblätter von Windkraftanlagen. Die IG BCE hat sich von Anfang an in die gesellschaftliche Debatte um die Energiewende eingemischt, so vertrat der Vorsitzende Michael Vassiliadis in der »Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung« die gewerkschaftlichen Positionen. Die Energiewende ist machbar, davon ist die IG BCE nach wie vor überzeugt. Aber dieses Projekt ist nicht durch einen schnellen Beschluss erledigt, vielmehr reicht die Perspektive bis zur Mitte des Jahrhunderts: Es geht um nichts weniger als den Komplettumbau der Energieversorgung und der gesamten Wirtschaftsstruktur. »Das kann nur erfolgreich sein«, so Vassilliadis, »wenn wir die Leistungsfähigkeit unseres Landes nicht überfordern und auf soziale Ausgewogenheit achten.« Die Energiewende braucht also einen Begleitprozess, um der Herausforderung gerecht werden zu können. Ein wichtiges Element dabei ist der »Deutsche Energie-Kompass 2012«. Das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest hat im Auftrag der IG BCE eine repräsentative Befragung durchgeführt. Mit diesem breiten dfdsfMeinungsbild der Bevölkerung und Unternehmen werden nicht nur die dfsfsdf aktuellen Einschätzungen zur Energiewende wiedergegeben, sondern zugleich

äußerst wichtig

sehr gut

gut

21

40

22

21 17 16

39

28

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22

Deutscher Energie-Kompass 2012 – eine Untersuchung von TNS Infratest im Auftrag der IG BCE

Zukunftsaufgabe Wichtigste Zukunftsaufgaben des Staates aus der Sicht der Bevölkerung und der Unternehmen (in Prozent) Bildungspolitische Investitionen

61 61

Abbau der Staatsverschuldung

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Umsetzung der Energiewende

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Förderung von Wirtschaft und Innovationen Bevölkerung 28 Unternehmen 47 Sozialpolitische Leistungen erweitern

2

Umsetzung

40

23

Anstrengungen 3 der Wirtschaft 4 Bemühungen privater 7 Haushalte 2

sehr gut

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Deutscher Energie-Kompass 2012 – eine Untersuchung von TNS Infratest im Auftrag der IG BCE

gesellschaftliche Richtwerte und damit eine politische Orientierung für den weiteren Prozess geliefert. Die Zustimmung zur Energiewende ist nach wie vor außerordentlich hoch. Das gilt gleichermaßen für die Bevölkerung (66 Prozent) wie für die Unternehmen (61 Prozent). Aber eine breite Mehrheit ist unzufrieden mit der Umsetzung der Energiewende. Nur 25 Prozent der Bürgerinnen und Bürger und 13 Prozent der Unternehmen sind zufrieden damit, wie die Bundesregierung die Energiewende angeht. Ein Grund für diese kritische Bewertung liegt darin, dass die soziale Dimension der Energiewendedfdsf von der Politik kaum thematisiert wird,dfsfsdf obgleich sie für die Menschen von großer Bedeutung ist. So sind für je 72 Prozent der Befragten

die Ziele »Gute Arbeitsplätze schaffen und sichern« sowie den »CO2-Ausstoß zum Klimaschutz vermindern« von gleichrangiger Bedeutung. Kaum jemand hält noch etwas davon, mit weiter steigenden Verbraucherpreisen zusätzliche Anreize zum Energiesparen zu geben. Für Bevölkerung und Unternehmen sind mehr Bildungsinvestitionen und der Abbau der Staatsverschuldung die wichtigsten Aufgaben der Zukunftssicherung. Die Energiewende kommt auf Platz drei – und mit 61 Prozent wird Bildung fast doppelt so häufig als wichtig bezeichnet wie die Energiewende mit 32 Prozent. Die Bundesregierung erklärt nach

wie vor nicht, wie sie den offenkundigen Zielkonflikt lösen will«, kritisiert Vassiliadis. »In Bildung investieren, die Staatsverschuldung abbauen und Milliarden für eine neue Energieversorgung ausgeben – und das alles gleichzeitig. Wer das nicht thematisiert und überzeugende Antworten gibt, der gefährdet mittelfristig die Akzeptanz des Zukunftsprojekts Energiewende.« Der IG-BCE-Vorsitzende forderte die Regierung auf, aus der Energiewende ein Modernisierungs- und Gemeinschaftsprojekt zu machen. »An den Menschen und den Unternehmen wird die Energiewende nicht scheitern, das ist die gute Nachricht«, so Vassiliadis. »Aber sie muss so gestaltet werden, dass sie Wettbewerbsfähigkeit und Planungssicherheit für die Unternehmen ermöglicht und mit der Schaffung und Sicherung Guter Arbeit einhergeht. Da bleibt für die Politik noch viel zu tun.« cch/md kompakt | Juli/August 2012 | 33


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TENDENZEN FrauenTag der IG BCE

Frauen vor Mit einer Selbstverpflichtung, vielen spannenden Diskussionen und zahlreichen Workshops ging Mitte Juni der 4. Frauentag der IG BCE in Hannover erfolgreich zu Ende.

U

nübersehbar, in großen Lettern und auf grünem Hintergrund, soll die »Charta der Gleichstellung« täglich daran erinnern, wo es bei der Chancengleichheit von Männerrn und Frauen noch hakt. Verabschiedet wurde die Erklärung auf dem 4. Frauentag der IG BCE. Drei Tage lang diskutierten rund 400 Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland über Weichen der gewerkschaftlichen Frauenpolitik. Mit der Enthüllung des Riesentransparents an der Fassade der Hauptverwaltung

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der IG BCE in Hannover macht die gesamte Organisation deutlich: Ziel ist eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer die gleichen Entwicklungs- und Teilhabechancen haben (mehr zur Charta, siehe Kasten). »Es ist ein Skandal, dass wir bei der Gleichstellung von Frauen nicht weiter sind«, mit diesen Worten richtet Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, einen kritischen Blick in die Wirtschaft.So bedeutet die Zustimmung der Wirtschaft zu Chancengleicheit noch lange nicht,

dass sie auch in den Betrieben umgesetzt wird. »Immer, wenn es konkret wird, heißt es, leider sei dies gerade schwierig«, kritisiert Edeltraud Glänzer, IG-BCE-Hauptvorstandsmitglied. An den oberen Karrierestufen werden die Defizite der Gleichstellung und die Ungerechtigkeit der Chancen besonders offensichtlich. Lediglich drei Prozent der Vorstände deutscher Unternehmen sind gemischt geschlechtlich besetzt. Doch es geht nicht nur um Vor-


400 Teilnehmerinnen waren für drei Tage nach Hannover gekommen, um die zukünftige Frauenpolitik der IG BCE zu diskutieren.

stände und Aufsichtsräte. Die unterschiedlichsten Führungsfunktionen auf den verschiedensten Ebenen in Betrieben und Gesellschaft sind genauso häufig in Männerhand wie Spitzenpositionen. »Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist es unverantwortlich, die Potenziale der Frauen nicht zu nutzen«, mahnt Vassiliadis die Unternehmen. Die Lösung des Problem liegt für Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen in einer gesetzlichen Quote von 30 Prozent in Aufsichtsräten. Familienund Frauenministerin Kristina Schröder fordert hingegen eine Flexiquote kombiniert mit freiwilligen Zielvereinbarungen. »Die Debatte um die Quote und das Ministerinnenhickhack haben uns kein Stück weitergebracht«, betont Edeltraud Glänzer und macht deutlich: »Mit einer gesetzlichen Quote ist die Gleichstellung nicht zu verwirklichen.«

Der IG-BCE-Frauentag hat eine Charta der Gleichstellung verabschiedet. Damit verpflichten sich die Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen, Maßnahmen und Instrumente zu entwickeln und umzusetzen, die die Chancengleichheit fördern. Dazu gehören neben einer existenzsichernden Arbeit auch lebensphasenorientierte Arbeitszeiten. Mit der Charta verpflichtet sich die Industriegewerkschaft zudem, mit den Partnern aus Politik, Wirtschaft und Verbänden für mehr Frauen in Führungspositionen zu sorgen und Netzwerke für Frauen zu bilden und zu unterstützen. Mehr Infos: www.igbce.de

faire Arbeitsbedingungen – für Gute Arbeit eben. Für ein klares Nein zum Betreuungsgeld sprach sich Edeltraud Glänzer gleich zu Beginn der Tagung aus und machte als Position der IG BCE deutlich, das Geld lieber in öffentliche frühkindliche Förderung zu investieren.

Fotos (7): Michael Cintula

Einig waren sich die Teilnehmerinnen vor allem darin, dass die IG BCE mit ihrer Frauenpolitik und beim Thema Gleichstellung und Gerechtigkeit auf dem richtigen Weg ist. Mit vielen gezielten Projekten hat die IG BCE in den vergangenen Jahren Unternehmen erforscht und gezielt angesprochen, um zu untersuchen, woran es bei der Gleichstellung noch hakt. Glänzer: »Wir haben karrierefördernde Netzwerke aufgebaut, Personalentwicklungskonzepte erarbeitet und damit die Nase vorn bei vielen Unternehmen.« Doch Frauen ziehen oftmals nicht nur bei der Karriere den Kürzeren, sie sind auch deutlich häufiger von prekärer Arbeit betroffen als Männer. Immerhin jede zweite Neueinstellung in Deutschland ist befristet, die Mehrzahl dieser Jobs ist mit Arbeitnehmerinnen besetzt. Zwei Drittel der Minijobs werden von Frauen verrichtet, zwei Drittel der Niedriglohnempfänger sind weiblich. Eines wird deutlich: Gleichstellungspolitik ist vor allem auch eine Politik für gerechte und existenzsichernde Bezahlung, gleiche Entwicklungschancen und

Charta der Gleichstellung

Nicht nur von anderen fordern, sondern Vorbild sein – das ist das Prinzip der IG BCE. Das Ziel ist klar formuliert: 30:30:30 bis zum Jahr 2020. Das heißt, jeweils 30 Prozent Frauenanteil im politischen Bereich, in den Führungspositionen und in den von der IG BCE zu benennenden Aufsichtsräten. So stieg der Anteil der Frauen in den Betriebsräten von 35 Prozent in 2010 auf 37 Prozent heute. Und auf der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat bestimmen mittlerweile 23 Prozent Frauen die Geschicke der Unternehmen mit. Auch der Anteil weiblicher Mitglieder in der IG BCE soll mittelfristig auf 30 Prozent steigen. Aktuell liegt der gewerkschaftliche Frauenanteil bei 20 Prozent. Doch bei den Neueintritten liegt er bereits bei rund 27 Prozent. Und so macht Edeltraud Glänzer zum Ende der Tagung deutlich: »Die Zeit ist reif für Gleichstellung, wir setzen uns dafür ein.« Andrea Lammert/red kompakt | Juli/August 2012 | 35


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TIPPS Gebäudesanierung

ein Blockheizkraftwerk in den Keller stellen und eine Photovoltaikanlage aufs Dach setzen: Viele Hausbesitzer planen diese und weitere Maßnahmen, um den steigenden Energiekosten ein Schnippchen zu schlagen. Worauf aber muss man achten? kompakt fasst die wichtigsten Punkte zusammen und erklärt auch, worauf man als Mieter achten muss, wenn der Vermieter Modernisierungen plant.

D

as ganze Haus auf den Kopf stellen, um Strom zu sparen? Für immer mehr Hauseigentümer in Deutschland lohnt sich das. Denn 70 Prozent der Energie werden hierzulande in Gebäuden und im Verkehr verbraucht. Dabei entfallen rund 40 Prozent des Energieverbrauchs auf das Heizen von Räumen und Wasser, zwei Drittel davon in Privathaushalten. Wer als Hausbesitzer seinen Energiebedarf senken will, für den lohnt sich eines besonders: die Wände zu dämmen. Entscheiden sich Hausbesitzer für

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Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Die AuSSenwände dämmen,

eine Dämmstärke von 14 Zentimetern, können sie auf unterschiedliche Förderprogramme des Bundes zurückgreifen. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Dämmung immer dann, wenn auf zehn Prozent der Fassadenfläche der Putz erneuert werden muss. Eigenheimbesitzer sollten die Mindestanforderungen der Energieeinsparverordnung im Auge behalten. Diese schreibt eine Dämmstärke von etwa zwölf Zentimetern vor. Doch nicht nur eine neue Dämmung spart Geld. Mit einer Photovoltaikanlage etwa können Hausbesitzer einen Teil

ihres Stroms gleich selbst erzeugen. Bis dato hat der Staat Solarstrom kräftig unterstützt. Doch rückwirkend zum 1. April 2012 sollen die Vergütungssätze für Strom aus Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) gekürzt werden. »Es soll nur noch für 80 Prozent des erzeugten Stroms aus PV-Anlagen und bis zehn Kilowatt eine feste Vergütung geben«, erläutert Birgit Hofert, Energieexpertin der Verbraucherzentrale. Hier sei aber noch die Entscheidung des Vermittlungsausschusses abzuwarten. Eine Ausnahme gilt für Anlagen, die noch 2012 in Be-


Maßvoll modernisieren trieb genommen werden. Trotzdem betont Hofert, dass Photovoltaikanlagen für Kleinverbraucher interessant bleiben. Dann nämlich, wenn die Anlage zu einem günstigen Preis und optimalen Bedingungen gebaut werden kann. nicht nur mit Sonne lässt sich Strom im eigenen Haus erzeugen: Blockheizkraftwerke (BHKW) liegen im Trend. Mit ihnen lassen sich Strom und Wärme gleichzeitig klimaschonend erzeugen. Der Vorteil: Der eingesetzte Brennstoff wird effizient genutzt und der Ausstoß von Treibhausgasen gesenkt – und man ist frei von Preiserhöhungen der Energieversorger. Seit April 2012 fördert das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) die Anschaffung mit einem Zuschuss zwischen 1500 und 3450 Euro. Doch für die Förderung stellt die BAFA einige Bedingungen: Zum einen muss das BHKW eine elektrische Leistung von bis zu 20 Kilowattstunden aufweisen. Zum anderen darf es in dem Gebiet, in dem die Anlage installiert werden soll, kein anderes Fernwärmeangebot geben, das mit KraftWärme-Kopplung arbeitet. Und: Es ist bindend, dass das BHKW auf der Liste der förderfähigen Anlagen des BAFA steht und der Betreiber einen Wartungsvertrag abschließt. Doch ein BHKW rechnet sich nicht immer: Das gilt zum Beispiel dann, wenn zu wenige Betriebsstunden anfallen, um die Anlage auszulasten. Wenn der Vermieter modernisiert, ist das für die Mieter in der Regel erst einmal positiv, denn sie können so Stromkosten sparen. Doch eine Sanierung wirkt sich oft in einer Mieterhöhung aus.

»Der Vermieter sucht nach Möglichkeiten, die Kosten auf die Miete umzulegen«, sagt Claus Otto Deese, Geschäftsführer des Mieterschutzbundes. Doch was darf der Vermieter? Er kann elf Prozent seiner Ausgaben als Jahresmieterhöhung auf seine Mieter umlegen. Will heißen: Hat der Eigentümer 100  000 Euro investiert, macht das 916 Euro pro Monat für das ganze Objekt. Geht man von vier Mietparteien aus, zahlen Mieter für eine 70-Quadratmeter-Wohnung pro Monat und Quadratmeter 3,27 Euro mehr. Das entspricht einer Mieterhöhung von 229 Euro. »Da, wo es viel Wohnraum gibt, lässt sich das aber nicht durchsetzen«, weiß Claus Otto Deese.

Will der Vermieter eine Modernisierung umsetzen, muss er das seinen Mietern drei Monate vor Beginn ankündigen. Formal hat der Mieter dann ein Widerspruchs- und Sonderkündigungsrecht. Verpasst der Vermieter, den Mieter zu informieren, verlängert sich diese Frist um weitere sechs Monate. Ungemach droht Mietern durch einen Entwurf des Mietrechtsänderungsgesetzes, den das Bundeskabinett im Juni 2012 beschlossen hat. Danach müssen Mieter die geplanten Umbaumaßnahmen akzeptieren. Auch Mietminderungen wegen der Sanierungsarbeiten sind dann passé: Bis zu drei Monaten muss der Mieter Lärm und Dreck durch Baumaßnahmen akzeptieren. Regine Suling

INFOS & HILFE Wer Modernisierungen plant, kann sich an die Verbraucherzentrale Energieberatung wenden: Ingenieure oder Bauphysiker beantworten die Fragen telefonisch unter Telefon 018 809 802 400 (14 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz, abweichende Preise für Mobilfunkteilnehmer) oder in einer der Verbraucherzentralen. Hierbei fällt eine Gebühr von fünf Euro für eine 30-minütige Beratung an. Ein Energieberater kann auch zu Interessierten nach Hause kommen und über regenerative Energien, die Ursachen hoher Strom- und Heizkosten und Wärmedämmung beraten. Kosten: 45 Euro. www.verbraucherzentrale-energieberatung.de (Dieses Angebot steht nicht in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung: www.vz-nrw.de/ energieberatung.html) Wenn Mieter sich mit Mieterhöhungen konfrontiert sehen, finden sie beim Mieterschutzbund Rat und Hilfe: www.mieterschutzbund.de Hausbesitzer und angehende Häuslebauer sollten auf alle Fälle beachten, welche neuen Regelungen die Novelle der Energieeinsparverordnung (EnEV 2012) bringt, die derzeit überarbeitet wird. Zum Weiterlesen: www.enev-online.de/enev/index.htm Nützlicher Internet-Link: Die Förderdatenbank des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, die alle Förderprogramme von Bund und Ländern leicht finden lässt: www.foerderdatenbank.de

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Tipps Kur

Foto: Jan Greune/LOOK

Spaß mit Matsch: Eine Kur am Meer oder in den Bergen macht Eltern und Kinder wieder fit.

Mit Papa im Schlammbad Die Kinder Leiden häufig an Bronchitis und die Eltern sind

körperlich erschöpft. Wenn der Akku leer ist, kann eine Kur Erholung bringen. kompakt erklärt, was zu beachten ist.

M

ein Sohn war oft krank und ich litt nach der Trennung von meinem Mann unter Depressionen, Schlaflosigkeit und Angstzuständen«, berichtet eine alleinerziehende Mutter von zwei Kleinkindern. Nach einer »Eltern-Kind-Kur« in einer dafür spezialisierten Einrichtung hat sie neuen Lebensmut geschöpft: »Es war genial – mir haben die Gespräche mit den Therapeuten und den anderen Eltern unheimlich gutgetan.«

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Kranke, überlastete und ausge-

brannte Elternteile haben seit 2007 einen gesetzlichen Anspruch auf solche meist dreiwöchigen Kuren – mit oder ohne ihre Kinder. Die benötigte Auszeit vom Alltag muss von einem Arzt verordnet werden – in Form eines Attests. Darin sollten möglichst aussagekräftig die Gründe für den Kurbedarf (zum Beispiel Magen-Darm-Störungen, Rückenschmerzen oder berufliche Überlastung) aufgeführt werden. Dann entscheidet die

Krankenkasse über den Antrag – allerdings nicht immer positiv. Nach Angaben des Müttergenesungswerks (MGW) sind im ersten Halbjahr 2011 über ein Drittel der Anträge abgelehnt worden – oft mit der Begründung, dass zunächst ambulante Behandlungsmöglichkeiten am Wohnort ausgeschöpft werden müssten, so die Vorsitzende des MGW-Kuratoriums Marlene Rupprecht. Doch gerade für die Eltern-Kuren gilt das Prinzip »ambulant vor stationär« nicht. Das regelt jetzt ausdrücklich eine neue Begutachtungslinie, die gemeinsam vom MGW, den Krankenkassen und den Kliniken erarbeitet wurde. Danach müssen konkrete Belastungssituationen, die häufig gesundheitliche Störungen bei Eltern hervorrufen – wie etwa ständiger Zeitdruck oder Partnerprobleme – besser berücksichtigt werden. Auch typische Gesundheitsstörungen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Unruheund Angstgefühle erhalten nun mehr Gewicht. Wird der Antrag dennoch abgelehnt, lohnt sich oft ein Einspruch. Mehr als die Hälfte der Widersprüche war in der Vergangenheit erfolgreich. Vor einer Kur sollten sich die Antragsteller nach einer passenden Klinik erkundigen, damit sie ihr »Wunsch- und Wahlrecht« auch wahrnehmen können. Über 1400 Beratungsstellen in Deutschland helfen dabei. Die kurenden Elternteile müssen sich mit zehn Euro pro Tag an den Kosten beteiligen. Wer nur niedrige Einkünfte hat, kann hiervon jedoch befreit werden. Kinder sind ohnehin zuzahlungsfrei. Berufstätige Mütter und Väter haben während der genehmigten Kur Anspruch auf die volle Lohnfortzahlung durch ihren Arbeitgeber. Die Kurtage dürfen auch nicht auf den Urlaub angerechnet werden.  Hans Nakielski

Schrittweise Hife zum Kurantrag finden Sie unter: www.muettergenesungswerk.de/ mein-weg-zur-kur


TIPPS Schwangerschaft

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Mit Kinderwagen am Arbeitsplatz Schwanger mitten in der

Ausbildung. Das ist noch lange kein Grund, die Lehre abzubrechen. kompakt erklärt, welche Rechte gelten.

hilfe im netz Umfassende Broschüre des DGB: bit.ly/LboVMC Schwangerschaftsberatungsstellen: www.profamilia.de oder www.awo.org Onlineberatung des DGB für Auszubildende: www.doktor-azubi.de

Foto: Ute Grabowsky/photothek.net

A

nna S. steckt mitten in der Berufsausbildung. Da erfährt sie, dass sie schwanger ist. Der jungen Frau gehen viele Fragen durch den Kopf: Soll ich das Kind behalten? Und kann ich in dieser Lebensphase überhaupt für ein Baby sorgen? Die Antworten sind nicht immer leicht zu finden. Doch klar ist: Es gibt heute viele Möglichkeiten, auch mit Kind die Berufsausbildung fortzusetzen. »Zuerst einmal gelten für schwangere Auszubildende die gleichen Rechte wie für andere schwangere Arbeitnehmerinnen«, sagt Norbert Schuster, Arbeitsrechtsexperte bei der IG BCE. So ist beispielsweise die Anstellung der Auszubildenden während der Schwangerschaft und bis vier Monate nach der Geburt durch einen Kündigungsschutz gesichert. Gleichzeitig muss sich das Unternehmen um den Schutz der Schwangeren am Arbeitsplatz kümmern. Einseitige Tätigkeiten, nur stehen oder sitzen, müssen ausgeglichen werden. Die Frau darf nicht mit Chemikalien

Saure-Gurken-Zeit? Für schwangere Azubis gibt es viele Möglichkeiten, auch mit Kind die Berufsausbildung fortzusetzen.

oder Röntgenstrahlung in Berührung kommen und regelmäßiges Heben von mehr als fünf Kilogramm ist verboten. Auch die Arbeitszeit ist auf 8,5 Stunden begrenzt, und zwischen 20:00 und 06:00 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen dürfen Schwangere nicht arbeiten. Doch wie soll etwa eine angehende Chemielaborantin ihren Beruf erlernen, wenn sie die wichtigsten Arbeiten nicht ausführen darf? »Vor vier Jahren wurde eine Studentin, die zeitgleich bei uns eine Ausbildung absolviert hat, schwanger«, erinnert sich Ausbildungsleiter Henning Kautz von der Continental AG in Hannover. Um die Regelungen einzuhalten und der jungen Frau eine erfolgreiche Ausbildung zu ermöglichen, holte Kautz alle Beteiligten mit ins Boot: den Werkarzt, Fachleute der Arbeitssicherheit und die Hochschule.

Ist die Auszubildende im letzten

Lehrjahr, kann der Betrieb die Lehrzeit um bis zu sechs Monate verkürzen. Sechs Wochen vor der Geburt bis acht Wochen danach darf die junge Frau zwar nicht arbeiten, aber Prüfungen ablegen. Fällt die Schwangerschaft in den Beginn der Ausbildung, kann die Lehrzeit nach dem Mutterschutz in Teilzeit wieder aufgenommen werden. Während des Mutterschutzes übernimmt die Krankenkasse das Gehalt der Auszubildenden, bei ärztlich bescheinigtem Beschäftigungsverbot schon vor dem Mutterschutz zahlt der Betrieb weiterhin Ausbildungsgehalt. Auch Berufsausbildungshilfe und Bafög werden weiter gezahlt. Entscheidet sich die junge Mutter für Elternzeit, hat sie Anspruch auf Elterngeld, das aufgrund des Ausbildungslohnes meist bescheiden ausfällt.  Ann-Kathrin Seidel kompakt | Juli/August 2012 | 39


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Rätsel Fußballbegriff (ugs.) Beistand

Sohn Isaaks im Alten Testament

sommerliche Schleckerei zehn (engl.)

südfranzösische Stadt

US-Großstadt einschließlich (Abk.)

Ringelwurm dt. Wort für: Charts blassroter Wein

voller Kerben Zeitungskäuferin Zupfinstrument

Opfertisch fleißig ködern kleine Hakenschlinge

Rosinenbranntwein Stadt in N’sachsen Drall eines Tennisballs

erdacht, erdichtet, frei erfunden

Internat. Skiverband begeisterter Anhänger

9

2

Lachsfisch Abk. für: Lichtschutzfaktor

Ausruf als Ausdruck des Missfallens

Metallgestein schmerzl. Mitgefühl

4

Nummer (Abk.) überheblich, dünkelhaft und herablassend englisches Bier

Autokz. Kunststoff von Halle für einen FußbodenAdstrinbelag (Abk.) gens Festsaal jegliches, sämtliches

11

Zahlstelle schlecht, dürftig

artig

Egal, ob ungeahnte Abenteuer mit Spielen in High Definition und 3D, beeindruckende Filme auf Blu-ray Disc oder kostenloser Zugriff auf das PlayStation Network: Mit der PlayStation 3 Black Slim von Sony halten wir für zehn Gewinner unseres Juli/August-Preisrätsels ein 160 GB starkes Unterhaltungsangebot für die ganze Familie bereit. Auf 40 weitere Gewinner wartet ein GenießerSet vom Feinsten: mit einem hochwertigen Öl, Zange, Rührbesen und Pinsel. Also: den Stift gezückt und mitgeraten!

Kröte US-Bürger (ugs.) Bienenzüchter Kontinent

Verdienste

alkohol. Getränk Atomreaktor Schutzbegleitung

austral. Strauß schmale Stelle

frz. wbl. Artikel nicht locker

Besitz (gehoben)

auf der Reede liegen Autokz. v. Starnberg Würzflüssigkeit

Ankerplatz Rettich (süddt.)

Platzdeckchen Mangel an klarem Weg

5

Speisefisch Wellnessbad

Rand von Flüssen und Seen United Kingdom (Abk.) Ausruf des Erstaunens

Papierzählmaß Fragewort kl. Wandtresor ehrenhalber (Abk.)

NordseeFrachtboot Autokz. v. Lindau

Papagei Zeitungsanzeige Gemüsepflanzenteil US-Raumfahrtbehörde

Abschiedsgruß

kindisches Getue Wasserstand

3

Nutzungsentgelt Vorgesetzter

kleine Vertiefung

8

nicht sorgfältig

10

Kletterpflanze Schornstein

Reifeprüfung (Kurzwort) Vakuum

englisches Längenmaß

zu Gott sprechen

Lautäußerung Tiefebenen am Orinoko

Körperteil Schmutzstelle

Initialen Einsteins Hang, Vorliebe

Donauzufluss

Vom Feinsten

Lehrgang

einem Brief beiliegend

6 Säugetier mit Stachelkleid

Schulschreibbuch

englische Anrede für eine ledige Frau

1

altägyptischer Gott des Totenreichs

7

Beingelenk

griech. Kriegsgott

ja (ital.)

dt. Bundespräsident † kurz für: in das Lichtbild

Schulfach (Kzw.) Westeuropäer

Mittagsruhe

Buchungsunterlage

Mitteleuropäer

afr. Strom Marderart WahrsageEnde des kartenRückgrats spiel

ehemaliger Reitersoldat

fischfressender Stelzvogel

superkurzer Rock

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Schneiderbedarf

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Glück & Glosse

Preisrätsel Im Preisrätsel wird in diesem Monat ein Begriff gesucht, der ein sportliches Großereignis beschreibt, das in diesem Jahr in der britischen Hauptstadt stattfindet. Bitte die Lösung auf eine Postkarte schreiben und einsenden an: kompakt-Redaktion, Postfach 39 45 30039 Hannover oder per Mail an: kompakt.preisraetsel@igbce.de — bitte die Adresse mit angeben. Einsendeschluss ist der 17. August 2012 (Datum des Poststempels ist maßgebend). Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Die Gewinner

Je ein chices Uhrenradio von Dual erhalten: Hans-Jürgen Ernst, Ludwigsfelde; Jan Rieper, Darmstadt; Hermann Fischer, Miellen; Elfriede Schlosser, Ellingen; Michael Grebe, Korbach; Norbert Wehr, Ludwigshafen; Hubert Auer, Haiming; Werner Geißler, Stuttgart; Armin Schurzmann, Marl; Dieter Gladiator, Hamburg; Ilyas Balci, Duisburg; Gisela Görn, Konstanz; Anke Stahl, Tabarz; Ilona Zander, Grevenbroich; Ulrich Lukas, Brandenburg; Norbert Winter, Hamm; Klaus-Dieter Krowicki, Recklinghausen; Bernhard Hollnecker, Merseburg; Lothar Böhme, Witten; Uwe Czibulinski, Hemmingen; Holger Suckert, Rheinfelden; Hermann Sutter, Henschtal; Helga Schüren, Viersen; Andreas Müller, Coswig; Kurt Reinwald, Irsch; Josef März, Mitterteich; Klaus Bechtold, Birkenau; Renate Fischer, Berlin; Alois Raab, Amberg; Herbert Biernacki, Kamp-Lintfort; Gerd Kümmer, Dresden; Hans Joachim Starp, Windbergen; Ernst Bell, Minden; Jochen Morich, Blankenburg; Bernhard Thiel, Stade; Peter Stadermann, Ebeleben; Dieter Jahnel, Schkölen; Fritz Mickat, Höchst; Christos Avgeris, Kelsterbach; Bernd Scherzberg, Magdala.

Lösung Juni 2012: Europameister R E H D E V N E A R T R T A A G P M R G O Z P E S E S E M A L W E

R G E N A I S S O I N I G E C I E I L P L B U E N T L K H A T E S M T H A E I T N N I A K A U U S U S R T L A E O N R K

P R E F A S S L A M P I U S E S G O B S P A N D E A L K L U B

W R E U R R F E D E D E T A U MW R I E M

T O S E N

K R O K A N T

G B A T I O N R A I M O S E S R A K E L L E H E L L E S T S T

F M I T A R E U A MM R P E I D O L E G C B E H

A U K S E L E L I E A K R U G R E A L

N A T T E R

A B A R T

B L E U

E L S A D E N U R E I L N E U G E E K S N A T S E M I R E N T O R T O D B R O B O L E T E N

Hundstage

@Lappan-Verlag, Gerhard Glück

Cartoon

Bei der Verlosung der Preise unter den Einsendern richtiger Lösungen fielen die zehn Hauptgewinne – ein schnittiges Fahrrad von Gudereit mit leichtem Aluminium-Rahmen – an: Edgar Ritter, Steinen; Cathrin Wagner, Marktleuthen; Gerd Hoffmann, Dortmund; Michael Schmitz, Bergisch-Gladbach; Georg Gabelsberger, Hoyerswerda; Elisabeth Huber, Trostberg; Tobias Osterburg, Colbitz; Dirk Hummel, Fürstenwalde; Hans-Günther Sellmeier, Edewecht; Otmar Bayer, Johannesberg.

Grimms Märchen

U

rlaubszeit. Drei maritime Fakten: 1. Picasso hat in seinem Leben acht Seeigel gemalt. 2. Der Purpurprachtbarsch lebt monogam. Und 3. Die Seegurke ist genetisch mit dem Menschen eng verwandt. Was lernen wir daraus? 1. Picasso war oft langweilig. 2. Der Mensch muss sich irgendwann entscheiden zwischen Prachtarsch und Prachtbarsch. Und 3. Man kann sich seine Familie nicht aussuchen. Speziell in der Urlaubszeit fragen sich viele, ob sie nicht lieber Tante Seegurke nach Teneriffa hätten mitnehmen sollen statt dieses zickigen, pinkfarbenen, Justin Bieber hörenden Unglücks namens Angelina-Shoshanna, das angeblich ihre 13-jährige Tochter sein soll. Wie hat Woody Allen mal gesagt? »Meine Mutter hat mich immer ermahnt: Wenn dich ein

fremder Mann auffordert, in sein Auto einzusteigen – fahr mit!« Urlaub mit der Familie. Herrlich. Wenn er vorbei ist. Wenn die letzten Sandkrümel aus Ihren wunden Kniekehlen rieseln und Sie endlich wieder ins Büro dürfen, sich anschreien lassen. Ein Freund von mir hat seiner schwer pubertierenden Tochter auf die Frage, ob sie adoptiert sei, mal geantwortet: »Noch nicht, aber wir haben ’ne Anzeige geschaltet.« Das erinnert mich an den Komiker Tom Cotter, der einst sagte: »Zu meinem 16. Geburtstag wollten mich meine Eltern mit einem Auto überraschen. Aber sie haben mich verfehlt.« Aber im Ernst: Genießen Sie die Zeit. Bis zum Urlaub. Dann kneifen Sie 14 Tage die Barschbacken zusammen. Und dann ist alles wieder wie immer. Schöne Ferien! Imre Grimm

Lösung: EUROPAMEISTER

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Mein Arbeitsplatz

Foto: Frank Rogner

Ohne ihn geht nichts: Auf Bergwerken muss zu jeder Schicht ein Heildiener vor Ort sein, wenn mehr als 20 Personen arbeiten.

Thomas kruzik (45) ist Heildiener auf dem Bergwerk Auguste Victoria in Marl.

Vom Heilen und Retten

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Seit 2001 habe ich 1270 Einsätze als Heildiener gehabt. Es ist jedes Mal eine dramatische Sache. Bei jedem Unfall geht zunächst der Puls hoch. Man weiß nie, was einen vor Ort erwartet. Bei einem schweren Ereignis heißt es: Zusammenreißen und die sieben Sinne zusammenhalten. Die Berg-

Strebe – Kohle abgebaut. Nach einem Arbeitsunfall war mein Knie kaputt. Ich bin mit dem Fuß hängen geblieben. Im Jahr 2000 machte die Deutsche Steinkohle mir das Angebot, zum Rettungssanitäter umzuschulen: Auf dem Bergwerk West in Kamp-Lintfort suchten sie Heildiener. Die Art der Unfälle ist ganz

»Bei jedem Unfall geht der Puls hoch – man weiß nie, was einen vor Ort erwartet.« leute sind aber alle sehr gut als Ersthelfer ausgebildet. Wir leisten dann meist die medizinische Feinarbeit. Ich war 18 Jahre lang unter Tage und ich bin stolz darauf. 1982 habe ich meine Lehre zum Berg- und Maschinenmann auf der Zeche ›Consol‹ in Gelsenkirchen gemacht. Dort habe ich in der ›Steilen Lage‹ – sehr steil verlaufende 42 | kompakt | Juli/August 2012

unterschiedlich – von Monat zu Monat und von Schacht zu Schacht. Eine Weile habe ich viele Augenverletzungen zu behandeln und dann längere Zeit gar keine. Das kann man nicht verallgemeinern. Aber die Zahl der meldepflichtigen Unfälle im Steinkohlenbergbau geht ja seit Jahren zurück. Die Kollegen achten viel mehr als früher auf ihre Sicherheit.

Seit September 2011 bin ich auf dem Bergwerk Auguste Victoria beim Servicepunkt. Nach Bergmann und Heildiener arbeite ich hier auch in der Arbeitszeiterfassung – mein dritter Beruf. Ich sitze am Computer an den SAPTabellen und jederzeit kann eine Unfallmeldung eingehen. Dann muss ich blitzschnell auf den Heildiener umschalten. Es passiert auch, dass plötzlich ein Kollege mit einer blutenden Wunde vor mir steht. Aber das alles wird wettgemacht durch die Kameradschaft, die wir hier haben – bis zu unseren Vorgesetzten. Unser Zusammenhalt auf dem Bergwerk ist mir das Wichtigste. Aufgezeichnet von Axel Schappei

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Heildiener sind die Rettungssanitäter im deutschen Bergbau. Die Ausbildung dauert fünf Monate.


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