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GÄ NS EB LÜ M CH EN - KO LU M N E

DER WILLE ZUM KÄSE EINE KLARSTELLUNG

VON TICRO GOTO

In Deutschland werden jährlich über 2.400.000 Tonnen Käse produziert. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Käse beträgt im Durchschnitt 23 Kilogramm. Sogar in Holland wird weniger Käse gegessen – dort sind es lediglich 14 Kilogramm.

E

r ist umstritten und gilt dennoch als unverzichtbar. Seit nunmehr 5000 Jahren bevölkert Käse (lat. caseus) den – allem voran europäischen – Gaumen. Käse ist ein sozialer Tatbestand. Eine käsefreie Gustation gibt es nicht. Und auch wenn die Verdauung von fetthaltigem Käse der Peristaltik überlassen bleibt. Folgendes steht fest: Menschen produzieren Käse.

der Temperatur auf 135 Grad Celsius führt dahin, dass die Milch den Wärmetod stirbt. Danach enthält sie keine Nährstoffe mehr. Der Schmeckakt lässt sich nicht mehr feststellen – der Geist der Kuh wurde der Milch ausgetrieben.

Dennoch ist vor einer vorschnellen Vereinfachung dieses nutrial unterbewerteten Datums zu warnen. Das Verhältnis von Gaumen und Käse ist durchaus heterogen. Zwar hat das willentliche Beenden der gemolkenen Milch nicht selten Käse zur Folge. Doch nicht jeder Käseversuch führt auf das Brot. Eine Analyse der gegenwärtigen Fettverhältnisse bedarf daher eines selbständigen Euters. Denn wer über Käse den Euter verliert, hat Löcher gemolken.

Käse verfügt offenbar über Löcher, die sich dem Käsemesser entziehen. Eine hinlängliche Beschreibung gemolkener Substanzen setzt stets den Gaumen als Kontaktmedium voraus. Wer also gut melken will, muss erst gut essen. Käse ist – kurz gesagt – ein sinnliches Ereignis. Wer dagegen ein Schwein isst, wird im Euter weniger an die Milch denken als an den Wein. Denn der Unterschied zwischen dem, was gegessen wird, und dem, was gemolken wird, ist groß: man muss ihn verdauen. Daher heißt den Käser zur Milch zu bringen, ihn zur Kuh, zum Schaf oder zur Ziege zu bringen. (Schweine geben keinen Käse von sich.)

Dies führt uns zum Käsedefizit zwischen Gaumen und Kuh. Bekanntlich wird der analytische, kritisch-rationale Käse aus Milch gefertigt, die zuvor ultrahocherhitzt wurde. Die Erhöhung

Die Geburt der Milch aus dem Euter der Kuh bildet die Grundlage käsefähiger Kost. Daher ist der Widerstand gegen den milchhaltigen Euter ein Widerstand gegen die kuhgewollte Ord-

KOKOS & ZITRONE | ISSUE 2

KOKOS & ZITRONE – Issue 2  

KOKOS & ZITRONE – das ist kein introspektiver Schnellimbiss, sondern eine Zeitschrift mit Inhalt. Sie liefert keine intellektuelle Tiefkühlw...

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KOKOS & ZITRONE – das ist kein introspektiver Schnellimbiss, sondern eine Zeitschrift mit Inhalt. Sie liefert keine intellektuelle Tiefkühlw...

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