Page 9

FEUER E R DE WA S S E R LU F T

Etwa 70 Prozent der Menschen werden laut UNO-Prog-

Stadt birgt oft eine höhere Artenvielfalt als die freie Land-

GRÜN REIN

nosen im Jahre 2050 weltweit in Städten leben. In

schaft. Allein in München sind geschätzt 9.000 bis 20.000

Deutschland sind es bereits jetzt mehr als zwei Drittel, die

verschiedene Tier- und Pflanzenarten beheimatet. Und na-

Biotope City

in dicht besiedelten, städtischen Gebieten leben. Der An-

türlich bietet städtisches Grün einen Erholungs- und

forderungsdruck auf die Städte wächst, durch den Klima-

Ausgleichsraum, einen Ort für Begegnungen, Naturerfah-

wandel steigt der Hitzestress, es kommt vermehrt zu

rungsräume für Kinder und Jugendliche sowie vielfältige

Starkregen und darüber hinaus gefährden Schadstoffe in

Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten.

Immer mehr Studien bestätigen die positiven gesund-

mehr Städte entdecken die Vorteile intakter Flussökosys-

heitlichen Effekte von einem grünen Umfeld auf die

teme. Von Seoul, über Santa Fee bis hin zu Leipzig und

Menschen. Während die moderne Medizin in der Regel

München – überall trägt die Revitalisierung der Flüsse zu

erst helfen kann, wenn man schon krank ist, kann Stadt-

neuen Grün- und Erholungsflächen bei. Weitere wirksame

natur dafür sorgen, dass wir gar nicht erst krank wer-

Mittel für mehr Grün in dicht bebauten Städten sind Dach-

den. Nach einer aktuellen dänischen Studie gilt das be-

begrünung und Vertikalgrün. Dabei ist die Vertikalbegrü-

sonders für Kinder. In einem grünen Umfeld

nung seit jeher etwas Alltägliches. Glyzinien, Efeu oder

aufgewachsene Kinder entwickeln im Laufe ihres Lebens

Wilder Wein klettern an Regenrohren und Holzrosten vie-

seltener psychische Störungen. Der Biologe Clemens G.

ler alter Gemäuer empor. Einen Schritt weiter hinsichtlich

Arvay beschreibt in seinem lesenswerten Buch „Biophilia

Vertikalbegrünung geht die sogenannte Baubotanik. Der

in der Stadt – Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere

Münchner Professor für Landschaftsarchitektur Ferdinand

In Wien entstehen derzeit 900 Wohnungen nach der Idee der niederländischen Stadtplanerin Helga Fassbinder. Biotope City steht für eine Stadt, die Natur ein- und nicht ausschließt. Das Konzept geht davon aus, dass das Ausmaß an Verstädterung angesichts der damit einhergehenden Umweltfolgen unter dem Klimawandel zu einer neuen Strategie der Kooperation von Stadt und Natur führen muss. Es gilt die Mechanismen der Natur – der Selbstregene­ ration – zu nutzen. Erreicht werden soll das in dem Wiener-Quartier u.a. mit begrünten Fassaden und Dächern, natürlichen Wiesen und begrünten Balkonen. Helga Fassbinder erklärt: „Wir werden Nistplätze für Vögel in den Hausfassaden schaffen und auf Insekten Rücksicht nehmen.“ Ziel des Konzeptes ist auch, dem urbanen Menschen erfahrbar zu machen, dass er Teil einer umfassenden Natur ist, für die er Verantwortung trägt.

Städte bringen“ (siehe Randspalte) viele weitere positive

Ludwig will beim Häuserbau Natur und Technik kombinie-

www.biotope-city.com

Aspekte der Natur auf die Entwicklung von Kindern und

ren, indem er Bäume und Pflanzen mit den Gebäudefas-

die Gesundheit der Erwachsenen.

saden verschmelzen lässt. Der italienische Architekt Stefa-

der Luft die Gesundheit. Die Lösung sehen viele Experten in Smart Cities. Schlaue Städte, bei denen durch die Digitalisierung vom Verkehr über die Dienstleistungen bis zum Verhältnis zwischen der Kommune und ihren Bürgern alles zunehmend vernetzt ist. Doch für die Gesund-

REVITALISIERTER FLUSS UND DSCHUNGELSTADT

heit und Lebensqualität der Städter wird es entscheidend sein, ob es gelingt, die Stadtnatur zu stärken.

Bei all diesen Vorteilen stellt sich die Frage, welche Ansätze es gibt, um die Stadtnatur zu stärken. Ein essentieller Faktor für mehr Grün in der Stadt ist Wasser. Nicht nur zur Bewässerung der Grünräume. Wasser, das durch ein un-

GRÜN FÖRDERT DIE GESUNDHEIT

regelmäßiges Flussbett fließen kann oder kleine Wasserfälle bildet, reichert die Stadtluft mit gesundheitsschützenden Anionen an, die das Immunsystem stärken. Immer

no Boeri, der durch seine vertikalen Wälder berühmt geworden ist, denkt in ganz anderen Dimensionen. DerSüd-China. In dieser Stadt soll alles grün werden. Nicht nur Parks, Gärten und Straßen werden mit Bäumen beDoch eine grüne Stadt bietet noch viele weitere Vorteile.

stückt, die Gebäude selbst werden konsequent be-

Grün kühlt, selbst kleinere Grünanlagen können die Tem-

pflanzt. Einen analogen Ansatz verfolgt das Konzept von

peraturen im Vergleich zur bebauten Umgebung um drei

Biotope City der eingangs erwähnten Stadtplanerin Helga

bis vier Grad senken. Gründächer, Vertikalgrün, Bäume

Fassbinder, das derzeit in Wien durch den Bau eines Bio-

und Sträucher tragen nicht nur zur Wasserrückhaltung bei

tope-City-Quartiers umgesetzt wird (siehe Randspalte).

Starkregen bei, sondern sie sind auch eine wirksame Waf-

Doch jeder kann etwas beitragen: Grün in der Stadt be-

fe im Kampf gegen Abgase und Feinstaub. Für die heimi-

ginnt mit jedem blühenden und begrünten Balkon. Pflanzt

sche Tier- und Pflanzenwelt, wie Insekten und Vögel, sind

man dann noch Bienen-und Insektenfreundliche Blumen,

städtische Grünräume extrem wichtig. Der Lebensraum

ist ein erster Schritt schon getan.

2019 . QUELL 52 . WWW.QUELL-ONLINE.DE

QC52_SEITE_08_bis_09.indd 9

QC52W01

Foto: Monika Wrba

zeit beschäftigt er sich mit der Dschungel-Stadt Liuzhou in

STADTNATUR IST WERTVOLL

DIE AUTORIN Claudia Schwarzmaier fühlt sich seit ihrem Volkswirtschaftsstudium dem Thema Nachhaltigkeit verbunden.

9

02.05.19 16:51

Profile for perey-medien

Quell 52  

Quell versteht sich als Zeitung für nachhaltigen Lebensstil. Mit ihrem innovativen Konzept trifft Quell auf eine Marktlücke. Die Zeitung ist...

Quell 52  

Quell versteht sich als Zeitung für nachhaltigen Lebensstil. Mit ihrem innovativen Konzept trifft Quell auf eine Marktlücke. Die Zeitung ist...