Page 1

HEI

SPIEL

Ein Projekt des Jahrgangs 2016 der Kรถlner Journalistenschule

TRAINING TRร„UME TALENTE


Inhaltsverzeichnis GEWALTPRÄVENTION

Anstoß zur Gewaltfreiheit | Seite 3 Köln-Chorweiler GEFÄNGNISSPORT

Ausbruch auf Turnschuhen | Seite 6 Köln-Ossendorf

TANZEN

JOGGEN

Tanzen, singen, lächeln und dabei noch gut aussehen | Seite 11 Köln-Flittard

Der Drang nach Draußen | Seite 9 Köln-Niehl

PAINTBALL

Friendly Fire | Seite 10 Köln-Ossendorf

E-SPORTS

Shots und Shooter | Seite 10 Köln-Neustadt-Nord

FUSSBALL

FUSSBALL

Der Traum vom Profifußball | Seite 12 Köln-Müngersdorf

FRAUENSCHWIMMEN

Ausgepfiffen | Seite 7 Köln-Neustadt-Nord

„Ich würde niemals in ein öffentliches Schwimmbad gehen“ | Seite 4 Köln-Mülheim

ERNÄHRUNG

DOPING

Hauptsache, es schmeckt! Seite 15 Köln-Altstadt-Nord

Mekka der Dopinganalytiker | Seite 14 Köln-Müngersdorf

Nicht länger machtlos | Seite 5 Köln-Ehrenfeld RADSPORT

Wenn zehn Sekunden über das Studium entscheiden | Seite 12 Köln-Müngersdorf

Wenn Radfahren gefährlich wird Seite 8 Köln-Deutz

YOGA

Massenware Yoga Seite 16 Köln-Innenstadt

SPORT-APP

Fairplay-Liga: Eine Idee setzt sich durch | Seite 7 Köln

Zwischen Eishalle und Klassenraum | Seite 13 Köln-Deutz

KRAV MAGA

SPOHO

FUSSBALL

EISHOCKEY

Fitnesscenter für die Tasche | Seite 16 Köln-Lindenthal

ROLLSTUHLSPORT

Rugby auf Rädern | Seite 5 Köln-Innenstadt FUSSBALL

OLYMPIA

Brennt das olympische Feuer bald an Rhein und Ruhr? | Seite 13 Köln

„Auf dem Platz weiß jeder, worum es geht“ | Seite 3 Köln-Zollstock

DOPING

Mit einem Klick zum Kick | Seite 14 Köln

2


Anstoß zur Gewaltfreiheit Mitternachtssport – Ein Kölner Projekt holt

Jugendliche von der Straße in die Sporthalle Niklas Zehbe „Taner, lass mal eine Mannequin Challenge machen!“, schlägt einer der Jugendlichen vor. Der Herausforderung, in der aktuellen Position zu verharren, während Übungsleiter Taner Erdener (37) das Standbild filmt, stellt sich nicht jeder. Manche warten ungeduldig darauf, dass es weitergeht. Andere wiederum verlassen den Film-Radius ihres Betreuers. „Das sind kleine Al-Capones“, scherzt der zweite Übungsleiter Karl-Heinz Pünder (59). „Kameras werden hier nur ungern gesehen.“ Erdener und Pünder betreuen seit 2008 ein Fußballangebot des Kölner Mitternachtssports im Stadtteil Chorweiler. In einem Bezirk, der mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 10,3 Prozent (Stand: 2014) zu kämpfen hat, geht es jeden Freitag von 22.00 bis 00.00 Uhr in der Sporthalle der Heinrich-Böll-Gesamtschule darum, den Jugendlichen durch Sport einen Ausgleich zum oftmals bedrückenden Alltag zu schaffen. Erdener, der selber in Chorweiler aufgewachsen ist, kennt die Probleme, mit denen Jugendliche es hier zu tun bekommen. Neben seinem Engagement beim Mitternachtssport unterstützt er als Streetworker seine Zielgruppe bei Justizangelegenheiten, bei der Suchtbekämpfung oder bei der Wohnungssuche. Der Übungsleiter tritt selbstbewusst auf, er ist überzeugt von seiner Arbeit, möchte aber kein Vorbild für die Jugendlichen sein. „Die Jungs sollen niemandem nacheifern, sondern sich selbst verwirklichen“, sagt er und verweist

auf die Trikots der Teilnehmer, auf denen die Namen von Fußballstars wie Messi oder Ronaldo keinen Platz finden. Auch der ehemalige BasketballBundesligaschiedsrichter Karl-Heinz Pünder, von allen nur „Kalle“ genannt, kennt die sozialen Verhältnisse im Bezirk. „Chorweiler hat einen schlechten Ruf, daher werden die Jungs oftmals von vornherein abgestempelt.“ Hier beim Mitter-

nachtssport werde ihnen eine Wertschätzung entgegengebracht, die sie so aus ihrem Umfeld nicht gewohnt sind. Der 17-jährige Yasar Dumam, der gerade sein Fachabitur im Bereich Wirtschaft und Verwaltung macht, findet die Vorurteile gegen seinen Wohnort ungerechtfertigt: „Chorweiler hat Ressourcen. Wir sind die Ressourcen!“ Chorweiler ist mit fünf Angeboten eine Hochburg des Mitter-

nachtssports, der seinen Ursprung in Köln hat und immer mehr Nachahmer in ganz Deutschland findet. Auch prominente Unterstützer wie Fußballnationalspieler Jerome Boateng, das Gesicht des Berliner Mitternachtssports, helfen dabei, das Projekt voranzutreiben. Insgesamt gibt es in den neun Kölner Bezirken 20 Standorte, an denen Mitternachtssport angeboten wird. Als gewaltpräventive Maßnahme liegt der Fokus bei der Auswahl auf sozialen Brennpunkten. Die Wahl des Zeitpunktes begründet Projektleiter Tobias Dompke von der Sportjugend Köln so: „Der Freitagabend ist eine Zeit, in der nur wenig angeboten wird und die Jugendlichen sich gerne auf der Straße aufhalten und auch mal Quatsch machen.“ Um einen Zugriff auf die Jugendlichen zu bekommen und ihnen eine Anlaufstelle zu bieten, überarbeitete die Sportjugend Köln im Jahr 2008 das seit 1995 bestehende Konzept. Seitdem wird das Projekt in Kooperation mit dem städtischen Sportamt und weiteren Partnern wie Jugendeinrichtungen, Sportvereinen und der

Polizei angeboten und von der Stadt finanziell unterstützt. 2015 wurde es aufgrund seines Erfolges von der FDP mit dem Friedrich-Jacobs-Preis ausgezeichnet. Dadurch, dass sich potentiell kriminelle Jugendliche und junge Erwachsene nachts zum Sporttreiben treffen, gibt es in diesen Zeiträumen weniger Polizeieinsätze. Das Projekt ist sogar so erfolgreich, dass die Stadt Köln ihre jährliche Förderzahlung jüngst auf 129.000 Euro erhöhte. Das Geld wird dringend benötigt, um das vielfältige Angebot, welches neben dem Fußball auch Boxen, Basketball und Tanzen für männliche und weibliche Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 27 Jahren umfasst, aufrecht zu erhalten. Auch Erweiterungen des Programms stehen auf Dompkes To-Do-Liste. Neben einem weiteren Standort im Stadtteil Meschenich ist die Austragung eines stadtweiten Turniers der Fußballangebote des Mitternachtssports in Planung. „Wir haben eine Regel: Bei einem Foul klären die Jungs untereinander, wer Ballbesitz hat.“ –Taner Erdener Erfreut ist Dompke darüber, dass die Integration der Jugendlichen in die Gemeinschaft in den meisten Fällen gelingt. „Die Teilnehmer werden schnell zu einer Gruppe. Da kommt es schon mal vor, dass einer Geburtstag hat und alle mitfeiern.“ Im Gegensatz dazu seien Konflikte zwischen Spielern, die über Wortgefechte hinausgehen, eine Seltenheit. Nur einmal ist es zu einem dauerhaften Ausschluss eines Jugendlichen gekommen. Das sei aber nicht die Regel, versichert Dompke. In Chorweiler geht dieser Zusammenhalt sogar soweit, dass es nicht mal mehr einen Schiedsrichter braucht. „Wir haben eine Regel“, erklärt Erdener, „bei einem Foul klären die Jungs untereinander, wer Ballbesitz hat.“ Die Teilnehmer halten sich daran. Würden sie es nicht tun, müssten sie mit den Konsequenzen leben. Sie müssten sich freitagabends eine neue Beschäftigung suchen. Und das will keiner der Anwesenden.

„Auf dem Platz weiß jeder, worum es geht“ Flüchtlinge schließen sich zu Team H.O.P.E. zusammen

Julian Wessel Die Spieler feiern ausgelassen in der Kabine, aus dem Duschraum klingen arabische Lieder. Was sich nach einer Aufstiegsfeier anhört, ist bei der Jugendmannschaft „Team H.O.P.E.“ auch nach dem Training normal. Während Fadi, einer der Spieler, seine Fußballschuhe auszieht, sagt er grinsend: „Die singen oft arabisch in der Kabine. Ich verstehe auch nichts, aber die Stimmung ist bei uns immer gut“. „Die Spieler können sich beim Fußballspielen auspowern und ihren harten Alltag in einem fremden Land vergessen“, sagt Initiator und Spielertrainer Benjamin Meßner. Der frühere Leiter der Initiative Mitternachtssport, einem Angebot für jugendliche in sozialen Brennpunkten Kölns, hat die Flüchtlinge zum Fußball gebracht. Erst in einer kleinen Halle, als es dann zu eng wurde, draußen auf dem Platz. Das Angebot hat sich schnell herumgesprochen. „Von Treffen zu Treffen kamen immer

mehr Flüchtlinge.“ Meßner begann, erste Freundschaftsspiele zu organisieren. Zugleich entstand über den gemeinsamen Sport ein Vertrauensverhältnis zu den Flüchtlingen. “Die Spieler kommen zu mir, wenn sie Fragen oder Probleme haben”, sagt Meßner. „Und davon gibt es reichlich.“ Die Flüchtlinge, ist Meßner überzeugt, benötigen viel mehr Hilfe bei ihren täglichen Herausforderungen in einem fremden Land. Im Mai 2015 rief Benjamin Meßner dann die Mannschaft „Team H.O.P.E.“ mit knapp 20 Spielern ins Leben. Das Kürzel steht für Help, Opportunity, Peace und Empathy. Mittlerweile gibt es auch eine Jugendmannschaft, die als Team H.O.P.E. in der A-Jugend spielt. Meßner und seine Vereinskollegen helfen den Spielern auch bei der Suche nach Jobs oder Ausbildungsplätzen. Die Mannschaften werden so zum Netzwerk. „Vernetzt sind die Spieler untereinander gut – trotz

unterschiedlicher Herkunft und Sprache“, sagt der Übungsleiter. Auf dem Platz treffen sich viele NationenSyrer, Nigerianer, Iraner, Bosnier, Ghanaer, Marokkaner und Deutsche. Aber „auf dem Platz ist die Kommunikation einfach, jeder weiß, worum es geht“, sagt Meßner. Die Spieler verständigen sich auf Arabisch, Deutsch und Englisch. Jugendtrainer Rachid gibt viele arabische Anweisungen, die dann entweder er selber oder ein Spieler ins Deutsche übersetzt. Seit dem Sommer 2015 werden die Spieler des ersten H.O.P.E.-Teams von der Rheinflanke betreut, einem gemeinnützigen Träger für Flüchtlingsarbeit. Inzwischen kümmern sich die Mitarbeiter der „Rheinflanke“ auch um die Jugendmannschaft. Die Hilfsorganisation stellt den Spielern geschulte Lotsen zur Seite, die beispielsweise bei Arztund Behördengängen helfen oder Sprachkurse und Praktika vermitteln. Weiterhin stehen sie im engen

Kontakt zum Jobcenter und helfen beim Bewerbungsprozess. Mittlerweile sind erste Erfolge sichtbar, etwa beim 29-jährigen Aras Rachid aus Aleppo. Mit einem Tennisschläger als Hoffnungsschimmer und seiner schwangeren Frau flüchtete er zu Fuß bis in die Türkei. In Bulgarien brachte sie dann einen gesunden Sohn zur Welt. Heute ist er in der deutschen Gesellschaft fest integriert und trainiert die Jugendmannschaft von Team H.O.P.E. „Sie sind stolz auf ihre eigenen Fußballschuhe und schätzen das, was sie haben.“ –Benjamin Meßner Als besonders empfindet Initiator Benjamin Meßner vor allem die Stimmung: „Die Spieler kommen immer mit guter Laune zum Training.“ Wenn dann noch ein Spieler eine arabische Speise wie Baklava, ein mit Nüssen gefülltes Gebäck

aus Blätterteig, für die Mannschaft mitbringt, seien alle wunschlos glücklich. Ab und zu schauen auch die Sponsoren des Projektes, Fußballspieler Lukas Podolski und Kommentator Tom Bartels vorbei und werden von den Spielern begeistert empfangen. Meßner organisiert noch weitere Sport- und Freizeitangebote, darunter ein gemeinsames Weihnachtsessen, eine Reise zum Bundestag in Berlin und ein Eishockeytraining bei den Kölner Haien. Wenn dann allerdings doch Fußball auf dem Plan steht, ist das Putzen der Fußballschuhe nach dem Training noch wichtiger als die Party in der Kabine. Anders als Spielertrainer Meßner, der seine Fußballschuhe schon mal vernachlässigt, säubern die Spieler ihre Schuhe nach jedem Einsatz gründlich. „Sie sind stolz auf ihre eigenen Fußballschuhe und schätzen das, was sie haben“, sagt Meßner.

3


Foto: M. Wegerif / KölnBäder GmbH

„Ich würde niemals in ein öffentliches Schwimmbad gehen“ Hunderte Muslima legen ihr Kopftuch beim Frauenschwimmen im Genovevabad ab Maren Jensen Als Asla Faruk das Genovevabad betritt, trägt sie ein schwarzes Kopftuch. Schüchtern, mit gesenktem Kopf, geht sie zur Kasse. Dort bezahlt sie wie jeden Freitag vier Euro Eintritt, schlüpft schnell durch eine Drehtür und verschwindet in der Frauenumkleide. Als sie einige Minuten später wieder auftaucht, ohne Kopftuch und im Badeanzug, scheint sie eine Verwandlung durchgemacht zu haben. Schwungvoll öffnet sie die Tür zur Schwimmhalle und geht auf den hellen Betonfliesen langsam auf das Becken zu. Mit einem kräftigen Stoß springt sie kopfüber in das Wasser und genießt die Stille, die sie in der Tiefe umfängt. Das Genovevabad liegt in Mülheim, einem Kölner Stadtteil, in dem viele Migranten leben. Einmal wöchentlich gibt es hier das sogenannte „Frauenschwimmen“, ein einzigartiges Angebot in Köln. Engmaschige, gelbe Gardinen vor allen Fenstern des Schwimmbades verhindern jeglichen Einblick in die Halle. Kein Mann darf den Schwimmbereich von 15 bis 18 Uhr betreten, selbst dem Leiter des Genovevabades, Wolfgang Weisensee

(59), ist der Zutritt in dieser Zeit verwehrt. Er sitzt solange an der Kasse. Zwischen 60 und 100 Frauen nutzen in der kalten Jahreszeit das Angebot. Im Sommer können es mittlerweile bis zu 300 sein. „Mit den Jahren haben immer mehr Frauen dieses Angebot genutzt“, sagt Weisensee. Das Frauenschwimmen habe sich daher zu einer wichtigen Einnahmequelle des Bades entwickelt. Die Idee für das Frauenschwimmen entwickelte der Geschäftsführer der Köln Bäder, Berthold Schmitt, im Jahr 1994. Ziel war die Integration von Frauen, die aufgrund von Religion, Krankheit oder Schamgefühl nicht unbedingt öffentliche Schwimmbäder aufsuchen würden. Vor allem Frauen mit Übergewicht würden sich häufig in öffentlichen Bädern schämen. „Es soll jedoch kein Ghettosport gefördert werden. Frauen aus unterschiedlichen Bevölkerungsteilen sollen miteinander in Kontakt gebracht werden“, sagt die Pressesprecherin der Köln Bäder, Franziska Graalmann. Samira Daoudi kommt seit einem Jahr in das Genovevabad. Durch ihre Schwester entdeckte sie das Frauenschwimmen. „Ich würde niemals in ein öffentliches Schwimmbad gehen“,

1966

Eröffnung des Genovevabades.

„Manchmal müssen wir uns mit Händen und Füßen verständigen.“ –Heike Schell Die Idee des Frauenschwimmens wurde nicht überall positiv aufgenommen. Es gab auch Kritik. Bis zum Jahr 2007 hieß das Angebot noch „Muslimisches Frauenschwimmen“, nach Protesten im Internet wurde es anschließend in „Frauenschwimmen“ umbenannt. „Es soll nicht nur als Angebot für Frauen muslimischen Glaubens zu verstehen sein, sondern als Angebot für alle Frauen“, sagt Graalmann. Einen größeren Anteil

aus anderen Religionen verzeichnet das Frauenschwimmen seitdem allerdings nicht. „Weniger als ein Prozent sind nicht muslimischer Herkunft“, sagt Heike Butzbach, Rettungsschwimmerin bei den Köln Bädern. Seit Sommer 2016 steht die 58-Jährige am Beckenrand und achtet auf die Sicherheit der Frauen. Seit Flüchtlingsfrauen aus Syrien und Marokko an dem Frauenschwimmen teilnehmen, sei die Nichtschwimmerrate enorm gestiegen, berichtet Butzbach. Viele der Frauen hätten vorher noch keinerlei Erfahrungen im Wasser gesammelt. In ihrem Heimatort hätten sie nie Schwimmen gelernt. So bietet das Genovevabad neben dem 25-Meter Sportbecken auch ein Nichtschwimmerbecken im Keller der Anlage an, außerdem gibt es an einigen Samstagen zusätzlichen Schwimmunterricht für die Frauen. Drei Rettungsschwimmerinnen übernehmen abwechselnd die Aufsicht während des Frauenschwimmens. „Manchmal müssen wir uns mit Händen und Füßen verständigen, aber es macht immer viel Spaß“, sagt Butzbachs Kollegin Heike Schell (54). Während sie spricht, streift ihr Blick wachsam über das Wasser. Als ein lautes Lachen zu hören ist, wandern

1994

Umwandlung in ein Teilgruppenbad mit einem schwerpunktmäßigen Angebot für Schul-, Gruppen-, und Vereinsschwimmen (somit nur noch eine eingeschränkte öffentliche Nutzung)

ihre Augen sofort in die Richtung des vergnügten Kreischens. Drei junge Frauen in neonfarbigen Bikinis springen hintereinander von dem einen Meter hohen Sprungbrett. Einen Burkini trägt hier kaum eine Frau. Eifrig schwimmen die Teilnehmerinnen ihre Bahnen oder bewegen sich mit Ballspielen im Wasser. Von vier bis 70 Jahren sind Frauen und Kinder aller Altersklassen vertreten. Rund die Hälfte der Frauen nimmt eine Anreise von 100 bis 200 Kilometern in Kauf, um am Frauenschwimmen teilzunehmen. Asla Faruk etwa wohnt in Wuppertal. Das erste Mal begleitete sie ihr Ehemann bis zur Tür der Schwimmhalle, um sich zu vergewissern, dass auch kein anderer Mann in der Halle sei. Heute kommt sie allein. „Die Sportmöglichkeiten für Muslima sind begrenzt. Sport ist wichtig für mich, aber lässt sich nicht immer mit meinen religiösen Ansichten vereinbaren“, sagt sie. Als Faruk nach eineinhalb Stunden nach Hause fährt, trägt sie ihr schwarzes Kopftuch. Ihre Wangen und Augen sind leicht gerötet. Nächsten Freitag wird sie wiederkommen. Das Frauenschwimmen ist für die 37-Jährige ein Ort der Entspannung und der Zuflucht geworden.

2010

2003

Wiedereröffnungsfeier nach Sanierungsarbeiten für 6,4 Millionen Mark. Die ersten Ideen für das „Muslimische Frauenschwimmen“ entstehen 4

sagt sie mit fester Stimme. Auch im Genovevabad trägt die 33-Jährige einen langärmligen Badeanzug. Ein Burkini käme für sie nicht in Frage. „Er hindert mich am Sport“, sagt sie. An diesem Freitag kommt sie in Begleitung ihrer kleinen Tochter. Auch Jungen bis sechs Jahre dürfen ihre Mütter begleiten.

Eröffnung des Textil-Dampfbades

2007

Das „Muslimische Frauenschwimmen“ ist ab sofort für alle Frauen zugänglich und wird in „Frauenschwimmen“ umbenannt

2016

50-Jähriges Jubiläum


Vier Uhr morgens nach einer langen Partynacht. Die 33-jährige Alina steht mit ihren Freundinnen vor einer Kölner Disko an den Ringen. Die Frauen sind müde und wollen sich erschöpft auf den Heimweg machen. Plötzlich werden die Freundinnen von einer Gruppe Männern bedrängt. Sie rückten immer näher an die Frauen heran und umkreisten sie. Es gibt keine Möglichkeit zu entkommen. „Du Fotze“, „Komm zu mir“, Hände berühren Alina. „Ich hatte solche Panik, ich habe mich machtlos gefühlt“, beschreibt sie die Situation heute. So einer Konfrontation war die Kölnerin bisher noch nie ausgesetzt. Glücklicherweise werden zwei Männer auf die Gruppe aufmerksam und fragen, ob es Probleme gibt. Die Angreifer wenden sich ab und gehen. So können sich die Frauen aus der Lage befreien, doch ein unsicheres Gefühl bleibt. Eine solche Situation möchte Alina nicht nochmal erleben. „Ich will mich nicht länger wie ein Opfer fühlen“, sagt sie. So wie ihr geht es vielen Frauen. Aus einer EU-Studie aus dem Jahr 2014 mit 42 000 Befragten geht hervor, dass in Deutschland jede dritte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt hat. Hilfe bieten Selbstverteidigungskurse für Frauen. Eine Art der Selbstverteidigung ist Krav Maga: Ein System mit einfachen, schnell abrufbaren und effektiven Methoden im Kontaktkampf. Anders als im Kampfsport wird beim Krav Maga die Reaktion in überraschenden Situationen geübt, um blitzschnell handeln zu können. Dies grenzt Krav Maga von anderen Kampfsportarten ab. Dominik Lansen möchte Frauen diese Techniken mit seinem Projekt „Sicher und Selbst“ beibringen. Er macht bereits sechs Jahre Krav Maga und ist seit 2014 ausgebildeter Trainer. Schon als Kind war Lansen vom Kampfsport begeistert und beschäftigte sich mit unterschiedlichen

Nicht länger machtlos Im Krav Maga Training „Sicher und Selbst“ lernen Frauen sich zu verteidigen Sportarten, bis er sich ab 2010 der Selbstverteidigung widmete. Zusammen mit fünf Co-Trainern bietet Dominik Lansen seit März 2015 zwei bis drei Mal wöchentlich Krav Maga-Training in Köln an. Zusätzlich leitet Lansen spezielle Seminare, wie den halbtägigen Selbstverteidigungskurs für Frauen, an dem Alina und elf weitere Frauen im Alter von 15 bis 33 Jahren teilnehmen. Die Motive der Teilnehmerinnen

sind unterschiedlich, allerdings steht bei fast allen der Wunsch, sich wehren zu können und sich dadurch sicherer zu fühlen, im Vordergrund. Einige haben bereits Erfahrungen mit Selbstverteidigung oder Kampfsport gesammelt und möchten ihr Wissen auffrischen. Andere wurden von Freundinnen zum Training animiert oder kommen aus Spaß an der sportlichen Herausforderung. Oberstes Ziel ist die Sensibilisierung

für Gewalt, das heißt die Gefahr frühzeitig zu erkennen. „Selbstverteidigung ist nicht nur die körperliche Auseinandersetzung“, sagt Dominik Lansen. Er teilt die Selbstverteidigung in drei Stufen ein. Im Voraus müsse jede Situation analysiert werden, um Gefahren ausweichen zu können. Hierbei müsse man auch auf sein Bauchgefühl hören und instinktiv handeln. Gibt es eine gefährliche Situation, müsse man Ruhe bewahren,

Krav Maga heißt auf Hebräisch Kontaktkampf und ist ein Selbstverteidigungssystem mit schnellen Techniken, entwickelt von Imrich Lichtenfeld. Er gründete in der Zeit des Nationalsozialismus eine Schutzgruppe für seine jüdische Gemeinde. Lichtenfeld flüchtete vor den Nazis nach Palästina und etablierte Krav Maga ab 1948 als Chefausbilder einer Spezialeinheit der israelischen Armee. Seit 1980 können auch Zivilisten Krav Maga erlernen. Inzwischen gibt es verschiedene Formen: Man unterscheidet zwischen zivilem und militärischem Krav Maga.

stets vorbereitet sein und versuchen die Lage zu entschärfen. Gewalt sei nur der letzte Ausweg. Nach der theoretischen Einführung in Krav Maga folgt der praktische Teil. In Rollenspielen werden typische Situationen auf der Straße nachgestellt, in welchen Frauen von Männern angesprochen werden. Die Teilnehmerinnen lernen richtig zu reagieren, wenn sie zum Beispiel nach einem Feuerzeug oder einer Handynummer gefragt werden. Lansen zeigt den Frauen die richtige Abwehrhaltung und erklärt ihnen, was sie sagen können, wenn ein Mann aufdringlich werden sollte. „Kommen Sie nicht näher, bleiben Sie stehen“, diese Sätze rufen die Teilnehmerinnen immer wieder. Wichtig: Den Gegner Siezen, laut und deutlich sprechen und die Hände vor den Oberkörper halten ohne jedoch in Kampfstellung zu sein. Für den Fall, dass doch Gewalt benötigt wird, wird der Nahkampf geübt. Ziel dabei ist es, den Täter effektiv außer Kraft zu setzten. Handballenschlag, Ohrfeige, Faustschlag, Ellbogenschlag und Tritte mit Fuß oder Knie – all das trainieren die Frauen mit ihren Partnerinnen. „Anders als im Kampfsport gibt es in der Selbstverteidigung keine Regeln. Angriffe sind meistens überraschend und man muss bereit sein, entschlossen zu handeln“, sagt Dominik Lansen. Deshalb gebe es keine Tabus und er zeige den Teilnehmerinnen konkret Schläge und Tritte in schmerzhafte Körperzonen, damit sie sich im Ernstfall durchzusetzen können. Die Teilnehmerinnen des Seminars sind am Ende zufrieden. „Ich habe jetzt eine Idee davon bekommen, wie ich mich in gefährlichen Situationen schützen kann“, sagt eine der Frauen. Sie verlassen das Training ein Stück weit sicherer und mit dem Gefühl, nicht länger machtlos zu sein.

Carolin Jackermeier

Rugby auf Rädern Rebecca Groß spielt im Nachwuchsteam der deutschen Rollstuhlrugby-Nationalmannschaft Naomi Bader „Heute Nacht geht mein Flieger nach Prag“, sagt Rebecca Groß, während sie einen Stuhl zur Seite schiebt und sich stattdessen in ihrem Rollstuhl an den Tisch setzt. Es ist Donnerstag und Rebecca wird übers Wochenende für ein Turnier in Prag sein. Das Fliegen ist eine der wenigen Angelegenheiten, die für die 23-jährige Studentin aus Köln noch unangenehm sind. Weil sie niemandem Umstände machen möchte und trotzdem manches nicht so schnell geht wie bei anderen. Für solche Situationen musste Rebecca einen gewissen Pragmatismus entwickeln: „Ich bin pünktlich da, gebe mein Bestes und wenn’s dann nicht funktioniert, kann ich es nicht ändern.“ Wer Rebecca Rugby spielen sieht, kann sich schwer vorstellen, dass sie solche Probleme hat. Ohne Schwierigkeiten hält sie bei dem schnellen, aggressiven Sport mit. Zwei Mannschaften aus vier Personen – Männer und Frauen – spielen gegeneinander. Dabei versuchen zwei Angreifer einen Ball über die Ziellinie am gegenüberliegenden Spielfeldende zu führen. Zwei Abwehrspieler müssen

genau das verhindern. Wenn Rebecca ihren Kommilitonen an der Kölner Universität erzählt, dass sie Rugby spielt, fragen die meist: „Geht das überhaupt im Rollstuhl?“ Dafür hat Rebecca Verständnis, wer es noch nicht gesehen habe, könne sich das schwer vorstellen. „Aber sobald die Menschen mich spielen sehen, ist ihnen klar, was da für eine Leistung hinter steckt.“ Sie selbst war sofort von der Sportart begeistert, die sie bei einem Seminar kennen lernte. Regelmäßig fuhr sie danach von ihrem Heimatort in der Eifel nach Köln, um mit der nächsten, für sie erreichbaren Mannschaft zu trainieren. „Relativ schnell war klar, dass da vielleicht so ein bisschen Talent ist“, sagt Rebecca. Weil sie eine „Frühverunfallte“ ist, wie sie selbst sagt. Rebecca war 15 Monate alt, als sie bei einem Autounfall gelähmt wurde. Für den Rollstuhlsport war das ein Vorteil. Andere, die später durch Unfall oder Krankheit gelähmt werden, müssen rollstuhlfahren erst lernen. Nach drei Jahren schaffte es Rebecca in den B-Kader der Nationalmannschaft, das sogenannte

Nachwuchs-Team. Seit gut einem Jahr spielt sie nun dort und einiges hat sich geändert: Sie richtet sich nach einem Fitnessprogramm, ernährt sich gesund und baut Muskeln auf. Für ihre Familie und Freunde ist das neu. Und auch sie selbst musste sich erst an ihren neuen, starken Körper gewöhnen. Heute mag sie die Muskeln, weil sie bedeuten, dass sie bei den Jungs im Team mithalten kann. „Es ist wichtig diesen Menschen zu zeigen, dass alles wieder gehen, nein, funktionieren kann.“ –Rebecca Groß Das Training für die Nationalmannschaft ist intensiv. Sechs Trainingslager im Jahr und alle vier bis sechs Wochen ein Turnier, wie das am Wochenende. Trotz des Aufwands spielt Rebecca, die im siebten Semester Psychologie studiert, weiter in ihrer Kölner Mannschaft. Der Breitensport ist ihr wichtig. Gerade dort können Menschen, die den Verlust ihres Gehvermögens verarbeiten müssen, Perspektiven finden. Viele

fangen erst durch den Rollstuhlsport wieder an, sich Dinge zuzutrauen. „Es ist wichtig diesen Menschen zu zeigen, dass alles wieder gehen, nein, funktionieren kann“, sagt sie. Für Rebecca bedeutet der Sport Normalität und Besonderheit. Normal, weil sie Sport macht, so wie alle anderen. Und besonders, weil der Sport ihr erlaubt, herausragende Leistungen zu erbringen. Trotz der Beeinträchtigung. Das, findet sie, hebt die Schwierigkeiten ihrer Behinderung fast schon wieder auf. Ein Hindernis beim Rugby ist die Ausrüstung. Ein passender Rollstuhl kann bis zu 6000 Euro kosten. Rebecca hat vor kurzem ihren ersten, eigenen Sportrollstuhl gekauft: Gebraucht, für 1500 Euro, von einer Mitspielerin. Die Krankenkasse übernimmt davon nichts. Ein teurer Sport also für die Studentin. Es gibt eine Menge andere, weniger teure Sportarten für Rollstuhlfahrer. Doch so etwas wie Boule ist für Rebecca keine Option: Sie braucht die Bewegung. Jahrelang hat sie Basketball gespielt. Doch beim Basketball muss der Ball gezielt geworfen und

sicher gefangen werden. Es kommt also auf die Arme und Hände an und auch die sind bei Rebecca von der Lähmung betroffen. Ihre Muskulatur und die Motorik sind eingeschränkt und dadurch fällt es ihr schwer, einen Ball hoch zu werfen oder zu fangen. Rollstuhlrugby richtet sich speziell an Rollstuhlfahrer wie Rebecca, die an mindestens drei Gliedmaßen beeinträchtigt sind. Der Ball ähnelt einem Volleyball, ist also leichter. Außerdem müssen die Spieler ihn nicht in einen Korb hoch werfen, sondern über die Ziellinie führen. Hierbei ist vor Allem Taktik gefragt. Das ist es auch, was Rebecca an der Sportart so liebt. Die Tür zu ihrem Zimmer im Studentenwohnheim ist vollgeklebt mit Blättern auf denen die verschiedenen Strategien und Spielzüge zu sehen sind. Dieses Wissen als Trainerin anderen Rollstuhl-Sportlern zu vermitteln, wäre ihr Traum. Doch Rebecca Groß bleibt realistisch: Erst einmal will sie sich um einen Masterstudienplatz in Psychologie kümmern.

■ 5


Ausbruch auf Turnschuhen Sport in der JVA Köln erleichtert den Gefängnisalltag für Insassen und Beamte Judith Henke Die Häftlinge singen auf ihrem Weg in die Zelle. Für eine kurze Zeit herrscht eine befreite Stimmung in den beengten Gängen der JVA Köln, einem tristen 70er-Jahre-Bau. „Bis Freitag“, verabschiedet sich ein junger schwarzhaariger Gefangener, bevor ihn Paul Küpper in seine Zelle einschließt. Küpper hat einen guten Stand bei den Insassen, sie können es kaum erwarten, ihn zu sehen. Denn der Vollzugsbeamte ist einer von sechs Sportbediensteten der JVA Köln, einem mit knapp 1200 Insassen relativ großen Gefängnis (siehe Kasten). Für wenige Stunden in der Woche kann Küpper den Gefangenen eine Tür in die Freiheit öffnen: Hinter ihr verbirgt sich ein Kraftraum. Hier sind die Häftlinge unter sich: Ein blonder Ex-Hells-Angel motiviert einen jungen Afrikaner beim Bankdrücken, es läuft laute Rockmusik. Ärger gebe es in diesem Raum selten, erzählt Küpper, während er das Training von seinem Büro aus durch eine große Glasscheibe beobachtet. Als stellvertretender Sportkoordinator müsse er mit seinen Kollegen jeden Tag die vielen Anträge für den Sport bearbeiten, die die Häftlinge stellen. „Ich will Fußball spielen“, steht da etwa drauf. Ob das möglich ist, hängt davon ab, ob es für den Insassen besondere Sicherungsmaßnahmen gibt. Außerdem dürfen einige der Sträflinge keinen Kontakt zueinander aufnehmen. Deshalb ist der Großteil der Sportgruppen auch nach Abteilungen getrennt. Nur so sei ein sicheres Training auf den drei Außenplätzen und im Kraftraum gewährleistet, sagt Küpper. Fußball, Badminton, Laufen oder Kraftsport – eine von diesen Sportarten dürfen die Gefangenen zweimal in der Woche ausüben. Im Kraftsport bestehen die Trainingsgruppen aus etwa 20 Insassen, die eine Stunde trainieren dürfen. Dann bleiben den Häftlingen

fünfzehn Minuten in der Umkleide. „Etwas schneller dahinten“, sagt der Sportbeamte in freundlichem, aber bestimmten Ton zu der Gruppe Gefangener vor ihm. Sie trödeln auf dem Weg zurück in ihre Zellen. Das stört Küpper, denn jede Verspätung müsse er von der Trainingszeit der nächsten Gruppe abziehen. „Und die sollen nicht unter der fehlenden Disziplin der anderen leiden.“ Feste Zeiten einhalten – das sei für die meisten Insassen ungewohnt, so Küpper. Viele seien vor Strafantritt drogenabhängig gewesen und hätten ein Leben geführt, in dem Regeln und Disziplin keine große Rolle spielten, von gesunder Ernährung ganz zu schweigen. Küpper hat nicht nur die für seinen Job erforderliche Sportübungsleiterlizenz, sondern auch die Qualifikation als Fitnesslehrer. Deshalb gibt er den Gefangenen auch Ernährungstipps. „Einige verlassen die Anstalt gesünder als sie jemals waren“, sagt der Sportbeamte stolz.

„Ohne Sport würde ich es psychisch nicht in der Zelle aushalten.“ –Michael (Häftling der JVA Köln)

Allerdings halte das oft nicht lange an: „Viele sehe ich dann später unter Drogeneinfluss am Hauptbahnhof und bald darauf auch wieder in meinen Sportgruppen.“ Resozialisierung sei eben ein nur schwer erreichbares Ziel, betont Küpper: „Für viele Gefangene gehört Kriminalität schon längst zum Leben dazu.“ Dass er als Sportbediensteter mal verhindert hätte, dass ein Ex-Häftling rückfällig wurde, fände er vermessen zu sagen. Denn der Sport allein helfe wenig, um draußen besser zurechtzukommen. Damit ein Freigelassener nicht erneut straffällig wird, muss laut Küpper das Gesamtkonzept stimmen: Gespräche mit psychosozialen Fachdiensten, schulische Möglichkeiten, ein nicht-kriminelles Umfeld. Trotzdem könnte das Sporttraining besser in dieses Konzept integriert werden. Das ergeben Erkenntnisse des Kongresses Deutscher Präventionstag. Demnach wird

Foto: P. Küpper / JVA Köln

Gefängnissport bislang in erster Linie als Freizeit angesehen. Doch auch das hat bereits eine große Wirkung, vor allem weil, es den Haftalltag erleichtere: Gefangene kämen dadurch besser miteinander aus und könnten ihre Aggressionen abbauen. „Ohne Sport würde ich es psychisch nicht in der Zelle aushalten“, sagt auch der Gefangene Michael. Er hat ein freundliches, sanftes Gesicht, ist sehr stämmig gebaut. Die meiste Zeit spielt sich sein Leben in einem vier Quadratmeter kleinen Zimmer ab. Wenn Michael den Kraftraum betritt, geräumig, trotz der vielen großen Geräte, fühle er sich daher direkt besser. Dass dieser Kraftraum sauber ist, ist auch dem Untersuchungsgefangenen Jens zu verdanken: Als Sportwart kümmert er sich um die Sauberkeit der Sportanlagen. „Das ist der beliebteste Job im Gefängnis“, sagt der junge blonde Mann schmunzelnd. Denn für Jens springt dabei auch mehr Sport heraus: Nach Feierabend darf er bei einer Sportgruppe seiner Wahl mittrainieren. „Ich muss fit bleiben“, so der U-Häftling. Wieder frei, wolle er im Sportbereich arbeiten. Wie Jens gehen viele Gefangene einer Arbeit nach. Andere holen aber auch ihren Abschluss nach – etwa die jungen Mädchen, die in der JVA Köln ihre Jugendstrafen absitzen. Einige von ihnen üben gerade in der Halle Badminton für den Schulsport. „Heute lassen wir es langsamer angehen“, sagt die Sportbeamtin, die das Training durchführt. Ein Mädchen sei traurig vom Treffen mit ihren Angehörigen zurückgekehrt. Gespräche wie diese zu führen sei ein fester Bestandteil ihrer Arbeit, stimmt Küpper seiner Kollegin zu. Der Sport helfe, einen Draht zu den Gefangenen aufzubauen. So könnten sie ihre Sorgen loswerden – und beim Sport ihre Aggressionen. Das erleichtere das Miteinander in der Haft, sagt Küpper und lächelt: „Meine Kollegen sind mir manchmal sehr dankbar dafür.“

DIE JVA KÖLN: ZAHLEN & FAKTEN

1200

2

Jahre sind Strafgefangene im Durchschnitt inhaftiert

Die JVA Köln ist die größte geschlossene Vollzugsanstalt in NRW

GEFANGENE (DIE MEISTEN IN U-HAFT)

1969 GRÜNDUNG:

6

25% FRAUEN

18

Abteilungen

Die meisten Gefangenen sind Erwachsene – aber es gibt auch eine Abteilung für weibliche Jugendliche


Ausgepfiffen

Für die mehr als 300 Amateurfußballspiele in Köln braucht es viele Schiedsrichter. Doch Jahr für Jahr werden es weniger

Daniel Rottländer Zweimal im Monat holt Yannick D. seine Fußballschuhe und seine Schiedsrichteruniform aus dem Schrank, um ein Spiel im Kölner Amateurfußball zu leiten. Mehr als 200 Spiele hat der gebürtige Kölner in über zehn Jahren als Schiedsrichter bereits gepfiffen. „Es ist für mich nicht nur Hobby, sondern auch Verpflichtung,“ sagt D. und fügt hinzu: „Es gibt immer weniger Amateurschiedsrichter in NRW. Eine traurige Entwicklung.“ In der Tat sei es in den letzten Jahren schwieriger geworden, Nachwuchsschiedsrichter zu rekrutieren, bestätigt Werner Jung-Stadié vom Fußballverband Mittelrhein: „Es ist offensichtlich, dass viele junge Leute kein Interesse mehr daran haben, Schiedsrichter zu werden.“ Die Gründe dafür sind vielfältig: Eine Aufwandsentschädigung, die oft nur wenige Euro pro Spiel beträgt; ein vergleichsweise hoher Zeitaufwand, den Schiedsrichter in ihr Hobby investieren müssen; vor allem aber die immer häufigeren Fälle, bei denen Schiedsrichter tätlich attackiert werden. Erst im vergangenen Dezember musste ein Schiedsrichter das Kreisliga-A-Spiel zwischen der SVG Grevenbroich und dem 1. FC Grevenbroich abbrechen nachdem ein Spieler der SVG den Referee in der 30. Minute ins Gesicht boxte. Wenige Monate zuvor musste ein Schiedsrichter das Kreisligaspiel zwischen TürkGücu Rodenkirchen und dem SV Botan Köln auf

Grund von Ausschreitungen abbrechen. Zuschauer von beiden Seiten stürmten den Platz, attackierten den Unparteiischen und mussten von einem 50 Mann starken Aufgebot der Polizei beruhigt werden. „Ein besorgniserregender Trend“, sagt Amateurschiedsrichter D. Auch er müsse mittlerweile beinahe jedes Wochenende Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Auch tätliche Angriffe hat D. schon erlebt: „Einmal ging ein Spieler mit einem Mülleimer auf mich los, das war schon ein Schock.“

„Wer mit Angst auf den Platz geht, hat schon verloren.“ –Yannick D.

am fairen Wettbewerb interessiert. Dieses Fundament wird durch die paar wenigen Chaoten nicht erschüttert.“ Das Ausbleiben von Schiedsrichtern jedoch ist ein ernsthaftes Problem, das sogar den Spielbetrieb gefährden kann. Im Fußballverband Mittelrhein gibt es auf rund 7400 Mannschaften und 3500 pro Woche angesetzten Spielen gerade einmal 2300 Schiedsrichter. Dort am Wochenende alle Spiele zu besetzen wird zusehends schwieriger. „Wir sind nach wie vor von ehrenamtlichen Helfern und Amateurschiedsrichtern abhängig“, bestätigt Walter Krein vom traditionsreichen

Kölner Fußballverein VfL Rheingold. „Es kommt leider immer wieder vor, dass der Kreis keine Schiedsrichter stellen kann oder die gestellten Schiedsrichter nicht auftauchen.“ In einem solchen Fall muss ein Freiwilliger der Auswärtsmannschaft den Job übernehmen. Dies führt dazu, dass der Unparteiische in den meisten Fällen keine Schiedsrichterausbildung besitzt und das Spiel möglicherweise zu Gunsten seines Vereins leiten will. Diesem Trend versucht der Verband unter dem Motto „Mach mit! Werde Schiri!“ schon seit Jahren entgegen zu wirken. Mit der Aussicht auf Talentförderung und der Betonung auf die

Wichtigkeit des Schiedsrichterwesens bietet der Verband mehrmals im Jahr Ausbildungslehrgänge für Erwachsene und Jugendliche ab 13 Jahren an. Die Zahlen sind jedoch weiterhin rückläufig. Jedes Jahr geht die Zahl der Schiedsrichteranwärter um etwa fünf Prozent zurück. Yannick D. sieht trotz aller Probleme keinen Grund, seine Schiedsrichtertätigkeit aufzugeben. „Wenn man aufgibt, zeigt man ja nur, dass die Einschüchterungen funktionieren“, sagt er. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Angst die Überhand gewinnt. Wer mit Angst auf den Platz geht, hat schon verloren.“ Dagegen wolle er kämpfen.

Der Verband verfolgt diese Entwicklung mit großer Sorge. „Wenn unsere Schiedsrichter Angst haben müssen, dass Spieler und Fans aufeinander losgehen oder den Schiedsrichter attackieren, haben wir einen Punkt erreicht, an dem wir uns ernsthaft Gedanken machen müssen wie wir in Zukunft weiter machen wollen“, sagt Werner Jung-Stadié. Dass der Amateurfußball durch solche Ausschreitungen ernsthaft bedroht ist, glaubt er allerdings nicht: „98 Prozent aller aktiven Spieler und Funktionäre sind friedlich und

Fairplayliga – Eine Idee setzt sich durch Spiel ohne Schiedsrichter revolutioniert Kinderfußball Maximilian Hübner Manchmal braucht es nur einen einzigen ehrgeizigen und motivierten Menschen, um Dinge grundlegend zu verändern. Ralf Klohr, der Erfinder der Fairplayliga, ist so ein Mensch. Mit drei simplen Regeln hat der 54-Jährige den Kinderfußball revolutioniert. Regel Nummer eins: In der Fairplayliga für die E- und F-Junioren gibt es keine Schiedsrichter mehr. Die Sieben- bis Zehnjährigen entscheiden selber über die Einhaltung der Spielregeln. Wenn sich die Kinder nicht einigen können, übernehmen die Trainer und entscheiden gemeinsam. Regel Nummer zwei: Die beiden Trainer befinden sich während des Spiels in einer Coachingzone und sollen die Kinder gemeinsam unterstützen. Regel Nummer drei: Für die Zuschauer und Eltern heißt es Abstand halten. Sie müssen in der Fairplayliga mindestens 15 Meter entfernt vom Spielfeld Platz nehmen. Das Resultat dieser drei an sich einfachen Vorschriften ist bemerkenswert: Durch die Fairplayliga lernen die Kinder Probleme untereinander und miteinander zu lösen. Sie übernehmen Eigenverantwortung

und verinnerlichen gleichzeitig die Regeln des Fußballs. Viel zu oft herrsche im Fußball die Meinung, dass alles erlaubt sei, was der Schiedsrichter nicht sieht. Für Klohr steht hingegen fest: „Sport ist für mich das größte Instrument, um Verhaltensweisen zu erlernen und Kinder zu erziehen, ohne dass diese es merken.“ Bis er zu dieser Einsicht gelangte, war es allerdings ein weiter Weg. In Kontakt mit dem Kinderfußball kam Klohr durch seine zwei Söhne, die von klein an im SuS Herzogenrath spielten. Der gebürtige Pfälzer engagierte sich von da an stark im Verein als Jugendleiter. Auch er habe die Spiele seiner Söhne lautstark vom Spielfeldrand kommentiert, gibt Klohr zu. Aber erst als sich eines Tages sein jüngster Sohn Patrick beschwerte, begann Klohr über sein eigenes Verhalten und das der anderen Eltern nachzudenken. Als Klohr kurz darauf in einem Zeitungsartikel von einem Spielabbruch erfuhr, der durch pöbelnde Eltern ausgelöst wurde, setzte sich für ihn ein Bild zusammen. Dass Fußballspiele unter Kindern durch Wutausbrüche von Eltern oder Trainern zu einem plötzlichen Ende kamen, war bis vor einigen Jahren keineswegs ein Einzelfall. Gemeinsam mit

seinen Vorstandskollegen analysierte Klohr die Gründe für diese Eskalation und entdeckte schließlich die maßgeblichen drei Störfaktoren im Kinderfußball. Seine erste Erkenntnis dabei war: Probleme gab es praktisch ausschließlich mit Erwachsenen.

„Es ist das Spiel der Kinder, nicht der Eltern.“ –Ralf Klohr „Wenn wir mit den Kindern arbeiten, müssen wir dafür sorgen, dass sie Spaß haben und sich wohlfühlen, dann bringen sie auch Leistung“, erklärt Klohr. Was die Kinder daran hinderte, waren Eltern, Trainer und Schiedsrichter. Bei Eltern und Trainern war es meist falscher Ehrgeiz, der zu Eskalationen führte. Bei den Schiedsrichtern sah Klohr hingegen das Problem, dass es im Kinderfußball keine unparteiischen Schiedsrichter gab (und auch bis heute nicht gibt). Viel mehr übernehmen Trainer oder Betreuer einer Mannschaft diese

Aufgabe. Ganz gleich ob die Schiedsrichter eigennützig pfeifen oder zum Angriffspunkt für Eltern und gegnerische Trainer werden – für Klohr steht fest: „Es ist das Spiel der Kinder und nicht der Eltern und Trainer!“ Aus diesen Gedanken heraus entstand die Idee der Fairplayliga mit ihren drei Regeln. Motiviert, die Idee auszuprobieren, begannen Klohr und seine Vorstandskollegen das Konzept im eigenen Verein zu testen. Sie luden zu Freundschaftsspielen ein, und als sie merkten, dass trotz vieler Skepsis das Konzept aufging, nahm Klohr mit dem Fußballkreis Aachen Kontakt auf. Im Frühjahr 2007 starteten zwei Staffeln mit jeweils sechs Mannschaften in einem Pilotprojekt. Der Erfolg gab Klohr recht, auch wenn es ihn immer noch erstaunt, dass sich die Fairplayliga fast zehn Jahre später bundesweit etabliert hat. Es war ein weiter Weg. Immer wieder stellte der heute 54-Jährige seine Idee vor, gab Workshops zu dem Thema und wurde schließlich Fairplaybeauftragter des DFB. Seit 2013 existiert in Köln nun auch ein Pilotprojekt für die D-Jugend. In diesem Versuch gibt es zwar einen Schiedsrichter – allerdings entscheiden die Spieler weiterhin über Einwurf, Eckball oder Torabstoß.

Durch die Regelung werden zum einen die Schiedsrichter entlastet, zum anderen der von Klohr eingeführte Gedanke der Eigenverantwortung weitergeführt. Eines war dem Erfinder der Fairplay-Liga immer klar: „Du musst es schaffen, ohne dass es organisatorischen Aufwand bedeutet. Und es darf kein Geld kosten.“ Zufrieden ist Klohr trotz aller Erfolge indes nicht. Vor allem der DFB tut aus seiner Sicht viel zu wenig. Es gebe beim DFB noch nicht einmal einen Beauftragten für den Kinderfußball, kritisiert er. Dabei sei es längst an der Zeit, den Kinderfußball getrennt vom Jugendfußball zu sehen und zu fördern. Vor allem in die Ausbildung der Trainer müsse investiert werden. Außerdem würde Klohr die Fairplayliga gerne gemeinsam mit einer Sportpsychologin der Sporthochschule Köln in Langzeitstudien analysieren und weiter verbessern, doch für dieses Vorhaben fehlt das Geld. „Im Prinzip habe ich die Aufgabe, die ich mir persönlich gestellt habe, erfüllt. Trotzdem bin ich unzufrieden, denn der Kinderfußball braucht ein eigenes Fundament.“, sagt Klohr. Es steht fest, der Pfälzer wird weitermachen und für seine Ideale kämpfen.

7


Wenn Radfahren zur Gefahr wird Warum in Köln Fahrradfahren in der Freizeit keinen Spaß macht – und was die Stadt dagegen tut Julius Fiedler Sonnenschein, freie Radwege am Rhein, unverstellter Blick auf den Dom – Köln scheint für Freizeitradler ein wahres Paradies zu sein, wenn man dem aktuellen Imagefilm der Stadt zum Thema Radfahren glaubt. Dort reist eine Familie mit dem Zug nach Köln, um eine Radtour vom Hauptbahnhof zum Zoo zu machen. Durch die ganze Innenstadt führt die Route der Familie, ohne jede Komplikation. In Wirklichkeit sieht die Situation auf den Kölner Straßen ganz anders aus. Die Bedingungen für Fahrradfahrer sind bei Weitem nicht so gut, wie der Imagefilm behauptet. Im Fahrradklimatest 2014 des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), der alle zwei Jahre die Fahrradfreundlichkeit deutscher Städte misst, liegt Köln bei den 39 deutschen Städten mit über 200.000 Einwohnern auf Platz 36. Sogar Stuttgart, wohl der deutsche Inbegriff einer Autostadt, steht in der Tabelle vor Köln. Doch kein Zweifel, auch in Köln gibt es schöne Radwege: entlang des Rheins, ebenso in den Grüngürteln und den Parks. Die Stadt schlägt auf der Internetseite Radtouren vor, mit denen sich alle Stadtbezirke und sogar die preußische Geschichte Kölns erkunden lassen. Aber selbst auf den Radwegen sind die Bedingungen nicht immer gut. Die Hohenzollernbrücke, die die Innenstadt und das „Kölntriangle“-Hochhaus mit der bei Touristen beliebten Aussichtsplattform verbindet, müssen sich Radfahrer mit Fußgängern teilen. Das sorgt immer wieder für Ärger. Radfahrer stört es, wenn Fußgänger nebeneinander laufen und den ganzen Weg blockieren oder unvermittelt stehen bleiben, um die Liebesschlösser an der Brücke zu betrachten. Fußgänger hingegen geraten in Gefahrensituationen, wenn Radfahrer riskant und mit hoher Geschwindigkeit fahren. Ähnliche Probleme gibt es an allen viel genutzten Wegen, besonders am Rheinufer.

„Diese nutzen Radfahrer häufig, weil es keine Ampeln und keinen Autoverkehr gibt“, sagt Stadt-Sprecher Jürgen Müllenberg. Dafür ist es dort meist sehr eng. „Mit unseren Kindern machen wir nur ganz selten Radtouren.“ –Alexandra Bernd Deshalb schiebt der passionierte Radfahrer Wolfgang Henert sein Rad an den Wochenenden über die Hohenzollernbrücke. Er ist insgesamt unzufrieden mit der Radwegsituation in Köln. „Das ganze Netz ist unzulänglich“, sagt er. Vor allem Autos hätten zu viel Platz, Radfahrer zu wenig. Er erinnert sich besonders an einen Unfall, bei dem eine Radfahrerin gegen eine unvorsichtig geöffnete Autotür fuhr, stürzte und mit dem Rettungswagen abtransportiert werden musste. Trotzdem lasse er sich den Spaß am Fahrradfahren nicht nehmen. „Das ist hier einfach gefährlich, damit muss man rechnen“, sagt Henert. Andere Kölner sind da vorsichtiger: „Mit unseren Kindern machen wir nur ganz selten Radtouren“, sagt etwa Alexandra Bernd. Die Kölnerin nutzt das Fahrrad allerdings als Verkehrsmittel zur Arbeit. In der Freizeit gerade mit Kindern Fahrrad zu fahren mache jedoch wenig Spaß, weil man oft in Gefahr gerate, sagt Bernd. Rund 1.470 Radfahrer sind in Köln 2015 laut Zahlen der Polizei verunglückt, fünf davon tödlich. Die Tendenz ist leicht rückläufig, aber besonders in der Innenstadt bleibt die Unfallquote hoch. „Wir haben einfach eine sehr dicht bebaute Innenstadt und daher nur begrenzten Platz und viele Engpässe“, sagt Stadt-Sprecher Müllenberg. Immerhin – die Stadt hat den Handlungsbedarf erkannt und versucht gegenzusteuern. Fußgängerzonen in der Innenstadt wurden

für Fahrräder geöffnet, mehr als die Hälfte der 2.000 Kölner Einbahnstraßen dürfen nun auf dem Rad in beide Richtungen befahren werden. Vor Ampeln sind Warteflächen für Fahrradfahrer markiert, um sie aus dem toten Winkel der Autos zu holen. Auch Stadtführungen mit dem Fahrrad bewirbt die Stadt. Die Touren des Unternehmens „Colonia Aktiv“ vermitteln Touristen und Einheimischen Wissen über Köln und zeigen, wie sich mit dem Fahrrad die eigene Freizeit gestalten lässt. Die Maßnahmen sind dringend nötig, denn Infrastruktur und besondere Angebote bestimmen, ob Köln für Freizeitradler attraktiv ist. Dabei sind die Grundvoraussetzungen der Stadt eigentlich gut: Radfahrer können sich am Rhein räumlich orientieren, der Fluss bietet zudem eine gute Atmosphäre. Die Grüngürtel als zusammenhängende Parksysteme sind als Entspannungsgebiete in der Millionenstadt ebenfalls attraktiv für Radfahrer. Auch weniger ambitionierte Freizeitradler können die meisten Strecken befahren, da das gesamte Stadtgebiet relativ flach ist. Rund um Nippes beispielsweise lassen sich auf einer 23 Kilometer langen, flachen und für Kinder geeigneten Tour der Zoo und die Flora, diverse Parks im inneren Grüngürtel sowie das linke Rheinufer bei Niehl mit dem Fahrrad erkunden – auf größtenteils autofreien Wegen. Eine Garantie für eine entspannte Radtour ist das in Köln jedoch nicht: Zu oft benutzen Fußgänger die Radwege mit, und ein Teil der Strecke führt auch an viel befahrenen Straßen entlang. Dort wird es dann unangenehm und gefährlich. Besonders bei einer Radtour durch die Innenstadt läuft es sicher nicht so entspannt wie im Film. Aber daran lässt sich arbeiten – und die Stadt bemüht sich.

Fahrradweg „Rund um Nippes“ Eingangsbereich Zoo

5

Ossendorfer Brache

1

Lis-Böhle-Park

6

Bergheimerhof

2

Alhambra

7

Äußerer Grüngürtel

3

Blücherpark

8

Cranachwäldchen

4

Bürgerpark Nord

9

Biergarten

Eine detaillierte Wegbeschreibung findet sich auf www.stadt-koeln.de

8

CHORWEILER

EHRENFELD

LINDENTHAL

1

3

2


Der Drang nach Draußen Wo die Kölner joggen Marlena Bodewein

6 7

5 NIPPES

4

8 3

9 2

1

Graue Wolken türmen sich über der Stadt. Die Luft ist kühl, es nieselt. Doch im Kölner Grüngürtel herrscht auch an diesem tristen Sonntagmorgen im November Hochbetrieb. Die Grünanlage, deren Wege sich über sieben Kilometer in der Innenstadt erstrecken, ist vor allem bei Sportlern beliebt: Es gibt ein Basketballfeld, einen Tennisplatz, einen Fitnessparcours und Wiesen zum Fußball- oder Frisbeespielen. Die meisten Kölner nutzen den Grüngürtel aber einfach zum Joggen. Raus aus der Haustür und etwas für die Gesundheit tun, geistig wie körperlich: „Bewegung ist wichtig, sie trägt nicht nur zur Gesundheit bei, sondern ist auch eine Abgrenzung zum Alltag“, sagt Jens Brügmann. Brügmann muss es wissen, schließlich hat er den Sport zu seinem Beruf gemacht: Der Wissenschaftler arbeitet am Institut für Ökologie und Natursport der Kölner Sporthochschule. Momentan führt er eine Erhebung über die beliebtesten Laufstrecken der Kölner durch. Jogger liefen vor allem durch den Stadtwald und den Grüngürtel und natürlich am Rhein entlang, berichtet er über die Ergebnisse seiner Befragung. Zugleich würden viel mehr Menschen als noch vor zehn Jahren Sport machen, fügt Brügmann hinzu. Und Joggen sei da eine naheliegende Wahl, da man wenig Equipment brauche und fast überall direkt loslaufen könne.

Doch auch wenn man theoretisch überall joggen könne – Grünanlagen, Wälder oder Fußgängerwege seien den meisten Läufern am liebsten. Das sieht auch Arndt Fontes so: „Der Stadtwald und der Königsforst sind natürlich paradiesisch für Läufer“, sagt der Kölner. Gemeinsam mit seiner Frau Kirsten geht er regelmäßig laufen. Kein Asphalt, viel Grün, keine Ampeln – darauf kommt es den beiden an. „Und wenn es an einigen Stellen Möglichkeiten zur Zeitmessung geben würde, könnte natürlich auch das die Motivation zum Joggen erhöhen.“ –Jens Brügmann Rundum zufrieden sind sie allerdings nicht, es fehle zum Beispiel eine bessere Beleuchtung der Laufwege. „Es soll ja gar nicht taghell sein, nur ein paar Laternen, damit man sich nicht so unsicher fühlt“, sagt Kirsten Fontes. Und ein bisschen mehr Kreativität von der Stadt wünschen sich die beiden. Zwar sei gerade ein Weg zwischen dem Zoo und der Mülheimer Brücke ausgebaut worden, eine wirklich schöne Laufstrecke. „Aber leider nur asphaltiert,“ kritisiert Arndt Fontes. Wissenschaftler Brügmann von der Kölner Sporthochschule hält den Sicherheitsaspekt ebenfalls für wichtig: „Mehr Wege sollten beleuchtet sein, da viele abends nach der Arbeit laufen gehen.“ Dies kollidiere jedoch häufig mit dem Naturschutz, da viele nachtaktive Tiere durch die Lichter irritiert würden. Laut Brügmann würden manchmal

aber auch einfache Maßnahmen deutliche Verbesserungen bringen. Etwa eine weitreichendere Beschilderung der Laufrouten. Momentan seien nur zwei Laufstrecken in Köln ausgeschildert und kilometriert. „Und wenn es an einigen Stellen Möglichkeiten zur Zeitmessung geben würde, könnte natürlich auch das die Motivation zum Joggen erhöhen“, sagt Brügmann. Die Stadt Köln hat das wachsende Interesse ihrer Bürger am Joggen durchaus im Blick. Sport außerhalb von Vereinsstrukturen liege im Trend, bestätigt Klaus Zander vom Kölner Sportamt. Er meint, die Stadt tue genug für die Läufer: „Die Kölner finden bei uns alle Möglichkeiten zum Joggen. Der Grüngürtel zum Beispiel ist in seiner Form einzigartig.“ Die Stadt ist tatsächlich bemüht, ihrem Ruf als Sportstadt gerecht zu werden. So wurde eine Laufroute vom Adenauer bis zum Decksteiner Weiher installiert. Auf rund zehn Kilometern können die Jogger den Schildern folgen und werden dabei von wenigen Ampeln behindert. Es gibt auch private Initiativen. So hat etwa der Kölner Energiekonzern Rhein-Energie am Blücherpark eine Laufstrecke eingerichtet, auch dieser Weg ist beschildert. Für Läufer mit Wettkampfambitionen hat Köln ebenfalls einiges zu bieten. Nachtläufe, Firmenläufe, Silvesterläufe – die Auswahl ist groß. Mit dem Köln-Marathon gibt es darüber hinaus jährlich ein sportliches Großereignis. Die Läufer können entweder die gesamten 42 Kilometer bestreiten oder einen Halbmarathon laufen. Auch Firmenteams können in Staffeln antreten. Das Ziel ist für alle Teilnehmer dasselbe: der Kölner Dom.

Die besten Kölner Laufstrecken 4

5

1

2

Von Weiher zu Weiher Adenauer Weiher bis Decksteiner Weiher (10 km, beschildert).

3

RheinEnergie Der Energie-Konzern hat den RheinEnergie Weg am Blücherpark gebaut (beschildert).

4

Durch die Innenstadt Auf insgesamt 7 Kilometern kann man durch den inneren Grüngürtel laufen. Manko: relativ viele Ampeln.

5

Rhein Der Klassiker: am Fluss entlang laufen wohl die meisten. Startpunkt steht jedem frei. Manko: viele Spaziergänger und Radfahrer.

RODENKIRCHEN

9


Shots und Shooter Die E-Sports-Kneipe „Meltdown Cologne“ gibt einer ganzen Szene ein Zuhause Maximillian Rösgen Schon der Eingang des Meltdown Cologne lässt erahnen, welche Welt den Besucher hier erwartet: Auf einem riesigen Flatscreen fahren die Nintendo-Helden Mario und Luigi mit ihren Karts über Wiesen und Strände. Vor dem Bildschirm stehen zwei Sofas, daneben liegen auf einem Tisch mehrere Controller. Auch im Inneren des Meltdown reiht sich ein Bildschirm an den nächsten, selbst auf der Toilette sind Monitore installiert. An der Bar gibt es hier keinen „Sex on the beach“, stattdessen heißen die Drinks „Garrosh“ oder „Miss Fortune“, in Anlehnung an Figuren der Videospielwelten World of Warcraft und League of Legends. Das klassische Kölsch darf aber trotzdem nicht fehlen. Das Meltdown Cologne ist eine sogenannte E-Sports-Kneipe. Eine Bar, in der man in Computerspielen gegeneinander antritt oder anderen dabei zusieht. Hier trifft sich – zu größeren Events, aber auch zum normalen Beisammensein – die Kölner E-Sports- und Gaming-Szene. Besitzer ist der 32 Jahre alte Andreas Malessa. Seit Ende Januar 2016 leitet der studierte Jurist die Bar. Angefangen hat er mit „Barcraft“, einer Art Public Viewing, bei der die Fans nicht Manuel Neuer oder Christiano Ronaldo zujubeln, sondern Typen wie „Faker“ oder „ByuN“ – beides Spielernamen von Berühmtheiten im E-Sports. Die „Meltdown“-Bar ist Teil eines europaweiten Franchisesystems.

schätzt sie auf „im Durchschnitt Anfang 20.“ An Wochenenden sei fast jeder zweite Besucher weiblich. Das Meltdown ist Teil einer rapide wachsenden E-Sports-Branche. Doch mit dem Boom kommt auch Kritik: Ist E-Sports überhaupt ein richtiger Sport? Laut deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) ist es das nicht. Für den DOSB gibt es drei Regeln, die ein Sport erfüllen muss: Man muss sich dabei bewegen, der Sport sollte über Vereinsstrukturen organisiert sein und vor allem muss er ethisch wertvoll sein. E-Sports wäre demnach nicht viel mehr als hobbymäßiges Zocken.

Für Malessa hingegen steht fest: „Wenn es als Sport gilt, einen Pfeil auf eine Dartscheibe zu werfen, oder Figuren auf einem Brett zu verschieben, dann ist E-Sports mit Sicherheit auch ein Sport.“ Das sehen die beiden Freunde Jörg Falkenberg und Marius Post auch so. Die studierten Informatiker sprechen im hinteren Teil des Meltdown über dieselbe Thematik. „Du musst wissen, was, wann, wo ist. Du musst die Karte, auf der du spielst, kennen und auf den Sound achten“, sagt der 32-jährige Falkenberg, der mit dem Videospiel Counterstrike selber einmal in der mit der Bundesliga zu vergleichenden Electronic Sports League gespielt hat. Damals trainierte er zweimal in der Woche. „Das Tolle ist, dass E-Sports vorurteilsfrei ist. Da spielen Leute miteinander, die sonst nie zusammen spielen würden“, sagt er. Post sieht das genauso: „Wenn Golf ein Sport ist, dann ist es E-Sports auch. Professionelle E-Sportler investieren zum Teil viel mehr Zeit in ihren Beruf als „normale“ Sportler. Acht bis zwölf Stunden Training am Tag sind keine Seltenheit.“ E-Sports sei eher ein Gedankensport, eine Übung für den Kopf, sagt Post als er aufsteht, um zu einem freigewordenen Platz an einem der Rechner zu gehen. „So Jungs, jetzt zeige ich euch mal wie das geht“, sagt er ironisch und wird von seinen Kontrahenten mit kumpelhaftem Schulterklopfen begrüßt. Hinter ihm trinkt Falkenberg den letzten Schluck aus seinem Bier und grinst: „Deswegen mag ich Videospiele so – sie bringen uns einfach zusammen.“

„Paintball ist ein teurer Sport“, bestätigt O’Toole, „nicht nur finanziell – man muss auch viel Zeit mitbringen. Turnierteams fahren gerne mal 200 bis 300 Kilometer bis zu ihren Trainingsplätzen. Paintballspieler verbringen viel Zeit im Auto!“ Geld verdienen kann man in Deutschland mit Paintball noch nicht: Es gibt bislang nur drei Teams, die so viele Sponsoren haben, dass sie ihre Kugeln nicht mehr selbst bezahlen müssen. Ansonsten erhalten die Spieler zumindest einen Nachlass auf das teure Spielgerät, wenn sie Trikotwerbung für Paintballshops machen, berichtet der ehemalige Bundesligaspieler Stefan Hörner (27). Auf Wettkampfebene, sagt Hörner, brauche man nicht nur Agilität und Schnelligkeit, die Mannschaft müsse auch viel Zeit in ihre taktische Aufstellung investieren. Einen Monat vor dem Spieltag wird das Layout des Spielfeldes veröffentlicht – wo sich die Deckungen befinden, hinter denen die Spieler sich verschanzen können. Die Teams trainieren dann offensive und defensive Taktiken. Man unterscheidet zwischen zwei Arten von Spielern: Frontplayern und Backplayern. Die Frontplayer stürmen am Anfang nach vorne, sind meist schnell und agil. Sie setzen den Gegner unter

Druck. Die Backplayer bleiben dahinter und sind in der Regel treffsicherer. Da sie hinten mehr Überblick haben, geben sie taktische Anweisungen und kommunizieren viel. „Ich kann verstehen, dass Paintball für manche Menschen gewaltverherrlichend aussehen mag“, sagt Hörner. Er nehme Kritiker am liebsten mit zu einem Spieltag, sagt er, danach könne man sich nochmal unterhalten. „Paintball hat für die Spieler nur mit Sport und Spaß zu tun, nicht mit Gewalt.“ Anders als in manchen Kampfsportarten geht es beim Paintball in der Tat nicht darum, jemandem wehzutun. Durch das Drücken eines Buzzers im gegnerischen Territorium kann man die Partie auch gewinnen, ohne alle Gegner zu markieren. Trotzdem sind die Markierer natürlich keine Spielzeuge, und die Sicherheitsregeln zu Recht streng. Viele Paintballspieler, darunter auch Stefan Hörner, plädieren deshalb dafür, den Sport schon ab 16 Jahren zu erlauben. An den strikten Regeln wird sowieso nicht gerüttelt. Dafür sorgt schon Simon, der Auszubildende, wenn er den Kunden im Adrenalinpark die Masken in die Hand drückt. Denn: Sicher ist sicher – egal in welchem Alter.

Lasst die Spiele beginnen: In der Kneipe Meltdown Cologne zocken E-Sports-Fans mit- und gegeneinander.

Die erste dieser Kneipen wurde im Sommer 2012 in Paris eröffnet, danach folgten Filialen in Berlin, London, Valencia und Brüssel. Im Kölner Meltdown gibt es nicht nur die Möglichkeit, E-Sports-Events mit Gleichgesinnten zu schauen. Insgesamt 14 Konsolen und Rechner stehen innerhalb des Gebäudes, auf allen können Gäste der Bar kostenlos und ohne Anmeldung spielen. An diesem Abend sind alle Rechner belegt mit jugendlichen Gästen, die sich im Shootingspiel „Unreal Tournament“ messen. Die meisten der mehr als 100 täglichen Besucher sind jung, Malessa

„Wenn Golf ein Sport ist, dann ist es E-Sports auch.“ –Marius Post

Friendly Fire

Trotz strenger Gesetze boomt Paintball in Deutschland Carlos Pohle Vazquez Die schwarzen Masken und die Paintballgewehre – Markierer genannt – stehen blank poliert und gut sortiert in einem Regal am Rande der Lagerhalle. Sie bilden einen seltsamen Kontrast zu dem Spielfeld selbst, das aussieht, als wäre ein Tornado aus gelber Lebensmittelfarbe mitten hindurch gerast: Alles ist voll gelber Farbklekse – der Bus, die Autowracks und die einzeln aufgestellten Holzplatten, die den Spielern als Verstecke dienen. Fingerhutgroße Farbkapseln liegen auf dem Spielfeld, das in etwa so groß ist wie ein viertel Fußballfeld und von einem schwarzen Sicherheitsnetz umzäunt wird. „Die Kugeln zerplatzen leicht, deshalb muss ich sie gleich noch wegfegen“, sagt Simon Czernia (22), der hier im sogenannten „Adrenalinpark“ vor kurzem seine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann angefangen hat. Die Halle in Köln-Ossendorf ist einer von drei Paintballparks, die das Unternehmen Lasergame in Deutschland betreibt. Der Park wurde vor einem halben Jahr eröffnet und bietet eines der größten Hobby-Spielfelder in Köln. Simon macht der Job Spaß: Neben 10

dem Aufräumen hilft er beim Kassieren und Verwalten. Aber seine wichtigste Aufgabe ist, den Kunden die Sicherheitsregeln einzuschärfen. „Klar, beim Paintball ist das besonders wichtig“, sagt er. Die Masken seien Pflicht, dicke Kleidung werde empfohlen. „Die Masken darf man auf dem Spielfeld auch auf keinen Fall abnehmen – selbst wenn das Spiel vorbei ist.“ Die Farbkugeln erreichen bis zu 300 km/h. Wenn man aus der Nähe getroffen wird, bedeutet das blaue Flecken. „Das tut weh, aber man hat so viel Adrenalin im System, dass die Schmerzen schnell vergehen.“ In Deutschland unterliegen die Markierer dem Waffengesetz. Deswegen darf man hier auch erst ab 18 spielen. In den USA und Frankreich ist Paintball schon ab 16 Jahren erlaubt. Trotz der relativ strengen Gesetze boomt der Sport, auch in Deutschland. 2005 wurde eine Bundesliga gegründet, heute gibt es acht Ligen, angefangen bei einer Bezirksliga mit 14 Staffeln und 84 Teams. Im Durchschnitt haben die Teams etwa zehn Spieler, in der Bundesliga sind hingegen immer nur fünf Spieler pro Team auf dem Feld. Der Hallenleiter des Kölner Adrenalinparks, Markus O’Toole (36), ist Bundesliga-Schiedsrichter. Er kennt

die Unterschiede zwischen Hobbyund Wettkampfbereich gut. So sei zum Beispiel die Qualität der Farbkugeln in der Bundesliga sehr viel höher. Die Gelatinehüllen seien dünner und gingen leichter kaputt. Das sei wichtig, erklärt O’Toole, damit sie beim Auftreffen nicht abprallen. 2.000 Kugeln kosten bei den Profis etwa 70 Euro, bei den Amateuren 60 Euro.

„Turnierteams fahren gerne mal 200 bis 300 Kilometer bis zu ihren Trainingsplätzen.“ –Markus O’Toole Auch die Markierer unterscheiden sich: Bei den Profis wird so schnell geschossen, dass normale Markierer die Kugeln nicht rechtzeitig nachladen können. Während man einen einfachen Markierer für 100 Euro erhält, kann ein professionelles Schießgerät über 2.000 Euro kosten.


Tanzen, singen, lächeln und dabei noch gut aussehen Das Tanzcorps „Echte Fründe“ trainiert monatelang neue Choreografien für die Karnevals-Session

Mit guter Laune und viel Körperspannung unterhalten die Tänzerinnen und Tänzer des Tanzcorps „Echte Fründe“ ihre Zuschauer.

Lisa Oder Musik der kölschen Band Querbeat dröhnt an einem dunklen Novemberabend durch die Lautsprecher in den hell erleuchteten Saal: „Un ich sag: Nie mih Fastelovend.“ Die zehn Tänzerinnen auf der Bühne werfen die Beine in die Luft, ihre Zöpfe hüpfen von einer Seite zur anderen. Auf ein Zeichen des Trainers legt Tanzoffizier Jörg Mönchmeyer seine Hände auf die Taille seines Tanzmariechens Jennifer Schollmeyer und hebt sie mit einem Ruck auf seine Schultern. „Nie mih Fastelovend ohne dich“, singt die Band, und für einen kurzen Moment steht Jennifer über allen anderen und lächelt. Dann lässt sie sich blind nach hinten fallen und landet in den Armen der restlichen Tanzpaare. Hier bereitet sich das Tanzcorps „Echte Fründe“ der Flittarder Karnevalsgesellschaft auf die nächste Session vor. Etwa 50 Veranstaltungen stehen der Tanzgruppe in der Hochzeit der Karnevalssaison bevor.

Noch ist nichts von den kurzen roten Röcken, weißen Blusen und schwarzen Schnürstiefeln zu sehen. Die Kostüme ziehen die Mitglieder erst zu den Auftritten an. Dann wird die Tanzgruppe so ausgebucht sein, dass sie an manchen Tagen fünf oder sechs Mal für jeweils eine halbe Stunde auf der Bühne steht. An solchen Tagen verbringen Jennifer und Jörg mit den Anderen viel Zeit im Bus. Der fährt sie ins Münsterland, ins Sauerland oder bis in die Niederlande. „Ich mag es, so viel herum zu kommen. Wir erleben viele schöne Sitzungen“, sagt die Studentin. Damit alles sitzt, beginnt das Tanzcorps schon am Aschermittwoch mit dem Training der neuen Choreografien. „Der Sport ist nicht so einfach, wie er auf der Bühne aussieht“, sagt Jörg. Es gehöre nicht nur Taktgefühl dazu, sondern auch Ausdauer und Kraft. Bei einem Zirkeltraining machen die Tänzer je eine Minute Sit-ups, Kniebeugen, Liegestützen und Strecksprünge. „Ich komme oft

mit Muskelkater und blauen Flecken nach Hause“, erzählt der 37-Jährige. Besonders die Tanzoffiziere brauchen Kraft, um die Mariechen problemlos heben zu können. Manchmal setzen sich die Mädchen deshalb bei Kniebeugen als zusätzliches Gewicht auf die Schultern der Männer. „Die Mädels sind unsere Hanteln“, sagt Jörg. Am liebsten mag Jennifer Übungen, bei denen Jörg sie in die Luft wirft. „Dabei fühle ich mich immer so frei, als würde ich fliegen“, sagt sie. Bei diesen „Hebungen“ macht sie manchmal noch in der Luft Spagat oder liegt wie ein Brett auf Jörgs Händen. Anfangs fiel ihr das sehr schwer. „Ich musste meinen ganzen Körper neu kennenlernen“, sagt die 23-Jährige. Besonders wichtig sei das Vertrauen zu Jörg. Mittlerweile würden sie sich ideal ergänzen. „Wenn er seinen Einsatz mal vergisst, dann zwicke ich ihn“, sagt Jennifer. Die Tanzgruppe ist eine von insgesamt 31, die auf der offiziellen Website

Einblick in die Historie:

Männern. Einer von ihnen verklei-

Zur Zeit des Nationalsozialismus

Die Tanzcorps in Köln können auf eine

dete sich dabei mit einer Perücke als

durften sich die Männer des Tanzcorps

lange Tradition zurückblicken. Anfang

Frau. Frauen hatten nichts auf den

nicht mehr als Frauen verkleiden. So

des 20. Jahrhunderts gab es laut Kölner

Karnevalssitzungen zu suchen. Denn

entstand das erste gemischte Tanzpaar.

Festkomitee das erste richtige Tanz-

die Witze der Karnevalisten seien zu

paar. Damals bestand es noch aus zwei

vulgär für sie gewesen.

des Festkomitees Kölner Karneval vorgestellt werden. 1997 gründeten mehrere Freunde den Verein in Langenfeld. Daher auch der Name. „Bei uns sind alle gleich, wir sind eben echte Fründe. Wir stellen auch kein Tanzpaar in den Mittelpunkt wie die anderen Vereine“, sagt Jörg. Schon nach kurzer Zeit hat sich der Verein mit der Flittarder Karnevalsgesellschaft zusammengetan. Der Verein habe das Tanzcorps dann in den Kölner Karneval eingebunden. Inzwischen läuft die Gruppe beim Rosenmontagszug mit und war auch einmal bei der Proklamation des Dreigestirns im Gürzenich dabei. Die Flittarder KG hatte das Dreigestirn gestellt. „Beim Rosenmontagszug mitzugehen fühlt sich unbeschreiblich an. Es ist zwar sehr anstrengend, die ganze Zeit Hebungen zu machen, aber davon spüre ich fast nichts“, erzählt Jennifer. Der Umzug dauert mindestens drei Stunden. Erst hinterher würde sie merken, wie sehr ihre Beine

Foto: Tanzcorps „Echte Fründe“

schmerzen. Einmal im Jahr lädt der Verein zu einem Probetraining ein, um neue Mitglieder zu finden. Dieses Mal seien 35 Leute gekommen, um mitzutanzen, berichtet Jennifer. Genommen habe der Verein aber nur sieben. Viele kämen da an ihre Grenzen. Der Wille und die Disziplin seien sehr wichtig. Es gibt feste Regeln, an die sich jeder halten muss. Wer einmal sein Spitzenhöschen oder andere Teile der Uniform vergisst, muss zur Strafe einen Kuchen backen oder Geld an den Verein spenden. Alkohol vor den Auftritten ist tabu. Verhindern kann das Unfälle dennoch nicht. Jennifer ist einmal hingefallen und landete mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Zwei Wochen lang habe sie ausgesetzt. „Danach stand ich sofort wieder auf der Bühne. Wenn ich sehe, wie das Publikum sich freut und mitsingt, weiß ich, wofür ich das Ganze mache“, sagt sie.

11


Wenn zehn Sekunden über das Studium entscheiden Mehr als 50 Prozent scheitern am Aufnahmetest, trotzdem ist die Deutsche Sporthochschule Köln ein Studentenmagnet Jerome Busch Sogar bis in seine Träume verfolgte die Aufnahmeprüfung Yong-Hee Noh. Der 20-Jährige aus Büttgen hatte sich ein halbes Jahr auf diesen Tag vorbereitet: den Eignungstest an der Deutschen Sporthochschule Köln. 19 von 20 Disziplinen erfüllte er ohne Defizit. Bei der letzten Disziplin, dem 3.000-Meter-Lauf, kam dann die Ernüchterung: Im Ziel zeigte die Stoppuhr 13:10 Minuten – zehn Sekunden zu viel. Noh war durchgefallen, sein Traum war ausgeträumt. „Ich hab mich da richtig mies gefühlt“, sagt Noh heute. An der Sporthochschule zu studieren, war schon immer sein großer Wunsch. Dafür habe er intensiv trainiert: Allein fürs Kugelstoßen sei er über Monate hinweg mindestens zweimal pro Woche 20 Kilometer nach Düsseldorf gefahren, um dort in einer Halle mit Gleichgesinnten zu üben. Nebenbei trainierte er bei einem lokalen Turnverein noch für die Turnübungen. Die anspruchsvolle Vorbereitung machte Noh nichts aus, er ist ein leidenschaftlicher Sportler, spielt in seiner Freizeit Badminton, Basketball und Tennis. Ursprünglich hatte er Mathe und Englisch auf Lehramt studiert, doch bald war klar, was sein wirkliches Ziel war: ein Sport-Studium an der Sporthochschule. Nicht zuletzt die Ausstattung der Hochschule beeindruckt ihn schwer: „Die haben eine Schwimmhalle nur voller Kanus“, schwärmt Noh. Ähnlich wie Yong-Hee Noh träumen viele junge Menschen von einem Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln: Sie ist ein wahrer Studentenmagnet. Die „SpoHo“

ist die einzige Sport-Universität in Deutschland und europaweit die Größte. Viele große Persönlichkeiten des Sports wie Sportkommentator Frank Buschmann, Turnweltmeister Fabian Hambüchen oder Fußballtrainer Christoph Daum haben ihr Studium an der „SpoHo“ in Köln absolviert. Wer hier studieren darf, gehört zur Elite. Jährlich nehmen ungefähr 1.000 Sportbegeisterte aus ganz Deutschland an den Aufnahmeprüfungen im Februar und Mai teil. In 20 Disziplinen von Brustschwimmen bis Kugelstoßen müssen sich die Bewerber beweisen. Nur ein Defizit dürfen sie sich erlauben, den Ausdauertest müssen sie immer bestehen. Viele der Bewerber sind diesen Strapazen nicht gewachsen – mehr als die Hälfte von ihnen fällt jedes Jahr durch.

„Was an Leichtathletik im Aufnahmetest geprüft wird, entspricht im Studium annähernd einer 4,0.“ –Martin Jedrusiak-Jung

„Die große Herausforderung ist, dass alle Disziplinen an einem Tag stattfinden“, sagt Martin JedrusiakJung, Eignungstestbeauftragter an der Sporthochschule. Er bemängelt, dass viele Bewerber die Disziplinen nur einzeln üben und sich somit nicht richtig vorbereiten würden. Kritik, der Test sei zu anspruchsvoll, weist er zurück: „Was an Leichtathletik im Aufnahmetest geprüft wird, entspricht im Studium annähernd einer 4,0“. Die Aufnahmeprüfung simuliere nur die Mindestanforderung eines Studiums an der Sporthochschule. Für den Großteil der Bewerber sind jedoch auch diese Mindestanforderungen eine hohe Hürde. Professionelle Hilfe versprechen Unternehmen wie die „SETT Sports Academy“. In fünf Trainingstagen üben Spezialisten mit den Teilnehmern gezielt die

Anforderungen des Aufnahmetages, feilen an den Schwächen und geben Tipps. Das individuelle Training hat allerdings seinen Preis: 1.480 Euro kostet diese Vorbereitung. Trotz der hohen Kosten sind die Intensivtrainings aber oft bereits viele Monate im Voraus ausgebucht. Doch nicht jeder kommt in den Genuss dieser Einzelvorbereitung: Für Yong-Hee Noh war das Trainingsprogramm keine Option – es war ihm schlichtweg zu teuer. Doch selbst wenn die sportlichen Hürden genommen sind, heißt das nicht, dass man automatisch an der Sporthochschule studieren kann: Die allgemeine Hochschulreife gilt neben dem Aufnahmetest als zweites Zugangskriterium, viele der angebotenen Studiengänge haben einen Numerus-Clausus (NC). Bewerber mit einer schlechten Abiturdurchschnittsnote werden so automatisch aussortiert oder kommen auf die Warteliste. Wer zum Beispiel Sportjournalismus studieren möchte, musste im Jahr 2016 neben der bestandenen Aufnahmeprüfung einen NC von 2,0 vorweisen können. Yong-Hee Noh ließ sich von seinem ersten Misserfolg nicht beirren. Trotz einiger Selbstzweifel entschied er sich, noch einmal an der Aufnahmeprüfung teilzunehmen. Diesmal trainierte er noch disziplinierter, absolvierte jeden Tag ein Lauftraining. Mit Erfolg: Am Prüfungstag bestand er in allen Disziplinen ohne Defizit. Wieder war der Ausdauerlauf ausschlaggebend. Doch diesmal hatte sich die intensive Vorbereitung ausgezahlt, Noh bestand mit 12:50 Minuten – er rettete einen Vorsprung von zehn Sekunden ins Ziel.

Der Traum vom Profifußball

In der Talentschmiede des 1. FC Köln werden Nachwuchsspieler ausgebildet Lidia Polito Im Sommer wird Michael Schüler am Sportinternat des 1. FC Köln die Ausbildung beenden. Vier Jahre wird es dann her sein, dass er seine Heimat, Freunde und Familie für den Fußball verlassen hat. Diese Zeit war geprägt von harten Trainingsplänen, einigen Verzichten, aber auch von wertvollen Erfahrungen und engen Freundschaften. Vier Jahre lang hat der 19-Jährige in sieben bis acht Trainingseinheiten in der Woche seine fußballerischen Fertigkeiten verbessert, Videoanalysen gemacht und Laufwegtraining absolviert und am Wochenende Spiele für den FC gespielt. Alles für den Traum, später einmal als Profi in der Bundesliga zu spielen. Die Nachwuchsförderung im Profifußball ist spätestens seit 2001, seitdem der DFB alle Lizenzvereine verpflichtet hat, Leistungszentren für seine jungen Spieler aufzubauen, von zentraler Bedeutung. Wer die talentiertesten Spieler für seine Mannschaft gewinnen will, der muss heutzutage mehr zu bieten haben als nur einen großen Namen. Es geht vor allem um die frühe Entdeckung der Spieler und die gezielte Förderung 12

ihres Talentes. Anders als den meisten öffentlichen Ausbildungsstätten stehen Bundesligavereinen wie dem 1. FC Köln hohe Budgets zur Verfügung, um die Ausbildung nach ihren Vorstellungen optimal zu gewährleisten. Ob sie das Geld sinnvoll investieren, wird alle drei Jahre von der Deutschen Fußball-Liga DFL überprüft, dem Zusammenschluss der deutschen Profi-Fußballvereine. Die DFL bewertet die Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten in regelmäßigen Abständen; der 1. FC Köln hat dabei zuletzt die maximale Punktzahl erhalten. „Diese Zertifizierung des DFL beweist die fundierte sportliche Ausbildung, unsere gute Infrastruktur zu schulischen und sportlichen Ausbildungsstätten und unser gründliches Scouting“, sagt Marc Dommer, Jugendtalentscout des 1. FC Köln. Darüber hinaus verfüge das Sportinternat, das der Verein direkt am Stadion betreibt, über eine hervorragende pädagogische Betreuung. Das Schulprojekt des 1. FC Köln ist bei der Nachwuchsförderung der Bundesligisten deutschlandweit einmalig, da es alle Schulformen und einige Ausbildungswege anbietet. Die Ausbildung der jungen Spieler

ist umfangreich. Denn auch, dass Michael alle Fragen so professionell beantworten kann, ist kein Zufall. „Wir erhalten eine Medienbelehrung, in der uns erklärt wird, wie man sich geben und was man sagen sollte, aber zum Beispiel auch, dass man darauf achten sollte, in der Öffentlichkeit die Kleidung der Sponsoren zu tragen“, sagt Michael. Da könne es auch schon mal Ärger geben, wenn man einen unangebrachten Kommentar von seinem Facebook-Account aus postet. Michael hat im Mai sein Fachabitur abgeschlossen. Sich auf das Abitur vorbereiten, ohne den Fußball schleifen zu lassen, sei eine große

Herausforderung gewesen, sagt er. Geholfen hat ihm, dass der FC seine Nachwuchsspieler mit Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe unterstützt. Wie es jetzt für Michael weitergeht, weiß er selbst noch nicht. „Der FC berät einen über Möglichkeiten, wie sich Fußball und weiterführende Ausbildung vereinen lässt. Ein Fernstudium wäre eigentlich optimal“, sagt er. Michael weiß, dass es wichtig ist, sich auch eine Alternative zum Fußball aufzubauen, denn den wenigsten Spielern gelingt der Sprung aus der U21 in die Profimannschaft. Dafür ist die Konkurrenz einfach zu groß.

Innerhalb des Internats und in der Mannschaft ist von dem gewaltigen Konkurrenzdruck allerdings wenig zu spüren. Die jungen Leute, die schon früh von zu Hause ausziehen, bilden beinahe eine eigene Familie. 40 Schülerinnen und Schüler verschiedener Sportarten teilen im Sportinternat ihren Alltag, sehen abends zusammen fern, essen gemeinsam und unterstützen sich gegenseitig. Wilde Partys und Alkoholexzesse gibt es nicht, um 22 Uhr herrscht im Internat Bettruhe. Auch der Mädchenbesuch muss vorher angemeldet und vorgestellt werden. „Klar fragt man sich manchmal, ob man zu Hause was verpasst, aber wir verbringen hier alle sehr viel Zeit miteinander und unternehmen viel“, sagt Michael. Trotz der vielen Regeln und der eher geringen Chance später einmal in der Bundesliga zu spielen, ist er froh um die Zeit im Internat. „Die Zeit hat mich sehr geprägt, und ich würde es nie bereuen,“ sagt er. Allein die Tatsache, dass er schon mit 15 auf sich allein gestellt war und vom Kochen bis zum Waschen alles selber erledigen musste, sei rückblickend ein großer Vorteil gewesen. „Man lernt dadurch zu schätzen, was alles zu Hause für einen gemacht worden ist!“


6 Uhr Training, 8 Uhr Mathe Eishockey-Nachwuchs Eric Valentin kombinierte Abitur und Leistungssport an einem Kölner Sportgymnasium Annika Enning Selten haben junge Schulabgänger einen konkreten Berufswunsch parat, wenn man sie fragt. Selten wechseln sie direkt vom Abitur in die Festanstellung – und schon gar nicht in den Profisport. Der Kölner Eishockeyspieler Eric Valentin hat aber genau das geschafft. Der 19-Jährige spielt zurzeit leihweise für die Dresdner Eislöwen in der zweithöchsten nationalen Eishockeyliga. Damit hat er sich erfolgreich eine Zukunft aufgebaut, von der viele Nachwuchssportler träumen. Aber wie bewältigte Valentin in einer Zeit, in der Pädagogen achtjähriges und neunjähriges Gymnasium gegeneinander abwägen, Schulabschluss und Leistungssport gleichzeitig? „Mein Kölner Gymnasium hat mir da unglaublich geholfen“, sagt Valentin. Nach seinem Umzug aus Baden-Württemberg hat er das Hildegard-von-Bingen-Gymnasium besucht, eine der vier Sportschulen Kölns: Zusammen mit den Sportlern stimmt das Gymnasium Training und Unterricht individuell ab. „Wenn man dann mal drei Wochen nach Kanada muss, um bei einem Turnier anzutreten, macht die Schule das möglich. Und den Stoff holt man in Extrastunden nach“, erklärt der 19-Jährige. Ursprünglich kommt der Stürmer aus Donaueschingen in Baden-Württemberg. Seine sportlichen Anfänge hat er dort bei den Schwenninger Wildwings gemacht. In den Eishockeysport, sagt er, sei er eher zufällig reingerutscht. Der Papa sei schuld gewesen – einer, der sich ehrenamtlich im Eishockeyverein engagierte und Valentin immer mal wieder mitnahm. Zu Spielen, aufs Feld, was viele Jungs eben cool finden. Valentin fand das auch.

Hohe Ziele: Auf lange Sicht möchte Jungprofi Eric Valentin einen Platz in der Erstligamannschaft der Kölner Haie ergattern. Foto: Kölner Haie

Mit 15 nahm er an einem Sichtungsturnier teil, dem Sprungbrett für vielversprechende Nachwuchssportler. An sich schon ein Erfolg, denn die Verbandstrainer jedes Bundeslandes schicken nur vier oder fünf

ihrer Landesbesten los, damit sie von Talentscouts aus allen Teilen Deutschlands entdeckt werden können. Als der Kölner Jugendtrainer ihn dann zum Eishockeyclub einlud, musste Valentin nicht lange überlegen.

„Welcher junge Sportler träumt denn nicht davon, sein Hobby zur Karriere zu machen?“, sagt Valentin. Der Umzug nach Köln krempelte Valentins Leben komplett um. In Baden-Württemberg hatte er noch eine Realschule besucht, weil er so viel Zeit in den Sport investieren musste. In Köln machte er dann doch das Abitur. Er zog alleine um, seine Eltern und zwei Schwestern blieben in Donaueschingen, um dort ihre Berufe und Schulen nicht zurücklassen zu müssen. In seinem ersten Jahr kam er im Kölner Sportinternat unter, dann in einer Wohngemeinschaft mit anderen Spielern des Eishockeyclubs. Ab sofort trainierte er fünf Mal die Woche, davon zweimal morgens vor der Schule. Er stand um sechs Uhr früh auf dem Eis und saß dann zu Schulbeginn im Klassenzimmer. „Engagement und Selbstdisziplin brachte Eric von Anfang an mit“, lobt der Sportkoordinator des Gymnasiums Kai Harder. „Er hat es uns einfach gemacht, ihn auf seinem Weg zu unterstützen.“ In seinem Debütjahr bei den Haien wurde Valentins Mannschaft Deutscher Meister, drei Jahre später übernahm er die Mannschaftsführung – der Trainer hatte ihn als Kapitän vorgeschlagen. Valentin hat nicht nein gesagt, er hat sich über das Vertrauen seines Trainers gefreut. Und noch eine Aufgabe übernommen neben der, in der Oberstufe ordentliche Noten zu schreiben. Nach dem Abitur unterschrieb Valentin einen Profivertrag bei den Haien. Die Umstellung auf das Tempo im Profibereich war jedoch nicht leicht. „Wo man sich im Nachwuchssport noch Tiefs erlauben kann, fordert der Profibereich noch viel mehr Disziplin“, sagt Valentin. Als einer der jüngsten trainiert er heute

bei den Dresdner Eislöwen jeden Tag mehrmals: einmal zwei bis drei Stunden in der Gruppe, dann nachmittags individuell. Er muss Kraft aufbauen, um sich auch gegen ältere Spieler durchsetzen zu können. Der Trainer ist streng, wenn die Mannschaft am Wochenende ihr Spiel verliert, tritt sie montags zum Extratraining an. „Das ist gut für ihn: In Dresden kann er Erfahrungen im Profibereich sammeln“, sagt Steffen Thaut, Organisationsleiter der Kölner Haie. Valentin verlässt sich auf den Zusammenhalt in seiner Dresdner Mannschaft, gerade an Weihnachten. Weihnachtszeit, das ist auch Eishockeyzeit, wenn jeden zweiten Tag ein Spiel stattfindet und die Feiertage für die Sportler ausfallen. „Manchmal fehlt mir meine Familie schon. Aber ich konzentriere mich dann auf den Sport“, so der Jungprofi. Jetzt will er erst mal mit den Dresdenern Meister der Zweiten Liga werden. Und langfristig? Sich seinen Platz unter den Kölner Haien erkämpfen, den Erstligisten. Und fürs Leben? Nicht so viel grübeln und einfach machen. Das Gute ist ja, dass Valentin nicht nur Profisportler ist, sondern auch Abiturient – ein Sportstudium könnte er sich auch irgendwann mal vorstellen.

Brennt das olympische Feuer bald an Rhein und Ruhr? Die Idee von Sommerspielen in NRW trifft auf Begeisterung. Doch die Pläne sind noch sehr vage Leon Kirschgens Mit diesem Ergebnis hätte wohl keiner gerechnet: Fast 70 Prozent der Bevölkerung Nordrhein-Westfalens sprachen sich bei einer repräsentativen Umfrage im September letzten Jahres für die Olympischen Spiele 2028 in NRW aus. In der Landespolitik ist die Zustimmung sogar noch höher. Woher rührt diese Begeisterung an Rhein und Ruhr, nachdem zuletzt Hamburg (2015) und München (2013) per Volksentscheid gegen Olympia-Bewerbungen gestimmt hatten? Entfacht hat das Feuer der Kölner Sportmanager Michael Mronz. Der 49-Jährige organisiert regelmäßig große Sportveranstaltungen. Mronz’ Konzept sieht vor, die verschiedenen Sportdisziplinen sowohl im Rheinland als auch im Ruhrgebiet auszutragen. Der Vorteil sei, dass man die bereits gut vorhandene Infrastruktur in der Metropolregion nutzen könne. Tatsächlich hat vor allem Köln mit der Lanxess-Arena, dem Rheinenergiestadion und dem Radstadion gleich mehrere Sportstätten

anzubieten. Und auch bei einer auf das Bundesland verteilten Olympiade müsste es einen Knotenpunkt geben, an dem das Olympische Dorf angesiedelt würde. Die Frage ist nur, ob Köln die Rolle als olympisches Flaggschiff ausfüllen könnte. Auf internationaler Ebene ist die Rheinmetropole mit dem markanten Dom in ihrer Mitte zumindest die mit Abstand bekannteste Stadt NRWs. Auch die Landeshauptstadt Düsseldorf kann da nicht mithalten. Einziger Knackpunkt: Köln liegt nicht zentral in NRW; ins Ruhrgebiet etwa hätten die Sportler eine relativ lange Anreise. Trotzdem sind sich die Parteien im NRW-Landtag einig. Der Vorstoß von Sportmanager Mronz begeisterte die gesamte Landespolitik. Obwohl sich das Land gerade auf einen harten Wahlkampf vorbereitet, stimmen alle Parteien einschließlich der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft überein, dass eine Olympiade in NRW „fantastisch“ wäre, wie NRW-Oppositionsführer Armin Laschet (CDU) sagt. Argumente für die Politiker gibt es genug: Das Land könnte die

Infrastruktur, die ohnehin an ihre Grenzen stößt, schneller ausbauen, da bei einer Olympiade reichlich Fördergelder vom Bund fließen. Und welche Partei möchte nicht von sich behaupten können, die Olympischen Spiele nach Nordrhein-Westfalen geholt zu haben?

„Eine Olympiade in NRW wäre fantastisch!“ –Armin Laschet In der Bevölkerung war die Meinung zu Olympia zuletzt deutlich zurückhaltender. Ob korrupte Funktionäre oder gedopte Sportler: An die Illusion des harmonischen und fairen sportlichen Wettstreits mochten viele nicht mehr glauben. Nicht zuletzt rührt die Ablehnung auch aus der kritischen Berichterstattung von den vergangenen Olympiaden:

Menschenunwürdige Arbeitszeiten und fehlende Sicherheitsvorkehrungen forderten in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro elf Tote. Zahlreiche Beschäftigte arbeiteten zu Hungerlöhnen und ohne Vertrag. Nicht zuletzt ließen veruntreute Gelder und systematisches Doping, jüngst bei den russischen Sportlern festgestellt, die Fassade der bürgernahen Spiele bröckeln. Trotzdem, das ergab eine Meinungsumfrage im Auftrag der Rheinischen Post, lehnt nur ein Viertel der NRW-Bevölkerung eine Olympiade an Rhein und Ruhr energisch ab. Immerhin 68 Prozent der Befragten votierten für die Spiele. Mronz sieht sich durch solche Umfragewerte bestätigt. „Von den benötigten Sportstätten sind bereits 70 Prozent vorhanden“, sagte der Sportmanager in einem Interview mit der Rheinischen Post. Das senke die Kosten einer Olympiade erheblich. „Bei alldem muss man transparent sein, sowie ein nachhaltiges und ökologisches Konzept vorlegen“, fügte er hinzu. Dazu gehöre auch, beispielsweise Straßen, Sportstätten

und Brücken auszubauen. Nicht zuletzt kämen die mit einer Olympiade verbundenen staatlichen Förderungen des Spitzensports auch dem Breitensport zugute. Wie „ökologische, transparente und nachhaltige“ Spiele in der Realität aussehen sollten, ließ Mronz indes weitgehend offen. Das soll sich erst im Frühjahr 2017 ändern. Dann möchte Mronz ein Grundlagenpapier vorlegen, das die verbleibenden Fragen klären soll. Eine Frage allerdings wird Mronz auch dann noch nicht beantworten können: Welche Stadt den Zuschlag für die Spiele im Jahr 2024 bekommt. Diese Entscheidung fällt das Olympische Komitee nämlich erst am 11. September dieses Jahres in Lima. Und davon hängt maßgeblich ab, ob NRW vier Jahre später überhaupt eine Chance hat, Gastgeber einer Olympiade zu sein. Ginge 2024 eine europäische Stadt an den Start, hat Nordrhein-Westfalen 2028 schlechte Karten. Für alle Olympia-Befürworter gilt es also, Los Angeles, dem einzigen nichteuropäischen Bewerber, die Daumen zu drücken.

13


Mit einem Klick zum Kick Onlinehandel erleichtert den Arzneimittelmissbrauch im Breitensport Maik Mosheim Michael Maier ist eine beeindruckende Erscheinung. 1,87 Meter geballte Muskelkraft. Sein T-Shirt spannt, als würde es jeden Moment reißen. Ein breites Grinsen im Gesicht signalisiert, dass er sich seiner Wirkung bewusst ist. Doch natürlich entstanden ist diese körperliche Präsenz nicht. Michael hat nachgeholfen. Mit Testosteron und anderen Steroiden, die er regelmäßig über das Internet bezieht. Rezeptfrei, als ganz normale Internetbestellung. Michael ist, anders als die meisten Menschen, bereit, über seinen Konsum zu sprechen. Unter dem Versprechen vollständiger Anonymität, deshalb erscheint in diesem Artikel auch nicht sein wirklicher Name. Vor drei Jahren, erzählt Michael, habe er angefangen, ins Fitnessstudio zu gehen. Sein Ziel sei gewesen, „sämtliche Körperpartien zu kräftigen.“ Das allerdings stellte sich als recht mühsam heraus. Bis ihn ein Freund darauf hinwies, wie er dieses Ziel etwas schneller erreichen könne: „Du gehst auf eine Internetseite und plötzlich werden dort Mittel wie Testosteron angeboten, von denen man sonst nur im Fernsehen hört“, sagt er. „Es ist so einfach und doch habe ich jedes Mal das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Es ist schon ein gewisser Reiz dabei.“ Ganz günstig seien die Produkte nicht. „Ich habe schon einiges an Geld in die Sache investiert, doch es hat sich ausgezahlt“, ist Michael überzeugt. Ans Aufhören denkt er nicht, auch nicht wegen möglicher Folgen für seine Gesundheit: „Ich habe die volle

Kontrolle über meine Dosierungen.“ Mit dieser Meinung, die vermutlich einer Selbsttäuschung gleichkommt, steht Michael Maier nicht alleine da. Der grenzüberschreitende Onlinehandel ermöglicht es heute praktisch jedem, sich auf einfachem Wege Dopingmittel zu beschaffen. Ungefährlich ist der Konsum von Anabolika wie Testosteron deswegen indes keineswegs. Das Institut für Biochemie an der Sporthochschule Köln hat eine Infoseite erstellt, aus der zu ersehen ist, dass Anabolika nicht nur das Herz-Kreislauf-System schädigen, sondern bei einer langfristigen Anwendung auch irreversible Leberschäden hervorrufen können. Herzinfarkte sind gerade bei Bodybuildern keine Seltenheit. Falsch angewendet, können Anabolika sogar zum Tod führen. Allgemeingültige Angaben zu den Risiken der leistungssteigernden Mittel könne man allerdings kaum machen, sagt Institutsleiter Professor Wilhelm Schänzer: „In Abhängigkeit von der Dosierung Nebenwirkungen anzugeben, ist kaum möglich. Viele der Anabolika sind nicht mehr zugelassen und Nebenwirkungen nur aus klinischen Studien bekannt.“ (Zur Arbeit des Instituts für Biochemie siehe auch den Artikel unten auf dieser Seite.) Empirische Studien über den Medikamentenmissbrauch gibt es kaum. Es sei nahezu unmöglich, Menschen zu ihrem Konsumverhalten zu befragen, erklärt Schänzer. Schließlich gebe niemand gerne zu, verbotene Mittel zu konsumieren. Und die Anonymität des Onlinehandels biete in dieser Hinsicht Konsumenten einen gewissen Schutz.

Wie das funktioniert, zeigt ein Blick auf die Website anabolikakaufen24. com. Die Seite vertreibt neben dem verbotenen Blutdopingmittel EPO, das den Aufbau roter Blutkörperchen

fördert und damit eine erhöhte Sauerstoffzufuhr gewährleistet, auch verschiedene anabole Steroide, wie zum Beispiel Testosteron. Eine 250-Milliliter-Flasche flüssiges

Testosteron kostet 50 Euro, eine Fertigspritze EPO 95,50 Euro. Der Versand der Ware werde diskret abgehandelt, verspricht der Onlinehändler: „Es ist für Dritte nicht erkennbar, dass es sich bei der Sendung um Medikamente handelt.“ Anabolikakaufen24.com wirbt sogar mit eigens eingerichteten Laboren, in denen die Präparate getestet würden. Auch die Hersteller der Produkte werden aufgeführt, darunter Firmen mit zweifelhaftem Ruf wie Gen-Shi Labs, die von Brancheninsidern als „Untergrundlaboratorien“ bezeichnet werden. Neben der nahezu unbegrenzten Welt des Onlineshoppings ist es aber auch die komplizierte Gesetzeslage in Deutschland, die den Besitz und Konsum von Dopingmitteln erleichtert. Anabolika und EPO zum Beispiel fallen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz und werden dementsprechend über das Arzneimittelgesetz behandelt. Das bedeutet, dass der Besitz und die Einnahme von diesen Präparaten als Arzneimittel nicht strafbar sind. Nur der Weiterverkauf durch Privatpersonen, die Nutzung der Mittel für den Sport und die Verschreibung dieser Mittel für den sportlichen Gebrauch durch Ärzte sind verboten. Verlässliche Statistiken zum Doping im Breitensport gibt es nicht. Kraftsportler Michael indes vermutet, dass der Konsum von Testosteron & Co. durch den Onlinehandel erheblich steigen wird. „Ich habe bereits zwei Freunde von mir überreden können, es mal auszuprobieren. Sie sind jetzt ebenfalls Stammkunden“, sagt er. Es sei halt so unglaublich einfach.

Mekka der Dopinganalytiker

Wie das Institut für Biochemie an der Kölner Sporthochschule neue Dopingmethoden entlarvt Jan Schroeder Dass Doping heutzutage ein professionelles, international verzweigtes Geschäft geworden ist, hat wohl kein Fall so deutlich gezeigt wie der des Profiradfahrers Lance Armstrong. Mit Unterstützung hochgerüsteter Labore, mit einer perfiden Tarnung und den neuesten Substanzen ist es Armstrong gelungen, siebenmal die Tour De France zu gewinnen. Der US-Amerikaner ist ein Extrembeispiel, ein Einzelfall aber ist er nicht, wie die 21 Dopingfälle bei der Olympiade in Rio belegen. Eine Zahl, die vermutlich noch höher ausfallen wird, denn erfahrungsgemäß werden die meisten Dopingfälle erst durch weitere Analysen in den Jahren danach entdeckt. Viele neue Dopingmethoden sind so raffiniert, dass sie nur mit eigens entwickelten Analyseverfahren enttarnt werden können. An solchen Verfahren forscht das Institut für Biochemie an der Kölner Sporthochschule. Mit Erfolg: 2015 konnten mit einem in Köln entwickelten

14

Analyseverfahren für das Muskelaufbaupräparat „Stanozolol“ neun während der Olympiade in Peking gedopte Athleten enttarnt werden. „Ohne diese Forschungsarbeit wäre der Anti-Doping-Kampf technisch unmöglich“, sagt Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts. Doch selbst mit der Forschung ist nicht auszuschließen, dass es weiterhin eine hohe Dunkelziffer von Athleten gibt, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) verbotene, leistungssteigernde Substanzen nimmt. Immerhin: Für Deutschland sieht Schänzer dieses Problem nicht: „In Deutschland gibt es heute kein Dopingproblem“. Nur etwa 0,4 bis 0,5 Prozent der Proben von deutschen Athleten seien positiv. Dieser Anteil sei bei den Athleten anderer Länder wesentlich höher. „In Osteuropa wird weiterhin systematisch gedopt, was daran liegt, dass es kein effizientes Trainingskontrollsystem gibt“, sagt Schänzer. In Deutschland hingegen wurde ein solches Kontrollsystem eingeführt, laut Schänzer der Hauptgrund für den deutlichen Rückgang

der Dopingfälle hierzulande. Andererseits wird das deutsche Modell von Athleten scharf dafür kritisiert, dass es ihre Persönlichkeitsrechte einschränkt. Wer auf der Liste der Kontrolleure steht, muss zu jeder Tages- und Nachtzeit seinen Aufenthaltsort angeben und dann auch dort sein. Sonst drohen nicht nur

„Ich glaube nicht, dass jemand für Eigendoping bestraft wird.“ –Wilhelm Schänzer eine Sperre wegen Dopings, sondern seit Januar 2016 auch strafrechtliche Konsequenzen. Im Gegensatz zu Normalbürgern sind Athleten damit haftbar für das, was sie – absichtlich oder nicht – im Körper haben. Schänzer hält das für vertretbar: „Es dient der Abschreckung und ich glaube

nicht, dass jemand bestraft wird für Eigendoping.“ Wieso diese Abschreckung sein muss, wenn es in Deutschland kein Dopingproblem gibt, bleibt fraglich. Neben der Analyse der Trainingsund Wettkampfproben aus Deutschland wird in Köln auch das Blut und der Urin internationaler Athleten kontrolliert, die bei Weltmeisterschaften und Olympiaden starten. Dabei arbeitet das Institut eng mit der WADA und der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) zusammen. Einmal im Jahr veranstaltet das Kölner Institut einen Kongress. „Dann werden wir zum weltweiten Treffpunkt der Dopinganalytiker“, sagt Schänzer. Denn obwohl es mittlerweile weltweit einige Institute gibt, die sich derselben Sache verschrieben haben, gleicht ihre Arbeit nach wie vor einer „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, meint Schänzer. Deshalb pilgern die international führenden Dopinganalytiker einmal im Jahr nach Köln und tauschen sich über ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse

aus. Gegründet wurde das Kölner Institut 1979, es war damals eines der ersten weltweit. „Wenn man bedenkt, dass erst 1976 die ersten Dopingkontrollen durchgeführt wurden, ist das ein echtes Pionierprojekt“, sagt Schänzer. Heute werden in Köln etwa 20.000 Proben pro Jahr auf über 400 Substanzen überprüft. Wenn tricksende Athleten schon mal um die Welt reisen, um Dopingkontrolleuren zu entkommen, „muss weltweit auch mit gleicher Intensität kontrolliert werden“, sagt Schänzer. Ein gutes Beispiel dafür ist für ihn der Fall Katrin Krabbe, die deutsche 100-Meter-Weltmeisterin von 1991, die Anfang der 90er Jahre bis nach Südafrika reiste und dort erst von Dopingkontrolleuren ertappt wurde. International nicht nur Proben, sondern auch Kenntnisse auszutauschen, sei für den Anti-DopingKampf essentiell, so Schänzer. Die jährliche Konferenz im Anti-DopingMekka Köln soll so auch dazu beitragen, dass nicht irgendwo unbehelligt ein Doping-Mekka entsteht.


Hauptsache, es schmeckt! Wie sich der zweifache Weltmeister im Säbelfechten ernährt und welchen Stellenwert eine Expertin in Sport-Kost sieht

Johannes Zimmermann Gesunde Ernährung – für den Durchschnittsbürger ein großes Ziel auf der Liste alljährlicher Vorsätze, für den Leistungssportler eine Bedingung zum Erfolg. Wer Marathon läuft oder sich einen Boxkampf liefert, der kommt mit den üblicherweise empfohlenen 2.000 Kalorien pro Tag nicht über die Runden. Leistungssportler verbrauchen bis zu viermal so viele Kalorien und müssen diesen Bedarf decken. Dazu braucht es nicht nur eine gesunde, sondern vor allem eine sehr energiereiche Ernährung. Nicolas Limbach ist siebenfacher deutscher Meister und zweifacher Weltmeister im Säbelfechten und weiß, was das bedeutet. Wenn er einkaufen geht, dann landet garantiert kein Low-Carb-Brot im Einkaufswagen. Für einen Sportler wie ihn ist es wichtig, kohlenhydrat- und proteinreich zu essen. Seine Wahl fällt daher eher auf Nudeln und Vollkornbrot. Auf die ein oder andere Sahne-Soße hingegen verzichtet er, auch wenn es ihm schwerfällt. Das wichtigste für Limbach ist, sich bewusst zu ernähren. „Ich liebe Essen und ich koche sehr gerne.“ Das dauere zwar länger

als Fastfood oder Pizzaservice. „Aber so weiß ich wenigstens, was drin ist“, sagt der 31-Jährige. Seinen Marmeladen-Konsum musste Limbach allerdings herunterfahren. Als er vor einigen Jahren begann, sich intensiv mit seiner Ernährung auseinanderzusetzen, wollte er weniger Zucker zu sich nehmen. Seitdem isst er außerdem keine Süßigkeiten mehr während der Fastenzeit. Sein Fachwissen über Ernährung hat er sich zum großen Teil selbst angeeignet. „Bevor ich in die Weltspitze kam, hatte ich nur Laienwissen als Jugendlicher“, sagt der Kölner. Zwar hätten ihm seine Trainer einige Tipps gegeben. „Aber einen fertigen Ernährungsplan haben sie mir nicht hingelegt“, sagt er. Im Laufe seiner sportlichen Karriere sprach Limbach daher auch mit Ernährungsberatern. In Maßen sei alles möglich, auch mal ein Bier oder eine Tafel Schokolade, sagt Judith von Andrian-Werburg, die als Ernährungswissenschaftlerin an der Deutschen Sporthochschule in Köln arbeitet. Regelmäßig berät sie Leistungssportler wie Limbach. Rund um einen Wettkampf, so ihr Rat, sollten die Sportler auf kleine Sünden verzichten. Wichtig seien dann hochwertige und schnelle

„Wenn man um zwei Uhr nachts mit Freunden zur Döner-Bude geht, dann isst man halt einen mit.“ –Nicolas Limbach

Kohlenhydrate. Bei extremen Ausdauer-Belastungen wie einem Radrennen genügten die allerdings nicht. Dann müsse der Kalorienbedarf zusätzlich mit Fetten gedeckt werden. Bei fünf bis sechs Trainingstagen pro Woche müsse auch für eine optimale Regeneration der Muskeln gesorgt werden. Dafür brauche es Proteine. Steht mal kein Wettkampf bevor, könne man sich dann auch etwas erlauben. „Das ist alles eine Frage des Timings“, sagt von Andrian-Werburg. Ohnehin sei Ernährung auch eine Frage der Persönlichkeit. Dass die Athleten sich in der Realität oft anders ernähren würden, als sie sich das wünsche, kann sie durchaus nachvollziehen. „Für viele ist Essen ein großer Teil ihrer Lebensqualität. Die Athleten opfern so viel, man kann sie nicht komplett einschränken“, sagt sie. Doch nicht nur auf den ein oder anderen Döner gilt es als Leistungssportler zu verzichten, weiß Nicolas Limbach. Während der Vorbereitungen für große Meisterschaften musste er seinen Freunden oftmals eine Absage erteilen, wenn sie freitagsabends mit ihm losziehen wollten. Für Trainings und Wettkämpfe am

Wochenende musste er schließlich fit sein. Trotzdem findet Limbach heute, dass er nichts verpasst hat. „Den Titel Weltmeister zu tragen ist etwas ganz Besonderes“, sagt er. 2014 hat er ihn zum letzten Mal im russischen Kasan mit seiner Mannschaft errungen. Heute arbeitet Limbach an seinem Master in International Business Administration und hat sich aus dem Sport zurückgezogen. Dennoch hält sich der 31-Jährige fit. Fünf Mal die Woche macht er Sport, ganz egal ob Fitness-Studio, Joggen oder Fußballspielen mit Freunden. So will sich Limbach endlich wieder schmerzfrei trainieren. Bereits vor zehn Jahren hatten Ärzte Arthrose in seiner linken Schulter festgestellt – die Seite, die in all den Jahren um Siege kämpfte. Blessuren, die auch seine bewusste Ernährung nicht verhindern konnte. Mit dem Essen hält es der zweifache Weltmeister nun auch nicht mehr ganz so streng: „Wenn man um zwei Uhr nachts mit Freunden zur DönerBude geht, dann isst man halt einen mit“, sagt Limbach heute. Früher hat er das nicht gemacht. Doch schon in seiner aktiven Zeit galt für Limbach: „Das Wichtigste ist, dass es schmeckt. Wer sich nicht gut fühlt, ist auch nicht erfolgreich.“

Herausgeber Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft e.V. Im Mediapark 6 50670 Köln Redaktion Naomi Bader Marlena Bodewein Sedef Buacan Jerome Busch Helke Ellersiek Annika Enning Julius Fiedler Judith Henke Maximilian Hübner Carolin Jackermeier Maren Jensen Leon Kirschgens Maik Mosheim Lisa Oder Carlos Pohle Vazquez Lidia Polito Maximilian Rösgen Daniel Rottländer Jan Schroeder Julian Wessel Niklas Zehbe Johannes Zimmermann

Foto oben (Porträt): Privat

Die Fotos ohne Quellenangaben wurden von Schülern der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft (Jahrgang 2016) geschossen.

15


Massenware Yoga In Köln bieten gleich zwei Fitnessketten Yoga zum Dumping-Preis an

Helke Ellersiek Ein junger, durchtrainierter Mann mit nackter Brust steht in der Sonne einer Steppenlandschaft. Wie ein Taschenmesser klappt er seinen durchtrainierten Oberkörper nach vorne und umarmt bei der perfekten Rumpfbeuge seine Beine. „Inhale“, ertönt seine Stimme aus den Lautsprechern, einatmen. Sein gerader Rücken streckt sich tadellos nach oben. Ausatmen. Mit einem „Namaste“ verabschiedet er sich und legt die Hände aneinander, dann schwenkt die Kamera in die Landschaft. Die dramatisch trommelnde Musik wird leiser. Der Countdown in der Ecke des HD-Bildschirms verschwindet. Dann wird der Bildschirm schwarz. Die jungen Frauen im Kursraum des McFit-Studios in der Kölner Innenstadt atmen hörbar aus. Es waren anstrengende dreißig Minuten. So lange dauert der „Yoga Power“Kurs. Wer sich unter Yoga einen schonenden Sport mit Elementen für Geist und Seele vorgestellt hat, wird hier schnell eines Besseren belehrt. Von der indischen Philosophie ist nicht viel übrig geblieben: Die Bewegungen und Figuren sind zwar aus dem Yoga abgeleitet, aber Tempo und Variationen sind eindeutig fitnessorientiert. „Heute Abend kann ich mich nicht mehr bewegen“, stöhnt die angehende Grundschullehrerin Sophia. „Ein Sport für Faule ist das hier jedenfalls nicht.“ Seit Sophia mit dem Studium fertig ist, sucht sie eine günstige Alternative zum Unisport, wo sie zuvor zweimal die Woche Yoga gemacht hat – für 40 Euro im Jahr. Doch die

konventionellen Yogakurse sind teuer. Zwar gibt es überall in Köln ein großes Angebot, aber die Preise sind hoch: Zwischen 250 und 500 Euro kostet oft allein eine Zehnerkarte. Da ist Yoga im Fitnessstudio eine günstige Alternative. Die Videokurse bei McFit sind überall in Deutschland gleich, sie sind auf Englisch und richten sich nach einem gleichbleibenden Zeitplan. Rund 20 Euro monatlich kostet die Mitgliedschaft bei der Fitnesskette, die in jeder größeren Stadt mindestens ein Studio hat. Die Kurse sind neu bei McFit, das früher mit knapp 16 Euro das günstigste, aber eben auch das schlichteste Fitnessstudio war. Nach dem Relaunch, der der Kette einen edleren Anstrich gegeben und die Preise erhöht hat, wurden die „Cyberobics“Kurse eingeführt. „Freue dich auf ein multimediales Trainingserlebnis in cineastischer Qualität auf HollywoodNiveau“, wirbt die Kette für die verschiedenen Videokurse „mit spektakulären Bildern und einer beeindruckenden Klangkulisse“. Dafür ohne fachkundige Betreuung – einen Trainer können die Kursteilnehmer bei derart niedrigen Gebühren offenbar nicht erwarten. Konkurrenz in Sachen Billigsport bekommt McFit von der Kölner Kette FlexxFitness. Die gibt es zwar schon seit fast zehn Jahren, aber seit

Fitnesscenter für die Tasche Kölner trainieren mit Sportapp „Freeletics“ Sedef Buacan „Los, jetzt noch 20 Liegestütze!“, ruft Tobias Schlereth. 20 Sportler folgen dem Befehl und werfen sich bei gefühlten zwei Grad auf die Wiese neben der Mensa der Kölner Uni. Nach den Liegestützen leitet Schlereth, der sich „Outdoorfitness Coach“ nennt, direkt die nächste Übung ein: Squats, also Kniebeugen. Anschließend werden zwei Runden gejoggt. Anderthalb Stunden dauert das Training, das Schlereth zweimal wöchentlich anbietet. Die 20 Sportbegeisterten, die sich hier im kalten November unter freiem Himmel austoben, gehören zur größten „Freeletics“-Gruppe Kölns. Freeletics ist eine App für jeden, der sportlich fitter werden will. „Erreiche die beste Form Deines Lebens“, verspricht die Freeletics-Website. In insgesamt zwölf Wochen können Hobbyathleten 16

jeden Tag mit Übungen wie Situps, Kniebeugen, Ausfallschritten oder Liegestützen trainieren, ihre persönlichen Bestzeiten steigern und sich mit einer Community von über 12 Millionen weltweiten Nutzern messen. Gegründet wurde Freeletics 2012 von drei Münchner Studenten mit dem Gedanken, überall ohne Geräte oder Fitnesscenter Sport treiben zu können. Mittlerweile hat Freeletics 12.000 neue Nutzer pro Tag und bietet neben zwölf verschiedenen Workouts, benannt nach griechischen Gottheiten wie Zeus und Aphrodite, auch Apps fürs Laufen oder die Erstellung eines individuellen Ernährungsplans an. Völlig kostenfrei ist das Angebot von Freeletics nicht. Wer das volle Programm mit allen Workouts und einem Personal Trainer, der einen individuellen Trainings- und

Ernährungsplan erstellt, nutzen will, muss eine monatliche Gebühr bezahlen, deren Höhe von der Laufzeit des Abonnements abhängt. Viele regionale Freeletics-Gruppen versammeln sich, wie in Köln, zu wöchentlichen Trainings. Im Sommer erinnert das Freeletics-Treffen auf der Uniwiese fast an einen Flashmob, immerhin kommen dann bis zu 150 Kölner zusammen, um gemeinsam zu trainieren. „Letztes Jahr hatten wir sogar eine Flüchtlingsgruppe dabei“, sagt Tobias Schlereth, der an der Sporthochschule Köln studierte und seit 2010 in der Fitnessbranche arbeitet. Neben seinem Training mit der Freeletics-Gruppe bietet er auch Personal-Training an. „Es geht darum, dass jeder an seine sportlichen Grenzen gehen kann“, sagt er. Dafür nutzt die Gruppe mittlerweile nicht nur die Vorgaben der App, sondern kombiniert sie mit ihren eigenen Übungen wie Sprints oder längeren Laufeinheiten. Damit auch Anfänger die Chance haben, mitzumachen, gibt Schlereth oft Alternativübungen vor. Die Motive der Freeletics-Teilnehmer sind oft ähnlich. Viele machen mit, um einen Ausgleich zu Arbeit oder Uni zu haben. Vor allem Kölner Studenten sieht man oft. Darunter auch Jana Mäcken, eine 27-jährige Soziologiestudentin. Sie habe lange nach einer Möglichkeit gesucht, Krafttraining im Freien zu machen,

Kurzem fährt das expandierende Unternehmen eine neue Strategie: 15,95 Euro kostet die Mitgliedschaft im kargen Studio pro Monat, und auch hier wird Yoga angeboten – von echten Trainern statt durch Videoclips. In der Halle, in der etwa 60 Yogamatten Platz finden, wird die indische Philosophie für Geist und Seele zum Massensport. Aber immerhin gibt es hier richtiges Yoga mit ein paar dynamischen Elementen von der Schwesterdisziplin Pilates. An diesem Morgen sind „nur“ 28 Frauen und zwei Männer da – vergleichsweise wenig. „Zur Feierabendzeit ist hier die Hölle los“, erzählt eine Besucherin kurz vor Beginn. „Dann passt man gerade noch nebeneinander und es wird richtig warm.“ Auf einer Bühne führt Yogalehrerin Anastasia Tepelidou die Übungen vor. Auf ihrem schwarzen Hoodie steht in dicken Buchstaben „die Fitnesspolizei“. „Alle Yoga-Lehrerinnen bei uns haben eine abgeschlossene Ashtanga-Yoga-Ausbildung“ sagt Tepelidou. Diese Richtung ist in den westlichen Ländern am weitesten verbreitet, hauptsächlich geht es dabei um Serien von Yogabewegungen – wie dem Sonnengruß – die auf den Atemrhytmus abgestimmt werden, und traditionell der Krankheitsbehandlung dienen. Von Kopf- über Rückenschmerzen bis hin zu Behinderungen kann

Ashtanga-Yoga viele Leiden verbessern oder beseitigen. Tepelidou selbst hat sich schon vor 15 Jahren damit selbstständig gemacht. Sie achtet auch darauf, dass es zum Ende jeder Stunde noch die traditionelle Schlussentspannung gibt, damit der Körper die Bewegungen nachspüren kann. Doch abgesehen davon, dass die Kursleiter im Studio die Bewegungen und die Atmung vormachen können, nützt die Trainerausbildung den Teilnehmern wenig. Es gibt keine Erklärungen, was welche Bewegung bewirkt, kein Atemtraining, keine Phasen des Bewusstmachens, kein Eingehen auf individuelle körperliche Beschwerden, die durch Yoga behandelt werden könnten. In kleineren Privatkursen können die Lehrer auch herumgehen und ungesunde Stellungen der Teilnehmenden korrigieren, denn schnell kann man sich beim Yoga etwas verrenken, wenn man eine Übung nicht richtig macht. Dafür ist es bei Flexx schlicht zu voll, und bei McFit gibt es ohnehin keinen Trainer. Hier muss jeder auf sich selbst aufpassen. „Es ist eben günstiger, aber so richtig was für Geist und Seele ist das hier nicht“, meint Lehramtsstudentin Sophia, als sie ihr Handtuch bei McFit einsammelt. „Innere Ruhe muss man woanders suchen. Hier kriegt man nur Muskelkater. Die Ruhe hole ich dann zu Hause nach.“ Der Raum füllt sich mit neuen Leuten, der Bildschirm dröhnt von neuem los. Als nächstes auf dem Kursplan: Bootcamptraining. „Schnell weg“, sagt Sophia und hält ihrer Freundin die Tür auf, „sonst geht das letzte bisschen Friedensstimmung flöten.“

erzählt Jana. „Ich hasse Fitnesscenter“, sagt sie. Das Training an der frischen Luft sei besser und biete mehr Möglichkeiten. Zudem koste es wesentlich weniger als ein Fitnesscenter. „Gemeinsam ist man viel motivierter“, ergänzt Trainer Schlereth. Außerdem bleibe die Gruppe nach dem Training im Sommer gerne noch auf der Wiese zusammen oder gehe etwas trinken.

zurückhaltend. Die Apps seien eine gute Ergänzung, zumindest solange die Appbetreiber den Datenschutz beachteten und die Werbung in Grenzen hielten. Eine vollwertige Alternative zu Fitnesscenter oder Vereinssport seien Freeletics & Co. aber nicht. „Die persönliche Absprache und eine kompetente Anleitung sind nicht zu ersetzen“, sagt Graf. Zudem könne man nicht erwarten, sofort zum Marathonläufer zu werden. Realistische Ziele und eine vorherige ärztliche Prüfung des Gesundheitszustands seien vor allem bei Personen über 40 unabdingbar. Allerdings rechnet die Professorin damit, dass sich auch die Sportapps in den nächsten Jahren weiterentwickeln werden. „Die Branche wird noch weiter boomen und noch präziser Gesundheitsdaten mit sportlicher Ausübung verknüpfen“, sagt Graf.

Marktführer unter den Sportapps ist mit 95 Millionen Nutzern weltweit Runtastic. Freeletics ist nicht die einzige Sport-app. Längst boomt dieser Markt, das werde in den nächsten Jahren auch so bleiben, prognostiziert Christine Graf, Professorin an der Sporthochschule Köln. Marktführer unter den Sportapps ist mit 95 Millionen Nutzern weltweit Runtastic. Die App ist speziell aufs Laufen ausgelegt und bietet neben der Speicherung von Joggingrouten auch eine gezielte Vorbereitung auf Marathonläufe. Mithilfe eines GPSTrackers kann sich der Nutzer eine von zahlreichen Laufrouten aussuchen oder andere App-Nutzer an seiner Laufstrecke und der erreichten Distanz teilhaben lassen. Taugen Sportapps also als Ersatz für Verein oder Fitnessstudio? Sporthochschul-Professorin Graf ist

Das Making-of zur

Jahrgangszeitung:

Heimspiel  

Das Zeitungsprojekt des Ausbildungsjahrgangs 2016 der Kölner Journalistenschule.

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you