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Januar 17 Februar 17


Editorial und Inhalt

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126. Jahrgang 01-02/2017

Titelbild: © psdesign1 Fotolia

Marion Caspers-Merk Präsidentin des Kneipp-Bundes

Stille und Kraft Ein neues Jahr und wie immer beginnt es sicher mit einigen guten Vorsätzen. Gesünder leben, mehr Zeit für Familie, Freunde und für sich selbst und etwas mehr Ruhe und Gelassenheit – das nehmen sich viele Menschen vor. Oft vergeblich, weil wir durch immer engere Zeitfenster, ständige Ansprüche an die Präsenz und anstrengende Geräuschpegel daran gehindert werden. Die Ansprüche unserer Zeit an die körperliche und seelische Gesundheit sind kaum mit denen der Zeit von Sebastian Kneipp zu vergleichen. Trotzdem sah auch er schon die Gefahr und mahnte: „Kaum irgendein Umstand kann schädlicher auf die Gesundheit wirken, als die Lebensweise unserer Tage – ein fieberhaftes Hasten und Drängen aller im Kampfe um Erwerb und sichere Existenz.“ Ein Ansporn für uns, ein Jahresmotto für die Kneipp-Bewegung zu wählen, das uns helfen soll, einen Ruhepol zu finden: „Stille – Quelle der Kraft“. Ich lade Sie ein, in diesem Kneipp-Journal zu schmökern. Sicher finden Sie unter den verschiedenen Methoden Ihren persönlichen Weg, zur Stille zu finden. Und so wünsche ich Ihnen für das Jahr 2017 Inseln der Stille, Ruhe, Kraft und viel Gesundheit.

Allgemeines  |  Information  |  Kur / Erholung Editorial

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Sebastian-Kneipp-Akademie

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Kneipp-Journal

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Kneipp aktuell

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Mehr Gesundheit durch Bildung Verbandsarbeit, Personalien, Nachrichten, Gesundheitspolitik, Programme

Vorschau  |  Bildnachweis  |  Impressum

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Gesundheit  |  Körper & Geist Die Kraft der Stille

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Die Kraftquelle der Stille

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Was bedeutet Stille in unserer Gesellschaft? im Qigong und T’ai Chi Ch‘uan

Die Natur bei Nacht

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Der eigene Weg zur Stille

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Achtsamkeit – Der Weg zurück zu Dir

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Leichter atmen – besser fühlen

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Guter Stoffwechsel, schlechter Stoffwechsel

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Die Pein der leisen Töne

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Nicht nur krank, sondern auch Kunde 

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Vier Regeln gegen die stille Abhängigkeit

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Ein heilsamer Perspektivenwechsel Kreative Selbstentspannung in sieben Schritten Indian Balance®

Hilfe aus der Natur

Stoffwechseldiäten unter der Lupe Informationen zur Lärmbelastung

Medikamentensucht

Ernährung Tee-Zeit! Aus-Zeit! Zeit für mich! Feine Teegetränke Kneipp-Journal 01-02/2017

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MAGAZIN

„Winter-Blues“ oder mehr? Diabetes und Depressionen treten häufig gemeinsam auf

KNEIPP

aktuell

Schon wieder eine Erkältung? Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes mellitus sind besonders gefährdet, auch Depressionen zu entwickeln. Jeder achte Mensch mit Diabetes leidet an einer Depression, bei jedem fünften Patienten liegt eine erhöhte Depressivität vor. Umgekehrt haben stoffwechselgesunde Menschen mit einer Depression auch ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ 2. Beide Erkrankungen werden jedoch häufig erst spät erkannt. Dies kann den Erfolg einer Diabetestherapie gefährden. Betroffene sollten daher ihren behandelnden Arzt auf ihr Befinden ansprechen und sich behandeln lassen, empfiehlt diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe.

Husten und Schnupfen sollten nicht vorschnell mit einer typischen Erkältung verwechselt werden. Ursache für die Beschwerden kann auch eine Hausstaubmilbenallergie sein, die viel drastischere Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. „Bestehen chronische Beschwerden wie eine behinderte Nasenatmung und kommt es dann wiederholt zu Schnupfen oder Nasennebenhöhlenentzündungen, sollte auf alle Fälle an eine zugrundeliegende Hausstaubmilbenallergie gedacht werden“, sagt Prof. Dr. Franziska Ruëff von der Ludwig-Maximilians Universität in München und Expertin für Allergologie. JDB Media GmbH

„Digital-Kompass“ vorgestellt: Justizminister Maas lobt Internetangebot für ältere Menschen Das Internet bietet älteren Menschen zahlreiche Chancen, doch vielen fällt der Einstieg in die digitale Welt schwer. Auf ihrem Weg zu einem souveränen Umgang mit den Onlinemedien sind daher gute Anlaufstellen vor Ort und Computer-Lotsen wichtig. In Anwesenheit von Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, wurde heute der „Digital-Kompass“ für die Internetlotsen vorgestellt. Die Plattform stellt den Trainern Informationen und Schulungsmaterialien für ihre Arbeit bereit und fördert den Austausch mit IT-Experten. Weitere Informationen unter www.digital-kompass.de BAGSO

Mehr Transparenz dank lebensmittelwarnung.de

Das Internetportal feiert fünfjähriges Jubiläum. Salmonellen in Sesamkörnern, Glassplitter in Roter Bete oder eine unzureichende Allergenkennzeichnung bei Schokoriegeln – es gibt viele Gründe, warum ein Lebensmittel zurückgerufen werden muss. Seit genau fünf Jahren gibt es deshalb das vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gemeinsam mit den Bundesländern betriebene Internetportal www.lebensmittelwarnung.de. Verbrauchern bietet es die Möglichkeit, aktuelle Lebensmittelwarnungen für ganz Deutschland auf einer zentralen Website einzusehen. „Mit über 750.000 Seitenaufrufen pro Monat ist lebensmittelwarnung.de eindeutig eine Erfolgsgeschichte“, zieht BVL-Präsident Dr. Helmut Tschiersky nach fünf Jahren Bilanz. BVL Kneipp-Journal 01-02/2017


Lebensordnung

Stille

Die Kraft der

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N

och während meiner Schulzeit habe ich ziemlich viel von Heinrich Böll gelesen, und als ich jetzt das Jahresmotto der Kneipp-Bewegung erfahren habe, ist mir eine seiner satirischen Geschichten wieder eingefallen: „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“. Böll erzählt hier von einem sehr korrekten Mitarbeiter der Kulturabteilung eines Radiosenders, dessen Auftrag es ist, aus Vorträgen bestimmte Abschnitte oder Worte herauszuschneiden und sie zu kürzen, bevor sie gesendet werden. Nebenbei schneidet er Sprechpausen aus den Tonbändern heraus und sammelt sie in einer Dose. Darauf angesprochen, was er damit mache, antwortet er: „Ich sammle Schweigen. Ich klebe die Sprechpausen aneinander und spiele mir das Band vor, wenn ich abends zu Hause bin. Es ist noch nicht viel, ich habe erst drei Minuten – aber es wird ja auch nicht viel geschwiegen.“ Die Geschichte erschien 1958! Schweigen, Stille, Ruhe, drei Begriffe, die Ähnliches beschreiben: Lautlosigkeit, die Abwesenheit von Lärm und Geräuschen, bewegungslos, nicht tätig sein. Stille kommt von stellen: Ich bleibe stehen und werde still. Ein hungriges Kind wird gestillt und damit auch beruhigt. Stille kann auch etwas sein, das ich vorfinde und in das ich mich hineinbegebe: Die Stille einer Waldlichtung, einer Kirche, eines Raumes. Schweigen dagegen ist ein aktives Tun, ein bewusster Akt in der Kommunikation: Ich muss den Mund halten, wenn ich die Stille nicht stören oder zuhören will. Situation heute:

Zerstörung der Stille Stille ist in unserer Industriegesellschaft ein Luxusgut geworden. Die allgemeine Lautstärke hat in den letzten 250 Jahren deutlich zugenommen, was sich z.B. an der Lautstärke von Polizei- und Feuerwehrsirenen ablesen lässt. Rund 20% aller Europäer sind einem durchschnittlichen Lärmpegel von 65 Dezibel ausgesetzt, ab 85 Dezibel ist der Lärm für den Menschen gesundheitsschädlich. Laut Kneipp-Journal 01-02/2017


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Lebensordnung

WHO stellt Lärm die zweitgrößte Quelle von Bedrohung der öffentlichen Gesundheit dar. Der Mensch ist Geräuschen ausgeliefert, der Hörsinn kann nicht bewusst abgeschaltet oder beeinflusst werden. Die ständige Musikberieselung im halböffentlichen Raum wie Supermärkten oder Restaurants ist von Fachleuten maßgeschneidert, um uns zum Konsum zu motivieren, das Marketing sagt der Stille eine konsumhemmende Wirkung nach. Wir haben uns an den dauerhaften Lärm gewöhnt, aber der Körper reagiert darauf nach wie vor mit Stress. Unangenehme Stille

So besteht einerseits in der heutigen Zeit eine tiefe Sehnsucht nach Stille, andererseits können immer mehr Menschen Stille nur schwer ertragen. Absolute Stille ist tatsächlich nicht lange aushaltbar. Der stillste Ort der Welt befindet sich in Minnesota und wurde als Versuchsraum für akustische Messungen gebaut. 99,99% der Geräusche werden darin verschluckt – eine Art schwarzes Loch. Ähnliche schalltote Räume gibt es auch in anderen Forschungseinrichtungen oder Tonstudios. Im schalltoten Raum wird man selbst zum einzigen Geräusch. Man hört den eigenen Herzschlag oder plötzlich die Lunge oder den Magen. Das ist verstörend. Länger als 45 min hat es deshalb noch niemand darin ausgehalten. Völlige Stille wird vor allem wegen der darin fehlenden akustischen Orientierung im Raum als unangenehm und beängstigend empfunden, ja sie kann sogar als

Foltermethode eingesetzt werden. Es gibt auch in Alltagssituationen Stille, die als unangenehm empfunden wird. Plötzlich auftretendes Schweigen kann eine gespannte oder peinliche Stimmung signalisieren. Wir kennen das „eisige“ Schweigen als Gesprächsverweigerung in Konflikten oder die Ruhe vor dem Sturm als Vorahnung auf ein nahendes, negatives Ereignis. Die „Totenstille“ als Steigerung der Stille hat etwas Beunruhigendes oder gar Bedrohliches an sich. Sie bewirkt eine unerträgliche Spannung und drängt darauf, durch ein erlösendes Wort unterbrochen zu werden. Jugendliche empfinden die „Funkstille“ als verstörend oder sogar beängstigend an Orten, an denen es keinen Empfang für Smartphones gibt. Alte und einsame Menschen leiden unter zu viel Stille, weil niemand mehr mit ihnen spricht. In all diesen Fällen ist die Stille nicht selbst gewählt und wird auch nicht als wohltuend empfunden. Ganz anders ist die Wirkung der Stille auf den Menschen, wenn sie selbstgewählt ist als beruhigende Erholungspause und Rückzugsort in der hektischen und lauten Aktivität des Alltags. Sie ist eine Rahmenbedingung für Entspannung, Besinnung und Kontemplation. Stille ist auch eine unterstützende Voraussetzung für Tätigkeiten, die Aufmerksamkeit und Konzentration erfordern. Intensive Denk- und Lernprozesse meistert das Gehirn besser ohne ablenkende Geräuschkulisse. Tritt einmal wirklich Stille in unser Leben ein, also äußere Stille und gleichzeitig das Ruhen lassen jeglichen Tätigseins, dann können viele überhaupt nicht damit umgehen. Es

meldet sich sofort die innere Unruhe und das Gefühl, etwas tun zu müssen, etwas zu bewegen, produktiv zu sein. Oder die ständigen inneren Selbstgespräche, zweifelnde und bewertende Gedanken lassen uns innerlich nicht zur Ruhe kommen. Stille ist etwas Besonderes geworden in unserer hektischen Welt. Oft machen uns erst die Geräusche der Natur auf die Abwesenheit von Zivilisationslärm und menschlichen Stimmen aufmerksam. Heilsame Stille

In der Stille wird das Überhörte und Unhörbare hörbar. Wer durch den Wald spaziert, an einem See entlang geht, auf einer Wiese liegt oder in den Bergen wandert, kann Stille als offenen Raum erfahren, der aber keineswegs geräuschlos ist. Wenn nicht nur der äußere Lärm, sondern auch der innere Lärm nachlässt, das heißt, wenn sich innere Dialoge und andere Störgeräusche des eigenen Inneren langsam im Gleichmaß des Gehens beruhigen und zurücktreten, wird plötzlich anderes wahrnehmbar: das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Plätschern des Wassers, Vogelstimmen oder das Rascheln von Tieren im trockenen Laub. Die Stille eröffnet dem Hörenden das Eigenleben der Natur, deren Teil wir Menschen sind. Das Hören wird gleichsam entschleunigt. Es entdeckt die tiefe Stille im Herzen aller Geräusche. So lässt sich Stille finden auch im Tosen der Brandung, eines Wasserfalls, im Zwiegespräch, im Vogelgezwitscher, im Rhythmus der Regentropfen auf dem Fenstersims. Die Stille lehrt uns, achtsam unsere

Ein Rückzugsort in der Natur lässt Stille finden. Kneipp-Journal 01-02/2017


Lebensordnung

Sinne zu gebrauchen. Ähnliches gilt auch für Innenräume: Je ruhiger der Raum ist, desto mehr Dinge hört man. Das ist mir sehr deutlich bewusst geworden, als ich vor einigen Jahren den Film „Die große Stille“ im Kino gesehen habe. Der Film zeigt das Leben der Mönche in einem Kartäuserkloster. Gemäß der Spiritualität des Ordens wird im Film kaum gesprochen; auch auf Filmmusik wurde verzichtet. Man hört nur die Geräusche der Natur, der Alltagsabläufe und den Gesang der Mönche beim Gottesdienst. Der Film dauert fast drei Stunden. Äußere Stille und innere Stille

Die Stille in einem Raum lädt uns ein, sich darin niederzulassen. Der indische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore sagt: „Bade deine Seele im Schweigen.“ Stille ist ein Heilmittel für unsere Seelen, die vom Lärm der Welt oft überlastet sind, die nicht mehr atmen können, weil sie von unzähligen Gedanken und Bildern hin- und hergezerrt werden. Aus der Ruhe entsteht die Kraft zu intensivem Tun. Im Hören auf diese Stille werden neue Erfahrungen möglich. Die äußere Stille ist dabei nur Hilfsmittel und Unterstützung für das Entwickeln der inneren Stille. In der Stille kommen wir in Berührung mit der eigenen persönlichen Wahrheit. Damit konfrontiert zu werden, vielleicht zu erkennen, dass da etwas in meinem Leben nicht stimmt, dass ich vielleicht schon lange an mir selbst vorbei lebe, ist nicht immer einfach. Oder Enttäuschungen und Verletzungen steigen auf, Schuldgefühle können quälen. Wir können Stille nur genießen, wenn wir die eigene Wahrheit aushalten, und das ist Ausdruck einer reifen Persönlichkeit. Innere Stille besteht nicht darin, GeKneipp-Journal 01-02/2017

danken zu unterdrücken oder womöglich gar nicht zu denken. Innere Stille entsteht, wenn wir uns im Augenblick wahrnehmen, liebevoll und nicht kritisch bewertend. Wenn wir akzeptieren, was ist, und was wir nicht ändern können. Dies ist die Erfahrung aller Meditationsübungen. Und das ist weit mehr als eine Atempause, eine erholsame Unterbrechung des Alltags. Hier begegne ich mir selbst, ich kann mich auf das konzentrieren, was in meinem Leben jetzt wesentlich ist und loslassen, was ich eher als Ballast aus Erwartungen und Meinungen mit mir herumschleppe. Eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit und Gesundheit. Wege in die Stille

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man die Stille wahrnehmen, genießen und wie man das Schweigen einüben kann. Ich kann z.B. stille Orte aufsuchen. Als ich nach der Wende zum ersten Mal wieder nach Berlin kam, entdeckte ich an einem Seitengebäude des Brandenburger Tores ein Schild mit der Aufschrift „Raum der Stille“. Neugierig betrat ich diesen Raum durch ein kleines Foyer, in dem an den Wänden in vielen Sprachen das Wort „Frieden“ steht. Und tatsächlich, in diesem Raum war es mitten im Herzen der Großstadt fast unwirklich still. Ein besonderer „heiliger“ Ort, offen für Menschen jeder Glaubensrichtung oder Kultur. Zwei andere Menschen waren noch im Raum, auf Kissen sitzend und schweigend meditierend. In diesem Raum gibt es nichts zu sehen und nichts zu tun, man ist eingeladen, einen Moment oder auch länger in der Stille zu verweilen, auszuruhen, zu sich zu kommen, den inneren Frieden zu finden. Inzwischen findet man solche Räume der Stille, in die man sich mitten im Trubel des Alltags zurückziehen und durchatmen und sich besinnen kann, in Flughäfen, Universitäten oder Krankenhäusern. Ich kann auch ruhige Plätze in der Natur aufsuchen oder auch einfach mein Wohnzimmer, wenn ich für mich allein bin. Ich kann mich dort ruhig hinsetzen und verweilen ohne etwas Besonderes zu tun. Stille kann auch heißen, nicht di-

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gital zu kommunizieren, also auf E-Mail, Facebook, WhatsApp zu verzichten, jeden Tag einfach eine Zeit lang in der Ruhe zu sein: Yoga, Meditation, spazieren gehen, ein gutes Buch lesen, eine Zeit, wo man sich nicht unter Druck setzt, sondern Muße hat. Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass sie jeden Tag auf ihrer einstündigen Zugfahrt zur Arbeit mithilfe einer App auf dem Smartphone meditiert, und dass ihr dies eine sehr gute Hilfe sei, zur Ruhe zu kommen. Zurzeit sind Ausmalbücher für Erwachsene sehr im Trend. Die Konzentration auf das Ausmalen vorgegebener Formen kann eine Möglichkeit sein, den Alltagsstress und das ewige Gedankenkarussell zur Ruhe zu bringen. Die äußere Stille kann uns in die innere Stille führen, uns einladen, den Ort der Stille auf dem Grund der eigenen Seele aufzusuchen. Die Mystiker sind überzeugt, dass in jedem von uns ein Raum der Stille ist, zu dem die Gedanken und Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse keinen Zutritt haben. Es ist auch der Raum, zu dem andere Menschen mit ihren Erwartungen und Ansprüchen, mit ihren Urteilen und Verurteilungen nicht vordringen können. Es ist der Raum in mir, in dem ich ganz ich selber bin. Und es ist der Raum des Schweigens, in dem das Göttliche selber in mir wohnt. Dort hat keiner Macht über mich, kann mich niemand verletzen. Dort bin ich heil und ganz. Der Atem führt in diesen Raum hinein. Wenn wir still sitzen und achtsam das Ein- und Ausatmen im Körper wahrnehmen ohne dabei den Atem zu beeinflussen, kommen wir innerlich zur Ruhe, Gedanken und Emotionen treten zurück, unser Geist findet Frieden. Wir leben heute in einer lauten Welt, in der es nicht so einfach ist, Orte der Stille zu finden. Aber den inneren heilsamen Ort der Stille, den tragen wir immer bei uns. Wer sich für weitere Anleitungen zu Stilleübungen interessiert, findet diese ab Mitte/Ende Januar auf der Homepage des Kneipp-Bundes www.kneippbund.de Birgit Meinhardt Psychotherapeutin, Referentin an der Sebastian-Kneipp-Akademie


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Gesundheitsförderung

Die Kraftquelle der Stille

im Qigong und T’ai Chi Ch‘uan

U

nsere moderne Zeit ist geprägt von Zeitnot, Zeitdruck, ständiger Erreichbarkeit und einer immer weiter zunehmenden Zahl von stressbedingten Beschwerden und Erkrankungen. In unserer Kultur gebrauchen wir Redensweisen wie „mein Akku ist leer“, „die Batterien wieder aufladen“, „ich komme auf dem Zahnfleisch daher“ und bringen so in bildlicher Form zum Ausdruck, wie es uns kräftemäßig bzw. energetisch geht. Kennen Sie den Ausspruch: „Ich kann abends nicht mehr abschalten“? Nicht mehr abschalten zu können, bedeutet auch, dass der Zugang zur Stille versperrt und blockiert ist. Die Stille und der Raum der Ruhe sind der Gegenpol zur Aktivität. Komme ich nicht mehr in die Stille, laufen Körper und Geist ständig auf Hochtouren, sodass wir zunehmend kraft- und energielos werden. Burn-out, das Ausgebrannt-sein, zeigt bereits in seinem Namen, dass unsere menschliche Energie nicht unbegrenzt ist und wir dafür verantwortlich sind, nicht verschwenderisch damit umzugehen. Unser Zeitalter hat Stille mehr denn je nötig. Die beiden chinesischen Bewegungskünste des Qigong und T’ai Chi Ch‘uan sind Bestandteile der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). In der

geistigen Beschwerden und Krankheiten bereitet. In der traditionellen chinesischen Medizin orientiert man sich bei der Diagnose und Behandlung am energetischen Zustand eines Menschen. Im Zusammenhang mit Energie wird der Begriff Qi verwendet. Dieser wird meist mit Lebensenergie oder Lebenskraft übersetzt. Das chinesische Schriftzeichen für Qi hat noch weitere Bedeutungen, unter anderem steht es auch für Atem. TCM bedient man sich unter anderem einer Einteilung aller Dinge und Erscheinungen in die polaren Naturkräfte Yin und Yang. Yin und Yang brauchen einander, das eine kann ohne das andere nicht bestehen. Yin steht z. B. für Entspannung, Passivität und Ruhe, Yang hingegen für Anspannung und Aktivität. Heutzutage leben wir in einer stark Yang-dominierten Welt. Immer noch mehr, noch schneller, noch effizienter... ein Hamsterrad der Aktivität oder besser gesagt einer krankmachenden Hyperaktivität. Gesundheit aus Sicht der traditionellen chinesischen Medizin bedeutet immer eine Ausgewogenheit und relative Ausgeglichenheit von Yin und Yang. Kommt es zu einem Ungleichgewicht dieser beiden Polaritäten, ist der Boden für die Entstehung von körperlichen und

Wie ist nun der Zusammenhang zwischen Stille, der Lebensenergie „Qi“, der Atmung und dem Üben von Qigong und T’ai Chi Ch‘uan? Das regelmäßige Üben von Qigong und T’ai Chi Ch‘uan hilft uns grundsätzlich, dass die Energie im Körper gut fließen kann, wir verbrauchte Energie abgeben und neue Energie (Kraft) wieder aufnehmen.

Rolle der Atmung – allgemein und im speziellen bei Qigong und T’ai Chi Ch‘uan Die Atmung ist ein guter Indikator, wie es uns geht. Gestresste und gehetzte Menschen haben in aller Regel eine flache Brustatmung, es gelangt weniger

Kneipp-Journal 01-02/2017


Gesundheitsförderung Sauerstoff in die Lungen und gleichzeitig wird weniger Kohlendioxid abgeatmet. Oder wie wir es im Qigong und T’ai Chi Ch‘uan beschreiben würden: Es wird zu wenig frisches Qi aufgenommen und zu wenig verbrauchtes Qi abgegeben. Es existieren viele Prinzipien, die beim Üben von Qigong und T’ai Chi Ch‘uan beachtet werden sollten. Dabei spielt der Aspekt der Stille eine wichtige Rolle im Qigong und T’ai Chi Ch‘uan. Beim Erlernen von Qigong und T’ai Chi Ch‘uan nähern wir uns durch die Übungen Schritt für Schritt der Stille und Ruhe an. Es geht darum, den eigenen Weg in die Stille zu finden. Dabei gibt es nicht den einen Weg, sondern jeder T’ai Chi Ch‘uan und Qigong Übende findet im Laufe der Zeit den für ihn am besten passenden Weg. Für gestresste Menschen ist es oftmals kein einfacher Prozess, den Weg in die Stille wieder zu entdecken. Der Weg ist „verschüttet“ und muss durch Arbeit, also regelmäßiges Üben, erst Stück für Stück freigelegt werden. Stille bedeutet dabei nicht zwangsläufig, ohne Bewegung still zu stehen, zu sitzen oder zu liegen.

Die nähere Betrachtung Im T’ai Chi Ch‘uan bewegen wir uns fortlaufend in bestimmte Richtungen, um festgelegte Figuren auszuführen. Allerdings ist die Art der Bewegung durch sanfte, fließende, entspannte und gleichmäßige Ausführung gekennzeichnet. Durch diese Bewegungsweise kann der Körper nach und nach in eine wohlige Ruhe kommen. Da wir uns beim Üben

Kneipp-Journal 01-02/2017

von T’ai Chi Ch‘uan stets mit dem ganzen Körper bewegen, bleibt kein Raum mehr für unruhige und störende Gedanken. Alles an Aufmerksamkeit und Achtsamkeit ist auf die Ausführung der Bewegungen gerichtet. T’ai Chi Ch‘uan ist eine Meditation in Bewegung und führt in die Stille. Die Atmung entwickelt sich durch das Üben in die sogenannte natürliche (Bauch-)Atmung. Anfangs kann es sein, dass man sich nach dem Üben angenehm erschöpft fühlt. Im Laufe des Übens wandelt sich dies zunehmend in ein Gefühl des Erfrischt-seins und sich gestärkt fühlen. Im Qigong haben wir die Wahl zwischen Übungen im Stehen, Sitzen und Liegen. Daneben unterscheiden wir „Übungen in Bewegung“ (donggong) und „Übungen in Ruhe“ (jinggong). Bei den Übungen in Ruhe ist keine äußerliche Bewegung sichtbar und dennoch ist es kein starres Üben. Mit Hilfe der Konzentration und Vorstellungskraft führen wir die Energie, das Qi, auf gewissen Bahnen und nehmen so positiven Einfluss auf Körper und Geist. Bei den Übungen in Bewegung führen wir zusätzlich noch Bewegungen mit Armen und/oder Beinen aus. Die Atmung im Qigong ist an sich eine natürlich Atmung, wie bei T’ai Chi Ch‘uan, die sanft, tief, gleichmäßig und fließend ist. Daneben gibt es auch noch eine Reihe spezieller Atemtechniken, die im Qigong geübt werden können, als Beispiele seien die sogenannte „umgekehrte Bauchatmung“ und die „Zellatmung“ genannt. Ein wichtiges Übungs-

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prinzip bei Qigong ist der Aspekt der Ruhe. Nach außen hin ist die Ruhe durch die Art der Bewegung sichtbar. Innerlich geht es darum, in eine geistige Ruhe und Stille zu kommen. Die Chinesen vergleichen dabei unseren Geist mit einer Horde wilder Affen. Diese Affen nach und nach zu beruhigen ist die Aufgabe bei jedem Üben. Nun ist unser Gehirn zeitlebens aktiv, somit ist es ganz natürlich, dass immer wieder Gedanken auftauchen. Das achtsame Üben bewirkt aber, dass diese Flut an Gedanken uns nicht mehr ständig im „Würgegriff“ hat und wir einen klaren Kopf bekommen. So kann Qigong seine vielfältigen positiven Wirkungen entfalten und der Übende spürt und erlebt, wie aus diesem Raum der Stille neue Kraft und Energie entsteht.

Fazit Qigong und T’ai Chi Ch‘uan können wichtige und wertvolle Hilfsmittel und Begleiter sein, um wieder in ein gutes und ausgeglichenes Verhältnis von aktiven Phasen und Ruhephasen zu kommen. Der Raum der Stille und Ruhe ist ein Schutzraum für Körper, Geist und Seele. Durch die Übungen kann aus diesem Raum neue Kraft und Energie entstehen. Nötig ist ein regelmäßiges Üben, Geduld mit sich und das Vertrauen in das Üben und die Übungen. Alexander Wüst T’ai Chi Ch‘uan und Qigong-Lehrer SKA Seminarleiter an der Sebastian-Kneipp-Akademie


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Vorschau & Impressum

Unser Thema im März 2017:

Impressum

Bluthochduck

Viele Menschen – nach Schätzungen rund 20 Millionen in Deutschland – leiden an Bluthochdruck. Obwohl er zunächst keine Beschwerden verursacht, zieht er gefährliche Folgen nach sich. Begünstigt wird Bluthochdruck durch Bewegungsmangel, falsche Ernährung, Stress usw. Und hier kann Kneipp helfen. Sein Gesundheitssystem ist wie geschaffen, um gegen diese Zivilisationserkrankung anzukämpfen. Und in unserer Märzausgabe bekommen Sie leicht umzusetzende Einführungen. Schauen Sie rein und bleiben Sie gesund.

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Herausgeber Kneipp-Bund e. V., Bundesverband für Gesundheitsförderung und Prävention, Bad Wörishofen; vertreten durch die Präsidentin Marion Caspers-Merk Verlag Kneipp-Verlag GmbH, Adolf-Scholz-Allee 6–8, 86825 Bad Wörishofen; Postfach 1451, 86817 Bad Wörishofen; Tel. 0 82 47/ 30 02-212, Fax 0 82 47/30 02-199 E-Mail: Kneippverlag@t-online.de Internet: www.kneippverlag.de: eingetragen beim Amtsgericht Memmingen, HRB 5126 ISSN 1868-4270 Geschäftsführerin Annette Kersting Redaktion Beate Seeßlen-Hurler V. i. S. d. P. Anzeigen Annette Kersting (verantwortlich) Anzeigenverkauf Verlagsbüro ID GmbH & Co. KG Irmgard Ditgens (Ltg.), Tel. 05 11/ 61 65 95-0, Susanne Sinß, 0511/616595-35 Ines Walter, Tel. 0511/616595-25 Fax 05 11/ 61 65 95-55, E-Mail: service@verlagsbuero-id.de Für den Inhalt der Anzeigen zeichnen die Inserenten verantwortlich Vertriebsabteilung Christa Weidner Tel. 0 82 47/ 30 02-112 € 25,–

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Der Titel „Kneipp“ ist zu Gunsten der Kneipp-Werke Würzburg/Bad Wörishofen als eingetragene Marke geschützt

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Bildnachweis Seite 4: DAK-Gesundheit, Masterfile/RF., Robert Kneschke_Fotolia Seite 5: twinlili_pixelio, Seite 6: Rosel Eckstein_pixelio Seite 7: wuestenfuchs_pixelio, Seiten 8,9: Kneipp-Bund e. V. Seiten 10, 11: Andrea Köhler, Seiten 14, 15: PeeF_pixelio Seiten 18, 19: Christian de May, Seiten 20, 30: DAK Gesundheit Seite 21: Feline Rupprecht_pixelio, Seite 29: Patrizia Tilly_Fotolia, ATiplyashin_Fotolia, Seiten 30, 32, 35: AOK-Mediendienst, Seite 32: Contrastwerkstatt_Fotolia, Seiten 44, 45: wkf Kneipp® ist eine eingetragene Marke der Kneipp-Werke Würzburg.

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Kneipp-Journal Januar Februar 2017  

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