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ROYAL CANIN Fernkolleg f체r Veterin채rmedizinische Fachangestellte

Di채tetische Behandlung von Erkrankungen der ableitenden Harnwege bei Hund und Katze

Stand: Januar 2013


Inhaltsverzeichnis 1

Einleitung

2 2.1 2.2 2.3

Harnsteine Häufigkeit und Risikofaktoren Theorie der Harnsteinbildung Steintypen 2.3.2 Struvit 2.3.3 Calcium-Oxalat 2.3.4 Urat 2.3.5 Cystin 2.3.6 Sonstige 2.4 Diagnostik 2.5 RSS-Wert 2.6 Grundzüge der Diätetik 3 3.1 3.1.1 3.1.2 3.1.3 3.2 3.2.1 3.2.2

Erkrankungen der ableitenden Harnwege LUTD (lower urinary tract disease) LUTD bei der Katze LUDT beim Hund Idiopathische Zystitis der Katze Behandlung einschließlich Diätetik Hund Katze

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Tipps für die Tierhalter

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Häufige Fragen der Tierbesitzer

6 6.1 6.2 6.3 6.4 6.5

Schwierige Fälle und kontroverse Diskussionen Sinnvoller Einsatz von Salz zur Steigerung der Trinkmenge Trockenfutter für Harnsteinpatienten Harnsteindiät im Mehrkatzenhaushalt Harnsteine bei Welpen Harnsteine und…(Kombi-Erkrankungen)

7 7.1 7.1.1 7.1.2 7.2 7.2.1 7.2.2

Produktübersicht Veterinary Diet Urinary zur Harnsteintherapie und -nachsorge Urinary S/O Trocken- und Feuchtfutter Urinary U/C Trockenfutter für Hunde Harnstein-Prophylaxe: Nahrungen mit S/O Index Für Katzen Für Hunde


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Einleitung

Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten bei Harnwegserkrankungen von Hund & Katze haben sich in den letzten Jahren ständig weiterentwickelt und verbessert. Wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, dass es möglich ist, Struvitund Oxalatsteine mit ein- und demselben Diätfutter effektiv zu behandeln? Die rasante Entwicklung in Wissenschaft und klinisch angewandter Forschung auf diesem Gebiet erfordert kontinuierliche Fortbildung, um „auf dem Laufenden“ zu bleiben. Royal Canin forscht seit über 20 Jahren sehr intensiv auf diesem Gebiet. Die Forschungsergebnisse fließen unmittelbar in die Rezepturen der Urinary-Diäten und Prophylaxe-Nahrungen ein. Bereits 1998 brachte Royal Canin als erster Futtermittelhersteller eine Trockenfutter-Produktreihe für kastrierte Katzen (Neutered Cat) exklusiv über Tierarztpraxen auf den Markt, die eine Senkung des Harnsteinrisikos zum Ziel hatte. Es zeigte sich, dass sich das Risiko einer Harnwegserkrankung über eine angepasste Ernährung senken lässt. Allerdings weisen etwa 30% aller Katzen, für die die Tierhalter das Futter beim Tierarzt kaufen eine weitere diätpflichtige Erkrankung auf. Royal Canin hat sich daher das Ziel gesetzt, eine Harnsteinprophylaxe für Struvit und Kalziumoxalat (S/O-Index) nach und nach in alle Diätrezepturen für Katzen zu integrieren. Bei Hunden neigen vor allem Vertreter der kleinen Rassen zu Harnsteinen, weshalb Royal Canin für ausgewählte Indikationen bereits Diäten in der Variante „Small Dog“ ebenfalls mit prophylaktischer Wirkung gegen Struvit und Oxalat anbietet. Unter dem Begriff „Erkrankungen der unteren Harnwege“ (engl. LUTD: lower urinary tract disease) wird eine Gruppe von Erkrankungen zusammengefasst, die sich in ihrer klinischen Symptomatik ähneln. Typisch sind z.B. Blut im Urin, Absatz kleiner Harnmengen unter Schmerzen oder an ungeeigneten Stellen (Verlust der Stubenreinheit) sowie Anzeichen für einen Verschluss der harnableitenden Wege. Harnwegserkrankungen gehören zu den regelmäßig in der Kleintierpraxis auftretenden Fällen. Einer amerikanischen Studie zufolge leiden etwa 3% aller Hunde, die in der Praxis vorgestellt werden, an einer Erkrankung der unteren Harnwege, etwa 1/5 von ihnen bildet auch Harnsteine (LULICH et al. 1999c). Obwohl in der Gesamtpopulation nur ungefähr 1% aller Katzen eine Harnsteinerkrankung aufweist (Frenk 2006), sind Harnwegserkrankungen bei 13-28% aller in der Kleintierpraxis vorgestellten Katzen der Grund für den Tierarztbesuch (Houston 1999). Oft sind die betroffenen Hunde und Katzen Dauerpatienten: Die Rezidivrate liegt je nach Steinart bei 50% oder sogar darüber (Wolters 2003). Dieser Fernkollegkurs gibt einen Überblick über die diätetischen Behandlungsmöglichkeiten bei Erkrankungen der Harnwege von Hund und Katze. Je nach Sitz der Erkrankung unterscheiden sich die diätetischen Ziele: Während in einigen Fällen - z. B. bei Struvit-Harnsteinen - eine „Lösung des Problems“ im wahrsten Sinne des Wortes auf rein diätetischem Weg möglich ist, hat die angepasste Ernährung in anderen Fällen eher die Verhinderung von Rezidiven (z. B. bei Kalziumoxalatsteinen) oder eine Milderung der Symptomatik und des Verlaufs der Erkrankung (idiopathischen Zystitis der Katze) zum Ziel. Wie wünschen Ihnen viel Spaß bei der Teilnahme! Dr. Claudia Rade FTÄ für Tierernährung und Diätetik

Januar 2013


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Harnsteine

Abb. 1: Harnsteine können sehr unterschiedlich aussehen (hier: Kalziumoxalat-Steine)

Durch das Auskristallisieren bestimmter Substanzen werden im Harn Konkremente („Festkörper“) gebildet. Mikroskopisch kleine Konkremente werden als Kristalle, größere als Harngries bzw. Harnsteine bezeichnet. Unter dem Begriff Urolithiasis (Urolith = Harnstein) versteht man die dadurch verursachte Erkrankung. Sie ist die Folge von erblichen, angeborenen oder erworbenen Störungen, die zu einer gesteigerten Ausscheidung bestimmter Mineralstoffe über den Harn führen und/oder eine Prädisposition für die Bildung von Harnsteinen darstellen.

Die klinischen Symptome einer Urolithiasis sind hauptsächlich auf eine Reizung der Schleimhaut der abführenden Harnwege oder auf eine Abflussbehinderung des Harns durch die Steine zurückzuführen. Sie äußern sich als Harnabsatzstörungen mit erhöhtem Harndrang und blutigem Urin. In einigen Fällen führt die Urolithiasis sogar zu einer vollständigen Verstopfung der Harnröhre. Diese Situation ist ein absoluter Notfall! Die Mehrzahl der Steine entsteht in der Harnblase, aber eine Steinbildung ist durchaus auch im Nierenbecken möglich.

2.7

Häufigkeit und Risikofaktoren

Die bei Hund und Katze am häufigsten nachgewiesenen Steintypen sind Struvit (besteht aus Ammonium-Magnesium-Phosphat) und Kalziumoxalat. Ammoniumurat und Cystin sind die nächsthäufigen Steine, die aber bereits mit einigem Abstand folgen. Selten werden Kalziumphosphat, Silikate und Ausfällungen von Medikamenten beobachtet. In Untersuchungen hat sich gezeigt, dass im Laufe der letzten 20 Jahre die Häufigkeit von Oxalatsteinen stetig zugenommen hat, während gleichzeitig die von Struvitsteinen zurückging (Abb. 2). Diese Tendenz wird sowohl in Amerika als auch in Europa beobachtet. In Deutschland stieg der Anteil der Kalziumoxalatsteine bei Katzen im Zeitraum von 1984 bis 1999 von 4,7% auf 31% an (Hesse et al. 2000). Damals wurde vermutet, dass dieses Phänomen mit der in den 1980ger Jahren flächendeckend eingeführten Struvitbekämpfung mit dem Futter bei Katzen (harnansäuernde Eigenschaften und geringe Magnesiumgehalte in vielen kommerziellen Trockenfuttern) zusammenhängen könnte. Eventuell spielte aber auch die gestiegene Lebenserwartung unserer Haushunde und –katzen eine Rolle, denn Kalziumoxalat kommt tendenziell eher bei älteren Tieren vor. Wie aus Abbildung 2 ersichtlich, zeichnete sich ab 2002 eine Trendumkehr ab: Struvit ist seitdem wieder auf dem Vormarsch. Zurzeit sind Struvitsteine - wieder oder immer noch - am stärksten vertreten. Eventuelle länderspezifische Unterschiede sind vermutlich auf unterschiedliche klimatische Verhältnisse und Haltungsbedingungen zurückzuführen.


Abb. 2: Veränderung des anteiligen Verhältnisses von Struvit und Oxalat an der Gesamtheit aller felinen Harnsteine von 1984 bis 2005 in Nordamerika (Houston 2007; Quelle: Veterinary Focus 17(1) 2007)

Harnsteine kommen sowohl als monomineralische Gebilde (z.B. nur Struvit) als auch als Mischsteine vor. Wenn sie infolge einer Infektion der Harnwege entstehen, bezeichnet man sie als Sekundärsteine, da es sich dann um die Folgen dieser Grunderkrankung handelt. Bei Hunden und Katzen überwiegen eindeutig Struvitsteine (Katze: 63%, Hund 48%) gefolgt von Kalziumoxalat (Katze: 31%, Hund: 38%), weniger häufig treten Kalziumphosphat-, Ammoniumurat- und Cystinsteine auf. Zudem kommen bei Katern regelmäßig so genannte Harnwegspfropfen vor, die aus einem hohen Anteil organischer Matrix (u. a. abgestoßenes Gewebe, Eiweiß, Blutund Entzündungszellen) vermischt mit einem kleineren Anteil aus Kristallen, besonders Struvit, bestehen. Im Laufe der Jahre hat sich das Vorkommen einzelner Steinarten verändert: Während früher nahezu ausschließlich Struvitsteine auftraten, sind heute die Kalziumoxalatsteine auf dem Vormarsch und kamen in Amerika sogar eine Zeitlang nahezu gleich häufig vor. In Europa war dies nicht der Fall. Es wird vermutet, dass die weit verbreitete Anwendung Harn ansäuernder und magnesiumarmer Futtermittel zur Struvitbehandlung und –prävention bei der Katze für die zunehmende Prävalenz von Kalziumoxalatsteinen mit verantwortlich ist. Obwohl Hunde und Katzen mit Urolithiasis in der Tierarztpraxis regelmäßig vorgestellt werden, liegen nur wenig gesicherte Daten zur Erkrankungshäufigkeit vor. Nach Literaturangaben leiden ca. 3% aller Hunde und 0,5-1 % aller Katzen (Frenk 2006) an einer Harnsteinerkrankung. Außerdem ist eine ansteigende Häufigkeit der Harnsteine beim Hund klar mit besonderer Prädisposition einzelner Hunderassen („Modehunde“; Beispiel: Dalmatiner) assoziiert. Es wird geschätzt, dass rund 13-20 % aller Katzen und rund 18 % aller Hunde, die mit Harnwegsproblemen in der Tierarztpraxis vorgestellt werden, an einer Urolithiasis leiden. Die Entstehung von Harnsteinen ist ein multifaktorielles Geschehen, d.h. es lässt sich selten eine einzelne Ursache identifizieren, aber es gibt zahlreiche Risikofaktoren, die die Harnsteinbildung begünstigen können. So wird die Häufigkeit und die Zusammensetzung der Harnsteine z. B. durch Rasse, Geschlecht, Alter, Ernährung, anatomische Anomalien, Harnwegsinfektionen, Harn-pH-Wert und medikamentelle Behandlungen beeinflusst. Die Kenntnis individueller Risikofaktoren ist sowohl für die


Behandlung als auch für die Vorbeugung von Harnsteinen wichtig, besonders da Harnsteine eine hohe Rückfallrate (bis zu 50%) aufweisen können. Rasse Bei der Untersuchung der Urolithiasis fällt auf, dass bestimmte Harnsteintypen bei einigen Hunderassen gehäuft vorkommen (Tab.1). Dies spricht für eine erbliche Komponente bzw. für eine ererbte Veranlagung (Prädisposition), die in der Regel jedoch alleine nicht ausreicht, sondern erst durch das Zusammenspiel mehrerer beeinflussender Faktoren zur klinischen Erkrankung führt. Tabelle 1: Rassedispositionen für verschiedene Harnsteine beim Hund (nach Wolters 2003) Harnsteinart Struvit Kalziumoxalat

Cystin

Urat Kalziumphosphate Silikat

Rassen, die dazu neigen Zwergschnauzer, Shih Tzu, Bichon Frisée, Zwergpudel, Cocker Spaniel, Lhasa Apso (ESCOLAR et al. 1990; OSBORNE et al. 1999c) Zwergschnauzer, Lhasa Apso, Pudel, Yorkshire Terrier, Bichon Frisée, Shih Tzu (LULICH et al. 1999a; STEVENSON et al. 2000c; LEKCHAROENSUK et al. 2000) Engl. Bulldogge, Mischling, Dackel, Irish Terrier, Neufundländer, Basset, Mastiff (HESSE u. STEFFES 1997; OSBORNE et al. 1999d; GIGER et al. 1999) Dalmatiner, Engl. Bulldogge, Zwergschnauzer, Yorkshire Terrier (BARTGES et al. 1999b; OSBORNE et al. 2000) Mischlinge, Zwergschnauzer, Yorkshire Terrier (OSBORNE et al. 1999a; KRUGER et al. 1999) Deutscher Schäferhund, Golden Retriever, Zwergschnauzer (OSBORNE et al. 1999e)

Ein klassisches Beispiel einer vererbten Störung ist die Cystinurie. Die Erkrankung, bei der es zu einer erhöhten Ausscheidung der Aminosäure Cystin sowie verwandten Aminosäuren über den Harn kommt, ist sowohl bei Hunden (bes. Neufundländer, Bulldoggen), vereinzelt bei Katzen (Siamkatzen) aber auch beim Menschen beschrieben. Im Harn finden sich typische sechseckige Cystinkristalle, die schnell zur manifesten Steinbildung führen können. Ein weiteres Beispiel sind Uratsteine. Sie kommen rassebedingt vor allem bei Dalmatinern durch eine angeborene Störung des Harnsäurestoffwechsels in der Leber vor (Harnsäure kann nicht wie bei gesunden Hunden in Allantoin umgewandelt werden). Betroffene Tiere scheiden vermehrt Harnsäure aus, die im Harn als Ammoniumurat ausfällt. Auch bei Katzen neigen einige Rassen stärker zur Harnsteinbildung als andere. Besonders häufig kommen Kalziumoxalatsteine bei Burma, Perser- und Himalayakatzen (nur in USA bekannte Rasse) vor. Untersuchungen haben gezeigt, dass neben der Rassenzugehörigkeit auch die Größe eine Rolle spielt. Kleine Hunderassen < 15 kg entwickeln weit häufiger eine Urolithiasis als große. Als Ursache wird vermutet, dass der Harn kleinerer Hunde


eine höhere Mineralstoffkonzentration aufweist, da sie im Vergleich zu größeren Hunden weniger und seltener Harn absetzten. Geschlecht Von Harnsteinen sind aufgrund der anatomischen Besonderheiten (lange bzw. enge Harnröhre, Engpässe durch die Biegung um den Beckenrand und - bei Rüden - der Penisknochen, Abb. 3) überwiegend männliche Tiere betroffen. Bei Rüden und Katern kommen vollständige Verlegungen der Harnröhre viel häufiger vor als bei weiblichen Individuen. Struvit ist die einzige Steinart, die vermehrt bei weiblichen Hunden und Katzen vorkommt, vermutlich durch die höhere Anfälligkeit für bakterielle Harnwegsinfektionen und unspezifische Entzündungen durch Reizung der Blasenschleimhaut. Kater neigen schon früher (ab 4 Jahren) vermehrt zu Oxalatsteinen als Katzen (erst > 7 Jahre Abb. 3: Anatomie der harnableitenden Wege beim Rüden: Engstelle vor dem höhere Inzidenz). Penisknochen.

Katzen mit FLUTD in %

Alter Junge erwachsene Katzen leiden vorwiegend unter Struvitsteinen mit dem höchsten Erkrankungsrisiko im Alter von 1-2 Jahren, während Kalziumoxalatsteine eher bei älteren in der Altersgruppe von 7-9 Jahren auftreten. Auch bei Hunden ist die Urolithiasis, mit wenigen Ausnahmen bei angeborenen Defekten, gewöhnlich ein Problem ausgewachsener Tiere. Wie bei der Katze treten kalziumhaltige Steine (Phosphat und Oxalat) tendenziell eher bei älteren Individuen auf: Hunde mit Struvitsteinen sind durchschnittlich 5,8 bis 7 Jahre alt, Hunde mit Kalziumoxalat im Durchschnitt 8,5-9,2 Jahre.

8 6 4 2 0

<1

1 bis 2 2 bis 4 4 bis 7 7 bis 10 10 bis 15

>15

Abb. 4: Häufigkeit von Erkrankungen der ableitenden Harnwege bei Katzen (FLUDT) in Alter (Jahre) Abhängigkeit vom Alter (Osborne 2000)

Ernährung und Trinkwasseraufnahme Die Ernährung kann die Zusammensetzung des Harns beeinflussen. Welche Futterinhaltsstoffe bzw. Nahrungsmittel problematisch sind, hängt vom Steintyp ab, denn die Harnsteine können sich nur bilden, wenn ausreichende Mengen der


beteiligten Substanzen im Harn vorliegen. Des Weiteren ist auch deren Löslichkeit entscheidend, die wiederum vom Harn-pH-Wert, von der Konzentration der Stein bildenden Ionen und vom Vorhandensein solcher Substanzen abhängt, die sich hemmend oder fördernd auf die Steinbildung auswirken. Flüssigkeitsaufnahme Einer der wichtigsten Risikofaktoren für Harnsteine bei Menschen und Tieren ist eine zu geringe Trinkwasseraufnahme, weil dadurch nur wenig stark konzentrierter Harn produziert wird. Ein hohes Harnvolumen hat erkennbare Vorteile: Die steinbildenden Substanzen werden verdünnt und die Harnwege durch den Harnabsatz besser „durchgespült“. Bei häufigerem Harnabsatz reduziert sich die Zeit, die den im Harn gelösten Stoffen zur Bildung von Kristallen und Steinen zur Verfügung steht. Adipositas Es wird vermutet, dass Übergewicht das Risiko für Harnsteine bei Hunden und Katzen erhöht. Dies ist zum einen durch die bewegungsarme Lebensweise zu erklären (Harn wird in der Blase seltener „aufgeschüttelt“, im stehenden Urin bilden sich schneller Kristalle). Zum anderen könnte auch die bei einer allgemeinen Überfütterung vorliegende hohe Zufuhr von Mineralstoffen eine Rolle spielen. Mineralstoffe im Futter Eine hohe Mineralstoffaufnahme, z.B. durch Zugabe eines Mineralfutters zur Alleinnahrung, kann das Harnsteinrisiko erhöhen. Vor allem eine zu hohe Zufuhr von Kalzium und Phosphat sind hier kritisch zu sehen. Die Konzentration des Harns an steinrelevanten Ionen lässt sich über die Mineralstoffgehalte im Futter direkt beeinflussen. Im positiven Sinne macht man sich dieses bei der Einstellung des RSS-Wertes einer Harnsteindiät zunutze (siehe Kapitel 2.5) pH-Wert Der pH-Wert im Harn ist abhängig von der Ernährung. Katzen fressen als Fleischfresser sehr eiweißreiches Futter und scheiden normalerweise einen sauren Harn aus. Bei frei lebenden Katzen, die sich ausschließlich von Mäusen und Ratten ernähren, liegt der pH-Wert im Harn zwischen 6,0-6,2. Der Harn-pH-Wert von Hunden variiert je nach Fütterung etwa zwischen 6,0 und 7,5. Unterhalb eines pHWertes von 6,5 (also bei saurem Harn) ist die Bildung von Struvitkristallen und steinen wenig wahrscheinlich, während Struvitkristalle im alkalischen Bereich extrem leicht ausfallen (erhöhtes Struvitrisiko). Ein alkalischer Harn entsteht, wenn pflanzliche Nahrungsmittel aufgenommen werden, z.B. bei Futtermitteln mit einem hohen Anteil an Getreideprodukten oder Rationen, die hohe Mengen alkalisierender Substanzen (z.B. Kalzium) enthalten. Sonstige Futterbestandteile Vitamin C: Ein zu hoher Vitamin C-Gehalt (Vorläufer von Oxalat) im Futter erhöht das Risiko für Kalziumoxalatsteine. Bei einigen Tieren, die freiwillig sehr wenig trinken, steigt sogar bei Trockenfutter das Risiko Harnsteine zu entwickeln! In Untersuchungen wurde gezeigt, dass Futtermittel mit einem erhöhten


Feuchtigkeitsgehalt und einem moderat erhöhten Natriumgehalt in der Lage sind, die Bildung von Kalziumoxalatsteinen bei anfälligen Hunderassen zu senken. Ein höherer Natriumgehalt in der Nahrung bewirkt, dass die Tiere mehr trinken und steigert somit die Harnbildung. Purine: Purine sind Bestandteile der Erbsubstanz DNA. Sie kommen vor allem in den Zellkernen vor. Eine purinarme Ernährung senkt nachweislich die Uratausscheidung bei Dalmatinern und gesunden Hunden. Fasergehalt: Zudem gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Harnsteinen und der Aufnahme von Futtermitteln mit einem hohen Anteil an phosphor- und ballaststoffreichen pflanzlichen Inhaltsstoffen wie Kleie und Sojaschalen. Silikatsteine sollen durch die Aufnahme von Erde und Sand begünstigt werden. Ballaststoffreiche Diäten, wie sie zur Gewichtsreduktion bei Übergewicht eingesetzt werden, bergen aber nicht grundsätzlich ein erhöhtes Harnsteinrisiko: Nahrungsfasern mit einer hohen Wasserbindungsfähigkeit (WBC) können sogar die Spülung der Harnwege unterstützen, indem sie zunächst Wasser binden und dieses dann im Verdauungstrakt wieder abgeben, wo es resorbiert und über die Niere ausgeschieden wird.

20 sec

Abb. 5: Die Verwendung von Fasern (hier: gereinigte Zellulose) mit hoher Wasserbindungsfähigkeit kann zu Spülung der Harnwege beitragen.

Anatomische Anomalien Das Harnsteinrisiko wird durch anatomische Besonderheiten wie z.B. Verengungen oder Aussackungen, in denen der Harn „stehen bleibt“ deutlich erhöht (z.B. Blasendivertikel). Solche Anomalien des Harn ableitenden Systems führen zu einem unregelmäßigen Harnabfluss und einer verminderten Ausschwemmung von Kristallen. Harnwegsinfektionen Harnwegsinfekte begünstigen die Entstehung von Struvitsteinen, insbesondere wenn Urease produzierende Bakterien beteiligt sind (Anstieg des pH-Wert im Harn). Harnwegsinfektionen und Struvitsteine kommen bei Hündinnen häufiger vor als bei Rüden (gilt besonders nach der Kastration). Bei Katzen kommen bakterielle Harnwegsinfektionen sehr viel seltener vor und haben daher für die Entstehung von Struvitsteinen nur eine untergeordnete Bedeutung. Umwelt Alle Faktoren, die eine Austrocknung hervorrufen (z.B. unzureichende Trinkwasseraufnahme, hohe Umgebungstemperatur) oder einen verlängerten Aufenthalt des Harns in der Blase begünstigen (z.B. Hundehaltung im Haus),


erhöhen das Risiko einer Harnsteinbildung. Nach epidemiologischen Studien aus den USA sind Wohnungskatzen von Kalziumoxalatsteinen häufiger betroffen. Als Grund wird die insgesamt ruhigere Lebensweise vermutet; im Vergleich zu „Freigängern“ sind sie weniger aktiv, schlafen mehr, setzen seltener Urin ab mit der Folge, dass der Harn länger in der Blase verweilt. Auch Stress oder starke psychische Belastungen sind wichtige Risikofaktoren. Medikamente Medikamente können durch die Veränderung des Harn-pH-Wertes und Beeinflussung der Resorption und Sekretion im Tubulussystem der Niere die Entstehung einer Urolithiasis begünstigen. Außerdem können Medikamente selbst im Harn ausfallen, besonders wenn sie längere Zeit in hoher Dosierung verabreicht werden. Ein Beispiel dafür sind schwer lösliche Sulfonamid-Antibiotika. Stoffwechselstörungen Durch langfristig erhöhte Kalziumgehalte im Blut (Hyperkalzämie) und die dadurch bedingte vermehrte Kalziumausscheidung mit dem Harn steigt das Risiko für die Bildung kalziumhaltiger Harnsteine. Als Ursachen erhöhter Blut-Kalziumspiegel kommen beispielsweise ein Cushing Syndrom oder eine chronische Azidose infolge einer Nierenerkrankung infrage. Auch bei manchen Tumorerkrankungen ist eine Hyperkalzämie nachweisbar (z.B. Zirkumanaltumoren). Bei vermehrter Ausscheidung der schwefelhaltigen Aminosäure Cystin mit dem Harn (erbliche Stoffwechselstörung) steigt das Risiko von Cystinsteinen.

2.8

Theorie der Harnsteinbildung

Der Prozess der Harnsteinbildung hat zu drei Entstehungstheorien geführt: Die wichtigste ist die Übersättigungstheorie, die davon ausgeht, dass die treibende Kraft der Bildung von Kristallen im Harntrakt die Übersättigung im Harn ist. Von einer übersättigten Lösung spricht man, wenn Substanzen in so hoher Konzentration vorliegen, dass nicht alle Ionen in Lösung bleiben können und daher als Kristalle ausfallen. Die Übersättigung des Harns mit Steinbildnern entsteht zum einen durch eine erhöhte Ausscheidung der Substanzen über die Nieren, zum anderen durch ein Abb. 6: Übersättigte Lösung: Kristalle lösen verringertes Harnvolumen. Die sich nicht mehr, sondern fallen aus. Kristallisation beginnt zunächst mit der Ausbildung kleinster Kristalle, an die sich weitere aus der übersättigten Lösung anheften. Durch Zusammenlagerung der Kristalle und Wachstum bilden sich schließlich Harnsteine. Bei der Matrixtheorie wird vermutet, dass organisches Material wie Zellen, Bakterien oder Schleimsubstanzen den Ausgangspunkt (Kristallisationskern) bilden, in den sich sekundär steinbildende Substanzen einlagern. Die Matrixtheorie könnte eine Erklärung für die Entstehung der Harnwegspfropfen bei Katzen sein, die aus einem


weichen, gelatineartigen Material bestehen und in die sich erst später Mineralstoffe (bes. Struvit) einlagern. Die Inhibitormangeltheorie besagt, dass sich Harnsteine in erster Linie beim Fehlen von Kristallisationshemmern bilden. Harn stellt in der Regel immer eine übersättigte Lösung dar, da häufig höhere Mengen an Ionen in Lösung gehalten werden als es in reinem Wasser möglich wäre. Man weiß, dass bestimmte Stoffe wie Zitrat, Pyrophosphat, saure Mukopolysaccharide, Glykosaminoglykane (GAGs) und bei kalziumhaltigen Konkrementen auch Magnesium-Ionen einer Kristallisation entgegenwirken. Im Harn von Hunden, die kalziumhaltige Harnsteine aufweisen, ist beispielsweise oft nur wenig Zitrat enthalten. Neben der Konzentration der Steinbildner spielt also auch der Gehalt des Urins an Lösungsvermittlern eine Rolle für das Harnsteinrisiko. Darum werden diese auch bei der Berechnung des RSSWertes (siehe Kap. 2.5) mit einbezogen.

2.9

Steintypen 2.9.2 Struvit

Struvitsteine bestehen aus Ammonium-Magnesium-Phosphat. Sie sind diätetisch gut auflösbar. Dazu ist ein leicht saurer Harn-pHWert (< 6,5) erforderlich. Sie sind von weißer oder grauer bis leicht gelblicher Farbe. Sie kommen entweder als große Einzelsteine oder als mehrere kleinere Steine bevorzugt in der Harnblase vor. Liegen Struvitsteine vor, ist der Harn meistens alkalisch. Im Harnsediment (frisch untersuchen!) Abb.7 : Struvitkristalle – typische „Sargdeckel“-Form werden meist typische sargdeckelförmige Kristalle (Abb. 7) gefunden. Struvitsteine sind röntgendicht und auf Übersichtsaufnahmen leicht zu entdecken. Folgende Faktoren begünstigen die Entstehung von Struvitsteinen: • Übersättigung des Harns mit Magnesium, Ammonium und Phosphat, • Harnwegsinfektionen mit ureasepositiven Bakterien (NH3 ↑), • alkalischer Harn-pH-Wert, • Ernährung (reich an Protein und Phosphat, magnesiumarm), • vererbte Disposition. Von großer Bedeutung ist der Harn-pH-Wert. Im alkalischen Bereich kann das Phosphation (als PO43-) mit anderen Substanzen schlecht lösliche Verbindungen eingehen. Beim Hund entwickeln sich Struvitsteine meist im Zusammenhang mit einer Harnwegsinfektion mit Urease bildenen Bakterien (bes. Staphylokokkus intermedius). Durch die mikrobielle Spaltung des Harnstoffs entstehen Ammonium, Phosphate und Karbonate, als Folge steigt der pH-Wert im Harn an. Außerdem bauen die Bakterien das Zitrat im Harn ab, welches eine hemmende Wirkung auf die Kristallisation hat.


Bei der Katze ist die Struvitsteinbildung selten durch eine Harnwegsinfektion verursacht. Struvitsteine können bei Katzen auch im sterilen Harn entstehen, der Mechanismus ist noch nicht geklärt. Eine Struviturolithiasis erfordert je nach Ursache und Symptomen verschiedene Behandlungsmaßnahmen: Ein etwaiger Verschluss der Harn ableitenden Wege muss natürlich zuerst beseitigt werden. Je nach Lage der Steine kann versucht werden, die Steine herauszuspülen bzw. in die Blase zurückzuspülen. Manchmal bleibt nur die operative Entfernung der Steine übrig, aber wenn die Struvite keine akuten klinischen Probleme verursachen, lassen sie sich grundsätzlich sehr gut und vollständig diätetisch auflösen. Diätetische Maßnahmen sind einer Operation unbedingt vorzuziehen, da weniger invasiv. Im Vergleich zu Abb. 8: Struvitsteine lassen sich Alleinfuttermitteln für gesunde Tiere weisen diätetisch vollständig auflösen. diese Diätfuttermittel einen geringeren Gehalt an steinbildenden Substanzen (weniger Mg, P, Protein als Vorläufer des Ammoniums im Harn) und zur Steigerung der Trinkwasseraufnahme einen moderat erhöhten Natriumgehalt auf. Die Diäten sind so konzipiert, dass ein saurer Harn-pHWert (zwischen 6,2 und 6,5) entsteht. Neuere Rezepturen berücksichtigen darüber hinaus den Einfluss verschiedener, indirekt an der Struvitsteinbildung beteiligter Ionen (mit hemmender bzw. fördernder Wirkung auf die Kristallisation). Der RSSWert für Struvit (siehe Abschnitt 4.2.4) wird somit im Bereich der Untersättigung eingestellt. Dies bewirkt nicht nur, dass keine neuen Struvitsteine mehr entstehen, sondern auch, dass vorhandene Steine aufgelöst werden. Die Diät wird bis zum kompletten Verschwinden aller Steine (Röntgenkontrolle!) und dann noch mindesten vier Wochen darüber hinaus gefüttert. Stark ansäuernd wirkende Struvitsteindiäten sind nicht zur Vorbeugung und als Dauertherapie geeignet, da sie massiv in den Säure-Basen-Haushalt eingreifen. Mit Hilfe der neu entwickelten Diäten nach dem Prinzip des optimierten RSS-Wertes verliert eine alleinige Ansäuerung in der zeitgemäßen Diätetik an Bedeutung. Die neuen Harnsteindiäten sind nicht nur sicherer in der Anwendung, weil sie dank optimiertem RSS-Wert nicht mehr so stark Harn ansäuernd wirken müssen, es ist auch eine gleichzeitige Wirkung gegen Struvite und Ca-Oxalat (nur Prophylaxe!) möglich. Für trächtige Tiere, Welpen oder nieren- bzw. leberkranke Tieren dürfen Struvit/Oxalat-Harnsteindiäten nicht verschrieben werden, bei Welpen mit Struvitproblematik ist eine zeitlich eng begrenzte Anwendung (nicht länger als 4 Wochen) möglich. Bei einer Harnwegsinfektion ist die Fütterung einer ansäuernden Struvitsteindiät zur Steinauflösung meist nicht ausreichend, solange noch Urease produzierende Keime vorhanden sind. Deshalb müssen gleichzeitig wirksame Antibiotika verabreicht werden. Ein Resistenztest und evtl. Antibiotikawechsel sowie eine gründliche Überprüfung der Steindiagnose sind erforderlich, wenn sich die Steine trotz Diät und Antibiotikagabe nicht auflösen. Bei Katzen ist eine bakterielle Infektion selten. Die meisten Struvitsteine sind steril, so dass in der Regel vorrangig diätetisch behandelt wird. Fressen Hunde und Katzen das Diätfuttermittel nicht, können für eine gewisse Zeit harnansäuernde Medikamente wie DL-Methionin oder Ammoniumchlorid zusätzlich zum normalen


Futter verabreicht werden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass zur Vermeidung einer Übersäuerung des Körpers der Harn-pH-Wert regelmäßig überprüft werden muss. Tieren, die eine ansäuernde Diät erhalten, sollten keine ansäuernden Medikamente zusätzlich verabreicht werden. In Einzelfällen kann dies dennoch erforderlich sein, dann sollte jedoch zuvor eine Harnwegsinfektion und Fehler bei der pH-Wert-Messung (z.B. stressbedingte Alkalisierung des Harn-pH-Wertes beim Besuch in der Tierarztpraxis) eindeutig ausgeschlossen worden sein.

2.9.3 Calcium-Oxalat Kalziumoxalatsteine sind bei Hunden und Katzen die zweithäufigsten Harnsteine. Sie kommen entweder als Kalziumoxalatdihydrat (Weddelit) oder Kalziumoxalatmonohydrat (Whewellit) vor. Kalziumoxalatdihydratsteine sind gelblich bis braun und haben meist eine scharfkantige Oberfläche, die Kristalle im Harn sehen aus wie ein Briefkuvert (Abb. 9). KalziumoxalatmonohydratSteine sind kompakt, braun bis schwarz und im Harnsediment sind Abb. 9: Ca-Oxalat Kristalle: Weddelit in Briefkuverthantelförmige Kristalle zu sehen. Form (Mitte) und Whewellit hantelförmig (rechts) Kalziumoxlatsteine sind sowohl im Röntgenbild als auch mit Ultraschall leicht zu erkennen, da sie aufgrund ihres Kalziumanteils röntgendicht sind. Die Häufigkeit von Kalziumoxalatsteinen hat in den 90er Jahren sowohl bei Hunden als auch bei Katzen zugenommen (siehe Abschnitt 2.1., Risikofaktoren). Die Pathogenese der Kalziumoxalaturolithiasis ist komplex. Mögliche Risikofaktoren für Kalziumoxalat sind • Erhöhte Gehalte an Kalzium und/oder Oxalat im Harn • Vitamin-B6-Mangel, Vitamin D-Überversorgung, hohe Vitamin-C-Gaben • Stoffwechselvorgänge, die zu einer vermehrten Kalziumausscheidung mit dem Harn führen, z.B. eine Nierenerkrankung oder Hyperthyreose • eine geringe Harnmenge • Medikamente, die die Kalziumausscheidung im Harn fördern (z.B. Furosemid oder Cortison) • eine Übersättigung des Harns mit Kalzium und Oxalat • Umweltfaktoren: Bei Hunden sind z.B. mittelalte (8-12jährige) kastrierte, übergewichtige Rüden am häufigsten betroffen. Ebenfalls als Risikofaktoren diskutiert wurden ein sehr saurer Harn-pH-Wert und eine hohe Natriumaufnahme, da diese die Kalzium Ausscheidung im Harn steigert. Beide Annahmen konnten jedoch inzwischen widerlegt werden: Kalziumoxalat entsteht pH-unabhängig, in einem weiten Spektrum von pH-Werten im Urin. Eine Erhöhung der Natriumzufuhr führt zwar wirklich zu einem Anstieg der Kalziumausscheidung in den Harn, trägt jedoch über eine Steigerung der Wasseraufnahme zu einer effizienten Harnverdünnung bei, so dass die absolute Kalziumkonzentration (in mg/ml) im Harn dann sogar niedriger ist.


Da Kalziumoxalat unter normalen Ernährungsbedingungen häufig in hohen Mengen ausgeschieden wird, verhindert oftmals nur die Anwesenheit von Inhibitoren (wie z.B. Magnesium, Zitrat, Glycosaminoglykane) die Kristallbildung (breite metastabile Phase im Harn, siehe RSS-Wert). Alle Faktoren, die die Ausscheidung von Kalzium und Oxalat mit dem Harn beeinflussen, spielen auch für die Entstehung der Urolithiasis eine Rolle. Bei Hunden und Katzen mit besonderer Prädisposition wie z.B. bei Zwergschnauzern (Abb. 10) werden z. T. eine hohe Kalziumabsorption im Darmkanal und ein hoher Kalziumgehalt im Blut beobachtet. Eine spezifische Ursache für die Hyperkalzämie ist oft nicht bekannt. Den Kalziumgehalt im Futter zu reduzieren bringt wenig Erfolg und ist oft sogar kontraproduktiv, weil die Oxalatabsorption aus dem Darm ansteigt. Kalzium bildet auch im Darm ein schwer lösliches Salz mit Oxalat, was zu einer verminderten Aufnahme beider Komponenten in die Blutbahn führt. Steht zu wenig Kalzium zur Oxalatbindung im Darm zu Verfügung, wird Oxalat besser und in größerer Menge absorbiert, was das Risiko für die Harnsteinbildung unter Umständen sogar erhöhen kann. Alle Erkrankungen, die zu einer vermehrten Kalziumausscheidung mit dem Harn führen (z.B. Cushingsyndrom beim Hund, metabolische Azidose bei Nierenerkrankungen) können an der Entwicklung dieser Harnsteine beteiligt sein. Bei Katzen wird die steigende Frequenz von Kalziumoxalatsteinen auch im Zusammenhang mit der Fütterung von „extremen“ stark ansäuernden Struvitsteindiäten gesehen: Es hat sich herausgestellt, dass durch einen zu Abb. 10: Bei Zwergschnauzern kommen geringen Gehalt an Magnesium und Phosphor Ca-Oxalatsteine relativ häufig vor. das Risiko für Kalziumoxalat steigt. Magnesium wirkt als Inhibitor (hemmt die Kristallbildung), Phosphor bindet Kalzium im Darmkanal und beugt somit einer vermehrten Kalziumausscheidung über die Nieren vor. Durch stark harnansäuernde Nahrung wird außerdem weniger Zitrat ausgeschieden, das sich mit Kalzium im Harn zu einem leicht löslichen Komplex verbindet (starker Inhibitor). Zwar ist die Bildung von Kalziumoxalat nicht direkt vom Harn-pH-Wert abhängig, da Oxalate in einem weiten Schwankungsbereich des Harn-pHs entstehen können, aber die Bindungskapazität von Zitrat ist im neutralen und leicht sauren Bereich höher ist als im stark sauren. Da langfristig eine starke Harnansäuerung (Azidose) zu erhöhten Kalziumgehalten im Blut führen kann, ist eine stark ansäuernde Diät oder die Gabe von Harn ansäuernden Medikamenten bei Ca-Oxalatsteinen kontraindiziert. Im Gegensatz zu Struvitsteinen können Kalziumoxalatsteine nicht diätetisch aufgelöst werden. Daher sind größere Steine, die klinische Symptome verursachen, chirurgisch zu entfernen, bei Verlegung der Harnwege natürlich sofort. Die Rezidivgefahr ist hoch, wenn keine vorbeugenden Maßnahmen getroffen werden. Neben der Steigerung der Harnmenge (durch eine höhere Wasseraufnahme) werden hierzu spezielle Diätfuttermittel eingesetzt, die u. a. kontrollierte Gehalte an Kalzium und Oxalat sowie an Inhibitoren und Promotoren der Kristallisation enthalten und den Harn nicht zu stark ansäuern (siehe RSS-Wert, Kap. 2.5). Durch einen mäßig erhöhten Natriumgehalt im Futter werden die Trinkwasseraufnahme und damit das


Harnvolumen gesteigert. Der Harn wird verdünnt. Bei einer moderaten Anhebung des Natriumgehaltes im Futter sind negativen Auswirkungen auf den Blutdruck bei Hunden und Katzen nicht zu erwarten.

2.9.4 Urat Ammoniumurat ist ein Salz der Harnsäure, die bei Abbau von Purinen entsteht. Purine sind stickstoffhaltige Verbindungen, vor allem im Zellkern tierischer Zellen enthalten, da sie Bestandteile der Erbsubstanz DNA sind. Da Harnsäure schlecht löslich ist, wird sie bei Hund und Katze weiter zu leicht löslichem Allantoin abgebaut und über die Niere ausgeschieden. Fehlt dieser Stoffwechselschritt, können sich Harnsteine bilden. Ammoniumuratsteine haben eine gelbe bis braune, selten Abb. 11: Uratkristall unter grüne Farbe. Sie sind meist klein, rund mit glatter dem Mikroskop Oberfläche. Im Sediment sind die Kristalle als kleine braunrote Kugeln mit radiärem Muster zu erkennen (Abb. 11). Uratsteine sind bei der normalen Röntgenuntersuchung schlecht zu erkennen. Die Faktoren, die eine Uratsteinentwicklung begünstigen, sind: • ein erblicher Defekt, bes. bei Dalmatinern • schwerer Leberdefekt (Störung der Umwandlung von Ammoniak zu Harnstoff in der Leber) • geringe Harnmenge, geringe Trinkwasseraufnahme • portosystemischer Shunt ( „Kurzschluss“ im großen kreislauf unter Umgehung der Leber => Ammoniak im Blut↑) • eiweißreiche / purinreiche Ernährung • sehr saurer Harn-pH-Wert Uratsteine sind die typischen Harnsteine von Dalmatinern. Bei dieser Hunderasse wird der größte Teil der Purinabbauprodukte in Form von Harnsäure ausgeschieden, da die Umwandlung zu Allantoin in der Leber gestört ist . Der Purinabbau stoppt bei diesen Hunden auf der Stufe der schwer löslichen Harnsäure (Abb. 13), die im Urin erscheint und dort zur Kristallbildung neigt. Auch wenn Dalmatiner generell vermehrt Harnsäure ausscheiden, sind weitere Faktoren nötig, um eine Urat-Urolithiasis auszulösen, da nicht alle Dalmatiner auch Ammoniumuratsteine entwickeln. Außer bei Dalmatinern können auch bei anderen Hunde- und Katzenrassen Uratsteine auftreten (vor allem bei Siamkatzen). Die Ernährung beeinflusst die Ausscheidung der beteiligten Substanzen Harnsäure und Ammonium und Abb.12: Ammoniumuratsteine kommen bei den Harn-pH-Wert entscheidend. Bei eiweiß- und Dalamtinern häufig vor. purinreicher Nahrung wird vermehrt Harnsäure und Ammonium ausgeschieden, und es bildet sich ein saurer Harn. Im sauren Harn können die Urat-Kristalle ausfallen, wenn der Harn mit Ammonium und Urat übersättigt ist. Zudem wird vermutet, dass auch eine verminderte Ausscheidung von Inhibitoren eine Rolle spielt, da im Harn von Dalmatinern mit Uratsteinen deutlich weniger Tamm-Horsefall Proteine (Substanz, die der Harnsteinbildung entgegenwirkt) enthalten sind als im Harn von Tieren ohne Steine. Diätetisch kann der Entwicklung von Harnsäuresteinen leicht vorgebeugt


werden. Dabei müssen die Eiweißaufnahme deutlich eingeschränkt und purinarme Zutaten verwendet werden. Endogene Purine

Purine aus der Nahrung Hypoxanthin XanthinOxidase

Xanthin XanthinOxidase Harnsäure

Allantoin (sehr gut löslich)

Abb. 13: Purinstoffwechsel beim Dalmatiner.

Einen geringen Puringehalt weisen z.B. Eier, Milchprodukte und pflanzliche Proteine auf. Ein hoher Puringehalt liegt in Innereien und Fisch vor. Durch eine Reduktion der Eiweißaufnahme wird weniger Harnstoff und dadurch weniger Ammonium gebildet. Hochgradig Eiweiß reduzierte Rationen sind für die Ernährung wachsender Tiere allerdings nicht geeignet. Da sich Uratsteine im sauren Harn bilden, vermindert auch ein alkalischer Harn das Risiko. Obwohl die Fütterung eiweißarmer Diäten ohnehin schon zu einem höheren pH-Wert im Harn führt, kann es nötig sein, zusätzliche alkalisierende Substanzen wie Natriumhydrogencarbonat oder Kaliumzitrat einzusetzen. Letzterem wird häufig der Vorzug gegeben, da mit Natriumhydrogencarbonat eventuelle die Bildung von Natriumuratkristallen gefördert wird. Die Löslichkeit von Urat steigt mit zunehmend alkalischem Harn-pH (>6) an. Das Ziel bei der Behandlung von Uratsteinen ist jedoch ein pH-Wert über 7. Die Chancen Uratsteine aufzulösen sind hoch, wenn neben der Diät das Medikament Allopurinol eingesetzt wird. Allopurinol hemmt die Umwandlung des Xanthins in Harnsäure, wodurch vermehrt Xanthin und Hypoxanthin statt der schlecht löslichen Harnsäure in den Harn gelangen. Allopurinol sollte niemals ohne purinarme Diät verwendet werden, da sonst die Gefahr besteht, dass sich Xanthinsteine bilden. Wie bei allen Harnsteinen ist es wichtig, dass die Tiere viel trinken, um das Harnvolumen entsprechend zu steigern.

2.9.5 Cystin Cystin besteht aus zwei Molekülen der schwefelhaltigen Aminosäure Cystein. Die Basis für die Entstehung von Cystin-Harnsteinen ist meistens eine (genetisch bedingte) vermehrte Ausscheidung mit dem Harn (Cystinurie). Cystinsteine sind gelb bis rotbraun mit speckiger bis weicher Oberfläche. Sie sind kugelig und kommen meist als mehrere kleine, gelegentlich auch als größere Steine vor. Durch einen genetisch bedingten Defekt ist in der Niere die Rückresorption von Cystin gestört, das im sauren Harn schwer löslich ist. Cystin bildet typische sechseckige Kristalle,


aus denen sich Cystinsteine entwickeln können (Abb. 14). Diese Harnsteine kommen bei bestimmten Hunderassen gehäuft vor und sind bei Katzen sehr selten. Sie sind im Röntgenbild nur schwach zu erkennen, aber mit Ultraschall meist sicher nachzuweisen. Nicht alle Tiere mit einer angeborenen Cystinurie entwickeln eine Urolithiasis. Neben dem ererbten Defekt sind weitere Risikofaktoren: • • • •

Geschlecht (eher männliche Tiere, beim Hund finden sich z.B. 98% der Cystinsteine bei Rüden) Rasse (Hund) Hohe Eiweißaufnahme Geringe Trinkwasseraufnahme

Diätetische Maßnahmen umfassen die Reduktion des Methioningehaltes in der Nahrung, die Erhöhung des Harnvolumens und die Alkalisierung des Harns: Bei einem pH-Wert über 7 weist Cystin eine deutlich bessere Löslichkeit auf. Alle Rohstoffe tierischer Herkunft enthalten hohe Mengen der ebenfalls Abb. 14: Cystinkristalle haben eine sechseckige Form, die schwefelhaltigen Aminosäure Steine sind meist kugelig und gelblich bis rotbraun gefärbt. Methionin, die zu einem großen Teil zu Cystin abgebaut wird. Durch die Reduzierung des Eiweißgehaltes im Futter gelangt weniger Cystin in den Harn. Die Übersättigung des Harns mit Cystin ist direkt abhängig von der ausgeschiedenen Menge (da keine spezifischen Inhibitoren bekannt sind), so dass durch die Erhöhung des Harnvolumens eine effektive Prophylaxe erreicht werden kann. Das spezifische Harngewicht betroffener Tiere sollte <1.020 liegen. Durch die Alkalisierung des Harn-pH-Wertes kann die Löslichkeit von Cystin gesteigert werden: Seine Löslichkeit steigt ab pH 7,5 kontinuierlich an. Ob die Anhebung des Harn-pH-Wertes analog zum Menschen auch bei Tieren erfolgreich ist, ist bisher nicht genau erforscht, aber auch bei Hunden wird durch Kaliumzitrat der Harn-pH-Wert gesteigert (Alkalisierung) und die Löslichkeit von Cystin verbessert. Bei der medikamentellen Therapie verhindert man die Bildung von Cystin (besteht aus zwei Molekülen Cystein), in dem eines dieser Moleküle aus der Verbindung verdrängt wird. D-Penicillamin und Tiopronin sind schwefelhaltige Substanzen, die sich mit Cystein im Stoffwechsel zu einem gut löslichen Disulfidkomplex verbinden. Eine lebenslange Prophylaxe mit speziellem Diätfutter und regelmäßige Kontrollen des Harnsediments und des pH-Wertes sind bei allen Tieren mit einer Cystinurie angezeigt. Trotz recht vielversprechender Behandlungsmöglichkeiten ist die Rezidivrate bei Cystinsteinen sehr hoch: Die Rückfallquote für Cystin wird mit 41-48% angegeben (CASE et al.1992), wobei diese Rezidive innerhalb der ersten 2 – 12 Monate nach der Ersterkrankung auftreten. Neufundländer scheinen die Neigung zu haben, schon früher Rezidive zu bilden (OSBORNE et al. 1999). Bei Neufundländern konnte für die Cystinurie ein autosomal-rezessiver Erbgang nachgewiesen werden. Ein entsprechender Gentest steht in den USA bereits seit mehreren Jahren und auch in Deutschland kommerziell zur Verfügung. Seitdem ist in den USA bereits wieder eine Abnahme der Cystinsteine zu verzeichnen.


2.9.6 Kalziumphosphat Manchmal werden bei Hunden und Katzen Harnsteine aus Kalziumphosphat diagnostiziert. Man unterscheidet hier zwei Formen: Apatit (enthält Carbonat) und Brushit (saures Kalziumphosphat). Apatit kommt häufig in gemischten Harnsteinen zusammen mit Struvit- oder Kalziumoxalatanteilen vor. Beträgt der Apatit-Anteil mehr als 20%, ist davon auszugehen, dass bei dem betroffenen Tier eine vermehrte Kalziumausscheidung mit dem Harn vorliegt. Dies sollte abgeklärt werden. Mögliche Ursachen sind zum Beispiel: Cushing-Syndrom, Überfunktion der Nebenschilddrüse, erhöhtes BlutKalzium (Hyperkalzämie) durch eine Tumorerkrankung. Das Löslichkeitsverhalten von Apatit und Brushit ist unterschiedlich: Während Apatit bei alkalischem pH > 6,6 auskristallisiert und bei Harnwegsinfektionen dann gerne zusammen mit Struvit ausfällt, bilden sich Brushit-Kristalle eher im sauren Harn. Brushit ist ein saures Kalziumphosphat, das bei einem pH-Wert unter 6,5 im Harn auskristallisiert, wenn viel Ca und P im Harn vorhanden sind. Es bildet meistens monomineralische Steine ohne Beimengungen. Wenn es doch einen Mischpartner gibt, ist dies meistens Kalziumoxalat oder Apatit. Brushit kommt vor allem bei Hunden kleiner Rassen vor (Yorkshire, Bichon Frisé, Shi Tzu). Brushitsteine haben eine hohe Rezidivrate und wachsen außerordentlich schnell. Rezidive können daher schon nach wenigen Wochen auftreten. Eine Auflösung mittels Diät und/oder Medikamenten ist nicht möglich. Kalziumphosphatsteine (Apatit) • Häufigkeit beim Hund: 0,5-3% aller Steine • Besonders häufig betroffen: Cocker, Yorkshire Terrier, Pudel • Anteile < 20% in einem anderen Harnstein sind als normal anzusehen • Kristallbildung eher im alkalischen Bereich Kalziumphosphatsteine (Brushit) • häufiger bei kleinen Hunden wie Yorkie, Bichon Frisé, Pudel, Zwergschnauzer • entstehen im sauren, Ca- und P-reichen, Zitrat armen Harn • nicht auflösbar: Harn verdünnen; Medikamente vermeiden, die zu einer erhöhten Ca-Ausscheidung im Harn führen (z.B. Glukokortikoide)

2.9.7 Sonstige Die nachfolgend genannten Harnsteintypen (Abb. 15) kommen bei Hund und Katze selten vor und seien nur der Vollständigkeit halber erwähnt: Silikatsteine • sehr selten, eher bei Hunden als bei Katzen • entstehen vermutlich nach Aufnahme von Erde, Sand etc., aber auch pflanzlichen Materials (Kleie und Wurzeln sind relativ reich an Silikat) • Pica (Fressen nahrungsfremder Stoffe und Gegenstände) und Koprophagie (Kotfressen) und gleichzeitige Harnansäuerung sind Risikofaktoren • Bildung nach Langzeittherapie mit Magensäure-Hemmern (MagnesiumTrisilikat) ist beim Hund beschrieben • nicht diätetisch auflösbar, müssen oprativ entfernt werden • Empfehlung: Silikat-arme Diät (keine Kleie, Sojaschalen…), Harnmenge steigern


Matrixsteine, Blutkoagel, • bei Katzen beschrieben, auch die Harnröhrenpfropfen gehören dazu • hochmolekulare organische Substanzen (z.B. Tamm-Horsefall-Protein, Glycosaminoglykane) bilden den Kristallisationskern • wechselnde kristalline Anteile (häufig Struvit), verhärten sich mit zunehmendem Alter • auch reine Matrix-Pfropfen ohne Kristalle kommen vor • Röntgen negativ, wenn keine Kristalle enthalten • Matrix-Anteil diätetisch nicht beeinflussbar Medikamenteninduzierte Steine • begünstigen die Bildung der „klassischen Steine“, z. B. Urate und Cystinsteine durch Ansäuerung oder Kalziumoxalatsteine durch hohen Vitamin-C-Gehalt • bilden selbst Steine, z.B. Sulfonamide, Tetrazyklin • Auflösung nicht möglich, Medikament absetzen oder Dosis reduzieren

Abb. 15: Seltene Harnkristalle bei Hund und Katze (Quelle: Royal Canin 2010)

2.10 Diagnostik Die Diagnose der Urolithiasis umfasst den Vorbericht, klinische Symptome, Röntgenund Ultraschalluntersuchungen, evtl. Endoskopie sowie labordiagnostische Untersuchungen. Die klinischen Symptome sind abhängig von der Lokalisation und der Größe der Harnsteine. Die meisten Harnsteine (je nach Studie bis zu 93%) sind in der Harnblase lokalisiert. Nierensteine werden häufig nur zufällig entdeckt (z.B. bei einer Röntgenuntersuchung) oder verursachen erst Probleme, wenn eine Stauung des Harnabflusses vorliegt (wenn Nierensteine in den Harnleitern stecken bleiben): Dann entwickeln sich Symptome einer chronischen Niereninsuffizienz. Blasensteine verursachen in der Regel eine Blasenentzündung mit Symptomen wie häufiger Absatz kleiner Harnmengen, schmerzhafter Harnabsatz und blutiger Harn. Liegen zusätzlich Infektionen vor, ist der Harn meist trübe und/oder übelriechend. Bei einem vollständigen Verschluss der Harn ableitenden Wege durch Harnsteine versuchen


die Tiere erfolglos, Harn abzusetzen, oft begleitet von schmerzbedingten Lautäußerungen. Katzen bleiben dann oft sehr lange auf der Katzentoilette und setzten statt Harn nur ein paar Blutstropfen ab. Das Allgemeinbefinden verschlechtert sich zusehends, und die Tiere versterben im Schock, wenn die Harnpassage nicht wieder hergestellt wird. Daher sind Besitzer unbedingt aufzuklären, ihr Tier unbedingt sofort in die Praxis zu bringen, wenn sie beobachten, dass es keinen Urin absetzen kann. Dies ist ein absoluter Notfall! In der klinischen Untersuchung fällt eine hochgradig gefüllte und schmerzhafte Blase auf: Die straff gespannte Blasenwand ist leicht durch die Bauchdecke zu fühlen. Bei Hunden ist es unter Umständen möglich, Harnsteine in der Harnröhre durch eine rektale Untersuchung zu ertasten. Bei Verdacht auf eine Urolithiasis sind Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen angezeigt. Neben dem Nachweis können damit auch Aussagen über Lokalisation, Anzahl, Größe, Strahlendichte und Form getroffen werden (Abb. 16). Die meisten Harnsteine sind röntgendicht und werden deshalb oft bereits in einer normalen Übersichtsaufnahme gesehen, wenn sie eine ausreichende Größe haben. Im Röntgenbild sollte immer der gesamte Harntrakt dargestellt Abb. 16: Röntgenaufnahmen sind zur werden. Sonst besteht evtl. die Gefahr, dass Diagnose röntgendichter Steine hilfreich. z.B. Harnsteine in der Blase entdeckt, aber (klinisch problematischere) Steine in der Harnröhre übersehen werden. Weniger röntgendichte Harnsteine wie Uratsteine werden mit Kontraströntgentechniken dargestellt. Mit Ultraschall können röntgendichte sowie strahlendurchlässige Harnsteine als echoreiche Strukturen mit deutlichem Schallschatten gesehen werden. Die endoskopische Untersuchung der Blase (Zystoskopie) wird zwar nur selten durchgeführt, kann aber genutzt werden, um kleinere Steine zu entfernen. Bei Harnwegserkrankungen sollte eine komplette Harnanalyse inkl. Sediment durchgeführt werden. Auch eine bakteriologische Untersuchung mit Resistenztest ist sinnvoll. In der Praxis werden zur schnellen Übersicht Harnteststreifen aus der Humanmedizin verwendet (Harn innerhalb von 30 Minuten nach der Probenentnahme untersuchen oder gekühlt aufbewahren!). Mit der Ausnahme einiger Parameter (Leukozyten, Nitrit, Urobilinogen) sind sie auch zur Untersuchung bei Hunden und Katzen gut geeignet. Bei der Harnanalyse von Urolithiasis-Patienten wird typischerweise eine Proteinurie (Eiweiße im Harn), Hämaturie (Blut im Harn) und erhöhte Leukozytenzahlen nachgewiesen. Letztere sollten gegebenenfalls im Sediment überprüft werden. Der Harn-pH-Wert variiert in Abhängigkeit von den Begleitumständen, z.B. einer Infektion der Harnwege (wirkt alkalisierend) und der Ernährung (tierische Rohstoffe, Fleisch => saurer Urin; viele pflanzliche Komponenten => alkalisierend). Dabei ist zu beachten, dass der pH-Wert im Harn nicht konstant ist, sondern dass er wenige Stunden nach der Futteraufnahme ansteigt (Fachbegriff: Postprandiale alkalische Flut). Struvitsteine entstehen im Allgemeinen im alkalischen Bereich, Urat- und Cystinsteine eher im neutralen bis sauren Bereich und für Kalziumoxalatsteine spielt der pH-Wert kaum eine Rolle.


Kristalle im Harnsediment können einen Hinweis auf die Zusammensetzung der Harnsteine liefern. Das Sediment muss sofort nach der Harngewinnung untersucht werden, da sich Kristalle ansonsten auflösen aber auch erst entstehen können. Der Nachweis von Harnkristallen ist nicht beweisend für eine Urolithiasis, auch bei Harnwegsinfektionen bilden sich häufig Struvitkristalle. Auf der anderen Seite können Harnsteine vorliegen, ohne dass Kristalle im Harn nachweisbar sind. Bei der mikroskopischen Sedimentuntersuchung erkennt man die verschiedenen Kristalle an ihrer typischen Form (siehe einzelne Harnsteintypen). Die Steinanalyse sollte mit physikalischen Methoden in einem spezialisierten Labor durchgeführt werden. Die früher in der Praxis verwendeten chemischen Nachweismethoden haben sich als unzuverlässig herausgestellt. Die Untersuchungsmethoden in Speziallabors umfassen die mikroskopische Untersuchung (Licht- und Rasterelektronenmikroskop), Röntgendiffraktion und Infrarotspektrometrie. Harnsteine kommen auch als Mischsteine vor und können aus mehreren Schichten und verschiedenen Mineralien bestehen, die unter Umständen Schicht für Schicht abgetragen werden müssen. Die auslösende Ursache kann eventuell durch Untersuchung des Steinkerns (Nucleus) bestimmt werden.

2.11 RSS-Wert Die Abkürzung RSS steht für den englischen Begriff „relative supersaturation“, den man etwa mit „relativer Übersättigung des Harns“ übersetzen kann. Bei der Beurteilung der Harnzusammensetzung lassen sich drei verschiedene Bereiche der Sättigung des Urins für jeden an der Harnsteinbildung beteiligten Harnbestandteil definieren: 1. Untersättigung: RSS < 1. Die Konzentration der Stein bildenden Substanzen liegt unterhalb des Löslichkeitsproduktes. Keine Harnsteinbildung, ggf. Auflösung bestehender Kristalle und Steine (Struvit). Bestehende Ca-OxalatHarnsteine „wachsen“ zumindest nicht weiter. 2. Sättigung (metastabile Phase): 2,5 > RSS >1 für Struvit und 12 > RSS > 1 für Kalziumoxlalat. Die Konzentration der Stein bildenden Substanzen liegt oberhalb des Löslichkeitsproduktes, aber noch unterhalb des Bildungsproduktes. Harnsteine entstehen zwar nicht spontan, bestehende Steine können jedoch weiter wachsen bzw. werden nicht aufgelöst (Struvit). 3. Übersättigung: RSS > 2,5 für Struvit und >12 für Kalziumoxalat. Die Konzentration der Stein bildenden Substanzen liegt oberhalb des Bildungsproduktes. Spontane Harnsteinbildung, homogenes Kristallwachstum. Ist der Urin mit an der Harnsteinbildung beteiligten Ionen übersättigt, kommt es zur Kristallbildung. Kristalle bilden gewissermaßen die Grundlage für die Bildung größerer Konkremente, die man zunächst als Harngries und schließlich als Harnsteine bezeichnet. Da der Urin eine komplexe Mischung aus gelösten Stoffen darstellt, ist es nicht einfach vorherzusagen, bei welcher Konzentration an z.B. Ammonium, Magnesium und Phosphat (den Ausgangskomponenten von Struvit) es tatsächlich zur entsprechenden Kristallbildung kommt. Dies hängt nämlich unter anderem vom Vorhandensein anderer Substanzen im Urin, die sich entweder hemmend (als Lösungsvermitteler) oder fördernd auf die Steinbildung auswirken, und auch vom Urin-pH ab.


Struvit

Ca-Oxalat

Abb. 17: Schematische Darstellung möglicher RSS-Werte für Struvit und Ca-Oxalat Der klassische Ansatz der diätetischen Harnsteinauflösung war ganz auf den HarnpH-Wert ausgerichtet: Die Auflösung der bei Hund und Katze häufigsten Harnsteinart, des Struvit, erfolgte durch Einstellung des Harn-pH-Wertes im sauren Bereich. Die pathophysiologische Situation im Harntrakt des erkrankten Tieres wurde auf diese Weise jedoch nur sehr unzureichend erfasst. Ein Beispiel kann den Informationsgehalt eines isoliert betrachteten Harn-pH-Wertes veranschaulichen: Das Harnsteinrisiko alleine anhand des Harn-pH-Wertes vorherzusagen entspräche etwa einer Wettervorhersage, die sich ausschließlich auf die Messung der durchschnittlichen Tagestemperatur stützt. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die pH-Abhängigkeit verschiedener Harnsteintypen. Tabelle 2: pH-Abhängigkeit verschiedener Harnsteintypen bei Hund und Katze Löslichkeit erhöht bei… Harnsteintyp saurem Urin-pH (< 6,8-6,5) Struvit eher neutralem Urin-pH (6,5<pH<7) Ammoniumurat alkalischem Urin-pH (>7) Cystin kein Einfluss des Urin-pH Kalziumoxalat Bei der Bestimmung des RSS-Wertes geht zwar auch der Harn-pH-Wert als einer von 13 zu bestimmenden Parametern ein, entscheidend ist aber die Beurteilung der Konzentration der steinbildenden Substanzen in Abhängigkeit von verschiedenen anderen Harnbestandteilen, die entweder fördernd oder hemmend auf die Harnsteinbildung wirken. Im Einzelnen werden bei der RSS-Messung bestimmt: • Magnesium, Ammonium, Phosphat (= Bestandteile des Struvits) • Kalzium, Oxalat • Urat • Kreatinin (als feste Bezugsgröße zur Beurteilung der Harnkonzentration anderer Bestandteile) • Natrium, Kalium, Chlorid (die Elektrolyte) • Zitrat, Sulfat • Harn pH-Wert und spezifisches Harngewicht


Eine solche komplexe Auswertung ist nur mit Hilfe einer speziellen Software Computer gestützt möglich. Die in der Humanmedizin seit über 30 Jahren bewährte Software „Supersat“ wurde für die Anwendung bei Hunden und Katzen entsprechend modifiziert, da beim Menschen Oxalatsteine überwiegen, bei Hund und Katze jedoch immer noch Struvit mit ca. 60% den dominierenden Harnsteintyp darstellt. Das Computerprogramm berechnet anhand der ermittelten Konzentrationen die Wahrscheinlichkeiten für die Bildung zahlreicher interaktiver Komplexe der im Harn vorhandenen Ionen. Daraus ergibt sich ein weitaus differenzierteres Bild des Harnsteinrisikos für einen bestimmten Steintyp, als wenn nur die tatsächlich an der Steinbildung beteiligten Ionen berücksichtigt werden. Am Ende wird das anhand der 13 Messwerte berechnete Aktivitätsprodukt der untersuchten Probe für die Ionen eines bestimmten Steintyps durch das (theoretische) thermodynamische Löslichkeitsprodukt derselben Ionen geteilt. Letzteres beschreibt die Konzentration der beteiligten Ionen, die in reinem Wasser - nicht in einem so komplexen Medium wie Harn - zum Zustand der Untersättigung (alle Teilchen in Lösung, sicher verhinderte Kristallbildung) führen würde. Ein RSS-Wert unter 1 bedeutet daher in jedem Fall eine Untersättigung der Harnprobe und somit kein Risiko für die Entstehung von Harnkristallen des betreffenden Typs. Diät-Futtermittel von Royal Canin mit dem S/O Index zur Behandlung bzw. Prophylaxe von Harnsteinen streben eine Untersättigung des Harns mit Struvit bzw. die Vermeidung einer Übersättigung für Ca-Oxalat an. Zusammenfassen lässt sich sagen: Die RSS-Wert-Messung berücksichtigt bei der Vorhersage des Harnsteinrisikos drei Faktoren • die Konzentration der Stein bildenden Substanzen • die möglichen Interaktionen aller für die Steinbildung relevanten Harnbestandteile einschließlich der Lösungsvermittler und –hemmer • den Harn-pH-Wert und ist daher die derzeit umfassendste und aussagekräftigste Methode zur Vorhersage des Harnsteinrisikos und der Wirksamkeit von Harnsteindiäten (Abb. 17). In der Humanmedizin stellt sie die bevorzugte Untersuchungsmethode bei Harnsteinerkrankungen dar, in der Tiermedizin ist sie aufgrund der hohen Kosten bisher noch kein labordiagnostisches Routineverfahren zur Analyse von Einzelharnproben tierischer Patienten. Die Methode wird derzeit von Royal Canin nur zu Forschungszwecken (Optimierung der Rezepturen der Diätnahrungen) herangezogen.

2.12 Grundzüge der Diätetik Die Diätetik bei Harnsteinerkrankungen von Hunden und Katzen basiert im Wesentlichen auf drei Prinzipien: 1. Harnverdünnung durch Steigerung der Flüssigkeitsaufnahme 2. Erzeugung einer Untersättigung des Harns mit den steinbildenden Ionen 3. Einstellung des Harn-pH-Wertes für eine möglichst gute Löslichkeit der jeweiligen Kristalle (z. B. Struvit < 6,5, Cystin und Urat > 7, Kalziumoxalat ist weitgehend pH-unabhängig) 1. Harnverdünnung und Steigerung der Flüssigkeitsaufnahme: Aufgrund der sehr unterschiedlichen chemischen und physikalischen Eigenschaften der verschiedenen Harnsteine liegt es auf der Hand, dass es keine einheitliche diätetische Behandlungsstrategie für alle Steintypen geben kann. Dennoch ist das


Konzept einer Erhöhung der Wasseraufnahme zur Förderung der Diurese (häufiger Harnabsatz, größeres Harnvolumen insgesamt) als therapeutische Maßnahme bei Harnsteinerkrankungen Hund und Katze inzwischen allgemein akzeptiert. Die folgenden Behandlungsprinzipien gelten für alle Arten von Harnsteinen und auch für andere Erkrankungen der Harn ableitenden Wege. Dem erneuten Auftreten von Harnsteinen kann durch eine Steigerung des Harnvolumens und eine Modifikation der Urinzusammensetzung vorgebeugt werden. Ersteres ist durch eine Steigerung der Wasseraufnahme, letzteres durch Fütterung einer speziellen Harnsteindiät zu erreichen. Ziel ist die Einstellung des spezifischen Gewichts des Harns auf Werte unter 1.030, besser unter 1.020, bzw. eine Verdopplung der Harnmenge. Die Messung sollte bevorzugt mit Hilfe eines Refraktometers erfolgen, da Urinteststreifen häufig zu ungenaue Ergebnisse liefern. Die Häufigkeit des Harnabsatzes sollte ebenfalls erhöht werden, um die Spülung der Harn ableitenden Wege zu verbessern. Das bedeutet bei Hunden, dass sie möglichst häufig Gelegenheit zum Urinabsatz erhalten sollten. Diese Forderung ist bei Hündinnen nicht so leicht zu erfüllen wie bei Rüden, da letztere aufgrund ihres natürlichen Markierungsverhaltens sowieso dazu neigen, häufig Urin abzusetzen. In jedem Fall sind mehrere kurze Spaziergänge pro Tag vorzusehen. Vermehrtes Trinken kann sich in doppelter Hinsicht positiv auf Erkrankungen der Harnwege auswirken: Steigerung des Harnvolumens

Abb. 18: Die Steigerung des Harnvolumens ist eine effektive Maßnahme zur Behandlung und Prophylaxe von Harnsteinen jeglicher Art.

Ein höheres Harnvolumen bewirkt automatisch einen vermehrten Harnfluss und einen häufigeren Urinabsatz. Auf diese Weise werden die ableitenden Harnwege häufiger und effektiver „durchgespült“, was zum einen Bakterien entfernen hilft, die ansonsten eine aufsteigende Infektion verursachen könnten, zum anderen wird die Verweildauer des Harns in der Blase verkürzt, wodurch Stein bildende Substanzen weniger Gelegenheit haben, sich zu Kristallen oder größeren Aggregaten zusammen zu lagern.

Harnverdünnung Der zweite Effekt beruht auf einer Absenkung der Konzentration steinbildender Substanzen im Harn durch Verdünnung. Die Wahrscheinlichkeit, dass die „passenden“ Ionen im Harn aufeinander treffen – also das Kristallisationsrisiko – wird auf diese Weise verringert. Der Verdünnungseffekt wirkt sich aber auch positiv im Sinne einer verringerten Konzentration von Toxinen, chemisch reizend wirkenden Substanzen oder Entzündungsmediatoren im Harn aus. Theoretisch wird also nicht nur die Entstehung von Harnsteinen verhindert, sondern auch andere Formen der Harnwegsobstruktion, bakterielle Harnwegsinfektionen oder interstitielle Blasenentzündungen („Reizblase“, wird als Ursache der idiopathischen Cystitis diskutiert).


Aber Vorsicht: Die Verhältnisse in einer während des spontanen Harnabsatzes gewonnenen Harnprobe spiegeln selbst bei ordnungsgemäß durchgeführter Probennahme und unverzüglicher Untersuchung nicht immer die Verhältnisse am Ort der Steinbildung wieder. Zum Beispiel neigen Katzen mit Nierenerkrankungen und einer Isosthenurie (Ionenkonzentration im Harn gleich der Plasmakonzentration) zwar vermehrt zur Bildung von Nephroliten (Steinen im Nierenbecken) aus Kalziumoxalat. Harnblasensteine aus Ca-Oxalat kommen bei Nierenpatienten jedoch nicht häufiger vor als bei anderen Katzen, eher im Gegenteil. Mischkonkremente, die schichtweise aus Ca-Oxalat und Struvit bestehen, sind ebenfalls häufig zu beobachten, was beweist, dass sich die Bedingungen für die Steinbildung in der Harnblase durchaus kurz- bis mittelfristig verändern können (z.B. durch eine Infektion). Da vor allem Katzen spontan oft wenig trinken, kann es sinnvoll sein, die Wasseraufnahme aktiv zu fördern. Die Steigerung des Salzgehaltes in der Nahrung ist eine sehr effektive Methode dafür (siehe Kapitel 6). Aber auch zahlreiche andere Maßnahmen können ein Tier zum Trinken animieren. Übersicht 1 gibt einen Überblick über Maßnahmen, die jeder Tierhalter leicht zu Hause umsetzen kann. Sinngemäß gelten diese Hinweise auch für Hunde.

Übersicht 1: Maßnahmen zur Steigerung der Wasseraufnahme bei der Katze

2. Erzeugung einer Untersättigung des Harns mit den steinbildenden Ionen Die Nährstoffzusammensetzung einer Diät hat maßgeblichen Einfluss auf die Zusammensetzung und Konzentration der im Harn gelösten Stoffe. Die Entwicklung einer Methode, den RSS-Wert des Harns bei Hunden und Katzen in Abhängigkeit von der Fütterung zu bestimmen (siehe Abschnitt 2.5), eröffnete den Forschern im WALTHAM Center for Pet Nutrition die Möglichkeit, Rezepturen von Diäten im Hinblick auf den RSS-Wert zu optimieren und diesen für eine definierte Futterzusammensetzung voraussagen zu können. Dabei sind nicht nur die an der


Steinbildung beteiligten Mineralstoffe zu beachten (Magnesium und Phosphat bei Struvit, Kalzium bei Kalziumoxalat), sondern auch die Proteinmenge, eventuelle Vitamin-C-Zusätze (Vorläufer von Oxalat) und die verwendeten Rohstoffe (tierisch => eher ansäuernd; pflanzlich => eher alkalisierend). Außerdem spielt der Gehalt an solchen Substanzen eine Rolle, die die Löslichkeit der steinbildenden Ionen beeinflussen. Von besonderem Interesse sind dabei die sogenannten Inhibitoren, die die Löslichkeit verbessern. Dazu gehören Zitrat, Magnesium und Pyrophosphat. Das Ziel einer Harnsteindiät gegen Struvit ist ein RSS von < 1, weil sich damit Struvitsteine sicher auflösen lassen. Je niedriger der RSSWert eingestellt wird, desto schneller findet die Auflösung statt (Unterschied zwischen Urinary S/O und Urinary S/O High Dilution). Eine in Waltham durchgeführte Studie belegt, das sich Struvit bei gleichem Urin-pH umso schneller auflöste, je niedriger der RSSWert des Urins war. Eine Differenz von 0,2 zu 0,4 beim RSS-Wert für Struvit bedeutete dabei eine Verlängerung der Zeit bis zur vollständigen Abb. 19: bei gleichem Harn-pH entscheidet der RSSAuflösung der Struvitsteine um Wert über die Geschwindigkeit der Steinauflösung. (Quelle: van Hoek et al. 2006; Veterinary Focus ;9 (2)) 50% (18 vs. 26 Tage, Abb. 19). 3. Einstellung des Harn-pH-Wertes für optimale Löslichkeit der Kristalle Der Harn-pH Wert wird durch die Ernährung maßgeblich beeinflusst. Fleischfresser haben grundsätzlich einen sauren Harn, während er bei Pflanzenfressern allgemein alkalisch ist. Der Gehalt des Futters an Mineralstoffen, die entweder alkalisierend wirken (Kationen = Ionen mit positiver Ladung wie Ca, Mg, Na, K) oder aber den Harn ansäuern (Anionen = negativ geladene Teilchen wie Cl, P und Sulfat aus den schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystin beeinflussen der pH-Wert des Urins maßgeblich (ZENTEK et al. 1995). Ihr Einfluss ist so vorhersagbar, dass es sogar eine Rechenformel gibt, in die man die Gehalte eines Futters an den aufgezählten Ionen eingeben kann, um den zu erwartenden pH-Wert zu berechnen. Diese Berechnungen liefern aber nur grobe Schätzwerte, die am Einzeltier durch pHWert Messungen validiert werden müssen. Außerdem sind sie in der Praxis schwer auf konkrete Futtermittel anwendbar, da es häufig keine Angaben zum Sulfat- oder Methionin- und Cystingehalt gibt. Der Harn-pH-Wert alleine stellt keinen aussagekräftigen Maßstab für die steinauflösende Wirkung einer Diät dar. Dennoch ist er für die Auflösung von Struvit sowie Urat und Cystin von essenzieller Bedeutung. Struvit löst sich nur bei einem Harn.pH < 6,5 auf, für die Auflösung von Cystin und Urat ist hingegen ein alkalischer pH-Wert > 7 erforderlich. Kalziumoxalat ist weitgehend pH-unabhängig, die Kristalle können bei nahezu jedem pH-Wert im Harn entstehen, wenn dieser mit Kalzium und Oxalat übersättigt ist. Es gibt einige wenige Hinweise aus älteren Studien in der Literatur, dass bei sehr saurem pH-Wert das Risiko für Oxalat wieder zunimmt. Dies


scheint aber eher auf der Tatsache zu beruhen, dass in dieser Situation gleichzeitig die Zitratausscheidung vermindert ist. Die Kristallisation von Kalziumoxalat wird also eher durch Zitratmangel begünstigt als durch den pH-Wert. Spezielle Diätetik bei einzelnen Harnsteinen: Struvit (Auflösung und Prophylaxe): • • • • •

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Futterinhaltsstoffe: Diät mit kontrollierten Gehalten an Protein, Phosphor und Magnesium RSS-Wert: Untersättigung mit Struvit anstreben; RSS < 1; je weiter drunter der RSS liegt, desto schneller die Steinauflösung Harn-pH: Einstellung im mäßig sauren Bereich < 6,5 Harnfluss gewährleisten: Obstruktionen beseitigen, erfordert eventuell chirurgisches Vorgehen Flüssigkeitsaufnahme steigern: Feuchtfutter verwenden (ggf. noch Wasser zusetzen), Trockenfutter stark einweichen (Feuchtigkeitsgehalt > 80%, d.h. mindestens 70 ml Wasser auf 30 g Trockenfutter), immer Zugang zu frischem Wasser Häufige Gelegenheit zum Urinabsatz: häufige kleine Spaziergänge (Hund); mehrere, saubere Katzentoiletten Übergewicht vermeiden: Futter rationiert zuteilen (abwiegen); körperliche Aktivität steigern, Tier regelmäßig wiegen Stress vermeiden: regelmäßiger Tagesablauf; bei Katzen: katzengerechte Wohnung; ausreichend Beschäftigung mit dem Tier Harnwegsinfektionen behandeln: beim Hund fast immer „Infektstein“, bei Katzen selten; ausreichend lange Antibiose (3-6 Wochen) ggf. nach Antibiogramm Harnansäuernde Medikamente: Methionin, Ammoniumchlorid nicht parallel zur Diät, Einfluss auf den RSS-Wert beachten; nur nach strenger Indikationsstellung bei persistierend alkalischem Harn und reinem Struvit; bei Katzen: nur wenn der Harn zu Hause (home monitoring, Ausschluss einer stressbedingten Alkalose) bei ad libitum Fütterung immer noch alkalisch ist. Steinauflösung mittels Diät für Struvit gut möglich (im Durchschnitt innerhalb eines Monats)

Kalziumoxalat (nur Prophylaxe): • • • •

Mineralstoffe: Diät mit kontrollierten Gehalten an Kalzium und Oxalat RSS-Wert: Untersättigung mit CaOx anstreben; RSS < 5 bei Trockenfutter, bei Feuchtfutter ggf. niedriger Harn-pH: Einstellung nicht zu sauer: 6,1-6,3 (niedrigerer Wert bei Trockenfutter) Flüssigkeitsaufnahme und Harnfluss anregen: Feuchtfutter verwenden (ggf. noch Wasser zusetzen), Trockenfutter stark einweichen (Feuchtigkeitsgehalt > 80%, d.h. mindestens 70 ml Wasser auf 30 g Trockenfutter), immer Zugang zu frischem Wasser Häufige Gelegenheit zum Urinabsatz: häufige kleine Spaziergänge (Hund); mehrere, saubere Katzentoiletten


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Übergewicht vermeiden: Futter rationiert zuteilen (abwiegen); körperliche Aktivität steigern, Tier regelmäßig wiegen Stress vermeiden: regelmäßiger Tagesablauf; bei Katzen: katzengerechte Wohnung; ausreichend Beschäftigung mit dem Tier Senkung der Kalziumausscheidung über den Harn: Hydrochlorthiazid Hund 0,5-2 mg/kg 2x täglich (Katze: 1 mg/kg 2x tägl.) Senkung der körpereignen Oxalatbildung: Vitamin B6 (Pyridoxin) 10 mg/kg alle 1-2 Tage Steinauflösung mittels Diät für Calciumoxalat bisher nicht beschrieben.

Uratsteine (Auflösung und Prophylaxe): • • •

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Nährstoffe: Diät mit reduziertem Gehalt an Protein und Purinen; eher pflanzliche Rohstoffe Harn-pH: Einstellung im alkalischen Bereich zwischen 7 und 7,5; ggf. Alkalisierung mit Kaliumzitrat (50 mg/kg 2x täglich) Flüssigkeitsaufnahme und Harnfluss anregen: Diät mit hohem Feuchtigkeitsgehalt; Feuchtfutter verwenden (ggf. noch Wasser zusetzen), Trockenfutter stark einweichen (Feuchtigkeitsgehalt > 80%, d.h. mindestens 70 ml Wasser auf 30 g Trockenfutter), immer Zugang zu frischem Wasser Häufige Gelegenheit zum Urinabsatz: häufige kleine Spaziergänge (Hund); mehrere, saubere Katzentoiletten Übergewicht vermeiden: Futter rationiert zuteilen (abwiegen); körperliche Aktivität steigern, Tier regelmäßig wiegen Stress vermeiden: regelmäßiger Tagesablauf; bei Wohnungskatzen: katzengerechte Gestaltung der Umgebung; ausreichend Beschäftigung mit dem Tier Verbesserung der Löslichkeit: Xanthinoxidasehemmer (Allopurinol): statt Urat entsteht das besser lösliche Xanthin. Nur in Verbindung mit Purin-armer Diät, da sonst Xanthinsteine Harnwegsinfektionen behandeln: ausreichend lange Antibiose (3-6 Wochen) ggf. nach Antibiogramm Steinauflösung mittels Diät und Medikamenten möglich.

Cystinsteine (Auflösung und Prophylaxe, nach OSBORNE et al. 1999): • • •

Nährstoffe: Diät mit reduziertem Gehalt an Protein (insbesondere Methionin) und Natrium; eher pflanzliche Proteine, kein Ei Harn-pH: Einstellung im alkalischen Bereich zwischen 7 und 7,5; ggf. Alkalisierung mit Kaliumzitrat (50 mg/kg 2x täglich) Flüssigkeitsaufnahme und Harnfluss anregen: Diät mit hohem Feuchtigkeitsgehalt; Feuchtfutter verwenden (ggf. noch Wasser zusetzen), Trockenfutter stark einweichen (Feuchtigkeitsgehalt > 80%, d.h. mindestens 70 ml Wasser auf 30 g Trockenfutter), immer Zugang zu frischem Wasser Häufige Gelegenheit zum Urinabsatz: häufige kleine Spaziergänge (Hund); mehrere, saubere Katzentoiletten


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Übergewicht vermeiden: Futter rationiert zuteilen (abwiegen); körperliche Aktivität steigern, Tier regelmäßig wiegen Stress vermeiden: regelmäßiger Tagesablauf; katzengerechte Umgebung; ausreichend Beschäftigung mit dem Tier Verbesserung der Löslichkeit von Cystin: D-Penicillamin oder 2Mercaptopropionylglycin (besser verträglich) Züchterische Maßnahmen: Tiere mit Cystinurie und deren Eltern und Nachkommen von der Zucht ausschließen; Gentest für Neufundländer Steinauflösung mittels Diät und Medikamenten möglich.

Kalziumphosphatsteine: Apatit und Brushit (Rezidivprophylaxe nach OSBORNE et al. 2000): • • •

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Nährstoffe: Diät mit angepasstem Gehalt an Protein, Kalzium, Natrium, Phosphor und Vitamin D Harn-pH: Einstellung im sauren Bereich < 6,5 wie für Struvit; außer bei Brushit: eher alkalisierend Flüssigkeitsaufnahme und Harnfluss anregen: Diät mit hohem Feuchtigkeitsgehalt; Feuchtfutter verwenden (ggf. noch Wasser zusetzen), Trockenfutter stark einweichen (Feuchtigkeitsgehalt > 80%, d.h. mindestens 70 ml Wasser auf 30 g Trockenfutter), immer Zugang zu frischem Wasser Häufige Gelegenheit zum Urinabsatz: häufige kleine Spaziergänge (Hund); mehrere, saubere Katzentoiletten Übergewicht vermeiden: Futter rationiert zuteilen (abwiegen); körperliche Aktivität steigern, Tier regelmäßig wiegen Stress vermeiden: regelmäßiger Tagesablauf; katzengerechte Umgebung; ausreichend Beschäftigung mit dem Tier Senkung der Kalziumausscheidung über den Harn: Hydrochlorthiazid Hund 0,5-2 mg/kg 2x täglich (Katze bis 1 mg/kg 2x tägl.); Orthophosphat. Beide nicht bei Hypercalcämie anwenden! Steigerung der Kalziumausscheidung mit dem Kot: Na-CellulosePhosphat oral (Na wird im Darm gegen Ca ausgetauscht und so mehr Ca faekal ausgeschieden) Begleiterkrankungen behandeln: Harnwegsinfektion (mit Alkalisierung des Harns), Cushing Syndrom, Überfunktion der Nebenschilddrüse etc. Steinauflösung mittels Diät und Medikamenten nicht möglich. Eventuell bei Mischsteinen mit Struvit durch Lösung des Fremdanteils. Bei Brushit unwahrscheinlich, da meist monomineralisch.

Silikat (nur Prophylaxe): • Futter: silikatarme Diät, keine Kleie, Sojaschalen etc.; Verunreinigungen mit Erde, Quarz, Sand vermeiden. Hunde am Erdefressen hindern. • Harn-pH: Einstellung eher im alkalischen Bereich > 7, da Silikat hier besser löslich zu sein scheint (keine Auflösung bestehender Kristalle!) • Flüssigkeitsaufnahme und Harnfluss anregen: Diät mit hohem Feuchtigkeitsgehalt; Feuchtfutter verwenden (ggf. noch Wasser zusetzen), Trockenfutter stark einweichen (Feuchtigkeitsgehalt > 80%,


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3 3.1

d.h. mindestens 70 ml Wasser auf 30 g Trockenfutter), immer Zugang zu frischem Wasser Häufige Gelegenheit zum Urinabsatz: häufige kleine Spaziergänge (Hund); mehrere, saubere Katzentoiletten Übergewicht vermeiden: Futter rationiert zuteilen (abwiegen); körperliche Aktivität steigern, Tier regelmäßig wiegen Stress vermeiden: regelmäßiger Tagesablauf; ausreichend Beschäftigung mit dem Tier Medikation überprüfen: Langzeitanwendung von Magensäurehemmern (Antacida), begünstigt die Bildung von Silikatsteinen. Beschrieben bei Mensch und Hund für MagnesiumTrisilikat, ggf. absetzen Steinauflösung mittels Diät und Medikamenten nicht möglich. Chirurgische Entfernung angezeigt.

Erkrankungen der ableitenden Harnwege LUDT (Lower urinary tract disease)

Erkrankungen der ableitenden Harnwege sind bei rund 7 % aller Katzen und bei rund 3 % aller Hunde, die in der tierärztlichen Praxis vorgestellt werden, der Grund für die Konsultation. Der Begriff LUTD beschreibt kein eindeutig definiertes Syndrom, sondern eine ganze Gruppe von Erkrankungen mit identischen Kardinalsymptomen. Bis zu 30 unterschiedliche Krankheitsursachen können einer LUDT zugrunde liegen, von denen Tabelle 3 nur die Wichtigsten beschreibt. Tabelle 3: Klinische Symptome der LUTD und mögliche Diagnosen Symptome

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Mögliche Diagnose

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Dysurie (erschwerter Harnabsatz) Hämaturie (Blut im Urin) Strangurie (Harnträufeln) Pollakisurie (häufiger Absatz kleiner Harnmengen, ggf. unter Schmerzen) Schmerzsymptomatik (erkennbar an Körperhaltung, Lautäußerung während des Harnabsatzes) vermehrter oder verminderter Harnabsatz Verlust der Stubenreinheit Harnwegsinfekt (meist bakteriell) Idiopathische Zystitis (Katze) Harnsteine Obstruktion der Harnröhre Neoplasie/Tumor Missbildung (angeboren) Andere Schädigung (u.a. iatrogen, traumatisch, toxisch)

Meistens wird eine LUDT von Entzündungssymptomen begleitet, auch wenn hierfür nicht immer entsprechende Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren nachweisbar sind (vergl. sterile Entzündung bei der idiopathischen Zystitis der Katze). Sie können


mit hohem Fieber einhergehen (z.B. aufsteigende Entzündungen im Nierenbecken) oder auch relativ symptomlos ablaufen. Dysurie, Pollakisurie und Strangurie (siehe Tab. 2) sind typische Symptome einer Harnwegsentzündung. Setzen Katzen häufig kleinere Mengen Harn an ungewöhnlichen Orten, z. B. in der Badewanne oder auf dem Teppich ab, muss man neben einer Erkrankung der Harnwege immer auch ein Verhaltensproblem in Betracht ziehen. Die Symptome können dramatisch sein, z. B. wenn durch eine Verlegung der Harnwege überhaupt kein Harnabsatz mehr möglich ist. Dann ist bei der Palpation des Abdomens die stark vergrößerte Harnblase mit z. T. prall gespannter Blasenwand ertastbar. Andere Befunde, die durch Abtasten des Bauches feststellbar sind, wie z. B. eine verdickte Blasenwand, Blasensteine oder Blasentumore, können an einer stark gefüllten Blase nicht erhoben werden. Hierzu muss die Harnblase zunächst durch Punktion (Zystozentese) oder Beseitigung der Verlegung entleert werden. Obwohl eine Urolithiasis nicht mit dem Begriff LUDT gleichzusetzen ist, kommt den Harnsteinen als mögliche Ursache einer LUDT doch besondere Bedeutung zu, da sie in mehrfacher Hinsicht am Krankheitsgeschehen beteiligt sein können: • Harnsteine reizen die Schleimhaut der Harnwege und lösen dort eine Entzündung und somit die typischen LUDT-Symptome wie Hämaturie, Pollakisurie, Dysurie und Strangurie (Tab. 3) aus. • Harnsteine können die Harnwege verlegen und so zu Harnabflussstörungen und Obstruktionen sowohl in den Harnleitern als auch in der Harnröhre führen. • Harnsteine können als Wegbereiter für bakterielle Infektionen der Harnwege fungieren. Die typischen Ursachen einer LUDT sind bei Hund und Katze verschieden. Beispielsweise leiden Hunde häufiger an einer bakteriellen Entzündung der Harnblase (Zystitis) als Katzen. Der Grund ist, dass die stärkere Konzentrierung und der niedrigere Harn-pH-Wert im Katzenharn bakterizid (Bakterien abtötend) wirken bzw. das Wachstum von Bakterien hemmen. Bei Infektionen der Harnblase sind weibliche Tiere häufiger betroffen als männliche, dagegen führen Harnsteine bei männlichen Tieren eher zu Problemen als bei weiblichen. 3.1.1 LUDT bei Katzen (FLUDT) „Feline lower urinary tract disease“ (FLUTD), früher auch als FUS (Felines Urologisches Syndrom) bezeichnet, zählt zu den häufigen Erkrankungen unserer Hauskatzen. Aus den USA liegen Berichte vor, dass etwa 4,6% aller Katzenpatienten in der Kleintierpraxis an FLUTD leiden (Kirk 2002). Bei einer Katze mit FLUDT-Symptomen können auch mehrere der in Tab. 2 genannten Krankheitsfaktoren gleichzeitig vorliegen: So haben etwa ein Fünftel aller Katzen mit idiopathischer Zystitis (siehe unten) gleichzeitig Harnsteine. Bei Katzen ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass bei einer FLUDT keine bakteriellen Erreger nachgewiesen werden können. Nur etwa 2% aller Harnwegsentzündungen sind primär auf eine bakterielle Infektion zurückzuführen. Auch Struvitsteine, die oft mit ureasebildenden Bakterien in Verbindung gebracht werden, die Harnstoff zu Ammoniak und Kohlendioxid spalten und so den Harn alkalisieren, können bei Katzen ohne Beteiligung einer Infektion entstehen. Der Mechanismus hierzu ist ungeklärt. Der Nachweis von Blut im Urin ist bei Katzen etwas anders zu interpretieren als bei Hunden: Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass Blut im Harn zu Beginn des


Harnabsatzes (initial) auf eine Erkrankung der Harn ableitenden Wege hinweist, Hämaturie gegen Ende oder während des gesamten Harnabsatzes (terminal bzw. total) eher auf ein Problem im Bereich der Nieren und/oder Harnleiter. Bei Katzen kann eine Erkrankung der unteren Harnwege auch eine terminale/totale Hämaturie verursachen. Zu Harnsteinen bei Katzen vergleiche auch Kap. 2. Die meisten Konkremente finden sich in der Harnröhre und in der Blase, nur etwa 1% sind in den Harnleitern oder den Nieren lokalisiert. Struvit ist der häufigste Harnsteintyp bei der Katze, gefolgt von CaOxalat. Nachdem in den 90er Jahren zunächst die Oxalat-Steine zahlenmäßig stark zugenommen hatten, was auf den breiten Einsatz von Struvit-Diäten für Katzen zurückgeführt wurde, ist seit 2003 wieder eine leichte Zunahme der Struvite zu verzeichnen. Uratsteine stellen zwar wie bei den Hunden den dritthäufigsten Harnsteintyp dar, kommen mit etwa 4-5% bei Katzen aber deutlich seltener vor als bei Hunden. Nur 1% entfallen auf Ca-Phosphatsteine. Cystinsteine sind mit 0,3-0,6% bei Katzen noch seltener. Bei Katzen sind auch Harnsteine beschrieben, die komplett aus organischer Matrix (Protein und Mukoprotein) bestehen. Diese ähneln in ihrer Zusammensetzung dem Blut und wurden deshalb auch als „dried soldified blood calculi“ bezeichnet. 3.1.2

LUDT bei Hunden

Beim Hund sind die meisten Infektionen der ableitenden Harnwege auf eine bakterielle Infektion zurückzuführen. Die am häufigsten beteiligten Erreger sind E. coli, Staphylo- und Streptokokken, Pseudomonaden, Klebsiellen, Enterobacteriaceen und Enterokokken. Primär handelt es sich meist um eine Infektion der Harnröhre oder Harnblase, die jedoch über die Harnleiter auch bis in die Nieren aufsteigen kann. Rüden sind seltener von Blasenentzündungen infolge aufsteigender Harnwegsinfektion betroffen, da ihre Harnröhre länger ist und das zinkhaltige Sekret der Prostata bakteriostatische Eigenschaften hat. Gelegentlich kommen aber auch bei dieser Tierart sterile Entzündungen (bakteriologische Untersuchung negativ) vor, z.B. infolge einer Kalzium-OxalatUrolithiasis oder einer Tumorerkrankung. Das Übergangszellkarzinom, ein bösartiger Tumor der Blasenwand, kommt bei Hunden im Gegensatz zu Katzen relativ häufig vor und muss daher bei älteren Hunden mit Dysurie und Hämaturie immer als Differenzialdiagnose in Betracht gezogen werden. Bei Rüden bedingt der Penisknochen (Os penis) einen besonderen Engpass der Harnröhre. Proximal dieser Engstelle kommt es besonders häufig zu Ansammlung von Harngries und kleineren Harnsteinen und zur Verlegung der Harnröhre. Bei Rüden mit Anzeichen einer LUDT und Verdacht auf Harnsteine sollte daher immer der Harnröhrenabschnitt vom Beckenausgang bis zum Penisknochen besonders gründlich durchgetastet werden. Blut im Urin, und zwar entweder permanent beim Urinieren oder erst gegen Ende des Harnabsatzes, kann beim Hund ein Hinweis auf eine rassespezifische Nierenblutung sein: Beim Weimaraner gibt es eine renale Hämaturie, beim Welsh Corgie ist eine so genannte renale Teleangiektasie (Erweiterung kleiner Nierengefäße) beschrieben. Da es mehr unkastrierte Rüden als Kater gibt, spielen Erkrankungen der Prostata bei Hunden eine größere Rolle als bei Katzen. Da sie Hämaturie und Harnabsatzstörungen verursachen können, empfiehlt sich bei nicht kastrierten Rüden mit LUDT-Symptomen immer eine digitale Untersuchung der Prostata vom Rektum aus.


Harnträufeln kann bei Hunden, vor allem Hündinnen, nicht nur ein Entzündungssymptom, sondern auch eine Kastrationsfolge sein. Es handelt sich dann um eine erworbene Schwäche des Blasenschließmuskels, die in vielen Fällen medikamentös behandelt werden kann. Zu Harnsteinen bei Hunden vergleiche auch Kap. 2. Die meisten Konkremente finden sich in Harnröhre und Blase, nur etwa 1% sind in den Harnleitern oder den Nieren lokalisiert. Struvit ist der häufigste Harnsteintyp beim Hund, gefolgt von Ca-Oxalat. Uratsteine repräsentieren mit 7% einen erheblich größeren Anteil der Steine als bei Katzen, was vor allem auf die besondere Rassedisposition von Dalmatinern zurückzuführen ist. Etwa 7% aller Urolithen beim Hund sind Mischformen. Nur 1% entfallen jeweils auf Cystin und Silikat. Die Harnsteine des Hundes bestehen zu 95% aus kristallinem Material, nur 5% sind organische Matrix (Proteine und Mukoprotein). 3.1.3. Idiopathische Zystitis der Katze (FIC = Feline idiopathische Cystitis) Die idiopathische Zystitis der Katze stellt eine nicht infektiöse entzündliche Erkrankung der Harn ableitenden Wege dar. „Idiopathisch“ bedeutet wörtlich „ohne erkennbare Ursache entstanden“. Beim Menschen (speziell bei Frauen) existiert ein vergleichbares Krankheitsbild, das auch als „Reizblase“ bezeichnet wird. Solche Erkrankungen stellen eine besondere diagnostische und therapeutische Herausforderung dar: • Da zuerst alle anderen möglichen Ursachen sicher ausgeschlossen werden müssen, ist die Diagnostik sehr zeitaufwendig und kostenintensiv. Es handelt sich um eine Ausschlussdiagnose im klassischen Sinne: „Wenn es das alles nicht ist, muss es eine idiopathische Zystitis sein“. Für manche Tierbesitzer ist dies sehr unbefriedigend. • Da die Ursache nicht bekannt ist, haben alle Maßnahmen, die zur Behandlung vorgeschlagen werden können, nur Versuchscharakter. Auch das ist für den Tierbesitzer (und die Tierärztin/den Tierarzt) bisweilen sehr frustrierend. Betroffene Katzen zeigen chronische Symptome einer FLUDT (Harnabsatzstörungen, Pollakisurie, Hämaturie und Harnabsatz an ungeeigneten Orten). Manchmal kehren diese in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen wieder, unterbrochen von symptomfreien Phasen. Bild gebende Verfahren (Röntgen, Ultraschall) und Labordiagnostik (Blut- und Harnuntersuchung) liefern keine abweichenden Befunde. Es sei besonders darauf hingewiesen, dass der Harn solcher Katzen trotz eindeutiger Entzündungssymptome steril (frei von lebenden Bakterien) ist. Stress scheint eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Erkrankung zu spielen. Mögliche Stressfaktoren im Leben einer Katze können z. B. alle Veränderungen der belebten und unbelebten Umgebung des Tieres sein: Neue Wohnung, neue Möbel, neues Haustier, Familienzuwachs oder „Verschwinden“ eines Familienmitglieds sowie Veränderungen des Wetters, der Fütterung, der Aktivität der Katze, der Katzentoilette (Ort, Sauberkeit), um nur eine Auswahl zu nennen. Zur Stressminderung sollten der Katze innerhalb ihres Lebensraums möglichst zahlreiche „sichere Verstecke“ angeboten werden. Außerdem sollten sie Möglichkeit haben, ihren Jagdtrieb (zumindest spielerisch) ausleben zu können. Medikamente: Pheromone mit beruhigender Wirkung („Feliway“) konnten in einigen Fällen zu einer Besserung der Symptome beitragen.


Des Weiteren können bei idiopathischer Zystitis folgende Medikamente zum Einsatz kommen: Analgetika zur Minderung der Schmerzen, Glykosaminoglykane zum Schutz und zur „Abdichtung“ der Blasenwand sowie Amitryptilin, das den Tonus der Blasenwand herabsetzt und somit die Elastizität der Harnblase erhöht und außerdem über die Reduktion der Histaminfreisetzung aus Mastzellen Entzündungssymptome mindern kann. Fütterung: Ein Futterwechsel kann wie bereits erwähnt als Stressor wirken und einen Schub der FIC auslösen und sollte daher nach Möglichkeit vermieden werden. Neben der Fütterung einer Harn ansäuernden Diät kommt einer Steigerung der Wasseraufnahme bei FIC besondere Bedeutung zu, auch wenn keine Harnsteine vorliegen, die eine Harnverdünnung erfordern würden. Für Katzen mit FIC empfiehlt sich daher grundsätzlich die Fütterung eines speziellen Diätfutters (Harnsteindiät) in Form eines Feuchtfutters. Markwell et al. (1999) konnten in einer Studie an neun Katzen mit idiopathischer Zystitis eine signifikante Besserung der klinischen Symptome allein durch die Umstellung von einem Diättrockenfutter auf die Feuchtfuttervariante derselben Marke feststellen. In einer anderen Studie war die Rückfallquote im Verlauf eines Jahres bei mit Trockenfutterharnsteindiät gefütterten FICKatzen mit 39% deutlich höher als bei solchen, die mit einer Feuchtfutterdiät ernährt wurden (lediglich 11% Rezidive). Das spezifische Gewicht des Harns Abb. 20: Stress spielt eine wichtige war bei den trocken gefütterten Katzen deutlich Rolle als Auslöser der idiopathischen Zystitis der Katze. höher (> 1.050) als bei den mit Feuchtdiätfutter ernährten (<1.040). Inzwischen liegen auch Berichte über den erfolgreichen Einsatz von Trockenfutter mit „Harnverdünnungseffekt“ (wie z.B. ROYAL CANIN Urinary High Dilution) in der Behandlung der FIC vor. Durch den moderat erhöhten Salzgehalt konnte die Wasseraufnahme bei diesen Katzen so gesteigert werden, dass der Harn entsprechend den genannten Zielwerten für das spezifische Gewicht verdünnt werden konnte. Nachteilige Effekte des erhöhten Salzgehaltes im Futter auf den Blutdruck etc. waren nicht nachzuweisen (Nickel 2011). Des Weiteren könnte sich bei FIC-Katzen die Fütterung einer Diät mit beruhigend wirkenden Inhaltsstoffen positiv auswirken. Royal Canin Calm für Katzen (Wikprinzip: Alpha-Casozepin mit einem Benzodiazepin-ähnlichen beruhigenden und angstlösenden Effekt und Tryptophan, dem Vorläufer des entspannend und beruhigend wirkenden Botenstoffs Serotonin im Gehirn) kann bei mildem Stress eingesetzt werden. Diese Diätnahrung ist als Trockenfutter mit S/O-Index erhältlich. Viel Hoffnung wurde in die Gabe von Glykosaminoglykanen (GAGs) zur Stabilisierung der Blasenschleimhaut gesetzt. Entsprechende Ergänzungsfuttermittel für Katzen sind auf dem Markt, und auch in die Rezeptur von Urinary S/O wurden die GAGs integriert. Leider lieferten jüngere Untersuchungen keine untermauernden Fakten für die positive Wirkung der GAGs: Über einen Beobachtungszeitraum von sechs Monaten konnten keine signifikanten Effekte auf die Integrität der Blasenschleimhaut nachgewiesen werden: Bei 65% der Katzen trat im


Behandlungszeitraum ein Rezidiv auf. In der Rezeptur des neuen Urinary Olfactory Attraction sind deshalb keine GAGs mehr enthalten . 3.2 Behandlung einschließlich Diätetik Alle Fälle von LUDT, die auf eine Verlegung der Harnwege zurückzuführen sind, sind Notfälle! Oberstes Ziel ist in diesem Fall eine Beseitigung der Obstruktion. Diese muss nicht selpen operativ vorgenommen werden. Für die Entfernung kleinerer Harnsteine steht als weniger invasive Verfahren wir die Urohydropropulsion oder die zur Verfügung (Abb. 21).

Durchführung der Urohydropropulsion

Abb. 21: Durchführung der Urohydropropulsion beim Hund


Wichtig ist, dass parallel zur Behandlung der Obstruktion schon lebensbedrohliche Veränderungen, die labordiagnostisch identifiziert worden sind, angegangenen werden. Hierzu gehören eine Azidose oder (bei Katzen häufig) eine Hyperkaliämie. Das Legen eines Venenkatheters und eine an das Laborprofil angepasste Infusion sind also Pflicht bei diesen Patienten (zu Beginn meist 0,9% Kochsalzlösung oder 5% Glukoselösung). Besteht die Gefahr, dass die Harnblase reißt, bevor die Verstopfung der Harnwege chirurgisch angegangen werden kann, so muss die Blase von außen punktiert und der Harn mittels Spritze abgezogen werden, um eine Druckentlastung zu schaffen. 3.2.1 Katze Folgende Behandlungsoptionen bestehen für Katzen mit LUTD: • Antibiotika: Vor allem, wenn ein Harnkatheter gelegt und mehrere Tage belassen wurde. Erst beginnen, wenn der Katheter gezogen wurde. Nach Antibiogramm. • Schmerzmedikamente: Katzen mit LUTD äußern häufig Schmerzen. Sie sollten daher ein Schmerzmedikament erhalten, um ihr Wohlbefinden zu steigern. Bei der FIC ist dies ein ganz wesentliches Element der Therapie, da Schmerzen der Katze Stress verursachen und so ein Teufelskreis der FIC entstehen kann. • GAGs: zur Unterstützung der Integrität der Blasenschleimhaut. Die Wirkung konnte in neueren Studien nicht untermauert werden. Da sie keine schädlichen Nebenwirkungen haben, kann ihr Einsatz versucht werden. • Beruhigende Medikamente: Amitryptilin, ein Antidepressivum aus der Humanmedizin kann die Symptome einer LUDT verringern, wenn diese psychische Ursachen hat. Alpha-Casozepin und Tryptophan können bei mildem Stress beruhigend wirken. • Diät: Unterstützend zur medikamentösen Behandlung können Harnsteindiäten auch bei LUDT eingesetzt werden, wenn keine Harnsteine nachgewiesen wurden. Vorzugsweise sollte auf Feuchtfutter zurückgegriffen werden, da der Spülung der Harnwege besondere Bedeutung zukommt. 3.2.2 Hund Folgende Behandlungsoptionen bestehen für Hunde mit LUTD: • Antibiotika: Vor allem, wenn Bakterien im Urin nachgewiesen wurden. Zwar nicht immer zwingend erforderlich, aber da sie ein schnelle Linderung bringen, Behandlung der ersten Wahl. Nach Möglichkeit nach Antibiogramm, mindestens 7-10 Tage. • Schmerzmedikamente: Spasmolytika wie Buscopan® können versucht werden, um die Schmerzen beim Harnabsatz zu mindern. • Erhöhung des Harnvolumens: Hund zum Trinken animieren, ggf. wohlschmeckende Zusätze zum Trinkwasser (verdünnte Brühe). Verabreichung von harntreibenden Medikamenten (Diuretika) kann als kurzfristige Maßnahme in Betracht gezogen werden. • Diät: Unterstützend zur medikamentösen Behandlung können Harnsteindiäten auch bei LUDT eingesetzt werden. Die harnverdünnenden Eigenschaften (moderat erhöhter Salzgehalt => Steigerung der Wasseraufnahme) wirken sich positiv auf den Krankheitsverlauf aus. Durch die Ansäuerung des Urins


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werden die Urease-positiven Bakterien zurückgedrängt und die Antibiotikatherapie unterstützt (ggf. verkürzt). Harnansäuernde Medikamente: Ammoniumchlorid 200 mg/kg/Tag auf zweimal tägliche Gabe verteilt. Nicht gleichzeitig mit harnansäuernder Diät. Tipps für die Tierhalter

Über den Erfolg oder Misserfolg der Harnsteinbehandlung entscheiden nicht zuletzt die Mitarbeit und das Engagement des Tierhalters (Compliance). Damit dieser einen Beitrag zum Gelingen der Therapie leisten kann, muss er zum einen das Prinzip der Behandlung verstehen und zum anderen auf die häufigsten Fehlermöglichkeiten aufmerksam gemacht werden. Nachfolgend sind 10 hilfreiche Tipps für die Halter von Hunden und Katzen mit Harnsteinerkrankungen aufgeführt. 1. Füttern Sie ausschließlich die verordnete Diätnahrung (z.B. Urinary S/O), keine Leckerli oder Speisen vom Tisch. Jede andere Nahrung als die Diät gefährdet den Therapieerfolg, da ihr Einfluss auf den RSS-Wert des Harns nicht vorhersehbar ist. Wenn Sie ihrem Tier Leckerli zur Belohnung geben möchten, verwenden Sie einige Kroketten des Diätfutters (Tipp für Katzen: Urinary Olfactory Attraction als Belohnungshappen verwenden. Kaloriengehalt der so verabreichten Leckerlimenge von der Tagesration entsprechend abziehen). 2. Führen Sie eine begleitende Behandlung mit Antibiotika gewissenhaft und ausreichend lange durch. Unterbrechen Sie diese nicht ohne Absprache mit ihrem Tierarzt. Verbreichen Sie die verordneten Medikamente in der vollen Dosierung und zu festen Zeiten. 3. Halten Sie sich an die verordnete Tagesfuttermenge. Wiegen Sie diese nach Möglichkeit auf einer Küchenwaage ab. Kontrollieren Sie das Gewicht Ihres Tieres nach Umstellung auf Urinary S/O zunächst wöchentlich. Nimmt Ihr Tier ab oder zu, passen Sie die Futtermenge an bzw. wechseln Sie auf Urinary S/O Moderate Calorie. Hält Ihr Tier sein Gewicht über drei bis vier Wiegetermine konstant, stimmt die Ration und es reicht dann, wenn Sie Ihr Tier einmal im Monat zur Kontrolle wiegen. 4. Wenn Ihr Tier die Diät nicht fressen will: Wärmen Sie das Feuchtnahrung auf Körpertemperatur an (funktioniert vor allem bei Katzen, da sie in der Natur ihre kleinen Beutetiere körperwarm verzehren). Nehmen Sie den Futterwechsel auf die Diätnahrung langsam vor: Mischen Sie die neue Diät in steigenden Anteilen unter das alte Futter. Beginnen Sie mit einem Viertel der neuen Nahrung und steigern Sie allmählich über mindestens eine Woche bis auf 100% Diätfutter. 5. Achten Sie darauf, dass Ihr Tier einen warmen, gut isolierten Liegeplatz hat, wenn es an einer Harnwegserkrankung leidet. Dies gilt insbesondere für Welpen: Bei ihnen gilt Unterkühlung als eine begünstigender Faktor für Harnwegsinfekte. 6. Sollte Ihr Tier schon zum wiederholten Mal an Harnsteinen erkrankt sein, sollte ausschließlich Feuchtnahrung gefüttert bzw. das Trockenfutter eingeweicht gefüttert werden. Weichen Sie die Diätnahrung mit warmem Wasser ein. Je mehr Wasser Sie unter das Futter mischen können, desto besser werden die Harnwege Ihres Tieres gespült. 7. Unterstützen Sie eine reichliche Flüssigkeitsaufnahme bei Ihrem Tier: Sorgen Sie dafür, dass Ihr Tier immer unbegrenzten Zugang zu frischem Trinkwasser


hat. Stellen Sie mehrere Wassernäpfe aus unterschiedlichem Material in der Wohnung auf. 8. Geben Sie Ihrem Tier regelmäßig und so häufig wie möglich Gelegenheit zum Urinabsatz. Stellen Sie ausreichend Katzentoiletten in der Wohnung auf und halten Sie diese sauber Abb. 22). Wählen Sie für alte und übergewichtige Katzen Toiletten mit einem tiefen Einstieg. Gehen Sie lieber häufiger und dafür kürzer mit Ihrem Hund spazieren. Tragen Sie kleine Hunde draußen nicht ständig auf dem Arm oder in der Abb 22: Die Katzentoilette muss regelTasche. mäßig gesäubert werden, leicht 9. Lassen Sie den Urin Ihres Tieres zugänglich sein und weit entfernt von regelmäßig in der Tierarztpraxis der Nahrung stehen. untersuchen. Wenn Sie die Probe selber gewinnen, achten Sie darauf dass diese nach Möglichkeit nicht verunreinigt wird. Eine frische Urinprobe muss für ein aussagekräftiges Ergebnis innerhalb von 60 min untersucht werden. 10. Füttern Sie nach erfolgreicher Behandlung eine Nahrung mit HarnsteinProphylaxe (z.B. Royal Canin Produkte mit dem S/O-Index. 5

Häufige Fragen der Tierbesitzer

„Mein Tier bekommt eine Harnsteindiät, weil es Struvit-Harnsteine hatte, die auf diese Weise aufgelöst werden konnten. Der Harn-pH-Wert ist aber trotzdem nicht sauer (> 7). Woran kann das liegen?“ Zunächst sollte überprüft werden, ob das Tier tatsächlich ausschließlich das Diätfutter frisst. Eine unkontrollierte Beifütterung kann den Therapieerfolg (die Senkung des Harnsteinrisikos durch die Erzeugung einer günstigen Harnzusammensetzung) in Frage stellen. Des Weiteren sind viele kleine Mahlzeiten pro Tag vorteilhaft im Hinblick auf den postprandialen pH-Wert Anstieg im Urin (die so genannte „Postprandiale alkalische Flut“). Es hat sich herausgestellt, dass mehrere gering ausfallende pH-Anstiege im Harn im Sinne einer Struvit-Prophylaxe günstiger sind als 1-2 starke Anstiege innerhalb von 24 h bei der Verabreichung von nur 1-2 Hauptmahlzeiten. Ferner ist abzuklären, ob eine Harnwegsinfektion vorliegt, die antibiotisch behandelt werden muss. Sollte dies der Fall sein, ist nicht nur die Auswahl des richtigen Antibiotikums (möglichst anhand eines Resistenztests) sondern auch eine ausreichend lange Behandlungsdauer entscheidend (3-4 Wochen über das Verschwinden der klinischen Symptome hinaus). Da Struvisteine bei Katzen jedoch auch unabhängig von einer bakteriellen Infektion entstehen können, ist eine antibiotische Behandlung nicht immer der Schlüssel zum Erfolg. Es bleibt abzuklären, ob bei der Katze eventuell eine idiopathische Zystitis vorliegt. Die Behandlung, die in einem solchen Fall versucht werden kann, ist in Kapitel 3.1.3 beschrieben. Schließlich spielt auch die Art der pH-Wert-Messung eine Rolle. Der Harn pH-Wert sollte zu Hause und mehrfach zu unterschiedlichen Tageszeiten gemessen werden. Der Transport in die Tierarztpraxis kann Stress und eine Alkalisierung des Harns verursachen, wenn die Katze z.B. bei der Autofahrt hyperventiliert. Fälschlicherweise wird dann eine insgesamt unzureichende Harnansäuerung angenommen. Des


Weiteren sind gewisse Schwankungen des Harn-pH-Wertes im Tagesverlauf und in Abhängigkeit von den Fütterungszeiten normal. Entscheidend ist, dass der Harn-pHWert über 24 h betrachtet den überwiegenden Teil der Zeit im sauren Bereich liegt. Eine verbesserte Blasenspülung ist anzustreben und kann durch gesteigerte Flüssigkeitsaufnahme und häufigeren Urinabsatz erreicht werden. Hierzu sind saubere Katzentoiletten in ausreichender Anzahl (Faustregel: eine mehr als Katzen im Haushalt) zur Verfügung zu stellen. Diese sind so aufzustellen, dass sie von den Katzen gut angenommen werden (nicht in unmittelbarer Nähe des Fressplatzes und so, dass ein „stressfreier Aufenthalt“ möglich ist, ggf. mit Abdeckung, an einem erhöhten Platz…). Eine wichtige Maßnahme zur Steigerung der Flüssigkeitsaufnahme ist die Verwendung eine Feuchtfutter-Harnsteindiät bzw. das Füttern einer Trockenfutter-Diät nur in eingeweichter Form (siehe auch Absatz 3.2.2). Eine medikamentöse Ansäuerung des Harns zusätzlich zu einer Harn ansäuernden Diät ist im Einzelfall möglich, sollte aber nicht leichtfertig vorgenommen werden. Es ist zu bedenken, dass die hierfür zur Verfügung stehenden Medikamente (DLMethionin, Ammoniumchlorid) durchaus Nebenwirkungen haben können. So verursachen höhere Dosen DL-Methionin (ab 2000mg/Tier und Tag) über einen längeren Zeitraum (> 3 Wochen) bei Katzen Symptome wie Futterverweigerung, Anämie und Zyanose. Ammoniumchlorid ist nicht zur Anwendung bei wachsenden Tieren geeignet, da es eine Osteoporose hervorrufen kann. „Meine Tier hatte wiederholt Harnsteine, aber es weigert sich, Feuchtfutter zu fressen. Was soll ich machen?“ Eine Steigerung der Wasseraufnahme ist insbesondere bei rezidivierenden Harnsteinerkrankungen ein Schlüsselfaktor in der diätetischen Behandlung. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um die Wasseraufnahme bei Hunden und Katzen wirksam zu steigern. Welche sich am besten für ein bestimmtes Tier eignet, muss von Fall zu Fall individuell ausprobiert werden. Bei gesunden Katzen bewirkte allein die Umstellung von Trocken- auf Feuchtfutter eine signifikante Verringerung des Harnsteinrisikos sowohl für Struvit als auch für Ca-Oxalat (Kirk 2002). „Feuchtfutter“ bedeutet aber nur, dass das Futter zusammen mit mindestens derselben Menge Wasser aufgenommen wird. Eingeweichtes Trockenfutter erfüllt diesen Zweck ebenso gut. Dabei kann versucht werden, den Wasseranteil immer weiter zu erhöhen, solange wie das Tier das Futter in dieser suppigen Konsistenz noch akzeptiert. Ziel ist ein Feuchtigkeitsgehalt von 80% oder mehr in der Futtermischung. Davon ausgehend, dass die meisten Trockenfutter einen Wassergehalt von etwa 10% haben, bedeutet dies, dass man 30 g Trockenfutter mit etwa 70 ml Wasser einweichen muss. Katzen akzeptieren eingeweichtes Trockenfutter in der Regel nicht sehr gut. Daher gibt es für sie auch Trockenfutter mit Harn verdünnenden Eigenschaften (Urinary S/O und insbesondere Urinary S/O High Dilution). Ob es gelingt, damit eine ausreichende Harnverdünnung zu erzielen, hängt davon ab, wie viel die Katze freiwillig dazu trinkt. In jedem Fall muss frisches Trinkwasser ad libitum jederzeit verfügbar sein, wenn eine solche Diät gefüttert wird. Der Erfolg der Harnverdünnung lässt sich durch die Messung des spezifischen Harngewichts ermitteln. Ziel ist es, das spezifische Gewicht des Harns auf einen Wert unter 1030 einzustellen. Mit welcher der drei genannten Fütterungsmethoden dieses Ziel dauerhaft erreicht wird, spielt dabei keine Rolle.


„Wie kann denn ein- und dasselbe Futter gegen Struvit- und Kalziumoxalatsteine wirken?“ Dank der Möglichkeit der RSS-Wert Messung bei Hunden und Katzen können Diäten so konzipiert werden, dass das Harnsteinrisiko sowohl für Kalziumoxalat als auch für Struvit minimiert wird. In die Berechnung für den RSS-Wert gehen 13 verschiedene Parameter ein, unter anderem die Harnkonzentration an Ammonium, Magnesium und Phosphat (den Bestandteilen von Struvit) und an Kalzium und Oxalat sowie der pHWert. Die Software Supersat® ermittelt das Risiko für die Bildung unterschiedlicher Harnkristalle, ausgehend von der Konzentration der verschiedenen Ionen, die zuvor im Harn gemessen wurden. Für jeden Kristalltyp ermittelt die Software einen Index, der unterhalb eines bestimmten Grenzwertes bleiben muss, um das Kristallisationsrisiko zu minimieren. Diese Schwellenwerte können für Struvit und Kalziumoxalat mit Hilfe einer geeigneten Ernährung gleichzeitig erreicht werden, indem das Verhältnis der Mineralstoffe im Futter genau austariert wird. Die prognostische Aussagekraft des S/O-Index hinsichtlich des Harnsteinrisikos liegt deutlich höher als die einer einfachen pH-Wert-Bestimmung, insbesondere für die Oxalatkristalle, da hier statt einem 13 Faktoren berücksichtigt werden. Die Urinary S/O-Diäten wirken in dreifacher Hinsicht gegen Struvit und Oxalat: • Harnverdünnung: Diese ist allen Harnsteinen angezeigt, unabhängig von ihrer chemischen Zusammensetzung. Je größer die Harnmenge und je geringer die Konzentration gelöster Substanzen darin, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kristalle jeglicher Art bilden. • Untersättigung des Urins mit steinbildenden Substanzen: Die Mineralstoffzusammensetzung des Futters kann dank RSS-Wert-Messung so angepasst werden, dass diese Bedingung sowohl für Struvit als auch für Kalziumoxalat gleichzeitig erfüllt ist. • pH-Wert-Einstellung: ein saurer Harn-pH ist die Voraussetzung für die Auflösung von Struvit. In Verbindung mit einer Untersättigung des Urins mit Struvit genügt aber eine moderate Ansäuerung (pH 6,2-6,5). Da Kalziumoxalate weitgehend pH-unabhängig sind, erhöht diese leichte Ansäuerung das Risiko für CaOx nicht. „Ich habe einen Dalamtinerwelpen. Soll ich ihn mit einer Diät gegen Uratsteine oder mit Welpenfutter ernähren?“ Alle Dalmatiner haben einen genetischen Defekt im Abbau der Purine (Bestandteile der Erbsubstanz DNA, vor allem in tierischen Geweben enthalten). Aufgrund dessen scheiden sie relativ große Mengen Urat mit dem Harn aus (400-600 mg pro Tag im Vergleich zu 10-60 bei anderen Hunden.) Aber nicht alle entwickeln tatsächlich Urat-Harnsteine: Nur bei 26-34% aller männlichen Dalmatiner wird eine Harnsteinerkrankung diagnostiziert. Ist in der Familie des Welpen bereits ein Fall von Uratsteinen bekannt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier ebenfalls Steine entwickeln wird. Dann sollte vorbeugend schon im Welpenalter auf eine entsprechende Purin-arme Nahrung umgestellt werden. Für Hunde im Wachstum ist dies HYPOALLERGENIC. Der etwas höhere Eiweißgehalt als im Urinary U/C sowie die hohe Eiweißqualität (Sojahydrolysat) in Verbindung mit einem etwas höheren Kalzium- und Phosphorgehalt bewirken, dass Hypoallergenic bei einem vergleichbar niedrigen Puringehalt besser an den Bedarf eines wachsenden Hundes angepasst ist als Urinary U/C. Normale Welpenfutter sind weniger geeignet, da sie zu viel Eiweiß aus tierischen Rohstoffen enthalten und daher zu Purin-reich sind. Es ist weiterhin


wichtig, das Diät-Trockenfutter mit Wasser eingeweicht zu verfüttern, da auch bei Uratsteinen die Harnverdünnung ein wichtiger Teil der Therapie ist. Beginnen sollte man mit Futter und Wasser im Verhältnis 1:1 und dieses dann langsam auf ein Verhältnis von 1 Teil Futter zu 4 Teilen Wasser steigern, sofern der Welpe die Nahrung auch in suppiger Form akzeptiert. „Mein Tier hat trotz Urinary S/O wieder Kalziumoxalat-Steine. Wie kann das sein?“ Leider haben Kalziumoxalatsteine eine hohe Rückfallquote, die in der Literatur mit 50-60% angegeben wird. Da sie diätetisch nicht aufgelöst werden können, müssen die Steine operativ entfernt werden, wenn sie klinisch Probleme verursachen. Um ein Wiederauftreten der Kalziumoxalat-Urolithiasis zu verhindern, ist es wichtig, dass alle vorhandenen Steine, auch sehr kleine, entfernt werden. Dies muss nach der OP anhand eines Röntgenbildes überprüft werden. Nicht entfernte Steine können als Kristallisationskern wirken und trotz Diät weiter wachsen, da der RSS-Wert für Kalziumoxalat nur so eingestellt werden kann, dass eine Übersättigung verhindert wird. Des Weiteren sollte eine Blutuntersuchung durchgeführt werden, um zu schauen, ob eventuell eine Hyperkalzämie (überhöhter Blut-Kalziumspiegel) vorliegt. Diese könnte für eine vermehrte Kalziumausscheidung mit dem Harn verantwortlich sein, wodurch die Entstehung von Kalziumoxalatkristallen im Harn wahrscheinlicher wird. Eine mögliche Ursache für Rückfälle bei Kalziumoxalat sind zugrundeliegende Hormonstörungen, die mit erhöhtem Blut-Kalziumspiegel einhergehen: Überfunktion der Nebenschilddrüse und Cushing-Syndrom. Diese sollten labordiagnostisch abgeklärt werden. Ein weiterer Eckpfeiler der Therapie bei Kalziumoxalat ist die Steigerung der Flüssigkeitsaufnahme und des Harnvolumens. Es sollte überprüft werden, ob das Tier genug trinkt (spezifisches Gewicht des Harns < 1020). Um die Löslichkeit von Kalziumoxalat im Harn zu verbessern, kann die Gabe von Kaliumzitrat (50-75 mg/kg p.o. alle 12h) und Vitamin B6 (2 mg/kg p.o alle 24-48 h) zur Verminderung der Oxalatausscheidung in den Harn zusätzlich zur Diät versucht werden. Es ist allerdings zu beachten, dass Kaliumzitrat alkalisierende Eigenschaften hat und eventuell das Risiko für Struvit erhöht. 6 Schwierige Fälle und kontroverse Diskussionen Über einige Themen in Bezug auf die diätetische Behandlung von Harnsteinen bei Hunden und Katzen herrscht sehr große Unsicherheit unter den Tierhaltern. Vor allem in Internetforen wird darüber sehr heftig und emotional diskutiert, wobei oft der Eindruck entsteht, dass es sich um eine Art „Glaubenskrieg“ handelt, bei dem wissenschaftlich belegbare Fakten nur eine untergeordnete Rolle spielen. Es liegt nahe, dass sich verunsicherte Tierhalter mit ihren Sorgen an Sie wenden. In diesen Fällen sollten Sie den Tierhalter fachlich fundiert Rede und Antwort stehen können. Das vorliegende Kapitel soll Ihnen dabei helfen. 6.1

Sinnvoller Einsatz von Salz zur Steigerung der Trinkmenge

Die Erhöhung des Natriumgehalts im Futter hat sich als sehr wirksam zur Steigerung der Wasseraufnahme und des Harnvolumens erwiesen. Auf diese Weise kann die relative Übersättigung (der RSS-Wert) des Harns gesenkt und das Risiko einer Kristallbildung effektiv vermindert werden. Natriumgehalte von 1%-1,5% im


Trockenfutter für Hunde und Katzen können das Harnvolumen signifikant (um bis zu 82%) steigern. Solche Natriummengen im Futter wurden vom NRC (National Research Council, USA, (2006) offiziell als gesundheitlich unbedenklich für gesunde Hunde und Katzen eingestuft, vorausgesetzt eine ausreichende Trinkwasseraufnahme ist jederzeit möglich. Sie führen nicht zu einer messbaren Blutdrucksteigerung und werden im Allgemeinen gut vertragen. Vorsicht ist Abb. 23: Ein moderat erhöhter Salzgehalt jedoch bei Patienten mit Niereninsuffizienz im Futter steigert das Harnvolumen. geboten, da diese häufig auch an Bluthochdruck leiden (etwa 20% aller Katzen mit CNI). Natriumreiche Futtermittel könnten bei salzempfindlichen Individuen Blutdruck steigernd wirken und somit das Fortschreiten einer CNI begünstigen. Daher sollten sie sicherheitshalber bei allen Herz- und Nierenpatienten vermieden werden. Nach derzeitigem Kenntnisstand in der Humanmedizin wird der Blutdruck nur bei einem geringen Prozentsatz aller Patienten von der Salzaufnahme beeinflusst. Für Hunde und Katzen wurde der Zusammenhang bisher noch gar nicht nachgewiesen, es wird aber angenommen, dass es auch hier vereinzelt salzsensitive Individuen geben könnte. Zu betonen ist, dass es sich hierbei um eine Vorsichtsmaßnahme handelt, deren tatsächliche Wirksamkeit bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Ein weiterer Diskussionspunkt ist der Einfluss einer erhöhten Kochsalzzufuhr auf die Kalziumausscheidung im Harn und somit das Risiko für Ca-Oxalat-Harnsteine. Zwar konnte sowohl beim Menschen als auch bei Hund und Katze gezeigt werden, dass eine erhöhte Natriumaufnahme mit einer erhöhten Kalziumausscheidung im Urin einhergeht. Andererseits haben sich Diätfuttermittel mit einem erhöhten Na-Gehalt als effektiv zur Senkung des Oxalatsteinrisikos erwiesen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist die Annahme, dass der Harn-Volumen steigernde Effekt des Natriums sich stärker auswirkt als die natriumabhängige Steigerung der Kalziumausscheidung. Oder anders ausgedrückt: Es wird zwar mehr Ca mit dem Harn ausgeschieden, dies wird aber in dem größeren Harnvolumen so stark verdünnt, das die effektive CaKonzentration im Harn in mg/ml (die für die Bildung von Ca-Oxalat-Steinen maßgeblich ist) gar nicht höher, sondern sogar niedriger ist als bei Verabreichung einer salzärmeren Nahrung. 6.2 Trockenfutter für Harnsteinpatienten Die Verabreichung von Trockenfutter wird häufig als Risikofaktor für Harnsteine angesehen. Diese Annahme stützt sich auf ältere Studien: • ULACIA (1986) stellte fest, dass die Katzen, ausschließlich nur mit Trockenfutter ernährt wurden, ein 4 – 5-mal größeres Risiko für FLUTD hatten • eine Studie von MARKWELL et al. (1998) wies eine geringere FLUTDRezidivrate bei mit Feuchtfutter ernährten Katzen gegenüber ausschließlich mit Trockenfutter ernährten Katzen nach (11% vs. 39%). • In einer Studie von MARKWELL &HURLEY 2001 wies der Harn von mit Feuchtfutter ernährten Katzen niedrige RSS-Werte für beide Steinsorten auf, während bei Gabe eines nährstoffidentischen Trockenfutters der Struvit-RSSWert zwar nahezu konstant blieb, der Kalziumoxalat-RSS-Wert jedoch deutlich anstieg.


Auf der Basis dieser Ergebnisse lässt sich vermuten, dass reine Trockenfütterung ein Risikofaktor der Kalziumoxalatbildung bei Katzen ist. Bei Struvitsteinen scheint eine Trockenfütterung hingegen unproblematisch zu sein. Sie lassen sich mit einer passend zusammengesetzten Trockenfutterdiät ebenso gut auflösen bzw. verhindern wie mit der Feuchtfuttervariante der gleichen Diät. Für Kalziumoxalat konnte allerdings auch in einer aktuellen Untersuchung aus den Niederlanden gezeigt werden, dass die Sättigung des Urins mit Kalzium und Oxalat bei Fütterung eines Trocken-Alleinfutters höher ist als bei Verwendung einer kommerziell erhältlichen Rohfleisch-Rationen (Dijcker et al.2012). Durch eine moderate Erhöhung des Kochsalzgehaltes in der Ration lässt sich der KalziumoxalatRSS-Wert und somit das Risiko der Bildung von Kalziumoxalatkristallen im Harn jedoch wieder effektiv senken, wie Lulich et al. (2005) an Beagles zeigen konnten. Dieser Effekt wird in der Rezeptur von Urinary S/O berücksichtigt, so dass diese Diäten auch in der Trockenvariante ihre therapeutische bzw. prophylaktische Wirkung gegen Struvit und Kalziumoxalat entfalten. Sollten bei einem Tier wiederholt Harnsteine auftreten, empfiehlt es sich jedoch auf Trockenfütterung zu verzichten, da davon auszugehen ist, dass die spontane Wasseraufnahme des Patienten zu gering ist. Trockenfutter sollte dann allenfalls eingeweicht (1:1 beginnen, steigern auf 1 Teil Futter zu 4 Teilen Wasser), und auch Feuchtnahrung kann noch zusätzlich mit Wasser versetzt werden. 6.3 Harnsteindiät im Mehrkatzenhaushalt Die gezielte Verabreichung einer Harnstein-Diät in einem Mehrkatzenhaushalt stellt eine echte Herausforderung dar. Es liegt zwar meistens auf der Hand, dass nur eine oder einzelne Katzen diese Diät benötigen, da es sich nicht um eine „ansteckende Erkrankung“ handelt sondern um ein Geschehen, das von vielen individuellen Faktoren abhängt. Die Fütterung anderer, gesunder adulter Katzen mit Urinary S/O stellt im Allgemeinen kein Problem dar. Eventuell ist die Energiedichte für Katzen mit Übergewicht jedoch zu hoch. Dann sollte den normalgewichtigen Katzen das Futter an einem Ort angeboten werden, zu dem die übergewichtige Katze keinen Zugang hat (auf dem Schrank, auf der obersten Etage des Kratzbaums oder in einem festen Karton, aus dem vorne nur ein schmales Eingangstürchen ausgeschnitten wurde). Nicht geeignet sind Harnsteindiäten für Katzen im Wachstum oder sehr alte Katzen. Hier sollte eine getrennte Fütterung versucht werden. Dazu können Beobachtungen zum territorialen verhalten der Katzen in der Wohnung sinnvoll sein. Manchmal teilen die Katzen den Wohnraum genau unter sich auf, z.B. das Erdgeschoss und die erste Etage. Das lässt sich für eine separate Fütterung ausnutzen. Ein Kompromiss kann auch sein, dass zweimal täglich in Anwesenheit das richtige Feuchtfutter gezielt an jede Katze gefüttert wird und zwischendurch ein Trockenfutter zur Verfügung steht, dass einen annehmbaren Kompromiss für alle Katzen darstellt (Futter mit dem S/OIndex). Schwierig wird dies jedoch bei wachsenden Katzen: Welpenfutter hat keine harnansäuernden Eigenschaften und enthält deutlich mehr Kalzium und Phosphat als eine Harnsteindiät, um eine ungestörte Mineralisierung des wachsenden Skeletts zu gewährleisten. Kätzchen sollten mindestens in den ersten 6, besser noch in den ersten 12 Lebensmonaten eine ausgewogenes Welpenfutter erhalten und müssen daher von Harnsteinpatienten getrennt gefüttert werden. Als letzte Möglichkeit, Katzen getrennt zu füttern, die nicht ständig unter menschlicher Aufsicht sind, bleibt noch die Transponderfütterung: Es gibt heute bereits Katzenklappen, die den beim Tierarzt unter die Haut implantierten Microchip zu elektronischen Kennzeichnung einer Katzen „lesen“ können. Diese Klappen können nicht nur in Türen, sondern


auch in eine Futterbox aus Holz eingebaut werden, die dann nur die Katze mit dem „richtigen“ Chip betreten kann. 6.4

Harnsteine bei Welpen Grundsätzlich sind Urinary S/O-Diäten bei gesunden wachsenden Hunden kontraindiziert: Ihr Eiweißgehalt ist zu gering, sie enthalten zu wenig Ca und P um das Wachstum optimal zu unterstützen, und die Ansäuerung kann die Knochenmineralisation stören (Azidose).

Abb. 24: Harnsteindiäten erfüllen nicht die Anforderungen an eine ausgewogene Welpennahrung.

Aber: Welpen mit Harnsteinen bedürfen einer diätetischen Behandlung! Zunächst sollte bei diesen Hunden eine eventuell vorhandene Harnwegsinfektion mit Antibiotika gezielt und ausreichend lange therapiert werden. Gleichzeitig ist auf eine reichliche Flüssigkeitsaufnahme und häufige Gelegenheit zum Urinabsatz zu achten. Diese Maßnahmen allein lösen das Problem schon in vielen Fällen, die Fütterung eines ausgewogenen Welpenfutters kann dann durchgängig beibehalten werden. Allerdings sollte die Zusammensetzung der Welpennahrung genau überprüft werden, was die Mineralisierung angeht: Überschüsse bei Kalzium und Phosphor, aber auch bei Magnesium kommen gelegentlich in Produkten für Welpen vor. Der Rohaschegehalt sollte nicht zu hoch sein. Das Nahrungseiweiß muss hochwertig sein und in der Menge an den Wachstumsbedarf angepasst, die Proteinmenge aber nicht überhöht sein. Ein kurzfristiger Einsatz von Urinary S/O (z. B. gegen eine Kristallurie, bis die Infektion unter Kontrolle ist, oder bis zur OP, damit der Stein nicht noch größer wird) ist möglich (Bartges 2004). Auf Anzeichen einer Mangelernährung ist jedoch zu achten, vor allem besteht das Risiko einer Eiweißunterversorgung (Kontrolle der Gewichtsentwicklung, des Albumingehaltes im Serum, Fellqualität).


6.5

Harnsteine und…(Kombi-Erkrankungen)

Hunde und Katzen können zusätzlich zu einer Harnsteinproblematik noch andere Erkrankungen haben, die ebenfalls diätpflichtig sind. Hier ist es im Einzelfall nicht immer leicht, eine Entscheidung zu treffen, welche Diät gefüttert werden soll, da diese manchmal gegensätzliche Eigenschaften aufweisen. Die häufigsten Fälle von „Kombi-Erkrankungen“ sind nachfolgend mit Tipps für eine diätetische Empfehlung aufgelistet. Harnsteine und Übergewicht: Welches Problem geht man zuerst an?

Abb. 25.: Diätetische Behandlung und Anschlussfütterung von Katzen mit Harnsteinen bei Normalgewicht, Übergewicht oder nach der Kastration

Übergewicht stellt einen Risikofaktor für Harnsteine dar und sollte im Zuge der Therapie abgebaut werden. Bei übergewichtigen Katzen können also zunächst vorhandene Struvitsteine mit Urinary S/O Moderate Calorie aufgelöst werden. Danach können die Katzen mit Obesity Management mit S/O-Index bei gleichzeitiger Vorbeugung gegen weitere Harnsteine auf ihr Normalgewicht gebracht werden (Abb. 25). Bei Hunden hat nur die Feuchtnahrung Obesity Management den S/O-Index. Diese eignet sich gut für kleine, übergewichtige Hunde als Einstieg bis zum Erreichen des Normalgewichts, kommt zur ausschließlichen Fütterung von großen Hunden mit Harnsteinen eher nicht infrage. Die Lösung besteht für letztere in einer restriktiven Fütterung mit Urinary S/O Moderate Calorie Trockennahrung. Harnsteine bei nierenkranken Tieren: ein diätetischer Konflikt? Grundsätzlich ist das parallele Auftreten von Harnsteinen und Niereninsuffizienz eher selten. Im Zuge der Nierenerkrankung produzieren die Tiere deutlich mehr und stärker verdünnten Urin, so dass das Risiko für eine Kristallbildung sinkt. Gelegentlich kommen aber bei Nierenpatienten Kalziumoxalate in den oberen Harnwegen (z.B. im Nierenbecken) vor. Da diese häufig nicht operativ angegangen werden können, ist zumindest eine diätetische Prophylaxe anzustreben, damit die Steine nicht noch an Größe zunehmen. Urinary S/O und die Nierendiät Renal unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung und ihrem Einfluss auf den Urin-pH: Urinary S/O wirkt moderat ansäuernd, während Renal aufgrund des enthaltenen


Kaliumzitrats eher alkalisierend wirkt. Zudem ist Urinary S/O auch aufgrund des erhöhten Salzgehaltes für Nierenpatienten kontraindiziert. Eine gute Lösung für Hunde und Katzen mit Struvit- oder Kalziumoxalatsteinen, die gleichzeitig an einer Niereninsuffizienz leiden, ist Renal Feuchtnahrung mit dem S/O-index. Magen-Darm-empfindliche Tiere mit Harnsteinen Sollten Hunde und Katzen mit Harnsteinen an Erbrechen und Durchfall erkranken, ist gegen eine kurzfristige Behandlung mit einer Magen-Darm-Schonkost nichts einzuwenden. Idealerweise sollte Feuchtnahrung bevorzugt werden. Bei der Katze ist die Anwendung der Royal Canin-Magen-Darm-Diäten auch bei chronischen MagenDarm-Problemen völlig unproblematisch, da Gastrointestinal und Gastrointestinal Moderate Calorie sowohl in der Trocken- als auch der Feuchtfuttervariante den S/OIndex besitzen. Bei Hunden, die über längere Zeit eine Magen-Darm-Schonkost benötigen, wäre ggf. Hypoallergenic Small Dog zu empfehlen, das ebenfalls den S/O-Index hat. Besonders wichtig ist es, bei Hunden und Katzen mit Durchfall und/oder Erbrechen auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, wenn diese auch ein Harnsteinproblem haben. Durch Flüssigkeitsmangel sind sie gezwungen, ihren Harnstärker zu konzentrieren, was das Harnsteinrisiko erhöht. Futtermittelallergie und Harnsteine Hunde und Katzen mit einer Futtermittelallergie benötigen eine Nahrung, die nur Komponenten enthält, gegen die sie nicht sensibilisiert sind. Selbst eine vorübergehende Fütterung mit anderem Futter kann bei ihnen wieder Allergiesymptome auslösen (z.B. Juckreiz oder Durchfall). Die hypoallergen Diät hat also Vorrang. Futtermittelallergische Katzen können sowohl mit Hypoallergenic als auch mit Sensitivity Control ernährt werden, da beide Produkte den S/O-Index besitzen. Für Hunde mit Futtermittelallergie bietet sich Hypoallergenic Small Dog mit S/O-Index an. Zucker vs. Steine – wie füttert man diabetische Tiere mit Urolithiasis?

Abb. 26: Mit „high protein“Diäten lässt sich ein starker Blutzuckeranstieg nach der Mahlzeit verhindern.

Die Rezepturen von Urinary S/O und Diabetic unterscheiden sich vor allem im Proteingehalt: Während das Futter für Diabetiker „high protein“ sein soll, ist bei Harnsteinen ein moderat reduzierter Eiweißgehalt gefordert, da der Eiweißstickstoff in Form von Ammonium im Harn erscheint und ein Bestandteil des Struvit ist. Ein guter Kompromiss für die Ernährung von diabetischen Tieren mit Harnsteinen ist die Feuchtnahrung Diabetic, die sowohl für Hunde als auch für Katzen den S/OIndex hat.

Harnsteine und Pankreatitis Die Diagnose Pankreatitis wird in jüngster Zeit immer häufiger gestellt, insbesondere bei Katzen. Meistens besteht schon vorher eine andere Grunderkrankung, im vorliegenden Fall eine Urolithiasis. Zu bedenken ist, dass jeder Futterwechsel das Risiko für einen Pankreatitsschub birgt. Diäten mit niedrigem Fettgehalt und S/O-


Index sind bei der Katze: Urinary Moderate Calorie (Trockenfutter: 11% Fett), Sensitivity Control (Trockenfutter: 11% Fett) und Obesity Mangement (Trockenfutter: 10% Fett). Für welches Futter man sich entscheidet hängt letztendlich vom individuellen Fall ab: sind die Harnsteine das vorrangige Problem? Zeigt die Katze Magen-Darm-Symptome oder ist sie eventuell übergewichtig? Für Hunde mit Harnsteinen und Pankreatitis bietet sich Urinary S/O Moderate Calorie oder Obesity Mangement Feuchtnahrung mit S/O-Index an. 7

Produktübersicht

Abb. 27: bei Katzen wird immer öfter eine Pankreatitis diagnostiziert.

Der Behandlung und Prophylaxe von Harnsteinen, insbesondere von Struvit und Kalziumoxalat bei Hunden und Katzen ist widmen sich die Produktentwickler bei Royal Canin sehr intensiv. Nicht nur, weil sich das Wissen über die diätetischen Möglichkeiten in den letzten 10 Jahren stark erweitert hat, sondern auch, weil Harnsteinerkrankungen – vor allem bei Katzen – ein wichtiges Thema im Tagesgeschäft jeder tierärztlichen Praxis sind. Dabei geht es nicht immer nur um die Behandlung des akuten Falls (Auflösung des Steins, Rezidivprophylaxe nach OP) sondern auch um Möglichkeiten einer optimal bedarfsdeckenden Versorgung für Tiere unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Größe mit einem erhöhten Risiko für Harnsteine. Nicht zuletzt kann sich zu einer Harnsteinerkrankung auch noch ein weiteres gesundheitliches Problem gesellen, dass diätetisch zu berücksichtigen ist. Für alle diese Fälle bietet Royal Canin eine passende Lösung an.

Abb 28.: Entwicklung des Sortiments für Harnsteindiäten von Royal Canin

7.1

Veterinary Diet Urinary zur Harnsteintherapie und -nachsorge

Veterinary Diet Urinary ist das ROYAL CANIN Diätsortiment für Hunde und Katzen mit Erkrankungen der Harn ableitenden Wege. Bei Urolithiasis bietet es je nach Harnsteintyp die Möglichkeit einer effektiven diätetischen Auflösung des Harnsteins oder einer Steinprophylaxe (d.h. die Neubildung von Harnsteinen wird verhindert; das


Größenwachstum bereits vorhandener Konkremente wird gestoppt). Auch als therapiebegleitende Maßnahme bei entzündlichen Erkrankungen der Harn ableitenden Wege können diese Diäten (insbesondere das Feuchtfutter) eingesetzt werden.

7.1.1 Urinary S/O Trocken- und Feuchtfutter Für Urinary S/O gibt es drei Hauptanwendungsgebiete: • • •

Die Auflösung von Struvitsteinen oder –kristallen. Die Verhinderung der Neubildung von Struvit- und Oxalatharnsteinen. Die Unterstützung des Heilungsprozesses bei Blasenentzündungen.

Das S/O hinter dem Produktnamen steht für „S/O-Index“, eine von ROYAL CANIN entwickelte Rezeptur, die eine gleichzeitige Wirkung gegen Struvit (Prophylaxe und Auflösung vorhandener Steine) und Oxalat ermöglicht. Hintergrund dieser 2006 eingeführten Rezepturänderung waren neue Erkenntnisse zur Entstehung von Harnsteinen und die erweiterten labordiagnostischen Möglichkeiten zur Harnuntersuchung bei Hund und Katze (siehe auch Kapitel RSS-Wert).


oder Die Mineralstoffzusammensetzung von Urinary beeinflusst die Konzentration der Stein bildenden Substanzen, aber auch der Faktoren, die eine Kristallbildung hemmen begünstigen, so dass das Risiko für die Bildung von Struvit- und CaOxalat-Harnsteinen gleichzeitig minimiert wird. Im Gegensatz zu früheren Rezepturen steht dabei also die Ansäuerung des Urins nicht mehr allein im Vordergrund. Reine Struvitsteine können mit Urinary S/O vollständig aufgelöst werden. Für Katzen gibt es das Feuchtfutter Urinary S/O in den Geschmacksrichtungen Huhn und Rind. Mit Urinary S/O können 90% aller Harnsteinerkrankungen bei Katzen wirksam behandelt werden. Für Katzen mit Harnsteinen aus Urat oder Cystin bzw. für Katzen und Hunde mit Ca-Oxalatsteinen und Anzeichen einer Niereninsuffizienz empfiehlt sich die Fütterung von Renal. Urinary S/O High Dilution für Katzen Katzen sind von Harnsteinerkrankungen deutlich häufiger betroffen als Hunde. Urinary S/O High Dilution ist eine Trockendiätfutter für Katzen, das 2008 neu eingeführt wurde. Aufgrund seines im Vergleich zu Urinary S/O noch niedrigeren RSSWertes für Struvit dient es einer noch schnelleren Auflösung solcher Steine (innerhalb von 3-4 Wochen, in vitro sogar innerhalb von 18 Tagen, d.h. fast doppelt so schnell wie mit Urinary S/O). Der stärkere Harn verdünnende Effekt (beruhend auf einem geringgradig höheren Salzgehalt als in Urinary S/O) gewährleistet auch bei Katzen, die ausschließlich Trockenfutter fressen, eine ausreichende Spülung der Harnwege. Voraussetzung dabei ist eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme. Es ist daher bei der Verwendung von Urinary S/O High Dilution besonders wichtig, darauf zu achten, dass die Katze jeder Zeit Zugang zu frischem Trinkwasser hat. Die Anwendung von Urinary S/O High Dilution empfiehlt sich insbesondere bei: • Rezidiven einer Struviturolithiasis • bisherigem Therapieversagen bei gesicherter Struvitdiagnose • großen Struvitsteinen, wenn eine operative Entfernung kontraindiziert ist. Urinary S/O Moderate Calorie für Hunde und Katzen Übergewicht stellt einen Risikofaktor für Harnsteinerkrankungen dar. Eine wichtige therapiebegleitende Maßnahme ist daher die Wiederherstellung bzw. Aufrechterhaltung des Normalgewichtes bei Hunden und Katzen mit Harnsteinen. Für Tiere mit Neigung zu Übergewicht bietet Royal Canin die Urinary S/O-Produkte in einer kalorienreduzierten Variante an: • Urinary S/O Moderate Calorie Trockenfutter für Hunde und Katzen • Urinary S/O Moderate Calorie Feuchtnahrung im Frischebeutel (mit Lachs) für Katzen


Urinary S/O Small Dog für Hunde In wissenschaftlichen Untersuchungen zur Epidemiologie von Harnsteinen hat sich gezeigt, dass kleine Hunde < 15 kg besonders häufig an Harnsteinen erkranken. In dieser Größenklasse gibt es wiederum Rassen mit einer besonderen Prädisposition für Harnsteine, z.B. Zwergschnauzer, Bichon Frisé und Yorkshire Terrier. Royal Canin bietet speziell für diese Hunde ein maßgeschneidertes Urinary S/O Sortiment an: • Das Trockenfutter Urinary S/O Small Dog • Das Feuchtfutter Urinary S/O im Frischbeutel (Stückchen in Soße) für besonders wählerische Hunde • Das Feuchtfutter Urinary S/O in der kleinen 200 g Dose, ideal an die Tagesrationen kleiner Hunde angepasst.

Urinary S/O Olfactory Attraction für Katzen Mit Urinary S/O Olfactory Attraction hat Royal Canin eine weitere Trockenfutter-Variante auf den Markt gebracht, die sich durch eine besonders hohe Akzeptanz auszeichnet. Mit diesem Produkt können mäkelige Katzen, die sich bisher nicht auf Urinary S/O einstellen ließen, erfolgreich in eine diätetische Harnsteinbehandlung einbezogen werden. Die hohe Akzeptanz beruht auf der speziellen Kroketten- Technologie, die Royal Canin auch für die besonders schmackhaften Pro-dukte aus dem Fachhandel (Exigent) anwendet und auf der für Katzen höchst attraktiven Proteinquelle: Fisch. Der Kaloriengehalt von Urinary S/O Olfactory Attraction ist reduziert und liegt etwa auf


dem Niveau von Urinary S/O Moderate Calorie, so dass auch mit diesem Produkt Übergewicht wirksam vorgebeugt werden kann. 7.1.2 Urinary U/C Trockenfutter für Hunde Urinary U/C Low Purine ist die erste Diät speziell für Hunde mit der Neigung zu Zystin- und Uratsteinen. Für Urinary U/C gibt es zwei Hauptanwendungsgebiete: • Die Prophylaxe und die Unterstützung der Auflösung von Cystin-, Urat- und Xanthinharnsteinen bei Hunden (die Auflösung dieser Steine mit rein diätetischen Maßnahmen ist zwar möglich, meistens ist aber eine parallele medikamentelle Behandlung erforderlich) • Die diätetische Unterstützung der Therapie bei Leishmaniose. Bei Leishmaniose, einer der sogenannten Reisekrankheiten des Hundes, ist häufig eine Therapie mit Allopurinol erforderlich. Diese blockiert den Harnsäurestoffwechsel auf der Stufe des Xanthins, so dass ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Xanthinharnsteinen besteht. Xanthin ist ein Abbauprodukt der Purine, die z.B. Bestandteile des Zellkernmaterials, der DNS sind. Zur Vermeidung von Xanthinsteinen empfiehlt sich also eine Purin-arme Ernährung, wie sie mit Urinary U/C gewährleistet ist. Bei erwachsenen Hunden mit einer genetischen Prädisposition für die oben genannten Steinarten (z.B. Dalmatiner) empfiehlt sich die vorbeugende Anwendung von Urinary U/C Low Purine.

Für Dalmatinerwelpen, die sich noch im Wachstum befinden, eignet sich die Diätnahrung Hypoallergenic aufgrund ihres ebenfalls sehr geringen Puringehalts.


7.2

Harnstein-Prophylaxe: Nahrungen mit S/O Index

Die Neigung zu Erkrankungen der ableitenden Harnwege hängt von verschiedenen Faktoren ab: Kastration, Alter und Rasse spielen hier z.B. eine Rolle. Außerdem können jederzeit weitere Erkrankungen, z.B. eine Niereninsuffizienz oder ein Diabetes mellitus hinzukommen und die diätetische Behandlung des Patienten komplizieren. Sind entsprechende Risikofaktoren bei einem Tier bekannt, kann durch eine speziell angepasste Ernährung effektiv vorgebeugt werden. ROYAL CANIN hat ein Sortiment an Diätnahrungen (Veterinary) und Prophylaxe-Nahrungen für gesunde Tiere (Vet Care Nutrition) entwickelt, die Struvit- und Kalziumoxalat-Harnsteinen wirksam vorbeugen können. Zu erkennen sind diese Nahrungen an dem Logo „S/O-Index“ auf der Verpackung. 7.2.1

Für Katzen

Abb 29: Produkte für gesunde Katzen mit dem S/O-Index – exklusiv beim Tierarzt.

Harnsteine sind vor allem bei Katzen ein Thema. Daher kommt es in der tierärztlichen Praxis relativ häufig vor, dass eine Katze mit Harnsteinen und einer weiteren Erkrankung behandelt werden muss. In diesem Fall gibt es dann häufig Konflikte bei der Wahl der richtigen Diät. Royal Canin ist daher schon seit längerer Zeit bemüht, die RSS-Werte aller Katzendiäten so einzustellen, dass sie die Bedingungen des S/O-Index erfüllen. Der Erfolg dieser Bemühungen kann sich sehen lassen: Inzwischen bieten die meisten Diäten für Katzen von Royal Canin eine Prophylaxe für Struvit und Kalziumoxalat-Harnsteine (siehe Abb. 30). Bei den Produkten Renal und Diabetic besitzen nur die Feuchtnahrungen den S/O-Index. Aber auch im Bereich der physiologischen Nahrung für gesunde Katzen weisen alle Produkte für ausgewachsene Katzen – egal ob Feucht- oder Trockennahrung – inzwischen den S/O-Index auf (Abb.29). Sie sind somit die ideale Anschlussfütterung für Katzen mit Harnsteinen nach erfolgreicher Behandlung mit Urinary S/O.

Abb. 30: Diätnahrungen für Katzen mit dem S/O-Index

7.2.2 Für Hunde Kleine Hunde unter 15 kg Körpergewicht sind am häufigsten von Harnsteinen betroffen. Gerade bei ihnen kann es also vorkommen, dass außer den


Harnsteinen noch eine weitere diätpflichtige Erkrankung bei der Ernährung berücksichtigt werden muss. Royal Canin bietet deshalb in allen Diäten für kleine Hunde eine Harnsteinprophylaxe gegen Struvit und Kalziumoxalat, gekennzeichnet durch das Logo S/O-Index auf der Verpackung. Hierzu gehört auch die Diätnahrung Calm, die gegen milden Stress eingesetzt werden kann und für Hunde bis 15 kg konzipiert wurde. Zusätzlich besitzen auch die Feuchtnahrungen Obesity Management und Diabetic den S/O-Index. Im Bereich der Futtermittel für gesunde Tiere sind alle Produkte für kleine Hunde und die Feuchtnahrung Mature für Senior-Hunde mit dem S/O-Index gekennzeichnet (siehe Abb.31)

Abb. 31: Produkte von Royal Canin mit dem S/O-Index – exklusiv in der Tierarztpraxis.

Fernkolleg Harnwege  

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