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Glauben

Aggiornamento: Eine Kirche für heute Das II. Vatikanische Konzil (1). Aggiornamento – abgeleitet vom italienischen „giorno“ für Tag – ist ursprünglich ein Begriff aus der Buchhaltung. Er bedeutet, Register auf den aktuellen Stand zu bringen. In unserer EDV-technisch durchwirkten Kultur würde ihm wohl der Ausdruck des „Update“ entsprechen. Es ist die genuine Leistung von Papst Johannes XXIII., dass er diesen administrativ anmutenden Begriff einschlägig theologisch gefüllt hat. In seiner Eröffnungsansprache zum II. Vatikanischen

Aggiornamento bringt zwei Dinge zusammen: die Wahrung der kirchlichen Identität durch Öffnung nach außen und Erneuerung im Inneren. Konzil greift er darauf zurück, um seine Idee des Konzils zu präzisieren: „Es ist unsere feste Zuversicht: Durch ein angemessenes Aggiornamento und durch eine kluge Organisation der gegenseitigen Zusammenarbeit wird die Kirche erreichen, dass die einzelnen Menschen, die Familien und die Völker mit größerer Aufmerksamkeit die himmlischen Dinge beachten.“ (Gaudet Mater Ecclesia)

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Erneuerung durch Öffnung

Aus diesem Satz spricht die Konzilsidee Johannes’ XXIII. – verdichtet im Wort des Aggiornamento. Offenbar geht es darum, die Kirche an den heutigen Tag heranzuführen, sie zu erneuern, ihr die notwendigen „Updates“ zu verschaffen. Dieses Erneuerungsprogramm hat jedoch ein klares Ziel: die Vertiefung des Glaubens. Aggiornamento bringt damit zwei Dinge zusammen, die oft fälschlicherweise gegenübergestellt wer-

den: nämlich die Wahrung der kirchlichen Identität durch Öffnung nach außen und Erneuerung im Inneren. Bedeutende Konzilsforscher, wie der Italiener G. Alberigo, haben festgehalten, dass das Konzil in seinem Verlauf und in seinen zentralen Texten dem Programm des Aggiornamento gefolgt ist. Aus dieser Perspektive heraus entsteht ein Dokument mit dem sprechenden Titel „Kirche in der Welt von heute“: die Pastoralkonstitution Gaudium et spes. Im Sinne des Aggiornamento begreift sich die Kirche in der Kirchenkonstitution Lumen gentium als pilgerndes Gottesvolk, das stets der Reinigung bedürftig ist (vgl. LG 9). Aus der Notwendigkeit für die Kirche, in der Gegenwart anzukommen, beginnt die Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen mit den programmatischen Worten Nostra aetate – „In unserer Zeit“. Sie bereitet den Weg für einen von gegenseitiger Wertschätzung geprägten Dialog der Religionen.

zu deuten. Und schließlich führt die Interpretation des Konzils als Aggiornamento, als Heranführung der Kirche an die Gegenwart, zu einer angemessenen Aneignung des Konzils: Eine Kirche im Gefolge des Konzils muss auch im heutigen Heute anzukommen suchen. Gerade dies dient der Vertiefung des Glaubens.  Ansgar Kreutzer. Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der KatholischTheologischen Privatuniversität Linz.

Ein Schlüsselbegriff

Für das rechte theologische Verständnis des II. Vatikanums ist der Begriff des Aggiornamento zentral. Er ist der interpretatorische Schlüssel zum Konzil. Es fasst die Intention des Initiators Papst Johannes XXIII. zusammen. Von seiner Perspektive her sind die einzelnen Konzilstexte

Ausgabe 6 | Dezember 2012 5

Ypsilon 6_2012  
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Ypsilon, Magazin der KMBOE

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