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Volkswirtschaft kompakt Ökonomische Zusammenhänge verstehen

Die Lösungen finden Sie unter www.klv.ch beim jeweiligen Produkt.

Gernot Hugo Frank Sehling


Gernot Hugo Bankkaufmann, Dipl.-Volkswirt, Ausbilder mit eidg. Fachausweis, langjährige Tätigkeit in der Verwaltung, Buchhaltung und Geschäftsführung. Seit über 15 Jahren in der beruflichen Weiterbildung auf verschiedenen Stufen tätig.

Frank Sehling Unterrichtstätigkeit seit 2011 auf den Stufen Höhere Fachprüfung und Höhere Fachschule im Bereich Volkswirtschaft, Fachvorstand VWL am Bildungs­zentrum BVS St. Gallen. Diplom in Politikwissenschaft (Dipl. sc. pol. Univ.) der Universität München.

Alle Rechte vorbehalten Ohne Genehmigung des Herausgebers ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus in irgendeiner Form zu reproduzieren. Der Verlag hat sich bemüht, alle Rechteinhaber zu eruieren. Sollten allfällige Urheberrechte geltend gemacht werden, so wird gebeten, mit dem Verlag Kontakt aufzunehmen. Haftungsausschluss Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle wird keine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte verlinkter Seiten übernommen. Die Verantwortung für diese Seiten liegt ausschliesslich bei deren Betreibern. © by KLV Verlag AG Layout und Cover KLV Verlag AG, Mörschwil 2. Auflage 2019 ISBN 978-3-85612-691-9 KLV Verlag AG | Quellenstrasse 4e | 9402 Mörschwil Telefon +41 71 845 20 10 | Fax +41 71 845 20 91 info@klv.ch | www.klv.ch


Inhaltsverzeichnis Vorwort ................................................................................................................................................... 6

1 Grundlagen

7

1.1 Die Volkswirtschaftslehre & ihre Teilgebiete ............................................................................ 7 1.2 Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre .................................................................................. 8 1.3 Wirtschaftssysteme ..................................................................................................................... 16 Aufgaben zu Kapitel 1 ............................................................................................................................. 19 Zusammenfassung zu Kapitel 1 ............................................................................................................ 18

2

Angebot & Nachfrage

21

2.1 Preisbildung im Preis-Mengen-Diagramm ................................................................................ 21 2.2 Preiselastizitäten ......................................................................................................................... 25 2.3 Verschiebungen der Angebots- & Nachfragekurve ................................................................... 28 2.4 Staatliche Eingriffe in die Marktpreisbildung ............................................................................ 32 2.5 Marktformen ................................................................................................................................ 39 Zusammenfassung zu Kapitel 2 ............................................................................................................ 41 Aufgaben zu Kapitel 2 ............................................................................................................................. 42

3

Wirtschaftskreislauf & Sozialprodukt 3.1 3.2 3.3

53

Einfacher Wirtschaftskreislauf ................................................................................................... 53 Erweiterter Wirtschaftskreislauf ............................................................................................... 54 Sozialproduktbegriffe im Wirtschaftskreislauf ......................................................................... 56

Zusammenfassung zu Kapitel 3 ............................................................................................................ 63 Aufgaben zu Kapitel 3 ............................................................................................................................. 64

4

Geld, Geldwert & Geldwertstörungen

66

4.1 Funktionen des Geldes ................................................................................................................ 67 4.2 Geldmengenbegriffe .................................................................................................................... 67 4.3 Aufgaben einer Notenbank – die Schweizerische Nationalbank ............................................... 69 4.4 Geldpolitische Instrumente der Schweizerischen Nationalbank .............................................. 71 4.5 Geldschöpfung der Geschäftsbanken ......................................................................................... 75 4.6 Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) ............................................................................... 76 4.7 Störungen des Geldwerts ............................................................................................................ 80 4.7.1 Inflation ............................................................................................................................. 80 4.7.2 Deflation ............................................................................................................................ 86 4.7.3 Stagflation ........................................................................................................................ 88 Zusammenfassung zu Kapitel 4 ............................................................................................................ 89 Aufgaben zu Kapitel 4 ............................................................................................................................. 91


5 Konjunkturtheorie

97

5.1 Konjunkturzyklus ......................................................................................................................... 97 5.2 Konjunkturindikatoren ................................................................................................................ 100 5.3 Ursachen konjunktureller Schwankungen ................................................................................. 102 5.4 Die Finanz- & Schuldenkrise seit 2008 ...................................................................................... 103 Zusammenfassung zu Kapitel 5 ............................................................................................................ 106 Aufgaben zu Kapitel 5 ............................................................................................................................. 107

6 Konjunkturpolitik 6.1 6.2

6.3 6.4

110

Klassische Wirtschaftstheorie ................................................................................................... 110 Antizyklische Konjunkturpolitik .................................................................................................. 111 6.2.1 Antizyklische Fiskalpolitik: Die Theorie von John Maynard Keynes ............................. 112 6.2.2 Antizyklische Geldpolitik ................................................................................................. 117 Monetaristische Konjunkturpolitik ............................................................................................. 117 Angebotsorientierte Konjunktur- & Wirtschaftspolitik ............................................................. 121

Zusammenfassung zu Kapitel 6 ............................................................................................................ 123 Aufgaben zu Kapitel 6 ............................................................................................................................. 125

7

Öffentliche Finanzen

128

7.1 Einnahmen & Ausgaben des Staates ......................................................................................... 128 7.2 Steuern ......................................................................................................................................... 130 7.3 Staatsverschuldung ..................................................................................................................... 133 7.4 Die Folgen einer zu hohen Staatsverschuldung – die Griechenlandkrise ................................ 140 Zusammenfassung zu Kapitel 7 ............................................................................................................ 142 Aufgaben zu Kapitel 7 ............................................................................................................................. 143

8

Strukturwandel & Arbeitslosigkeit

146

8.1 Strukturelle Merkmale einer Volkswirtschaft ........................................................................... 146 8.2 Ursachen des Strukturwandels .................................................................................................. 148 8.3 Strukturpolitik .............................................................................................................................. 149 8.4 Standortfaktoren ......................................................................................................................... 149 8.5 Arbeitslosigkeit ............................................................................................................................ 150 Zusammenfassung zu Kapitel 8 ............................................................................................................ 156 Aufgaben zu Kapitel 8 ............................................................................................................................. 157

9 Wachstum

159

9.1 Grundüberlegungen ..................................................................................................................... 159 9.2 Bestimmungsfaktoren ................................................................................................................. 161 9.2.1 Produktionsfaktor Arbeit ................................................................................................. 161 9.2.2 Produktionsfaktor Boden ................................................................................................ 162


9.3

9.2.3 Produktionsfaktor Kapital ............................................................................................... 163 9.2.4 Produktionsfaktor Wissen ............................................................................................... 164 Grenzen des Wachstums ............................................................................................................. 166

Zusammenfassung zu Kapitel 9 ............................................................................................................ 168 Aufgaben zu Kapitel 9 ............................................................................................................................. 169

10 Sozialpolitik

171

10.1 Grundbegriffe ............................................................................................................................... 171 10.2 Lorenzkurve ................................................................................................................................. 173 10.3 Soziale Sicherung in der Schweiz ............................................................................................... 175 10.4 Zukünftige Herausforderungen im Rahmen der Sozialpolitik .................................................. 179 Zusammenfassung zu Kapitel 10 ........................................................................................................... 182 Aufgaben zu Kapitel 10 ........................................................................................................................... 183

11 Marktversagen & Umweltproblematik

186

11.1 Fehlender Wettbewerb ................................................................................................................ 186 11.2 Asymmetrische Information ....................................................................................................... 188 11.3 Externer Nutzen (Öffentliche Güter) & andere Güterkategorien .............................................. 189 11.4 Externe Kosten & die Wirksamkeit umweltpolitischer Massnahmen ...................................... 190 Zusammenfassung zu Kapitel 11 ........................................................................................................... 195 Aufgaben zu Kapitel 11 ........................................................................................................................... 196

12 Aussenwirtschaft

199

12.1 Chancen & Risiken des Freihandels & des Protektionismus .................................................... 199 12.2 Zahlungsbilanz ............................................................................................................................. 203 12.3 Bedeutung des Aussenhandels für die Schweiz ........................................................................ 208 12.4 Wechselkurse ............................................................................................................................... 209 12.5 Europäische Integration & das Verhältnis der EU zur Schweiz ................................................. 218 12.6 Internationale Organisationen .................................................................................................... 228 12.7 Entwicklungs- & Schwellenländer ............................................................................................. 231 Zusammenfassung zu Kapitel 12 ........................................................................................................... 234 Aufgaben zu Kapitel 12 ........................................................................................................................... 237

Anhang 242 Literaturverzeichnis ............................................................................................................................... 242 Verzeichnis von Online-Quellen ............................................................................................................. 242 Bildquellenverzeichnis ........................................................................................................................... 242 Stichwortverzeichnis .............................................................................................................................. 243


1

Grundlagen

Lernziele –– Sie erläutern die Ziele und Grundlagen des Wirtschaftens und nennen die Inhalte von Mikro- und Makro­ökonomie. –– Sie kennen die Ziele, Mittel, Träger und Grenzen der verschiedenen Teilbereiche der Wirtschaftspolitik in der Schweiz und zeigen deren gegenseitige Abhängigkeiten auf. –– Sie erläutern die Produktionsfaktoren der wirtschaftliche Leistungserstellung (Arbeit, Boden, Kapital, Wissen) und schätzen deren Bedeutung für die Schweizer Volkswirtschaft ein. –– Sie wenden die volkswirtschaftlichen Grundbegriffe (Wirtschaftlichkeit, Produktivität, Minimum-, Maximum-, Optimumprinzip, Opportunitätskosten) im konkreten Zusammenhang an. –– Sie verstehen die Ordnungsbereiche einer Wirtschaft und vergleichen anhand dieser zentralen Unterscheidungsmerkmale die verschiedenen Wirtschaftssysteme (freie Marktwirtschaft, soziale Marktwirtschaft, Planwirtschaft).

1.1

Die Volkswirtschaftslehre & ihre Teilgebiete

Eine Gesellschaft muss zahlreiche Entscheidungen treffen, z. B. welche Arbeit von wem getan wird, wer Brot erzeugt, wer Autos repariert und wer Computersoftware programmiert. In der Gesellschaft muss aber auch entschieden werden, wie die erzeugten Waren und Dienstleistungen verteilt werden, d. h., wer Kaviar isst und wer Kartoffeln, wer einen Ferrari fährt und wer den Bus nimmt. Arbeitskräfte, aber auch der Boden, Gebäude und Maschinen sind knapp. Knappheit bedeutet, dass die Gesellschaft weniger anzubieten hat, als die Menschen haben wollen. Volkswirtschaftslehre ist die Lehre darüber, wie aufgrund der Knappheit der Ressourcen die mensch­lichen Bedürfnisse befriedigt werden können. Die Volkswirtschaftslehre befasst sich mit dem menschlichen Entscheidungsverhalten: wie viel die Menschen arbeiten, was sie einkaufen, wie viel sie sparen und wie sie ihre Ersparnisse anlegen. Die Volkswirtschaftslehre hat die Aufgabe, wirtschaftliche Vorgänge zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren.

1 Grundlagen | 7


Teilgebiete der Volkswirtschaftslehre

Volkswirtschaftslehre

Mikroökonomie

Makroökonomie

Wirtschaftspolitik

befasst sich mit den Beziehungen zwischen Haus­halten und Unternehmen, z. B. wie sich Preise im Markt bilden, wie Mindestlöhne Arbeitslosigkeit hervorrufen können, wie Arbeitnehmer ihre Zeit auf Arbeit und Freizeit aufteilen.

untersucht die gesamt­ wirtschaftlichen Zusammenhänge auf einem Markt, in einem Land oder auf der Ebene der Weltwirtschaft insgesamt, z. B. das Volkseinkommen, das Wirtschaftswachstum, die Arbeitslosigkeit, die Exporte und Importe, die Wechselkurse.

befasst sich mit der Gestaltung der Wirtschaftsordnung und der wirtschaftlichen Abläufe durch den Staat, z. B. über Steuer­politik, Geldpolitik, Sozialpolitik.

Sehling, Frank (2014): Die Volkswirtschaftslehre

1.2

Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre

Die Ziele der Wirtschaftspolitik – Das Magische Sechseck Betreibt der Staat Wirtschaftspolitik, verfolgt er damit gewisse Ziele:

Wirtschaftswachstum (bessere Versorgung mit Waren und Dienstleistungen) Umweltschutz (Erhaltung der natürlichen Lebens­grundlagen)

Vollbeschäftigung (Vermeidung von Arbeits­ losigkeit)

Sozialer Ausgleich (gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung)

Preisstabilität (Vermeidung von Inflation/ Deflation)

Aussenwirtschaftliches Gleichgewicht (Wert des Imports = Wert des Exports) Sehling, Frank (2014): Das magische Sechseck. In Anlehnung an das Historische Lexikon der Schweiz, Begriff Wirtschaftspolitik http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13759.php

8 | 1 Grundlagen

Magisches Sechseck


Zielbeziehungen Ist das Wirtschaftswachstum stark, d. h. verkaufen die Unternehmen immer mehr Güter (beispielsweise eine Schreinerei immer mehr Holzprodukte), erhöhen die Produzenten die Preise für ihre Waren (etwa weil sie höhere Lohnkosten durch zusätzliche Beschäftigte haben). Dies kann zu einer Inflation (Teuerung) führen, weshalb das Ziel der Preisstabilität negativ beeinflusst wird.

Zielbeziehungen

Zielkonflikt Die Erreichung eines Ziels verhindert die Erreichung eines anderen Ziels. Manche Ziele ergänzen und fördern sich, z. B. wird bei Wirtschaftswachstum gleichzeitig das Ziel der Vollbeschäftigung unterstützt. Die Schreinerei beschäftigt mehr Personen, die Arbeitslosigkeit sinkt. Zielharmonie Die Erreichung eines Ziels unterstützt die Erreichung eines anderen Ziels. Wieder andere Ziele stehen in keinem Zusammenhang. Wenn der Staat versucht, einen sozialen Ausgleich, etwa durch die Zahlung von Sozialhilfe an Bedürftige, herzustellen, hat dies keinen direkten Einfluss auf den Umweltschutz. Zielneutralität Die Erreichung eines Ziels hat keinen Einfluss auf die Erreichung eines anderen Ziels. Weil es so schwierig ist, alle Ziele gleichzeitig zu erreichen oder in einem gewissen Gleichgewicht zu halten, nennt man diese sechs wirtschaftspolitischen Ziele das Magische Sechseck. In der Schweiz sind Vollbeschäftigung, Preisstabilität, Wirtschaftswachstum und sozialer Ausgleich ähnlich stark gewichtet.

Mittel, Träger und Grenzen der wirtschaftspolitischen Ziele Nachfolgende Tabelle zeigt überblicksweise die Mittel, Träger und Grenzen der sechs wirtschaftspolitischen Ziele. Vertiefende Informationen hierzu finden Sie in den weiteren Kapiteln dieses Lehrbuchs. Ziel

Mittel

Träger

Grenzen

Wirtschaftswachstum Kapitel 6, 8 und 9

Deregulierung, Steuer­politik, Bildungs­politik, Strukturpolitik, Konjunkt­urpolitik

Politische Entscheidungs­ träger (Bundesrat, Nationalrat, Ständerat, Kantonsregierungen und -parlamente, Volk über Abstimmungen)

Umweltverschmutzung, hoher Ressourcenverbrauch

Vollbeschäftigung Kapitel 8

Strukturpolitik, Konjunkturpolitik, Bildungspolitik, Arbeitsmarkt­politik

Politische Entscheidungs­ träger (siehe oben)

Problem Struktur­ erhaltung, hoher finanzieller Aufwand →

1 Grundlagen | 9


Ziel

Mittel

Träger

Grenzen

Preisstabilität Kapitel 4

Geldpolitik

Schweizerische Nationalbank

Negative Auswirkungen auf die Konjunktur möglich

Sozialer Ausgleich Kapitel 10

Sozialversicherungen, Sozialhilfe, Arbeitsschutz, Konsumentenschutz

Politische Entscheidungs­ träger (siehe oben)

Hoher finanzieller Aufwand und starke Umverteilung

Umweltschutz Kapitel 9 und 11

Umweltpolitik

Politische Entscheidungs­ träger (siehe oben)

Umweltschutzgesetze können grosse finanzielle Belastung für Unternehmen bedeuten, Massnahmen zum Umweltschutz oft nur global wirksam

Aussenwirtschaftliches Gleichgewicht Kapitel 12

Aussenwirtschafts­ politik

Freihandelsabkommen, internationale Wirtschafts­ organisationen, exportorientierte Unternehmen, SNB (Wechselkurs)

Wirtschaftsstruktur, Produktivität, Staatsverschuldung, Preis­stabilität

Maslow-Pyramide Die Menschen haben Bedürfnisse bzw. konkrete Konsumwünsche, die sie mit Konsumgütern stillen möchten z. B. Nahrung, Kleidung, ärztliche Behandlung, Wohnung, Polizeischutz, Autos, Flugreisen. Gegensatzpaar

Unbegrenzte Bedürfnisse

Maslow-Pyramide

Knappheit an Gütern

Bedürfnisse können in einer hierarchischen Pyramide angeordnet werden, benannt nach ihrem amerikanischen Erfinder Maslow. Die menschlichen Bedürfnisse bilden die «Stufen» der Pyramide. Der Mensch versucht, zuerst die Bedürfnisse der niedrigsten Stufe zu befriedigen, bevor die nächste Stufe zum neuen Bedürfnis in Angriff genommen wird. Erst das inzwischen befriedigte Bedürfnis erhöht die Motivation, ein weiteres zu befriedigen. Beispiele für die 5 Stufen der Pyramide 5 4

5.  Selbstverwirklichung: Individualität und Talent­entfaltung (eigene Band gründen, ehrenamtliche Tätigkeit in Hilfsorganisationen) 4. Anerkennungs-/Wertschätzungsbedürfnisse: Geld, Ferrari, «Klassenbester»

3

3. Soziale Bedürfnisse/Zugehörigkeit: Familie, Vereinsmitgliedschaft

2

2. Sicherheitsbedürfnisse: festes Einkommen, medizinische Versorgung

1

1. Grund-/Existenzbedürfnisse: Atmen, Trinken, Essen, Schlafen

Sehling, Frank (2014): Die 5 Stufen der Pyramide

10 | 1 Grundlagen


3

Wirtschaftskreislauf & Sozialprodukt

Lernziele –– Sie erläutern den einfachen und erweiterten Wirtschaftskreislauf. –– Sie lokalisieren das Sozialprodukt und das Volkseinkommen im Kreislauf. –– Sie erklären die verschiedenen Sozialproduktbegriffe und grenzen sie voneinander ab.

3.1

Einfacher Wirtschaftskreislauf

Die Verflechtungen in einer Volkswirtschaft – z. B. zwischen Unternehmen und Haushalten – können vereinfacht mithilfe des sogenannten Wirtschaftskreislaufs (= Kreislauf der Güter und des Geldes, Tauschbeziehungen) dargestellt werden.

Arbeit, Kapital, Boden, Wissen Lohn, Zins, Bodenrente,Gewinne (z. B. Selbstständigeneinkommen)

Unternehmen

Haushalte

Zahlung der Güter Güter (Waren und Dienstleistungen)   Güterstrom resp. Ressourcenstrom   

 Geldstrom

Sehling, Frank (2014): Der einfache Wirtschaftskreislauf

Hauptakteure des Wirtschaftskreislaufs sind die Gesamtzahl der Haushalte auf der einen Seite und die Gesamtzahl der Unternehmen auf der anderen Seite. Unternehmen stellen Güter her, die die Haushalte zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse konsumieren (Güterstrom). Für den Kauf von Waren (Lebensmittel, Autos, Smartphones) und die Inanspruchnahme von Dienstleistungen (Coiffeure, Reparaturen, Fitnessstudios) bezahlen die Haushalte Geld an die Unternehmen (Geldstrom). Die Haushalte stellen jedoch auch den Unternehmen etwas (nämlich ihre Ressourcen) zur Verfügung: ihre Arbeitskraft, ihren Boden, ihr Kapital und ihr Wissen. Kommen Ihnen diese Begriffe bekannt vor? Es handelt sich um die Produktionsfaktoren aus dem Kapitel 1. Der Arbeitsmarkt, der Bodenmarkt und der Kapitalmarkt werden deshalb auch als Faktormärkte bezeichnet.

siehe Kapitel 1

3  Wirtschaftskreislauf & Sozialprodukt | 53


Arbeitskräfte erhalten für ihre Tätigkeit, ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten von den Unternehmen Lohn bezahlt. Von ihrem ersparten Geld kauft der eine oder andere Haushalt vielleicht Aktien oder Anleihen einer Firma. Einzelne werden vielleicht auch Mitinhaber eines Unternehmens. Haushalte stellen somit ihr Kapital Unternehmen zur Verfügung. Die Entschädigung, die die Haushalte hierfür erhalten – auch in Form von Dividenden – wird als Zins bezeichnet.

Hauptakteure im einfachen Wirtschaftskreislauf sind die Haushalte und die Unternehmen.

Durch Vermietung, Verpachtung oder durch den Verkauf ihres Bodens stellen die Haushalte den Unternehmen auch diesen Produktionsfaktor zur Verfügung. Möchte etwa ein Unternehmen eine neue Produktionshalle bauen, wird es vielleicht ein neues Grundstück kaufen müssen. Oder wenn die Migros einen neuen Markt vor der Stadt plant, bekommt sie den Standort von einem Bauern verpachtet. Die Zahlungen, die die Haushalte hierfür erhalten, werden als Bodenrente bezeichnet. Der Begriff «Rente» bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Boden einen Ertrag abwirft, er rentiert. Bitte verwechseln Sie nicht die Bodenrente mit einer Rente, die die AHV, die IV oder die Pensionskassen zahlen.

3.2

Erweiterter Wirtschaftskreislauf

Der einfache Wirtschaftskreislauf stellt die stark vereinfachten Zusammenhänge in einer geschlossenen Volkswirtschaft dar. Schweizer Haushalte konsumieren jedoch nicht nur inländische Güter, sondern in starkem Masse auch Waren aus dem Ausland. Viele Schweizer Unternehmen verkaufen ihre Güter nicht nur im Inland, sondern sind stark exportorientiert. Auch der Staat greift in die Wirtschaft ein, indem er Steuern erhebt (Mehrwertsteuer, Tabaksteuer, Einkommenssteuer usw.), Subventionen an Landwirtschaftsbetriebe zahlt, Aufträge zum Strassenbau vergibt und Arbeitskräfte für die Verwaltung benötigt. Haushalte wiederum investieren ihr Geld nicht unbedingt direkt in Unternehmen, sondern legen ihr Erspartes normalerweise bei einer Bank an, die diese Gelder wiederum als Kredite an Unternehmen verleiht, um Investitionen zu ermöglichen.

Der erweiterte Kreislauf ergänzt den einfachen um die Banken, das Ausland und den Staat.

Werden diese Zusammenhänge berücksichtigt, ergibt sich aus dem einfachen Wirtschaftskreislauf der erweiterte Wirtschaftskreislauf, d. h. zuzüglich der drei weiteren Akteure: Ausland, Banken, Staat. Unternehmen stellen Waren her und erbringen Dienstleistungen. Zusammen mit der gegebenen Ausstattung einer Volkswirtschaft mit Produktionsfaktoren bildet dies den Güterstrom. Wie kommt nun das Geld in den Wirtschaftskreislauf? Den Geldkreislauf steuert die Schweizerische Nationalbank. Durch die ihr zur Verfügung stehenden Instrumente kann sie Geld in Umlauf bringen oder Geld dem Wirtschaftskreislauf entziehen.

54 |  3  Wirtschaftskreislauf & Sozialprodukt

siehe Kapitel 4


5

Konjunkturtheorie

Lernziele –– Sie verstehen den Zusammenhang zwischen den Konjunkturzyklen und dem Wirtschaftswachstum sowie zwischen der konjunkturellen Entwicklung und den Entwicklungen auf dem Arbeits- und Geldmarkt. –– Sie schätzen die aktuelle konjunkturelle Lage anhand geeigneter Konjunkturindikatoren ein.

5.1

Konjunkturzyklus

Im Kapitel 3 haben wir uns mit dem Begriff des Bruttoinlandprodukts beschäftigt. Das BIP beinhaltet alle Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einer Volkswirtschaft hergestellt werden (und zu Preisen bewertet sind). Im Idealfall steigt das BIP jedes Jahr, sodass wir über mehr Waren und Dienstleistungen verfügen können. In diesem Fall wächst unser Wohlstand, neue Arbeitsplätze entstehen. Umgekehrt kann das BIP aber auch fallen, z. B. weil aufgrund eines Hurri­ kans Produktionsanlagen und Maschinen vernichtet werden, Krieg ausbricht oder sonstige Ereignisse die Wirtschaft negativ beeinflussen. Blickt man in die Vergangenheit, lassen sich mehr oder weniger ständige Auf- und Abwärtsbewegungen der wirtschaftlichen Aktivität bzw. des BIP (u. a. ausgelöst durch die angesprochenen Ursachen) beobachten. Diese wellenförmigen Bewegungen bezeichnen wir als Konjunktur.

siehe Kapitel 3

siehe Kapitel 5.3

Konjunktur bedeutet allgemein, dass der Auslastungsgrad des Produktionspotenzials in einer Volkswirtschaft ziemlich regelmässig schwankt. Der Konjunkturverlauf wird mithilfe des realen BIP gemessen. Gleichzeitig verändern sich mit dem BIP u. a. aber auch die Arbeitnehmereinkommen, die Gewinne, der Konsum, die Investitionen, die Produktion und die Umsätze. Das Produktionspotenzial ist die gesamtwirtschaftliche Produktion, die bei einer vollständigen Auslastung aller Produktionsfaktoren (Maschinen, Gebäude, Erwerbspersonen) erreicht wird. Eine genaue Berechnung ist jedoch nicht möglich, das Produktionspotenzial kann nur geschätzt werden.

Der Unterschied zwischen nominalem und realem BIP Das nominale (oder nominelle) BIP misst die Wirtschaftsleistung zu aktuellen/ laufenden Preisen des jeweiligen Jahres, d. h., die Inflation ist beim nominalen BIP mit enthalten. Die Teuerung verzerrt jedoch das Wachstum erheblich. Deswegen wird sie herausgerechnet, sodass man als Grösse das reale BIP erhält. Dabei bezieht man sich auf ein Basisjahr. Die folgende Tabelle zeigt die Funktionsweise der Berechnung.

siehe Kapitel 4.6

5 Konjunkturtheorie | 97


Jahr

Menge

Preis

BIP nominal

Wachstumsrate BIP nominal

BIP real

Wachstumsrate BIP real

2016

300

2.00

600

600

2017

300

2.20

660

10 %

600

0 %

2018

320

2.20

704

6.7 %

640

6.7 %

2019

350

2.50

875

24.3 %

700

9.4 %

2020

350

2.40

840

– 4 %

700

0 %

In obigem Beispiel wird das Jahr 2016 als Basisjahr festgelegt, von dem ausgehend das reale BIP berechnet wird. Berechnung des nominalen BIP: Gütermenge des laufenden Jahres × Preis des laufenden Jahres. Berechnung des realen BIP: Gütermenge des laufenden Jahres × Preis des Basisjahres. Angenommen, in einer Volkswirtschaft wird nur ein einziges Gut hergestellt. Im ersten Jahr (2016) werden davon 300 Stück produziert. Ein Stück kostet CHF 2.00. Das nominale BIP beträgt folglich CHF 600.00, das reale BIP ebenfalls. Ein Jahr später – 2017 – bleibt die Produktion bei 300 Stück, der Preis steigt jedoch von CHF 2.00 auf CHF 2.20. Das nominale BIP steigt dementsprechend auf CHF 660.00. Real werden jedoch nicht mehr Stück hergestellt, wie das reale BIP zeigt: Es beträgt unverändert CHF 600.00. 2018 bleibt der Preis im Vergleich zum Vorjahr unverändert, die produzierte Menge nimmt jedoch um 20 Stück zu. Folglich steigen nominales und reales BIP im gleichen Umfang. 2019 steigen sowohl die Produktionsmenge als auch der Preis: Die Preissteigerung von 13.6 % (2.50 – 2.20/2.20) bläht das nominale BIP erheblich auf. Inflationsbereinigt steigt das BIP jedoch nur um 9.4 %. 2020 zeigt schliesslich den Effekt fallender Preise bei gleichbleibender Produktionsmenge: Nominal geht das BIP zurück, real ist es unverändert.

Der Konjunkturverlauf im Überblick Die nachfolgende Abbildung zeigt den idealisierten Konjunkturverlauf mit den einzelnen Phasen: BIP real in Mrd. CHF Überausgelastete Kapazitäten

Konjunktur (Auslastung des Produktionspotenzials)

Unausgelastete Kapazitäten

Konjunkturelle Schwankungen

Langfristiger Wachstumstrend des BIP

Produktionspotenzial bei Normauslastung

Diagramm 5-1: Der klassische Konjunkturzyklus. Das Diagramm zeigt die Verände-

Aufschwung

Boom

Abschwung

98 | 5 Konjunkturtheorie

Rezession/ Depression

Aufschwung

Jahre

rung des realen BIP in Mrd. CHF über mehrere Jahre.


11

Marktversagen & Umweltproblematik

Lernziele –– Sie unterscheiden vier Situationen, in denen der Markt versagt. –– Sie sind sich der Ursachen und Wirkungen der durch private Haushalte und Unternehmen verursachten Umweltbelastung bewusst und legen die volkswirtschaftlich zu tragenden Wirkungen dar. –– Sie beurteilen die Wirksamkeit umweltpolitischer Massnahmen.

Auf einem Markt treffen sich Anbieter und Nachfrager, die sich dort über den Preis und über die Menge der gehandelten Güter bzw. Ressourcen einig werden. In gewissen Situationen kann jedoch der Markt nicht richtig funktionieren bzw. ein Marktergebnis zu unerwünschten Nebeneffekten führen. Ökonomisch formuliert: Der Markt versagt. Vier Arten von Marktversagen werden unterschieden:

Anbieter

MARKT

Nachfrager

Marktversagen

Fehlender Wettbewerb: Monopolist legt höhere Preise fest, als wenn Wettbewerb besteht.

Asymmetrische Information: Ein Tauschpartner (Anbieter oder Nach­ frager) hat Informationsvorsprung.

Externer Nutzen: Bei bestimmten Gütern (öffentlichen Gütern) ist es für Anbieter nicht rentabel, sie auf dem Markt zur Verfügung zu stellen.

Sehling, Frank (2014). Die vier Arten von Marktversagen

11.1

Fehlender Wettbewerb

Im Markt zeigt sich oftmals die Tendenz, den Wettbewerb einzuschränken oder auszuschalten. So führt der Staat beispielsweise Zölle, Einfuhrkontingente oder Produktnormen ein und begünstigt dadurch inländische Unternehmen. Dadurch werden künstlich Knappheiten geschaffen. Ein weiteres Problem sind Monopole: Anbieter, die ein Monopol besitzen, legen höhere Preise fest als unter Wettbewerbsbedingungen und können somit überdurchschnittliche Profite erzielen. Ähnlich verhält es sich, wenn Unternehmen Preis- oder Mengenabsprachen treffen. Eingeschränkter Wettbewerb führt also

186 |  11  Marktversagen & Umweltproblematik

Externe Kosten: Ein Marktergebnis führt dazu, dass Unbeteiligte negative Auswirkungen erleiden.


dazu, dass sich Unternehmen Gewinne sichern können, ohne die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern. Haben Sie bei einem Grenzübertritt auf Ihre mitgebrachten Waren schon einmal Zoll bezahlen müssen? Wenn der Staat Zölle auf Importprodukte erhebt, möchte er die Einfuhr behindern, um damit die heimische Wirtschaft oder einzelne Branchen gegenüber dem Ausland zu schützen. Der Staat betreibt Protektionismus (= Schutz der heimischen Wirtschaft), indem er Handelshemmnisse einführt. Zwei Arten protektionistischer Massnahmen werden unterschieden.

Protektionismus

Tarifäre Handelshemmnisse –  Zölle

Nichttarifäre Handelshemmnisse – Einfuhrverbote und Importkontingente (mengenmässige Beschränkung) –  Produktnormen –  Subventionen

Sehling, Frank (2014). Der Protektionismus

Tarifäre Handelshemmnisse sind Zölle (engl. tariff = dt. Zoll). Zölle führen dazu, dass sich der Import der betreffenden Güter verteuert und diese somit preislich weniger attraktiv sind. Nichttarifäre Handelshemmnisse sind alle anderen Handelshemmnisse ausser Zöllen. Dazu gehören z. B. Einfuhrverbote (etwa bei bestimmten Arzneimitteln). Ausserdem gibt es für viele Güter Importkontingente, z. B. wie viel Kilogramm Erdbeeren eingeführt werden dürfen. Besonders bedeutende nichttarifäre Handelshemmnisse sind staatlich festgelegte Produktnormen. Dazu gehören bspw. technische Vorschriften, die sich etwa auf ein Produkt beziehen (Beschaffenheit, z. B. Brandschutzsicherheit bei einem Bauprodukt), Prüfungen, Inspektionen, Zertifizierungen von Gütern oder die Zulassung von Produkten (z. B. Zulassung von Arzneimitteln). In der Schweiz sind diese Vorschriften – auf Bundesebene – in über 30 Gesetzen und mehr als 160 Verordnungen enthalten. Legt jeder Staat seine Vorschriften (z. B. Höchstwert der von Geräten ausgehenden elektromagnetischen Strahlung) unabhängig von denjenigen anderer Staaten fest, kann der grenzüberschreitende Handel eingeschränkt werden. Technische Handelshemmnisse bedeuten für die Hersteller höhere Entwicklungs-, Herstellungs- und Vertriebskosten sowie Verzögerung bei der Einführung neuer Produkte. Nachteilige Wirkungen für die Konsumenten sind eine geringere Produkteauswahl bei tendenziell höheren Preisen. Auch staatliche Subventionen in Form von Steuererleichterungen, Finanzhilfen oder Gewährung vergünstigter Kredite ermöglichen den Unternehmen ein Überleben. Ohne diese Beihilfen müsste die inländische Produktion eingestellt werden, da gleichwertige Güter auf dem Weltmarkt deutlich günstiger beschafft werden könnten.

11  Marktversagen & Umweltproblematik | 187

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Volkswirtschaft kompakt - Ökonomische Zusammenhänge verstehen  

Theorie & Aufgaben inkl. digitaler Lösungen 2. Auflage 2019

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