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Rechtskunde

Alois Stadlin | Bernd Riemek | Andreas H. KĂśnig

Rechtskunde Praxisorientierte EinfĂźhrung in das Recht


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Wie nutze ich QR-Codes in Internet-Recherchen? Recherchen Aufgaben

Mit diesem Signet werden spannende Themen markiert, die zu eigenen InternetRecherchen einladen.

RechercheAufgaben

Primärquellen sind spannend. Dank des World Wide Web finden Sie dazu Zugang. Am Ende der Aufgabensammlung jedes Kapitels finden sich hierfür Internet-Recherche-Aufgaben (R-Aufgaben). Zahlreiche R-Aufgaben sind mit QR-Codes (Quick Response Codes) ergänzt. Für jedes Smartphone gibt es verschiedene Gratis-Apps (z.B. QR Droid für Android-Systeme). Damit können die QR-Codes spontan eingelesen werden. Probieren Sie es mit einer Musteraufgabe aus. - Schnelle Variante mit Smartphone: QR-Code mit dem App einlesen. - Oder Variante Browser: In der Suchmaschine Google die angegebenen Stichworte eingeben.

R 2 Mc Donalds-Index  Wie lange arbeitet ein Schweizer durchschnittlich für einen Big Mac? Wie lange ein Inder oder ein Kenianer? ➞ Google:  Big Mac Index, Arbeitszeit

Innerhalb der ersten Treffer finden Sie eine passende Auswahl von möglichen Quellen zum vorgeschlagenen Thema.

Probieren Sie es aus. Viel Spass! Ihr Autorenteam


Inhalt

Inhalt

Inhalt Begrüssungen������������������������������������������������������������������������������������������������������������8. Editorial des Verlegers..............................................................................................................................8

Ein Wort an die Lernenden...................................................................................................................9 Zu den aktuellen Autoren...................................................................................................................10 Aufbau des Lehrmittels......................................................................................................................10 Lernziele.............................................................................................................................................11 Bearbeitung der neuen Auflage.........................................................................................................11 Abkürzungen......................................................................................................................................12

1 Staatliche Rechtsordnung.....................................................................................13 1.1 Entstehung und Aufgabe des Rechts....................................................................................13 1.2 Staatsziele und Rechtsstaat..................................................................................................15 1.2.1 Legalitätsprinzip................................................................................................... 15 1.2.2 Pflichten der Bürger................................................................................................17 1.2.3 Grund- und Menschenrechte..................................................................................17 1.2.3.1 Meinungsfreiheit.....................................................................................17 1.2.3.2 Eigentumsgarantie.................................................................................18 1.3 Die Rechtsquellen.................................................................................................................20 1.3.1 Geschriebenes Recht............................................................................................20 1.3.2 Gewohnheitsrecht...................................................................................................21 1.3.3 Gerichtspraxis.........................................................................................................21 1.3.4 Richterliche Rechtsfindung....................................................................................21 1.4 Gliederung des Rechts..........................................................................................................22 1.4.1 Öffentliches Recht...................................................................................................24 1.4.2 Privatrecht...............................................................................................................26 1.4.2.1 Personenrecht.........................................................................................27 1.4.2.2 Sachenrecht............................................................................................30 1.4.2.3 Allgemeine Rechtsgrundsätze...............................................................34 1.5 Rechtspflege......................................................................................................................37 1.5.1 Zivil- und Strafprozess..........................................................................................37 1.5.1.1 Rechtsmittel..........................................................................................40 1.5.1.2 Gerichtsorganisation.............................................................................41 1.5.2 Das Verwaltungsverfahren...................................................................................43 Aufgaben zu Kapitel 1..........................................................................................................................45 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 1........................................................................................59

2 Handelsregister................................................................................................ 63 2.1 Geschäftsfirmen................................................................................................................. 63 2.2 Handelsregisteramt..............................................................................................................65 2.3 Vollmachten..........................................................................................................................68 Aufgaben zu Kapitel 2..........................................................................................................................71 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 2........................................................................................78

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Inhalt

Inhalt 3 Rechtsformen................................................................................................... 79 3.1 Übersicht............................................................................................................................ 79 3.2 Einzelunternehmung (  EU  )................................................................................................. 81 3.3 Einfache Gesellschaft...........................................................................................................82 3.4 Kollektivgesellschaft (  KG  )....................................................................................................83 3.5 Aktiengesellschaft (  AG  )........................................................................................................86 3.5.1 Merkmale der AG....................................................................................................86 3.5.2 Gründung, Statuten, Firma.....................................................................................86 3.5.3 Organisation der AG................................................................................................87 3.5.4 Aktienkapital...........................................................................................................90 3.5.5 Gewinnverteilung....................................................................................................92 3.5.6 Haftung....................................................................................................................92 3.5.7 Eignung und Bedeutung der AG..............................................................................94 3.6 Gesellschaft mit beschränkter Haftung (  GmbH  ).................................................................95 3.7 Genossenschaft.....................................................................................................................96 3.8 Unternehmungszusammenschlüsse...................................................................................98 Aufgaben zu Kapitel 3........................................................................................................................100 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 3......................................................................................110

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Allgemeiner Teil OR.........................................................................................113

4.1

Die Obligation................................................................................................................... 113 4.1.1 Was ist eine Obligation  ?........................................................................................113 4.1.2 Wie entsteht eine Obligation  ?...............................................................................114 4.2 Der Vertragsabschluss.......................................................................................................117 4.2.1 Entstehung eines Vertrages..................................................................................117 4.2.2 Die Form des Vertrages.........................................................................................119 4.2.3 Inhalt und Abschluss des Vertrages.....................................................................121 4.2.4 Nichtige und anfechtbare Verträge.......................................................................122 4.3 Die Vertragserfüllung.........................................................................................................124 4.3.1 Gegenstand, Ort und Zeit der Erfüllung................................................................124 4.3.2 Die Verjährung.......................................................................................................126 4.4 Die Sicherung der Vertragserfüllung..................................................................................127 4.4.1 Die Kaution............................................................................................................128 4.4.2 Das Faustpfand (  Fahrnispfand  )............................................................................128 4.4.3 Das Grundpfand (  Hypothek  ).................................................................................128 4.4.4 Das Retentionsrecht..............................................................................................130 4.4.5 Der Eigentumsvorbehalt.......................................................................................130 4.4.6 Die Konventionalstrafe..........................................................................................132 4.4.7 Die Bürgschaft.......................................................................................................133 4.4.8 Die Zession (  Abtretung  )........................................................................................134 Aufgaben zu Kapitel 4........................................................................................................................135 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 4......................................................................................149

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Inhalt

Inhalt 5 Kaufvertrag .....................................................................................................153

5.1

Der Fahrniskauf..................................................................................................................154 5.1.1 Übergang des Eigentums......................................................................................154 5.1.2 Übergang von Nutzen und Gefahr.........................................................................154 5.1.3 Erfüllungsort, Transportkosten und Gerichtsstand.............................................156 5.1.4 Vertragsverletzungen durch den Verkäufer..........................................................157 5.1.4.1 Nichterfüllung.......................................................................................158 5.1.4.2 Lieferverzug..........................................................................................158 5.1.4.3 Mangelhafte Lieferung (  nicht gehörige Erfüllung  )..............................163 5.1.5 Vertragsverletzungen durch den Käufer...............................................................166 5.1.6 Besondere Arten des Fahrniskaufs......................................................................168 5.1.6.1 Konsumkreditverträge..........................................................................168 5.1.6.2 Kaufverträge mit Konsumentenschutz im OR......................................170 5.1.6.3 Weitere Arten der Kaufverträge............................................................171 5.2 Der Grundstückkauf............................................................................................................172 Aufgaben zu Kapitel 5........................................................................................................................173 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 5......................................................................................192

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Verträge auf Gebrauchsüberlassung...............................................................195

6.1 Übersicht über die Vertragsarten.......................................................................................195 6.2 Mietvertrag..........................................................................................................................195 6.2.1 Abschluss und Beendigung des Vertrages...........................................................195 6.2.2 Pflichten und Rechte im Mietvertrag....................................................................197 6.2.3 Mietzinshöhe bei unbeweglichen Sachen.............................................................198 6.2.4 Schlichtungsbehörden..........................................................................................199 6.3 Der Leasingvertrag.............................................................................................................200 6.4 Der Pachtvertrag.................................................................................................................201 Aufgaben zu Kapitel 6........................................................................................................................202 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 6......................................................................................207

6

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Verträge auf Arbeitsleistung............................................................................209

7.1 7.2

Übersicht über die Vertragsarten.......................................................................................210 Der Einzelarbeitsvertrag.....................................................................................................210 7.2.1 Form und Inhalt des Vertrages..............................................................................210 7.2.2 Pflichten des Arbeitnehmers................................................................................211 7.2.3 Pflichten des Arbeitgebers...................................................................................212 7.2.4 Beendigung des Arbeitsverhältnisses..................................................................215 7.2.5 Das Konkurrenzverbot..........................................................................................217 7.3 Der Lehrvertrag..................................................................................................................218 7.4 Gesamtarbeits- und Normalarbeitsvertrag.......................................................................219 7.4.1 Der Gesamtarbeitsvertrag....................................................................................219 7.4.2 Der Normalarbeitsvertrag....................................................................................220 7.5 Der Werkvertrag..................................................................................................................221 7.6 Der einfache Auftrag...........................................................................................................222 Aufgaben zu Kapitel 7........................................................................................................................223 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 7......................................................................................244


Inhalt

Inhalt 8 Verschuldungsproblematik ............................................................................ 247 8.1 Der richtige Umgang mit Geld – die Budgetierung.............................................................247 8.1.1 Warum ein Budget  ?...............................................................................................247 8.1.2 Die Schuldenfalle..................................................................................................251 8.1.3 Privatkonkurs (  Insolvenzerklärung  ).....................................................................252 8.2 Zwangsvollstreckung..........................................................................................................253 8.3 Übersicht über die Betreibungsarten.................................................................................254 8.4 Grenzen der Zwangsvollstreckung und allg. Vorschriften.................................................255 8.5 Einleitung der Betreibung...................................................................................................257 8.6 Betreibung auf Pfändung....................................................................................................262 8.7 Betreibung auf Pfandverwertung.......................................................................................265 8.8 Betreibung auf Konkurs......................................................................................................266 8.8.1 Konkursarten........................................................................................................266 8.8.2 Das Konkursverfahren..........................................................................................268 8.9 Arrest und Anfechtungsklage.............................................................................................271 8.10 Nachlassvertrag..................................................................................................................272 Aufgaben zu Kapitel 8........................................................................................................................274 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 8......................................................................................292

9 Zivilgesetzbuch............................................................................................... 297 9.1 Kindesverhältnis und Adoption...........................................................................................297 9.2 Konkubinat..........................................................................................................................298 9.3 Namensrecht......................................................................................................................299 9.4 Familienrecht......................................................................................................................301 9.4.1 Verlobung und Trauung.........................................................................................301 9.4.2 Allgemeine Wirkungen der Ehe............................................................................301 9.4.3 Das eheliche Güterrecht.......................................................................................303 9.4.4 Ehescheidung........................................................................................................307 9.5 Eingetragene Partnerschaft...............................................................................................308 9.6 Erbrecht...............................................................................................................................309 9.6.1 Die gesetzlichen Erben.........................................................................................309 9.6.2 Testament und Pflichtteile....................................................................................312 9.6.3 Die Enterbung........................................................................................................314 Aufgaben zu Kapitel 9........................................................................................................................315 Antworten zu den Kontrollfragen Kapitel 9......................................................................................329

Fallsammlung aus ZGB, OR, SchKG......................................................................... 333 Stichwortregister ..................................................................................................349

Der Verständlichkeit dienend verzichten wir in diesem Lehrmittel auf geschlechtliche Doppelformulierungen wie «  Leser  » und «  Leserin  ». Es sind immer beide Geschlechter gemeint.

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Staatliche Rechtsordnung 1 Staatliche Rechtsordnung

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Staatliche Rechtsordnung

Sind Managerein kommen in Millionenhöhe gerechtfertigt  ? Soll das Ban kgeheim nis in der Schweiz aufgehoben werden  ? Dauerhaftes Bleiberecht für Asylanten  ? Gentech nik – Ja oder Nein  ?

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Als Bürger werden wir immer wieder mit grundsätzlichen Fragestellungen verschiedenster Art konfrontiert. Die solchen Fragen zugrunde liegende Problematik ist vielschichtig. Daher ist es schwierig, begründet Stellung zu beziehen. Wir informieren uns durch die Medien, diskutieren mit Kollegen und bilden uns eine eigene Meinung. Bei Abstimmungen nehmen wir am Gesetzgebungsverfahren teil. Unsere Stimme hat Einfluss auf die Fortentwicklung der Rechtsordnung.

1.1 Entstehung und Aufgabe des Rechts Die Gesamtheit aller Rechtsvorschriften (  Rechtsnormen  ) nennt man Rechtsordnung. Sie ist nötig für das Zusammenleben in der menschlichen Gesellschaft, damit nicht Faustrecht und Chaos herrschen. Sie soll helfen, Konflikte zu lösen oder noch besser  : sie zu vermeiden. Zwar wird das Verhalten der Menschen nicht nur durch Rechtsnormen, sondern auch durch die Sitte und durch die Moral bestimmt, doch genügen diese allein nicht für ein erspriessliches Zusammenleben, da sie nicht erzwungen werden können. So lässt sich zum Beispiel der moderne Strassenverkehr schon längst nicht mehr mit moralischen Grundsätzen oder Appellen regeln. Die Rechtsordnung und damit die Rechtsnormen (  Regeln, Vorschriften  ) kann der Staat hingegen durchsetzen, wenn nötig mit staatlicher Gewalt wie z. B. durch Strafen (  Busse, Haft, Gefängnis  ). Wodurch unterscheiden sich Moral, Sitte und Recht  ? Moral

Sitte

Recht

Innere Einstellung, Gesinnung, Wertehaltung

Regeln für das äussere Verhalten

Vorschriften für das äussere Verhalten

Beispiele: gegenüber fremdem Eigentum, menschlichem Leben, Umwelt

Beispiele: Umgangsformen, Anstand, Höflichkeit und Benehmen

Beispiele: im Strassenverkehr, im Geschäftsverkehr, Verbot von Diebstahl, Raub, Umweltschädigung

Nicht erzwingbar

Nicht erzwingbar

Kann vom Staat erzwungen werden

Diese drei Bereiche zusammen bestimmen weitgehend das menschliche Verhalten. Die gleiche Bedeutung wie Moral haben die Ausdrücke Ethik und Sittlichkeit. Hingegen be­deutet Sitte etwas anderes, nämlich so viel wie Brauch. So sagt man etwa, ein bestimmtes Verhalten sei «  Brauch und Sitte  ». Das Recht ist eine durch den Staat geschaffene und erzwingbare Ordnung zum Schutz der mensch­lichen Lebensinteressen und Lebensgüter. Es soll dem gesellschaftlichen Anspruch an Gerechtigkeit, Veränderlichkeit sowie Durchsetzbarkeit in der Praxis genügen.

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Staatliche Rechtsordnung 1 Staatliche Rechtsordnung

Moral und Sitte sind nicht nur in vielen Ländern und Kulturen sehr verschieden, sondern sie unterliegen auch einem zeitlichen Wandel (  Stichworte  : Kleidermode, Gesichtsschleier der Frau, Einstellung zu Nacktheit, Sexualität, Todesstrafe, Konkubinat usw.  ). Da sich die Rechtsnormen eines Landes weitgehend nach den Sitten und Moralvorstellungen der Bevölkerung richten, ist somit auch das Recht einer gewissen Entwicklung und Veränderung unterworfen.

1

Beispiel  : Aus einer Medienmitteilung des Bundesrates, 21.11.2012, gekürzt :

Whistleblower besser schützen Bern. Wer Missstände am Arbeitsplatz meldet, soll künftig besser vor einer Kündigung geschützt werden. Der Bundesrat hat am Mittwoch das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) beauftragt, eine Botschaft zur Teilrevision des Obligationenrechts (OR) zu erarbeiten. Ob der Kündigungsschutz allgemein verbessert werden soll, wird der Bundesrat später gestützt auf eine Studie über die Grundlagen des Kündigungsschutzes für Arbeitnehmervertreter entscheiden. Arbeitnehmende, die auf Missstände am Arbeitsplatz hinweisen (sogenannte Whistleblower), setzen sich dem Risiko von Vergeltungsmassnahmen aus. Am häufigsten laufen sie Gefahr, ihre Stelle zu verlieren. Der Bundesrat will deshalb die Voraussetzungen für eine rechtmässige Meldung von Missständen am Arbeitsplatz in einem neuen Artikel im OR festle-

gen. Der gesetzliche Handlungsbedarf wurde im Jahr 2009 von einer Mehrheit der Vernehmlassungsteilnehmenden bejaht; die vorgeschlagene Bestimmung wird nun im Lichte der Vernehmlassungsergebnisse überarbeitet.

Demnach verstösst der Arbeitnehmer nicht gegen seine Treuepflicht, wenn der dem Arbeitgeber in Treu und Glauben Missstände meldet. Wenn der Arbeitgeber keine wirksamen Massnahmen dagegen ergreift, kann sich der Arbeitnehmer an die zuständige Behörde wenden. Unternimmt diese Behörde nicht die nötigen Schritte, kommt für den Arbeitnehmer als letzte Massnahme der Gang in die Öffentlichkeit in Betracht. Eine nach einer rechtmässigen Meldung ausgesprochene Kündigung ist missbräuchlich und wird mit maximal sechs Monatslöhnen entschädigt. (…)

K 1.1

Was ist der Hauptunterschied zwischen Recht und Sitte  ?

K 1.2

Setzen Sie bitte die drei Begriffe Moral, Sitte, Recht in die Kästchen :

Moral Sitte Recht

erzwingbar : nicht erzwingbar :

äusseres Verhalten :

innere Gesinnung : K 1.3 Zu welchem der drei Normenbereiche (  Moral/Sitte/Recht  ) gehört … a ) ... das Benehmen im Alltag  ? Einige dieser Bei b ) ... die innere Ablehnung von Betrug und Diebstahl  ? spiele gehören nicht c ) ... das Verbot des Diebstahls im Strafgesetzbuch  ? nur einem, sondern d ) ... die Rücksichtnahme auf andere Fussgänger auf dem Trottoir  ? zwei oder allen drei e ) ... die innere Ablehnung ( oder Befürwortung ) der Todesstrafe  ? Normbereichen an. f ) ... das Fahren ohne Gurte oder Helm im Motorfahrzeugverkehr  ? Erklären Sie das an g ) ... der Brauch, dem Zeitungsausträger am Jahresende ein Trinkgeld hand von c ). zu geben  ? K 1.4 Welcher der drei Normenbereiche hat seinen Ursprung v. a. in der Religion (  Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus u. a.  ) und in der Philosophie (  Liberalismus, Aufklärung, Marxismus u. a.  )  ? K 1.5 Wie sollen Arbeitnehmende, die Missstände an ihrem Arbeitsplatz melden, in Zukunft vielleicht besser geschützt werden? Aufgabe 1

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Staatliche Rechtsordnung 1 Staatliche Rechtsordnung

1.2 Staatsziele und Rechtsstaat

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1.2.1 Legalitätsprinzip und Gewaltenteilung Der Staat ist geschaffen worden, damit gewisse Ziele der menschlichen Gesellschaft verwirklicht werden können. Sie sind in der Verfassung, dem Grundgesetz des Staates, niedergelegt. In Art. 2 der Bundesverfassung sind die vier Ziele der Schweizerischen Eidgenossenschaft genannt  :

BV 2

die Rechte des Die Schweizerische Eidgenossenschaft schützt die Freiheit und s. Volkes und wahrt die Unabhängigkeit und die Sicherheit des Lande , den 2 Sie fördert die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes. Bürgerinnen und 3 Sie sorgt für eine möglichst grosse Chancengleichheit unter den Bürgern. sgrundlagen 4 Sie setzt sich ein für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Leben und für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung.

1

Aufgrund dieser recht allgemein formulierten Staatsziele könnte die Regierung den Bürgern praktisch vorschreiben und verbieten, was sie will. Damit dies nicht geschehen und der Staat seine Macht nicht missbrauchen kann, sind ihm durch das Recht Schranken gesetzt, vor allem durch die zwei folgenden Grundsätze  :

• Legalitätsprinzip oder Grundsatz der gesetzmässigen Verwaltung : Es bedeutet, dass die Behörden und die staatliche Verwaltung an Rechtsnormen gebunden sind und nicht willkürlich gegen das Gesetz handeln dürfen. (  Legal heisst gesetzlich, von ­lateinisch lex = Gesetz.  )

• Gewaltentrennung : Dieses Prinzip bedeutet, dass die staatliche Macht auf verschiedene Organe (  Behörden  ) verteilt wird, damit nicht eines davon allzu mächtig wird. Die folgende Übersicht zeigt, wie die Staatsgewalt im Rechtsstaat aufgeteilt ist  : Staatliche Organe

Aufgabe

Bund

Kantone

BV 5

Recherchen Aufgaben

Gemeinden

Legislative = gesetzgebende Gewalt  :  Parlament

Gesetzgebung Erlass von Gesetzen und Aufsicht über die Exekutive

National- und Ständerat (  Bundes­ versammlung  )

Kantonsrat oder Grosser Rat

Ge­mein­­de­rat oder Ge­mein­de­ versammlung

Exekutive = ausführende Gewalt  :  Regierung

Vollzug der Gesetze, staatliche Verwaltung

Bundesrat

Regierungsrat oder Kleiner Rat

(  Kleiner  ) Gemeinderat oder Stadtrat

Judikative = richterliche Gewalt  :  Gerichte

Rechtsprechung Entscheid über Rechts­­streitigkeiten und -verletzungen

Bundes­gericht, Eidg. Versicherungs­gericht, Bundesstrafgericht, Bundesverwaltungsgericht

Obergericht, Kantons­gericht, Bezirks- oder Amtsgerichte

Friedens­richter, Vermittler

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Staatliche Rechtsordnung 1 Staatliche Rechtsordnung

Die genannten zwei Grundsätze sind es vor allem, die den Rechtsstaat ausmachen. Er wird bei uns als selbstverständlich betrachtet, ist es aber weltweit gesehen keineswegs  : Erstens hat sich die Idee des Rechtsstaates erst im Laufe der Geschichte entwickelt, zweitens ist sie auch heute in totalitären Staaten (  Diktaturen  ) aber auch in sog. Scheindemokratien nicht verwirklicht.

1

Die Unterschiede zwischen Rechtsstaat und totalitärem Staat können wie folgt zusammengefasst werden  : Rechtsstaat

Totalitärer Staat

• Legalitätsprinzip

• Keine oder geringe Bindung der Be­ hörden an das Gesetz, freies Ermessen der Behörden, oft bis zur Willkür.

• Gewaltentrennung • Durch Verfassung und Gesetz garantierte Grundrechte des Bürgers, die wenn nötig durch regierungs­ unabhängige Gerichte geschützt werden.

K 1.6

• Konzentration der Macht in den Händen der obersten Staatsbehörden oder sogar einer Einzelperson. • Keine oder nur formell umschriebene Grundrechte und nur, soweit sie dem (  von den Behörden definierten  !  ) All­ gemeininteresse nicht zuwiderlaufen.

Wie heisst der Grundsatz, dass ... a ) ... die staatlichen Behörden sich an Gesetze halten müssen  ? b ) ... die staatliche Gewalt nicht in der Hand einer einzigen Behörde sein darf  ?

K 1.7 Wie nennt man einen Staat, in dem diese beiden Prinzipien missachtet werden  ? Was ist das Gegenteil davon  ? K 1.8

Wodurch ( ausser diesen beiden Prinzipien ) zeichnet sich ein Rechtsstaat noch aus  ?

K 1.9

Setzen Sie bitte in der folgenden Aufstellung das Fehlende ein  : Staatliche Gewalt (  Funktion  )

Staatliches Organ

Behörde (  allgemein  )

Gesetzgebung Regierung Judikative oder Justiz K 1.10 Entscheidende Voraussetzung für einen Rechtsstaat ist, dass die Bürger auf dem Weg über Verfassung und Gesetz das Recht der Selbstbestimmung mittels Wahlen und Abstimmungen haben. Mit anderen Worten  : dass alle Staatsgewalt direkt oder indirekt vom Volk ausgeht. Wie heisst eine solche Staats- oder Regierungsform  ? K 1.11 Ordnen Sie den zwei Begriffen links die passenden Stichworte rechts zu (  Verbindungslinien ziehen  ) : Rechtsstaat Totalitärer Staat

Konzentration der Macht bei der obersten Behörde Legalitätsprinzip Durch Gerichte garantierte Grundrechte des Bürgers Geringe Beschränkung der behördlichen Macht Aufgabe 2

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Staatliche Rechtsordnung 1 Staatliche Rechtsordnung

1.2.2 Pflichten der Bürger

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In der Bundesverfassung ist festgelegt, dass in der Schweiz lebende Personen gewisse Pflichten zu erfüllen haben. Diese sind: • Alle Kinder müssen die Grundschule besuchen, in der Wissen und Fähigkeiten vermittelt werden, die Voraussetzungen für ein aktives Leben in einer modernen Gesellschaft sind. • In verschiedenen Bereichen gibt es eine Versicherungspflicht für jeden Bürger. Obligatorisch sind z. B. die AHV für Erwerbstätige sowie für alle eine Krankenversicherung. • Die Steuerpflichtigen sind gleichmässig zu besteuern, die Besteuerung hat nach deren wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu erfolgen. • Schweizer Männer sind verpflichtet, Militärdienst zu leisten. Sie unterstützen damit die Armee bei der Erfüllung ihrer durch Bundesverfassung und Militärgesetz zugewiesenen Aufgaben: Verteidigung, Unterstützung der zivilen Behörden, Friedensförderung im internationalen Rahmen. Wer aus Überzeugungsgründen keinen Militärdienst absolvieren will, kann Zivildienst leisten. Voraussetzung hierfür ist, dass er bei der Rekrutierung als militärdiensttauglich eingestuft wurde. Gemäss Zivildienstgesetz kommt der Zivildienst dort zum Einsatz, wo Ressourcen für die Erfüllung wichtiger Aufgaben der Gemeinschaft fehlen oder nicht ausreichen.

BV 62 BV 111 ff. BV 127 ff. BV 59

BV 61

K 1.12 Militärdienst müssen in der Schweiz nur … leisten  ? K 1.13 In welchen Bereichen besteht Versicherungspflicht für alle Bürgerinnen und Bürger  ? K 1.14 Welche Pflicht hängt auch von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ab  ? K 1.15 Warum hat jede in der Schweiz lebende Person die Pflicht die Grundschule zu besuchen  ?

1.2.3 Grund- und Menschenrechte Grund- und Menschenrechte sind Rechte, die jede Person unabhängig von Nationalität und Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe, Sprache und Bildung usw. beanspruchen kann. In diesem Buch stellen wir exemplarisch die Meinungsfreiheit und Eigentumsgarantie dar.

1.2.3.1 Meinungsfreiheit In demokratischen Staaten wird die Meinungsfreiheit durch die Verfassung garantiert. Bundesverfassung Art. 16  : 1 Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist gewährleistet. indert zu 2 Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungeh äussern und zu verbreiten. allgemein zu3 Jede Person hat das Recht, Informationen frei zu empfangen, aus gänglichen Quellen zu beschaffen und zu verbreiten.

In der Bundesverfassung wird der Personenkreis nicht eingeschränkt. Ob Inländer oder Ausländer, ob Erwachsene oder Jugendliche  : jede Person hat das Recht, sich über einen beliebigen Kommunikationsweg eine Meinung zu bilden oder seine Meinung zu äussern. In demselben Verfassungsartikel wird die Informationsfreiheit gewährleistet, die Voraussetzung für eine fundierte Meinungsbildung ist. Der Staat fördert Transparenz über die Tätigkeit der Verwaltung, indem er den Zugang zu amtlichen Dokumenten ermöglicht (  Öffentlichkeitsgesetz  ) und verzichtet ausdrücklich auf Zensur, d. h. für Kontrolle der Informationen, die durch die Medien verbreitet werden.

BV 16

BG 17

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Rechtskunde  

Praxisorientierte Einführung in das Recht. 14. Auflage 2014

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