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TE X T D om in ik Pa c h e

Daten, Zahlen

Fak ten

Millionen

Weltweit wurden bereits über 275 Millionen Monopo-

275

ly-Spiele verkauft. Es ist in 11 Ländern und 43 Sprachen

erhältlich. Die erste deutsche Ausgabe kam 1936 auf dem

328.748 Fahrräder sind in Deutschland 2011

entwendet worden. Die absolute Hochburg beim

Markt, die teuerste Straße war damals die „Insel Schwa-

Fahrraddiebstahl ist Münster, auf 100.000

Joseph Goebbels).

Einwohner entfielen hier 1.756 gestohlene Fahr-

nenwerder“ (in diesem Berliner Nobelviertel wohnte

25 Milliarden

Die Umsätze auf dem deutschen Glücksspiel-Markt liegen bei knapp 25 Mil-

liarden Euro. Über eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten nach

dem international ausgerichteten Klassi-

fikationssystem der American Psychiatric Association (DSM-IV) als spielsüchtig.

Bei einem Fünftel der Spieler übersteigt der Schuldenstand 25.000 Euro.

World of Warcraft hat mehr Einwohner als Griechenland, nämlich circa 10.200.000. Das beliebteste Volk sind die Menschen (19%),

gefolgt von Blut- bzw. Nachelfen (14% und 13%). Unbeliebt sind die

Zwerge, Gnome und Goblins mit je ca. 5% aller erstellten Charaktere. Weltweit sichert World of Warcraft rund 4600 Arbeitsplätze. 4

328 748

räder. Selbst in Berlin werden zweimal weniger Fahrräder (751) je 100.000 Einwohner geklaut. In Deutschland beträgt die Aufklärungsquote bei Fahrrad-Diebstählen niedrige 10,4%, besonders wenig Erfolg beim Aufspüren der Täter haben u.a. Städte wie Mannheim (3,3%), Düsseldorf (4,3%), Gelsenkirchen (4,6%), Essen (4,9%) oder auch Kiel und Duisburg (beide 5,0%).

19% 14%

ZO CKE N

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DAT E N ZA HLE N FA KT E N

Der russische Multi-Milliardär Michail Prochorow hatte im Sommer 2008 einen Kaufvertrag für eine der pracht-

vollsten Villen an der Côte d‘Azur in einem riesigen Oli-

venhain unterzeichnet und 39 Millionen Euro als Kaution hinterlegt. Doch schon wenige Tage später änderte er

seine Meinung und verlangte das Geld zurück. Dies lehnte die französische Justiz nun ab. die Bankierswitwe Lily

Safra Recht darf die Kaution behalten. Außerdem Zinsen in Höhe von 1,5 Millionen Euro.

Den niedrigsten Hauptgewinn für sechs Richtige

gab‘s 1984: 16.907 Deutsche Mark – für alle, die es

Millionen

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Helmut Rahn bekam 1954 ein Tagesgeld von 10 Mark. 2010 hätte er allein für den Titel 250.000 Euro Prämie bekommen. Der Besitzer der Beine und Augen, die im Tatort-Vorspann zu sehen sind, bekam damals 400 Mark. Hintergrund: Er dachte, dies sei lediglich für den Pilotfilm einer geplanten Krimireihe.

1954

nicht mehr kennen: Das sind etwa 8.644,41 Euro. In Deutschland werden pro Jahr etwa fünf Millionen

Euro an den Lottoannahmestellen nicht abgeholt. Den höchsten Gewinn, 3,5 Millionen Euro, verpennte ein Tipper aus Bayern. Die statistisch häufigste Zahl aus der Lostrommel ist die 32. Nach Schätzungen haben 80 Prozent aller Lottogewinner nach zwei Jahren ihren Geldgewinn aufgebraucht.

359

Millionen Am 01. August 2012 ließ die Aktienhandels-Firma

Knight Capital 45 Minuten lang eine neue Compu-

tersoftware mit Aktien zocken. Danach war sie um

440 Millionen US-Dollar, rund 359 Millionen Euro,

ärmer. Dieser Tag wurde bekannt als der „Knightma-

re on Wall Street“, der Kurs der Knight Capital verlor nach Bekanntwerden des Fiaskos in zwei Tagen über 75 Prozent ihres Wertes.

3500 Ein Bankräuber verdient durchschnittlich nur zwischen 3.500 und 25.000 Euro jährlich.

Die älteste Sport-

ler-Wahl Deutschlands ist die Wahl zum „Galopper

des Jahres“. 1957

flimmerte sie bei der ARD-Sport-

schau zum ersten

Mal über die deutschen Fernseh-

bildschirme und es gibt sie, aller

Schnelllebigkeit und Einschalt-

quotengerangel

zum Trotz, immer noch.

In Las Vegas ist es möglich, eine Wette darüber abzuschließen,

darauf gewettet werden, wieviele Spieler während der Super Bowl

amerikanischen Super Bowl-Finales zuerst für den Sieg danken wird.

bis die traditionelle Gatorade-Dusche praktiziert wird oder darauf,

welcher Person der gewählte Most Valuable Player (MVP) des

Gewettet wird auf den Coach (10:1), seine Familie (4:1), seine Teamkameraden (2.5:1), niemandem (2:1) oder Gott (1.5:1). Zudem kann

Wochen verhaftet werden, wieviel Zeit noch auf der Uhr verbleibt,

welche Farbe die Gatorade haben wird, die dem Coach über den Kopf geschüttet wird.


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G E STALTUN G K r i st i n S c h u l ze

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S PI E LE

Kreuzworträtsel Ordne die Zitate den zugehörigen Sportlern zu und trage die Nachnamen ins Kreuzworträtsel ein. Dann erfährst Du, welche Thematik Dich im nächsten Ruhrgestalten Magazin erwartet.

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Eier, wir brauchen Eier.

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Wir haben ganz schwach begonnen und

Das sind Gefühle, wo man schwer be-

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dann ganz stark nachgelassen.

schreiben kann.

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Keiner verliert ungern.

We have a grandios saison gespielt.

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Das hab ich ihm dann auch verbal gesagt.

Das wird doch alles von den Medien

Die Schweden sind keine Holländer, das

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Heute herrscht schweigende Stille.

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hochsterilisiert.

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Im Kölner Stadion ist immer so eine super

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hat man genau gesehen.

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Stimmung, da stört eigentlich nur die Man darf jetzt nicht alles so schlechtre-

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Ich bin Optimist. Ich erhänge mich erst,

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wenn alle Stricke reißen.

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Ich habe fertig.

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ein Ding der Unmöglichkeit.

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Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.

Was meine Frisur betrifft, da bin ich

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Mannschaft.

den, wie es war. Das Unmögliche möglich zu machen wird

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Ich kann nicht wissen, was ich denke…

Von den Alternativen her, haben wir wie-

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Das Chancenplus war ausgeglichen.

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Das war ein ziemlich schwacher Fehlpass.

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kann er.

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kritisch.

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meine Kritiker: Nicht mal schwimmen

Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen

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Die Situation ist aussichtslos, aber nicht

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Realist. Der ist mit allen Abwassern gewaschen.

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der mehr Möglichkeiten. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Klaus AUGENTHALER, Rudi ASSAUER, Michael BALLACK, Mario BASLER, Franz BECKENBAUER, Fredi BOBIC, Andreas BREHME, Christoph DAUM, Norbert DICKEL, Stefan EFFENBERG, Heribert FASSBENDER, Werner HANSCH, Sepp HERBERGER, Othmar HITZFELD, Oliver KAHN, Jürgen KLINSMANN, Bruno LABBADIA, Udo LATTEK, Lothar MATTHÄUS, Otto REHAGEL, Giovanni TRAPATONI, Berti VOGTS, Rudi VÖLLER, Roman WEIDENFELLER

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LÖSUNGSWORT

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I N TE R V I E W J en s M a ye r & Ra f a e l A r l e t

F OTO J a n L a d w i g

G E STA LT E N

E I N G E S PRÄCH UNT E R FRE UNDE N

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Ein Gespräch unter Freunden Die Schalker-Fußball-Legende Klaus Fichtel und Fußball‑ kommentator Werner Hansch kennen sich seit vier Jahrzehnten. Im Kneipenrestaurant Charley’s Schalker mit Blick auf das Trainingsgelände, die Überreste des Parkstadions und die neue „Arena auf Schalke“ setzte sich Ruhrgestalten mit den beiden an einen Tisch und sprach über die ihre gemeinsame Historie.

Kribbelt es noch, wenn sie hier auf das Gelände ihrer alten Wirkungsstätte kommen?

Hansch: Also für mich ging das, es muss auch gehen. Ich sage immer, wer diesen Job macht, der muss neben Stimme, Sprache, Sprachwitz, Ironie, Persönlichkeit vor allem eines haben: Distanz. Und wenn er

die nicht hat, darf er den Job nicht machen. Das war immer so, und ich habe nie für Schalke bewusst einen Elfmeter kommentiert, wenn es keiner war. Für Dortmund auch nicht.

würde auch gerne mal in der Arena spielen. Das ist ja ein Unterschied

Meistens ist es die Liebe zum Sport, in diesem Falle zum Fußball, die einen zum Kommentator werden lässt...

können sich die Jungs, die heute spielen, gar nicht mehr vorstellen,

Hansch: Das ist ja das Verrückte bei mir, es gab keinen Grund!

Zentimetern Schnee.

gekommen. Ich war Student und habe mein Studium als Sprecher

Fichtel: Nein, eigentlich nicht. Ich sehe aber fast jedes Heimspiel und wie zwischen Tag und Nacht im Vergleich zum Parkstadion. Das dass man auf gefrorenem Rasen Fußball spielt oder bei zehn

Hansch: Heute gibt’s ja nur noch Techniker, die brauchen einen glatt geschnittenen Rasen. Mich verbindet mit dieser Gesamtanlage hier

eine Menge. Als Stadionsprecher habe ich noch das letzte halbe Jahr Glückauf-Kampfbahn erlebt.

Sind das eher persönliche oder sportliche Erinnerungen? Hansch: Ich erinnere mich gerne an Folgendes, als die alte

Geschäftsstelle noch da drüben war (deutet mit dem Finger nach draußen). Wenn wir fertig waren, sind wir in die erste Etage

raufgegangen. Da waren dann die Spieler und Spielerfrauen und

etliche Insider. Wenn ich dann rein bin, rief Rudi Assauer schon von weitem: „Werner Stephan, was haste wieder für ’ne Scheiße erzählt heute?“ Die Leute guckten alle, ich habe ein bisschen gezuckt,

aber ich wusste ja, wie er das meinte. Dann kam er gleich zu mir und fragte: „Was willste essen?“ Das beschreibt, was ich empfinde, wenn ich durch diese Gasse fahre.

Wenn man Kommentator ist und das Herz an so einen Verein hängt, kann man unabhängig kommentieren und dem anderen Verein gerecht werden? 24

Ich bin überhaupt nur durch eine Verkettung von Zufällen dazu

auf der Pferderennbahn finanziert (deutet auf Fichtel) so haben wir

uns auch kennengelernt. Aber ich habe Klaus auch noch als Spieler kommentiert.

Fichtel: Na, wenn Du Glückauf gemacht hast, notgedrungen. Hansch: Ich habe ja da angefangen...

Fichtel: Wann war das?

uns ein bisschen aufmuntern. Aber ich wollte alles andere machen,

Fichtel: Das waren sportlich schlechte Jahre.

Fichtel: Kann sein, ja.

über die Feuerleiter hinunter. Für mich war klar, dass ich da nie

Hansch: Ja sicher Klaus, vor allem als ich anfing. 24. Februar

1973 – da war der Brand auf der Rennbahn. Da war Hans Schneider der Bahninspektor. Da sind zwei Dinge zusammengekommen:

Schalke spielte – das ging mir völlig am Arsch vorbei. Du durftest

nicht spielen, ein paar andere auch nicht. Es war das Jahr nach dem Skandal. Ihr wart alle gesperrt und der gute Ivica Horvat musste

Hansch: 24. Februar 1973. Kannste nachgucken! Mit Sepp Maier... Hansch: ...Georg Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer – ging mir am

Arsch vorbei. Franz Beckenbauer hatte ich mal in der Zeitung gelesen. Wie gesagt, Fußball lag vollkommen neben meinem Interesse. Nach

meinem ersten Satz stand ich auch unter Schock, ich hatte ja gemerkt, dass da irgendwas nicht stimmte...

Norbert Nigbur.

Hansch: 30.000 waren da an dem Tag.

dass bei einem Bundesligaspiel ein Mensch am Mikrofon sitzt, der Soviel Fantasie kann keiner haben.

Hansch: Klar, die Geschichte ist ja bekannt. Das war also der erste

Fichtel: Die Macht der Gewohnheit ...

gegen Bayern München...

da haben die Leute gemeint: Da ist heute so ein Spaßvogel, der will

Zufall, der zweite war der: Das Spiel war vorbei, Schalke spielte 1:1

nett gemacht.“ Er hat mir angeboten, als Stadionsprecher zu arbeiten, sogar für ein Honorar!

Fichtel: Damit muss man leben, das ist vierzig Jahre her. Ich betone

Die haben hysterisch gelacht, die Frage war nur, warum die Leute

Fichtel: Und dann kam der berühmte Satz: Mit der Startnummer Eins:

Nachdem ich das bejaht hatte, meinte er: „Och, das haben sie aber

nicht weiß, dass Fußballer nur Nummern haben, keine Startnummern.

machen, weil er mit der Feuerwehr alles regeln musste. Da hat er mich hatte – ihn zu vertreten.

Kabine und fragte, ob ich nicht der sei, der heute gesprochen hätte.

gelacht haben. Keiner von den 30.000 hätte sich vorstellen können,

Fichtel: Die Zuschauer fanden das ganz lustig...

gezwungen – mich, der noch nie ein Bundesligaspiel zuvor gesehen

wieder hinwollte. Genau in dem Moment kam Günter Siebert aus der

Herr Fichtel, das Stichwort fiel bereits. Der Bundesligaskandal von 1971, da waren sie auch involviert. Sie haben eine ganz kleine Strafe gekriegt...

versuchen, mit namlosen Amateuren die Klasse zu halten. Hans

Schneider war Stadionsprecher. Aber an dem Tag konnte er es nicht

nur keinen Spaß! Dann war das Spiel zu Ende, ich bin die Treppen

Hansch: Die Lage war so ernst, es ging ja hart gegen den Abstieg und

immer wieder, dass es immer noch 0:0 stand, als ich ausgewechselt wurde. Es war keine schöne Geschichte und es hat sich alles lange hingezogen. Wir waren auch nicht gut durch den Rechtsanwalt

beraten. Da sind viele, viele Pannen passiert. Es war nun einmal so und man kann sich nicht davon freisprechen.


RG 7

TE X T J an n is C a r m e si n

F OTO S a b r i n a Ka r a ka t sa n i s

Benbergs Benys Als aus dem Traum endlich eine dreitausendfünfhundert Kilo schwere Imbissbude geworden ist, fließen Tränen über Benny Haronskas Gesicht. Gerade hat er seinen alten Airstreamer, Modell „Flying Cloud“,

„Da wusste ich schon, dass ich in so ‘nem Ding irgendwann

Mal mit dem Koloss an der Anhängerkupplung durch die Gegend.

arbeitete er als Zahntechniker, wurde mit 23 einer der jüngsten

Baujahr 1963, fertig ausgebaut und renoviert und tuckert zum ersten „Ich habe das Ding im Rückspiegel gesehen und die ganze Arbeit, die drin steckt“, erzählt Haronska. „Als dann noch irgendein kitschiges Lied im Radio gelaufen ist, hat es mich irgendwie gepackt.“

Das war vor einem Jahr. Jetzt steht der silberpolierte Wohnwagen auf einem Parkplatz im Dortmunder Osten, die Fensterklappe geöffnet, darunter zwei Stehtische. Es schüttet wie aus Kübeln und weil ein

paar Dichtungen undicht sind, tropft das Wasser auf die Tische. Kein Wetter für gute Geschäfte.

Benny Haronska, riesige schwarze Brille, Zehntagebart, ist trotzdem da. Er schüttelt noch ein letztes Mal das Fett von den Fritten und

lässt sie dann in ein weißes Schälchen rutschen. „Benbergs Benys“

hat Haronska seinen budengewordenen Traum, den mobilen Luxus-

Imbiss, genannt. „Fast Food muss nicht immer schmierig sein“, sagt

Haronska. Deswegen schnitzt er die Pommes aus ganzen Kartoffeln, verkauft Bio-Wurst aus der Region, macht die Limonade selbst und kocht frische Saucen für die Currywurst. Sein Geschäftskonzept

hat Benny liebevoll „Pop-Up-Dining“ genannt – kein Ekel-Imbiss,

mal ein Geschäft aufziehen muss“, erzählt Benny. Doch noch

Meister in Deutschland und verdiente viel Geld damit, Tag für Tag Zahnarztpraxen einzurichten.

Im vergangenen Jahr reiste Benny dann in die USA und kaufte sich in Texas ein fast fünfzig Jahre altes Original. Mit dem Schiff schickte er es nach Deutschland, baute es zusammen mit seiner Freundin, einer

Innenarchitektin, um und prügelte es mit ein wenig Glück durch den TÜV. Seitdem macht er, was er schon lange machen wollte: Durch den Pott und manchmal auch darüber hinaus fahren, den Motor

ab- und die Fritteuse anstellen, brutzeln, reden, immer einen anderen Ausblick haben.

„Für das Geld, das hier drin steckt, kaufen sich andere ein Haus“, sagt Benny und klopft auf die Theke, „aber ich wollte das hier – unterwegs sein, frei sein.“

sondern gutes Essen, keine feste Bude, sondern ein Wagen,

Mittlerweile steht Benny seit einem Jahr auf Firmenparkplätzen,

Currywurst haben.

Westfalenpark. Ab Frühjahr wird Benbergs Benys auch Frühstück

dessen Klappe überall dort „aufpoppt“, wo die Menschen Lust auf

Die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Maschine hat schon 2002 begonnen. Benny reiste durch Kanada und verliebte sich in die silbernen Anhänger der US-Firma Airstream, die die Nordamerikaner liebevoll „iron rockets“ nennen. 40

Familienfeiern oder Konzerten wie dem Juicy Beats Festival im

anbieten und noch früher öffnen, eventuell kauft Benny bald noch einen zweiten Wagen. „Vielleicht mache ich auch irgendwann ein

richtiges Restaurant auf oder arbeite wieder als Zahntechniker“, sagt

Benny. „Aber jetzt genieße ich es einfach, immer unterwegs zu sein.“

G E STA LT E N

T R A UM G E B I E T

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G E STA LT E N

T E XT J ohanna Kuzew i t z

FOTO Sabrina Ka ra k a tsa nis

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Eine Ballerina gefangen im Körper eines LKW-Fahrers Ein Türsummer erklingt. Es ist kalt an diesem Abend. Wanda, eine 9-jährige Windhund-Mischlingsdame begrüßt uns direkt am Treppenabsatz. Eine tiefe, jedoch sehr freundliche Männerstimme bittet mich herein. Sascha Bisley heißt er. Der gebürtige Iserlohner ist 39 und seit acht Jahren Wahldortmunder. Sein Interessen- und Tätigkeitsfeld? Naja, formulieren wir es so: reichlich. „Ich bin sehr leicht für Dinge zu begeistern. Ich bin da sehr offen“,

Dieses Programm, das ich auchmittlerweile deutschlandweit prakti-

bin halt lebensfroh und neugierig! Wenn etwas zu langweilig wird,

Sascha auch andere aus. Vor allem in den Bereichen Anti Gewalt und

teilt er mir zu Beginn mit einem breiten Grinsen im Gesicht mit. „Ich verliert es für mich an Reiz, deswegen brauche ich die Abwechslung.“ Wanda unterstreicht seine Worte und schlägt mit ihrem langen

Schwanz wie mit einer Peitsche gegen jedes Tischbein. „Sie ist eine Verrückte, gefangen im Körper einer Ballerina.“ Er nimmt sanft Wandas Kopf in seine nahezu komplett zutättowierten Hände.

politsiche Prävention. „Das ist irgendwie lustig, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich gelernter Schlosser bin.“ Er schaut zu seinen

Kameras und klärt uns über die spezifische Funktionsweise einer bestimmten Polaroid-Kamera auf.

Ein Blick durch seine Geschäfts- und Wohnräume – eine alte Senf-

Sascha ist auch Autor. Er hat einen eigenen Blog und hält Lesungen.

Was mit Fotos und Kunst wohl auch.

Das was jeden Tag passiert. Meistens etwas, das aufstößt, begeistert

und Sauerkrautfabrik – genügt: Irgendetwas mit Filmen macht er.

Sascha ist Filmemacher, Fotograf – Künstler. Saschas Begeisterung für die Fotografie ist unübersehbar: Er strahlt. Seine Augen

leuchten, wenn er über technische Daten und Funktionen seiner

breiten Kamerasammlung erzählt. Seltene und nur noch schwer zu

Auf die Inhalte seiner Texte angesprochen, führt er aus: Alltägliches. oder abstößt. Ich liebe es mich aufzuregen und dann darüber zu schreiben. Leute, die ich sehe und mich dann über sie aufrege – herrlich. Es ist ein konstruktives Aufregen, das mich nicht weiter belastet.

Firma mit der er Kurz- und Imagefilme, Werbeclips und Musikvideos

Es sind alles echte Geschichten aus dem wahren Leben. Raw wie es so schön heißt, ehrlich.

Innenministerium. Wie er gerade dazu kommt? „Ich war selbst mal n

Von der Straße in Echtzeit aufs Blatt gebracht; es wird nichts ver-

bekommende Polaroid-Kameras haben es ihm besonders angetan.

Zu jeder Kamera gibt es eine Geschichte. Marked 4 life heißt seine produziert. Neuerdings sind es auch Schulungsvideos fürs

schwerer Junge! Und so kommt halt die Maria zum Kinde!“

Sascha ist auch Anti-Gewalt und Aggressionstrainer. Er arbeitet

fürs Jugendamt mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Kids, die es irgendwie auf die falsche Bahn geschafft haben, sind sein Klientel. „Ich kann ihnen gut helfen, weil ich selbst genug Mist

als Jugendlicher gemacht hab. Mir wurde damals geholfen und das erstaunlich gut. 48

ziere, gibt mir die Chance etwas zurückzugeben.“ Mittlerweile bildet

ändert. Man merkt außerdem immer wieder, wenn man jemanden

vorgesetzt bekommt, der noch schlechter ist, als man selbst, geht’s einem wieder gut. Es wird nicht geplant, es ist nichts konstruiert,

nichts erfunden.“Wie er zur Schriftstellerei gekommen ist? „Das hat

schon ganz früh angefangen, als ich auf einer nahezu defekten Olympia-Schreibmaschine Akte-XY-ungelöst Krimigeschichten geschrie-

ben habe und für jeden Buchstaben den Wagenrücklauf selbst ziehen musste, um die Buchstaben nebeneinander zu bekommen!


RG R G 77

TEX T C h r is ti a n Ca r a va n t e

F OTO S a b r i n a Ka r a ka t sa n i s

Pacman und seine Freunde Eine Adresse in irgendeinem Gewerbegebiet in Essen, bei Ankunft Anruf auf einem Handy, es folgt die Abholung im Hof, eine Stahltür wird aufgeschlossen, hinauf geht es mit einem Lastenaufzug, dann durch noch eine Stahltür.

ZO CKE N

PA CM A N UND S E I NE FRE UNDE

Trotzdem: Man muss sich Marcus als glücklichen Menschen vorstellen. Carsten, ein muskulöser Enddreißiger mit Glatze und Soul-Patch Bärtchen, erzählt: „Ich hab in Pommesbuden gespielt oder wenn ich mit den Eltern weg war so lang genervt, bis ich an so einen Table-Automaten durfte. Als Jugendlicher dann meist Beat’-em-up-Spiele wie Karate Champ. Das war mein 80er-Feeling.“ Ingo, dagegen schildert seine Initiation zwanghafter: „Ich bin Jahrgang 69, da standen in jedem Kaufhaus und jeder Bude Videoautomaten. Mit 14 und 15 war es recht dramatisch, da musste ich spielen “, ergänzt er in einem Ton als sei er damals beinahe auf die schiefe Bahn geraten.

Marcus, Carsten und Ingo haben als Jungs gern gezockt und tun es immer noch. „Bitte die Adresse nicht nennen, Vornamen genügen“, erklärt Marcus, als er uns in einen bunt beleuchteten, fensterlosen, vielleicht 60 Quadratmeter großen Raum mit hoher Decke führt. Das hier ist Marcus` wertvolle Weltflucht: eine selbstgebaute Arcade-Spielhalle. Zunächst überrascht die relative Ruhe - bis es plötzlich im Raum überall klingelt, rappelt und daddelt. Die eine Hälfte von Marcus Erinnerungscocon, seiner Arcade-Halle nehmen die 27 Videospielautomaten ein, allesamt Vorväter moderner Videospiele, aber mit 8- bzw. 16-Bit-Grafik, Pling-Plong-Sound - und unerhörtem Suchtpotential. In der anderen Hälfte des Raums stehen elf wunderbar jung aussehende Flipper. Es mischt sich der bunte Schein aus alten Röhrenmonitoren mit dem Licht aus bemalten Backgläsern der Flipper und ihren hunderten von blinkenden Lämpchen. Alles hier wirkt schummerig-gemütlich, ganz wie eine angenehme Erinnerung. In einer Ecke hat Marcus eine Sitzecke nebst Birkenfurnier Vitrine und Fernsehelement eingerichtet. Das Ensemble wirkt wie direkt aus einer Jungesellenwohnung, inklusive Route 66 Neonleuchten und Modellhubschaubern.

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Sofort werden Erinnerungen wach, so klar und intensiv wie bei einem Geruch – Willkommen in den 80ern! Und dieses Gefühl macht auch weit mehr als die Hälfte der Gründe aus, warum Marcus und seine Zockerkumpanen alte Automatenspiele, Flipper und Spielkonsolen sammeln: Sie erinnern sich gern und vor allem sehr materiell an ihre Jugend. In Fortsetzung der tausenden von sorglosen Stunden, die sie an Spielautomaten mit Galaga, Pole Position, Pong oder Donkey Kong verbracht haben, spielen sie weiter und brauchen keinen Vater mehr nach Taschengeld zu fragen. Die Geschichten der drei Männer ähneln sich: „Dazu gekommen bin ich schon als Kind, als mein Vater mir mit sieben Jahren so einen mechanischen Geldspielautomat geschenkt hat. Da hab ich mein Taschengeld reingeworfen und wenn ich Glück hatte, mehr rausgeholt als eingeworfen. Meistens habe ich allerdings verloren und so früh gelernt, dass man an diesen Geldspielautomaten nur verlieren kann“, erzählt Marcus. Er ist ein jungenhaft aussehender Mittvierziger und wirkt an diesem Abend, an dem er Einblick in seine Welt gewährt, zugleich auskunftsfreudig wie auch erstaunlich unleidenschaftlich. Das mag an der Ernsthaftigkeit liegen, mit der er das kostspielige, aufwendige, Zeit und Raum-raubende Hobby betreibt.

Mindestens genau so wichtig ist ihnen heute Gleichgesinnte zu treffen. Carsten präferiert eine Mischform aus Sammeln, Basteln und Zocken, während Ingo sich klar als Vor-Allem-Zocker outet: Ihm ist der Zustand oder die Originalität des Gerätes relativ egal, solang es sich spielen lässt. Carsten, der offenbar so ernsthaft Kraft- oder Kampfsport wie auch dieses Hobby betreibt, schildert seinen Wiedereinstieg vor einigen Jahren so: „Als MAME (Multiple Arcade Machine Emulator, Programm, das Arcadespiele für PCs nachbildet.) rauskam, hab ich mir irgendwann einen Universalautomat (Automat mit eingebautem PC und sehr vielen Spielen) über Monate geplant, selbst gebaut und 8.000 Euro reingesteckt, „Monitor aus Italien bestellt, Teile aus den USA und einen Schreiner dazu geholt. Mein beruflicher Hintergrund als IT-Architekt plus Kindheitserinnerungen ans Zocken haben mich reingebracht.“ Gastgeber Marcus, Elektrotechniker von Beruf, kam zu seiner Zocker Renaissance durch Zufall: „2001 fragte ein Bekannter, ob ich ihm helfe ein Lager auszuräumen. Das war der Lagerraum einer alten Spielhalle, alles sollte auf den Müll. „Von wegen auf den Müll“, hab ich gesagt, „das kommt bei mir in die Garage“. Ich hab den ersten Raum gemietet, kam in Kon-

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takt mit anderen Verrückten, habe dazugekauft und bin 2005 dann in diese, größere Halle.“ Viele der nach 1980 Geborenen verbinden ihre Spielautomaten-Erinnerung mit Urlauben in Südeuropa - aus gutem Grund: Denn ab 1985 durften Jugendliche unter 18 die Spielhallen nicht mehr betreten, in die eine ganze Generation ihr Taschengeld getragen hatte. Was blieb, waren Spielhallen oder Hotellobbys in Südeuropa – daher die Verknüpfung von Strand und Videospielen den Erinnerungen so vieler Männer. Das endgültige Aus für die Arcade-Hallen waren schließlich die Spielekonsolen, die damals ihren Siegeszug durch die heimischen Wohnzimmer antraten und dort heute in Form von X-Box, PS3, Wii oder PC die Spielsucht aller Altersklassen befriedigen. Marcus meint: „Es ist trotzdem auch bei jungen Leuten eine Faszination an diesen Klassikern erwacht. Die hochkomplexen, mit aufwendigem Storytelling durchsetzen Spiele von Heute haben Nachteile, meint er: „Man kann nicht einfach mal zehn Minuten spielen, da ist man den halben Abend mit beschäftigt. Hier gibt’s drei Knöpfe und das Spiel erschließt sich jedem sofort.“ Und damit ähneln sie zumindest darin den erfolgreichen Handyspielen, die ebenfalls sofort zu spielen sind. Die Motivation der bundesweit aktiven Arcadefans speist sich nicht aus Spielsucht, wie bei Glückspielkranken, an diesen alten Geräten kann man sich höchstens eine Sehnenscheidenentzündungen zuziehen. Was als männlicher Jugendlicher Ausdruck von pubertätstypischen Autismus wie sportlich-spielerische Herausforderung war, ist als Erwachsener von Gemeinschaft, Technikbegeisterung, Basteln und schöner, warmer Nostalgie getragen. Marcus sammelt auch alte Konsolen. Bei denen schätzt er besonders den Nostalgiefaktor: „Ich spiele die oft im Winterurlaub, wenn draußen schlechtes Wetter ist. Das ist zurück in die Kindheit, wo man diese Videospiele zu Weihnachten bekam.“ Verschüttetes Wissen anwenden und verschüttete Erinnerung wiederbeleben – das ist hier möglich. Nur eine Frag der Zeit, wann die nächste Retrowelle ihnen auch jüngere Zocker in die Halle spült.


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RG 7

KUNST FINDET STADT Drei K端nstler und ihre Arbeiten. Foto: Sabrina Karakatsanis

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G E STA LT E N

Thaisen Stärke absolvierte ebenfalls sein Studium an der FH Dortmund mit dem

journalistische, narrative Fotografie, bei der der Mensch im

Arbeiten im Vordergrund. „Szenen“ im weitesten Sinne. Er besitzt

es einen Zusammenhang zwischen Raum und Person zu schaffen.

was er am besten kann. Menschen und Musik stehen in seinen ein außergewöhnliches Auge und eine Gabe, mit einem Bild

eine Geschichte zu erzählen. Das entstandene Bild bringt auf den

Punkt, was zusammen gehört. Der Mensch und wie er sich in seine

Umgebung einfindet, dabei schafft er dies ohne Klischees zu spiegeln

oder beliebig zu sein. Stärke, 1982 in Kiel geboren, ist nach Abschluss seines Studiums 2012 in Dortmund geblieben.„Ich betreibe eine 66

Mittelpunkt steht, ob situativ oder im Portrait.“ Wichtig für ihn ist Was war zuvor bzw. was wird passieren, fragt sich der Betrachter

und kann Stärkes fotografische Geschichten betrachten, die zu einem

Schmunzeln einladen oder sie als Projektionsfläche für seine eigenen Emotionen nutzen.

www.thaisenstaerke.de

KUNST FI NDE T STA DT

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TE X T J on as E ickh o f f

F OTO P h i l S t r u c k

G E STA LT E N

hallten, sphärischen Musik. Sie spricht von den „Mars Chroniken“, zieht begeistert Plattencover und Bücher über UFOs aus ihrem Regal, schwärmt von dem Stück „Wir sind die Roboter“ von Kraftwerk und verrät, dass sie als Kind Astronautin werden wollte. Nadine ist mittlerweile Ende 20 und studiert Fotografie an der FH Dortmund – Astronautin ist sie also bisher noch nicht geworden,

doch ihre Begeisterung für Kosmos, Aliens und Science Fiction ist ungebrochen. Das ist auch in ihrer Musik unverkennbar,

Mars, Venus, Jupiter, Saturn, Dortmund

schon musikalisch ausgedrückt durch einen elegisch fließenden Klang, mit einem nie

endenden mystischen Hall. „Meine Einflüsse

kommen sozusagen von Mars, Venus, Jupiter und Saturn. Aber eben auch von der Erde.“

Nadynn – Gesamtkunstprojekt

So findet sie ihre weltlich räumlichen Inspi-

rationen in Kathedralen, Unterwasserwelten und Sternwarten. Musikalisch mag man die

Wir befinden uns im Westen der Westfalenmetropole Dortmund. Es ist Herbst und die Luft kühl - Straßenbahnen und Autos rauschen an uns vorbei. Unser Weg führt uns zur Wohnung von Nadine Platzek, Sängerin des Gesamtkunstprojektes „Naadyn“. Wir klingeln, ein typisches 70er-Jahre Mehrfamilienhaus. Der Türöffner surrt, Nadine bittet uns in ihre warme Wohnung. Sie hat Früchtetee für uns gekocht, ihre zwei Hauskatzen streichen um unsere Beine. Für einen kleinen Moment verlassen und vergessen wir das monotone Rauschen der Stadt und des Alltags, um in die musikalischen Sphären von Naadyn einzutauchen.

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„When the earth turns slow in time And the rhythm makes no rhyme Early morning you are mine Until the sun will shine

Naadyns Musik zu Genres wie Witch House, Synthpop und Shoegaze zuordnen.

Schon seit 2007 steht Nadine, zunächst

noch mit ihrem Pseudonym Tape3000, auf

When the moon turns slow around And the nightsky makes no sound Can´t believe what i have found Shining blue and goes round and round“

In dem Stück von der aktuell entstehenden LP Naadyns geht es um die gegenseitige Abhängigkeit von Mond und Erde. „Eine Abhängigkeit, die ich fast schon als etwas Freundschaftliches empfinde.“ – Nadine schwärmt für das Kosmische, ein immerwährendes Leitmotiv ihrer ver-

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DA S UNI VE RS UM B E ST E HT A US M US I K

der Bühne. Sie komponiert, schreibt und

meditativen, filmischen Komponenten ihrer

Musik und ihrer Performances verdeutlichen – ein stimmiges Gesamtkonzept.

Ihr aktuellstes Album heißt „TROR“

(schwedisch für „Glaube“). „Ich war ein Jahr in Schweden und habe dort die Sprache, das Land und die Menschen wirklich schätzen

gelernt. Eben auch vom Klang her. Und da

es bei meiner Musik nicht nur primär um die

textliche Aussage geht, sondern vielmehr um das Schaffen von Traum- und Raumbildern, integriere ich den (u. a. schwedischen) Text häufig einfach als weiteren Klangfaktor in meinen Stücken. So entstehen wahre

Klanglandschaften. Es geht immer um das Gesamtprodukt, nicht um z. B. den Text

allein.“ So versteht man ihre Stimme durch enorme Halleffekte teilweise zwar nicht

gänzlich im Wortlaut, doch ist das kein Hin-

dernis ihre wunderbaren, teils melancholisch

atmosphärischen Stücke zu genießen und auf sich wirken zu lassen.

Wahre Gesamtkunstwerke, Ton und Bild, Zahn in Zahn.

produziert ihre Musik komplett selbst und

Während wir noch ihre Effektgeräte begut-

tatkräftig unterstützt. Auch über das Design

für die Musikproduktion fachsimpeln,

wird lediglich von ihrem Drummer Dale

und die generelle Gestaltung von Naadyn entscheidet sie selbst, was einen hohen

Identifikationsgrad mit ihrer eigenen Arbeit schafft. „Übrigens, dass ich nun auf der

Bühne stehe, war gar nicht so geplant. Doch

nun verbinde ich audiovisuelle Performances mit meinem Liveauftritt und verschwinde da als Person ein wenig im Hintergrund.

Damit bin ich schon ganz zufrieden.“ Nadine wirkt während des Erzählens sympathisch zurückhaltend. Gleichzeitig spielt sie für

uns diverse Videoaufnahmen ab, welche die

achten und über die richtigen Programme

verschwindet draußen bereits die Sonne am

Horizont. Der Alltag hat uns wieder Nadine schenkt uns noch ihr Album „TROR“ und wir ihr UFO-Lollis. Beseelt von den neu

gewonnen Eindrücken treten wir den Heim-

weg an. Und wenn wir jetzt genau hinsehen, sehen die Lichter der Stadt doch nun auch

ein wenig aus wie ein Teil des Universums

mit seinen vielen, hell leuchtenden Sternen. Naadyn – eine Klangreise zwischen Erde und Kosmos.


RG 7

T I PPS

T E XT St ef ani e Kähne

Gisbert zu Knyphausen

Phoenix in der Asche

Er ist einer der wenigen deutschsprachigen

Basketball ist im Ruhrgebiet neben König

nicht bloß Beiwerk, sondern die Hauptsache

mit Phoenix Hagen sogar ein Team aus dem

Gisbert zu Knyhausen - Musik

Musiker, für den der Text in einem Lied

ist. In seiner Musik verbergen sich Gedichte und Geschichten voller Poesie, Ironie und

Melancholie. Es sind lebensnahe Geschich-

ten. Über ein Gespräch am Frühstückstisch, einen gemeinsamen Sommertag oder einen kurzen bedeutungsvollen Blick. Aber vor allem geht es um die Gefühle, die solche

Ben Howard

The Burgh Island - Musik The Burgh Island ist eine dieser Platten, die

einen stürmische Küsten und windbewegte Wälder vor dem geistigen Auge sehen lassen. Die

Spannung, die dabei in der Luft liegt. Seine

danach klingt. Auf ihr findet sich all das wieder, was Ben Howards Musik bisher so hörenswert machte: Das außergewöhnlich schnelle und

mitreißende Gitarrenspiel, das besonders in den langen Instrumentalparts dramatisch laut wird. Die beachtliche Länge der Titel, dank der sich die Melodie entwickeln und verändern kann.

Ben Howards Stimme, die… eben Ben Howards einzigartige Stimme ist.

Neu dagegen ist die überaus düstere, klamme,

bedrückende Stimmung, die über allen Tracks schwebt und hervorragend zum Winter passt. Die EP ist die Vertonung dessen, was man

derzeit sehen kann, wenn man aus dem Fenster blickt: das Bild einer dunklen, nebligen Land-

schaft. Quasi der personifizierte Winter-Soundtrack überhaupt.

Fußball eher eine Randnotiz. Dabei spielt

Revier in der ersten Bundesliga. Regisseur Jens Pfeifer kommt aus Hagen und hat an

der Filmhochschule München studiert. Als Phoenix Hagen nach langer Zeit wieder in

die erste Liga aufsteigt, begleitet er das Team eine Saison lang. Dabei verzichtet er für

seinen Dokumentarfilm auf Interviews oder einen erklärenden Off-Kommentar sondern ist beobachtend dabei. Dem Team kommt

Kampf um den Klassenerhalt. Dabei steht

sprichwörtlich, was im Song passiert.

grund – man muss also kein Basketball-Fan

und Stimmungen transportiert. Man fühlt

die musikalische Untermalung entfalten die

Universal Music International erschienen ist,

Jens Pfeiffer - Film

die Geschichten Empfindungen vermittelt

seiner Lieder, macht sie dadurch authentisch,

die neue Burgh Island EP, die im November bei

89

Musik ergreift und trägt einen, weil sie durch man so sehr nahe und leidet mit im harten

Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Text

erweckt sie zum Leben. Kein Wunder, dass auch

88

Situationen begleiten und die unsichtbare

Naturverbundenheit des vor der Küste Südeng-

lands aufgewachsenen Surfers spricht aus jedem

T E XT Ni n a S e lig

und die Melodie eine Einheit bilden. Durch Lieder ihre volle Wirkung. Verzweifelt der

Text, stimmt sich auch die Melodie beklem-

mend düster darauf ein. Bei einem positiven Lebensgefühl, klingt es schon mal nach

kraftvoller, ausdruckstarker Rockmusik.

Das Markanteste ist jedoch Gisberts eigenwilliger Gesang. An vielen Stellen spricht

und erzählt er mehr, als dass er singt: Seine Stimme kratzt an der Melodie, flucht und

fleht, setzt so den Text in Szene. Man kann

hören, wie viel Herz Gisbert in diese Lieder

steckt. Vielleicht klingt deshalb seine Musik so echt, weil ein Mensch dahinter steht, der

ohne Scheu von den Dingen spricht, die ihn beschäftigen. In vielen Liedern geht es um

Melancholie und Verzweiflung, doch trotzdem klingt Gisberts Musik kein Stück wie trauriges Gejaule. Eben dadurch ist er die

Ausnahme in der deutschen Singer/Songwriter-Nische, in der es sonst mehr um Image als um Inhalt geht.

das Drama und nicht der Sport im Vordersein um von der Dynamik des Teams, die

unter dem Druck unerwartete Wendungen

nimmt, gefesselt zu sein. Kameramann Tobias Tempel findet ungewöhnliche Bilder, die

wenig mit üblicher Sportberichterstattung zu tun haben. Der Soundtrack von B. Fleisch-

mann ist getragen von elektronischen Beats, die der Tristheit der meisten Spielorte und Hotels noch Coolness abgewinnen lassen.

Basketball- und Filmteam sind sich mit sehr viel Vertrauen begegnet und erzählen eine Geschichte, die kein Drehbuchautor hätte besser schreiben können: Teure Spieler

werden in den USA eingekauft, dabei ist die Halle für Bundesligaspiele zu klein und das wenig geeignete Provisorium im Industriegebiet lässt sich kaum heizen. Der Trainer versucht noch mit Motivationsansprachen den schlechten Saisonstart rumzureißen,

aber da kracht es auch schon zwischen den

Spielern. Jens Pfeifer und sein Team haben

es geschafft, in den intimsten Momenten der Mannschaft wie unsichtbar Teil des Dramas

um den Klassenerhalt zu werden, das erst am Ende des Films gelöst werden kann.


RG 7

I N TER V I E W Nin a S e l i g

F OTO J a n G l a sm e i e r

G E STA LT E N

109

POTT I M E XI L

Mae Sot, Thailand. Jan Glasmeier, Architekt Hey, wer bist Du, was machst Du so und aus welcher Stadt im Ruhrgebiet kommst du? Jan: Meine Name ist Jan Glasmeier, ich bin 1976 in Gelsenkir-

und ins Museum zu gehen. Dafür müsste ich hier acht Stunden mit dem

Was ist denn der größte Unterschied zwischen Mae Sot und dem Ruhrgebiet?

Bundesligaspiele laufen hier erst um 2 Uhr morgens im Kabelfernse-

Jan: Das Wetter ist natürlich ein ziemlicher Gegensatz.

definitiv etwas, was ich vermisse. Oder die Möglichkeit, auf Konzerte Bus nach Bangkok fahren. Und: Ab und zu zum S04 zu gehen.

hen, deswegen bekomme ich so gut wie nichts mehr mit. Leider!

aufgewachsen. Mein Vater war der

Was ist denn typisch für Mae Sot bzw. dem Pott? Gibt es vielleicht sogar Gemeinsamkeiten?

bekannte Künstler und

Jan: In Mae Sot ist der hohe Anteil an Burmesischen Immigranten

chen-Buer geboren und auch dort

über die Grenzen des Ruhrgebiets Ausstellungsmacher Rolf Glasmeier. Auf mein Abi an der Penne in GE-Buer folgte der Zivildienst bei der Feuerwehr Gelsenkirchen

und eine Bauzeichner-Lehre bei den Architekten Böll + Krabel in Essen-Altenessen. 1999 bis 2006 absolvierte ich dann mein Diplom-Studium der Architektur an der TU Darmstadt mit Studienaufenthalten in Queretaro, Mexiko für ein Jahr und Johannesburg, Südafrika für sechs Monate.

Wie bist Du denn in Thailand gelandet und wo warst du vorher? Jan: Nach Studium und zusätzlichen Arbeitsaufenthalten in

London bei Sir Norman Foster, Abu Dhabi und Singapur verschlug es

oder Flüchtlingen, Ausländern, die für Hilfsorganisationen arbeiten,

ny-Olmo aus Barcelona sowie mir selbst. Wir entwerfen und bauen bei Bedarf für Humanitäre Organisationen Schulen oder Shelter.

Vermisst Du etwas aus dem Ruhrgebiet? Wenn ja, was? Jan: Trotz des tollen Essens (Burmesisch, Thai, Chinesisch, etc.)

vermisse ich doch recht häufig das typische deutsche Frühstück (Brötchen mit Käse + Schinken, frischem Kaffee). Auch Jahreszeiten sind 108

Kannst Du beschreiben, wie Mae Sot „riecht“?

ununterbrochen. Der größte Unterschied sind wahrscheinlich jedoch

Jan: Der Geruch vor meiner Haustür ist eine Mischung aus Chili,

zwischen rund 300.000 Menschen aufgewachsen, Mae Sot hat gerade

zudem noch stark den Geruch von kontrolliert schwelenden

während der Regenzeit, also von Juni bis September, regnet es

tatsächlich die städtischen Größenverhältnisse. Ich bin als Stadtkind mal 45.000 Einwohner. Man muss hier schon regelmäßig

rauskommen, um nicht verrückt zu werden. Aber Thailand zu

Curry, Koriander. Während der Trockenzeit im Frühjahr nimmt man Waldbränden wahr.

kulinarischen Vielfalt wiederspiegelt. Man muss beachten, dass Mae Sot in den 90er-Jahren einer der gefährlichsten Orte in Thailand

aufgrund von Drogen- und Menschenschmuggel oder beispielsweise

der Mafia war. Das Typische widerum am Ruhrgebiet ist ja für mich das Unverständnis vieler Städte und Gemeinden für das Ruhrgebiet als eine große Stadt. Nicht jede Stadt braucht deshalb ein Theater, die Oper oder ein Museum. Wenn man sich Ruhrstadt nennen möchte, dann sollte es möglich sein, in einzelnen Städten Schwerpunkte zu setzen.

der Thais gegenüber den Burmesen ähnelt der Reaktion vieler Deut-

tektin Line Ramstad aus Oslo, dem Bauingenieur Albert Compa-

Die Temperaturen liegen hier durchschnittlich bei 35 Grad,

sehr untereinander vermischt, was sich dann natürlich in der

Ich arbeite hier als Volontär unentgeltlich oder pro bono. Wir haben

(http://agora-architects.com/), bestehend aus der Landschaftsarchi-

die definitiv nicht zu meinen bevorzugten Krankheitsarten gehören.

Merkmal. Die Bevölkerung hat sich über die letzten Jahre wirklich

Die Vielfalt an Einflüssen verschiedener Kulturen hier kann man sehr

eine Architektengruppe gegründet, a.gor.a architects

Krankheiten wie Malaria, Dengue, Enzephalitis oder Tollwut,

Muslimen aus allen Teilen Asiens und natürlich Thais ein ziemliches

mich Anfang 2012 nach Mae Sot. Ich bin dem Ruf der dortigen Mae Tao Clinic gefolgt, um bis 2014 eine neue Klinik zu realisieren.

bereisen ist ja generell keine schlechte Option. Zudem gibt es hier

gut mit der im Ruhrgebiet vergleichen. Auch die geringe Akzeptanz

schen gegenüber Ausländern. Und die große Anzahl an Straßenhun-

den muss noch erwähnt werden. Meiner hat sogar eine Facebook-Seite und heißt Benni.

Die Ehrlichkeit und Direktheit des Ruhrgebiets kann man hier jedoch schon sehr vermissen. Es ist hier häufig schwierig, Entscheidungen

zu treffen oder Leute von Dingen zu überzeugen, denn grundsätzlich wird immer erst einmal zugestimmt, weil man ein Farang

(ein Weißer) ist. Ist man dann plötzlich abwesend, werden Entscheidungen gerne revidiert. Dies geschieht jedoch nur aus Höflichkeit,

erreicht bei mir aber eher das Gegenteil (lacht). Für einen Architekten bedeutet das, dass man sich vor dem Baubeginn eines Projekts auch

nicht hundertprozentig sicher sein kann, ob es überhaupt gebaut wird.

SPIELPLATZ SPIEL SPIELPLATZ


RG 7

Spielhallen

T E XT J er ome Vazhayi l

O RT E

FOTO J aspe r Ba stia n

111

Viel Platz für Karts, Bälle und Farbkugeln.

Highway Kart Racing Dortmund Formel1 und Co. sind nicht fern, wenn man

de beginnt man, die Strecke zu kennen, der

Wer Lust auf mehr als 6,5 PS hat, muss

Der Duft der Straße ist es, was einem hier

adé, wir geben Gas. Die große Anzeigentafel

Minuten fahren. Damit erwirbt man die

die Halle in Dortmund Barop betritt.

direkt entgegenschlägt: Benzin und Asphalt. Wer seinen Besuch der Highway Kart

Racing Bahn in den Winter legt, merkt

schnell, dass sich zu dem markanten Geruch auch die Kälte von draußen gesellt. Menschli-

che Frostbeulen, die hier in den eisigen Mona-

ten in das Standard-Kart mit 6,5 Pferdestärken

zeigt dabei unverblümt die Rundenzeiten an, bis auf die Millisekunde. Wer alles richtig macht, fährt die Strecke, die sich auf zwei

große Hallen verteilt, ohne große Probleme und kann sich darauf konzentrieren, eine gute Rundenzeit zu fahren.

steigen, sollten ihre Winterkleidung nicht

Zusätzliche Herausforderungen liefern die

Minuten, denn die braucht der Fahrer, um die

das Vier-Stunden-Rennen. Hierfür sollte

vergessen – zumindest in den ersten 20

Kälte des Raumes zu überwinden. Dann

haben die Reifen Betriebstemperatur und es

kann richtig losgehen. Nach der ersten Run110

Reifen bekommt immer mehr Grip. Vorsicht

Winter- und Sommerpokal-Rennen sowie man schon die eine oder andere Runde

gefahren sein, denn wer diese Rennen fährt, sitzt schon ambitioniert in seinem Kart.

die 1.600 Meter lange Strecke unter zwei Goldlizenz, mit der man das Goldkart mit 9 PS über den Teer jagen darf. Wer unter

1:52 Minuten bleibt, hat sich die Platinlizenz erfahren und bekommt mit dem Platinkart satte 13 PS unter den Allerwertesten.

Fahren darf übrigens jeder, von Steppkes bis Oppa und Omma, denn einen Führerschein braucht es nicht, um sich auf der

längsten Indoor-Kartbahn der Welt ein paar Pferdestärken unter den Hintern klemmen

zu dürfen. Mit einer 200 Meter Entfernung zum Bahnhof Dortmund-Barop ist die

Rennstrecke auch ohne Auto zu erreichen.


RG 7

TE X T C h r is top h e r M e n d e

F OTO S a b r i n a Ka r a ka t sa n i s

G E STA LT E N

119

S PI E LKI NDE R

Kollektive Zeitverschwendung Hallo Fidel, magst Du uns kurz etwas über Dich erzählen? Wie alt bist Du, wo kommst Du her, was machst Du hier? Fidel:

Ich bin 23 Jahre alt, rothaarig und heiße Fidel.

Groß geworden bin ich in Halver, einer Kleinstadt am Rande des

Sauerlands. Vor fünf Jahren bin ich fürs Fachabi in Gestaltung am Fritz-Henßler-Berufskolleg (FHBK) nach Dortmund gezogen und studiere seit 2010 an der FH Dortmund Grafikdesign.

Du hast für die Ausstellung „INSTANT – Ausstellung für visuelle Kommunikation“ der FH Dortmund eine Videoinstallation eingereicht, die sich recht kritisch mit dem Thema Zocken auseinandersetzt. Kannst Du uns diese Arbeit noch einmal etwas genauer erläutern? Fidel:

Prestige 20 - Die doppelte Zeitverschwendung hat sich aus

ist durch Fernsehgeräusche, gepaart mit meinen Selbstgesprächen,

konnte man schon außerhalb des Raumes hören und ließ viele Leute

neugierig werden. Ich habe viele positive Resonanzen bekommen, womit ich gar nicht gerechnet hätte. Einige Leute haben sich sogar selbst in der Installation erkannt und konnten sich ihre Zeitverschwendung auch eingestehen. Bei dieser ersten Installation verlief zwar nicht

alles optimal, wie beispielsweise das Erkennungsprogramm, welches registriert, wieviele Leute sich grade im Raum befinden. Aber von

der Idee und der Umsetzung waren eigentlich alle recht begeistert, bis auf meine Mama. Ich glaube, dass sie mit dem Ganzen nicht so viel anfangen konnte.

Würdest Du selbst von Dir behaupten, dass Du ein Zocker bist? Und was oder womit zockst Du? Fidel:

Als Kind habe ich oft vor verschiedenen Konsolen meine

dem Seminar Bad Idea von Ulrike Brückner entwickelt.

Zeit verbracht, aber als ich von Zuhause ausgezogen bin,

ob es wohl eine schlechte Idee sei, sich eine Spielkonsole zuzulegen.

bei Freunden ein wenig gezockt, aber dieses Gefühl, Tage und Nächte

Die Ursprungsidee zu diesem Projekts entstand aus der Frage,

Zeitverschwendung war dann das Wort, worauf ich immer wieder

gestoßen bin und letztendlich habe ich meine Arbeit dann daraufhin

fokussiert. In Prestige 20 - Die doppelte Zeitverschwendung jage ich einem Erfolg nach, der mir am Ende aber nichts nützt. Die Aufnah-

men zeigen mich frontal vor dem Bildschirm, welcher zugleich auch die einzige Lichtquelle darstellt, sodass man beim Betrachten des

habe ich keines meiner Geräte mitgenommen. Ab und an habe ich mal lang von einem Spiel eingenommen zu werden, das gab es nicht

wirklich. Als ich dann im Saturn stand und ein wirklich unglaubli-

ches Angebot für die Xbox 360 sah, war es um mich geschehen. Ich

verbringe seither unzählige Stunden vor der Konsole und lasse mich vom Flackern des Bildschirms berauschen.

bei dem er während der Betrachtung - so wie ich - ebenfalls seine

Würdest du Dir wünschen, dass mehr oder weniger Menschen anfangen, um oder mit irgendwas zu zocken?

Zeitangaben im Video festgehalten, ähnlich eines Head-Up-Dis-

Fidel:

ich während des Zockens verliere, misst die andere die Zeit, die der

länger mal unterwegs bin und nur wenig Zeit zu Hause verbringe,

Videos denselben flackernden Effekt, den ich beim Spielen erlebe, erfahren kann. Dem Zuschauer wird somit ein Video vorgeführt,

Zeit verschwendet. Die gemeinsam verschwendete Zeit wird in zwei

Ich hab oft Lust, nach dem Essen mal ‘ne Runde Call of

play-Elements eines Videospiels. Während eine die Zeit anzeigt, die

Duty zu zocken, das tut mir dann auch wirklich gut. Wenn ich also

Zuschauer beim Betrachten meines Videos verstreichen lässt.

vermisse ich das schon. Jeder braucht so seine Beschäftigung,

Welche Reaktionen konntest Du auf Deine Arbeit feststellen? Fidel:

Die Installation wurde in einem abgedunkelten Raum reali-

siert, der gut die Situation wiedergeben konnte, die ich selber

118

beim Zocken empfinde. Der Sound des Videos, welcher bestimmt

die einem vom Alltag ablenkt. Die Leute sollen das tun, was sie gerne tun wollen. Und ich zocke halt gern.


RG 7

TE X T S tep h an ie M ü l l e r

F OTO Ba n d e f ü r G e st a l t u n g

133

T I PPS

Frühschoppen Der Nachttopf der letzten Ausgabe war gefüllt mit Speisen und Gerichten, die nachts nach dem Zechen entstanden sind. Frühshoppen lässt zunächst ähnliches vermuten, doch soll es hier, ob dann mit oder ohne Bierchen, in erster Linie um eins gehen, nämlich die wichtigste Mahlzeit des Tages: das Frühstück. Süß, gesund, fettig, verliebt. Ob für Frühaufsteher oder Langschläfer ... Besser isses. Kantapper, Pfannkuchen...

Müsli

Croque Madame

Was wäre ein Frühstück ohne süße Pfannku-

Müsli zum Frühstück kennt man ja, mag

Fettig und herrlich ungesund ist der nächste

Männer: mit einem selbstgemachten, mor-

hat mir damals beigebracht, dass „ein Löffel-

Madame eine wunderbare Grundlage zum

chen!? Letztlich doch nur halb so schön. Und gendlichen Pfannkuchen könnt ihr bei eurer Liebsten auf jeden Fall Eindruckschinden!

Also seht zu, dass ihr folgendes im Haus habt: 2 Eier

150 g Mehl

1 Tl Backpulver

chen Zucker bitt’re Medizin versüßt“, wieso also nicht auch Müsli. Schließlich hat auch die Lebensmittelindustrie längst Schoko,

Banane, Vanille und Cranberries als gute

Frühstücksbegleiter für sich ausgemacht. Ich hau gern folgendes in die Müslischale:

Feinschmecker. Dazu bildet die Croque

(Weiter)Saufen, die alte Dame hat nämlich mindestens soviel Kalorien wie ein Doub-

le-Xtra-Mega-Burger mit dreifach Käse und nicht zuletzt deshalb fast jeden Samstag

vor´m Stadion den Weg in unsere Pfanne gefunden. Man nehme also:

250 ml Buttermilch

2 große Esslöffel Müsli (natur)

2 Scheiben Toast , von der eine Scheibe wie

3 El Zucker

1 Löffel Nuspli (weil´s mehr nach Haselnuss

2 Scheiben Schinken

1 Prise Salz

Alles zusammen in eine Schüssel geben und zu einem Teig schlagen. Einen guten Klecks Butter in der Pfanne auf mittlerer Stufe

erhitzen und soviel Teig dazugeben, dass der Pfannenboden bedeckt ist und die Früchte

noch auf dem Teig liegen können. Wenn die eine Seite nicht mehr an der Pfanne klebt,

1 Löffel Erdbeermarmelade

schmeckt als andere uns bekannte Schoko Brotaufstriche)

Gezuckerte Nusstaler

Butter in der Pfanne goldbraun anbraten.

Und natürlich Milch

dafür ganz gut. Diesen dann klein schneiden,

Scheiben schneiden und kurz bevor ihr den

Plinsen umdreht, darauf die dünnen Scheiben zusammen mit den Mandelsplittern verteilen. Mit Puderzucker überzeugt ihr dann jeden noch so kritischen Frühstücksgast.

2 Scheiben Käse

1 Apfel

cken)

Etwas der Jahreszeit angemessenes wäre aber plitter. Dazu nur die Äpfle vorher schälen, in

gebratenen Speck, 3 bis 4 Streifen

Jetzt noch dick Mayo drauf und zusammen-

Beim Apfelkauf ruhig einen mit etwas mehr

auch einer mit Äpfeln, Zimt und Mandels-

folgt belegt wird:

1 guten Schuss Honig (den zum Rausdrü-

einmal umdrehen. Klassisch wäre es, den

Pfannkuchen mit Blaubeeren zu servieren.

132

aber längst nicht jeder. Doch Mary Poppins

Säure nehmen, die Sorte Granny Smith ist

dazu die Nusskekse kleinbröseln und mit in

die Schale schmeißen. Nun noch die anderen Zutaten dazu und ihr habt n sauleckeres Müsli.

klappen. Das Sandwich nu’ mit ein wenig Obendrauf ein schönes Spiegelei und ich schwöre Dir, außer der obligatorischen

Stadionbratwurst geht den Tag über an fester Nahrung erstmal nichts mehr.


RG 7

I N TE R V I E W Hol g e r S t e f f e n s

F OTO J a n L a d w i g

...wir fahrn nach Lodz Knapp 360.000 als gestohlen gemeldete Fahrräder jährlich bundesweit, davon etwa 90.000 in NRW. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weitaus höher, denn beileibe nicht jedes Diebstahlopfer bringt die Langfingerei auch zur Anzeige. Aufklärungsrate: rund 10 Prozent. Doch egal, ob es sich um das flammneue Mounty mit Edelshimanoausstattung für jenseits der 1.000 Euro oder die abgerockte Hartgeldhure für Kneipentouren handelt: Ärgerlich ist ein Diebstahl allemal, denn statt Drahtesel sind jetzt erst mal Schusters Rappen dran. Und wenn dann weder Polizei noch Fundbüro das Rad wieder an die Sonne bekommen und auch keine Versicherung greift, wird’s auch noch teuer; schließlich muss ja Ersatz her. Aber es gibt diverse Foren im Netz, in denen man sein Rad als

gezockt melden kann – Tante Google hilft Dir mit entsprechenden

Suchbegriffen sofort weiter. Oder Du wendest Dich an einen Hinter-

treppenterrier wie Theo Houben in Dortmund, der sich an Einzelfällen festbeißt und mit einer erstaunlich hohen Quote Erfolge erzielt: Knapp 30 Prozent der bei Theo gemeldeten Fahrräder besorgt er meist innerhalb eines Jahres wieder.

Du hast selbst eine – sagen wir mal – nicht ganz unkriminelle Vergangenheit. Und hast dann irgendwann wie Saulus zum Paulus die Seiten gewechselt. Wie kam‘s? Theo:

Ich habe früher im großen Stil mit ein paar anderen Jungs

Autos geklaut. Dann das Übliche: Geschnappt worden, verknackt worden, insgesamt mehr als sieben Jahre im Bau eingesessen. Da

wirste schlauer, Zeit zum Nachdenken haste ja genug. 1994 hab ich

dann angefangen, Fahrräder umzubauen oder neu aufzubauen. Meist Cruiser und Chopper. Ein Markenzeichen von mir sind geflochtene

Speichen. Kost Geld, ist für nix gut, sieht aber geil aus. Im Laufe der Jahre kamen immer wieder Kunden zu mir, denen ihre Spezialräder geklaut wurden. Da hängt dann auch mal die Seele dran. Die vom Kunden und auch meine. Dann hab ich mich umgehört und auch

Bekannte gefragt, ob sie mal ein bisschen die Augen aufhalten. Hat

immer mal wieder geklappt. Inzwischen kommen auch Leute zu mir, die nicht aus meinem Bekanntenkreis stammen.

ZO CKE N

Und wenn jemand das Rad gefunden hat… Theo:…ruft er mich an, ich fahre sofort hin und leg ein Schloss drum. Für solche

Fälle hab ich immer eins am Lenker. Dann ruf ich den Besitzer an. Der entscheidet

dann, ob er selbst auch vorbeikommt oder

die Bullen dazu geholt werden sollen. Dann heißt es, warten bis der Fahrer kommt.

Wieso denn nicht sofort die Polizei? Theo:

verzichten wir oft auf eine Anzeige. Die meisten Leute, die wir auf den Rädern

treffen, sind nicht diejenigen, die es geklaut haben. Der größte Teil schließt sofort das Schloss auf und macht sich dann vom

Acker. Du darfst nicht vergessen: Biste mit‘m geklauten Bike unterwegs, haste

auch die Arschkarte, wenn Dich die Bullen damit packen. Ist für die meisten ein Ar-

gument, wenn sie mal ne Sekunde drüber nachdenken.

Und wenn jemand steif und fest behauptet, es sei nicht geklaut? Theo:

geklaut. In diesem Fall liegt der Rahmen samt justiziabel erkennbarer Grund der Ruhr und nimmt dort allmählich korallenriffähnliche

Theo:

Theo:

Stadt hinausgeschafft oder nur ob der gut verkaufbaren Ausstattung Nummer vermutlich bereits im Schlamm des Vergessens auf dem

Wenn‘s ein Foto vom Rad gibt, wird’s auf meiner face-

Die muss das Rad sicherstellen.

Rückt aber der Fahrer das Rad sofort raus,

Und wenn einer zu Dir kommt, dem das Rad gestohlen wurde, bläst Du zum Halali und die Jagd beginnt …

Voraussetzung dafür: Das Rad wurde nicht über die Grenzen der

Hat‘s auch schon gegeben.

Dann gibt’s auf Maul? Von mir auf keinen Fall. Kann ich

klaut auch keine Räder von Leuten, die jahrelang Kampfsport machen, haha. Jetzt hat

er ne Anzeige wegen Diebstahls und wegen versuchter Körperverletzung am Arsch.

Was ist denn, wenn ein gemeldetes Rad irgendwo steht und keiner taucht auf?

Gestalt an.

book-Seite hochgeladen. Je mehr Augen offen sind, desto höher

mir auch bei meiner Vergangenheit gar nicht

Theo:

Ein Großteil der Fahrräder jedoch wird aus der Gelegenheit heraus

bekannten Jungs vorbeizufahren und zu schauen, was die so im

der einen Riesenaufstand gemacht hat,

und der Besitzer kann‘s im Präsidium abho-

„mitgenommen“, weil der nachlässige Besitzer schlichtweg zu faul war, das Rad vor Bäcker oder Kneipe anzuketten, oder fällt in die

Rubrik Beschaffungskriminalität. Die Rubrik für Theo. Denn hier

liegt seine höchste Aufklärungsrate. Die Wege des Rades folgen meist ähnlichen Stationen: Stehler – Hehler – leichtgläubiger Käufer. Aber wie läuft das Geschäft eines Fahrradjägers eigentlich? 138

die Chancen. Dann lohnt es sich auch immer, mal bei einschlägig aktuellen Angebot haben. Die meisten Räder werden für kleines Geld sofort weiterverkauft. Ansonsten halten ein paar Bekannte von mir,

die ebenfalls viel auf Rädern unterwegs sind, die Augen mit offen und rufen mich sofort an, wenn sie was sehen oder hören.

139

T HE O WI R FA HRN NA CH LO DZ

Dann hole ich irgendwann die

leisten. Aber wir haben mal einen gestellt,

Bullen dazu. Die stellen das Rad dann sicher

obwohl zu 1.000 Prozent sicher war, dass das

len. Ich hab aber auch schon mal zwei Tage

Rad geklaut war. Ich hab‘s nämlich selbst für den echten Besitzer umgebaut. Der wohnte

gleich um die Ecke und war auch sofort da.

Der Typ auf dem Rad hat dann den Besitzer irgendwann angegriffen. Sein Fehler. Man

vor einem Haus gestanden, bis der Typ mit

dem geklauten Rad raus kam. Ich hatte einen Tipp bekommen, wo er wohnt. Allerdings

hatte er das Rad im Keller stehen. Vernünftig. War ja auch teuer.

Da geht ne Menge Zeit bei drauf. Wird die bezahlt? Theo:

Es wird vorher ein Finderlohn mit

dem Auftraggeber abgemacht. In der Regel etwa 10 Prozent vom Wert. Für ein altes

Klapprad leg ich mich sicherlich nicht zwei Tage auf die Lauer. Der Finderlohn wird

dann zwischen mir und demjenigen aufge-

teilt, der mit seinem Tipp geholfen hat. Kann sich der Auftraggeber ja auch von demjeni-

gen wieder holen, den wir erwischt haben. Ist aber auch nicht meine Sache – wie und auf

welche Weise die das ausmachen. Mein Job ist es, Fahrräder aufzuspüren.

Ruhrgestalten 7 - Zocken!  

Ruhrgestalten ist das Magazin, das sich so anfühlt wie das Ruhrgebiet selbst. Es berichtet über die Menschen, über die Orte und über die Sen...

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