Klipp November/Dezember 2022

Page 22

HINTERGRUND

Jüdisches Leben in Graz

Erste große Ausstellu

E

rst in diesem Augenblick wird dem Besucher schlagartig klar, kann er erahnen, welche furchtbaren Schicksale sich durch die Arisierungen und Enteignungen dahinter abgespielt haben müssen. Von A wie Adler, Altmann, über Engel, Sonnenschein, Stern, bis Wiener, Wurmfeld, Zuckerberg sind die Namen von nahezu 500 Familien an den Wänden in einem kleinen Raum der Ausstellung angeführt, deren Unternehmen und Geschäfte arisiert oder liquidiert wurden. Für ein geplantes Friedensprojekt anlässlich des „steirischen herbst“ fragte man Kurt David Brühl an, ob er bereit sei, die Auslagen seines Modegeschäfts in der Schmiedgasse wieder so durch Künstler beschmieren und gestalten zu lassen, wie damals, antwortete er: „Ja, unter einer Voraussetzung: Wenn man auch alle anderen Geschäfte in der Grazer Innenstadt, die von den Nazis arisiert wurden, in derselben Weise „sichtbar macht“. Kurt David Brühl – er führte auch als Britischer Konsul das Honorarkonsulat in Graz – verstarb im Jahre 2014. „Ich habe nie mehr von diesem Projekt etwas gehört.“

HINTERGRUND

KURT DAVID BRÜHL VERMEIDET ES, IN ALTE WUNDEN SALZ ZU STREUEN

Der bekannte Mode-Unternehmer Kurt David Brühl war in der Zeit von 1980 bis 2000 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz und für die Steiermark, Kärnten und Südburgenland verantwortlich. Ein großer Tag in seinem Leben war die Wiedererrichtung der Synagoge und deren Eröffnung im Jahre 2000.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme im Jahr 1938 beginnen die systematische Enteignung, Vertreibung und Ermordung von Grazer Jüdinnen und Juden. Unter dem Titel „Arisierung“ werden sie all ihrer geschäftlichen und privaten Besitztümer beraubt. Juden und Jüdinnen erfahren Schmähungen und Gewalt durch die nationalsozialistischen Machthabenden, aber auch durch die Be1938 wurde die Synagoge vom Nazi-Mob niedergebrannt, im Jahr 2000 durch gemeinsame Initiative der Stadt Graz und des Landes wieder aufgebaut. Spät, völkerung. Sie werden durch Schul-, aber doch, rechtzeitig vor dem Kulturjahr 2003. Berufs- und Betretungsverbote aus allen öffentlichen Lebensbereichen ir wurden ignoriert Excellent Order of the British oder geduldet, aber Empire) knapp. Der vulgäre An- ausgeschlossen. Foto: Heimo Ruschitz

Foto: UMJ Graz / Multimediale Sammlungen

Foto: Stadtarchiv Graz

2008

Foto: Kulturvermittlung Steiermark

GEDENKJAHR

Foto: Stadt Graz / Fischer

1938

Er ist bis heute der einzige jüdische Unternehmer in Graz. Kurt David Brühl wurde in der Landeshauptstadt geboren, verbrachte seine Jugend hier. Er durchlebte alle Phasen, die ein jüdischer Mitbürger erleben kann – Demütigung, Ablehnung, Hass und späte Wertschätzung. Kurt David Brühl, seines Zeichens auch seit 1982 Britischer Honorarkonsul, tut alles, um kein Salz in alte Wunden zu streuen. Die Eröffnung der Synagoge im Jahr 2000 war nicht nur ein großer Tag für ihn, sondern auch für unser Land.

Foto: Sebastian Reiser

BRÜCKEN GEBAUT

Wohl-

tisemitismus, der ihm in Graz in

Brühl, heute 79, von 1980 bis zum Jahr 2000 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), die Atmosphäre in den

alten Wunden der Schoah immer wieder Salz gestreut. Sein Vater, Wolf Brühl, wurde 1943 in Auschwitz ermordet.+)

W

von

einem

wollen war nichts zu spüren“, verschiedenen Facetten immer Im Zuge des Novemberpogroms Synagoge um 1900. Zerstört durch NS-Pogrom 1938. Kurt D. Brühl (1929–2014). Wiederaufbau und Eröffnung 1999/2000. beschreibt Konsul Kurt David wieder begegnet ist, hat auf die

22 November/Dezember 2022