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ABER ERSTMAL EINE TASSE KAFFEE

KATE STUDLEY IM NEO-PORTRÄT

»ICH WOLLTE KEINEN BÜROJOB, WO ICH NACH DEN VORGABEN ANDERER ARBEITEN MUSS. ABER KLAR, AUCH ICH MUSSTE NACH DER SCHULE WAS MACHEN. ALS ES DANN ERNST WURDE MIT DER STUDIENWAHL, ENTSCHIED ICH MICH FÜR KUNST – DENN DAS WAR JA MEINE GROSSE LEIDENSCHAFT!«

ABERERSTMAL EINE TASSE KAFFEE

Kate Studley ist auf einem Bauernhof in der englischen Grafschaft Cheshire aufgewachsen. Zu bleiben und später den Hof zu übernehmen, kam für sie nicht in Frage. Doch dass die heute 24-jährige Britin nun versucht sich in Aachen als aufstrebende Künstlerin einen Namen zu machen, hätte niemand gedacht. Vor allem nicht ihre Eltern. Ein Gespräch über Biofeminismus in der Kunst, Basteln im Kleinkindalter, Damien Hirst – und Kaffee.

FOTO: UPMACHER

VON SIMON WIRTZ T alstraße 2, dritte Etage, zweimal rechts, fünfte Tür. Kate Studley, blonde glatte Haare, in karierter Hose und Turnschuhen, erwartet mich schon in ihrem Atelier. Von hier oben hat sie einen guten Blick auf die umliegenden Straßen und Häuser, kann nachdenken, reflektieren. Und auf diesen zwölf Quadratmetern hat die junge Britin schon an vielen Ideen gefeilt, die später zum Konzept und letztendlich zum Ausstellungsstück wurden. Während der Recherche habe ich gelesen, dass Kates Kunst dem Ökofeminismus zuzuordnen ist. Dabei sieht die junge Künstlerin gar nicht nach einer Feministin aus. Spreche ich sie also einfach mal auf ihre Bachelorarbeit mit dem Thema »Ecological feminism« an, mit der sie vor vier Jahren ihr Kunststudium in Loughborough abgeschlossen hat. Was soll das überhaupt sein? Wie soll ich diese seltsamen Bilder an den Atelierwänden verstehen? Und überhaupt, was sucht Kate in Aachen? Statt Antworten gibt es erstmal Kaffee. Bloß keine Hektik. Denn wer hektisch ist, kann nicht kreativ sein, sagt Kate.

WAS DER BAUER NICHT KENNT … Kunstinteressierte Eltern, teure Kurse, regelmäßige Besuche in Museen und Galerien. So könnte man sich die typische Kindheit und Jugend einer zukünftigen Künstlerin vorstellen. Bei Kate war das anders – denn ihre Eltern haben kein Interesse an Kunst, und die nächsten Museen waren in der Stadt und damit für häufigere Besuche zu weit weg. »Mein Vater ist Milchbauer, und von früh bis spät in den Ställen beschäftigt. Meine Mutter arbeitet im Finanzsektor. Sie ist für uns Kinder zwar extra zu Hause geblieben und hat sich liebevoll gekümmert, aber von Kunst hatte sie einfach keine Ahnung«, erinnert sie sich. Für Kate auch heute kein Grund, traurig zu sein. »Dass ich jetzt genau diese Kunst mache, kommt daher, dass ich unter diesen Umständen aufgewachsen bin.« Das erste Mal mit etwas Künstlerischem kam sie in Berührung, als ihre Mutter sie im Kleinkindalter mit Basteln beschäftigte. »Ich bastelte einfach gerne, zuerst im Wohnzimmer mit Papier und Schere, wie man das halt kennt. Von draußen brachte ich dann immer öfter Moos und Blüten mit, schließlich wohnten wir mitten in der Natur. Ich begann, die Materialien für meine Bilder zu verwenden«, erinnert sich die Engländerin. Aus Basteln wurde Zeichnen und Malen, immer mit Naturmaterialien aus der Umgebung. »Ich habe damals mehr Zeit mit der Herstellung eigener Kunst verbracht, als sonst was, und ich habe es genossen«, weiß Kate. Doch als ihr Bruder mit dem Architekturstudium begann, wurde auch ihr klar, dass sie bald entscheiden musste, wie ihre Zukunft aussehen soll. »Ich wollte keinen Bürojob, wo ich nach den Vorgaben anderer arbeiten muss. Aber klar, auch ich musste nach der Schule was machen. Als es dann ernst wurde mit der Studienwahl, entschied ich mich für Kunst – denn das war ja meine große Leidenschaft!« In der Kleinstadt Loughborough fand sie schließlich einen Studienplatz. Doch ihre Eltern waren nicht sehr glücklich. »Sie hätten lieber gehabt, dass ihre Tochter etwas mit einer sicheren Zukunft studiert. Aber egal, endlich 18 und frei, dachte ich mir damals eben.«

»SOWAS WIE DAS ATELIERHAUS GIBT ES IN GROSSBRITANNIEN NICHT WIRKLICH.«

ÖKOLOGIE UND FEMINISMUS Wer sich die Zeichnungen an ihrer Atelierwand genauer ansieht, kann Formen erkennen, die miteinander verwachsen sind und sich entwickelt haben. »Meine Idee von Kunst kommt tatsächlich aus meiner Kindheit und Jugend – und hat deshalb sehr viel mit der Natur zu tun. Für meine Kunst verwende ich organische Formen, wie zum Beispiel die Pilzstrukturen auf den Zeichnungen an der Wand. Die meisten Leute finden Pilze hässlich, ich habe sie aber ausgewählt, weil sie für den Lebenskreislauf unglaublich wichtig sind. Wir Menschen können so froh sein, auf dieser grünen Erde zu leben.« Gleichzeitig spricht Kate auch eine Warnung aus: »Der Klimawandel bedroht unsere Natur und Artenvielfalt. Mit meiner Kunst möchte ich zeigen, wie wertvoll die Natur ist – und auch, dass sie vergänglich ist, so wie meine Installationen sich irgendwann selbst zersetzen«, erklärt die 24-Jährige. Zum allerersten Mal Gelegenheit, mit ihren Ideen und Kunstwerken an die Öffentlichkeit zu gehen, hatte Kate schon mit 19. »Das war meine erste Soloausstellung, und ehrlich gesagt eine Katastrophe! In einem denkmalgeschützten Gebäude, wo ich keine Nägel in die Wand schlagen durfte, und alles selbst anbringen und abbauen musste. Im Endeffekt war die Ausstellung in den drei Wochen, in denen sie offen war, an den Wochenenden nur für ein paar Stunden zugänglich. Und das für ein halbes Jahr Arbeit! Da habe ich gelernt, worauf ich bei sowas achten muss. Aber als ich dann zurück in die Uni kam, merkte ich, dass ich mit einer eigenen Ausstellung schon vielen meiner Kommilitonen voraus war.«

Rückblickend auf ihr Studium kann Kate sagen, dass sie ihren Kommilitonen nicht nur viel mit auf den Weg geben konnte, sondern auch selbst profitiert hat: »Während des Studiums bin ich mit verschiedensten Kunstströmungen und Epochen in Berührung gekommen. Besonders inspiriert hat mich der Ökofeminismus. Eine Art von Kunst, die den ökologischen Aspekt, der mir so wichtig ist, und die Überzeugung, dass Frauen genauso wie Männer ernstzunehmende Kunst machen können, die nichts mit dem Frausein zu tun hat, vereinbar macht. Ein Thema, das unter Künstlern selbst umstritten ist. So umstritten, dass ich mich dafür stark machen wollte. Und schließlich schrieb ich meine Bachelorarbeit darüber«. DAMIEN HIRST Nach dem Studium musste ein Job her, denn zurück auf den elterlichen Bauernhof wollte Kate auf keinen Fall. »Ich hatte wirklich Glück, denn statt zu Kellnern oder im Burgerladen zu arbeiten, wie es einige meiner Kommilitonen machten, fand ich einen Job bei Damien Hirst und durfte für ihn malen und zeichnen«, er innert sie sich. Damien Hirst ist besonders in Großbritannien als Konzeptkünstler und Ku rator bekannt und hat seit den 1990ern mit in Formaldehyd eingelegten Tierkörpern und einem mit Diamanten besetztem Schädel weit über die Insel hinaus für Diskussionsstoff ge sorgt. Wer hier einen Fuß in die Tür bekommt, kann noch weit kommen. Doch nach einer Zeit kündigte Kate. »Es war ein Volltreffer für mich als Uniabsolventin, aber während der ganzen Zeit konnte ich keine eigene Kunst kreieren, da ich ja acht Stunden täglich in Damiens Werk statt war. Das hat mich einfach frustriert, denn mit dem neuen Wissen und der vielen Inspirati on aus dem Studium hatte ich mehr als je zuvor den Drang, an eigenen Konzepten zu arbeiten«.

ENDLICH EIN ATELIER Kate hatte erstmal genug von England, und durch ihr Erasmussemester in Spanien ein positives Bild vom restlichen Europa. »Nach der Zeit in Spanien konnte ich es kaum erwarten, meinen Abschluss zu machen und England zu verlassen«, erinnert sie sich. Letzten Sommer war es dann endlich soweit – von England ging es, zusammen mit ihrem Ex-Freund, nach Aachen, weil er hier einen Job gefunden hatte. Direkt nach ihrer Ankunft suchte die junge Künstlerin nach Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und Gleichgesinnte zu treffen. Behilflich war ihr zu Anfang vor allem Google: »Ich habe gegoogelt, was es für Künstler in Aachen so gibt, und das Atelierhaus gefunden. Sowas gibt es in Großbritannien nicht wirklich.« Nach erfolgreicher Bewerbung bekam sie ihr erstes eigenes Atelier – mit Blick auf Aachen. »Das ist einfach so toll hier im Atelierhaus. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl

Die junge britische Künstlerin präsentiert stolz ihre Zeichnungen und Kunstwerke

ist wunderbar. Meine Nachbarin hat mir mit den Formalitäten, die es anfangs gab, sehr geholfen, schließlich spreche ich kaum Deutsch. Außerdem knüpfe ich immer wieder neue Kontakte, seit ich hier bin«, freut sie sich.

ANGEKOMMEN Nicht nur der Umzug nach Aachen – auch eine andere Sache hat das letzte Jahr für Kate zu einem Jahr der Veränderungen gemacht. »Im Dezember sind mein Freund und ich auseinander gegangen«. Für die junge, starke Britin kein Problem – im Gegenteil. »Das gibt mir nur noch mehr Zeit, um an meiner Kunst zu arbeiten, und außerdem habe ich so mehr Gelegenheit, andere Leute in der lokalen Szene kennenzulernen – wenn dafür überhaupt mal Zeit bleibt«. Denn zu tun hat Kate allerhand: Neben der Arbeit an ihrer eigenen Kunst ist sie noch für den lokalen Künstler Oliver Czarnetta tätig und gibt Englischunterricht an einer Sprachschule. »Außerdem gehe ich gerne zum Kickboxen auf der Jülicher Straße – den Sport habe ich an der Uni entdeckt und seitdem kann ich nicht mehr ohne«.

POWERJAHR 2020 War 2019 noch das Jahr der Trennung und Orientierung, so überwiegt in diesem Jahr definitiv das Positive – denn Kate ist gefragter denn je. »Für Künstler ist es wichtig, das Erschaffene auch zeigen zu können, wahrgenommen zu

»DAS IST EINFACH SO TOLL HIER IM ATELIERHAUS. AUCH DAS ZUSAMMENGEHÖRIGKEITSGEFÜHL IST WUNDERBAR. MEINE NACHBARIN HAT MIR MIT DEN FORMALITÄTEN, DIE ES ANFANGS GAB, SEHR GEHOLFEN, SCHLIESSLICH SPRECHE ICH KAUM DEUTSCH. AUSSERDEM KNÜPFE ICH IMMER WIEDER NEUE KONTAKTE, SEIT ICH HIER BIN«

werden, und dazu bieten Ausstellungen Gelegenheit. Ständig gibt es irgendwo Ausst ellungsankündigungen, auf die man sich bewerben kann. Oft habe ich Absagen bekommen, denn ich mache unkonventionelle Kunst und bin unbekannt. Trotzdem hatte ich manchmal auch Glück, und kann mit Stolz sagen, dass ich dieses Jahr auf ein paar Ausstellungen vertre ten sein werde.« Und tatsächlich, auf Kates Kalender an der Wand ist schon ziemlich viel markiert – auch wenn einige Ausstellungen wegen des Corona-Virus' kurzfristig abgesagt werden mussten. Doch das Jahr ist lang. »Be sonders freue ich mich auf »Horizons« im französischen Sancy im Sommer. Da haben wir einen großen Garten, fast wie ein kleiner Wald, und dort werde ich an Bäumen Installationen wachsen lassen. Die Ausstellung in Sancy soll am 11. Juni eröffnet werden, und natürlich bin ich bei der Eröffnung dabei. Das wird der bis her größte Tag meiner kleinen Karriere«, weiß Kate. Doch bis Juni steht für die junge Britin noch viel Arbeit an. Gleich mehrere Installa tionen soll sie bauen und vor der Eröffnung auf dem Gelände anbringen. »Das sind Mona te voller Arbeit, die da auf mich zukommen«, weiß sie. Ob sie dann nicht am besten gleich anfangen möchte? »Erst noch ein Kaffee, dann mache ich mir mal Gedanken«, sagt Kate be schwichtigend, während sie fein gemahlenes Pulver in ihre Cafetière fallen l ässt.

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