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musik UND SONST? Das Dresdener Quartett Seraleez und ihre amerikanisch-karibische Sängerin Christine Seraphin musizieren gekonnt um die Schubladen Soul, HipHop und Jazz herum. Inspiriert von Robert Glasper, The Roots, J. Dilla oder Erykah Badu haben sie mit ihrem Album „Good Life“ (Agogo Rec./Indigo) eine klare Definition von Future Soul geschaffen! Mit ihrem kratzigen Timbre war die Sängerin Macy Gray Anfang des Jahrtausends eine der neuen aufregenden Stimmen des Neo-Soul. In den letzten Jahren wurde es deutlich ruhiger um sie. Jetzt hat sie für ihr neues Label eine akustische Jazzvariante (mit u.a. Wallace Roney an der Trompete) neuer, älterer und Coversongs aufgenommen. Besonderheit: Alle Instrumente wurden mit lediglich einem Mikrofon im Raum aufgenommen: „Stripped“ (Chesky/in-akustik). Knapp 80 Minuten widmen sich 14 internationale Künstler dem „verlorenen“ Avant-Pop-Werk „Ex-Futur“ (Crammed/Indigo) der belgischen Band Véronique Vincent & Aksak Maboul. In „16 Visons of Ex-Futur“ – Aksak Maboul tragen selber zwei weitere Titel bei – treffen wir auf unterschiedliche Musiker wie Marc Collin (Nouvelle Vague), Nite Jewel, Burnt Friedman, Laetitia Sadier (Stereolab), dem Finnen Jaako Eino Kalevi oder der Elektroakustik-Komponistin Bérangère Maximin. Zwei Jahre nach ihrem letzten Studioalbum erhielt Dominique Dillon de Byington aka Dillon die Einladung für das Berlin Foreign Affairs Festival ein Konzept für ein einmaliges Konzert zu entwickeln. Entstanden ist „Live at Haus der Berliner Festspiele“ (Bpitch Control/Rough Trade), für das Dillon die minimalistischen Electro-Songs ihrer beiden Alben mit einem sechszehnköpfigen Frauenchor neu atmen lässt. Die gebürtige Brasilianerin und in Österreich aufgewachsene Joyce Munez arbeitete auf ihrem Werdegang als gefragte House/Techno-Produzentin bereits mit Maya Jane Coles oder den Wiener Spezialisten Kruder & Dorfmeister. Die Deep House-Tracks ihres Debütalbum „Made in Vienna“ (Exploited/Kompakt) sind songorientiert und changieren geschickt zwischen dem Club und Wohnzimmer. Allein sieben Kollaborateure wechseln in gesamt 11 Tracks am Mikrofon, mit dabei: Afrika Baby Bam von den Jungle Brothers! \ red

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November 2016

(minimalistischen) Techno macht. Ihr unkonventioneller Angang aus jedem akustischen Instrument auch eine Sound- oder Rhythmusschleife kreieren zu können, rückt sie mehr in die Richtung von Dance-Produktionen als in den klassischen Konzertsaal – auch wenn sie ein Livealbum mit einem zehnköpfigen klassischen Ensemble eingespielt haben. BBF sind mit drittem Studioalbum „Joy“ wieder einen Schritt vorwärts gegangen. Mit dem Kanadier Beaver Sheppard haben sie einen Sänger aufgetan, der den nach wie vor Electro-fokussierten, rhythmisch sehr funky ausgefuchsten Songs mit Bravour vorsteht. Trotzdem bringt „Joy“ keine direkte Freude, sondern bietet laut der Band eher „post-religiöse“ Themen an und ist daher also Brandt Brauer Fricks „Nietzsche-­ Album“. \ kab

Kate Tempest

Let Them Eat Chaos Fiction/Caroline/Universal

Kate Tempest ist die weibliche Version von Mike Skinner. Aber natürlich noch mehr als das. Denn man hört ihrer Musik an, dass wir 2016 haben. Und das England von dem sie singt, spricht, rappt, flüstert, ist noch eine Ecke düsterer als einst. Mächtig schon dieser Opener „Picture A Vacuum“, eine Reise durch den Weltraum hinab auf die Erde, vom Grauen der Leere bis zur Zärtlichkeit menschlichen Kontakts und wieder hinaus in den Moloch der Stadt, das alles schafft Tempest, die Aufmerksamkeit des Hörers einsaugend, vorzutragen. Und wehe, ein Anne Clark-Fan macht daraus einen EBM-Remix. Die Beats hier sind zurückhaltender Elektro, Zeitlupen-House, mal Retro-Synthie-Kram, hier ein bisschen LCD-Soundsystem, dann wieder illusionslose Rumpelbeats, wenn es heißt „Ketamine For Breakfast“. Ganz schön gut, das alles. Und den passenden Song zum Post-Brexit, einen krank funkenden Groove gibt’s auch hier mit „Europe Is Lost“. \  kk

Newmoon Space PIAS

Getrieben vom scheppernden Becken des Schlagzeugs, schwingt sich die von Hall ummantelte Gitarre in die Höhe. Auf Passagen fast völliger Stille mit wisperndem Sänger folgt der Ausbruch mit Klangwand. Sanft umspielen sich die Melodien der beiden Gitarren, um die Wucht der gerade verklungenen Rückkopplung

abzufangen. Es gibt verschiedene Szenarien im Lauf eines Shoegaze-Albums, die dem geneigten Hörer und Fan das Herz öffnen. Die großen Namen des Genres wie Slowdive oder My Bloody Valentine haben derlei Momente in Perfektion zelebriert. Und auch Newmoon lässt diese Standardsituationen gekonnt in seine Musik einfließen. Das belgische Quintett macht klanglich keinen Hehl aus seinen Vorbildern, serviert auf seinem Debütalbum aber kein bloßes Plagiat derselben. Newmoon erweitern das Genre Shoegaze um eine weitere Facette, die für ein erstes Album schon erstaunlich reif daherkommt. \ cl

Isan

Glass Bird Movement Morr Music/Indigo

Vor 20 Jahren haben Antony Ryans und Robin Savilles ihr Projekt Isan gegründet. Entstanden sind in diesem Zeitraum acht Alben, „Glass Bird Movement“ ist erstes seit sechs Jahren, seitdem sich die Beiden im ständigen Austausch von Files und dergleichen zwischen England und Dänemark befinden. Und die räumlich getrennte Herangehensweise schafft eine verblüffende Intimität, die instrumentalen Songs, besser: Soundscapes erscheinen fast durchsichtig, zerbrechlich und zart, bisweilen begleitet von dezent pluckernden Beats und kräftigen Bässen, die die verwaschenen Harmonien ein Stück vorantreiben. „Glass Bird Movement“ ist kuschelige, wie intelligent gemachte Couchmusik. \ rm

Van Morrison Keep Me Singing Caroline/Universal

Dieser Mann hat so viel veröffentlicht, aber wenn nicht alles täuscht, befindet sich der alte Knöterich gerade in einer absoluten Hochphase. Und das liegt nicht zuletzt an der unglaublich warmen, satten, souligen, alle Ecken des Gemüts mit Butter ausstreichenden Produktion dieses Albums, die Van direkt mal selbst übernommen hat. Richtig, das ist Musik für ältere Menschen, Musik, die dazu einlädt, in Gegenwart von knisternden Kaminen und hochklassigen Getränken über die Irrungen der Jugend nachzudenken. Zahnlos ist Morrison hingegen keineswegs, seine gefürchtete Bissigkeit immer noch da, wenn er etwa in „The Pen Is Mightier Than The Sword“ die abgelutschte Phrase in ein aufklärerisch-atheistisches „I gotta live by my pen cause it‘s mightier than the

Wertung:

top

lohnt

Lord“ wandelt. Gegen Ende geht ihm zwar ein wenig die Puste aus, aber zumindest die erste Hälfte dieses Albums demonstriert, wie man als ewiger Blue Eyed Soul-Boy in Würde altert. \ kk Joshua Redman / Brad Mehldau Nearness Nonesuch/Warner

Der Saxophonist Joshua Redman und Brad Mehldau am Piano spielen seit Jahren zusammen, aber diese Zusammenstellung von Originalen und Standards, 2011 Live in Europa aufgenommen, ist ihr erstes Duo-Album. Ihre Improvisationen stehen unverkennbar in der Tradition eines Charlie Parker und Thelonious Monk. Aber wie Redman am Tenor die Melodie spurt während Mehldau kapriziös die Harmonie und Rhythmen dekonstruiert das ist ganz hier&jetzt. Das 16-minütige „The Nearness of You“ stellt diese intime Chemie zwischen den beiden trefflich unter Beweis. Und „ Old West“ bringt das Beste von Redmans lapidar, aber rhythmisch klug gespielten Lyrismus auf dem Sopran hervor. Zum Duett der beiden sagt Brad Mehldau, es sei „wie eine dieser alten Freundschaften, in denen man den anderen über einen langen Zeitraum nicht sieht – und doch immer dort anknüpfen kann, wo man zuletzt aufgehört hat.“ Schön, dass wir teilhaben können. \ z’kay

Moddi

Unsongs Propeller Records/H’Art

Zwölf Lieder hat der Norweger Pal Moddi Knutsen zusammengetragen, die es nach dem Willen einiger (Ex-) Mächtiger nicht geben dürfte. Jedes einzelne stand oder steht in einem anderen Land auf dem Index – und das nicht nur in Unrechtsstaaten. Kate Bushs „Army Dreamers“ etwa wurde während des ersten Golfkriegs von der BBC nicht gespielt, weil es die Leiden der Mutter eines toten Soldaten zu sehr verdeutlichte. So steht dieser Song hier neben einem Gedicht des chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo, einem offenen Brief des algerischen Rebellen Lounès Matoub, dem Punkgebet von Pussy Riot oder einem Lied des Allende-Freundes Viktor Jara. All diesen Stücken hat Moddi ein neues klangliches Gewand gegeben, hat seinen Folk an den passenden Stellen behutsam mit Trompete, Harmonium oder Glockenspiel aufgemotzt, um den Zensierten ihren würdigen Rahmen zurückzugeben. \ cl

geht so

lohnt nicht

geht gar nicht

Klenkes 11/2016  
Klenkes 11/2016  
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