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Magazin Franz Schubert Die schöne Müllerin Decca CD 478 1528 Jonas Kaufmann, Tenor Helmut Deutsch, Klavier

Die ernsthafte Müllerin Der Pianist und Musikprofessor Helmut Deutsch über seinen einstigen Schüler Jonas Kaufmann und die Ernsthaftigkeit und Tiefe, mit der sich der Tenor für sein neues Album mit Schuberts Musik und Wilhelm Müllers Texten auseinandergesetzt hat.

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ironische Passagen Heine’­scher Prägung wie „Es kommt ein Re­ gen, ade! Ich geh nach Haus“ („Tränenregen“) so wunderbar, dass man die schöne Müllerin beinahe zu hassen beginnt. Aber dass sich ein moderner junger Mann von Welt, der privat alles andere als ein Träumer ist, für Textzeilen wie „Und die Engelein schneiden die Flügel sich ab und gehen alle Morgen zur Erde her­ ab“ („Der Müller und der Bach“) begeistern kann, das beein­ druckt und berührt mich dann doch schon sehr. Wir reden in unseren Proben durchaus über das eine oder andere Detail in Musik und Text, aber im Großen und Ganzen wird bei der Arbeit eher unge­ wöhnlich wenig gesprochen, ge­ schweige denn diskutiert. Die Zeiten, in denen Jonas kurz nach dem Studium noch ganz vorsichtig anfragte, ob seinem alten Lehrer dies und jenes auch recht sei, sind zwar lange vorbei. Aber eine noch unkompliziertere Probenarbeit als mit ihm ist kaum vorstellbar. Denn zum ei­ nen scheinen wir in vielem den gleichen Geschmack zu haben, zum anderen gehört Jonas zu den begnadeten Sängern, die mit ihrem Atem, mit ihrer Körper­ sprache und Mimik und selbst­ verständlich auch mit ihren

Stimm­farben so viel Signale zu senden imstande sind, dass es ein Leichtes ist, ihnen zu folgen, ohne dass jede dynamische Nu­ ance oder jedes Rubato abge­ sprochen werden muss. Acht von den zwanzig Lie­ dern der „Schönen Müllerin“ sind Strophenlieder, eine beson­ dere Herausforderung für Sän­ ger und Pianisten, die eine große Bandbreite an Ausdrucksnuan­ cen verlangt. Es ist aufregend, zu erleben, wie Jonas bei sol­ chen Aufgaben völlig fernab von jeglicher Routine bleibt, wobei mir zum Beispiel sein lustvolles Auskosten von dynamischen Grenzbereichen immer risiko­ freudiger zu werden scheint. Und das ist bei seinen stimm­ lichen Mitteln eine wahre Freude für den Hörer! Es erzeugt bei mir nicht sel­ ten Gänsehaut, wenn ich spüre, wie sehr der Mensch Jonas Kaufmann sich beim Singen sel­ ber einbringt in die Geschichte des unglücklichen Müllerbur­ schen: Wie naiv und fröhlich er sich auf Wanderschaft begibt, wie träumerisch-selig er in seiner Verliebtheit ist und wie ent­ täuscht und bitter er wird, bis zuletzt alles in Resignation und Suizid endet. Ist man mit Jonas zusam­ men auf dem Podium, so hat

man eigentlich immer das Ge­ fühl, dass er das alles gerade tatsächlich erlebt und empfindet. Und selbst ein alter Routinier wie ich bemerkt auch aus dieser größten Nähe nicht, dass dabei selbstverständlich alle mög­ lichen Kontrollmechanismen ein­ geschaltet bleiben, ohne die es nun einmal nicht möglich ist, ei­ nen Liederabend technisch zu bewältigen. Übrigens sind wir beide nicht der manchmal geäußerten Mei­ nung, dass sich bereits im ers­ ten Wanderlied des Zyklus das bittere Ende abzeichnen soll. Ganz im Gegenteil: Im Unter­ schied zur „Winterreise“ gibt es in der „Müllerin“ eine viel reichere Palette von Stimmungen, die nachzuzeichnen eine immer wie­ der schöne und schwierige Auf­ gabe bleibt. Für den Sänger und seinen Partner am Klavier. Helmut Deutsch www.jonas-kaufmann.net Foto: Privat

Wilhelm Müller, der zu seiner Zeit so hochgeschätzte und von Hei­ ne so bewunderte Spätromanti­ ker, ist uns heute eigentlich nur mehr als „Textlieferant“ für Schu­ berts große Zyklen „Die schöne Müllerin“ und „Winterreise“ ein Begriff. Wofür wir ihm zwar dank­ bar sind, aber so richtig ernst genommen wird er als Lyriker kaum. Zu volksliedhaft einfach, zu süßlich oder gar „schnulzig“ wirken diese Texte, insbesonde­ re auf jüngere Menschen. Es ist ein spezielles Erlebnis, zu spüren, wie ernsthaft und tief sich Jonas Kaufmann mit den Texten der „Schönen Müllerin“ auseinandersetzt, wie „wahr“ und lebendig sie für ihn sind und wie viele Anregungen er aus ein­ zelnen Worten und Bildern für sein Singen zu schöpfen ver­ mag. (Schubert selbst kann es nicht anders ergangen sein: Denn wirklich Triviales hätte ihn wohl kaum zu diesem Meister­ werk inspiriert.) Wenn etwa in „Die liebe Far­ be“ ganze acht Male „Mein Schatz hat’s Grün so gern“ zu singen ist, dann beleuchtet Kauf­ mann diesen schlichten Satz in vielerlei Farben von resignativer Trauer bis zu fatalistischem Sar­ kasmus, aber auf ganz subtile Weise, die nie gekünstelt wirkt. Ebenso gelingen ihm romantisch-

Helmut Deutsch

KlassikAkzente Printausgabe 2009_04  

In dieser Ausgabe: Cecilia Bartoli: Leidenschaft, die Leiden schafft, Deutsche Grammophon - 111 Jahre Musikgeschichte, Lang Lang - Der Geist...

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