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Peter Iljitsch Tschaikowsky Sergej Rachmaninoff Klaviertrios Deutsche Grammophon CD 477 8099 Lang Lang, Klavier Vadim Repin, Violine • Mischa Maisky, Cello

Der Geist von Verbier Lang Lang, Vadim Repin und Mischa Maisky spielen die Klaviertrios von Rachmaninoff und Tschaikowsky. Ein Zelt ist ein Zelt? Das kommt ganz darauf an. Zum Beispiel darauf, wo das Zelt steht, wer sich darin befindet – und wozu. In solch einem Zelt könnten ja auch schläfrige Studenten lie­ gen, noch müde von der be­ rauschten Nacht und mit dem erklärten Ziel, zu schlafen. Das wäre dann ein Zelt, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Wenn hingegen dieses Zelt zugleich ei­ ne Art Konzertsaal ist, pickepa­ ckevoll mit Menschen, deren Augen gebannt auf eine schma­ le Bühne gerichtet sind, und wenn auf diesem Laufsteg der Kunst drei Musiker erscheinen, die jeder für sich genommen schon das Zelt füllen würden, dann ist dieses Zelt kein Zelt mehr, sondern der Ort eines Er­ eignisses von Rang. Die Salle Medran in Verbier ist ein solcher Ort. Ein riesiges Zelt, Jahr für Jahr Mittelpunkt des international renommierten Verbier Festivals. Am 21. Juli 2009, nur wenige Tage nach­ dem die dopinggestressten Radfahrer der Tour de France in diese schwindelerregenden Hö­ hen hinaufgeklettert waren, fand hier, im Rahmen des Festivals,

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eine Begegnung statt, die nicht anders denn außerordentlich zu nennen war. Vadim Repin, einer der weltbesten Geiger, traf auf Mischa Maisky, den unvergleich­ lich einzigartigen Cellisten, und auf Lang Lang, einen der inte­ ressantesten Pianisten seiner Generation. Und was für ein Programm hatten die drei Musiker, die sich hier zum Klaviertrio verschmol­ zen, ausgewählt! Hier das „Trio élégiaque“ von Sergej Rachma­ ninoff, eines jener spätroman­ tisch angehauchten Werke, bei denen es wirklich schwerfällt, seine Emotionen in den Griff zu bekommen; so sehr macht dieses Klaviertrio seinem Namen alle Ehre. Melodien gibt es darin, die sind von so bestürzender Schönheit, dass man hinweg­ schmelzen könnte. In der Salle Medran lief man Gefahr, dass di­ es tatsächlich passiert. Mit einem Klangempfinden, das sei­ nesgleichen suchte, sangen Re­ pin und Maisky die schmacht­ enden Kantilenen, die sich wie ein Ariadnefaden durch das „Trio élé­giaque“ ziehen, und mit einem nicht minder feinen Ge­ spür für die Farben, die diese

Kantilenen arabeskengleich „un­ termalen“, agierte an ihrer Seite der chinesische Pianist, dem kein Stück dieser Welt Unbeha­ gen zu bereiten scheint. Der Mann kann einfach alles spielen. Und jeden Klangteppich aus­ breiten, der nötig ist, um eine In­ terpretation in den Rang des Au­ ßergewöhnlichen zu hieven. Außergewöhnlich, das ist auch Tschaikowskys Klaviertrio. An diesem Abend in Verbier be­ stätigte sich wieder einmal, was kluge Menschen über diesen Komponisten gesagt haben: dass nämlich seine Einfälle ein­ fach phänomenal zu nennen sind. Und so in diesem Werk, welches in leicht wolkiges a-Moll gekleidet ist, durch das aber im­ mer wieder die Sonne hindurch­ bricht. Eben diese Ambivalenz der Mentalitäten verstanden ­Vadim Repim, Mischa Maisky und Lang Lang bei ihrem Auftritt in famoser Weise darzustellen, dabei auch die formalen Brüche zu kennzeichnen, die in diesem Klaviertrio unüberseh- und -hör­ bar sind. Grandios schließlich, wie die drei Künstler den Variati­ onensatz gestalteten: als ein Stück Diskurs über die Form,

ohne aber die Schönheit einzu­ büßen. Die Salle Medran tobte her­ nach vor Begeisterung. Doch so sehr Vadim Repin, Mischa Mais­ ky und Lang Lang diesen tosen­ den Applaus genießen mochten, die wesentliche Arbeit war damit noch nicht erledigt. Denn die Musikwelt hat natürlich ein Recht darauf, dass die Unvergänglich­ keit dieser Musikerbegegnung dokumentiert wird. Sprich: Die Musikwelt wartet auf die Auf­ nahme mit den beiden Trios. Da­ mit hat es nun ein Ende. Repin, Maisky und Lang Lang haben den Geist von Verbier mit ins Studio genommen. Und dort das „Trio élégiaque“ von Sergej Rachmaninoff und das a-MollTrio von Peter Tschaikowsky auf die berühmte silberne Scheibe gebannt. Hat man das Ergebnis gehört, steht schon die nächste Frage im Raum: Ist eine CD eine CD? Die Antwort sei hier gege­ ben: Manchmal ist eine CD mehr als nur eine CD. Paul Hacks www.lang-lang.de

KlassikAkzente Printausgabe 2009_04  

In dieser Ausgabe: Cecilia Bartoli: Leidenschaft, die Leiden schafft, Deutsche Grammophon - 111 Jahre Musikgeschichte, Lang Lang - Der Geist...

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