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Es war ein milder, angenehmer Sommer, in dem sie den ganzen Fluss trockenlegen mussten, auf dem sonst die Stocherkähne fuhren – die älteren Studenten mit ihren Mädchen, die jüngeren mit ihren Familien. Dabei dauerte es zwei volle Tage, bis sie die Leiche fanden. Sie steckte noch im Frack und hatte sich in einem schmalen Seitenarm zwischen einem Anlegedock und dem schlammigen Ufer eingeklemmt. Jedes Jahr, so wollte es die Statistik, geschah unter den Bakkalaureaten in der Examenswoche ein Selbstmord, weswegen die Türme der College-Kapellen, jahrhundertelang die bevorzugten Orte dafür, inzwischen mit hohen Gittern gesichert waren. Dieser spezielle Fall war jedoch kein Selbstmord, sondern ein dummer Unfall, der sich nach einem der spektakulären Maibälle ereignet hatte: Gegen 1


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vier Uhr morgens hatte sich ein recht betrunkener Student auf eine der zahlreichen Brücken von Cambridge gestellt, um sich zu erleichtern – und hatte das Gleichgewicht verloren. In seinem Zustand schaffte er es nicht, am betonierten Ufer herauszuklettern. Seine polierten Lackschuhe fanden keinen Halt; sein Umhang sog sich voll Wasser und zog ihn hinab. Wenige Stunden, nachdem man auf den wohlgekleideten, leblosen Körper gestoßen war, fand man auch etwas weiter entfernt Spazierstock und Zylinder des jungen Herrn, der, wie sich bald herausstellte, für einen MPhil-Studiengang in klassischer Philologie eingeschrieben war – und an der traditionellen, sehr feierlichen Zeremonie seiner Diplomverleihung leider nicht mehr würde teilnehmen können. Man war schockiert – aber die große Erleichterung der überlebenden Studenten, die Examen hinter sich zu wissen, überwog. Deshalb wurde der Vorfall zur 2


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naheliegenden Einleitung eines zwanglosen Gesprächs mit unbekannten Damen auf dem nächsten Ball, die mit erhitzt leuchtenden Augen ihre Champagnergläser an die Lippen führten, während man die bekannte Geschichte um das eine oder andere Detail ergänzte. Das trug sich allerdings erst im nächsten Jahr zu. Das erste Semester war, zumindest dem Anschein nach, ruhiger. Damals war Wallace Willowfields älterer Bruder Ambrose noch nicht in Cambridge. Der Jüngere war im späten September 2007 aus einem vergleichsweise behüteten Elternhaus in Surrey an die berühmte Universität gekommen, um für ein vierjähriges Bachelor-Studium Biochemie zu lesen. Jedenfalls empfiehlt es sich aus Gründen der Logik, die natürlich nicht immer zwingend sind, vor allem aber auch aus Rücksicht auf den Leser, mit dem Anfang zu beginnen. 3


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Erster Teil

Wallace Willowfield hatte nichts als Verachtung übrig für die Politik, die Gesellschaft in ihrem gegenwärtigen Zustand, die laute, lärmende, vulgäre Gegenwart an sich, das gesamte Erziehungswesen seines Landes, das korrupt und ineffizient war von den Grundschulen bis zu den Universitäten, für seine dominante Familie, seine letzte Freundin, Caro, die nymphomanische Kuh, mit der seit kurzem alles vorbei war, und schließlich auch sich selbst. Die bittere Lebenserfahrung seiner achtzehn Jahre hatte ihn zu dieser Skepsis, ja zu dieser zynischen Haltung geführt. Wallace wollte gar nicht nach Cambridge. Seine Mutter, Lehrerin an einer öffentlichen Schule, und sein Vater, der eine leitende Position in einem Tourismusunternehmen 4


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bekleidete, hatten ihn dazu genötigt. Nun musste er mit seiner noch frischen Entwurzelung erst einmal zurechtkommen: Eine neue Band finden, bei der er E-Gitarre spielen konnte – er konnte es gut, und hatte mit den Jungs daheim in Surrey einige öffentliche Auftritte gegeben. Er musste einen neuen Lieferanten finden, der ihm in regelmäßigen Abständen Gras besorgen konnte; überhaupt vernünftige Leute, die nicht aus den miefigen, Kragen-und-Pullitragenden, durch und durch homosexuellen Privatschulen kamen; und später irgendwann eine Freundin, wenn die noch schwelende Wunde von Caro, mit der er am Schluss eine unergiebige Fernbeziehung geführt hatte, einmal verheilt sein sollte. Nun war er also, im Oktober 2007, in Cambridge angekommen, und nicht einmal in einem altehrwürdigen, traditionsreichen College mit holzvertäfelten Räumen, 5


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sondern in einer der Gründungen neueren Datums. Deren wirre Geometrie in Backstein konnte, wie viele ähnliche Bauten dieser Art, als krönenden Ausdruck moderner Architektur der 1960er Jahre bezeichnet werden. Den gesamten heutigen Tag hatte er in der Bibliothek verbracht, war gegen 18h recht müde nach Hause gekommen und hatte eigentlich keine rechte Lust auf das erste Formal Dinner des Terms. Das College empfahl jedoch allen Neuzugängen in verhalten-höflichen Floskeln, hinter denen aber eine Dringlichkeit steckte, die keine Ablehnung duldete, teilzunehmen. Keine Lust nicht nur, weil er sich am liebsten aufs Bett wälzen und mehrere Filme schauen wollte, sondern auch, weil es ihm widerstrebte, nach einer im Anzug verbrachten Schulzeit, sich nun auch in seiner Freizeit in formelle Garderobe zwängen zu müssen. Sein Widerwille rührte vor allem daher, dass ihm jetzt schon, in 6


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seiner zweiten Woche, die immer gleichen Kennenlern-Gespräche zuwider waren mit den ständig wiederkehrenden Fragen und Reaktionen, sowie dem mehr oder minder schlecht geheuchelten Interesse. Er wusste inzwischen genau, wie bestimmte Leute auf seine Bemerkungen und Witze reagierten. Während er seine Krawatte band – er brauchte nicht besonders auf das zu achten, was seine Hände seit Jahren jeden Morgen zu tun geübt waren – legte er sich einen kleinen Dialog zurecht, beschloss, ihn bei jedem, der ihm Standardfragen an den Kopf warf, zu wiederholen – und sich in Geduld zu üben. Schon beim Empfang bildeten sich die ersten Grüppchen elegant gekleideter junger Herren und Damen: Diejenigen, die lauter und offener waren als er, und von denen man wusste, dass sie bald das Komitee für Parties und andere Veranstaltungen bilden würden, standen zusammen, erzählten sich 7


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haarsträubende Trivialitäten und lachten wie alte Freunde. An wen sollte er sich wenden? Die ebenfalls einsam umherstehenden Professoren waren ihm in seiner derzeitigen geistigen Verfassung zu anstrengend. Von den ratlos dreinschauenden, verzweifelt Anschluss heischenden ausländischen Studenten, die vorwiegend aus Asien oder aus unbestimmten südosteuropäischen Ländern zu kommen schienen, und ein grauenhaftes Englisch sprachen, hielt er nichts. Und von den sogenannten ‚reiferen‘ Studenten, die Mitte fünfzig sein mochten, bereits Weib und Kind besaßen, und aus irgendwelchen Gründen, die ihn nicht interessierten, wieder den Weg an die Universität gefunden hatten, hielt er sogar noch weniger. So lehnte er mit einem Glas englischen Schaumwein an einer Säule und versuchte, möglichst lässig zu wirken. Dabei beobachtete er das verlegene, von Hoffnungen und Eitelkeiten getriebene Spiel 8


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subtiler Machtverhältnisse eines jeden gesellschaftlichen Ereignisses. »Hello«, tönte es auf einmal neben ihn, mit einem unnötig langgezogenen und etwas singenden o. Es war Jean, sein Mitbewohner. Jean war ein französischer Ingenieur, der ihn nicht nur wegen seiner beschwingten Intonation irritierte. Vor allen Dingen auch deshalb, weil Jean eine jener winzigen Espressokännchen für eine Person besaß, die Wallace für eine ähnlich überflüssige Erfindung hielt wie elektrische Zahnbürsten und Brotschneidemaschinen. Wie um ihm zu versichern, dass er auch wirklich da war, hielt Jean ihn am Arm, was Wallaces Ansicht nach nicht unbedingt nötig wäre. Er mied Jean sonst, doch im Moment war er für ein bekanntes Gesicht dankbar. »Jean! Wie geht es dir?« »Gut. Es geht mir gut. Und dir?«, fragte er, mit deutlichem Akzent, zurück. »Sehr gut, danke.« 9


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»Ah – gut.« »Ja.« »Gut.« »Hm.« Wallace nahm einen Schluck Sekt und suchte verzweifelt nach einem Gesprächsthema. »Sag’ mal, hast du dich für einen der studentischen Klubs angemeldet?« »Oh ja, gewiss«, entgegnete der Franzose. »Ich bin in der Physics Society, der Mathematics Society und der Geometry Society.« »Ah! Sehr schön. Da hast du eine gute Auswahl getroffen. Vielfältig«, kommentierte Wallace höflich. »In der mathematischen Gesellschaft bin ich sogar Sekretär.« »Gut! Meinen Glückwunsch. Sehr gut!« »Ja.« »Hm.« 10


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In der Pause, die nun einsetzte, fand Wallace, der andere könnte durchaus auch selbst ein Gespräch beginnen. Jean blickte aber nur mit einem etwas dümmlichen Grinsen in die Menge und schien die Peinlichkeit der Lage nicht zu spüren. Wallace überlegte, ob er sich nicht mit einer Ausrede verabschieden sollte, doch wohin? Zu wem? Er beneidete die anderen um ihre zwanglosen Plaudereien. Da begann Jean auf seine singende Weise und fasste ihn dabei nochmal an den Arm: »Spielst du Rollenspiele?« »Nein.« »Ich bin nämlich auch in einem Club, der sie ins richtige Leben überträgt. Das heißt, du bekommst den Auftrag, jemanden umzubringen oder das Schwert von Golmor zu finden. Dann musst du dich verkleiden und…« Gott sei Dank erreichte der stetig anschwellende Gong, der zum Abendessen 11


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rief, nun einen ohrenbetäubenden Grad, und die Gäste begannen, sich in Richtung der gedeckten Tische im Speisesaal in Bewegung zu setzen. Wallace sagte etwas Höfliches zu Jean und versuchte, ihn in der langsam dahinströmenden Menge zu verlieren. Jeder Tischnachbar, nur nicht er, dachte Wallace. Vier geschlagene Gänge würde er das nicht aushalten. In dem dämmerigen Speisesaal, der mit Kerzen erleuchtet war, hatte man die langen Tische mit damastenen Decken ausgelegt. Zu sitzen kam Wallace schließlich zwischen zwei jungen Damen seines Alters, was ihm schon mal nicht übel gefiel. In der einen erkannte er Annette, ein in Schweden geborenes, in Monaco aufgewachsenes Mädchen, das sich für Mongolische Studien eingeschrieben hatte. Sie wohnte gleichfalls mit ihm zusammen, und mit ihr verstand er sich ganz gut. Die blonde junge Dame zu seiner Rechten kannte er noch nicht, doch er 12


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stellte bald fest, sowohl am Akzent als auch an der Lautstärke ihrer Stimme, dass sie Amerikanerin war. Der lateinische Essenssegen, wie er in den traditionellen Colleges vor den Mahlzeiten üblich war, fiel in Wallaces liberaler Institution aus. Gehalten hatte sich allein, dass man noch etwas verlegen vor seinem Platze stand, die Hände vor dem Schritt verschränkt, bis alle anderen Gäste gleichfalls in den Saal gefunden hatten. Auf einen unsichtbaren Wink hin durften alle Platz nehmen. Wie es sich gehörte, stellte er sich seinen Tischnachbarn vor. Die junge Amerikanerin hieß Amanda und hatte außerordentliche weite, klare Augen. »So, what do you do?«, begann sie, die gewohnten Fragen abzuspulen. »Chemie«, entgegnete Wallace knapp. »Oh wow! That’s amazing!«, entfuhr es ihr, und sie ließ vor Begeisterung die Gabel sinken. 13


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Wirklich?, dachte Wallace. »Ja«, bestätigte er. »Und du?« »Gender Studies und Modedesign.« Wallace hätte sich fast an seinem Krabbenfleisch verschluckt. »Ach ja?«, sagte er unwillkürlich. »Ich wusste nicht, dass man das studieren konnte.« Sie erklärte in etwas mehr Detail als ihn wirklich interessierte, dass Gender Studies als neues Fach völlig interdisziplinär aufgebaut sei und man es mit beinahe jedem beliebigen anderen Fach kombinieren könne. Nach einer Pause, in der sie ihre jeweiligen Suppenteller leer kratzten – wobei sich gelegentliche Schürfgeräusche nicht vermeiden ließen – fragte Amanda: »So, where are you from?« Jetzt schon ärgerte ihn das wiederkehrende ‚so‘. »Aus der Grafschaft Surrey«, antwortete er ruhig. 14


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»Ah.« »Südlich von London.« »Oh wow! London is an amazing city!« »Ja, nur komme ich leider nicht aus London.« »Is Surrey, like, a suburb of London or something?« Für Wallaces Einstellung zur zeitgenössischen Unsitte im Englischen, ‚like‘ so oft wie möglich in einen Satz zu pressen, wäre Abneigung ein zu schwaches Wort. Hass würde es schon eher treffen. Er hatte den Grundsatz aufgestellt, dass die Anzahl von ‚likes‘ in einem Satz direkt proportional sei zur geistigen Leere im Kopf des Sprechers. »Nein, es ist eine Grafschaft«, erklärte Wallace geduldig. »Ich komme aus einem kleinen Dorf in dieser Gegend.«

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»Oh wow – is it, like, a typical English village with, like, tiny cottages and thatched roofs and, like, cows and everything?« »Nun ja, auf gewisse Weise. Man könnte es schon so sehen.« »Amazing!« Wallace fasste nach seinem Messer und bildete eine Faust, dann lockerte sich sein Griff und er legte es wieder hin. Noch ein ‚amazing‘ und ich schmeiße den Tisch um, dachte er. Seine Gewaltbereitschaft war im Laufe der letzten drei Minuten schlagartig gestiegen. Er atmete tief durch und wandte sich an Annette. »Warum lassen wir so viele Amerikaner in dieses Land?«, flüsterte er. »Es gibt doch sowas wie Visumspflicht, wie Zoll- und Einfuhrbestimmungen!« »Kein Glück mit der Nachbarin?«, fragte Annette mit einem wissenden Lächeln. 16


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»Sie haben uns vor zweihundert Jahren aus ihrem Land gejagt, und nun wollen sie an unseren besten Unis studieren? Das hätten sie sich früher überlegen sollen!« »Pass’ auf, bevor du sie erstichst.« Wallace hatte unwillkürlich wieder sein Messer in die Faust genommen und klopfte zur Bekräftigung seiner Worte damit auf den Tisch. »Wir gehen hinterher noch in die Stadt, ich, das Haus außer Jean, und einige Freunde aus London, die mich gerade besuchen. Dann musst du nicht nachher mit den ganzen Profs und studierenden Frührentnern hier an die Bar.« »Aber warum denn ohne Jean?« Sie verdrehte nur die Augen. »Annette, du bist ein wundervolles Mädchen, weißt du das?« »Don’t mention it. Anytime. Ich helfe gerne. Außerdem wollen wir dich 17


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dabeihaben. Ich muss dich jemanden vorstellen. Es wird sicher lustig.« Mit einem verschmitzten Lächeln wandte sie sich wieder ihrem Entrecôte zu. Von nun an war das Essen gelaufen – komme, was wolle. Wallace freute sich auf das anschließende Abendprogramm. Auf einmal schmeckten ihm Hauptgang und Nachspeise, und er wechselte sogar noch einige freundliche Worte mit Amanda. Nach dem Käse und Port hielt er sich an Annette, und ihre Gruppe versammelte sich am Porter’s Lodge, dem Eingang des Colleges, wo der Wärter sein Büro hatte. Die Mädchen trugen ihre eleganten Kleider mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der die Jungen sich in ihren Anzügen bewegten. Alle waren vom Wein gelöst und animiert. Man machte sich auf den Weg in die Stadt. Die Mädchen froren; die Kavaliere unter den Jungs boten ihre Mäntel an, und die Damen, die keine radikalen Emanzipierten waren, 18


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nahmen sie dankbar an. Wallace unterhielt sich, zum Teil sogar recht angeregt, mit Leuten aus London, von denen er genau wusste, dass er sie nie wieder sehen würde. Er spulte seine Standardfloskeln und – scherze ab zu Fach und Herkunft. Ja, Cambridge gefiele ihm wirklich sehr gut. Nein, so schlecht, wie alle sagten, sei das Wetter nicht. Ja, richtig, daran habe er noch nie gedacht, es sei wirklich ganz genau so wie bei Harry Potter. Wallace erzählte von seiner Band, seiner Gitarre und seinen Konzerten, einmal sogar von Caro. Dabei fragte er sich, wen Annette wohl gemeint hatte, als sie sagte, sie müsse ihn jemanden vorstellen. Es wurde noch ein wenig hin- und her telefoniert, weil einige Leute schon dort waren; und man sah Annettes rotes Cocktailkleid, vom Anfang der Schlange in die letzte Reihe huschen und wieder zurück, wobei ihre gestylten brünetten Locken 19


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tanzten. Schließlich kehrten sie in einem Pub ein, der am Fluss lag. Die Wärme, die von den Kohlefeuern in den Kaminen ausging, tat nach der Kälte der Oktobernacht sehr wohl. Man besetzte einen größeren Tisch, und einige Freiwillige gingen an den Tresen, um der restlichen Meute Getränke zu holen. Wallace kam zwischen einem Jungen zu sitzen, dessen rotes Haar mit Gel stachelig zugespitzt war, und einer Afrikanerin. Er gab zunächst ihm, dann etwas umständlich auch ihr die Hand, um sich vorzustellen. »Ich heiße Wallace.« Amüsiert entgegnete sie: »Hi. Ich heiße Assamée.« Sie war ausnehmend hübsch. Ihre Haut war nicht hellbraun, sondern dunkel wie bittere Schokolade. Ihre Augen glichen denen eines lauernden Tigers, geheimnisvoll und sehr fremd, doch gerade das reizte ihn. Ihre Lippen ruhten aufeinander wie samtene 20


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Kissen, und ihre mattglänzenden, etwas vollen Wangen wie die makellose Haut lockten ihn so zur Berührung, dass er diesem Drang widerstehen musste. Ihre Figur war voluptuöser, pantherhafter als jedes europäische Mädchen, das er bisher kennengelernt hatte. Irgendetwas an ihr mahnte ihn zu Abstand und Vorsicht. »Asamé?« »Assamée.« »Ein e oder zwei?« »Ist das wirklich wichtig?« Sie lachte. Er fand, dass er sich zum Affen machte, und sagte: »Wohl nicht.« »Zwei e’s. Im Französischen weisen zwei es auf das weibliche Geschlecht hin. Ich bin ein Mädchen«, fügte sie überflüssigerweise hinzu, worauf sie ihr herzliches Lachen vernehmen ließ, dass Wallace gut gefiel. Das ist offensichtlich, dachte er und bemühte sich, nicht auf ihr Décolleté zu schauen. 21


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Da schaltete sich Annette ein, die ihnen gegenüber saß: »Hey, ich wollte euch zwei schon miteinander bekannt machen, aber ich sehe, ihr habt mir die Mühe gespart. Wallace, das ist eine Freundin aus Homerton College.« »Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen«, wandte Wallace sich nochmals mit einiger Theatralik an sie. Sie lachte. »Er ist etwas formell, nicht wahr?«, sagte sie zu Annette. »Warte du nur, bis er mit seinem Bier fertig ist.« Sie grinste. »Was macht er dann? Wird er wild?«, fragte Assamée, sah ihn an und nahm ihren Strohhalm zwischen die Lippen. »Warte ab,« antwortete Annette. »Klingt so, als würdest du aus Erfahrung sprechen.« Assamée sah Wallace nochmal aus ihren dunklen Augen an, als wolle sie ihn 22


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einschätzen. Sie kam ihm auf einmal erwachsener, reifer vor als die ganzen Studentinnen um sie herum. Es hätte ihn nicht im Geringsten überrascht, wenn sie ihm erzählt hätte, sie sei heute Abend bloß auf Geschäftsreise in Cambridge und müsse morgen wieder in ihrer Firma am anderen Ende der Welt antreten. Das reizte ihn an ihr, aber er wollte nach wie vor auf der Hut sein. Als Nächstes gingen sie in einen Club, und zwar in das finsterste, verschwitzteste Loch von Cambridge, vielleicht, weil sie sich noch nicht gut genug in der Stadt auskannten, vielleicht aber auch nicht. Es war der einzige Club in der Stadt, der komplett mit Teppichboden ausgelegt war. Assamée hatte sich auf dem Weg dorthin an Wallace gehalten, und sie hatten, nachdem sie alle Standardfragen durchgegangen waren, über alles Mögliche geplaudert. Sie stammte aus einer Familie, die ein größeres 23


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kakaoverarbeitendes Unternehmen in Ghana leitete. Ehe sie nach Cambridge kam, hatte sie in Yale einen B.A. in Politik absolviert, wie der Siegelring ihres Jahrganges, den sie am kleinen Finger trug, bewies. Er hatte öfters ihr Lachen hervorrufen können, das sie weit hinten in der Kehle zu bilden schien, und so voll und gemütlich klang wie dumpfe Glockenschläge. Sie hatte sich dafür bei ihm eingehängt, erstens wegen der Kälte und zweitens, weil sie hohe Absätze trug, und schon ‚a little bit tipsy’ war. Wallace kannte diese Masche aus seiner Beziehung, doch hatte er nichts dagegen, mitzuspielen. An der Bar standen noch alle beisammen, doch bald zerstreute man sich. Wallace und Assamée gingen tanzen. Wallace hasste eigentlich nichts mehr als Clubs und den dort geprägten Tanzstil. Er beherrschte ihn nicht und kam sich lächerlich vor, wenn er ihn versuchte. Die dazugehörige Coolness 24


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lag ihm nicht. Wallace konnte es beim besten Willen nicht verstehen, wenn seine Freunde auf der Tanzfläche endlich ‚alles ’rauslassen konnten‘ und so taten, als mache es ihnen tatsächlich Spaß, im Blitzlicht zu ohrenzerschmetterndem Lärm spastische Zuckungen zu vollführen. Aber diesmal hatte er eine attraktive junge Frau dabei, und seine Prinzipien waren egal. Er wusste, was zu tun war. Die paar Tanzschritte, die dazu nötig waren, beherrschte selbst er. Sie waren umgeben von einer dichtgedrängten Masse vollkommen unbekannter Menschen. »Looks like we’ve lost the others«, rief er ihr ins Ohr. Er gab acht, dass sich ihre Wangen dabei berührten, und er der warmen Haut dieses schönen Mädchens von einem anderen Kontinent möglichst lange nah sein konnte. Trotz der lärmenden Musik und der schlechten Luft konnte er ihr Parfum ganz nahe riechen. 25


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»Do you mind?«, fragte er sie mit ihrem schweren Akzent, die schwarzen Augen auf ihn gerichtet. »Nope. Do you?« Sie schüttelte den Kopf und sah zu Boden. Dann schmiegte sie sich enger an ihn, und sie tanzten Wange an Wange. Er hielt sie fest, und ihre Finger flochten sich ineinander. Er küsste ihre heiße Wange, endlich diese dunkle, samtene Haut. Er küsste sie noch mal, und wieder; er nahm ihren Kopf und wendete ihn leicht, so dass ihre Lippen zueinanderfinden konnten. Sie tanzten eine Weile so, umschlungen und froh über dieses offene Bekenntnis zueinander, bis Assamée gehen wollte. Sie schoben sich durch die eng gepackte Menge der Tanzenden auf den Ausgang zu. Der Club war widerlich. Im Treppenhaus klebte das Linoleum ebenso wie das Geländer, und überall lagen Glasscherben. Betrunkene Studenten fielen die Treppen 26


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hinunter, rempelten einander an, und in den Ecken, nicht besonders gut versteckt, küssten sich frischgefundene Pärchen und grabschten aneinander herum. Die Musik war ein einziges überlautes, sinnloses Gestampfe. Jemand stieß die Tür zu dem abstoßenden Chaos der Waschräume auf, wo der Boden klatschnass war, und überall Toilettenpapier verstreut lag. Eben als sie zur Garderobe gehen wollten, stürmten zwei Sicherheitsleute durch die untere Tür, und rannten an ihnen vorbei nach oben, von wo wütende Rufe kamen. An der Garderobe ließ er sich ihre Mäntel geben, und sie traten hinaus in die Novembernacht. Die herbstlich kalte Luft erfrischte sie. Betrunkenes Gekreische, Gekicher und Geschrei erfüllte die Luft. Um den angetrunkenen, fracktragenden Studenten auf der Hauptstraße nur möglichst rasch zu entkommen, die sich in einer dunklen Ecke oder mitten auf dem 27


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Bürgersteig übergaben, winkten sie einem der altmodischen schwarzen Taxis, wie sie auch in London fahren, und gaben die Adresse des Mädchens an. Sie brausten durch die Nacht davon, Arm in Arm auf dem Rücksitz, und tauschten lange Küsse. Er schob seine Hand unter ihr Top, was sie geschehen ließ und fühlte ihre warme, volle Brust und ihre spitzen Nippel. Nur allzu bald waren sie am anderen Ende der Stadt, im Norden, jenseits des Flusses und der College-Bootshäuser, wo Assamée wohnte. Er stieg mit ihr aus, umarmte sie, küsste sie zum Abschied und versprach, sich zu melden. Dann stieg er wieder ins Taxi und fuhr heim, die ganze Rückfahrt vor sich hinlächelnd. Schon auf dem Weg zu ihr hatte er sich vorgenommen, sie ohne die geringste anzügliche Bemerkung oder Erkundigung, ob er noch zu ihr kommen dürfe, zuhause abzusetzen. Er fragte sich, was ihr in dem 28


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Augenblick wohl durch den Kopf gehen, und was sie von ihm halten mochte. Als sie wieder in der Nähe der Altstadt waren, wies Wallace den Fahrer an, zu halten. Dieses letzte Stück wollte er, als nächtlichen Spaziergang, zu Fuß zurücklegen. Auf einer Brücke hielt er kurz inne, um die Zinnen der mittelalterlichen Colleges im Mondlicht zu betrachten. Er sah den ruhig dahinströmenden Fluss und die Wiesen, auf denen im Sommer Kühe grasten. Über ihm spannte sich ein wolkenloser Sternenhimmel, in dem er Orions Gürtel und auch den Großen Wagen ohne Schwierigkeiten erkennen konnte. Wie er auf die Kapellen und Türme der alten Collegebauten zurückblickte, auf dieses ganze Panorama früherer Jahrhunderte, da stieg ihm plötzlich ins Bewusstsein: Du bist in Cambridge. Jetzt, fühlte er, erst jetzt war er wirklich in dieser Stadt angekommen. Unter den Sternen, im wehenden Talar 29


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heimwärts schreitend, konnte er nicht anders, und er lächelte vor sich hin. *** Ambrose Willowfield, Wallaces älterer Bruder, lebte zu dieser Zeit bei seinen Großeltern in Edinburgh. Er unterrichtete an einer Privatschule englisch – zwar nicht der einheimischen Bevölkerung, aber dafür Sprachschülern, Migranten, Arbeitslosen und Geschäftskunden. Um die Miete zu sparen, hatte er sich bei seinen Großeltern einquartiert. Eben hatte er einen besonders langen Tag hinter sich gebracht: Um fünf Uhr war er aufgestanden, um nach einer umständlichen Anreise in einer Firma, die in einem widerlichen Industriegebiet lag, zehn Stunden zu unterrichten. Nun freute er sich auf nichts mehr als auf einen Whisky on the rocks und ein heißes Bad. Erschöpft von der 30


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zweistündigen Rückfahrt mit Zug, Bus und Taxi, noch etwas irritiert von der Begriffsstutzigkeit der weniger talentierten Schüler schloss er die Haustür auf. Er war erleichtert, dass es ging. Immer öfter sperrten seine Großeltern schon um vier Uhr nachmittags zu. Sein Großvater erwartete ihn. »Wie war’s Schwimmen?« Er glaubte, nicht recht gehört zu haben. »Ich war nicht schwimmen, Opa. Ich war arbeiten.« »Ja? Wo denn?« »In der Stadt, Opa, wie die letzten zwei Monate auch.« »Hm.« »Wie geht’s euch beiden?« »Gut, wie immer.« »Haben wir noch Whisky da? Bourbon, meine ich.« »Bitte?« Er wiederholte die Frage. 31


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»Keine Ahnung.« »Ich schau’ eben nach.« Ambrose kickte seine Schuhe davon, was nicht so elegant gelang, wie er wollte, hing sein Jackett etwas heftiger auf den Bügel als sonst, und ging ins Wohnzimmer. Es war noch so behaglich eingerichtet wie in den Tagen seiner Kindheit. Am Fenster zum weitläufigen Garten saß seine Großmutter. Er küsste sie zur Begrüßung, und sie freute sich sichtlich, ihn zu sehen. »Wie war’s?«, fragte sie. »Anstrengend. Es war ein intensiver Tag, heute.« Ambrose erzählte ein wenig davon, und seine Großmutter hörte geduldig, unter wiederholtem Kopfnicken, zu. Sie sagte jedoch, wie neuerdings immer, wenn ihr Enkel etwas berichtete, daraufhin kein Wort. Dann begann sie, davon zu reden, was sie zu Mittag gegessen hatten. Ob er etwas zu Mittag gegessen habe? 32


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Ja, er habe sich Brote mitgenommen. Dann habe er sicher Hunger, sie könnten sich gleich setzen. Er halte es noch aus, sagte Ambrose, und wolle erst einmal ein Bad nehmen. Seine Großmutter begann zu überlegen, was sie am Tag darauf zu Mittag essen könnten. Nein, er werde, wie jeden Tag unter der Woche mittags nicht zuhause sein. Ambrose entschuldigte sich, ließ das Wasser im Bad einlaufen, hörte seine Großmutter noch im Wohnzimmer reden, wahrscheinlich an ihn gerichtet, und holte die Flasche Bourbon. In der Küche schenkte er sich einen Doppelten ein, warf drei Eiswürfel ins Glas und setzte sich wieder dazu, um noch eine Weile zuzuhören, bis das Bad vollgelaufen war. Sein Großvater saß auf dem Sofa und las, sicher zum dritten oder vierten Male schon, die Lokalzeitung. Die alte Dame war von Rindsrouladen zu frühen Kindheitserinnerungen übergegangen. 33


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Ambrose folgte mit freundlichem Lächeln, Nicken und gelegentlichen Einstreuungen den Geschichten, die er schon unzählige Male gehört hatte. »Dann haben wir also die Rinderfilets geklopft und mit Salz und Pfeffer bestreut. Man legt dann Speck und ein Stück Butter hinein, rollt es zusammen und brät es in Butterschmalz. Das gibt einen besonderen Geschmack, und ist gar nicht so fett. Gesunde Ernährung war uns immer wichtig. Über den Brokkoli habe ich zerlassene Butter mit Semmelbrösel gegeben, und zu den Kartoffeln eine Speck-Sahnesoße gereicht, mit ganz magerem Speck.« Der Großvater fragte: »Wovon sprecht ihr?« »Von den Rinderfilets, wie sie Tante Judith immer gemacht hat. So lange sie in der Küche stehen konnte, meine ich. Furchtbar, wie nachher diese schweren Kreislaufstörungen bei ihr eingesetzt haben. 34


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Das ganze linke Bein war grün und schwarz, wie Schimmel. Schließlich mussten sie es amputieren.« Der Großvater nickte. »Ihr Bruder hat nur wenige Jahre später Mastdarmkrebs bekommen und ist daran gestorben. Alles voller Metastasen. Der Stoffwechsel hatte sich bei ihr umgekehrt, und sie konnte nur noch künstlich ernährt werden. Gut, dass die Erkrankungsrate inzwischen gesunken ist.« »Was hat sie getrunken?«, fragte der Großvater. »Gesunken!«, sagte die Großmutter etwas lauter. »Was ist gesunken?« »Die Erkrankungsrate für Mastdarmkrebs.« »Tante Judith ist an den Kreislaufstörungen gestorben.« »Es geht ja auch um ihren Bruder«, entgegnete die Großmutter recht laut. »Hm«, machte der Großvater. 35


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»Opa, hast du dein Hörgerät an?«, erkundigte sich Ambrose. Der Angesprochene tippte auf sein Ohr. »Ich hab’s drin.« »Hast du es auch an?« »Wie bitte?« »Ob du es auch eingeschaltet hast!«, rief die Großmutter. »Es ist an.« »Komm’, ich hol’ dir neue Batterien.«, sagte Ambrose und sprang auf. Vom anderen Zimmer hörte er, wie seine Großmutter schrie: »Er-holt-Bat-te –ri-enfür-dein-Hör-ge-rät!« Nachdem er die Batterien gebracht hatte, erinnerte sich Ambrose an sein Bad, das sicher schon eingelaufen war. Er ging in die hinteren Räume des Hauses, zog sich aus und legte sich unter dem Klinken der Eiswürfel seines Tumblers in die halbvolle Wanne. 36


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Ambrose hatte sich vom Abendbrot entschuldigt, nicht nur weil er den Gesprächsverlauf genau vorhersehen konnte – es war jeden Abend derselbe. Er hatte auch, in einem Akt verspäteter adoleszenter Rebellion, bereits bei Burger King ein Whopper Menü gegessen, weil er schlicht und ergreifend das immer gleiche, nicht mehr ganz frische Graubrot, die immer gleiche, nicht mehr ganz frische Wurst und den geschmacklosen Käse, den es, seit zwei Monat gab, nicht mehr sehen konnte. Oft kaufte er nach Feierabend für seine Großeltern ein und besorgte sich dabei, was ihm schmeckte, aber heute Abend kam das nicht in Frage. Das Wasser wurde heißer und bewegte sich hart an der Grenze dessen, was man als ‚angenehm‘ bezeichnen könnte. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Die neueste Biographie von Livius Blumenberg, einem Komponisten des Wiener Fin de 37


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Siècle, über den er auch promovieren würde, ließ er noch neben der Wanne liegen. Er spürte, wie sich eine entspannende, hitzebedingte Müdigkeit in seinem Körper ausbreitete. Er ließ die Schweißfäden über sein Gesicht rinnen, ohne sie mit dem Tuch abzutrocknen, das er dafür bereitgelegt hatte. Das Salz stach in seinen Augen. Er trank von dem kalten, brennenden Whiskey, der sein schon ermattetes Hirn benebelte, und atmete in tiefem Wohlempfinden auf. Seltsam, dachte Ambrose bei sich, dass ich gar keine Traurigkeit mehr über Opas Dahindämmern empfinde – so wie noch vor zwei Jahren, als die Demenz einsetzte – sondern nur Irritation. Man hat diesen Zustand inzwischen vollkommen in Kauf genommen, und ich kann mir kaum noch vorstellen, wie er früher war. Nur seine Bibliothek im Arbeitszimmer zeugt noch von dem Mann, der er einmal war: die medizinischen Bücher, obligatorisch beim 38


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Leiter der Abteilung für Innere Medizin am städtischen Krankenhaus. Aber auch die Bände zur Kunstgeschichte, zur deutschen, russischen, französischen und englischen Literatur, zur Philosophie. Und natürlich die Biographien der namhaften Komponisten: Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Chopin. Er hat die Romantiker immer am liebsten gehabt, sie lagen seinem Wesen wohl auch am nächsten. Warum, hat er sich immer wieder gefragt, hat Großbritannien keine großen Komponisten hervorgebracht? Denker ja, Dichter, Dramatiker, herausragende Schauspieler, Maler von Weltrang – aber keine Komponisten. Da haben ja sogar die Franzosen noch mehr erreicht als wir, pflegte er seine Überlegungen zu beschließen. Schade, dass er kaum noch Klavier spielt. Eigentlich lag es doch an ihm, dass Wallace zur Geige gekommen ist und ich zum 39


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Klavier – und somit zu meinem Studienfach. Auch die C-Dur-Sonate von Haydn, die Virtuosen immer so klassisch-präzise behandeln, hat er mit romantischem Anschlag gespielt und ein bisschen langsamer als eigentlich vorgegeben. Genauso bei Mozart, Clementi und Kuhlau – frei von aller übertriebenen technischen Brillanz der Konzertpianisten. Seine Spielweise brachte eine eigene, andere Schönheit in diesen Stücken hervor als die, die allgemein auf CDs aufgenommen und verkauft wird – die Schönheit einer anderen Zeit. Und ist es nicht wahr, dass er, um 1920 geboren, den musikalischen Traditionen des 19. Jahrhunderts näher stand, als wir heute? Ambrose nahm einen Schluck kalten Whiskey und führte das Glas über seine heiße Stirn. Und heute? Die letzten fünf Wochen habe ich mir jeden Montagvormittag freigenommen, um mit ihm zum Hörgerät-Fachhändler zu gehen, 40


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zum Ohrenarzt wegen Hörtests, und noch ein paar Mal mit verschiedenen Formularen zwischen Geschäft und Arzt hin und her. Am Ende wusste er nicht mehr, welches von den drei Modellen, die er probieren durfte, ihm am besten zugesagt hatte. Er wechselte nie selbständig die Batterie, wenn sie ausgegangen war, sondern behielt das Gerät einfach im Ohr. Ob er es nicht merkte oder es ihm einfach vollkommen egal war, war schwer, zu sagen – wahrscheinlich das Letztere, denn so viel konnte er mit unseren Gesprächen nicht anfangen. Schlimm, wenn das Kurzzeitgedächtnis fast völlig aussetzt. Aber ich habe das selbst eingeleitet, das mit dem Hörgerät. Diese Verbindung von Schwerhörigkeit und Demenz war nicht mehr zu ertragen. Nun hat er sein Gerät wenigstens und ich besorge ihm die Batterien dafür – wenn er es nur tagsüber einschalten würde und nachts aus, damit die Batterien tatsächlich zehn Tage halten, wie 41


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auf der Packung steht, und nicht nur drei! Wenigstens weiß er selbst überhaupt nichts von diesem ganzen Ärger, es würde ihn sonst sehr treffen. Er ist so höflich und rücksichtsvoll. Dabei wirkt er immer ausgeglichen, immer glücklich. Und das ist schließlich auch etwas wert.

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Ziegel und Elfenbein | Auszug von Max Haberich