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JUNI /J  ULI 2019 DOPPELTE NÄHE: BRIAN DE PALMA / ANGELA SCHANELEC PREMIEREN: FIRST REFORMED / THE NIGHT IS SHORT, WALK ON GIRL / MANDY


Inhalt Seite DOP PELTE NÄH E: BRIAN DE PAL MA / ANG ELA SCH ANELEC 1 EIN ABEND FÜR STANLE Y CAV ELL :

His Girl Friday 30 First Reformed / The Night Is Sho rt, Walk on Girl / Man dy 32 RICH TIG LANG: Short Cuts 35 ZÜR CHE R FILM TAL K: Wie klingt mein Dre hbuch? – Eine öffentlich e Leseprobe 36 DOK FILM AM SONNTAG: Disappe ara nces KIN DER KIN O: Flipper 37 Imp ressum 38

PRE MIE REN:

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21 Heft-Rückseite

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DOPPELTE NÄHE:

LEC BRIAN DE PALMA / ANGELA SCHANE

Carlito’s Way Was haben Angela Schanelec und Brian De Palma miteinander zu tun? Auf den ersten Blick sehr wenig. Hier der mit meist grossen Budgets in den Genres Thriller, Horror, Kriminalfilm arbeitende New-Hollywood-Regisseur, da die Filmemacherin, die mit viel Geduld und ganz klar in einer französischen Kunstfilmtradition bürgerliche Seelenlagen erkundet. Tempo und Action auf der einen, das langsame Leben in europäischen Städten auf der anderen Seite. Scarface hier, Tschechow da. Aber auch: Hitchcock/Bresson. Der eine ein wichtiger Bezugspunkt für De Palma, der andere für Schanelec. Und da kommt eine doppelte Nähe in den Blick. Bei beiden das ausdrückliche Wissen darum, in einer Tradition zu stehen. Die Nähe zur Tradition ist gesucht: Aneignung von etwas, das als das Eigene erkannt ist, aber auch verfügbar ist für Reflexionen über die filmische Kunst. Hitchcock und Bresson, einander fern genug, verbindet doch dies: die Frage danach, was das filmische Bild ist. Der eine ist der Lüge auf der Spur, oder eher: der Täuschung; der andere der Wahrheit (was etwas ganz anderes als die Wirklichkeit ist). Auf ihre Weise postrealistisch sind beide. Und das gilt nun auch für De Palma und Schanelec: Dem konventionellen Bild trauen


2 Brian De Palma / Angela Schanelec

beide obsessiv nicht. Bei De Palma führt das in Richtung Exzess, bei Schanelec zu Askese, Intensität und Konzentration, aber hier wie da führt das zur Reflexion über das, was dem bewegten Bild möglich ist, darüber, wie es sich zur Wirklichkeit verhält, aber auch, welche Affekte es auf welche Weise erzeugt und vermittelt.

Bei De Palma kann es gar nicht genug Bilder, Splitscreens, Leinwände, Kamerafahrten geben. Die Bezüge zu anderen Filmen sind aufdringlich präsent: in Blow Out (1981) nicht nur Hitchcock, sondern auch Antonioni: John Travolta kommt in minutiöser Detailuntersuchung von Bild- und Tonaufzeichnung einem Mord auf die Spur. Am Anfang von Femme Fatale (2002) füllt eine Fernsehausstrahlung von Billy Wilders Double Indemnity (1944) die Leinwand, Brian De Palma schreibt dreist den eigenen Namen in dieses Bild, bevor sich der Film mit der sichtbar werdenden Spiegelung seiner Protagonistin davon zu lösen beginnt. Nur um gleich darauf einen weiteren fremden Film, Régis Wargniers Est-Ouest (1999), wiederum im ganzen Bild zu inkorporieren. Der Beginn von Snake Eyes (1998) ist eine mehr als zehnminütige Plansequenz, die dem durchgeknallten Polizisten Rick Santoro (Nicolas Cage) in die Arena eines Boxkampfs folgt, dabei aber rastlos Aufzeichnungsbilder von Bildschirmen einliest. Kameras, die Bilder von Kameras zeigen: Das findet sich so oft bei De Palma wie Kamerafahrten, die Wände, die realistischerweise vorhanden sein müssten, so elegant wie ausdrücklich ignorieren. De Palma traut den Bildern nicht, weil er ihnen alles zutraut. Er bevorzugt – auch wenn es immer wieder virtuose Abweichungen zum Mafia-Drama, zur Science-Fiction, zum Kriegsfilm gibt – die Genres Mystery, Horror und Thriller. Im Horror lauert der sehr unmittelbare Schrecken im Bild selbst, noch oder gerade, wenn es täuscht. Und Mystery, Thriller wie Horror sind entlastet von allzu strengen Konsistenzerwartungen an den Plot. Die Lizenz dieser Genres, Versatzstücke bis zur Absurdität als reines Spielmaterial zu begreifen, nutzt De Palma weidlich und ohne dabei auf Subtilitäten zu zielen. Er nimmt die Figuren nicht ernst und erst recht nicht die wilden Geschichten, durch die er sie jagt. Er meint es aber sehr ernst mit der Produktion von Spannung, Grauen und auch erotischer Lust. Da wird nichts sublimiert: viel Blut, viel Schock, viel nackte Haut. Es kommt ein Vergnügen zweiter Ebene fast immer dazu: der Genuss, den das Wissen um die Auflösbarkeit des Ernstes in Spiel bereitet. Vielleicht ist die völlig unverhohlene Kamerafahrt durch die Wand die klarste Signatur von De Palma: Er sucht den


Brian De Palma / Angela Schanelec

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direkten Weg, er spottet dabei über jede Realismuserwartung. Dieser Spott aber hebt die Direktheit nicht auf.

Die Filme von Angela Schanelec spotten nicht. Eher liegt ihr Ernst auf der Hand. Es fehlt ihnen auch jede Frivolität. Die Kamera von Reinhold Vorschneider, mit dem Schanelec von Das Glück meiner Schwester (1995) bis zu ihrem vorletzten Film Der traumhafte Weg (2016) zusammengearbeitet hat, ignoriert keine Wand. Ein Experiment wie Orly (2010) bleibt die Ausnahme: Zwei Kameras beobachten unbeobachtet das Geschehen um die fiktionalen Figuren im titelgebenden Flughafen, während das reale Treiben darum herum quasidokumentarisch in den Blick kommt. Die Bilder, die so entstehen, entziehen sich zu einem Grad der Kontrolle, der in den anderen Filmen Schanelecs schwer vorstellbar wäre. Jede Einstellung in den anderen Filmen scheint genau geplant und nimmt nicht die Figur als etwas, dessen autonomer Bewegung in den Räumen sie folgt. Die Bewegung der Figur ist vom Bild her gedacht. Wie das Bild, das einzelne Bild, sich zum Medium Bewegtbild verhält, bleibt eine entscheidende Frage. Oft scheinen die Einstellungen bei Schanelec dem Fotografischen nahe, statisch, oder eher: stillgestellt, Körper werden zu Schemen, es werden Körperteile, Ausschnitte fokussiert, es wird auf ihnen so insistiert, dass etwas ganz Vertrautes und ganz Alltägliches fremd und womöglich sogar monumental wird. Umso bewegender im Sinne eines spezifischen Pathos: die wenigen Kamerafahrten bei Schanelec, minutenlang etwa einmal im Park in Mein langsames Leben (2001), eine Bewegung gegen die Eigenbewegung der spazierenden Figuren, denen die Kamera dabei, fast selbst autonom, folgt. Während De Palma über alle Konvention immer schon hinweg ist, reflexiv und metareflexiv sozusagen, betreibt Schanelec Grundlagenforschung: Sie fragt nach der Basis des Filmischen, nämlich dem Fassen, der Fassbarkeit des Wirklichen in das Bild, die Bewegung, den Ton. Das Kino fängt bei ihr – wenn auch fern aller Naivität, auf den Spuren der Filmgeschichte und ganz besonders Bressons – noch einmal neu an. Allen zum Topos, zur Konvention geronnenen Lösungen weicht sie erst einmal aus. So meidet sie Schuss und Gegenschuss als Dialogfilmform, bei der die Bilder im Wechsel beruhigend als dieselben Einstellungen wiederkehren. Sie verharrt etwa obstinat auf dem Gesicht der einen Figur. Sie fasst langes Schweigen ins Bild. Der Beginn von Plätze in Städten (1998): Die Protagonistin Mimmi (Sophie Aigner) mit dem Rücken zur Kamera, am Rande einer Strasse, man bekommt die


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zwei, drei Minuten, die die Einstellung dauert, keinen Blick auf ihr Gesicht. Stattdessen redet ein junger Mann, der sie begehrt, der weiss, dass sie ihn nicht begehrt, der sie gern nach oben begleiten möchte und verspricht, sie nicht anzurühren. Mimmi spricht kaum. Der junge Mann wird im weiteren Film nicht wieder auftauchen. Die Geschichten, die Schanelec erzählt, sind erratisch, weil sie aus Fragmenten gemacht sind. Von der Geschichte her wäre all das, was man nicht erfährt, als Ellipse zu sehen. Aber Schanelec denkt ihre Filme eben nicht von der Geschichte, sondern von Präsenzen her (zu denen Absenzen gehören, sie geben der Präsenz ihre Kontur). Die Komponiertheit ihrer Einstellungen hat darum mit Formalismus nichts zu tun, sondern damit, dass sie immer auf der Suche nach einer Form ist, die die Präsenz aufheben kann: die Präsenz dieses Körpers in diesem Moment in diesem Licht mit dieser Flexion ihrer Stimme, dieser Trägheit des Blicks. Das Fragment, die Hände, oder – früh in Der traumhafte Weg – man sieht Beine, die Mitte eines Körpers, zupackende Arme, die sich um seinen Leib schliessen. Mehr sieht man nicht vom Mann, der zu fallen droht, aber, von den Armen gehalten, nicht fällt. Es geht darum, dieses Halten zu filmen, die Essenz dieses Haltens, und weil es Essenzen filmt, ist dieses ganz physische Kino zugleich auch abstrakt. Physisch, denn: Schanelec liebt Körper, sie liest ihnen alles ab. Auch Sprache ist mehr Körper als Sinn, wichtiger ist, wie gesprochen wird, als das, was eine sagt. Motive, Zusammenhänge erschliessen sich oder erschliessen sich nicht. Auch eine einfache Wahrheit über das Kino: What you see is what you get. Zum Rest, zu dem, was vom einen zum anderen führt, sei es Plot, sei es Psychologie, gibt es bei Schanelec wenig Handreichung. So viel bleibt offen. Zupackende Arme gibt es, und Hände, das muss reichen. Ekkehard Knörer

Wir zeigen alle Langfilme von Angela Schanelec, mit Ausnahme des neuesten – Ich war zuhause, aber –, der parallel zu unserem Programm auf dem Festival Bildrausch in Basel zu sehen ist. Aus dem umfangreichen Werk Brian De Palmas zeigen wir eine Auswahl von siebzehn Filmen. Leider mussten wir auf einige wichtige Titel insbesondere des Frühwerks verzichten, weil derzeit keine adäquaten Filmkopien greifbar sind.


BRIAN DE PALM A

Brian De Palma

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Blow Out Brian De Palma, USA 1981; 108' E (35 mm, Farbe, Scope) Mit John Travolta, Nancy Allen, John Lithgow, Dennis Franz, Peter Boyden

Nicht nur seinen Augen, auch seinen Ohren sollte man in De Palmas Kino misstrauen. Diese Lektion muss John Travolta in der genialen Antonioni-Paraphrase Blow Out lernen. Eigentlich ist der Tontechniker Jack Terry (John Travolta) auf der Suche nach Soundeffekten für einen B -Film. Durch einen Zufall wird er während Probeaufnahmen Zeuge eines Autounfalls – der möglicherweise gar kein Unfall, sondern ein Mordanschlag war. Zumindest ist auf seinem Tonband, kurz bevor das Auto von seinem Weg abkommt, ein Schuss zu hören. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Langsam wird ein Netz an Intrigen freigelegt, in das auch Sally (Nancy Allen) verwickelt ist, die ebenfalls im Unglücksauto sass, glücklich überlebte und sich nun auf Jacks Seite schlägt. Im seinerzeit von der Kritik ekstatisch gefeierten (aber dennoch an den Kinokassen gescheiterten) Blow Out präsentiert sich De Palma auf der Höhe seiner Kunst: Szene für Szene, Einstellung für Einstellung entfaltet sich ein komplexes, durchgestyltes Stück Autoren-Pulpkino, das an Michelangelo Antonionis Klassiker Blow-Up (1966 ) ebenso anschliesst wie an die Paranoiathriller der Siebziger – aber bei alldem stets in erster Linie De Palmas höchstpersönlichen Obsessionen verpflichtet ist. Und dann wäre da noch die vielleicht bösartigste Schlussszene der Filmgeschichte. Do 30. 5. / Fr 31. 5. > 20.00 Uhr Sa 1. 6.

> 20.45 Uhr

So 2. 6.

> 19.00 Uhr

The Fury Brian De Palma, USA 1978; 118' E (16 mm, Farbe) Mit Kirk Douglas, John Cassavetes, Carrie Snodgress, Charles Durning, Amy Irving, Fiona Lewis

Die Okkultwelle der Siebziger ging auch an De Palma nicht spurlos vorüber. The Fury verbindet, basierend auf einer Romanvorlage von John Farris, Motive des Übersinnlichen mit Elementen des Horrors, des Science-Fiction-Films und des Politthrillers. Es geht um ein mysteriöses Regierungsprogramm namens PSI , das parapsychologisch begabte Kinder entführt und als Geheimwaffen einzusetzen plant. Der Vater eines der Opfer unternimmt den Versuch, die Verschwörung aufzudecken und seinen Sohn zu befreien. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass er es mit Kräften zu tun bekommt, die auf die Dauer weder er noch sonst irgendjemand unter Kontrolle halten kann. Zwei Jahre nach seinem kommerziellen Durchbruch mit Carrie gelang De Palma ein weiterer Mainstream-Erfolg. Zum ersten Mal standen ihm ein einigermassen ansehnliches Budget sowie Stars wie Kirk Douglas und John Cassavetes zur Verfügung; für die Musik engagierte er den legendären John Williams. Im Kern ist jedoch auch The Fury eine durch und durch experimentelle «kinematografische Investigation» (Eyal Peretz), die das Bild


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Brian De Palma

Blow Out

The Bonfire of the Vanities

The Fury


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über sich selbst hinaustreibt und die in diesem Fall auch die Gesetze von Zeit und Raum überschreitet. Fr 31. 5.

> 22.15 Uhr

Sa 1. 6.

> 23.00 Uhr

The Bonfire of the Vanities Brian De Palma, USA 1990; 125' E/df (35 mm, Farbe) Mit Tom Hanks, Bruce Willis, Melanie Griffith, Kim Cattrall, Saul Rubinek, Morgan Freeman

Nur einmal sind sie falsch abgebogen, und plötzlich finden sich der Wall-StreetTrader Sherman McCoy (Tom Hanks) und seine Geliebte Maria Ruskin (Melanie Griffith) in der Bronx wieder. Aus der nicht allzu sicheren Distanz ihrer Luxuslimousine betrachtet, schaut es hier aus wie in einem Bürgerkriegsgebiet … Und überhaupt, fragt sich Ruskin: «Wo sind all die Weissen hin?» Im Zuge der panischen Versuche des Paars, nach Manhattan zurückzufinden, kommt es zu einem Unfall, der eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, die nicht nur das Leben von McCoy und Ruskin, sondern das soziale Ökosystem einer ganzen Stadt aus dem Gleichgewicht bringen. The Bonfire of the Vanities war De Palmas bis dato teuerstes Projekt – und sein grösster Flop. Schon während der Dreharbeiten kam es zu Problemen zwischen De Palma und dem Ko-Star Bruce Willis (der einen daueralkoholisierten Reporter spielt), zum Kinostart wurde die Adaption eines satirischen Bestsellers von Tom Wolfe in der Luft zerrissen. Es lohnt sich, den Film wiederzuentdecken: De Palmas furiose Regie (beginnend mit der meisterlichen Eingangssequenz, einer mehrminütigen, ungeschnittenen, rasanten Kamerafahrt) verwandelt das etwas schematische Skript in ein pfeilschnelles, hochkomisches Kleinod filmischen Boulevardtheaters. Sa 1. 6. / So 2. 6.

> 16.30 Uhr

Scarface Brian De Palma, USA 1983; 170' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Al Pacino, Steven Bauer, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, Miriam Colon

«Say hello to my little friend»: Scarface ist kein typischer De Palma, aber einer seiner grössten populären Erfolge und bis heute ein Kultfilm. Basierend auf einem Drehbuch von Oliver Stone, erzählt das Gangsterepos vom Aufstieg und Fall des Antonio «Tony» Montana, eines kubanischen Flüchtlings, der mittellos an der Küste Floridas angespült wird und während seines Aufstiegs zum schwerreichen Drogenbaron über Leichen geht. Nominell das Remake des gleichnamigen Howard-Hawk-Klassikers aus den Dreissigerjahren mit dem genialen James Cagney ist der 83er-Scarface weniger eine Antwort


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Scarface

Femme Fatale

Brian De Palma


Brian De Palma

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auf Hawks als auf Francis Ford Coppola. Der Melancholie und Grandezza von dessen Mafiaepen The Godfather I und II (1972/74 ) setzen De Palma und Stone ein vulgäres, kokaindurchsetztes Monstrum von einem Film entgegen. Die Hauptfigur ist kein eleganter, schwermütiger Pate im Massanzug, sondern ein brutales Totalarschloch – und der folgerichtige Antiheld für die durch und durch materialistische Welt des zeitgenössischen Raubtierkapitalismus. Dass dieser Tony Montana gleichzeitig von Al Pacino, dem Hauptdarsteller der Godfather-Filme verkörpert wird, ist die genialste, bitterste Pointe des Films. An seiner Seite brilliert unter anderem Michelle Pfeiffer, die durch Scarface zum Star wurde. Mo 3. 6. – Mi 5. 6.

> 20.00 Uhr

Femme Fatale Brian De Palma, Frankreich/Schweiz 2002; 114' E/df (35 mm, Farbe) Mit Rebecca Romijn, Antonio Banderas, Peter Coyote, Eriq Ebouaney, Edouard Montoute, Rie Rasmussen

Ein Blutbad in Cannes steht am Anfang eines Films, in dem De Palma ein weiteres Mal – und so brillant wie selten zuvor – die Mächte des Falschen entfesselt. Nachdem er mit Mission to Mars die schwerste Niederlage seiner Karriere einstecken musste, kehrte De Palma mit dem Nachfolgefilm auf vertrautes Terrain zurück: Femme Fatale schliesst sowohl an seine Actionfilmdekonstruktionen der Neunziger als auch an seine abgründigen Erotik- und Voyeurismusthriller der Achtziger an. Und nicht zuletzt brilliert die Geschichte um die mit allen Wassern gewaschene Meisterdiebin Laure Ash (Rebecca Romijn) als smartes Metakino. Der missratene Diamantenraub, der ein wildes Verwechslungs- und Verdopplungsspiel in Gang setzt, findet sozusagen im Zentrum des Weltkinos statt: auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, die von De Palma in ein hysterisches Blutbad verwandelt werden. Im Folgenden verlagert sich die Handlung nach Paris, wo sich Nicolas Bardo (Antonio Banderas) an Ashs Fersen heftet – einer jener De-Palma-Männer, die bereits nach dem ersten Blick auf das Objekt ihrer Begierde hoffnungslos verfangen sind in einem Gewebe aus Lust und (falscher) Identifikation. Fr 7. 6.

> 18.00 Uhr

Sa 8. 6.

> 18.30 Uhr

Body Double Brian De Palma, USA 1984; 114' E/df (35 mm, Farbe) Mit Craig Wasson, Melanie Griffith, Gregg Henry, Deborah Shelton, Guy Boyd, Dennis Franz

Falsches Spiel im Pornomilieu. In Body Double präsentiert sich De Palma von seiner schmierigsten, aber auch inspiriertesten Seite. Body Double ist so etwas wie der dreckige kleine Bruder von Blow Out: Wieder ein hochreflexiver, komplex konstruierter Thriller im Filmmilieu, wieder geht es um Voyeurismus, fehlgeleitete Identifikation und eine tödliche Verschwörung. Nur dass diesmal alles


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ein wenig schmieriger und abgefuckter ist. Hauptfigur ist Jake Scully (Craig Wasson), ein arbeitsloser Schauspieler, der einer mysteriösen Schönheit hinterherspioniert, die eines Tages brutal ermordet wird. Doch wie Scottie in Hitchcocks Vertigo (1958 ) stösst Scully kurz darauf auf eine andere Frau, eine Pornodarstellerin mit dem sprechenden Namen Holly Body (Melanie Griffith), die der Verstorbenen zum Verwechseln ähnlich sieht. Body Double ist ein abgründiger Meta-Exploitationfilm, in dem sich die Bilder der (misogynen) Gewalt immer schon gegen sich selbst wenden. De Palma zelebriert nicht nur ein weiteres Mal die Macht der lügenden Kamera, sondern badet seinen Film auch in den Synthie-Klängen (Musik: Pino Donaggio, schon seit den späten Siebzigern sein Stammkomponist) und neonglänzenden Oberflächen der Achtzigerjahre. Do 6. 6. / So 9. 6.

> 20.30 Uhr

Fr 7. 6.

> 20.15 Uhr

Sa 8. 6.

> 20.45 Uhr

The Untouchables Brian De Palma, USA 1987; 119' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Kevin Costner, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Robert De Niro

In den Achtzigern wechselte De Palma geschmeidig zwischen kleineren, persönlicheren Projekten und grossen Studioproduktionen hin und her. Die Star-besetzte Paramount-Produktion The Untouchables war noch vor Scarface sein grösster kommerzieller Erfolg des Jahrzehnts und gleichzeitig der Beweis, dass der Regisseur auch aufwendigen Prestigeproduktionen seinen ganz persönlichen Stempel aufdrücken konnte. Wobei De Palma selbst bescheiden anmerkte: «Es ist schön, eine Weile in den Schuhen eines anderen zu gehen.» Der Film folgt einer Gruppe von Gesetzeshütern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den legendären Gangsterboss Al Capone (Robert De Niro) zur Strecke zu bringen. Und zwar wollen sie ihn, da seine illegale Organisation sich dem polizeilichen Zugriff wieder und wieder geschickt entzogen hat, für Steuervergehen dingfest machen. Als Capone von den Plänen Wind bekommt, entwickelt sich ein blutiger Schlagabtausch. Mo 10. 6. / Di 11. 6. > 20.15 Uhr Mi 12. 6.

> 18.00 Uhr


Brian De Palma

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Dressed to Kill Brian De Palma, USA 1980; 104' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Michael Caine, Angie Dickinson, Nancy Allen, Keith Gordon, Dennis Franz

Die Achtzigerjahre waren De Palmas bestes, produktivstes, vielseitigstes Jahrzehnt, und er begann es mit einem Paukenschlag. Dressed to Kill ist ein gleichzeitig eleganter, reflexiver und hochgradig spekulativer Thriller, der Begehren und Blick, Sex und Gewalt so eng ineinander verschweisst, wie kaum ein anderer Film zuvor oder seither es gewagt hat. Der Plot variiert diverse HitchcockKlassiker, aber auch – vielleicht sogar vor allem – De Palmas eigenen Durchbruchsfilm Sisters. Wieder wird die vermeintliche Hauptfigur (hier: Angie Dickinson) früh im Film Opfer eines Mordes. Und wieder ist die eigentliche Protagonistin eine zufällige Zeugin: Liz (Nancy Allen), ein Callgirl, das allerdings zunächst selbst verdächtigt wird und sich deshalb auf eigene Faust auf die Suche nach dem oder der Schuldigen macht. Vor allem jedoch: Wieder können weder wir noch Liz den eigenen Augen trauen. Kameratricks wie Splitscreen beziehungsweise Splitdiopter (unterschiedliche Schärfeebenen nebeneinander in einem Bild) und eine messerscharfe Montage ziehen uns immer wieder den Boden unter den Füssen weg. Do 13.6.

> 21.15 Uhr

Fr 14. 6.

> 20.00 Uhr

Sa 15. 6.

> 21.00 Uhr

So 16. 6.

> 19.00 Uhr

The Black Dahlia Brian De Palma, USA 2006; 121' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Josh Hartnett, Scarlett Johansson, Aaron Eckhart, Hilary Swank, Mia Kirshner, Mike Starr

Ausgangspunkt von De Palmas letzter Hollywoodproduktion ist der historische Kriminalfall um eine junge Frau, die unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. De Palmas Film folgt den Polizisten Bucky Bleichert (Josh Hartnett) und Lee Blanchard (Aaron Eckhart), die, wie viele andere von dem bis heute ungelösten Fall der «schwarzen Dahlie» besessen, eine Spur verfolgen, die ins verruchte Nachtleben von Los Angeles führt. Dabei stossen sie auf Madeleine Linscott (Hilary Swank), eine verführerische Brünette, die mit der Toten eine Affäre hatte – ihr aber auch zum Verwechseln ähnlich sieht. Das historische Setting – die Handlung spielt in den späten Vierzigern – sowie die Romanvorlage von James Ellroy mögen zunächst an Filme wie L. A. Confidential (1997) denken lassen; im Kern ist The Black Dahlia jedoch weitaus näher an De Palmas Sex-’n’Crime-Eskapaden der Achtziger. Bis hin zum auf Hitchcock verweisenden Doppelgängermotiv arbeitet De Palma seine Obsessionen mit einer neuen, jüngeren Schauspielergeneration durch und zeichnet gleichzeitig das düstere Bild einer kulturindustriellen Unterwelt, die buchstäblich im Schatten Hollywoods vor sich hin rottet. Sa 15. 6. / So 16. 6. > 16.30 Uhr


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Body Double

Brian De Palma

Dressed to Kill

The Untouchables

Sisters

The Black Dahlia


Brian De Palma

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Sisters Brian De Palma, USA 1973; 92' E (35 mm, Farbe) Mit Margot Kidder, Jennifer Salt, William Finley, Charles Durning

Eine Hommage als Unabhängigkeitserklärung: Sisters ist De Palmas erste Hitchcock-Paraphrase – und gleichzeitig die Geburtsstunde seiner eigenen Bildsprache. Die Journalistin Grace (Jennifer Salt) beobachtet in ihrem Nachbarhaus einen Mord, von dem wir annehmen müssen, dass er von Dominique Blanchion (Margot Kidder) begangen wurde. Als die Polizei eintrifft, findet sie jedoch nur Dominiques Zwillingsschwester Danielle (ebenfalls gespielt von Kidder) vor. Grace beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und fragt sich bald, gemeinsam mit dem Kinopublikum, ob sie ihren eigenen Augen noch trauen kann. Mit seinen experimentellen und zum Teil ausgesprochen politischen ersten Filmen hatte De Palma sich einen Ruf als «amerikanischer Godard» erarbeitet; zu seinem eigenen Stil findet er jedoch erst 1973 mit Sisters. Die Low-Budget-Produktion ist sein erster Thriller und in der Verschränkung von Voyeurismus und Psychopathologie auch seine erste Hitchcock-Hommage beziehungsweise Hitchcock-Überbietung. Denn schon in diesem Frühwerk macht De Palma klar, dass er nicht an einer respektvollen Verbeugung vor dem Meister des Suspense (von dessen Stammkomponisten Bernard Herrmann stammt auch die Musik von Sisters) interessiert ist, sondern dessen Obsessionen in überspitzter, halluzinatorischer Offenheit zu zelebrieren gedenkt. Das betrifft nicht nur den deliranten Plot, sondern vor allem die entfesselte Kamera, die in manchmal minutenlangen Plan- und Splitscreen-Sequenzen physischen wie psychischen Schrecknissen gleichermassen zu Leibe rückt. Mo 17. 6. / Di 18. 6.

> 20.15 Uhr

Mi 19. 6.

> 18.00 Uhr

Mission: Impossible Brian De Palma, USA 1996; 110' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Tom Cruise, Jon Voight, Emmanuelle Béart, Henry Czerny, Jean Reno, Ving Rhames, Kristin Scott Thomas, Vanessa Redgrave

Brian De Palma goes Blockbuster: Die hoch budgetierte Neuauflage der gleichnamigen Fernsehserie aus den Siebzigern ist bis heute sein grösster kommerzieller Erfolg. Im Mittelpunkt sowohl der Serie als auch der Filme steht die wunderbar abstrus betitelte «Impossible Mission Force», eine gewissermassen noch geheimere amerikanische Geheimdienstagentur. In der Kinoversion heisst deren Top-Agent Ethan Hunt und wird von Tom Cruise verkörpert, für den diese Figur inzwischen zur Paraderolle geworden ist. In dem ersten Teil der Filmserie muss Hunt eine verloren gegangene Liste von Informanten wiederbeschaffen und bekommt es, im Zuge einer atemlosen Jagd quer durch Europa, unter anderem mit einem abtrünnig gewordenen ehemaligen Kollegen zu tun. Die Ethan-Hunt-Filme waren von Anfang an als Konkurrenzprodukt zur nicht tot zu bekommenden Bond-Reihe angelegt; und in der Tat lässt insbesondere De Palmas Bei-


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trag – bis heute der beste – den ewigen MI5 -Macho alt aussehen. Mission: Impossible ist pfeilschnelles Hightech-Actionkino, das letztlich nach demselben Prinzip funktioniert wie die Erotikthriller des Regisseurs aus den Achtzigern: Traue niemandem und erst recht nicht deinen eigenen Augen. Do 20. 6. / Fr 21. 6. > 18.00 Uhr Sa 22. 6. / So 23. 6. > 18.30 Uhr

Passion Brian De Palma, Frankreich/Deutschland 2012; 102' E/d (Digital HD, Farbe) Mit Rachel McAdams, Noomi Rapace, Karoline Herfurth, Paul Anderson, Dominic Raacke, Rainer Bock

De Palmas Remake von Crime d’amour (2010) beginnt als Soap mit lesbischen Untertönen und verwandelt sich in einen Film, der in die inneren Abgründe des modernen Kapitalismus blickt. Bereits für Femme Fatale hatte De Palma sich europäischen Investoren zugewandt, inzwischen finanziert er alle seine Filme in Europa. Das hat unter anderem die zunächst durchaus etwas irritierende Folge, dass in Passion plötzlich das Tatort-Urgestein Dominic Raacke auftaucht. Auch sonst wiegt uns De Palma zu Beginn in trügerischer Sicherheit. Der Film beginnt als «corporate soap» mit lesbischer Schlagseite: Christine Stanford (Rachel McAdams) ist die Leiterin der Berliner Niederlassung einer amerikanischen Agentur, Isabelle James (Noomi Rapace) eine ehrgeizige Mitarbeiterin, die zur Chefin ein erotisch unterfüttertes Konkurrenzverhältnis pflegt und eine Affäre mit deren Freund Dirk (Paul Anderson) hat. Die Lage eskaliert, nachdem Christine Isabelle als Rache öffentlich demütigt. Passion ist ein Remake von Alain Corneaus letztem Film Crime d’amour. De Palma fügt dieser Vorlage eine Reihe von Twists hinzu und transformiert die anfänglich trügerisch friedliche Atmosphäre Schritt für Schritt in eine exzessiv stilisierte Albtraumwelt. Ein Film über die inneren Abgründe kapitalistischer Oberflächen. Sa 22. 6. / So 23. 6. > 16.30 Uhr

Snake Eyes Brian De Palma, USA 1998; 98' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Nicolas Cage, Gary Sinise, John Heard, Carla Gugino, Stan Shaw, Kevin Dunn

Nicolas Cage und Brian De Palma: Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis zwei der herausragenden Exzentriker des gegenwärtigen Hollywoodkinos zusammenfanden. Ihre bis heute leider einzige Kollaboration ist ein atemloser Politthriller, der zu weiten Teilen in einem abstrus wuseligen Hotelcasino in Atlantic City spielt. Der wie stets gross-


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artig agitierende Cage spielt den Polizisten Rick Santoro, der am Rand eines Boxkampfs Zeuge eines Attentats auf einen Politiker wird. Während um ihn herum Chaos ausbricht, heftet er sich an die Fersen einer mysteriösen Blondine, die in den Fall verwickelt zu sein scheint – und ausserdem gar keine Blondine ist. Nach seinem Welterfolg Mission: Impossible hatte der Regisseur auch für sein Nachfolgeprojekt ein grosses Budget zur Verfügung. In kommerzieller Hinsicht war der Film ein Fehlschlag – und vielleicht bereits der erste Hinweis darauf, dass sich De Palmas Zeit im Zentrum der Industrie ihrem Ende zuneigte. Künstlerisch ist der ungemein agil inszenierte Snake Eyes jedoch ein grosser Wurf: Beginnend mit einer weiteren furiosen Eingangssequenz, zeigt der Film, wie viel Spass es im Idealfall bereiten kann, wenn ausnahmsweise einmal ein inspirierter Regisseur mit der Aufgabe betraut wird, das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinauszuwerfen. Mo 24. 6. – Mi 26. 6.

> 20.15 Uhr

Mission to Mars Brian De Palma, USA 2000; 114' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Gary Sinise, Tim Robbins, Don Cheadle, Connie Nielsen, Jerry O’Connell, Peter Outerbridge

Einst als Westentaschenversion von Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey (1968) verschmäht, gilt es, De Palmas einzigen echten Science-Fiction-Film heute wiederzuentdecken: als Dokument einer anderen, optimistischeren Zeit. Das Jahr 2020 (von 2000 aus gesehen): Die erste bemannte Mars-Mission ist zwar zunächst glücklich auf dem Roten Planeten gelandet; aber kurz nach der Landung stirbt ein Grossteil der Crew im Zuge der Untersuchung einer mysteriösen Kristallformation. Um den einzigen Überlebenden Luke (Don Cheadle) zu retten, macht sich ein zweites Team auf in Richtung Mars. Dort angekommen, machen sie eine bahnbrechende Entdeckung. Die Geschichte wiederholt sich: Zehn Jahre nach The Bonfire of the Vanities ist auch Mission to Mars wieder ein hoch budgetiertes Prestigeprojekt – das teuerste, das De Palma je anvertraut wurde. Und wieder bleibt der Erfolg sowohl bei der Kritik als auch an den Kinokassen aus. Tatsächlich hat sich De Palmas Karriere von diesem Tiefschlag bis heute nicht erholt. Dabei ist der Film durchaus sehenswert, insbesondere von heute aus betrachtet, wo Science-Fiction nur noch entweder als Dystopie oder als knallbuntes Spektakelkino denkbar zu sein scheint. De Palmas Film hingegen ist eine neugierige und letztlich optimistische Spekulation darüber, was passieren könnte, wenn die Menschheit eines Tages die Beschränkungen des Irdischen hinter sich lässt. Mo 1. 7. – Mi 3. 7.

> 20.00 Uhr


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Mission: Impossible

Brian De Palma

Passion

Mission to Mars

Carlito’s Way

Snake Eyes


Brian De Palma

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Carlito’s Way Brian De Palma, USA 1993; 144' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Ingrid Rogers

Zehn Jahre nach Scarface kommt es zu einer weiteren Kollaboration von De Palma und Al Pacino. Letzterer ist ein weiteres Mal in seiner Paraderolle zu sehen: als Unterweltkönig. Wobei dieser Carlito Brigante sich eigentlich vorgenommen hat, nach einem Knastaufenthalt ein ereignisarmes, legales Leben zu führen, als Nachtklubbesitzer. Aber ausgerechnet sein fast den ganzen Film über bis in die Haarspitzen mit Kokain vollgepumpter Anwalt Dave Kleinfeld (Sean Penn) kann seine Finger nicht von krummen Geschäften lassen. Alles andere als ein fader Aufguss, ist Carlito’s Way nicht nur De Palmas bester Gangsterfilm, sondern eine seiner stärksten Arbeiten überhaupt: ein energiegeladener, perfekt besetzter Grossstadtthriller, der von Anfang an von einem Hauch Melancholie durchweht wird und von der Konfrontation seiner zwei Hauptfiguren lebt, die beide auf ihre Art fehl am Platz sind – lebende Tote, die den Kontakt zu der Welt, durch die sie sich bewegen, faktisch längst verloren haben. Do 4. 7. / Fr 5. 7.

> 20.00 Uhr

Sa 6. 7.

> 20.30 Uhr

So 7. 7.

> 18.30 Uhr

Casualties of War Brian De Palma, USA 1989; 113' E/df (35 mm, Farbe, Scope) Mit Michael J. Fox, Sean Penn, Don Harvey, John C. Reilly, John Leguizamo, Thuy Thu Le

Wie für viele andere Filmemacher seiner Zeit ist auch für De Palma der Vietnamkrieg ein Schlüsselerlebnis. Nirgendwo wird das deutlicher als in Casualties of War. Der sogenannte Vorfall auf Hügel 192 war eine der berüchtigtsten Episoden des Vietnamkriegs: Eine Vietnamesin wird von vier amerikanischen Soldaten entführt, vergewaltigt und ermordet. Ein fünfter, der die Tat vergeblich zu verhindern versucht hat, soll hinterher von der militärischen Führung mundtot gemacht werden. Casualties of War ist bereits die zweite filmische Bearbeitung des «Vorfalls», nach Michael Verhoevens O. K. aus dem Jahr 1970. Auch De Palma hatte bereits Ende der Siebziger Interesse an dem Stoff angemeldet, finanzieren konnte er seine eigene Version erst knapp zwei Jahrzehnte später. In gewisser Weise kehrt De Palma mit diesem Herzensprojekt – das gleichzeitig einer seiner umstrittensten Filme ist – zu Stil und Themen seines Frühwerks zurück: Bereits Hi, Mom! (1970 ) und Greetings (1968 ), zwei frühe, explizit politisch ambitionierte Kollaborationen mit Robert De Niro, waren Bearbeitungen des amerikanischen Vietnamtraumas. Mo 8. 7. / Di 9. 7.

> 18.00 Uhr

Mi 10. 7.

> 20.00 Uhr


18

Casualties of War

Phantom of the Paradise

Brian De Palma


Brian De Palma

19

Phantom of the Paradise Brian De Palma, USA 1975; 91' E/sp (35 mm, Farbe) Mit William Finley, Paul Williams, Jessica Harper, Gerrit Graham, George Memmoli

Faust, Caligari, das Phantom der Oper und viel schräge Rockmusik: In Phantom of the Paradise ist De Palma ausser Rand und Band. Verfilmte Rockopern hatten Mitte der Siebzigerjahre eine kurze, aber heftige Blütephase. Obwohl er bereits ein Jahr vor Tommy und The Rocky Horror Picture Show (beide 1975 ), den heute bekanntesten Vertretern des Genres, in die Kinos kam, ist Phantom of the Paradise, Brian De Palmas Beitrag zur Welle des psychedelisch-elektronischen Musikfilms, heute weitgehend vergessen. Zu Unrecht: Denn, wie nicht anders zu erwarten, geht De Palma wieder einmal ein, zwei Schritte weiter als die Konkurrenz. Sein Film schwelgt nicht nur in glamouröser Kostümierung und einem wild durcheinandergewirbelten musikalischen Potpourri irgendwo zwischen Surf-Pop und Glamrock, sondern greift in seiner bizarren Geschichte um den Musiker Winslow Leach (William Finley) auch auf zahlreiche filmhistorische und literarische Vorbilder von «Faust» über Das Cabinet des Dr. Caligari (1920 ) bis, natürlich, The Phantom of the Opera (1925 ) zurück. Gleichzeitig kann man den Film als De Palmas ultimativen Kommentar zur Entertainment-Industrie verstehen: Wer einen Vertrag mit einer Plattenfirma (ergänze: oder einem Filmstudio) unterschreibt, schliesst immer einen Pakt mit dem Teufel ab. Eine höllisch gute Zeit kann man dabei aber trotzdem haben. Mo 8. 7. / Di 9. 7.

> 20.15 Uhr

Mi 10. 7.

> 18.00 Uhr


LEC E N A H C S A L E G AN

20

Mein langsames Leben Angela Schanelec, Deutschland 2001; 85' D (35 mm, Farbe) Mit Ursina Lardi, Andreas Patton, Anne Tismer, Wolfgang Michael, Sophie Aigner, Nina Weniger

Ein Sommer in Berlin, vom Rand her erzählt. In Mein langsames Leben findet Schanelecs Kino zu einer bezaubernd organischen Form. «Im Sommer ist es schön hier», sagt Sophie (Nina Weniger). Doch ausgerechnet den Sommer wird sie nicht in Berlin verbringen, sondern in Rom. Der Film bleibt – meistens – in Berlin, bei Sophies Gesprächspartnerin Valerie (Ursina Lardi), einer jungen Frau mit kurzem braunem Haar. Aber ob der Berliner Sommer tatsächlich schön ist, das weiss man am Ende von Mein langsames Leben genauso wenig wie am Anfang. Mein langsames Leben ist nicht nur Schanelecs vielleicht rundeste, kompletteste Arbeit, sondern schlichtweg einer der besten deutschen Filme des neuen Jahrtausends. Ein Werk von beeindruckender formaler Geschlossenheit, das einem dennoch nie den Blick oder irgendetwas Anderes vorschreibt. Es geht um nichts mehr und nichts weniger als ein paar Lebenslinien im sommerlichen Berlin. Valerie mag das Zentrum dieses Films sein, doch eigentlich ist sie eine Figur vom Rand. Sie hat, anders als ihr neuer Freund Thomas, kein Kind, sie ist nicht verheiratet wie dessen Schwester Marie, und sie hat als freie Schriftstellerin keine solide berufliche Laufbahn vor sich wie ihr Bruder Ben, der Boote baut. In einer Gruppe ist sie meist die, die von aussen kommt und nie ganz dazugehört. Bei sich ist sie nur in der Einsamkeit, in Schanelecs langen, starren Einstellungen, an ihrem Schreibtisch vor dem Fenster in ihrer Wohnung. Do 30. 5. / Fr 31. 5. > 18.00 Uhr Sa 1. 6.

> 19.00 Uhr

So 2. 6.

> 21.15 Uhr

Orly Angela Schanelec, Deutschland/Frankreich 2010; 84' D•F/d (35 mm, Farbe, Scope) Mit Josse De Pauw, Maren Eggert, Natacha Régnier, Bruno Todeschini, Jirka Zett

Dreieinhalb Episoden im Transitraum. Schanelecs Flughafenfilm brilliert mit Teleobjektivaufnahmen, die die Grenze zwischen Film und Leben verwischen. Plätze in Städten, Marseille – schon die Titel zeigen, dass Angela Schanelecs Filme oft von ihren Schauplätzen her gedacht sind. Besonders deutlich wird das in Orly, der fast durchweg am gleichnamigen Pariser Flughafen spielt. Dreieinhalb kleine Erzählungen, oder eigentlich keine Erzählungen, sondern blosse Situationen, zweieinhalb davon in französischer Sprache: eine Zufallsbegegnung im Wartesaal, in deren Verlauf ein Mann und ein Frau sich einen nicht geringen Teil ihrer Lebensgeschichte erzählen; eine Mutter und ihr Sohn bereiten sich auf die gemeinsame Reise vor und stellen dabei fest, wie wenig sie einander zu sagen haben; ausserdem ein Abschied und ein Abschiedsbrief.


JUNI/JULI 2019 DO 30. 5.

DO 6. 6.

18.00 A Mein langsames Leben

S. 20

20.00 B Blow Out

S. 5

A. Schanelec, D 2001; 85' D

B. De Palma, USA 1981; 108' E

18.30 Z Wie klingt mein Drehbuch? – Eine öffentliche Leseprobe

20.30 B Body Double

FR 31. 5. S. 20

20.00 B Blow Out

S. 5

22.15 B The Fury

S. 5

FR 7. 6.

A. Schanelec, D 2001; 85' D

B. De Palma, USA 1981; 108' E

18.00 B Femme Fatale

S. 9

20.15 B Body Double

S. 10

22.30 P Mandy

S. 34

B. De Palma, F/CH 2002; 114' E/df

B. De Palma, USA 1978; 118' E

B. De Palma, USA 1984; 114' E/df

SA 1. 6.

P. Cosmatos, USA/CDN 2018; 121' E/d

16.30 B The Bonfire of the Vanities

S. 7

19.00 A Mein langsames Leben

S. 20

SA 8. 6.

B. De Palma, USA 1990; 125' E/df A. Schanelec, D 2001; 85' D

16.30 A Daily Chicken

S. 25

18.30 B Femme Fatale

S. 9

20.45 B Body Double

S. 10

23.00 P Mandy

S. 34

20.45 B Blow Out

S. 5

23.00 B The Fury

S. 5

B. De Palma, USA 1981; 108' E

B. De Palma, USA 1984; 114' E/df

SO 2. 6.

P. Cosmatos, USA/CDN 2018; 121' E/d

12.00  Disappearances

S. 37

14.15  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

S. 38

16.30 B The Bonfire of the Vanities

S. 7

SO 9. 6.

A. Even, F/IL 2018; 78' OV/e

S. 5

B. De Palma, USA 1981; 108' E

S. 20

MO 3. 6. A. Schanelec, D/F 2010; 84' D•F/d

16.30 L Short Cuts

S. 35

20.30 B Body Double

S. 10

R. Altman, USA 1993; 188' E/df

18.00 A Plätze in Städten

S. 25

20.15 B The Untouchables

S. 10

A. Schanelec, D 1998; 117' D

B. De Palma, USA 1983; 170' E/df

B. De Palma, USA 1987; 119' E/df

DI 4. 6.

DI 11. 6.

18.00 A Orly S. 20 A. Schanelec, D/F 2010; 84' D•F/d

18.00 A Plätze in Städten

S. 25

20.15 B The Untouchables

S. 10

A. Schanelec, D 1998; 117' D

20.00 B Scarface S. 7

B. De Palma, USA 1983; 170' E/df

B. De Palma, USA 1987; 119' E/df

MI 5. 6.

MI 12. 6. S. 38

18.00 A Orly S. 20 A. Schanelec, D/F 2010; 84' D•F/d

20.00 B Scarface S. 7

B. De Palma, USA 1983; 170' E/df

S. 38

MO 10. 6.

20.00 B Scarface S. 7

14.15  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

B. De Palma, USA 1984; 114' E/df

18.00 A Orly S. 20

14.30  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

S. 37

A. Schanelec, D 2001; 85' D

12.00  Disappearances

A. Even, F/IL 2018; 78' OV/e

B. De Palma, USA 1990; 125' E/df

L. Grote, D 1997; 89' D

B. De Palma, F/CH 2002; 114' E/df

B. De Palma, USA 1978; 118' E

21.15 A Mein langsames Leben

S. 10

B. De Palma, USA 1984; 114' E/df

18.00 A Mein langsames Leben

19.00 B Blow Out

S. 36

> Mit Ruth Schwegler, Regula Imboden, Markus Mathis, Rahel Grunder, Jan Poldervaart

14.30  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

S. 38

18.00 B The Untouchables

S. 10

20.15 A Plätze in Städten

S. 25

B. De Palma, USA 1987; 119' E/df

A. Schanelec, D 1998; 117' D


DO 13. 6. 18.00 S His Girl Friday

DO 20. 6. S. 31

18.00 B Mission: Impossible

S. 13

20.15 P First Reformed

S. 32

H. Hawks, USA 1940; 92' E > Mit Elisabeth Bronfen, Johannes Binotto, Lukas Foerster

B. De Palma, USA 1996; 110' E/df

21.15 B Dressed to Kill

P. Schrader, USA 2017; 113' E/d

S. 11

B. De Palma, USA 1980; 104' E/df

FR 21. 6.

FR 14. 6.

18.00 B Mission: Impossible

S. 13

20.15 P First Reformed

S. 32

22.30 P Mandy

S. 34

18.00 A Marseille

S. 26

B. De Palma, USA 1996; 110' E/df

20.00 B Dressed to Kill

S. 11

P. Schrader, USA 2017; 113' E/d

22.00 P Mandy

S. 34

P. Cosmatos, USA/CDN 2018; 121' E/d

A. Schanelec, D/F 2004; 95' D•F/d B. De Palma, USA 1980; 104' E/df

P. Cosmatos, USA/CDN 2018; 121' E/d

SA 22. 6.

SA 15. 6.

16.30 B Passion

S. 14

18.30 B Mission: Impossible

S. 13

20.45 P First Reformed

S. 32

23.00 P Mandy

S. 34

B. De Palma, F/D 2012; 102' E/d

16.30 B The Black Dahlia

S. 11

19.00 A Marseille

S. 26

B. De Palma, USA 1996; 110' E/df

21.00 B Dressed to Kill

S. 11

P. Schrader, USA 2017; 113' E/d

23.00 P Mandy

S. 34

P. Cosmatos, USA/CDN 2018; 121' E/d

B. De Palma, USA 2006; 121' E/df

A. Schanelec, D/F 2004; 95' D•F/d B. De Palma, USA 1980; 104' E/df

P. Cosmatos, USA/CDN 2018; 121' E/d

SO 23. 6.

SO 16. 6. 12.00  Disappearances

S. 37

14.15  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

S. 38

16.30 B The Black Dahlia

S. 11

19.00 B Dressed to Kill

S. 11

21.00 A Marseille

S. 26

A. Even, F/IL 2018; 78' OV/e > Mit Anat Even

B. De Palma, USA 2006; 121' E/df

B. De Palma, USA 1980; 104' E/df

A. Schanelec, D/F 2004; 95' D•F/d

MO 17. 6.

S. 37

14.15  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

S. 38

16.30 B Passion

S. 14

18.30 B Mission: Impossible

S. 13

20.45 P First Reformed

S. 32

A. Even, F/IL 2018; 78' OV/e

B. De Palma, F/D 2012; 102' E/d

B. De Palma, USA 1996; 110' E/df P. Schrader, USA 2017; 113' E/d

MO 24. 6. 18.00 P First Reformed

S. 32

20.15 B Snake Eyes

S. 14

P. Schrader, USA 2017; 113' E/d

18.00 A Nachmittag

S. 27

20.15 B Sisters

S. 13

A. Schanelec, D 2007; 97’ D

B. De Palma, USA 1973; 92' E

DI 18. 6.

B. De Palma, USA 1998; 98' E/df

DI 25. 6. 18.00 P First Reformed

S. 32

20.15 B Snake Eyes

S. 14

P. Schrader, USA 2017; 113' E/d

18.00 A Nachmittag

S. 27

20.15 B Sisters

S. 13

A. Schanelec, D 2007; 97’ D

B. De Palma, USA 1973; 92' E

MI 19. 6. 14.30  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

S. 38

18.00 B Sisters

S. 13

20.00 A Nachmittag

S. 27

B. De Palma, USA 1973; 92' E A. Schanelec, D 2007; 97’ D

12.00  Disappearances

B. De Palma, USA 1998; 98' E/df

MI 26. 6. 14.30  Flipper A. Shapiro, USA 1996; 95' D

S. 38

18.00 P First Reformed

S. 32

20.15 B Snake Eyes

S. 14

P. Schrader, USA 2017; 113' E/d

B. De Palma, USA 1998; 98' E/df


DO 4. 7.

DO 27. 6. 18.00 A Der traumhafte Weg

S. 27

18.00 A Das Glück meiner Schwester

S. 29

20.00 P The Night Is Short, Walk on Girl

S. 33

20.00 B Carlito’s Way

S. 17

A. Schanelec, D 1995; 84' D

A. Schanelec, D 2016; 86' D•E/d

B. De Palma, USA 1993; 144' E/df

M. Yuasa, J 2017; 92' OV/d

FR 5. 7.

FR 28. 6. 18.00 A Der traumhafte Weg

S. 27

20.00 P The Night Is Short, Walk on Girl

S. 33

S. 29

20.00 B Carlito’s Way

S. 17

A. Schanelec, D 1995; 84' D

A. Schanelec, D 2016; 86' D•E/d

B. De Palma, USA 1993; 144' E/df

M. Yuasa, J 2017; 92' OV/d

SA 6. 7.

SA 29. 6. 18.30 A Der traumhafte Weg

S. 27

20.30 P The Night Is Short, Walk on Girl

S. 33

18.30 A Das Glück meiner Schwester

S. 29

20.30 B Carlito’s Way

S. 17

A. Schanelec, D 1995; 84' D

A. Schanelec, D 2016; 86' D•E/d

B. De Palma, USA 1993; 144' E/df

M. Yuasa, J 2017; 92' OV/d

SO 7. 7.

SO 30. 6. 18.30 A Der traumhafte Weg

S. 27

20.30 P The Night Is Short, Walk on Girl

S. 33

18.30 B Carlito’s Way

S. 17

21.15 A Das Glück meiner Schwester

S. 29

B. De Palma, USA 1993; 144' E/df

A. Schanelec, D 2016; 86' D•E/d

A. Schanelec, D 1995; 84' D

M. Yuasa, J 2017; 92' OV/d

MO 8. 7.

MO 1. 7. 18.00 P The Night Is Short, Walk on Girl

S. 33

20.00 B Mission to Mars

S. 15

18.00 B Casualties of War

S. 17

20.15 B Phantom of the Paradise

S. 19

B. De Palma, USA 1989; 113' E/df

M. Yuasa, J 2017; 92' OV/d

B. De Palma, USA 1975; 91' E/sp

B. De Palma, USA 2000; 114' E/df

DI 9. 7.

DI 2. 7. 18.00 P The Night Is Short, Walk on Girl

S. 33

20.00 B Mission to Mars

S. 15

18.00 B Casualties of War

S. 17

20.15 B Phantom of the Paradise

S. 19

B. De Palma, USA 1989; 113' E/df

M. Yuasa, J 2017; 92' OV/d

B. De Palma, USA 1975; 91' E/sp

B. De Palma, USA 2000; 114' E/df

MI 10. 7.

MI 3. 7. 18.00 P The Night Is Short, Walk on Girl

S. 33

20.00 B Mission to Mars

S. 15

18.00 B Phantom of the Paradise

S. 19

20.00 B Casualties of War

S. 17

B. De Palma, USA 1975; 91' E/sp

M. Yuasa, J 2017; 92' OV/d

B. De Palma, USA 2000; 114' E/df

B BRIAN DE PALMA A ANGELA SCHANELEC S STANLEY CAVELL P PREMIEREN

18.00 A Das Glück meiner Schwester

L RICHTIG LANG Z ZÜRCHER FILMTALK  DOKFILM AM SONNTAG  KINDERKINO

B. De Palma, USA 1989; 113' E/df

VERANSTALTUNG MIT GÄSTEN


24

Mein langsames Leben

Angela Schanelec

Orly

Daily Chicken

Marseille

Plätze in Städten


Angela Schanelec

25

Dazwischen sieht man manchmal Jirka Zett, den Hauptdarsteller aus dem Vorgänger Nachmittag, auf einer Wartebank sitzen. Der Film ist zu weiten Teilen mit Teleobjektiv aufgenommen, wodurch es möglich war, die Szenen weit entfernt von der Kamera mitten zwischen den Passanten zu drehen. Das fügt Schanelecs Bildern eine wundervolle Möglichkeitsdimension hinzu: Es ist nie ganz klar, wer zum Cast des Films gehört und wer nur zufällig mit in der Einstellung gelandet ist. Mo 3. 6. – Mi 5. 6.

> 18.00 Uhr

Daily Chicken Lilly Grote, Deutschland 1997; 89' D (16 mm, Farbe) Mit Ida von Recklinghausen, Luise von Recklinghausen, Angela Schanelec, Peter Wohlfeil, Anian Zollner

Ausserhalb ihrer eigenen Regiearbeiten ist Angela Schanelec nur in wenigen Filmen vor der Kamera zu sehen. Wir zeigen einen davon: Daily Chicken von Lilly Grote. Es geht um eine Hähnchenfabrik im Moor. Angela Schanelec ist übers Schauspiel zum Kino gekommen. Auch wenn ihre Arbeit als Darstellerin sich hauptsächlich aufs Theater beschränkte (in den Achtzigerjahren trat sie unter anderem in Köln, Hamburg und Berlin auf), ist sie auch in einigen Filmen zu sehen – und nicht nur in ihren eigenen. Unter anderem hat sie eine kleine Rolle in Daily Chicken, einem von nur zwei langen Spielfilmen von Lilly Grote, einer Regisseurin, die in den Achtzigern an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studierte und Teil einer Gruppe von Filmemacherinnen und Filmemachern war, die alternative Formen des künstlerischen Filmschaffens erprobten und deshalb auch als Wegbereiter beziehungsweise Wegbereiterinnen für Schanelec und ihre Mitstreiter wie Thomas Arslan und Christian Petzold gelten können. Der selten gezeigte, nie digital veröffentlichte Daily Chicken hat eine vielversprechende Tagline: «Die Hähnchenfabrik, das Moor, der Sumpf unter den Teppichen und die sechzehnjährigen Zwillinge Marie und Maja, die eigentlich ganz andere Träume haben». Sa 8. 6.

> 16.30 Uhr

Plätze in Städten Angela Schanelec, Deutschland 1998; 117' D (35 mm, Farbe) Mit Sophie Aigner, Vincent Branchet, Katharina Eckerfeld, Martin Jackowski, Friederike Kammer

Eine Serie von Momentaufnahmen aus dem Leben einer Schülerin. Angela Schanelecs zweiter Langfilm ist ihr minimalistischster – und einer ihrer reichhaltigsten. Der Titel kann beschrieben werden als eine Umkehrung. Fokussiert wird das, was für gewöhnlich in Spielfilmen bloss der Hintergrund ist: Plätze (in Städten), also der Raum, der erst einmal nur da ist und eigentlich gar keiner Filmkamera bedarf. Auf beziehungs-


26

Angela Schanelec

weise in diesen Plätzen wird dann eine Figur platziert: die Schülerin Mimmi (Sophie Aigner). Wir sehen sie an Strassenrändern, in Klassenzimmern, in Schwimmbädern. Zunächst in Berlin, später in Paris, dann wieder in Berlin, schliesslich noch einmal in Paris. Im Verlauf des Films sehen wir sie mit ihren Eltern, mit Freundinnen und Liebhabern, sie wird sogar schwanger; aber ob wir deshalb auch nur irgendetwas über ihr Leben gelernt haben? Noch vehementer als Schanelecs restliche Filme verweigert sich Plätze in Städten dem Diktat des Erzählerischen: Konsequent verzichtet der Film darauf, zwischen seinen miniaturartigen Einstellungen Ursache-Wirkung-Zusammenhänge zu etablieren. Umso deutlicher wird, was ihre Filme stattdessen ermöglichen: einen neuen Blick auf die Welt und auf unser Verhältnis zu ihr. Mo 10. 6. / Di 11. 6. > 18.00 Uhr Mi 12. 6.

> 20.15 Uhr

Marseille Angela Schanelec, Deutschland/Frankreich 2004; 95' D•F/d (35 mm, Farbe) Mit Maren Eggert, Emily Atef, Alexis Loret, Eva Lageder, Elisabeth Beyer

75 Einstellungen in einem fremden Leben. Marseille ist ein Film, der sich von Bildern und Klängen überwältigen lässt. Mit Marseille, der 2004 in Cannes Premiere feierte, machte Schanelec erstmals international breiter auf sich aufmerksam. Der Film folgt – in nur 75 Einstellungen – der Fotografin Sophie, die von Berlin in die südfranzösische Metropole gereist ist, um die ihr fremde Stadt zu fotografieren; und auch, um einem Leben zu entkommen, in dem sie sich nicht wohlfühlt. Der Film versucht nicht, dieses Unwohlsein wieder in einer Geschichte zu bannen, sondern lässt es durch die weitgehend statischen, diskontinuierlichen Bilder schimmern. Der von Alltagsgeräuschen aller Art durchsetzte Film macht besonders deutlich, wie wichtig für Schanelecs Kino nicht nur die Kameraarbeit Reinhold Vorschneiders, sondern auch das Sound-Design (hier: Dirk Jacob) ist. «All meine Filme beruhen auf dem Gedanken, dass ein Grossteil des Lebens undurchschaubar, voller Missverständnisse und dem Zufall überlassen ist. Die Figuren leben im Widerspruch zwischen diesem Ausgeliefertsein und dem mehr oder weniger ständigen Versuch, sich dagegen aufzulehnen. Auch in Marseille geht es um diesen letztendlich unlösbaren Konflikt.» (Angela Schanelec) Fr 14. 6.

> 18.00 Uhr

Sa 15. 6.

> 19.00 Uhr

So 16. 6.

> 21.00 Uhr


Angela Schanelec

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Nachmittag Angela Schanelec, Deutschland 2007; 97’ D (35 mm, Farbe) Mit Jirka Zett, Miriam Horwitz, Angela Schanelec, Fritz Schediwy, Mark Waschke, Agnes Schanelec

In einer Berliner Villa hinterlässt eine zu Ende gegangene Liebesbeziehung ihre Spuren. Angela Schanelec verfilmt Anton Tschechow. Genauer gesagt ist Nachmittag angelehnt an Tschechows Novelle «Die Möwe». Übernommen hat die Regisseurin jedoch nur die Grundkonstellation der Vorlage, insbesondere das zentrale Beziehungsdreieck: die Mutter (Schanelec selbst), ihr Sohn Konstantin (Jirka Zett) und dessen ehemalige Freundin Agnes (Miriam Horwitz). Nachmittag verlegt die Handlung in die Gegenwart, in das Berliner Villenviertel Dahlem, in die bourgeoise Westberliner Künstlerszene. Nur langsam macht sich der Film daran, sein Beziehungsgeflecht zu entwerfen. Es ist Sommer, es ist heiss, und die immer nur halb ausgesprochenen Konflikte etablieren eine gleichzeitig matte und angespannte Atmosphäre. Agnes und Konstantin sind auf der Suche nach ihren jeweiligen Plätzen im Leben. Agnes kommt bei ihrer Suche deutlich besser voran als ihr Exfreund. Dessen Mutter versucht derweil, wieder eine Beziehung mit ihrem Sohn aufzubauen. Worte antworten auf Blicke, Blicke antworten auf Worte, und irgendwann fliesst Blut. Nachmittag ist stärker als andere Filme Schanelecs von der Erzählung her gedacht, aber deshalb nicht weniger radikal. Es geht um Kommunikation, aber Kommunikation mündet nicht zwangsläufig in perfekte Verständigung oder in eine reibungslose Informationsweitergabe. Oft genug sagt ein gescheiterter Kommunikationsversuch weitaus mehr über einen Menschen aus als ein gelungener. Nicht zuletzt zeigt sich in Nachmittag ein weiteres Mal Schanelecs oft übersehene komische Seite: «Was ist mit Alex? Er sieht nicht gut aus.» «Findest du? Er ist eben auf das Wesentliche reduziert.» Mo 17. 6. / Di 18. 6.

> 18.00 Uhr

Mi 19. 6.

> 20.00 Uhr

Der traumhafte Weg Angela Schanelec, Deutschland 2016; 86' D•E/d (DCP, Farbe) Mit Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Maren Eggert, Phil Hayes

Zwei Beziehungen gehen in die Brüche, eine im Griechenland der Achtziger, eine im Berlin der Gegenwart. Zunächst folgen wir Theres und Kenneth, einem jungen Rumtreiberpaar, sie politisch aktiv, er heroinsüchtig – Figuren wie sie tauchen sonst nicht allzu oft auf in Schanelecs Filmen. Nach einem Zeitsprung sind beide weg und zwei andere da: Ariane (Maren Eggert) und David (Phil Hayes), ein recht wohlhabendes Mittelklassepaar, das gerade dabei ist, sich zu trennen. Die beiden Geschichten stehen, das wird mit der Zeit klar, durchaus in einem Verhältnis zueinander. Es gibt in und zwischen den Bildern eine rätselhafte, mysteriöse Dimension, die neu ist im Kino der Regisseurin. Aber zuallererst ist Der traumhafte Weg ein ungemein taktiler Film. Wie sich Körper zueinander und auch zu sich selbst verhalten, ist


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Nachmittag

Der traumhafte Weg

Das GlĂźck meiner Schwester

Angela Schanelec


Angela Schanelec

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allemal wichtiger als der ganze Beziehungskram. Insbesondere geht es immer wieder um geschundene Körper – das beginnt bei verletzten Armen oder lädierten Knien und endet am Sterbebett –, und es geht um Mittel und Wege der Linderung von Schmerz. Mal legt sich eine Hand tröstend auf die andere, mal muss zur ultimativen Schmerzlinderung Morphium beschafft werden; und einmal leckt ein Mädchen einem Jungen über dessen vernarbte Wunde. Do 27. 6. / Fr 28. 6. > 18.00 Uhr Sa 29. 6. / So 30. 6. > 18.30 Uhr

Das Glück meiner Schwester Angela Schanelec, Deutschland 1995; 84' D (35 mm, Farbe) Mit Anna Bolk, Angela Schanelec, Wolfgang Michael

In ihrem ersten Langfilm, der gleichzeitig ihre Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin war, übernimmt Schanelec eine der drei Hauptrollen selbst. Der Fotograf Christian (Wolfgang Michael) lebt mit Ariane (Anna Bolk) zusammen, ist aber auch in deren Schwester Isabel (Schanelec) verliebt. Als Ariane dies bemerkt, deutet sich ein Konflikt an, der weitgehend im Unausgesprochenen bleibt. Schanelecs zu weiten Teilen in den Strassen Berlins gefilmtes Debüt war im von plumpen Komödien und den letzten, verknöcherten Ausläufern des Autorenfilms der Fassbinder-Generation dominierten deutschen Kino seiner Zeit ein faszinierender Fremdkörper: eine Alltagserzählung aus dem Grossstadtleben, die weder auf Pointen noch auf soziale Relevanz zielt, sondern sich darauf beschränkt, drei Menschen ins Bild zu setzen, die an ihren Gefühlen verzweifeln. Dass Das Glück meiner Schwester dabei keineswegs einförmig düster geraten ist, liegt auch an der grossartigen Besetzung. Anna Bolk, deren Spiel einen eigenwilligen Humor in den Film einbringt, hatte später nur noch wenige, kleine Fernsehrollen – definitiv ein Verlust fürs deutsche Kino. Do 4. 7. / Fr 5. 7.

> 18.00 Uhr

Sa 6. 7.

> 18.30 Uhr

So 7. 7.

> 21.15 Uhr


CAVELL Y E L N A T S R Ü F D N E B EIN A

30 Brian De Palma

Vor einem Jahr, am 19. Juni 2018, ist der amerikanische Philosoph Stanley Cavell im Alter von 91 Jahren verstorben. In seinem Werk setzt er sich insbesondere mit der Tradition des Skeptizismus auseinander, er verfasste jedoch auch eine Reihe von Büchern zum Kino, die sich in der Filmwissenschaft als ungemein einflussreich erwiesen haben. «The World Viewed: Reflections on the Ontology of Film», «Pursuits of Happiness: The Hollywood Comedy of Remarriage» und «Contesting Tears: The Hollywood Melodrama of the Unknown Woman» sind hochgradig originelle Annäherungen an das Kino, insbesondere der klassischen Hollywood-ära – an die Filme, mit denen Cavell aufgewachsen war und die ihn zeitlebens nicht mehr losliessen. Insbesondere sein Modus der Filmanalyse sucht seinesgleichen: Cavell besteht darauf, dass sich die Komödien und Melodramen der amerikanischen Filmindustrie lesen lassen wie philosophische Texte. Sein aufmerksamer Blick stösst auf Bedeutungsdimensionen, die uns allen einen neuen Zugang zum Kino ermöglichen können. Zum ersten Todestag ist Elisabeth Bronfen, Professorin für Anglistik am Englischen Seminar der Universität Zürich und Autorin des Bandes «Stanley Cavell zur Einführung» (Junius, 2009), zu Gast im Xenix. Gemeinsam mit dem Medienwissenschaftler Johannes Binotto und dem Xenix-Mitarbeiter Lukas Foerster spricht sie über Cavells Bedeutung für die Auseinandersetzung mit dem Kino. Im Anschluss an das Gespräch läuft Howard Hawks’ Screwballklassiker His Girl Friday (Filmstart ca. 19.15 Uhr), dem Cavell in «Pursuits of Happiness» ein Kapitel widmet.


Stanley Cavell

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His Girl Friday Howard Hawks, USA 1940; 92' E (35 mm, s/w) Mit Cary Grant, Rosalind Russell, Ralph Bellamy, Gene Lockhart

Reflexives Hollywoodkino: Stanley Cavell liest eine Hochgeschwindigkeitskomödie der klassischen Studioära als einen philosophischen Text. In «Pursuits of Happiness» ist ein Kapitel dem Screwballklassiker His Girl Friday gewidmet. Cavell untersucht den Film von Howard Hawks als ein Beispiel für eine «Wiederverheiratungskomödie». Keineswegs folgt das turbulente, pfeilschnelle Lustspiel – ein Remake des Dreissigerjahrefilms The Front Page – dem Schema einer klassischen Hollywoodromanze. Vielmehr sind die Hauptfiguren, der Redaktor Walter Burns (Cary Grant) und die ehemalige Star-Reporterin Hildy Johnson (Rosalind Russell) den ganzen Film über damit beschäftigt, die Bedingungen und Voraussetzungen ihrer Beziehung auszuhandeln. «These two [Johnson and Burns] simply appreciate one another more than either of them appreciates anyone else, and they would rather be appreciated by one another more than by anyone else. They just are at home with one another, whether or not they can ever live together under the same roof – that is, ever find a roof they can live together under.» (Stanley Cavell) Do 13. 6.

> 18.00 Uhr

• Vor der Filmvorführung findet ein ca. einstündiges Gespräch mit Elisabeth Bronfen, Johannes Binotto und Lukas Foerster statt.


PREMIEREN

32 Brian De Palma

First Reformed Paul Schrader, USA 2017; 113' E/d (DCP, Farbe) Mit Ethan Hawke, Amanda Seyfried, Cedric the Entertainer, Victoria Hill, Philip Ettinger

PREMIERE : Ein spiritueller Taxi Driver – Ethan Hawke brilliert in Paul Schraders intensivem Religionsdrama First Reformed. Ernst Toller (Ethan Hawke), Pfarrer der First Reformed Church in Snowbridge, einer fiktionalen Kleinstadt im Staat New York, sehnt sich in eine andere Welt. Einst war seine Kirche das Zentrum einer lebendigen Gemeinde, die eine strenge Auslegung des reformierten Christentums pflegte, heute ist sie als eines der ältesten Gotteshäuser der Gegend vor allem eine Touristenattraktion. Hinzu kommen private Probleme: Alkohol, Einsamkeit, Erinnerungen. Toller verschliesst sich mehr und mehr in seine fundamentalistische Privatmystik. Eines Tages tritt Mary (Amanda Seyfried) in sein Leben und bittet um Hilfe: Ihr Mann Michael (Philip Ettinger), ein radikaler Umweltschützer, droht den Kontakt zur Realität zu verlieren. Toller unternimmt erste Schritte heraus aus der Isolation. Gleichzeitig allerdings nehmen seine inneren Dämonen überhand. Mit First Reformed ist Paul Schrader Jahrzehnte nach seinen gefeierten Drehbüchern für Taxi Driver (1976) und The Last Temptation of Christ (1988) und auch nach einer langen Reihe eigener, oft sträflich unterschätzter Regiearbeiten noch einmal ein grosser Wurf gelungen. Ein Film, der an die – von Schrader verehrten – Grossmeister des religiösen Kinos wie Robert Bresson und Carl Theodor Dreyer anschliesst, aber gleichzeitig von wilden, ungestümen Impulsen durchzuckt wird. Toller, von Hawke mit manischer Intensität verkörpert, ist in der Tat eine Art spiritueller Travis Bickle – ein weiterer Getriebener, der nach einem Ventil sucht, um seiner Abscheu vor der modernen Welt Ausdruck zu verleihen. Do 20. 6. / Fr 21. 6. > 20.15 Uhr Sa 22. 6. / So 23. 6. > 20.45 Uhr Mo 24. 6. – Mi 26. 6.

> 18.00 Uhr


Premieren33

The Night Is Short, Walk on Girl Masaaki Yuasa, Japan 2017; 92' OV/d (DCP, Farbe)

PREMIERE : Ein Anime für Erwachsene von Masaaki Yuasa, das zwei einsamen Seelen auf ihrem feuchtfröhlichen Weg durch das japanische Nachtleben folgt.

Eine ganz normale Nacht in der japanischen Millionenstadt Kioto: Eine junge Frau (genannt «Junior») schwebt von Kneipe zu Kneipe, von Cocktail zu Cocktail, besiegt einen Dämon in einem Trinkspiel, wird mir nichts, dir nichts für die Hauptrolle eines Theaterstücks engagiert und durchstreift Flohmärkte auf der Suche nach ihrem Lieblingsbuch aus der Kindheit. Ein junger Mann (genannt «Senior») ist heimlich in sie verliebt, versucht, ihr zu folgen, nur leider wird ihm gleich zu Beginn die Unterhose gestohlen, und später fängt er sich eine Grippe ein. Masaaki Yuasa (Mindgame, The Tatami Galaxy) ist schon seit Jahren einer der originellsten Animationskünstler Japans. Mit den kindgerechten Filmen der Ghibli-Produktion haben seine surrealen, vor absurden Ideen geradezu übersprudelnden Bildwelten nicht das Geringste zu tun. Mit The Night Is Short, Walk on Girl ist ihm nun ein Meisterstück gelungen. Der Animationsfilm erweist sich als das perfekte Medium dafür, die beschwingte, feuchtfröhliche und leicht ausserweltliche Stimmung einer aus dem Ruder laufenden Partynacht einzufangen. Hier tummeln sich, fernab der Zwänge der alltäglichen Arbeitswelt, die Lebenskünstler, die Verrückten, die Träumer. Und nicht zuletzt: Wo, wenn nicht hier, kann man noch an die grosse Liebe glauben? Do 27. 6. / Fr 28. 6. > 20.00 Uhr Sa 29. 6. / So 30. 6. > 20.30 Uhr Mo 1. 7. – Mi 3. 7.

> 18.00 Uhr


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Late-Night-Premiere

Mandy Panos Cosmatos, USA/Kanada 2018; 121' E/d (DCP, Farbe, Scope) Mit Nicolas Cage, Andrea Riseborough, Linus Roache, Ned Dennehy

PREMIERE : Ein unbändiger Nicolas Cage verleiht dem Begriff «overacting» ganz neue Bedeutungsdimensionen. Wenn er einen epischen, derangierten, anarchischen Rachefeldzug startet, verwandelt sich Mandy in eine Cage-Show sondergleichen. Red Miller (Nicolas Cage) und Mandy (Andrea Riseborough) leben fernab der Zivilisation, im wilden, dünn besiedelten kalifornischen Südwesten in einer Waldhütte. Er ist Holzfäller, sie Künstlerin. In ausserweltlich schönen, von psychedelischen Farbschwaden durchzogenen Bildern, die zum Teil ausschauen, als seien Caspar-David-Friedrich-Gemälde zum Leben erwacht, evoziert der erste Teil des Films die unbedingte Liebe des Paars. Gemeinsam befinden sie sich in einem ewigen Zauberwald, ausserhalb von Raum und Zeit – bis eine bizarre Sekte unter Führung des dunklen Messias Jeremiah Sand (Linus Roache) in das Paradies eindringt. Sand ist auf Anhieb besessen von Mandy, und seine Obsession entfesselt Höllenkräfte, die nichts und niemand kontrollieren kann. Seit der Premiere in Cannes 2018 ist die zweite Regiearbeit von Panos Cosmatos zum Kultfilm avanciert. Zu Recht: Die Kombination aus exzessiver Stilisierung, harschen Gewaltausbrüchen und Cage-Freak-outs fügt sich zu einem schillernden, vibrierenden Drogencocktail von einem Film, wie man ihn so schnell kein zweites Mal zu Gesicht bekommen wird. Schon heute ein Mitternachtskinoklassiker. Fr 7. 6. / Fr 21. 6.

> 22.30 Uhr

Sa 8. 6. / Sa 15. 6. / Sa 22. 6.

> 23.00 Uhr

Fr 14. 6.

> 22.00 Uhr


RICHTIG LANG

Test of Time

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Short Cuts Robert Altman, USA 1993; 188' E/df (35 mm, Farbe) Mit Andie MacDowell, Bruce Davison, Tim Robbins, Julianne Moore, Chris Penn, Jennifer Jason Leigh, Jack Lemmon, Tom Waits, Lili Taylor, Robert Downey Jr., Frances McDormand

Kultstreifen und richtig langer Ensemblefilm, der seine zahlreichen Hauptfiguren grandios miteinander verknüpft. Ein trinkender Limousinenfahrer (Tom Waits), seine Freundin, die ein Kind anfährt, sowie dessen Mutter (Andie MacDowell), die von ihrem Konditor belästigt wird. Ein eitler Polizist (Tim Robbins), der seine Frau mit Parksünderinnen betrügt, ein Arbeitsloser, der beim Fischen eine Wasserleiche entdeckt, eine junge Mutter (Jennifer Jason Leigh), die beim Windelnwechseln Telefonsex anbietet, während ihr Mann (Chris Penn) mit seinem Kumpel (Robert Downey Jr.) jungen Frauen nachsteigt: Sie alle leben in Los Angeles, wo sich ihre Wege innert weniger Stunden kreuzen – mal beiläufig, mal lebensentscheidend. Robert Altman verknüpft mehrere Kurzgeschichten von Raymond Carver zu einem facettenreichen Panorama menschlicher Befindlichkeiten. Die Figuren in Short Cuts sind gefangen in einem Alltag voller kleiner Lügen und peinlicher Schummeleien. Sie sind nicht böse, aber etwas feige. Sie sind so, wie wir nicht sein möchten und doch alle ein wenig sind. Umso berührender sind die Momente der Menschlichkeit, die hier und dort die Gleichgültigkeit durchbrechen. Short Cuts versammelt alle, die vor 25 Jahren in Hollywood Rang und Namen hatten, und wurde zum Synonym für den Ensemblefilm schlechthin. Wenn man heute bei Ensembles vor allem an Serien denkt, dann trifft der Vergleich höchstens insofern zu, als sich auch der Film richtig viel Zeit nimmt, um seine Story zu entfalten. Doch während Serien an der langfristigen Entwicklung ihrer Figuren liegt, ist dies in Short Cuts erfrischend unnötig – genauso sinnlos, wie wenn man in dem höchst unterhaltsamen Film nach einem sinnstiftenden Ganzen suchen würde, denn das gibt es bei Altman nicht! So 9. 6.

> 16.30 Uhr


ALK T M L I F R E H C R ZÜ

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Wie klingt mein Drehbuch? – Eine öffentliche Leseprobe Wie können Drehbuchautoren und Schauspielerinnen bei einer ersten Lesung voneinander profitieren? Ruth Schwegler, Regula Imboden und Markus Mathis lesen Szenen aus unveröffentlichten Skripts und diskutieren zusammen mit der Drehbuchautorin Rahel Grunder und dem Drehbuchautor Jan Poldervaart über Figurenzeichnung und Dramaturgie der Szenen. Das Publikum ist eingeladen, Texte beizusteuern, und bekommt so die Möglichkeit, noch unverfilmte Szenen in einer ersten Lesung auszutesten. Wie interpretieren die Schauspieler die Figuren, und was können sie zur Figurenzeichnung beitragen? Wie erleben die Autorinnen ihre eigenen Szenen, wenn sie diese zum ersten Mal von Profis vorgetragen bekommen? Wie wird das Ganze vom Publikum erlebt? Und welche Chancen bietet eine solche Lesung im Prozess des Schreibens? Unverfilmte Szenen (nicht länger als drei bis vier A4 -Seiten) können bis zum 25. Mai an mail@martinguggisberg.ch geschickt werden. Gern auch einen kurzen Pitch (zwei Sätze) zum Filmprojekt mitliefern. Der Talk ist dazu da, einen angeregten Austausch zwischen den Disziplinen zu ermöglichen. Erwünscht sind auch Texte, die noch «work in progress» sind. Schauspiel: Ruth Schwegler, Regula Imboden, Markus Mathis Drehbuch: Rahel Grunder, Jan Poldervaart Moderation: Martin Guggisberg Do 6. 6.

> 18.30 Uhr


DOKFILM AM SONNTAG Dok mit Gast

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Disappearances Anat Even, Frankreich/Israel 2018; 78' OV/e (DCP, Farbe)

ERSTAUFFÜHRUNG : Auf Spurensuche an der Stelle des einstigen durchmischten Stadtviertels zwischen Jaffa und Tel Aviv, das der Uferpromenade weichen musste.

Eine kleine Touristengruppe spaziert über den makellosen, hügeligen Rasen bei Tel Avivs Strand, wo früher in den dichten dörflichen Strukturen von Manschieh reges Leben herrschte. Die Bemerkung des Touristenführers, wonach die Ruinen, die unter seinen Füssen vergraben sind, keinen Wert gehabt hätten, löst Empörung aus. Denn wieso sollte es keine Wertschätzung für Manschieh geben, das zuerst von palästinensischen Familien, dann von jüdischen Kriegsflüchtlingen gemeinsam mit Migrierenden aus Europa und Nordafrika bewohnt wurde, bevor das Quartier in den Sechzigerjahren Hochhäusern und der Strandpromenade weichen musste? Die Regisseurin Anat Even, die sich in ihren Filmen kritisch mit Erinnerung, Identität und Zugehörigkeit in der israelischen Gesellschaft beschäftigt, lädt in Disappearances mehrere jüdische und arabische Familien in die Gegend am Strand ein. Beim Spaziergang und beim Picknick sprechen sie über ihre ehemalige Heimat Manschieh und suchen gar nach dem genauen Standort ihres ehemaligen Hauses. Der Film bietet eine Bühne für Erzählungen und sich zum Teil widersprechende Geschichten, wenn es etwa um die Formen des Zusammenlebens geht oder um die Frage, wer aus wie viel freiem Willen ging oder vertrieben wurde. Doch gemeinsam ist allen die Sehnsucht nach einer verlorenen Vergangenheit, die im Film auch in beeindruckenden Archivbildern in Erscheinung tritt. So 2. 6. / 9. 6. / 16. 6. / 23. 6.

> 12.00 Uhr

• Am 16. 6. anschliessendes Gespräch mit der Regisseurin Anat Even

Eine Zusammenarbeit mit dem Verein


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KINDERKINO

Flipper Alan Shapiro, USA 1996; 95' D (35 mm, Farbe, Scope) Mit Elijah Wood, Paul Hogan, Jessica Wesson, Jason Fuchs, Chelsea Field, Jonathan Banks, Bill Kelley, Mal Jones, Isaac Hayes

Ein wunderbarer Sommerfilm, der grösste Lust darauf macht, mit Sandy, Kim oder Marvin zu tauschen. Dass er von seiner Mutter zu Onkel Porter (Paul Hogan) auf die Insel Coral Key vor Florida geschickt wird, um dort die Sommerferien zu verbringen, stinkt dem vierzehnjährigen Sandy (Elijah Wood) ganz gewaltig. Denn der verschrobene Onkel, der in einem abgelegenen, heruntergekommenen Strandhaus mit eigenem Steg lebt, ödet ihn mit seiner «Originalität» ziemlich an. Und weil Sandy das Konzert der Red Hot Chili Peppers nicht verpassen will, für das er schon lange ein Ticket hat, stiehlt er sich nach ein paar Tagen auf die Fähre, die ihn zurück zum Festland bringen soll. Als Porter das spitzkriegt, fackelt er nicht lange und holt seinen Neffen auf die Insel zurück. Sandy hat sich schon fast mit seiner Situation abgefunden, als er völlig unerwartet Freundschaft mit einem ebenso frechen wie intelligenten Delfin schliesst. Flipper, wie er seinen neuen Spielgefährten nennt, ist äusserst lernbegierig und beherrscht nach kürzester Zeit die unglaublichsten Kunststücke. Dank dem verspielten Meeressäuger lernt Sandy die gleichaltrige Kim und den jugendlichen Tüftler Marvin sowie die paradiesischen Seiten des Insellebens kennen. Doch schon bald geraten alle zusammen in das grösste Abenteuer ihres Lebens, als sie der verbrecherischen Entsorgung von Giftfässern im Meer auf die Spur kommen. In Alan Shapiros unterhaltsamem, vorzüglich fotografiertem Familienfilm, der auf der legendären Sechzigerjahre-Fernsehserie basiert, schwimmt Flipper den Küstenbewohnern sowie seinen Artgenossen zu Hilfe, indem er einen skrupellosen Umweltsünder entlarvt. • Spielfilm für Kinder ab 6 Jahren So 2. 6. / 9. 6. / 16. 6. / 23. 6.

> 14.15 Uhr

Mi 5. 6. / 12. 6. / 19. 6. / 26. 6.

> 14.30 Uhr


#mehralskino

Kino . Forum . Buchsalon Bistro . Bar . Klub www.kosmos.ch

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KINO XENIX

Impressum Xenix-Programm 6/2019 > Kino Xenix, Kanzleistrasse 52, 8004 Zürich > Programmation, Filmtexte und Redaktion: Lukas Foerster (verantwortlich für das vorliegende Programm), René Moser, Jenny Billeter > Erscheinungsdatum: 15. 5. 2019 > Erscheint 11-mal jährlich > Auflage: 4000 Exemplare > Belichtung und Druck: Ropress Zürich > Gestaltungskonzept: Franziska Burkhardt > Satz und Bildredaktion: Cornelia Diethelm > Korrektorat: Nina Haueter, Andrea Leuthold > Gestaltung Plakat: Cornelia Diethelm, Zürich > Geht an alle Mitglieder des Filmclubs Xenix > Ungefaltete Plakate (A2) sind kostenlos an der Kinokasse erhältlich > Ein Engagement des Vereins Filmclub Xenix, unterstützt durch Stadt und Kanton Zürich

© Die Texte in diesem Programmheft sind urheberrechtlich geschützt. Deren integrale Verwendung bzw. Verbreitung ist nur mit Einwilligung des Filmclubs Xenix zulässig. Für das Zustandekommen des Programms danken wir: Anat Even, Tel Aviv • AV Visionen, Berlin (Dirk Remmecke, Daniel Otto) • Bonner Kinemathek (Bernhard Gugsch) • Cinémathèque suisse, Lausanne – Penthaz (André Schäublin) • Classic Films, Barcelona (Eduardo Ferrer) • Deutsche Kinemathek, Berlin (Anke Hahn) • Drop-Out Cinema, Mannheim (Jörg van Bebber) • Elisabeth Bronfen, Zürich • Elite Film, Zürich (Roman Güttinger) • Felix Mende, Köln • Filmgalerie 451, Berlin (Viviana Kammel) • Johannes Binotto, Zürich • Jüdisches Museum Hohenems (Hanno Loewy) • Kinemathek Le Bon Film, Basel (Axel Töpfer) • Omanut, Zürich (Karen Roth) • Park Circus, Glasgow (Jack Bell, Marthe Rolland) • Praesens-Film, Zürich (Kim Lara Gassmann) • Salzgeber, Berlin (Jürgen Pohl) • Universal Pictures International Switzerland, Zürich (Rolf Zellweger) • Werkstattkino München (Wolfgang Bihlmeir) • Zürich für den Film (Martin Guggisberg, Kaja Eggenschwiler, Simon Hesse)


Candice Zaccagnino und Olivier Aknin präsentieren

JÉRÉMIE RENIER MARTHE KELLER

ZITA HANROT

August Kino!

Ab im

Festival de Locarno Piazza Grande

EIN FILM VON

DAVID ROUX


ÜBERSICHT NACH FILMTITELN JUNI/JULI 2019 S. 1

DOPPELTE NÄHE: BRIAN DE PALMA / ANGELA SCHANELEC

S. 5 S. 5 S. 7 S. 7 S. 9 S. 10 S. 10 S. 11 S. 11 S. 13 S. 13 S. 14 S. 14 S. 15 S. 17 S. 17 S. 19 S. 20 S. 20 S. 25 S. 25 S. 26 S. 27 S. 27 S. 29

Blow Out The Fury Bonfire of the Vanities Scarface Femme Fatale Body Double The Untouchables Dressed to Kill The Black Dahlia Sisters Mission: Impossible Passion Snake Eyes Mission to Mars Carlito’s Way Casualties of War Phantom of the Paradise Mein langsames Leben Orly Daily Chicken Plätze in Städten Marseille Nachmittag Der traumhafte Weg Das Glück meiner Schwester

S. 30 EIN ABEND FÜR STANLEY CAVELL S. 31

His Girl Friday

S. 32 PREMIEREN S. 32 S. 33 S. 34

First Reformed The Night Is Short, Walk On Girl Mandy

S. 35 RICHTIG LANG Short Cuts

S. 36 ZÜRCHER FILMTALK Wie klingt mein Drehbuch? – Eine öffentliche Leseprobe

S. 37 DOKFILM AM SONNTAG Disappearances

S. 38 KINDERKINO Flipper

Profile for Kino Xenix

Programm Juni/Juli 2019  

Doppelte Nähe: Brian de Palma / Angela Schanelec

Programm Juni/Juli 2019  

Doppelte Nähe: Brian de Palma / Angela Schanelec

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