Page 107

F

ünf Boroughs, 8,3 Millionen Einwohner, 200 Museen, 500 Galerien: New York ist in den USA der Brennpunkt für Kunst. Das Metronom des Zeitgeistes schlägt hier schneller als irgendwo sonst, unzählige Ausstellungsorte zeigen jede noch so kleine Bewegung der zeitgenössischen Kunst. Seit den 50er-Jahren, als mit den abstrakten Expressionisten die erste bedeutende amerikanische Avantgarde entstand, ist die Metropole ein Magnet für Künstler aus aller Welt. Wichtige Strömungen des 20. Jahrhunderts wie Pop, Happening und Minimal Art sind in der Megacity verankert. Es ist ein pulsierender Motor, der die Kunstwelt in Gang hält, ein herausfordernder, anstrengender Ort. Selbst als Manhattan für die amerikanische Avantgarde an Bedeutung verlor,

Ein Raum, in dem man leben und arbeiten kann, ist für die meisten jungen Kreativen in New York unbezahlbar. gelang es Bezirken wie Williamsburg oder Greenpoint in Brooklyn, weltweite Aufmerksamkeit mit jungen talentierten Künstlern und Musikern auf sich zu ziehen. Der Platz in New York wird indes immer knapper – und teurer. Ein Raum, in dem man leben und arbeiten kann, ist für die meisten jungen Kreativen unbezahlbar. Obwohl New York immer noch als der beste Ort gilt, um sich als Künstler einen Namen zu machen und sich die Türen zum internationalen Markt zu öffnen, ziehen viele junge amerikanische Künstler weiter, auf der Suche nach freiem Raum zum Leben und Arbeiten sowie nach einem anderen Lebensstil.

auf Gleichgesinnte. Unter ihnen Maggie Casey, 27, und Benjamin Young, 26, beides aufstrebende Künstler, die ihre Arbeiten landesweit in Galerien ausstellen. Eine gemeinsame Installation an der State University of Oregon legt den Grundstein für ihre Arbeit als Künstlerkollektiv. Zunächst zeigen sie nur eigene Arbeiten in ihrer Garage, später kuratiert ein Freund eine Ausstellung, und schliesslich entsteht daraus ‹Appendix›, ein Raum für Installation und Performance. Bald stösst Travis Fitzgerald, 23, ebenfalls Absolvent der WesleyanKunstfakultät, dazu. In dieser Konstellation kuratieren die fünf jungen Künstler nun seit drei Jahren regelmässig Ausstellungen.

Künstler als Kurator

Travis Fitzgerald erklärt den Charakter des Appendix-Showrooms so: ‹Wir sind weniger am tatsächlichen Endprodukt eines Künstlers interessiert als vielmehr daran, mit ihm in einen Dialog zu treten. Deswegen laden wir unsere Künstler ein, drei Wochen bei uns zu verbringen, um mit uns gemeinsam Ideen auszutauschen, die Arbeit zu besprechen und zu entwickeln.› Und so finden projektorientierte, experimentelle Arbeiten den Weg in die Appendix-Räume. Etwa die Klangperformance der Oregon Painting Society, bei der das Kollektiv aus Kunststudenten und Musikern selbstgebauten Instrumenten Töne in einer sechsstündigen Performance entlockte. Oder die Arbeiten von Laura Hughes, die während ihres Aufenthaltes bei Appendix die Schatten im Raum verfolgte und mit fluoreszierender Farbe nachmalte, um so eine Verbindung zwischen Licht, Zeit und Architektur herzustellen.

Less money, less problems

So zum Beispiel Josh Pavlacky und Zachary Davis, beide 25, die es nach dem Kunststudium an der berühmt-berüchtigten Talentschmiede Wesleyan University in Connecticut nach Portland zog. Die Stadt im nordwestlichen Bundesstaat Oregon verfügt über eine halbe Million Einwohner, ein knappes Dutzend Museen und die höchste Dichte an Brauereien in den USA. Portland ist in Europa vorwiegend für ihre vielfältige Musikszene bekannt: Bands und Musiker wie Dead Moon, Dandy Warhols, Portugal. The Man und Courtney Love sind hier beheimatet. Ausserdem gilt die Stadt als ein Zentrum liberaler Lebensentwürfe und ist seit den späten 60ern eine Alternative zur überlaufenen HippieHochburg San Francisco. Portland ist eine arme Stadt, bevölkert von jungen Leuten, die ohne finanziellen Druck ihre Ideen verwirklichen möchten. Josh und Zack mieten dort 2008 ein Haus und nutzen dessen Garage als Arbeits- und gelegentlichen Präsentationsraum. Die ansässige Kunstszene ist lebendig, gleichzeitig aber klein und überschaubar. Die beiden Weggefährten treffen schnell 107

Linke Seite: Aussenansicht des Appendix Art Space während Garry Robbins’ Ausstellung im vergangenen Frühjahr. Oben: Kunst statt Kommerz, Freiheit statt Stress: die Macher des Appendix Artspace geniessen die Vorzüge Portlands. Unten: Carlos Gonzalez zeigte im Februar die Performance <4More> im Appendix Art Space.

kinki magazin - #38  

Das kinki magazine #38 ist seit dem 24. Juli 2011 für CHF 6.– am Kiosk zu haben. Zusätzliche Inhalte zur Ausgabe 38 sowie zum Heftthema pass...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you