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KOMMUNIKAZE


INHALT

Ausgabe 15 / November 2005

ab Seite 4

ABSCHALTEN, BABY! Wahrhaft Großes hatten sich Darren Grundorf und Stefan Berendes vorgenommen: Mindestens sechs Monate wollten sie durch die Sendeanstalten tingeln und dem siechen Medium Fernsehen wieder auf die Füße helfen. Doch schon eine Woche später kehrten sie desillusioniert in die Redaktion zurück - im Gepäck nicht nur mehrere Klagen wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung sondern auch eine abschließende Betrachtung über die momentane TV-Landschaft.

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DER TUNNEL AM ENDE DES LICHTES von Jan Paulin

Seite 14 LE MALPENSANT... Wer seine regelmäßige Kolumne liest, der möchte Autor Sven Kosack eigentlich weniger gern besuchen. Kollegin Stephanie Schulze hat es trotzdem gewagt, den Malpensant in Athen aufzuspüren, wo er bis vor kurzem ein Auslandsjahr einlegte. Kommunikaze präsentiert sowohl den brisanten Reisebericht als auch die zugehörige Gegendarstellung des Kollegen Kosack...

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DAS LEBEN IN VOLLEN ZÜGEN GENIESSEN Volker Arnke mit dem ersten Teil seiner Erlebnisse mit der Deutschen Bahn.

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ALLES NEU! Noch mehr Aufregung für den Kollegen Berendes: Neues Kommunikaze-Layout plus neue Homepage -- das sorgte für reichlich Wirbel, derweil eine kulturwissenschaftliche Hausarbeit über die literarische Verarbeitung der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts nach wie vor ihrer Fertigstellung harrt. Als Ausgleich darf er immerhin erläutern, was denn nun alles anders und - hoffentlich - besser wird.

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GOOD MORNING TV, YOU’RE LOOKING SO HEALTHY von Anna Groß

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DIE URLAUBSREISE DER FRAU DIEGELMANN von Michael Weiner

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GERINGE ERWARTUNGEN von Anna Groß

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DIE LETZTE SEITE

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TITEL

Abschalten, B

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TITEL

aby!

von Darren Grundorf & Stefan Berendes Was läuft eigentlich im Fernsehen? Nach dem Tod der deutschen Fernsehunterhaltung, der großen Showabende und bunten Galas irgendwann Mitte der Neunziger wurde der damalige KommunikazeRedaktionspraktikant Hans-Ullrich Jörges angewiesen, das TV-Gerät für alle Zeiten aus den Redaktionsräumen zu verbannen.Vor vier Wochen fand der Bundesnachrichtendienst es im Rahmen der vierteljählichen Redaktionsdurchsuchung wieder, auf dem Speicher neben einer Kiste mit Paulins Recherchen zu einem geplanten Chemiewaffenanschlag auf den Heide-Park Soltau. Ein wenig verstaubt, die Zimmerantenne gerostet, aber immerhin mit Bild und Ton durfte es wieder in unser Großraum-Büro zurückkehren. Was der Kasten allerdings von sich gab, rief in der Redaktion Irritation bis Entsetzen, vor allem aber Müdigkeit hervor. Was ist mit dem deutschen Fernsehen in den letzten zehn Jahren passiert? Um uns einen Überblick zu verschaffen, hat Kommunikaze Feuilleton-Chefredakteur Darren Grundorf und Hauptstadtredaktionschef Stefan Berendes losgeschickt, um eine Woche lang verschiedene Fernsehformate zu besuchen. Sie trafen Alfred Biolek, Günter Jauch, Christoph Schlingensief und einmal - während der Rauchpause - die „Vollidioten vom Marienhof“ (Grundorf). Hier ist ihr Bericht.

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rüher war die HÖRZU noch ein Faltblatt, heute fasst sie 116 Seiten, auf denen neben dem sonstigen Gedöns (Gesünder leben, Turnen gegen Rheuma, Butterkuchen selber machen) auch das Fernsehprogramm reingeschrieben ist. Kurz gesagt: Es ist viel zu viel. Deshalb hat die Redaktion einen bunten Querschnitt deutscher Fernsehunterhaltung für uns ausgewählt, wobei jeder natürlich seine Lieblingssendung auf die Liste setzen durfte: Celebrities Uncensored (A. Groß), Tiere suchen ein Zuhause (J. Paulin), Sophie – Braut wider Willen (M.Weiner) Forsthaus Falkenau (D. Grundorf) & Tigerentenclub (S. Berendes). Nach längeren Vorverhandlungen mit den betroffenen Sendeanstalten beginnt für uns eine spannende und erlebnisreiche Woche -wo sonst, wenn nicht in der guten Stube des deutschen Fernsehens, im aktuellen Sportstudio?

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TITEL ZDF Samstag, 22:30, Aktuelles Sportstudio: Poschmanns Torwand (D. Grundorf)

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it dem Helikopter geht es direkt von Osnabrück nach Mainz. Im Aktuellen Sport studio darf ich natürlich nicht fehlen. Für Moderator Wolf-Dieter Poschmann geht wohl ein Traum in Erfüllung, mit mir eine tragische Figur des deutschen Fußballs im Studio zu haben, nennt man mich doch im Kreis Herford seit meiner aktiven Zeit das ewige Talent. Zahlreiche Verletzungen verwirkten meinen Aufstieg in den Profi-Fußball und damit wohl den Sprung in Klinsmanns Kader für die WM 2006. Poschmann, so muss ich feststellen, scheint dieses dann jedoch überhaupt nicht zu interessieren, und er stellt mich zu meiner völligen Überraschung (nur) als Redakteur der Zeitschrift Kommunikaze vor, wobei er den Namen sogar ablesen muss. Viel mehr Interesse zeigt er hingegen an den weiteren Gesprächspartnern, wobei doch gerade die Konstellation mit dem ewiggestrigen Günter Netzer, bei dem nicht nur die Frisur irgendwo in der Mitte der 70er stehen geblieben ist, und der Speerwerferin Steffie Nerius, die weder in ihrem Erscheinungsbild, noch in ihren Antworten und schon gar nicht mit ihrer Sportart besonders interessant, sondern eher eine audio-visuelle Katastrophe ist, nicht eben für herausragende Spannung bürgt. Poschmann ist wohl anderer Meinung. Aufgeregt fragt er nach ihrer Gefühlswelt, als sie bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Helsinki die Bronzemedaille geholt hat. Günter Netzer erzählt auf die Frage, ob es in seiner Karriere für ihn einen ähnlichen berauschenden Augenblick gegeben habe, zum 500. Mal im deutschen Fernsehen, wie er sich im Pokalfinale gegen den 1.FC Köln selbst eingewechselt und dann das entscheidende Tor gemacht hat. Um die Zuschauer aus ihrer Lethargie zu reißen, hake ich ein und beschreibe die Sekunden, als ich mit dem TV Elverdissen im Kreispokalhalbfinale gegen TuRa Löhne trotz angerissener Patella-Sehne mal das...doch unterbricht mich Poschmann schon wieder, um noch einmal auf Helsinki zurückzukommen. „Gab es einen Moment, wo sie wussten: Heute klappt es mit der Medaille?“, fragt er Nerius. „Nun, mach doch nicht so einen Terz um diese bekloppte Speerwurf-Weltmeisterschaft“, belle ich Poschmann entgegen. Steffie Nerius sei eine „ernstzunehmende, vorbildliche deutsche Sportlerin“, entgegnet er und lässt auch meinen Einwand „Sie wirft einen Stock von sich

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TITEL weg“ nicht gelten. Ich habe mich disqualifiziert: Für den Rest des Gesprächs bleibe ich völlig außen vor. Poschmann („Hatten Sie an diesem Tag eine Vorahnung“; Nerius: „Nein.“) und Netzer („Bonhof passte mir den Ball zu, ich hatte mich kurz zuvor selbst eingewechselt, Schuss, Tor...“) ignorieren mich. Na wartet, denke ich mir, an der Torwand werde ich es euch zeigen. Netzer legt vor und trifft drei unten, drei oben und auch Steffie Nerius trifft viermal. „Na, werden sie sich einer Speerwerferin geschlagen geben, Herr Grundig?“, witzelt Poschmann. Das zeige ich euch gerade, denke ich, lege mir die Kugel hin und nehme Anlauf. Mein erster Schuss zerlegt die Torwand, der Nachschuss trifft Poschmann ins Gemächt. Nerius und Netzer schauen mich irritiert an, ich schaue Poschmann an, der in sich zusammengekrümmt vom Set getragen wird und etwas wie „Das wird Konsequenzen haben“ von sich gibt. „1:0, PornoPoschmann!“, lache ich in mich hinein. WDR, Dienstag, 17.50, Alfredissimo: Kerbelschmand am Arsch (D. Grundorf)

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ochen ist nicht gerade eine meiner Leidenschaften. Und schon gar nicht mit Alfred Biolek. Zu Beginn gibt es schon den ersten Disput: Ich habe Knorr Spaghetteria Pasta Funghi, eine Fertigmischung, mitgebracht. 500 ml Wasser zum Kochen bringen, den ganzen Pröddel reinkippen und umrühren. Biolek hingegen will einen Burgunderbraten mit Rotkohlköpfchen, gerösteten Servietenknödel, Spargelsalat mit Lachstartar an Schwarzbrot und eine Erbsensuppe mit Gemüsewürfeln und Kerbelschmand herrichten. Natürlich müssen wir den Burgunderbraten machen. Da hilft auch mein Vorschlag nicht, wir könnten zur Variation Peperoni an die Funghi-Mischung schneiden. Biolek hat schnell meine Hilflosigkeit erkannt, will also persönlich Braten und Gemüse vorbereiten, ich soll mich um den Kerbelschmand kümmern. Mein Einwand, ich wüsste nicht einmal, was Kerbelschmand überhaupt ist, ignoriert der Chefkoch, indem er erst mal einen Wein anbietet: „Zu einem Burgunderbraten darf es ruhig mal ein Rheinhesse sein.“ Wie auch immer, ich nehme mit dem Weißwein vorlieb und überlasse den Schmand erst einmal sich selbst. Der Wein tut sein Bestes und macht Biloleks Geschwätz erträglicher. Ich stelle mich in den Hintergrund und sehe dem Treiben auf den Kochplatten zu. Wie zufällig fällt Biolek ein, dass wir an den Spargelsalat Apfelsinenschnitze geben können, natürlich nur damit er wieder seinen Zestenreißer aus der Schublade holen kann, den er mal auf einer Reise nach Spanien aufgetrieben hat und der die Apfelsinen leicht und schön entschält. „Apfelsinen sind doch scheiße“, sage ich und schenke mir vom den Rheinhessen nach. Der Koch lässt sich nicht ablenken und reißt die Südfrüchte. „Als ich vor Jahren in Spanien war, hat mir nämlich ein sehr guter alter spanischer Busenfreund diesen Zestenreißer...“ erhebt Biolek die Stimme, um im folgenden zu rätseln, ob dieser Busenfreund aus Plaja del Sumbra oder aus La Coruna stammte. Ich beschäftige mich nun doch ein wenig mit dem Kerbelschmand und rühre gelangweilt im Topf, nicht ohne Biolek mitzuteilen, dass mir seine südeuropäischen Sexeskapaden ebenso egal sind wie Zestenreißer aus Santa Fé oder Kalla die Kacke Arschloch Arriba. Biolek meistert die Situation gekonnt, indem er mich - während er den Burgunderbraten anschneidet - fragt, wie weit ich mit dem Kerbelschmand sei. Ich sage ihm, dass er den Kerbelschmand gleich am Arsch hängen hat, wenn er noch einmal sein Maul aufmacht. Für den Rest der Sendung schweigen wir. Ich schenke mir den Rest vom Rheinhessen ein, während Biolek sein Knödelbratengedöns zu ansehnlichen Portionen auf zwei Tellern verteilt. Die Erbsensuppe schmeckt beschissen. Da hätte auch kein Kerbelschmand geholfen.

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TITEL

DSF, Mittwoch 0.15, Sexy Sport Clips: Die Freude an der Leibesertüchtigung (S.Berendes)

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achdem Kollege Grundorf beim arrivierten Sportfernsehen nichts als verbrannte Erde und zerspante Torwände zurückgelassen hat, muss ich mich glücklich schätzen, vom DSF immerhin noch zur Aufnahme der nächsten Folge von Sexy Sport Clips eingeladen zu werden. Der Aufnahmeleiter erklärt mir augenzwinkernd, dass bei diesem Format die Freude an der körperlichen Bewegung und die Ästhetik des menschlichen Körpers im Vodergrund stehen. Konkret sieht das dann so aus, dass sich in der Mitte eines Eishockyfeldes irgendeine Janine oder Mandy ihrer ohnehin nicht sehr reichlichen Garderobe entledigt, während ich auf Schlittschuhen immer in der Runde drumherum fahren muss, wahrscheinlich um den im Wappen geführten Sport angemessen zu repräsentieren. Aber wenn Grundorf sich anderswo wie die wilde Sau aufführt, muss man eben nehmen, was übrigbleibt. „Wenigstens nichts mit Schwimmen“, denke ich mir noch und gleite los. Drei Runden lang geht alles gut, dann nehme ich die Kurve zu scharf, sodass sich Mandys oder Janines lasziv hingeworfener Seidenstrumpf um meine linke Kufe wickelt, und ich aufgrund meines ungünstig gelagerten Körperschwerpunktes wild mit den Armen rudernd in die Zuschauertribüne rausche, wo mein geschundener Leib dann regungslos liegen bleibt. Nach dem Erwachen aus der Ohnmacht werfe ich von meinem Krankenlager aus mit großem Interesse einen Blick auf den Rohschnitt der Episode und stelle erleichtert fest, dass die Darbietung - mittlerweile unterlegt mit einem beschwingten Gassenhauer der Leather & Lace Glamrocker Twisted Sister - in der Tat über eine gewisse visuelle Poesie verfügt. Beim überwiegend einhändig agierenden Stammpublikum der Sexy Sport Clips fällt mein Auftritt indessen schlichtweg durch, sodass Folge Nr. 134 bis auf Weiteres ins MAZ-Archiv wandert, und das DSF stattdessen eine Aufzeichnung vom Pokalfinale 1975, 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach, sendet, bei dem sich Günter Netzer seinerzeit selbst eingewechselt und dann das entscheidende Tor geschossen hat. SAT.1, Donnerstag 15:00, Richterin Barbara Salesch: Was geschah wirklich am 11. September? (D. Grundorf)

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ch darf mitspielen im Gerichtssaal. Geplant war ein Einsatz als Zeuge in einem Diebstahl-Prozess, aus aktuellem Anlass nehme aber ich auf der Anklagebank Platz. Mein Gegenüber klagt auf Körperverletzung, Verdienstausfall und Sachbeschädigung einer Torwand. Poschmann fordert Gerechtigkeit. Die Staatsanwaltschaft fordert 3000 Euro Strafe und den Ersatz der Torwand. Der Zeuge der Anklage sticht aber nicht. Günter Netzer kann sich nur noch schemenhaft an den Abend erinnern, ist sich aber sicher, dass er erzählt hat, wie er sich einmal im Pokalfinale 1975 selbst eingewechselt und das entscheidende Tor gemacht hat. Ich verteidige mich selbst. Die Fakten sprechen gegen mich. Es soll sogar einen Videobeweis geben. Auch meine Ablenkungs-Strategie, Poschmann mit den Terror-Anschlägen vom 11. September in Verbindung zu

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bringen, geht fehl. Barbara Salesch hat kein Einsehen: 5000 Euro Strafe. Noch kein Grund zur Panik, immerhin sind alle großen Zeitschriften schon mal auf Schadenersatz verklagt worden... ZDF, Donnerstag, 23.00 Uhr, J. B. Kerner: Stolz & Vorurteil (S. Berendes)

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rundorfs Niederlage vor Gericht stürzt die Redaktion in eine Krise, denn unsere Rechtsabteilung bei der Sozietät Möller, Geerds & Rehse rät dringend von einer Berufungsverhandlung ab. Auch mein Versuch, die fälligen 5000 Euro nächtens beim 9-live Buchstabenrätsel einzuspielen, bleiben erfolglos: Ich erwische einfach nicht die richtige Telefonleitung, auch wenn ich das Lösungswort „grmblpfrzt“ sofort erkannt habe. Missmutig begebe ich mich also zu meinem letzten TV-Termin. Da der Name Kommunikaze mittlerweile bei den Sendeanstalten für heftige Abstoßungsreaktionen sorgt, muss ich meinen Stolz herunterschlukken und mich Johannes Baptist Kerner an die Seite setzen. Die anderen Gäste sind Reinhold Beckmann (der mal wieder versichern will, dass es überhaupt keinen Grund gibt, anzunehmen, Kerner und er seien Konkurrenten oder gar ein und dieselbe Person) sowie zu meinem Entsetzen Kalle Pohl, der eine Tournee mit seinem unsäglichen Minimalkonsenshumor bewerben will. Um dem entschieden gegenüberzutreten, spreche ich sehr geistreich über den Zusammenhang zwischen Baudelaires Flaneur der Menge und der Dialektik der Aufklärung. Leider versaut Kalle Pohl die Pointe und sabbelt einen Witz dazwischen, in dem er zum 900. Mal Maik Krügers Nase mit der Größe seines Geschlechtsteils in Verbindung bringt. Alle lachen. Um einen Rest Würde zu retten, zische ich dem besonders laut prustenden Kerner zu, ich sei übrigens auch sehr viel besser drauf, seitdem mir meine Frau Geflügelwurst aufs Pausenbrot legt. Der Rest der Sendung verläuft dann eher unerfreulich. Am nächsten Morgen dann ein Anruf von Christoph Schlingensief: Er hat meinen Auftritt verfolgt und fragt an, ob ich für sein nächstes „Projekt“ zur Verfügung stünde - gegen Bezahlung, versteht sich. Grundorfs Schulden wollen getilgt sein, und so sage ich nach einer spontanen Redaktionskonferenz zu - unter der Bedingung, dass ich nicht als Hitler verkleidet mit einem riesigen Stofftier auf den Rücken geschnallt vor der deutschen Oper an einer Laterne hängen und vorbeikommende Passanten mit Katzenscheiße bewerfen muss. Schlingensiefs Absage kommt am frühen Nachmittag. Freitag, 20.15, Wer wird Millionär? Im Notfall: Zuschauer fragen! (D. Grundorf)

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eine Recherchen hatten ergeben, dass wöchentlich mehrere Millionen Zuschauer der Quiz-Sendung mit Günther Jauch beiwohnen. An diesem Abend staunen 10,3 Millionen Zuschauern vor ihren Fernsehern, wie ich Goethes Briefwechsel mit Humboldt, Müller, Zelter und Eckermann in 4,3 Sekunden in die zeitlich richtige Reihenfolge bringe. Kein Unding, dennoch ist auch Günther Jauch beeindruckt. Ich nehme derweil auf einem der begehrtesten Stühle Deutschlands platz. Bevor wir starten, der übliche Small-Talk (Alter, Herkunft, Studium, Kommunikaze, Veit-Larmann-Interview) und natürlich die Frage, was ich einer Million Euro machen würde. Als erstes fallen mir da das BaföG-Amt Osnabrück und das Debitorenmanagement-Team der Sparkasse Herford ein, die sicherlich zu hause gebannt mitfiebern, aber das geht Günter Jauch nichts an. Stattdessen spiele ich das JauchGeklimper mit (Haus bauen, einen Teil spenden, Forschungsreise nach Samoa, Torwand etc.). Guter Dinge und mit großem Selbstvertrauen starte ich also in die Quiz-Runde. Günter Jauch stellt Die 50-Euro-Frage: „Aus welcher Pflanzengattung wird Kerbelschmand gewonnen?“ Er hat noch nicht ausgesprochen, da umklammere ich schon seinen Kopf und drücke sein Gesicht kräftig in das Display seines Computers. „Sollen wir die Zuschauer fragen?“, nuschelt Jauch. „Nein, Günter, nein.“

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Fernsehprogramm für ARD 5.30 Morgenmagazin 13.00 Mittagsmagazin 17.50 Verbotene Liebe 18.20 Marienhof (2711) Dauerwerbesendung Viel Ärger im Marienhof: Sven hat Stress mit seinen Eltern und mit seiner Freundin, Trixi hat Liebeskummer und Ärger mit ihrer besten Freundin und Foxy bricht tot im Toni zusammen. Oder Toni im Foxy. Der im Rollstuhl spielt auch wieder mit. 18.50 Lindenstraße (1041) Bombenentschärfung in der Lindenstraße. Nach der Evakuierung zettelt Mutter Beimer einen Bandenkrieg an. Vassilys Lokal wird komplett geplündert. Wer soll ihm den Schaden ersetzen?

20.00 Tagesschau 20.15 Was der Großvater noch wusste 21.55 Plusminus Wie steht es wirklich um die deutsche Wirtschaft? Plusminus deckt auf: Sieht nicht so gut aus. Alles liegt brach. Vor allem im Osten.Wann das wohl wieder besser wird? 23.00 Beckmann Gäste: Jesus Christus, J.B. Kerner

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ZDF 5.30 Morgenmagazin 8.00 Reich & Schön 10.00 ZDF-Fernsehgarten Der Fernsehgarten meldet sich diesmal live aus dem Endlager Gorleben. Moderation Andrea Kiewel. Gäste wie immer: Ralf Morgenstern, die Flippers und Andrea Berg 13.00 Mittagsmagazin 15.00 Wunderbare Welt Dokureihe. Diesmal: Schönes Bad Salzuflen 16.15 Bianca – Wege am Abgrund 19.00 heute 20.15 Rosamunde Pilcher „Wie Salz auf unserem Essen“ 21.00 Frontal 21 21.45 heute-journal 22.15 Guido Knopp „Hitlers Hunde“ Hündin Blondie ist nur die prominenteste Vertreterin einer Reihe von Schäferhundmischlingen, die während des dritten Reiches in den Dunstkreis des Diktators gerieten. Neue Dokumente zeichnen ein schockierendes Bild von der Verführbarkeit der besten Freunde des Menschen...

22.45 Johannes B. Kerner Gäste: Tante Hertha und Onkel Jochen Kerner aus Leipzig.

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RTL 6.00 9.00

Punkt 6 Punkt 9 (Wh.von Punkt 6) 12.00 Punkt 12 (Wh von Punkt 6 und Punkt 9) Moderation Katja Burkhardt 13.00 Oliver Geißen 14.00 Das Strafgericht 15.00 Das Familiengericht 16.00 Das Jugendgericht 17.00 Einsatz in 4 Wänden 18.30 Unter uns Dicke Luft in der Bäckerei Weigel. Mutter Weigel hat den Marmorkuchen anbrennen lassen, und Mehrkornbrötchen sind auch schon wieder keine mehr da. Da gibt’s wohl von Vater Weigel erst wieder eins mit dem Backblech. 18.45 RTL aktuell 19.10 Explosiv 19.40 Gute Zeiten, Schlechte Zeiten 20.15 Die 100 nervigsten TV-Shows moderiert von den 100 nervigsten B-Promis 22.00 Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei Viel Arbeit für die Jungs von Cobra 11:Vollsperrung auf der A5 ab Fulda-Ost wegen einer Brückensprengung, auf der A29 bei Schüttorf liegt ein Kühlschrank auf dem Standstreifen, und auf der A2 zwischen Vlotho und Bad Oeynhausen fährt ein Schwertransporter, der nicht überholt werden darf. Für die Stunts der Serie werden Stuntmänner eingesetzt. Darsteller Rene Steinke: „Bei gefährlichen Stunts lassen wir nur echte Profis ran. In den Szenen wie beispielsweise mit dem Kühlschrank werden wir deshalb gedoubelt.

SAT. 1 5.30

Sat. 1 Frühstücksfernsehen 9.00 HSE24 11.58 Sat. 1 News 12.00 Vera am Mittag 13.00 Britt - Talk um eins 14.00 Richterin Barbara Salesch Torwandvandalismus - die Doppelfolge. 17.00 Lenßen & Partner Pikanter Einsatz für das Team rund um den Anwalt mit dem Zwirbelbart und dem virilen Charme eines Karussellbremsers: In einem vermeintlichen FKKFerienparadies verbirgt sich ein Ring von Drogen schmuggelnden, nymphomanischen Terroristen - und wo soll man am Nacktbadetag die versteckte Kamera unterbringen? Lenßens Ermittler sind gefordert! 18.30 SAT.1 News Satire-Magazin mit Thomas Kausch. 19.00 Verliebt in Lemvörde Telenovela 20.15 Total daneben Auch dieses Mal ist der Name eindeutig Programm. 22.15 Akte 05/41 Reporter decken auf. Diesmal: Hatten Bundestagsabgeordnete Kontakt zu Berliner Prostituierten, oder hat Ulrich Meyer das wieder nur geträumt? Egal. Hauptsache der Scheitel sitzt.


DSF

RTL 2

11.00 Werbung 13.00 Bundesliga Classics Dt. Meisterschaftsfinale 1944, Germania Wien gegen Germania Prag, Pokalfinale 1975, 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach. 15.00 Einerkette mit Günter Netzer 16.00 Rönrad-Europameisterschaft in Danzig – live Für Deutschland geht die 19jährige Peggy Meise aus Erfurt an den Start. 18.00 Fußball U-17 Weltmeisterschaft in Papua-Neuguinea – live Gruppe D: Kambodscha – Panama. Der Sieger qualifiziert sich für das Ausscheidungsspiel gegen den Sieger der Partie Slowenien – Tansania um den Einzug in das Achtelfinale. 20.00 Dart-WM 2005 Liveübertragung aus dem „Iron Horse“ im schottischen Brunswick. Kann Weltmeister Shin Yung aus China seinen Titel verteidigen oder trifft er womöglich nicht die Mitte? Die Zuschauer vor Ort wackeln schon mit den Biergläsern. 22.00 Schachweltmeisterschaften: Finale Yuri Papanov gegen Alexej Rubashov, 4-stündige Liveübertragung aus dem Sportpalast in Omsk.

12.15 Kinderprogramm 15.00 Frauentausch 16.00 Haustausch 17.00 Brillentausch Diesmal tauscht die 43-jährige Arzthelferin Ingrid Schwelger ihre Brille mit Kunststofffassung gegen die randlose Zeiss-Brille von Versicherungskaufmann Bertholt Heisterkamp (35). Ob das gut geht? 19.00 Abschluss-Klasse ´05 Alex knutscht mit Steffi rum. Dabei ist er doch eigentlich fest mit Susi zusammen. Gott sei Dank sitzt die im Café und merkt gerade gar nix, weil Tom so cool die Kaffeemaschine putzt. Wenn das mal nicht der Oberhammer ist. 19.00 Big Brother 21.30 Big Brother – Die Entscheidung 22.15 Die Superfrauchen Ulla Wesokowskis (43) Cokkerspaniel Bömmi will nicht mehr vor die Tür. Ein Fall für Superfrauchen Kerstin (33). Die erkennt sofort: „Der ist kaputt.Am besten neu kaufen!“ Gibt es noch Hoffnung, oder kommt Bömmi in die Wurst? 23.00 Ärger im Revier - auf Streife mit der Polizei 0.00 exklusiv – die Reportage Pfusch am Bau. Wenn der Traum vom Eigenheim zum Alptraum wird. Jürgen (34) und Hildegard (32) Schüttler haben sich für ein EnergieSparhaus entschieden. Das Sozialamt will den Bau der Sozialhilfeempfänger aber nicht übernehmen. Jetzt stehen sie mit leeren Händen da.

02.00

Sexy Sport Clips

MTV

ARTE

MTV News Mag MTV Ringtone Charts MTV Ringtone of the week 14.00 Viva la Bam Mal ganz was Neues: Bam Margera bespritzt seinen Vater mit irgendeiner Flüssigkeit, sägt alle Möbel in der Mitte durch, springt danach mit dem Skateboard von ganz hoch oben irgendwo runter und sprengt zum Abschluss das Auto von seinem dicken Onkel in die Luft. 15.00 The Fabulous Life Diesmal: Promintente aus dem Showbusiness verraten ihre liebsten Klingeltöne fürs Handy. 16.00 TRL 17.00 MTV Dis-missed Zwei richtig scharfe Miezen aus Kalifornien kämpfen heute um Business-Student Craig. Der findet Rausschmeissen aber irgndwie doof. Also bleiben am Ende alle drei im Whirlpool sitzen und haben sich ganz doll lieb. Nur leider ist der MTVSendemast zu schwach. Immer

14.45 Lola - Frauenmagazin 15.50 Parsifal Inszenierung von Christoph Schlingensief – Wagner Festspiel in Bayreuth Kritiker waren von Schlingensiefs Parsifal enttäuscht: Der Regisseur verzichtete auf den Einsatz Rinderblut und habe damit seine künstlerischen Ansprüche kompromittiert.

12.20 12.30 13.30

diese Bild- und Tonstörungen. 18.00 MTV Made 19.00 MTV News Mag 20.00 Pimp My Ride 21.00 The Simple Life Schlechte Karten für Paris und Nicole: Die beiden Grazien müssen sich dieses Mal in der fleischverarbeitenden Industrie verdingen. Ultraeklig! Und dann gerät auch noch Paris’ Hund aus Versehen zwischen die Schweinehälften. So eine Aufregung aber auch! 22.00 MTV Unplugged Dieses Mal dabei: Scooter 1.00 Night Videos

TITEL

die nächsten 2000 Jahre

19.00 Vénus & Apollon Neue Serie: Die vier Kosmetikerinnen haben heute wieder jede Menge Kunden im Laden. Das wird bestimmt für Zündstoff sorgen. Noch dazu, wenn Azubine Bijou ihr Höschen vergessen hat und deshalb ganz verzweifelt ist.... 19.45 Arte Info 20.00 Kulturjournal 20.15 arte Themenabend Hackfleisch Ein Hauch von Mystik umgibt das beliebte Fleischprodukt aus Rind, Schwein oder halb und halb. Nicht zuletzt Regisseur Christoph Schlingensief hat Hackfleisch kürzlich als Werkstoff entdeckt, mit dem sich seine filmischen Visionen umsetzen lassen... 23.45 Arte Info 0.00 Reportage 1.00 Metropolis

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FACTS

Der Tunnel am Ende des Lichts von Jan Paulin

W

enn einem vom Leben wieder ein bisschen schwindelig geworden ist, sollte man am Wochenende einfach mal zuhause bleiben, statt wie gewohnt nächtens durch die Gassen der Innenstadt zu baldowern. Im achten Semester sollte man sowieso den Kopf zwischen Bücher hängen und nicht seinen Frontalcortex, auch Stirnhirn genannt, nach durchzechten Nächten an der Klobrille verkühlen. Hand aufs Herz, in letzter Zeit habe ich mein Haupt etwas zu oft auf biertriefenden Theken abgelegt. Das nervt, dauernd wird man wieder wachgemacht! Also, ein mutiger Schritt ans Mikro und es heißt: Das Halali aus den verruchten und verrauchten Trinkhallen dieser Stadt wird heute kein Gehör bei mir finden. Ich muss mich erholen. Ich glotz TV. Rauf auf das Sofa und rein ins Vergnügen. Bill Murray hat einmal gesagt: „Schauspieler, die berühmt werden und nicht auf sich Acht geben, bleiben ihr Leben lang prominente Affen“. „Recht hat er“, schallte uns von den Bäumen und Bergen diverser Dschungel- und Alpencamps ins Wohnzimmer. „Aber wenigstens gibt es Geld fürs Lausen.“ Davon immer noch traumatisiert schnappe ich mir die Fernbedienung und fange ganz vorne an. Mit jeder Senderbelegung trifft man ja irgendwie auch eine Bewertung und definiert gleichzeitig seinen eigenen Medienverbrauch. Bei mir sieht es wie folgt aus: Eins und Zwei klassisch ARD und ZDF, dann ARTE, dann die Dritten, dann die private 1. Bundesliga, dann die 2., dann Sport, dann Nachrichten. Also los, Psychologen und Konsumforscher dieser Welt: Analysiert und kategorisiert mich! Ich will alles hören! Der Grundstein für den tagtäglichen Fernsehwahnsinn ist mit einem Datum und einem Namen verbunden: 28. Februar 2000, Zlatko. Eine Art Pfahlsitzen mit Rudelbumsen als Sendekonzept hat seither einen festen Platz im deutschen Fernsehwald und nach und nach auch andere Formate mit seinem ansteckenden Virus angesteckt. Sogar die deutsche Eiche des TVProgramms, Thomas Gottschalk, muss jetzt Kelly Osbourne und ihren Vater in seine Show einladen und dabei darum bangen, dass Erstere ihm nicht zur Begrüßung ins Gesicht spuckt und Letzterer überhaupt am Leben bleibt. Zlatko kommt bei dem ganzen eigentlich nur eine Nebenrolle zu, aber eine historische. Er war der Erste, der vollkommen ungekünstelt den Volltrottel gab und hinterher auch noch versuchte, in die Charts zu kommen. Nach einigen weiteren Versuchen sah man bei Endemol ein, dass nicht genug Ressourcen für solcherlei Liedgut zu finden sind. So schleust man heute die verbrauchten Teilnehmer kurzerhand als

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FACTS

Animatoren bei Neun Live ein oder recycelt sie gleich in der eigenen Sendung. Dort spielen sie in Sachen TV-Sender zwar wenigstens noch 2. Bundesliga, dürfen aber meist nur die sogenannten „Challenges“ moderieren. Und das auch nur, wenn Oli P. krank ist oder seine Sonnenbrille vergessen hat. Ich schlurfe in die Küche und suche nach geeigneter Nervennahrung fürs Abendprogramm. Irgendwie gehört dieser Bilderteppich schon lange mal ausgeklopft. Wen interessiert es, was sich Politessen in Frankfurt-Offenbach anhören müssen, wenn sie den Mercedes vom Dönerbudenbesitzer Ali abschleppen lassen. Oder wie sich Armin und Sabine aus Essen auf ihre ungeborenen Zwillinge vorbereiten. Manchmal, wenn ich in der richtigen Stimmung bin, dann kommt mir eine Revolte gar nicht so schwer vor.Wir müssten sie einfach alle nicht mehr schauen, die Dicken-Abnehm-KZ´s und Pimp-meine-Schrottbude-Shows. Wegschmeißen, die olle Röhre, und dann im Keller eine Auberge für Künstler einrichten, die von dort aus den Umsturz und kreativen Neuanfang im deutschen Fernsehen planen. Aber mir fehlt die Laune. Ich müsste sowieso erst meinen Mitbewohner fragen. Der würde dann wahrscheinlich motzen, weil wir fortan unsere Wäsche nicht mehr im Keller aufhängen könnten, sondern im Zimmer trocknen müssten und davon ja bekanntermaßen die Tapete kaputtgeht. Außerdem machen Künstler im Keller sowieso nur Ärger. Aber so ein Piratensender Powerplay, das wäre schon toll. Mit Viva wurde Anfang der Neunziger so etwas ja schon versucht. Doch nach der Übernahme durch die Firma Viacom ist vom sympathischen Chaossender Dieter Gornys heute nicht mehr viel übrig. Ausgehöhlt, als eine bloße Fassade, die ihren Namen behalten darf, fungiert er als Abspielstation für Handy-Klingeltöne. Fast forward, stop! Wir haben es zugelassen. Zurück vor dem Fernseher sehe ich den Tunnel am Ende des Lichts: Frauentausch. Möglichst dicke, hässliche und rotgefärbte Gebährmaschinen vom Lande tauschen Heim und Herd mit solariumgebräunten, wasserstoffblonden Großstadtweibern. Die Punchline liegt auf der Hand: Frau Nummer Eins kommt in Berlin-Kreuzberg natürlich nicht klar. Man wartet nur darauf, dass die Tränen rollen und mit zitternder Unterlippe die Liebe zur Familie im hessischen Obermumbach beschworen wird. Dort wird die Abtrünnige derweil auch schon ganz schön vermisst. Die Blondine aus der Großstadt heizt nämlich ordentlich ein. Der abgeschlaffte Familienvater trägt sonst nur Jogginghose und Unterhemd, jetzt muss er Hemden bügeln und darf nicht ins Fußballtraining. Bei soviel geistigem Tiefflug zieht ein Bild vor mein inneres Auge. Mit dem Fernsehen ist es wie mit dem Fallschirmspringen. Du denkst noch: Was zum Teufel mache ich hier? Schon bist du an der Türe angekommen, wo man nur ein dumpfes Brausen hört. Dann das Gefühl, als kippe man nach hinten um, wie im Traum. Sobald man draußen ist, hört man nur noch den Wind, schschschschschsch. Bevor du es merkst, bist du mittendrin und kannst nur noch hoffen, dass der Schirm aufgeht. Ich reiße am Riemen und mache die Glotze aus. Eigentlich hätte ich ja gerne noch Wahlkampf geschaut, aber das erspare ich mir jetzt. Phrasenbingo hab ich ja schon bei Neun Live gesehen. „Wenn du an eine Weggabelung kommst, nimm sie“. Das sagte schon der amerikanische Baseballweise und Komiker Yogi Berra. Unsere Politiker scheinen das jetzt ernst zu nehmen und wo würden wir so etwas lieber sehen, als im Fernsehen. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich glaube ich gehe doch noch aus. Das mit der Erholung klappt nicht so richtig.

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FACT

bekommt Besuch In einer Ausgabe voller Neuerungen gibt sich dieses Mal auch der bewährte Malpsensant unkonventionell: Unbeeindruckt von den soziopathischen Anwandlungen des Berufsmisanthropen trieb Kommunikaze-Autorin Stephanie Schulze den Malpensant-Erfinder Sven Kosack im Auslandsexil auf und hielt ihre Beobachtungen in einem Artikel fest. Doch auch Kollege Kosack wollte gehört werden und schickte prompt eine Gegendarstellung. Beide zusammen präsentiert Kommunikaze im Rahmen der aktuellen Folge von Le Malpensant. Teil I: Ein Bericht, für die ich weder Kosten und Mühen noch Gefahren gescheut habe.

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von Stephanie Schulze

iele von euch zittern schon beim Aufschlagen seiner Kolumne:Wo wird der Malpensant diesmal zuschlagen? Versteckt er auch meine Bücher in der Bereichsbibliothek Natur wissenschaften? Schleppt er auch mich eines Tages ab, um mich mit seiner Miesepetrigkeit zu überhäufen? Wie lebt eigentlich einer, der das Leben hasst? Ich habe ihn für euch besucht – in Athen. Während Deutschland bei gefühlten 15°F im Schnee versinkt, bin ich am 17. Februar unterwegs nach 15°C und Sonnenschein. Schon der Anflug ist traumhaft. Ca. einen Kilometer unter mir liegt, weißlich glitzernd an Hügel geschmiegt, der griechische Moloch, Chaoscity, Athen. Und dahin hat sich der Malpi seit 6 Monaten abgeschoben. Ich kann euch berichten, er ist eigentlich ganz nett, der Malpi. Holt mich so vom Flughafen ab und versucht seiner finnischen Mitbewohnerin Maaria zu verkaufen, er sei ein Macho, während er abwäscht, Frühstück macht oder das Bad putzt. Maaria war von seinen Qualitäten als Macho bis zu meiner Abreise noch wenig überzeugt. Auch ich habe meine Zweifel. Nachdem der Malpi alle Hausarbeiten erfolgreich erledigt hat, machen wir Sight Seeing. Der Wachwechsel vor dem Parlament, Monastiraki, die Akropolis – You can’t walk here! We are closed now! – die Universität, der Olympiapark. Investruinen neben Originalruinen neben Destruktionsruinen. Und überall, wo noch keine Ruinen stehen, werden welche gebaut.

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Zum Beispiel an der Universität: Die philosophische Fakultät sieht – unglaublich aber wahr – noch ranziger aus als das EW-Gebäude. Der steinerne Kotzbrocken kann zu allem Überfluss noch nicht einmal Zweckmäßigkeit für sich reklamieren. Gleich daneben befindet sich ein großes Loch im Erdreich. Dort entsteht eine neue Unibibliothek. Der Malpi und ich schließen eine Wette, ob die Griechen mit dem Bau wohl bis zur Jahrtausendwende fertig werden. Malpi wettet dagegen, ich auch. Anderes Beispiel, die Innenstadt. Spontane Löcher in der Straße werden schnell zu Fußfallen für leichtsinnige Touristen. Deshalb sind um manche dieser Löcher auch Kegel gestellt, um andere regelrechte Baustellenabsperrungen. Baustellen sind diese umrandeten Löcher allerdings nicht, denn das hieße ja, dass man an der Beseitigung des ursächlichen Problems interessiert wäre. Die Löcher im Boden sind aber das geringste Problem in der Innenstadt. Was einen wirklich umbringt in Athen, das ist der Straßenverkehr. Rette sich wer kann! Wessen Fuß in einem Loch stecken bleibt, während ein hupendes Taxi herannaht, dessen Flüche sind gezählt. Malaka! Arschloch! Eines der wichtigsten Wörter, gerade auch in diesem Zusammenhang, und das erste von zwei griechischen Wörtern, die mir der Malpi beibringt. Das andere ist Sindagma. Verfassung. Der Malpi selbst gibt täuschend echt vor, neugriechisch zu verstehen und sogar zu sprechen. Davon kann ich mich bei einem Fußballspiel von A.E.K. Athen, Malpis Lieblingsverein, gegen Herakles Thessaloniki überzeugen. Während er die Gesänge von „A.E.K. olé!“ über „Fick dich, Herakles!“ bis „Ich ficke deine Mutter!“ (oder, wie es wortgetreu übersetzt heißen muss: „Ich ficke deine Mami!“) laut mitgrölt, muss ich mich auf das Nachäffen der obszönen Gesten beschränken. Nachdem die B-Klasse Mannschaft A.E.K. das Spiel mit 2:1 nach 0:1 Rückstand noch leidlich nach Hause gebracht hat, brüllt das ganze Stadion ein letztes Mal unisono „Penis“ auf griechisch, dann kann ich zurückkehren in den ganz normalen Malakawahnsinn. Zwei Tage später sitze ich schon wieder im Flugzeug und denke zurück an die Zeit mit unser aller Malpi im einzigartig lumpigen Athen. Chaos ist ein griechisches Wort. Kein anderes charakterisiert ein Land besser, dass sich einer solchen Hauptstadt für schuldig erklären muss. Außer vielleicht noch das Meistgehörte: Malaka! Teil II: So war das ja alles überhaupt nicht! Eine Gegendarstellung von Sven Kosack

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hr kennt das sicher auch: Es ist Wochenende, die Arbeiten der Woche sind erledigt, die Vögel zwitschern in den Gärten, und zur Vervollkommnung meines Glückes bin ich auch noch 2500km von Osnabrück und den ganzen Bekloppten entfernt. Doch da klingelt es an der Tür. Kollegin Schulze. Die ich hasse, denn ich bin der Malpensant, und ich hasse das Leben. Tatsächlich, kein Zweifel! Egal, wo man sich verkriecht, egal wie klar man gesagt hat, dass man einfach seine Ruhe haben will, sie erreichen einen doch immer: Gäste und GEZ-Briefe. Kann man sich letzterer noch durch einfaches Verbrennen erwehren, so ist dies bei Gästen naturgemäß schon schwieriger. Und obgleich ich verzweifelt versuche, meine Anwesenheit zu leugnen, stürmt Kollegin Schulze doch endlich mit einem „Hallo Malpi, na, du sitzt wohl auf Deinen Ohren!“ in die Wohnung und breitet sich genüsslich aus. Zunächst wird ein kompletter Raum samt Schlafcouch von ihr in Beschlag genommen, danach das Badezimmer mit ihren unzähligen Kosmetika vollgestellt, und schließlich hat sie auch noch ein paar Dutzend Heimatkommunikazes mitgebracht, mit denen sie dann meine Erstausgabensammlung von Balzac-Werken verschandelt. „So, und nun lass es uns mal so richtig gemütlich machen!“, flötet sie gutgelaunt, was in mir die Galle hochtreibt. Es war so richtig schön gemütlich OHNE dich!

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Aber egal. Jahrtausendealte Regeln befolgend setze ich sie nicht vor die Tür, sondern mich an den Küchentisch und ein Lächeln auf. Das hält sie wohl für eine Einladung, denn was nun folgt, ist eine Laberkanonade bei Chips und Wein, nur ab und zu unterbrochen von Stuhlpflege oder Futternachschubbeschaffung. Dabei kommt dann stets der Satz, mit dem Gäste gerne die Küche bis zur Unkenntlichkeit verwüsten: „Kann ich was helfen?“ Ich verneine und kümmere mich lieber persönlich um die Trogauffüllung. Kollegin Schulze frisst wie ein Scheunendrescher. „War halt ein langer Weg aus Osna hierher“, erklärt sie mir entschuldigend und kauend. Ich nicke. Dann verfalle ich wieder in schweigende Agonie, was sie zum Zeichen nimmt, mir immer weiteren Schwachsinn zu erzählen, bis dass das Niveau endlich nicht mehr zu unterbieten ist. Endlich hält sie um drei Uhr nachts die Klappe, und ich kann mich dankbar für ein paar Stunden in die Heia in eine Traumwelt aus Hänsel und Gretel, Lebkuchen, Öfen und Hexen flüchten. Die Hexe damals wusste wenigstens noch, wie man mit ungebetenen Gästen umgeht! Und ebenso wie mich Kollegin Schulze heimsucht, so suchen auch ungebetene Gäste Griechenland heim. Mit einem „Heda, mehr Ouzo“ stürmen sie die Wiege der Kultur und trampeln die letzten intakten Tempel zu Ruinen. Ganz besonders gerne habe ich die amerikanischen Touristen. In kurzen Boxershorts und mit den schlechtesten Sonnenbrillen der Welt ausgestattet, stürmen sie unter ständigen „nice“-Rufen die antiken Stätten. Dass hier einige der größten Denker der Geschichte (meine Person eingeschlossen) umhergewandelt sind, interessiert sie wenig. Mehr sind sie an der Produktion der ewig gleichen Bilder mit einer dicken Frau in Leggins vor dem Parthenon oder dem Ankauf von Gipsstatuetten von Diskuswerfern interessiert. Die griechische Wirtschaft hat sich entsprechend darauf eingestellt und erzielt nun 99% ihrer Umsätze aus der Produktion und dem Verkauf von Touristennippes. Wer einmal auf der Suche nach einem lilaroten Muschelkästchen mit Muttergottesbildchen war, das beim Öffnen „Sonntags nie“ spielt, in Griechenland wird er es finden. Und noch weitere Dinge haben sich unsere Freunde aus Gyrosland ausgedacht, um sich für ihre Gäste zu rächen: Griechische Restaurants, die verkokeltes Schweinefleisch mit Gurkenjoghurt verramschen, die hässlichen Olympiamaskottchen (die aussehen wie ein Kondom über einem Trichter), die nervige Sirtakimusik, eine eigene Schrift zum Ausländer-Verarschen und hemdensprengendes Brusthaarwachstum, mit dem sie kleine Kinder erschrecken. Kollegin Schulze scheint das alles aber wenig zu beeindrucken. Begeistert schießt sie Photos, shoppt T-Shirts mit Sprüchen wie „Kicken ist mein Hobby – Leider habe ich einen Sprachkehler“ oder „Es ist nicht alles Trübsal, was geblasen wird“ und zündet ein kleines Kerzlein der Ausländerintegration an, als sie sich ein AEK-Trikot kauft und im Stadion Fickparolen grölt. Auch ansonsten wuselt sie sich begeistert durch Athen, futtert Spinat und Käse in Blätterteigtaschen, ersteigt mit mir Ruinenbauten älteren (Akropolis) und neueren (Philosophische Fakultät) Stils, blinzelt in stetig wechselnden Brillen in die wärmende Frühlingssonne und scheint sogar ihren Frieden mit dem Athener Verkehr geschlossen zu haben. Jedenfalls überlebt sie sowohl Taxiattacken, Motorradangriffe als auch klaustrophobische Busfahrten, und das, obwohl sie zur Kommunikation mit den übrigen Straßenverkehrsteilnehmern lediglich das Wort „Malaka“ (Arschloch) gebrauchen kann und muss. Soviel Souveränität nötigt natürlich Respekt ab. Ein Gefühl, dass ich überhaupt nicht mag. Und so bin ich dann ganz froh, daß Kollegin Schulze endlich ins Flugzeug steigt und wieder nach Osnabrück zurückkehrt, denn nun habe ich endlich Zeit, meine Feder aufs Papier zu senken und die Geschichte ihres Griechenlandbesuchs aus meiner Sicht zu erzählen. Denn ewig werde ich nie nett sein. Versprochen!

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Das Leben in vollen Zügen genießen von Volker Arnke

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er nächste und letzte Halt ist Münster in Westfalen Hauptbahnhof. Dieser Zug endet dort. Bitte alle Fahrgäste aussteigen.“ „Ach, hallo! ...“ sage ich zu dem bekannten Gesicht, das ich kurz vor dem Ausstieg in der Nähe der Zugtüre erblicke und das mich zuvor so freundlich angegrinst hatte. „… was machst du denn hier?“ – „Ich arbeite gerade in Münster in einer Bank, habe da schon meine Ausbildung gemacht […] und wohin willst du?“ Wir steigen aus dem Zug. Ich antworte: „Nach Bochum, mache da ein Praktikum, fängt heute an.“ – „Cool, und wie lange?“ – „Na ja, drei Monate sind’s schon.“ erkläre ich mit den Gedanken an dadurch nicht so wirklich vorhandene Semesterferien und die super Aussicht, an den Wochenenden Hausarbeiten schreiben zu müssen. Wir gehen die Treppe des Bahnsteigs hinunter. Ich muss in die Regionalbahn nach Dortmund, Abfahrt 8.38 Uhr von Gleis 17. Er muss Richtung Innenstadt - zur Bank. Er fragt mich, ob ich mir für die lange Zeit in Bochum eine Wohnung genommen habe. „Nee, ist billiger mit der Bahn - ich pendle.“ Sein Blick zeigt die von mir erwartete Reaktion. Auch viele meiner Freunde begegneten mir mit Skepsis, wenn ich ihnen verriet, dass ich während meines Praktikums täglich zwischen Osnabrück und Bochum hin und her fahren wolle. Das sei doch viel zu stressig und so weiter. „Ja, aber wo es doch viel günstiger ist und ich gern in Osnabrück bei Kind und Kegel bin…“, entgegnete ich dann meistens. Sei’s drum; die Entscheidung steht ja nun fest. Nichtsdestotrotz bringt mich sein Gesichtsausdruck, nachdem wir uns verabschieden, erneut in nachdenkliche Stimmung: „Ist die Bahn tatsächlich so schlecht wie ihr Ruf? Werde ich täglich mit Verspätung in Bochum oder Osnabrück ankommen? Wäre es vielleicht doch besser gewesen, sich im Pott eine Wohnung zu nehmen?“ Da ich weiß, dass diese Fragen nur die Zukunft beantworten kann, blicke ich zuversichtlich in dieselbe und spute mich etwas, um die RB Richtung Dortmund, Abfahrt 8.38 Uhr von Gleis 17, zu erwischen. Schnell noch einmal die Anwesenheit der wichtigsten Reiseutensilien im Kopf überprüft: Das Portemonnaie, Geld und Ausweise sind in unserer Gesellschaft unersetzlich: alles im Rucksack, gerade im Zug noch gesehen und verstaut. Meinen Schlüsselbund habe ich eben auch noch gesehen. Schlüssel zu verlieren ist immer ausgesprochen ärgerlich, man kennt da ja die wildesten Geschichten. Mein Handy habe ich, Gott sei Dank, in der Hosentasche. Es ist heute besonders wichtig für mich. Die Telefonnummer meines neuen Arbeitgebers ist eingespeichert - nur für den Fall der Fälle; sollte zum Beispiel die Bahn tatsächlich schon am ersten Tag so schlecht sein wie ihr Ruf, oder falls ich in Bochum nicht den rechten Weg… SCHEIßE!!! Das in meiner Hosentasche ist gar nicht mein Handy, sondern wie durch genauere Ertastung während meiner Gedankengänge festgestellt, mein Schlüsselbund in Kombination mit einem Papiertaschentuch! „Verdammte Mistekacke“, und ähnlich schreckliche Schimpfworte rasen mir durch den Schädel, während ich wie wild meinen Rucksack durchsuche – Nichts! „Verdammt! Arrrg… Schuld ist nur der scheiß Arschlochbekannte aus dem Zug! Ohne den hätte ich meinen Platz bestimmt noch mal kontrolliert und…“ Ich versuche mich zu beruhigen, stehe und denke über meine unfassbare Blödheit nach. Es ist der 25. Juli, der erste Tag meines Praktikums, ich steige zum ersten Mal in dieser Zeit von einem Zug in einen anderen. Ich werde noch drei Monate Zug fahren, genauer: 13 Wochen, oder aber auch 54,9 Tage. Noch besser: 219 Umstiege liegen vor mir. Ob das gut geht?

Fortsetzung folgt!

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ALL von Stefan Berendes

Auch Unbedarfte dürften es gemerkt haben: Mit dieser Ausgabe gibt es einige Veränderungen bei der Kommunikaze. Der phänomenale Erfolg der letzten Ausgabe hat die Redaktion dazu veranlasst, eifrig die Köpfe zusammen zu stecken, um das Blatt kurz vor seinem dritten Geburtstag in die nächste Generation zu überführen. Herausgekommen ist dabei eine größere, buntere und möglicherweise sogar bessere Kommunikaze als bisher Aber was ist nun überhaupt alles anders? Und was um Gottes Willen soll das alles? Eine Übersicht: NEUES FORMAT

Das neue Format wird nun wirklich auch dem letzten aufgefallen sein: Seit dieser Ausgabe erscheinen abstruse Reportagen und kreative Ergüsse bei uns zum ersten Mal nicht im platzsparenden DIN A 5, sondern ungleich großzügiger im fast schon verschwenderisch wirkenden DIN B 5. Aber heißt größer auch automatisch besser? Zunächst mal heißt größer jedenfalls mehr Platz, und der wird bei der Kommunikaze dringend gebraucht: Bei aller Kreativität war in der Vergangenheit das Lesevergnügen doch immer sehr schnell vorbei, denn auf 20 DIN A 5-Seiten drängten sich Facts, Fiction, Titelstory, Werbeanzeigen und alles andere doch sehr dicht zusammen. Die Folge: Längere Texte waren oft gar nicht oder nur als Fortsetzungsgeschichte realisierbar. Der Schritt zu DIN A 4 schien uns aber dennoch zu groß, denn ab dann wird die Sache ehrlich gesagt etwas unhandlich. Doch mit unserem neuen Format haben wir unseres Erachtens eine gute Kompromisslösung zwischen Handlichkeit und Platzbedarf gefunden. Fazit: Nun gibt es erstmals mehr Platz für alles -- nicht zuletzt auch für ein neues Layout, was uns zum nächsten Punkt führt.

LAYOUT

Als wir Kommunikaze gründeten, sollte das Layout dazu dienen, die gebotenen Texte zu ergänzen und fantasievoll zu illustrieren. Das Problem: Vor allem durch den Platzmangel geriet die Gestaltung oft allzu pflichtschuldig. In der neuen Kommunikaze soll das nun deutlich an-

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ES NEU ders werden. Konkret bedeutet das: Bei zentralen Beiträgen, wie z.B. der jeweiligen Titelstory, gibt es nun deutlich mehr fürs Auge. Aber das neuen Standardlayout sorgt dafür, das auch kleinere Artikel nicht alle gleich aussehen. Dazu kommen zahlreiche Kleinigkeiten, die auch mit dem Heftaufbau zu tun haben, wie der leicht überarbeitete Seitenspiegel, die komplette Neugestaltung des Inhaltsverzeichnisses/Editorials oder die Fotos und Collagen, die nun jeden Artikel einleiten. Insgesamt also ein Layout, das sich weniger als bisher räumlichen Zwängen beugen muss. Abgerundet wird das Ganze schließlich durch mehr Farbe im Umschlag und dem Vorsatz, in Zukunft aus jedem Kommunikaze-Cover einen echten „Hingucker“ zu machen. Wir hoffen, es gefällt Euch!

NEUER ERSCHEINUNGSRHYTHMUS

Berüchtigt ist die Kommunikaze nicht nur für ihren Inhalt, sondern auch für die chronische Unpünktlichkeit beim Erscheinen. Bisher war das regelmäßig Anlass für zahlreiche Mails von besorgten Lesern, die den Patienten Kommunikaze schon im Jenseits wähnten. Dass unsere Leser ständig mit dem Schicksal der Postille hadern müssen, können wir natürlich nicht verantworten. Deshalb gibt’s anstelle des (sowieso utopischen) Versprechens, während der Vorlesungszeit monatlich eine Ausgabe auf den Markt zu werfen, in Zukunft ganzjährig jeden zweiten Monat die neue Kommunikaze. Der Vorteil: Wir haben einerseits für alles Organisatorische mehr Zeit und können andererseits auch beim Inhalt mehr Sorgfalt walten lassen. Wenn denn also alles so funktioniert, dann war diese Ausgabe die letzte „verspätete“ Kommunikaze. Stattdessen gibt es demnächst deutlich regelmäßiger und pünktlicher als bisher die nötige Dosis facts & fiction!

NEUE HOMEPAGE

Erinnerst sich noch jemand an den ersten Online-Auftritt der Kommunikaze? Ist immerhin schon etwas länger her, denn mit dem Weggang unseres ehemaligen Webmasters Knud endete die ruhmreiche Zeit von Kommunikaz.org. Die zurückgebliebene Redaktion zeigte sich wenig www-kompatibel und ließ die Seite erst verwildern, bis sie dann unserem Webspace endgültig in den Orkus folgte. Doch das Problem darf mittlerweile als gelöst gelten, denn Kommunikaze-Leser Veit Larmann sorgte nicht nur als Coverboy für einen reißenden Absatz der letzten Ausgabe, sondern erklärte sich auch zur spontanen Überarbeitung des veralteten

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.meinfooter,.meinfooter a, .meinfooter a:link, .meinfooter a:active, .meinfooter a:visited, .meinfooter a:hover { Internetangebots bereit. Das Ende vom Lied: Schon seit Mitte September gibt es unter font-family: Verdana, Helvetica, www.kommunikaze.org auch wieder etwas für die Öffentlichkeit zu sehen! Die neue InkarArial, nation der Homepage sans-serif; versteht sich dabei als begleitendes und ergänzendes Angebot zur gedruckten Ausgabe. Einerseits kann man hier also in allen (!) bisher publizierten Kommunikazefont-size: 11px; Artikelncolor: stöbern und damit eventuelle Bildungslücken #000000; schließen, andererseits bietet die Seite neben obligatorischen Spielereien wie Linkrubrik und Gästebuch auch einen Einblick in die font-weight: bold; Geschichte unser aller liebsten Zeitschrift für facts & fiction und stellt Euch überdies die text-decoration: Mitglieder von Team Kommunikaze näher vor. Kurz und gut:none; www.kommunikaze.org leistet } all das, was in der gedruckten Ausgabe oft dem Platzmangel zum Opfer fällt und wird damit zum Bookmark-Tipp für alle Leser „dieser Zeitschrift die Jan, Darren und Stefan da herausgeben, Kamikaze oder so ähnlich...“ .articleCode {

margin-bottom: 3px; font-family: "Courier New", Bei all den Neuerungen mag es vielleicht auch beruhigen, dass einiges unverrückbar beim alten Courier, monospace; Bleibt: Kommunikaze wird also in Zukunft weder zur Lifestylegazette noch zum Magazin für politische Kultur oder wasauchimmer werden, sondern bleibt dem bewährten inhaltlichen font-size: 12px; Konzept treu. Bis auf Weiteres gibt es also die gewohnte Mischung aus Geschichten und } WAS SICH NICHT ÄNDERT

Berichten, gewürzt mit reichlich Skurrilem und Abstrusen.

h1, gilt h2, h3, h4, h5, h6 zum{Abdruck zu schicken Weiterhin auch der Aufruf an alle Interessierten, uns Material font-family: (und zwar an texte@kommunikaze.org) oderArial, sich gar einen Platz imHelvetica, Team Kommunikaze zu erdichten -- auch hier reicht zur Kontaktaufnahme eine Mail an info@kommunikaze.org. sans-serif; }

Und auch Feedback zu gedruckter Ausgabe, unserer Homepage und natürlich den hier erläuterten Neuerungen ist uns herzlich willkommen! Schreibt uns Mails, Postkarten und postet . das Gästebuch voll, ganz egal! Denn die schockierende Enthüllung aus der letzten Ausgauns be, dass wir Kommunikaze nur zum Aufbrezeln unserer Lebensläufe herausgeben, bedeutet ja nicht, dass nicht eine Zeitschrift dabei herauskommen kann, die auch gerne gelesen wird! Um mir also abschließend die Worte des Kollegen Paulin aus der allerersten KommunikazeAusgabe auszuborgen: „Runter von der Schlafcouch und ran an den Füllfederhalter. Oder die Staffelei. Oder das Objektiv. Oder so. Wie auch immer, wir sehen euch.“

Unten: Kommunikaze.org bietet Gelegenheit zum Stöbern in allen bisherigen Veröffentlichungen und lädt per Gästebuch zu Dialog und Feedback ein!

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good morning TV, you’re looking so healthy von Anna Groß

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meisen im Teppichboden und der Mann in dem frischgewaschenen grauen Kapuzenpullover, der auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz nimmt und mit mir MTV guckt, und ich mache in der Mikrowelle einen Becher warmen Kakao für ihn. Denn es ist so kalt draußen. Es ist kalt und regnet, und deshalb mache ich einen warmen Kakao für ihn und bringe ihm diesen. Er sieht mich an, und es ist eigentlich egal, ob du dieser Mann oder meine beste Freundin bist. Hauptsache du hast einen frisch gewaschenen grauen Kapuzenpullover an und du freust dich, na ja, was heißt freuen. Es ist eigentlich selbstverständlich. Nimmst den Kakao in deine beiden Hände und siehst fern. Ich setze mich vor dich auf den Boden und lege meinen Kopf in deinen Schoß. Wir tragen die gleichen Sachen, weil wir uns gleich fühlen. Wir sagen nichts. Ich könnte für dich auch Thunfischsandwichs machen, Frühstück ans Bett bringen, mich schön anziehen, stehlen, betteln, meinen Körper verkaufen. Du musst es nur sagen. Nein, du musst gar nichts sagen. Ich will nur, dass du zufrieden bist. Dieses Bild vor meinen Augen, wie du mich ansiehst, wenn ich dir den Becher reiche. Als hättest du es gar nicht anders erwartet. Nichts Besonderes. Trink. Den Becher gibst du mir zurück. Und ich nippe nur, denn ich brauche wirklich nicht viel. Ich setze mich neben dich aufs Sofa. Du siehst mich nicht an und legst den Arm um meine Schultern. Ganz selbstverständlich. Als wäre es immer so gewesen, und dein Pullover ist weich und riecht frischgewaschen und vorne auf der Brust breitet sich ein nasser dunkler Fleck aus. Du siehst es und du wischt dir unter der Nase lang. Guckst erst mich an und dann auf deine Finger. Das ist Blut. Deine Augen drehen sich nach hinten und dein Kopf sinkt langsam zurück. Ich küsse deine trockenen Lippen. Gute Nacht. Und gleich sind wir beide für immer vereint in diesem Augenblick. Auf uns tanzen die Schatten des Fernsehprogramms. Doch immer wenn ich dich frage, möchtest du einen warmen Kakao, sagst du nein. Dabei muss ich dich warnen. Wer weiß, ob es noch mal besser wird. Ob es noch einmal so wird wie da.

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Die Urlaubsreise der Frau Diegelmann von Michael Weiner

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it einem „schönen Tach auch“ verließ Frau Diegelmann den Fleischerladen. Seit dreißig Jahren kaufte sie hier schon ein und sie hatte dem Geschäft auch die Treue gehalten, nachdem der alte Fleischer das Geschäft an seinen Sohn übergeben hatte. Es sei zwar seitdem nicht mehr dasselbe, sagte Frau Diegelmann immer, aber man müsse der Jugend eine Chance geben. Heute hatte sie aber nicht wie üblich Sülze und Mettwurst für sich (Schinken konnte sie wegen ihrer dritten Zähne nicht mehr so gut kauen), sondern nur Geflügelpastete für ihre Katze gekauft. Der wollte sie heute noch mal etwas Besonderes zu fressen geben, denn ab morgen würde Frau Franke aus dem Nachbarhaus nur jeden Tag Trockenfutter in Minkis Napf füllen und das Katzenklo saubermachen. Minki würde zwei Wochen lang auf ihre Besitzerin verzichten müssen, denn Frau Diegelmann würde ihre erste Urlaubsreise antreten, seit ihr lieber Hermann vor drei Jahren von ihr gegangen war. Als Frau Diegelmann abends im Bett lag freute sie sich schon sehr. Sie würde keine Busreise in den Bayerischen Wald oder eine Kreuzfahrt machen, wie andere Menschen in ihrem Alter. Sie würde zum ersten Mal nach England fahren. So oft hatte sie abends vor dem Fernseher gesessen oder in Romanen davon gelesen: Im Süden Englands wachsen des guten Klimas wegen Palmen. Aber man musste nicht damit rechnen, wegen schlechten Trinkwassers krank zu werden, wie Frau Diegelmann gehört hatte, dass es in Mittelmeerländern passieren konnte. Und immer wehte dort ein angenehmer Wind, und die Bäderarchitektur musste einfach himmlisch sein. Viel würde sie ja nicht unternehmen wollen, denn sie war ja nicht mehr die jüngste. Nur im Garten sitzen, englische Kriminalromane (in Großdruck) lesen und einmal am Tag die Promenade entlang spazieren oder gar ein paar Schritte auf die Seebrücke hinauswagen. Mit wehendem Rock und den Hut auf ihrem Kopf festhaltend. So war sie ins Reisebüro gegangen und hatte nach einem gut geführten Haus mit Vollpension und Garten gefragt. Ob das denn mit der Sprache kein Problem sei, hatte die Frau im Reisebüro gefragt, denn in solchen Häusern spräche man üblicherweise kein Deutsch. Aber für Frau Diegelmann sollte dies kein Problem darstellen, denn sie hatte in Kassel bei einem Bekleidungsunternehmen im Einkauf gearbeitet und für den Chef die Korrespondenz erledigt. Schriftwechsel und Telefonate auf Englisch gehörten da irgendwann dazu, so hatte Frau Diegelmann sich fortgebildet. Sie würde mit der netten Pensionswirtin schon das ein oder andere Schwätzchen halten können. Es hatte sich auch ein Haus ganz nach ihren Wünschen gefunden. Die Frau im Reisebüro lobte sie für die Wahl ihres Ferienortes, von dem Frau Diegelmann schon so viel gehört hatte und sagte

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ihr, dass es ein sehr traditionsreicher Ort sei. Am nächsten Morgen holte sie ihr Schwiegersohn ab und brachte sie zum Flughafen. Sie flog zwar nicht zum ersten Mal, schließlich war sie mit Hermann schon nach Rom geflogen, aber sie war doch etwas nervös.Wenn sie erst mal in London im Zug saß, würde sie im Salonwagen einen Sherry trinken. Der Flug war dann gar nicht schlimm, denn das Wetter war gut, und das Flugzeug wackelte nicht. Neben ihr saß ein junger Mann, der geschäftlich nach London unterwegs war. Sie unterhielten sich etwas und sie erzählte ihm davon, dass sie in ein schönes Seebad in Cornwall unterwegs war, um ein paar ruhige Tage zu verbringen und die Landschaft aus den Filmen zu sehen, die sie sich sonntags abends im Fernsehen ansah. Er erzählte Ihr von seiner Frau und sie ihm von ihren Enkeln. Am Flughafen half er Frau Diegelmann mit ihrem Koffer und besorgte ihr ein Taxi zum Bahnhof. Es war sehr aufregend, die Paddington Station zu betreten, in die sie sonst nur Sherlock Holmes und Dr. Watson auf deren Jagd nach Professor Moriarty oder Miss Marple begleitete. Nur ging ihr Zug nicht um 16 Uhr 50, wie bei Miss Marple, sondern um 12. Irgendwie fand Frau Diegelmann es schade, dass heutzutage keine Dampfloks mehr fuhren und sie in einen etwas schmuddeligen Zug einsteigen musste, der von außen mit Farbe beschmiert war. Einen Salonwagen gab es auch nicht, also musste der Sherry warten, bis sie in ihrer Pension ankommen würde. Am Zielbahnhof sollte sie mit einem Wagen abgeholt werden, das hatte die Frau im Reisebüro arrangiert. Es war ein gutes Gefühl, als sie im Zug saß und wusste, dass sie sich ab jetzt um nichts mehr kümmern musste. Ihren Koffer hatte sie auf den Sitz neben sich gestellt, denn hier war kein freundlicher junger Mann, der ihr den Koffer ins Gepäcknetz hob und das war ihr eigentlich auch ganz lieb, denn man wusste nie ob wenn man ausstieg auch jemand da wäre, der ihn wieder herunterhob. Und der Koffer war schon etwas schwer, denn Frau Diegelmann hatte Bücher für zwei Wochen dabei, was keine unerhebliche Anzahl bedeutete. Einige Leute im Wagon unterhielten sich, doch es fiel Frau Diegelmann schwer, etwas zu verstehen, denn die Menschen redeten alle sehr schnell und sprachen mit Akzent. Aber ihre Sicherheit kehrte zurück, als sie sich mit einem netten Herrn über den Gang hinweg zu unterhalten begann. Mr. Pennyworth stellte sich als netter Pensionär heraus, der an der Nordseeküste zu Hause war und nun für einige Tage seine Tochter besuchen wollte. Er würde mit seinem Schwiegersohn in der Garage am Wagen arbeiten und abends seinen Enkeln Geschichten vorlesen. Als Frau Diegelmann ihm erzählte, dass sie ans Meer fahren würde und dass sie es sich spannend vorstellte, am Meer zu leben, konnte Mr. Pennyworth das nur bejahen, fügte aber hinzu, dass es schön sei, auch mal Hügel und nicht immerfort Wasser zu sehen. Er hatte sich vorgenommen, bei seiner Tochter durch das hügellige Ackerland zu spazieren. Die Ansagen der Haltestellen wurden vom Tonband eingespielt und waren langsam aufgesprochen. Bestimmt von einer Schauspielerin, die eine gute Aussprache hatte und das war auch gut so, denn Frau Diegelmann durfte den Ausstieg nicht verpassen, denn es war nicht der letzte Halt des Zuges. Die Landschaft glitt vorbei und es wurde früher Abend. Frau Diegelmann wurde es nicht Leid aus dem Fenster zu blicken, doch heute würde sie nicht mehr an die Promenade oder gar auf die Seebrücke gehen, denn die Reise und die Aufragung hatten sie doch ermüdet und so war sie froh, als schließlich aus dem Lautsprecher die Frauenstimme erklang: „Ladies and gentlemen, the next Stop of the train will be Bath Main Station. In a few minutes we will arrive Bath.“. Schnell nahm Frau Diegelmann ihren Koffer und ging zur hinteren Wagontür. Der Zug hielt und Frau Diegelmann stieg aus. Als sie auf dem Bahnsteig Mr. Pennyworth wiedertraf, der sie seltsam anlachte, ging ihr auf, dass hier irgendwas nicht ganz stimmen konnte...

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Geringe Erwartungen von Anna Groß

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eine Schwester hat ihre Entwicklungsjahre regungslos vor dem Fernseher liegend verbracht. Das ist so das Bild, das ich jetzt noch von ihr vor Augen hab: Die lang ausgestreckte Gestalt in grauen Strick gewickelt, gelangweilt mit ausdruckslosem Gesicht auf den Fernseher starrend. Ab und zu hebt sie den Arm, um die batterieschwache Fernbedienung auf ihr Ziel zu richten. Die einzige zumutbare Anstrengung. Daran muss ich jetzt denken, wo mein Knie weh tut, wenn ich die Kupplung trete. Meine kleine Schwester, die im Hochsommer im abgedunkelten Wohnzimmer im dicken Strickmantel auf dem Sofa liegt und Fernsehen guckt und darüber klagt, dass es kalt ist. Meine kleine Schwester war so faul. Sie war so faul, dass sie schon in der Grundschule im Sport als wehleidig galt und sich ununterbrochen die Schnürsenkel neu band. Hat sich immer fangen lassen und ist als erste abgeworfen worden. Für den Schulweg von einem knappen Kilometer brauchte sie eine dreiviertel Stunde. Ich glaube, sie hat es in ihrer ganzen Schulzeit geschafft, nicht eine Aufgabe zu Ende zu bringen. Sie benahm sich unmöglich! Weil sie keine Lust hatte, allein nach der evangelischen Jugendgruppe nach Hause zu gehen, behauptete sie, ein Exhibitionist hätte sie belästigt. Um nicht abwaschen zu müssen, täuschte sie vor, ich hätte ihr im Streit den Arm gebrochen. 6 Wochen trug sie eine Armschiene und musste mit der anderen Hand umschalten. Gewisse Grenzen sollte man aufgrund der Glaubwürdigkeit einhalten, denke ich. Einmal hat sie mir erzählt, die neue Französischlehrerin, die immer so streng und so grob war, hieße Francoise de Groppe und wenn man es schaffte, ihr zu gefallen, nahm sie einen in den Arm und drückte einen so fest, dass einem die Luft wegblieb! Schlimmer war jedoch, dass diese Frau so eine spitze Nase hatte, dass sie den Kindern blaue Flecken und Schrammen damit zufügte. Bei dem Gedanken muss ich immer laut lachen. Ich weiß nicht, wer so alles ihre Freunde waren. Eine zeitlang, als ich schon ausgezogen war, kam immer eine Freundin von ihr, und sie haben zusammen Asia Nudel Snacks gegessen und Mila Superstar und Sailor Moon angeschaut. Diese Freundin hat sie dann wohl auch gefunden.

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Jedenfalls ist das Schlimmste für mich, dass es einfach keinen Ausschlag gebenden Grund dafür gab, dass sie sich das Leben genommen hat. Das Skalpell, dass sie benutzt hat, lag schon ewig dort auf dem Wohnzimmertisch rum. Mein Vater hat damit immer seine Zigarren angeschnitten. An den aufgeschnittenen Pulsadern wäre sie so auch gar nicht gestorben, aber die Wunden haben sich infiziert, und das ist es dann gewesen. Das denke ich alles beim Autofahren, weil beim Kuppeln mein Knie weh tut und ich finde es irgendwie schwierig, seitdem mein Leben in geordneten Bahnen weiter zu führen. Ohne einen Grund. Ohne irgendwelche Erwartungen. In Japan müssen die Eltern eine ganz hohe Strafe bezahlen, wenn sich ihre Kinder umbringen. Und ich denk immer: Was können denn die Eltern dafür?

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Die letzte Seite IMPRESSUM Kommunikaze Zeitschrift für facts & fiction REDAKTION: Jan Paulin (ViSdP) Darren Grundorf Stefan Berendes Anna Groß Michael Weiner Sven Kosack Stephanie Schulze GASTAUTOREN: Volker Arnke FINANZEN: Jan Paulin

Dinge, die die Erde noch retten können (Folge XV)

LAYOUT/SATZ/GRAFIK:

letzte worte:

Stefan Berendes

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nfassbarer Ansturm bei der Verlosung der MTV Campus InvasionTickets in der letzten Ausgabe: Manch Preiswürdiges, mitunter gar Herzzereißendes kam da zusammen. Am Ende muss es aber leider Gewinner geben, und so ging je ein Ticket an unsere Leser Sonja und Martin, deren besonders ausgefallene Schilderungen sich knapp an die Spitze setzen konnten. Die ganze Sammlung von guten Gründen gibt’s vielleicht bald auf kommunikaze.org olch hervorragende Beteiligung wünschen wir uns von Euch natürlich auch in Zukunft: Team Kommunikaze legt mit dieser Ausgabe vor (neues Format & Layout, neue Homepage), jetzt seid Ihr dran! Wir warten auf Feedback, Kritik und Lobeshymnen, die Ihr uns entweder an info@kommunikaze.org schicken oder direkt ins Gästebuch schreiben dürft. Und auch frische Talente sind uns immer willkommen! Texte zum Abdruck schickt ihr uns an texte@kommunikaze.org.

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un beginnt die Zeit des Darbens bis zur Dezemberausgabe. Wem das zu lange dauert, der vergnügt sich einstweilen mit der neuen Homepage und arbeitet dort den gesamten Backkatalog an veröffentlichten Artikeln durch -- nicht umsonst findet sich dort jeder bisher publizierte Kommunikaze-Beitrag!

Kommunikaze 16 erscheint Mitte Dezember 2005 Redaktions- und Anzeigenschluss: 01.12.2005

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FOTOGRAFIE: www.photocase.de Darren Grundorf Stefan Müller-Nedebock DRUCK: Druckerei Klein, Osnabrück Tel. 0541/596956 AUFLAGE: 400 Exemplare REDAKTIONSANSCHRIFT: c/o AStA Der Universität OS Alte Münze 12 49074 Osnabrück info@kommunikaze.org www.kommunikaze.org Die mit Namen gekennzeichneten Beiträge geben nicht zwingend die Meinung der gesamten Redaktion wieder. Für den Fall, dass in diesem Heft unzutreffende Informationen publiziert werden, kommt Haftung nur bei grober Fahrlässigkeit in Betracht.


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