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JANUAR 2003

端ber uns

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A B GA B E KOST EN LOS

facts & fiction

KOMMUNIKAZE

AU S GA B E 1

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wir


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Abends im... Balthasar Balthasar Mittwoch…. Happy Hour von 19 – 23 h Cocktails 3,30 Euro Longdrinks 1,90 Euro Bier 0,3 1,50 Euro

Donnerstag… Wein und Olive 3,50 Euro Glas Wein 0,2l dazu Oliven und Baguette

Freitag…

Margarita 2,99

Euro

das Café am Kamp mit dem Spitz en Ambiente

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Classic Strawberry Peach


Hallo, lieber potenzieller Leser!

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EDITORIAL W

enn Du dieses liest, bedeutet das, dass Du das Heft, welches Dir einer von uns (bzw. einer unserer zahlreichen Schergen) am Mensaeingang in die Hand gedrückt hat, nicht sofort weggeworfen oder in irgendeiner Tasche vergraben hast, in die niemals Tageslicht dringt. Das ist schon mal ein guter Anfang, wie wir finden! Ab diesem Moment haben wir schätzungsweise noch dreißig Sekunden, um Dich davon zu überzeugen, unserer glorreichen Erstausgabe kein unrühmliches Ende in einem uninahen Papierkorb zu verschaffen, also legen wir uns besser ein wenig ins Zeug: Wir wollen weder Dein Geld noch Deine Seele (zumindest noch nicht gleich), uns reicht schon ein bisschen Aufmerksamkeit, und all das auch auf lange Sicht nur einmal monatlich. Natürlich wetteifern wir da mit zahllosen Mensaflyern, HoPo-Schriften, Fachbereichszeitungen und anderen Periodika, aber das nehmen wir mittelfristig mal so in Kauf: Wir wollen und werden keine zweite AStA-Zeitung oder kein zweites WiWi-Echo (oder was auch immmer) sein – die gibt es schon, und das hat sicherlich auch seinen Sinn.Was wir sein wollen, das erfährst Du auf den folgenden Seiten, vorausgesetzt Du bleibst dran – sind eigentlich die dreißig Sekunden schon um? Falls Du noch da bist: Vielleicht wirfst Du mal einen wohlwollenden Blick auf unser erstes publizistisches Erzeugnis. Vielleicht - das wäre natürlich der Optimalfall – macht Dir unsere Zeitschrift sogar ein bisschen Spaß, vielleicht wirst Du gar zu unserem glühenden Verehrer, und Du und Deinesgleichen verschaffen uns ein frühes Leben in Ruhm und Reichtum – vielleicht gehen aber in diesem letzten Beispiel auch einfach nur ein bisschen die Pferde mit uns durch; Wer weiß es schon? Egal, das mit dem Reichtum hat auch noch etwas Zeit! Einstweilen wünschen wir spannende, interessante und vergnügliche Lektüre und sagen: Hoffentlich bis bald! Das Kommunikaze Team


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IN H ALT 4

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Wir über uns

EvENTS

Seite 5

F ACTS

Zeitschrift für Facts & Fiction Redaktion:

Jan Paulin JP (ViSdP) Stefan Berendes SB Darren Grundorf DG verantwortlich fürFinanzen: Jan Paulin Layout/Satz: Stefan Berendes Fotos: Darren Grundorf Auflage: 200 Exemplare Realisation: Ruck-Zuck-Druck

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Projekt Berlin 2003 Seite 08 Bahnhof der Konjunktive Seite 10

Mensch Herbert

Seite 16

FICTION Universitätsbibliothek Rooftop Club

Seite 12 Seite 14

Die mit Namen gekennzeichneten Beiträge geben nicht zwingend die Meinung der gesamten Redaktion wieder. Für den Fall, dass in diesem Heft unzutreffende Informationen publiziert werden, kommt Haftung nur bei grober Fahrlässigkeit in Betracht.


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Wir über uns... Worum geht es überhaupt?

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s soll ja Universitäten geben, an denen lernt man Leute kennen und läuft ihnen während des gesamten Studiums kein zweites Mal über den Weg. In Osnabrück geht es beschaulicher zu. Anonymität wird hier sehr klein geschrieben. Schnell findet sich zusammen, wer ähnliche Interessen hat. So gibt es für angehende Journalisten zum Beispiel den Unifunk. Für politisch Interessierte gibt es die Hochschulgruppen. Was unserer Meinung nach bislang jedoch gefehlt hat, war eine Art „Forum“ für Leute mit künstlerischen Ambitionen, seien es Fotografen, Maler, Filmemacher oder Schreiberlinge wie wir. Es sind die Leute mit Ideen, denen wir die Möglichkeit bieten wollen, zu veröffentlichen. Wo seid Ihr?

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Also, wo stecken all die verborgenen Talente? Was jetzt noch fehlt, das seid Ihr! Bereits im Vorfeld des Erscheinens, sozusagen in der Testphase, hat sich abgezeichnet, dass wir auf Resonanz stoßen. Die bisher noch kleine Redaktionscrew von drei Mann (Darren, Stefan, Jan) wurde oft auf das anstehende Erscheinen ihres Blattes angesprochen. Für den Starfotografen Darren Grundorf ergaben sich bereits erste Shootings mit den Models von der JusoHochschulgruppe —genau das, was wir beabsichtigt hatten: Wo


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sich mögliche Zusammenarbeiten auftun, da wollen wir sie nutzen. Wir heben den Schatz. Natürlich darf der Spaß dabei nicht fehlen. Allzu bierernst sollte man gerade in diesem Bereich nicht sein. Wir möchten in diesem Zusammenhang deshalb auch gleich darauf hinweisen, dass wir unter keinerlei Profilneurosen leiden! Auf keinen Fall will die Redaktion mit dieser Wir-über-uns-Ausgabe irgendwelche Geltungsbedürfnisse stillen. Vielmehr möchten wir uns und einige unserer Texte vorstellen, um einen Anfang zu machen. Wie soll das gehen? Damit das Ganze nicht aussieht wie ein Teller bunte Knete, haben wir auch schon ein wenig die Köpfe zusammengesteckt und sind zu einigen Ergebnissen im Bereich Layout und Aufbau des Blattes gekommen. Das Ergebnis haltet Ihr nun in den Händen. Natürlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Charakter des Blattes sich ändern wird, sobald die ersten Tapferen zu uns stoßen, und dass dies durch die gerne auch einmaligen Beiträge von Interessierten auch so bleiben wird. Umso wichtiger, dass die unterschiedlichen Facetten von einem stetigen aber trotzdem flexiblen Rahmen zusammengehalten werden. Mit der Aufteilung in Facts & Fiction und mit den zusätzlichen Rubriken Events und Titel, glauben wir eine gute Grundlage gefunden zu haben und hoffen, dass sie sich bewährt. Und jetzt?

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Was bleibt noch zu sagen? Wir hatten bis jetzt schon so viel Spaß an dieser Sache, dass für uns zumindest eins klar ist: Wir bleiben


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dabei. Ihr könnt mit uns rechnen. Die Kommunikaze wird erneut am 17. Februar und danach monatlich erscheinen. Näheres findet ihr aber auch noch auf unserem wunderbaren ‘Reminder´ in der Mitte dieses Blattes. Leider können wir momentan noch nicht mit einem festen Raum für Redaktionskonferenzen und Rotkrautwettessen aufwarten, sind aber guter Dinge, dass sich dies bis zur Ausgabe zwei geändert hat. Also runter von der Schlafcouch und ran an den Füllfederhalter. Oder die Staffelei. Oder das Objektiv. Oder so. Wie auch immer, wir sehen euch. JP

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Egotrip ahoi?

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So plakativ seht Ihr uns so schnell nicht wieder auf diesen Seiten - großes Indianerehrenwort!


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Projekt Berlin 2003 Team KOMMUNIKAZE schlägt zu: Jan Paulin und Darren Grundorf aus der Kommunikaze-Redaktion halten beim Hauptstadt-Marathon die Osnabrücker Fahnen hoch und wollen mindestens Sportgeschichte schreiben: m 28. September diesen Jahres werden wir nach Berlin fahren. Wir, also Jan und ich, werden in Berlin nicht, wie man vielleicht meinen könnte, schnödes Sightseeing betreiben, sondern den Berlin-Marathon laufen. Nun gut. Ein Marathon zählt 42,195 km und wird ohne Pause gelaufen.Von Seiten der Stadt Berlin ist geplant, dass wir uns an besagtem Sonntag um 9 Uhr vor dem Charlottenburger Tor treffen und dann durch Tiergarten, Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf laufen, bis wir im Ziel in Wilmersdorf angekommen sind Nein, wir sind eigentlich bislang noch nie einen Marathon gelaufen. Wir laufen sonst eher wenig. Eher gar nicht. Ich bin einmal von Herford zu Fuß nach Bünde (Westfalen) gegangen, weil ich den Zug verpasst habe (20 km) und Jan ist früher einmal beim Zeitungen Austragen vor einem Hund weggelaufen. Aber sonst laufen wir, wie gesagt, eher wenig. Eigentlich sitzen wir lieber irgendwo und trinken Kaffee und rauchen Zigaretten. Außerdemgreifen wir in der Mensa eher zum zweiten Schnitzel als zum Gemüseschälchen. Aber das hat nun ein Ende, denn 42,195 km zu Fuß durch Berlin zu laufen, bedarf einer gründlichen Vorbereitung und vor allem einer gesunden Lebensweise. Das heißt, dass wir uns von nun an intensiv mit unserem Körper beschäftigen und Herz, Lunge, Puls und wie sie nicht alle heißen, Marathon-resistent trainieren müssen. Eine optimale Leistung entsteht nur durch ein bestmögliches Zusammenspiel der Rahmenbedingungen. Training, Regeneration, Ernährung, Technik, Taktik und Motivation müssen exakt aufeinander abgestimmt sein, damit wir unser hochgestecktes Ziel auch erreichen können. Sicherlich werden wir gerade in den ersten Trainingseinheiten, die nun unmittelbar bevorstehen, uns die Füße wund laufen, am Morgen mit Muskelkater aufstehen und vielleicht werden wir ja auch unsere Bänder, Sehnen oder was da noch alles so rumhängt reißen. Auf jeden Fall ist es draußen schon mal saukalt, so dass wir uns in den nächsten zwei Monaten durch die dunklen, klirrend kalten Osnabrücker Straßen kämpfen müssen

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und mehr als einmal einen guten Grund haben werden, diesen bekloppten und sinnlosen Laufsport zum Teufel zu jagen. Es stellt sich also die Frage, warum wir das alles machen: Einfach nur so, oder steckt vielleicht ein wenig mehr dahinter? Nein, tut es nicht. Einfach nur so: Die Entscheidung, uns für den 30. Berlin-Marathon anzumelden entstand aus einer Laune heraus. Doch nun, da wir im Teilnehmerfeld eingeschrieben sind, 50 Euro Startgeld überwiesen haben und uns langsam klar wird, was wir da vorhaben, stellen sich uns natürlich gleich Tausende von Fragen: Wer läuft sonst noch mit? Kommen die Afrikaner auch wieder? Wann und wo ist die Siegerehrung? Und was gibt es überhaupt zu gewinnen? Geld- oder Sachpreise? Oder gar einen Wanderpokal? Denn eigentlich haben wir uns gedacht: Wenn wir schon beim BerlinMarathon mitlaufen müssen, dann bestimmt nicht, um am Ende Platz 11.004 zu belegen. Scheiߒ auf den olympischen Gedanken, jetzt wollen wir auch gewinnen. Wir müssen nur noch einen Weg finden, um schneller als alle anderen, um ziemlich schnell 42,195 km durch Berlin zu laufen. So haben wir dann erst einmal durch einen Blick auf die Streckenrekorde recherchiert, wie schnell man eigentlich 42,195 km durch Berlin laufen kann. Nehmen wir zum Beispiel Ronaldo da Costa: Der kann ziemlich gut ziemlich schnell 42,195 durch Berlin laufen. Ronaldo da Costa ist sozusagen der Mann, der am besten ziemlich schnell 42,195 km durch Berlin laufen kann. 1998 lief er den Marathon in Berlin in 2 Stunden, 6 Minuten und 5 Sekunden, und jetzt überlegen wir, wie wir es bis Ende September schaffen können, zwei Stunden ohne Unterbrechung 20 km/h schnell zu laufen. Aber das muss doch zu machen sein. In 2 Stunden, 6 Minuten und 5 Sekunden haben wir schon ganz andere Dinge erledigt. Außerdem sind wir voll motiviert, haben einen immensen Siegeswillen, kaufen uns noch gute Laufschuhe und dann brauchen wir auch noch so ein Puls-Mess-Ding, wie Jan meint, und wenn wir das erst haben, dann kann doch nichts mehr schief gehen. Dazu noch das Buch „Perfektes Lauftraining“ von Herbert Steffny und Ulrich Pramann, das wir aber, nachdem wir folgenden Satz gelesen haben, sofort wieder aus der Hand legen: „ Es kann einem Debütanten nicht deutlich genug gesagt werden: Das einzige Ziel für den ersten Marathon ist es, ihn zu schaffen!“ Wie langweilig. Schade eigentlich. Das Buch war nämlich gar nicht so schlecht, mit ziemlich vielen Tabellen und Trainings- und Ernährungsplänen, mit einem Bild von Emil Zatopek und einem Lauf-Tagebuch zum selber Eintragen. Doch was bringt uns das alles, wenn es nur darum gehen soll, überhaupt anzukommen? Wir wollen schon ein wenig mehr und haben deshalb unser eigenes Trainingsprogramm auf die Beine gestellt. Es ist sehr schlicht gehalten und besteht aus zwei Punk-

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ten. So wollen wir zunächst einmal die 42,195 km im Schlosspark ablaufen (18. Januar und dann jeden Sonnabend bis Ende April), um einmal einen Eindruck von der Strecke zu bekommen. Im zweiten Teil unseres Trainingsplans (jeden Sonnabend von Mai bis September) wird dann einen Gang höher geschaltet. Dann soll es darum gehen, ziemlich schnell die 42,195 km zu laufen, ergänzt durch einen rigoros vorbildlichen Lebenswandel. In unserer Euphorie lassen wir uns weder durch die gutgemeinten Ratschläge von Freunden („das schafft ihr doch nie“), noch durch Zerrungen, Knorpelschäden, Bauchweh oder sonstigen Beschwerden bremsen. Jau, dann würde ich mal sagen: Auf geht’s. Also packen wir unseren Turnbeutel, Laufschuhe rein und Turnhose, Sporthemd und dieses Puls-Mess-Ding und laufen los. Hervorragend. DG

Bahnhof der Konjunktive Folge I:

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as alte Spiel: Wieder mal unterwegs mit Bus und Bahn durchs schöne Deutschland, draußen zieht eine weiße Puderzuckerlandschaft vorbei, und drinnen steppt der Bär, und das geht so: In Bus und Bahn, so lehrt uns der Feuilletonjournalismus, trifft man allenthalben die tollsten Charakterköpfe, Menschen, die eines Tages zweifelsohne die Welt retten werden oder es vielleicht gar täglich tun. Mein Fall ist nun aber leider dieser: Ich treffe, wann immer ich mich im ÖPNV bewege, nur ganz, ganz seltsame Gestalten, die sicherlich noch nie die Welt gerettet haben, vielleicht noch nicht einmal den eigenen Verstand, und dann ist ja wohl alles klar, aber weiter: Das erste ungute Gefühl erfasst mich schon beim Platznehmen in dieser

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Weltenretter in Fußballschals


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Regionalbahn. Bin ich ein Rassist oder ein elitäres Arschloch, wenn ich beim Anblick von Daunenjacken in Kombination mit grellbunten Fußballschals sofort warnendes Bauchgrimmen empfinde? Und wenn dem so sein sollte, ich also das eine und/oder das andere bin, warum habe ich dann meistens recht mit diesem Eindruck? Beim Gespräch der fraglichen jungen Herren geht es um Bier in jeder seiner möglichen Darreichungsformen. Welche Sorte? Dose oder Flasche oder Fass? Herb oder eher weniger? Völlig unerheblich! Hier gilt nur: Hauptsache voll bis unter die Mauerkrone. Der chronologische Abriss des letzten halben Jahres gerinnt den beiden Cervesionisten dann auch prompt zum regelrechten Kunstfilmexperiment: Reichlich verschwommen, in weiten Teilen unverständlich, dabei aber jede Menge Tschingerassa-bumm! Hier wird der Filmriss zum Selbstzweck, und die Hackordnung bemisst sich wohl in Kubikmetern von Erbrochenem. Als die beiden Theoretiker die deutsche Lebensqualität dann auf die einfache Formel „Holland geiler, weil da kein Dosenpfand und deshalb Bier billiger“ bringen, muss ich leidergottseidank schon aussteigen, aber das wenige Gehörte lässt selbst mich – alles andere als einen Abstinenzler – an die alte Schauermär glauben, übermäßiger Alkoholkonsum müsse wohl (wie übrigens auch Coca Cola, Ketchup und zwanghafte Onanie) Schwachsinn, Zahnausfall und Rückgratverkrümmung hervorrufen. Im ersten Moment bin ich also geneigt, mich in das komfortable Gefühl der eigenen intellektuellen Überlegenheit zu versenken, aber dann erfassen mich schreckliche Zweifel: Wie kann ich mich denn beklagen? Ich hätte mich ja woanders hinsetzen können. Nein, vielleicht bin ich es ja, mit dem etwas nicht stimmt, vielleicht zieht es mich ja geradezu in die Gegenwart schrecklicher Fußballschalträger, vielleicht fühle ich mich ja regelrecht gezwungen, sie zu belauschen, damit ich darob dann ein paar Seiten vollkritzeln kann. Vielleicht – und daran wage ich kaum zu denken – steuert alles in meinem Leben auf ein Dasein als Feuilletonjournalist hin... Andererseits...falls das der Fall sein sollte, vielleicht treffe ich dann eines Tages im öffentlichen Personennahverkehr auch endlich mal Charakterköpfe und Weltenretter... Warten wir’s ab! SB

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Universitätsbibliothek

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s ist ganz still hier unten. Das macht das Arbeiten leichter. Alles, was man hört, sind leise Schritte und das sporadische Rascheln von Papier. Aber selbst diese Geräusche werden durch die zahllosen Regalreihen verschluckt, Meter um Meter gesammeltes Wissen. Die Temperatur ist angenehm, ebenso wie das Licht. Man kann überhaupt sehr gut arbeiten, hier in der Universitätsbibliothek. Trotzdem kann ich mich heute nur schlecht konzentrieren. Es war ein langer Tag. Ich sitze hier unten im Zeitschriftenarchiv, das Semester wird bald enden. Aber es gibt ja noch Hausarbeiten und Referate. Das Übliche eben. Ich müsste eigentlich recherchieren, aber das gelingt mir nicht so recht. Immer wenn ich gerade etwas notieren will, mich gerade in mein Material vertiefe, dann höre ich das Geräusch. Es ist nicht laut, eigentlich ist es nur ein leises Kratzen, das da aus dem Betonboden dringt. Ein lästiges Hintergrundgeräusch, das verschwindet, sobald man sich darauf zu konzentrieren versucht. Dabei rhythmisch, auf seltsame Weise rhythmisch. Muss die Heizung sein. Ich gehe mit meinen Büchern zur Ausleihtheke, lege meinen Ausweis vor. Der Bibliothekar füllt die Verleihkarte aus und schaut mich dann mahnend an: „Aber rechtzeitig zurückbringen!“, grinst er dann. Aber ein ganz seltsames Grinsen ist das, denn es erreicht seine Augen nicht. Eigentlich bleckt er eher die Zähne. „Wer überzieht, kommt in den Keller!“ Er spricht auch die zweite Silbe sehr deutlich aus – Kell-ER. Ich muß ihn wohl sehr skeptisch ansehen, denn er erklärt: „Alte Bunkeranlage, genau unter der Bibliothek. Sollte mal zugeschüttet werden. Aber es hat dann keiner mehr daran gedacht...“ Verstehen macht sich in mir breit, ich lache ihn an, sage: „Nein nein, ich gebe die Bücher schon rechtzeitig zurück! Um Gottes Willen! Ich will ja nicht in den Keller!“ „Nein!“, lacht er zurück, „Nein, das wollen sie ganz sicher nicht!“ Aber es ist ein ganz komisches Lachen, denn es erreicht seine Augen nicht. Ein Kommilitone von mir hat das Studium abgebrochen. Einfach so, ohne ein Wort zu sagen. Keiner hätte es gemerkt, aber die Mahnschreiben von


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der Bibliothek sind ungeöffnet zurückgekommen. Und er war weg, einfach so. Wie die wohl ihre Bücher zurückgekriegt haben? Naja, so was kommt vor.

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Ich gebe meine Bücher immer pünktlich zurück, oh ja! Denn ich weiß, was mit Überziehern passiert. Man kann sie hören, wenn man genau aufpasst. Zwischen dem Umblättern, und wenn man den Stuhl rückt. Dann hört man sie. Ganz leise. Und rhythmisch, seltsam rhythmisch. Ich leihe überhaupt nur noch selten Bücher aus. Das meiste erledige ich gleich hier, man kann ja fotokopieren. Das Risiko ist mir zu hoch, ich will nicht dort hinunter. Zu denen. Und außerdem kann man ja auch sehr gut arbeiten, hier in der Universitätsbibliothek. SB


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Rooftop Club

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ie saßen auf der Burgmauer und ließen ihre Beine baumeln. Unter ihnen lag ihre kleine Stadt in der Abenddämmerung. Es schien, als ob sich die Dunkelheit hier oben schneller über die Beiden gesenkt hätte und noch nicht bei den Häusern unten im Tal angelangt war. Schweigend zogen sie an ihren Zigaretten, während die Nacht über sie hinabfloss. Tatsächlich streichelte sie erst Momente später über mit langen Händen über die Straßen und Dächer der Stadt, bevor sie lautlos und endgültig hereinbrach. Bald hatte sie alle Fenster mit ihrem Körper geflutet. Es gingen die ersten Lichter an, um sie aus den Wohnzimmern wieder hinauszuspülen. Die Freunde jedoch waren froh, an ihrem gemeinsamen Platz ganz und gar von ihr umschlossen zu sein. Besonders einer der beiden, denn er stand unter Tränen. Es war der schützende Mantel der Nacht, der ihn das aussprechen ließ, wofür er sonst lange Zeit gebraucht hätte, um es zu formulieren: „Seit ich wieder hier bin, kann ich an nichts mehr glauben. Es ist, als sei alles, was ich früher getan und gedacht habe, wertlos und unnütz. Ich habe meine Wahrheit verloren und weiß nicht, ob es sie überhaupt jemals gegeben hat.“ Er blickte geradeaus, dorthin, wo bei Tageslicht der Horizont zu sehen war. Durch seine traurigen Augen sah es so aus, als wären der Himmel mit all seinen Sternen und die Stadt mit ihren ebenso vielen kleinen Lichtpunkten eins geworden. Er wischte sich über die Augen, doch der Eindruck blieb. „Du kommst von einer langen Reise. Sie hat dich verändert, und jetzt hast du Angst“, sagte der andere und blickte auf seinen Freund. „Aber mit dem Reisen ist es wie mit allem, was du tust. Es ist, als würdest du bereits ein Leben lang einen Stein besitzen. Irgendwann hast du in deine Tasche gegriffen und ihn bemerkt. Du weißt nicht, wo du ihn herhast, er war einfach schon immer dort. Zuerst hast du ihn nur befühlt. Bist über jede Rundung gefahren, bis du seine Form fast auswendig kanntest. Irgendwann hast du ihn herausgenommen und ihn dir angeschaut. Du hast darüber nachgedacht, wie sich der Stein in bestimmten Situationen wohl verhalten würde. Zum Beispiel, wenn du ihn übers Wasser gleiten lässt. Oder gegen eine Mauer wirfst. Wie er in der Luft liegen würde, und wie es wäre, ihn über andere Steine klackern zu lassen.“ Er schaute wieder zu seinem Freund, der immer noch den schwarzen Himmel vor ihren Augen beobachtete und sich leicht zurücklehnte, um an die Zigarettenschachtel in seiner Jackentasche zu kommen. „Ja,


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aber was hat das alles mit dem Reisen zu tun?“ Auch er wendete nun seinen Kopf, und zum ersten Mal an diesem Abend trafen sich ihre Blicke. „Nichts! Alles, was ich bisher erzählt habe, ist dort unten passiert“, der andere deutete in die Stadt hinunter. „Ich war dabei. Auch ich habe meinen Stein dort zum ersten Mal erprobt. Zusammen haben wir unsere Steine von einer Hand in die andere oder auch einmal in Pfützen geschmissen. Sogar anderen Menschen haben wir sie zugeworfen. Manchmal kamen sie zurück. Manchmal mussten wir sie uns wiederholen.“ Auch er zündete sich jetzt eine weitere Zigarette an und blies den Rauch in die Luft. Gemeinsam schauten sie über ihre Füße hinab ins Tal. „Die Stadt sieht bei Nacht genauso aus wie der Himmel“, erwiderte der Gereiste. „Ich weiß, was Du meinst, aber es ist, als wäre ich nie mit dir dort gewesen.“ „Das ist die Schramme“, erwiderte der andere. Überrascht blickte sein Freund wieder zu ihm. „Ja, denn es kam der Moment, da wolltest du es richtig wissen. Es musste getan werden. Du standest da, hast deinen Stein fest umschlossen und hast ihn schließlich hoch in die Luft über dein Haus geschleudert. Und dann bist du losgerannt, immer hinter deinem Stein her, und hast ihn beobachtet. Wie schön er sich in der Höhe drehte und wie gut er in der Luft lag. Ein regelrechter Flugstein. Dieser Stein ist zum Fliegen gemacht, dachtest du. Als du ihn vom Boden aufgehoben hast, hatte er allerdings eine kleine Schramme.“ Der Freund schaute ihn immer noch an. „Und während du jetzt wieder im Haus bist und in der Küche sitzt, reibst du die ganze Zeit über die Schramme. Der Stein ist nicht mehr so glatt wie vorher. Nicht schöner, aber auch nicht hässlicher. Es ist derselbe Stein wie zuvor, bloß mit einer Schramme. Und als du da in der Küche sitzt hältst du auf einmal mehr als nur einen Stein in Händen. Irgendwie komisch, dass du ihn erst losschleudern musstest, um das zu wissen. Jedenfalls hast du gelernt, dass der Stein auch in den Dreck fallen kann. Mann muss ihn aufheben, den Staub abwischen und die Splitter, die er beim Aufprall erlitten hat, verschmerzen. Denn ihn auf ein Kissen in den Schrank zu legen, wäre langweilig, nicht wahr? Du weißt es, und dafür schätze ich dich sehr“. Die Tränen des Freundes waren getrocknet und in seinem Gesicht zeichnete sich ein leichtes Lächeln ab, als er zum letzten Mal hinabblickte. In dem Meer aus Laternensternen fand er den, der sein Haus erhellte, und fühlte sich besser. „An welche Wahrheit glaubst Du nun?“, fragte er. Und nachdem sie noch eine Weile in dieser Nacht gesessen hatten, antwortete sein Freund: „Heute glaube ich an deine.“ JP

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m Anfang gestaltet sich das Ganze eher unerfreulich: Lange stehen, erst vor, dann in der Halle. Hilft alles nichts — man will ja einen Platz möglichst weit vorne ergattern, das muss bei Grönemeyer schon sein. Das denken sich auch ungefähr eintausend Andere, aber nicht umsonst ist so ein Konzert ja immer auch ein Stückweit Gemeinschaftserlebnis. Nicht so schön allerdings, dass man während des Wartens die umstehenden Mitmenschen teilweise wesentlich besser kennen lernt, als man das eigentlich in freier Wildbahn gerne hätte. „Was soll ich denn mit einem T-Shirt, wo Mensch draufsteht?“, witzelt ein besonders unsäglicher Konzertbesucher, „Das sieht man doch wohl auch so, dass ich ein Mensch bin.“ Man ist geneigt, ihm energisch zu widersprechen. Die Aggression ist schon groß genug dafür. Doch dann, nach einer Ewigkeit scheinbar, betritt Herbert Grönemeyer die Bühne, und alle Zwistigkeiten sind vergessen. Lange hat man nichts mehr von ihm gehört, seine letzte Konzerttour ist auch schon eine Weile her. Sein letzter vielbeachteter Auftritt fand eben hier statt, namentlich in der Preussag Arena Hannover. Das war 2000, und damals hatte er ein großes Orchester dabei. Für seinen heutigen Auftritt verzichtet er auf solche Extravaganzen, aber das geht im Grunde schon in Ordnung: Keiner ist wegen irgendeines Orchesters hier, und für den Notfall hat sich der Künstler ja auch ein paar Streicher mitgebracht. Das reicht, das muss reichen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht eh Grönemeyer selbst, der neben den ganzen alten Krachern, auf die er wohl bis zum Rest seines Lebens nicht mehr wird verzichten können, auch fast das ganze neue Album zum Vortrag bringt: die hoch und runtergespielte erste Single „Mensch“, die elektrisierende Ballade „der Weg“, aber eben auch die weniger publicityträchtigen Nummern von der aktuellen Platte: Das Publikum erweist sich auch hier als relativ textsicher, zum

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Grönemeyer live in Hannover


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Massengesang reicht es aber natürlich nur bei den ganz großen Dingern: Bochum, Männer, Alkohol – sie alle erschallen aus zehntausend Kehlen, und man sieht, dass Grönemeyer (wieder?) Spaß an der Sache hat: Er tanzt, er springt, lässt sich bejubeln und anfassen und droht gar damit, sich auszuziehen. Und das Publikum ist natürlich außer Rand und Band. Die Gesänge erschallen erstaunlich melodisch, Wunderkerzen und Feuerzeuge flammen genau an den richtigen Stellen auf. Wenn Herbie zum Mitsingen auffordert, dann lässt Hannover sich nicht lange bitten. Die Kooperation zwischen Künstler und Publikum klappt reibungslos. Das honoriert Grönemeyer während der zweiten Zugabe gar mit der Uraltnummer „Mokkaaugen“, in der ein sexuell völlig überforderter Beziehungspartner sein Heil im Selbstmord sucht: „Du kommst herein und siehst mich pendeln Mit einem Strick um meinen Hals Jetzt ist es aus mit süßem Tändeln, ‚Ich liebe dich’ und all dem Schmalz Zum letzten Mal spür’ ich es kommen Fühl’, wie’s mir in die Hose geht Hab’ auch das Leben mir genommen, So weiß ich doch, dass er noch steht!“ Da sind sogar ein paar von den ganz alten Hasen baff, die damals schon bei Currywurst eingestiegen sind. Als das Konzert dann schließlich nach reichlich Zusatzprogramm endet (unter drei Zugaben braucht bei Grönemeyer keiner nach Hause zu gehen), bleibt als Fazit: Er ist wieder da, und es war ein Erlebnis. Und selbst mit dem vor Konzertbeginn noch so triefnasigen T-Shirt Menschen fühlt man sich versöhnt: So übel kann er nicht sein, immerhin war er doch auch beim Grönemeyer-Konzert... Danke, Herbert! SB Das Album Herbert Grönemeyer - Mensch

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K O M M U N I K A Z Etzt SAitA A diA lA Bilderserie:

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Dinge, die die Erde noch retten können (Folge 1)

Folge I: Wie wir dazu kamen, einen schwarzen Ledersessel zu unseDas Maskottchen rem Maskottchen zu machen, ist uns heute auch nicht mehr

ganz klar: Wir brauchten eine Sitzgelegenheit für das Titelfoto, und der Kollege stand gerade vor Jans Wohnheim auf dem Sperrmüll. Außerdem war er nicht schwarz sondern braun, und aus den Nähten krümelte Katzenstreu. Und dafür, dass uns bei der nachfolgenden Fotosession im Wäschekeller des Wohnheims keiner entdeckt und sofort die Polizei verständigt hat, danken wir Gott noch heute. In jedem Fall machte sich der Sessel auf den Fotos aber fast besser als jeder von uns - und wenn das keine Qualitäten für ein Maskottchen sind, was dann???


kommunikaze1@gmx.de

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to be continued...

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Kommunikaze 1: Wir über uns