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Kunst in der MĂźlenenschlucht Maria Eichhorn Bethan Huws Norbert MĂśslang Roman Signer


Kunst in der MĂźlenenschlucht Maria Eichhorn Bethan Huws Norbert MĂśslang Roman Signer


Die Mülenenschlucht – Ein historischer Kraftort Die Mülenenschlucht, in welcher

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der Legende nach der Mönch Gallus im Jahre 612 seine Klause errichtete, ist ein einzigartiger, noch heute intakter Landschaftsraum. Die Gestalt des Gallus, sein Gedankengut sowie sein mit vielfältigen Geschichten und Legen-

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den verwobenes Leben bilden Ausgangspunkt und Inspirationsquelle für die im Zusammenhang mit dem 1400-Jahr-Jubiläum realisierten künstlerischen Projekte. Viele Legenden und Mythen

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ranken sich um die Person des Gallus. Gesichert scheint, dass er mit dem Missionar Columban und zwölf weiteren Mönchen am Bodensee in Bregenz und dann in Arbon Station machte, wo er sich schliesslich von seinen Gefährten trennte. Mit seinem Begleiter Hiltibod folgte er dem Lauf des Flusses Steinach ins Hinterland des Arboner Forstes. Mitten in der Wildnis, in der Nähe eines Wasserfalls, auf einer kleinen Erhebung zwischen zwei Flussläufen, stolperte Gallus und fiel in einen Dornbusch. Das nahm er als göttliches Zeichen, zu bleiben. Er entschloss sich, an dem einsamen Ort eine einfache Klause zu bauen. Schon in der ersten Nacht erhielt er der Legende nach Besuch von einem wilden Bären. Dieser bedrohte ihn, indem er sich ihm aufrecht gegenüberstellte. Furchtlos befahl ihm Gallus, Holz zu holen und es ins Feuer zu werfen. Der Bär gehorchte und tat, was ihm befohlen. Daraufhin gab ihm Gallus ein Stück Brot und schickte ihn für immer weg.


Die Mülenenschlucht mit ihrer bemerkenswerten Topografie bietet eine imposante Kulisse für zeitgenössische Kunst. Auf der Ostseite wird das Gebiet durch einen Fussweg begrenzt, der vom Müllertor im Stadtzentrum nach St.Georgen führt. Auf der Westseite

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endet das Gebiet an einem steilen, bewaldeten Abhang, der oben von der markant befestigten Gottfried-KellerStrasse abgeschlossen wird. Urtümliche Naturlandschaft trifft hier auf urbanen Raum. Seit dem Mittelalter wird hier die Wasserkraft genutzt. Entlang der Steinach finden sich zahlreiche historische Gewerbebauten, die als gewachsenes Ensemble eine der frühesten zusammenhängenden Industrielandschaften der Schweiz bilden. Eine Standseilbahn, die 1893 eröffnete Mühleggbahn, verbindet das Stadtzentrum mit dem Ortsteil St.Georgen und dem Naherholungsgebiet Drei Weihern. Eine Bogenbrücke mit Natursandstein-

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verkleidung ( 1903 ) von Robert Maillart, einem Pionier der Verwendung von Stahlbeton im Schweizer Brückenbau, führt in der Mitte der Schlucht in luftiger Höhe über die Steinach. Sie verbindet die Felsenstrasse mit der Wildegg- bzw. der St.Georgenstrasse. Neben dem Müleggtunnel existiert ein weiterer Stollen. Der sogenannte Hermann-Stollen verbindet die Mülenenschlucht mit dem Hotel Einstein St.Gallen. Er wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als Zivilschutz-Kommandozentrale gebaut. Heute ist er geschlossen und wird nicht mehr genutzt. Im Rahmen des Gallusjubiläums wurde 2010 vom UNESCO-Weltkultur­ erbe-Forum ein Wettbewerb zur Realisierung künstlerischer Interventionen lanciert. Projekte von Maria Eichhorn, Bethan Huws und Norbert Möslang wurden von einer internationalen Jury zur Ausführung vorgeschlagen.

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Maria Eichhorn

‹Die Zeitkapsel im Wasserfall der Steinach ›

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Die konzeptuell begründeten, meist prozess-

oder ereignisorientierten Projekte von Maria Eichhorn sind medial vielfältig. Sie befragen die Wertesysteme der Kunst wie der Gesellschaft, indem Maria Eichhorn

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kommunikative Prozesse auslöst bzw. die Werke einer unmittelbaren Sichtbarkeit entzieht. 


Der Ausgangspunkt für Maria Eichhorns Projekt bildet das Jubiläum selbst. Dass sich die Ankunft des Heiligen Gallus 2012 zum 1400. Mal jährt, nimmt sie zum Anlass, über die Dimensionen der Zeit nachzudenken und den geschichtlich überblickbaren Zeitraum in ihrer Arbeit in schier unvorstellbare Dimensionen zu erweitern. Mit ihrer Arbeit interveniert die Künstlerin an einem Ort, mehr noch : Sie verleiht ihm durch ihre Setzung eine neue Bedeutung. Im Fels des Bachbetts der Steinach wurde eine in Bronze gegossene Kapsel versenkt. Die Tiefe ihrer Versenkung beruht auf geologischen Berechnungen, welche den Faktor Zeit auf eine besonders anschauliche Weise versinnbildlichen. Die Kapsel wird nicht ewig im Felsen bleiben, sondern gemäss diesen Berechnungen in 1400 Jahren wieder zum Vorschein kommen. Genauso viele Jahre ist es auch her, dass der Heilige Gallus an der Steinach ankam – im Jahre 612. In der Kapsel selbst befindet sich die Nachzeichnung einer historischen Darstellung, die den Heiligen Gallus mit seinem Gefährten Hiltibod beim Fischen in der Steinach zeigt. Somit wird die Kapsel, aller Voraussicht nach, erst im Jahr 3412 wieder ans Tageslicht kommen.

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Eine in unmittelbarer Nähe aufgestellte Sitzbank lädt zum Verweilen an diesem Ort ein, an dem eine Tafel mit folgendem Wortlaut die Zusammenhänge erklärt : «An dieser Stelle wurde eine bronzene Kapsel in die Steinach versenkt, die durch die Flusserosion im Jahr 3412 wieder zum Vorschein kommen wird. Die Kapsel enthält eine Zeichnung, welche die Ankunft des Mönchs Gallus – Namensgeber der Stadt StGallen – an der Steinach um das Jahr 612 darstellt. » Maria Eichhorn greift in ihrer Arbeit den historischen Zeitstrang auf und verlängert ihn in die Zukunft. Darin klingt etwas im Grunde Unfassbares an, eine Zeitdimen­sion, die sich im historischen Rückblick durch Überlieferungen, historische Quellen oder archäologische Grabungen zumindest potenziell rekonstruieren lässt. Spätestens aber in der Verlängerung in die Zukunft entzieht sie sich definitiv jeglicher menschlichen Erfahrung und Wahr­nehmung. Begleitend zum Projekt ‹Die Zeitkapsel im Wasserfall der Steinach › ist eine Publikation entstanden, die Erläute­ rungen zur künstlerischen Arbeit und zu den geologischen Bedingungen enthält. Zeitlich unfassbare Dimensionen werden darin thematisch eingebunden – Zeit als komplexes philosophisches Thema wird vorstellbar.

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Biografie

Maria Eichhorn wird 1962 in Bamberg geboren. Sie lebt in Berlin und unterrichtet an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihre konzeptuell begründeten, meist prozess- oder ereignishaft ablau­ fenden Projekte sind medial vielfältig. Trotz der Unterschiedlichkeit lässt sich als ein grundlegendes Merkmal festhalten : Es geht der Künstlerin um die ästhetische Umsetzung gesellschaftlicher, politischer und kommunikativer Prozesse. In der Beschreibung werden ihre Arbeiten bildhaft fassbar : Mal füllt sie Räume mit salzhaltigem Inhalationsnebel, um eine Atmosphäre mit Meeresklima zu schaffen, mal verlost sie in einer Arbeit zum Leipziger Hauptbahnhof 21 Freifahr­scheine ‹zu allen Endstationen und zurück ›. Häufig involviert sie die Institutionen, an denen ihre Projekte stattfinden, und die Personen, die dort arbeiten. Eichhorn führt immer wieder logische Prinzi­ pien durch eigenwillige Perspektiven ad absurdum und wirft zugleich Fragen über das Verhältnis von Kunst, Gesellschaft und Geschichte auf. Ihr konzeptioneller Ansatz stellt die Autonomie des Kunstwerks in Frage oder legt die Paradoxien der ihr innewohnenden Strukturen frei.

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Bethan Huws

‹Artists Interpret the World ›

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Bethan Huws arbeitet mit vielen unter-

schiedlichen Medien. Im Zentrum ihres konzeptuellen Schaffens steht die Sprache. Sie schafft Bezüge und ist gleichzeitig ein Instrument der Reflexion.

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Die zarten, oft filigranen Werke tragen immer einen geheimnisvollen, mystischen Kern in sich. 


Bethan Huws entwickelt ihre Arbeit aus den räumlichen Gegebenheiten der Mülenenschlucht. Dabei unternimmt sie den Versuch, unterschiedliche Zeiten und Räume, Arbeitsweisen und Mentalitäten, Grundsätze und Standpunkte nicht nur einander gegenüberzustellen, sondern sie zu überlagern oder gar zu verschmelzen. Die GottfriedKeller-Strasse schliesst im Westen die Mülenenschlucht ab. Dabei wird sie durch eine massive Brückenkonstruktion, das sogenannte Lehnenviadukt, untermauert. Imposante Brückenbögen stützen die Strasse gegen die steile Schlucht hin ab. Direkt oberhalb dieser Bögen wird, geschützt durch das vorkragende Trottoir, eine weisse Neonarbeit angebracht. Die Buchstaben ergeben über eine Länge von vierzig Metern den Satz : ‹ ARTISTS INTERPRET THE WORLD AND THEN WE INTERPRET THE ARTISTS › ( Künstler interpretieren die Welt, und anschliessend interpretieren wir die Künstler ). Die Schrift ist mittig zwischen Brückenanfang und ‑ende platziert. Ausgangspunkt der Idee bilden Prinzip und Aufbau mittel­alterlicher Manuskripte. In Anlehnung an die damalige Art, Buchseiten mit Initialen, markanten Titeln und aufwendigen Illustrationen zu gestalten, wird der gesamte Landschaftsraum als Buchseite aufgefasst.

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Der Titel überschreibt und illuminiert den Inhalt, in diesem Fall die Landschaft der Mülenenschlucht : Sie wird zum Bild. Gleichzeitig spannt der Satz ein inhaltliches Bezugsnetz auf. Der Künstler als exemplarisches Individuum von heute und Schöpfer seiner eigenen Welten auf der einen Seite steht der geschichtlich überlieferten Figur des Gallus als historische Persönlichkeit, als weitsichtiger Initiator und spiritueller Katalysator gegenüber. Zeiträume werden kurzgeschlossen. Kulturelle und soziale Zusammenhänge zwischen Individuum und Gesellschaft klingen an. Der Schriftzug, der von unterschiedlichen Standpunkten ganz oder teilweise sichtbar ist, soll täglich leuchten. Die Präsenz des Satzes im landschaftlichen Raum ist markant und kann unterschiedlich erlebt werden. Die Jahreszeiten mit ihrem Einfluss auf die Vegetation der Schlucht verändern seine Sichtbarkeit im Laufe des Jahres. Eigenwillig sowohl durch seine konzeptuelle Herleitung als auch in seiner Setzung im landschaftlichen Gefüge manifestiert sich das Werk von Bethan Huws. Es referiert den Moment der Erfindung und die darauf­ folgende Interpretation. So zeigt der Satz auf wunderbare Weise das Entstehen unterschiedlicher Sichtweisen und deren Relationen und verweist damit auf Gallus' einsame Entscheidung, sich an der Steinach niederzulassen. 11


Biografie

Bethan Huws, 1961 in Bangor in Nordwales geboren, wächst mit Walisisch als Muttersprache auf ( Columban bricht mit seinen Mönchen sinnigerweise ebenfalls in Bangor – allerdings in dem in Irland gelegenen Ort gleichen Namens – in Richtung Süden auf ). Englisch lernt sie erst in der Schule. Mit 20 verlässt sie ihre Heimat und studiert am Royal College of Art in London. Heute lebt die Künstlerin in Paris und Berlin. 2007 widmet ihr das Kunstmuseum St.Gallen eine umfassende Einzelausstellung. Bethan Huws arbeitet mit verschiedenen Mitteln. Ihr Werk umfasst neben den klassischen Medien wie Zeichnung, Bildhauerei oder Objektkunst auch räumliche Interventionen, Videound Textarbeiten. Die Sprache, sprach­ liche Konnotationen und Bezüge, spielen nicht nur in ihrem Leben, sondern auch im Werk eine zentrale Rolle. Sie nehmen eine Art Schlüsselstellung im Werk ein. Zur Muttersprache, dem Walisischen, und der Umgangssprache, dem Englischen, kommen heute – bedingt durch die verschiedenen Wohnorte – noch Französisch und Deutsch dazu. Die Untersuchung der Sprache als Mittel der Verständigung und als Instrument der Reflexion steht im Zentrum ihrer Arbeiten. Zugleich tragen die oft filigranen Werke immer einen geheimnisvollen, mystischen Kern in sich.

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Norbert Möslang ‹warten ›

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Norbert Möslang arbeitet konsequent an

der Schnittstelle zwischen Bild und Ton. Seine oft raumgreifenden Installationen verknüpfen zeitgenössische Bild- und Klangwelten zu Gesamtkunstwerken, in denen

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die Besucherinnen und Besucher Teil der Installation werden. 


« Seit einigen Jahren werden im Bündnerland Bären gesichtet und aus der Distanz beobachtet. Der Bär versucht aus Italien nach Norden vorzustossen. Er war aber schon einmal in unserem Lebensraum heimisch. Seit Gallus im Jahr 612 den Bären der Legende nach weggeschickt hat, blieb er in der ‹Gallusstadt › ausschliesslich auf dem Wappen sichtbar. Die Bären stossen heute vermutlich aufgrund klimatischer Veränderungen weiter nach Norden vor und könnten künftig auch wieder in der Mülenenschlucht in St.Gallen auftauchen. » So beschreibt Norbert Möslang sein Werk ‹warten ›. Mit seinem Projekt unternimmt er den Versuch, die Legende des Bären in die Gegenwart zu projizieren. Damit das Eintreffen der Bären wahrgenommen werden kann, wurden an sechs unterschiedlichen Standorten in der Mülenenschlucht Überwachungskameras installiert. Sie zeigen eng gefasste Landschaftsausschnitte – Wasser, Geäst, Hölzer, ein Stück Boden – und damit auch die Unwirtlichkeit der Schlucht. Die Bilder dieser Orte werden auf je einen im Wartebereich der Talstation bzw. der Bergstation der Mühleggbahn platzierten Monitor übertragen. Welcher Standort gerade eingeblendet wird, entscheidet ein eingebauter Zufallsgenerator. Es sind statische Landschaftsbilder in Echtzeit. In unregelmässigen Abständen werden diese durch kaum wahrnehmbare, in

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Bruchteilen von Sekunden gesendete Bärenbilder aus dem Internet unterbrochen. Der Künstler stellt mit dem Projekt ‹warten › auf verschiedenen Ebenen sowohl ernsthafte als auch humor­volle Bezüge zur Situation und zur Ausgangslage her. Warten auf die Bahn – warten auf den Bären. Wird er überhaupt wiederkommen? Werden wir ihn sehen? Wo versteckt er sich? Der Künstler schafft mit den Bildern eine Art Vakuum, eine mysteriöse und geheimnisvolle Situation, was zur weiteren Mythenbildung rund um die Person des Gallus beitragen wird. Das Werk schlägt aber auch einen Bogen in die Gegen­wart. Unweit der Schlucht sind im Stadtzentrum zahlreiche Kameras installiert. Auf diese umstrittene Überwachung des öffentlichen Raums nimmt sein Werk gleichermassen Bezug. Da auf den Videobildern aus der Schlucht aber keine Personen zu sehen sein werden, wird die Überwachungsästhetik gewissermassen ad absurdum geführt. Das Projekt verzichtet gänzlich auf Ton. Es lebt von der Stille und der Konzentration auf den Ort, ent­wickelt seine Magie und Energie aus der Kraft des vermeintlich ereignislosen Bildes – bis der Bär erscheint.

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Biografie 16

Norbert Möslang, Jahrgang 1952, wird in St.Gallen geboren, wo er auch lebt und arbeitet. Von 1972 bis 2002 bildet er zusammen mit Andy Guhl das Duo ‹Voice Crack ›. Gemeinsam entwickeln sie aus sogenannter ‹Alltagselektronik › überraschende, ungewöhnliche Soundlandschaften. 1991 werden sie an die Biennale von Venedig eingeladen. Seit 2003 führt Norbert Möslang sein Werk alleine weiter. Er entwickelt sich international zu einem der wichtigsten Performer im Feld der zeitgenössischen elektronischen Musik. Seine Filmmusik zu Peter Liechtis ( * 1951 ) mehrfach preisgekröntem Film ‹Sound of Insects : Record of a Mummy › ( 2009 ) setzt erneut Massstäbe und erhält den Schweizer Filmpreis in der Kategorie ‹Beste Filmmusik › und im Januar 2011 den ‹Cinema Eye Award for Outstanding Achievement in Composing › im New Yorker Museum of the Moving Image. Seit Mitte der 1980erJahre bezieht Norbert Möslang die experimentale Klangerzeugung immer mehr installativ auf Ausstellungsräume. Seine aktuellen Arbeiten bewegen sich in einem spannenden Grenzfeld zwischen experimenteller Musik und bildender Kunst. Für die Lokremise in St.Gallen entwickelt er 2001 eine raumgreifende Installation mit dem Titel ‹bits, bots, mpgs and ppms ›.


Roman Signer

‹Wasserobjekt › und ‹Installation an der Steinach ›

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Roman Signer konzentriert sich in seinem

plastischen Schaffen auf Handlungen und Prozesse. Dabei bilden alltägliche Dinge, Materialien und Werkstoffe die Basis für seine Skulpturen auf Zeit.

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In den ‹Ereignissen › definiert er den Moment der Veränderung als skulptu­ralen Vorgang.  


Roman Signer lebte während vieler Jahre am oberen Ende der Mülenenschlucht. Er hat sich intensiv mit dem Ort und den verschiedenen Tempi und Zuständen des Wassers beschäftigt. Die Landschaft bildete für verschiedene Aktionen den Handlungsraum. Und in der Tat geht es dem Bildhauer, wie er sich stets bezeichnet, um skulpturale Handlungen und Prozesse. Entsprechend wurden einige seiner Werke mit dem Etikett ‹Zeitskulptur › versehen. Dabei erweitert er die traditionelle Vorstellung und die Materialität klassischer Skulpturen durch die Dimension der Zeit und lenkt damit das Augenmerk des Betrachters auf die Erfahrung des Ereignisses, die dadurch geschaffenen Veränderungen und die daran beteiligten Kräfte. Das gilt auch für die beiden Skulpturen in der Mülenenschlucht, die innerhalb von Signers Œuvre einen grossen Stellenwert einnehmen. Nicht zuletzt deshalb wird Roman Signer mit einer künstlerischen Aktion den Auftakt zum Gallusjubiläum 2012 bilden. Die erste Skulptur befindet sich auf halber Höhe in der Schlucht, auf einem kleinen Platz direkt an einer Ufer­kante, hoch über dem tiefer liegenden Bachbett. Genau hier platzierte Roman Signer das ‹Wasserobjekt › ( 1983 / 2000 ), das zuvor in der Spisermarkt-Passage in St.Gallen installiert war. Die Skulptur besteht aus einem über fünf Meter hohen Rohr aus Chromnickelstahl

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mit insgesamt neun kurzen Querrohren. Jeweils um 11.57 Uhr wird die an sich statische Stele in Betrieb genommen. Wasser fliesst durch die Rohre und spritzt während drei Minuten in neun feinen Bögen ins Bachbett der Steinach. Für einen kurzen Moment wird mittels Wasser eine Bogenstruktur in den Schluchtraum gezeichnet – gewissermassen eine Zeichnung in Raum und Zeit. Die zweite Skulptur ist einzigartig im Œuvre von Roman Signer : ‹Installation bei der Steinach › ( 1998, Walter A. Bechtler-Stiftung ). Für einmal hat er das skulpturale Dis­positiv nicht selbst geschaffen, sondern macht es einzig sichtbar : den Wirbelfallschacht der Steinach. Dabei handelt es sich um ein eindrückliches Ingenieursbauwerk, das dazu dient, die Kraft des Steinachwassers bei Sturm oder Hochwasser zu bremsen und damit eine Überschwemmung zu verhindern. Die hohe Kaverne im Untergrund hat Roman Signer mit einer runden, 1,10 Meter hohen Metallkonstruk­ tion über Strassenniveau ergänzt, sodass man von dort in den tiefen Schacht blicken kann, wo das Wasser je nach Witterung mehr oder weniger tosend in die Tiefe stürzt. Roman Signer adaptiert mit seinem Werk die eindrückliche Ingenieurskunst. Er macht – wie oft in seinen Werken – Zusammenhänge sichtbar, zeigt, wie Natur und Kultur in grossartiger Symbiose zusammenspielen. 18


Biografie

Roman Signer, 1938 in Appenzell geboren, arbeitet seit 1972 als freischaffender Künstler in St.Gallen. 1999 vertritt er die Schweiz an der XLVIII. Biennale von Venedig. Kunsthistorischer Ausgangspunkt für Signers Schaffen bildet der Skulpturbegriff der 1960er-Jahre : Die Erweiterung traditioneller Vorstellungen plastischer Form – die Dematerialisierung der Kunst und das Sichtbarmachen von Handlungen und Prozessen – bildet unter Verwendung alltäglicher Materialien als Werkstoff die Basis für Signers Schaffen. In seinen ‹Ereignissen › manifestiert sich sein Verständnis von Skulptur. Er definiert den Moment der Veränderung als skulpturalen Vorgang. Es bestimmt Zeit als eine der skulpturalen Form eingeschriebene Dimension. Sein Schaffen offenbart ein fein ausdifferenziertes Spektrum tempo­ raler Strukturen. Zudem entsteht in seinen Werken durch die ‹Aufladung › der pro­ fanen Dingwelt eine Form von Metaphorik, wie sie für die Gegenwartskunst exemplarisch ist. Roman Signer bindet Zeit zurück ans Leben und eröffnet ihr so entscheidende metaphorische und existenzielle Dimensionen.

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1 Norbert Möslang : ‹warten ›, Bildschirm in der Talstation der Mühleggbahn

2 Norbert Möslang : ‹warten ›, Bildschirm in der

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Bergstation der Mühleggbahn Maria Eichhorn : ‹Die Zeitkapsel im Wasserfall der Steinach › Bethan Huws: ‹Artists Interpret the World › Roman Signer : ‹Installation an der Steinach › Roman Signer : ‹Wasserobjekt › Schluchtweg, von dem aus alle Werke sichtbar sind Stiftsbezirk, Stiftsbibliothek

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Bilder 1

Ankunft des Gallus beim Wasserfall der Steinach. Gallus fällt ins

Gestrüpp und hängt seine Reliquientasche an seinen Wanderstab,

links Diakon Hiltibod, rechts der Bär. St.Galler Legendar des

Conrad Sailer, 1451/60. Stiftsbibliothek St.Gallen, Handschrift

Nr. 602, S. 43 (www.e-codices.unifr.ch)

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Gallus und der holztragende Bär (rechts im Hintergrund der Diakon

Hiltibod). St.Galler Legendar des Conrad Sailer, 1451/60. Stiftsbibliothek

St.Gallen, Handschrift Nr. 602, S. 44 (www.e-codices.unifr.ch) 3

Walahfrid Strabo (808/809–849) verfasste eine lateinische Gallus-

Vita, die sich auf zwei Vorgängerwerke bezieht: die nur fragmenta-

risch erhaltene, anonyme ‹Vita vetustissima› und die Gallus-Vita

des Reichenauer Mönchs Wetti († 824). Stiftsbibliothek St. Gallen,

Handschrift Nr. 562, S. 3 (www.e-codices.unifr.ch)

4–6 Mülenenschlucht mit Müleggbahn (Fotos: PD) 7

Nachzeichnung der Illustration ‹Gallus beim Fischfang an der Steinach›

aus dem sogenannten St.Galler Legendar, um 1451/60

(Stiftsbibliothek St.Gallen, Handschrift Nr. 602). Ausführung durch

Alexis Saile, Grösse: 18,7 x 14,5/14,7 cm

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Bronzekapsel, enthält die Nachzeichnung der Illustration

‹Gallus beim Fischfang an der Steinach›. Grösse: 31,7 x 11 cm

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‹Die Zeitkapsel im Wasserfall der Steinach›, Mülenenschlucht St.Gallen

Ansicht der Stelle der versenkten Kapsel. (Foto: Tobias Siebrecht)

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‹Artists Interpret the World ›, Bethan Huws (Foto: ARGE Gallusjubiläum)

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Grosse Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse),

Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 249v.

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Mülenenschlucht mit Lehnenviadukt (Foto: Schobinger & Sandherr,

Kantonsbibliothek Vadiana St.Gallen)

13–16 Video Stills, Norbert Möslang, 2012 17–18 ‹Installation an der Steinach›, Roman Signer, 1998

(Fotos: Philippe Maussion)

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‹Wasserobjekt›, Roman Signer, 1983/2000 (Foto: Michael Bodenmann)

Impressum Ein Projekt realisiert im Rahmen des Gallusjubiläums 2012 www.gallusjubilaeum.ch Konzept ARGE Gallusjubiläum 2012 Projektkoordination Michaela Silvestri Texte Alex Hanimann, Konrad Bitterli Gestaltung Alex Hanimann, Gina Montagna – AnKomm Druck Druckerei Ostschweiz, St.Gallen Copyright der Werke Bei den Künstlerinnen und Künstlern


Kunst in der Mülenenschlucht  

Maria Eichhorn Bethan Huws Norbert Möslang Roman Signer

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