Issuu on Google+

3.2010 3.2010

www.kirchefuermorgen.de

www.kirchefuermorgen.de

Schule „bildet“ Gemeinde

Schule bildet Gemeinde Erziehungspartnerschaft

Gemeinde in der Schule

Pro und Contra

OKR Werner Baur über das Verhältnis von Kirche und Schule

Wie sich junge Christen an den Schulen organisieren

Brauchen wir christliche Bekenntnisschulen?


ema kel zum Th Weitere Ar ti mepage: ho r re se un f finden Sie au n.de ef uermorge w w w.k irch

Editorial & Inhaltsverzeichnis

Liebe Leserinnen und Leser,

Thema: Schule bildet Gemeinde

das Thema Schule betrifft alle: Die einen verbringen dort als Schüler ihre Vormittage und immer mehr Nachmittage, die anderen stehen jenseits des Pults und sind auch nicht immer glücklich. Noch mehr erleben Schule aus Elternsicht und stöhnen darüber, wie anstrengend das ist. Deshalb sind wieder andere froh, dass ihre Kinder durch die Schule „durch“ sind. Möglicherweise steigen sie aber bei ihren Enkeln erneut ins Thema ein. Das Thema Schule lässt uns also eigentlich ein Leben lang nicht mehr los.

Editorial

Seite 2

Impressum

Seite 2

Kfm Positionslicht

Seite 3

Rolle der Kirche in der Schule der Zukunft

Seite 4

Schule als Jungbrunnen

Seite 6

Religionspädagogen als Impulsgeber für die Gemeinden

Seite 8

Gemeinde am zweiten Lebensort Seite 9

Wir haben uns gefragt, wie Schule und Gemeinde noch mehr ineinander greifen können. Schule befindet sich ja mehr denn je im Wandel. Jugendliche verbringen dort immer mehr Zeit, die sie sonst vielleicht in der kirchlichen Jugendarbeit verbracht hätten.

Pro & Contra Christliche Privatschule Bausteine

Kirche kommt nicht mehr daran vorbei, die Schule als wichtigen Lebensort eines großen Teils ihrer Gemeindeglieder zu verstehen und sich mit den Geschehnissen und Prozessen dort auseinanderzusetzen.

Schulseelsorge

Seite 12

Lebensweltgemeinden

Seite 14

Schülermentorenprogramm

Seite 15

Schulporträt Firstwaldgymnasium Seite 16

Wie dies geschehen kann, stellen wir in verschiedenen Beiträgen vor, so z. B. auf Seite 12 und Seite 15.

Mütter in Kontakt

Seite 18

Synode aktuell

Der Aspekt Privatschule wird in „Pro & Contra“ auf den Seiten 10 und 11 beleuchtet, und um die Rolle der Kirche in der Schule der Zukunft geht es auf Seite 4. Wir wollen mit dieser Ausgabe des Zitronenfalters die Bandbreite der Schnittmengen zwischen Schule und Gemeinde darstellen und dazu ermutigen, beide Bereiche nicht länger als voneinander getrennte Themenkomplexe wahrzunehmen.

Nicht nur nachdenken – sondern auch mal vordenken!

Seite 19

Zu guter Letzt

Seite 20

Impressum

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen Ihre

© ErickN - Fotolia.com

Claudia Bieneck Mitglied des Redaktionskreises

2

Seite 10

Der Zitronenfalter wird herausgegeben von Kirche für morgen e.V., Am Auchtberg 1, 72202 Nagold Fon: 0700-36693669 Fax: 07071 959 356 info@kirchefuermorgen.de, www.kirchefuermorgen.de Erscheinungsweise 3 x jährlich. Bestellung (auch weitere Exemplare) bei der Geschäftsstelle. Die Zusendung ist kostenlos. Bankverbindung EKK Stuttgart, BLZ 520 604 10, Konto 419 435 Wir danken allen, die durch ihre Spende die kostenlose Weitergabe des Zitronenfalters ermöglichen. Redaktionsteam Marc Stippich, Steinenbronn; Claudia Bieneck, Malmsheim; Pina Gräber-Haag, Gronau; Markus Haag, Gronau; Tabea Hieber, Markgröningen; Dr. Heiko Hörnicke, Stuttgart; Thomas Hofmann-Dieterich, Haigerloch; Cornelia Kohler, Ostfildern; Werner Lindner, Winnenden; Gerhard Müller, Sigmaringen; Johannes Stahl, Eschenbach; Karlfriedrich Schaller, Tübingen. Layout: AlberDESIGN, Filderstadt Druck: Druck + Medien Zipperlen GmbH, Dornstadt Versand: Tobias und Magdalene Zipperlen, Weissach Redaktionsadresse: redaktion@kirchefuermorgen.de und über die Geschäftsstelle Anzeigenpreise: lindner-service@gmx.de, FAX: 07195-979759 Anzeigenenschluss für die nächste Nummer: 11. 02. 2011 Bildnachweis Titel: © carlos Restrepo - Fotolia.com

Schule bildet Gemeinde

Kfm-Positionslicht: Kirche soll „Schule machen“ Friedemann Stöffler, Lehrer und Vorsitzender von Kirche für morgen will Brücken bauen zwischen Kirche und Schule. Schüler und Schülerinnen sollen in ihrer „Lebenswelt Schule“ den reichen Schatz von Kirche und Gemeinde erleben können. Seit der ersten Pisa-Studie im Jahre 2000 ist die Schule in aller Munde. Ob es um Integration von Migranten, Mobbing, Gewaltprävention oder Suchtprophylaxe, um die Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland, islamischen Fundamentalismus, Sexualerziehung oder gleiche Bildungschancen für alle geht: die Schule soll es richten. Sie ist der einzige Ort, an dem man alle Kinder und Jugendliche – außerhalb des eigenen Elternhauses – flächendeckend prägen und erziehen kann. Eines der Hauptziele von Kirche für morgen ist, dass die Kirche Menschen – in ihrer Lebenswelt – erreicht, dazu muss Kirche hingehen. Missionale Kirche weiß sich von Christus zu den Menschen gesandt. Von daher ist und bleibt die Herausforderung an die Kirche, hier „Schule zu machen“.

Die Dimensionen: 1. Religionsunterricht Hier erreicht die Kirche so viele junge Menschen wie sonst nirgends. Heute ist mehr denn je die konfessionelle Kooperation beim Religionsunterricht gefragt. Ohne Verwischung der Unterschiede muss und darf Kirche gerade in ihrer Konfessionalität Profil zeigen ohne dabei die Schülerinnen und Schüler in konfessionelle Gruppen aufzuspalten. Konfessionalität zeigt sich am Lehrer, nicht am Schüler. Dies schließt auch ein, dass muslimische Schüler ihren Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in deutscher Sprache mit einem vom Staat genehmigten Bildungsplan bekommen. 2. Schulseelsorge Schule braucht nicht nur Streitschlichter, sondern auch Seelsorger. Hauptamtliche wie Pfarrer und Religionslehrer sollten hier von einer Versorgungs- zu einer Beteiligungsstruktur kommen: Schüler werden ähnlich wie bei Streitschlichtern dazu ermutigt und ausgebildet, Seelsorger zu sein. Hier ist die Begleitung der Kirche, der Gemeinden, der Religionslehrer,

aber auch der Jugendarbeit besonders gefragt. Neue Modelle der „ganzheitlichen Seelsorge“ müssen entwickelt werden, z.B. für Schüler mit Defiziten an Zuwendung oder mit Verletzungen z.B. durch zerbrochene Familien. 3. Kooperation von Gemeinde- und Jugendarbeit mit der Schule Immer mehr Schulen werden Ganztagesschulen. Der Bedarf an betreuter Freizeitgestaltung wächst. Warum nicht hier als Gemeinde eine Jungschar anbieten und einen ausgebildeten Jugendmitarbeiter einbringen? Warum nicht ökumenische Projekte für Schulklassen anbieten wie „Kirchenraumerkundung“ oder „Diakonie kennen lernen“? 4. Konfessionelle Schulen Die Kirche muss hier Profil zeigen: Ein eigenes evangelisches Profil, das neue Wege geht mit Integration und Auflösung des klassischen dreigliedrigen – vom Ständedenken geprägten – Schulsystems. Hier können wir noch viel von der römisch-katholischen Kirche lernen. Wie zeigen wir an unseren Schulen evangelisches Profil? Wie viel ist die Kirche bereit, in evangelische Schulen und evangelische Bildung personell und finanziell zu investieren? Evangelische Bildung war von Anfang an für die Kirche – gerade für die evangelische – ein sehr hohes Gut. Dieses gilt es zu nutzen und auszubauen und hier in die Zukunft unserer Jugend, unserer Gesellschaft und letztlich auch unserer Kirche zu investieren.

Missionale Kirche weiß sich von Christus zu den Menschen gesandt.

Konfessionalität zeigt sich am Lehrer, nicht am Schüler.

Friedemann Stöffler, Vorsitzender von Kirche für morgen e.V.

3


Welche Rolle haben Kirche und Gemeinde in der Schule der Zukunft?

© .shock - Fotolia.com

Schule bildet Gemeinde

Wer über Kirche und Gemeinde von morgen nachdenkt, darf nicht bei Finanz- oder Strukturfragen beginnen, sondern muss nach dem Auftrag der Kirche fragen.

Wir müssen dem Lernen das Leben und dem Leben das Lernen zurückgeben.

Dieser Auftrag – das Evangelium von Jesus Christus in Wort und Tat zu bezeugen und „unter die Menschen zu bringen“ – erlaubt uns keinen Rückzug ins Private. Der Auftrag Jesu verweist uns an die Welt. Er stellt uns mitten hinein in unsere aktuelle gesellschaftliche Wirklichkeit. Als protestantische Kirche mit „volkskirchlicher Tradition“ sind wir mit unseren „Lebensäußerungen“ an das Gemeinwesen gewiesen. Gemeinden als Orte gelebten und nicht nur veranstalteten Glaubens sind heute gefragt. Der Entwicklung von gemeinwesen- und beziehungsorientierten Gemeindekonzepten sollten wir unsere Aufmerksamkeit widmen – nicht um der eigenen Existenz, sondern um der Menschen, um des Lebens, des Evangeliums willen. Leben kann sich dort entfalten und als bereichernd erlebt werden, wo Teilhabe ermöglicht und gelebt wird. Woran können wir als Kirche, als Gemeinde vor Ort, Anteil geben? Was haben wir, was wir mit Kindern und Jugendlichen teilen und ihnen mitteilen können? Kennen wir den Reichtum unserer Kirche und Gemeinde? Als Beschenkte müssen wir uns hoffentlich kein Armutszeugnis ausstellen!

Schule mitten im „Dorf“ Schule, und selbstverständlich auch der Kindergarten, sind Teil des Gemeinwesens. Die „Schule der Zukunft“ – davon bin ich überzeugt – wird noch viel enger mit dem „Sozialraum“ des kommunalen Umfeldes vernetzt sein. Erziehung und Bildung setzen verlässliche Beziehungen und vitale Beziehungsnetzwerke voraus. Kinder brauchen einen Kindergarten, eine Schule mitten im „Dorf“. Sie brauchen Erfahrung mit dem realen Leben, Möglichkeiten der Teilhabe und des Erprobens. Sie brauchen Begegnungen mit Menschen, die ihnen Orientierung geben. Prof. Martin Weingardt von der Pädagogische Hochschule Ludwigsburg formulierte diese Herausforderung einmal so: „Wir müssen dem Lernen das Leben und dem Leben das Lernen zurückgeben!“ Wir brauchen „Schulen des Lebens“, die von der Bürgerschaft mitverantwortet wer-

4

den, keine delegierte Erziehungsverantwortung, sondern gemeinsame Verantwortung aller. Im Rahmen des „Impulsprogramms Bildungsregionen“ werden in Baden-Württemberg, meist auf Landkreisebene, regionale Bildungsnetzwerke von Schulen sowie ihren möglichen außerschulischen „Bildungspartnern“ initiiert. Als Kirche sind wir an diesen lokalen Prozessen bisher nur punktuell beteiligt. Die Frage nach der Rolle, die wir haben, wird sich erübrigen, wenn wir bei diesen Vernetzungsprozessen keine Rolle spielen.

„Sprachschule des Glaubens“ – ein Beitrag zur Integration Gerade in einer religionspluralen Gesellschaft kommt der religiösen Beheimatung und der Sprachfähigkeit in Sachen Religion eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zu. Wer zur eigenen Glaubensgewissheit gefunden hat, kann dem Mitmenschen mit dem Wahrheitsanspruch seiner Religion mit Respekt und Achtung begegnen und ins Gespräch kommen. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet der Religionsunterricht. Aber auch Bibelgesprächs- und Hauskreise sind Sprachschulen des Glaubens. Integration wird kein Fremdwort bleiben, wenn wir in unseren Gemeinden eine ausgeprägte Kultur der Gastfreundschaft entwickeln. Die Landesverfassung von Baden-Württemberg nimmt uns als Kirche in die Pflicht, wenn es um den Erziehungs- und Bildungsauftrag geht. In Artikel 12, Abs. 2 heißt es: „Verantwortliche Träger der Erziehung sind in ihren Bereichen die Eltern, der Staat, die Religionsgemeinschaften, die Gemeinden und die in ihren Bünden gegliederte Jugend.“ Das sozialwissenschaftliche Institut der EKD legt mit dem Ergebnis einer Studie noch eins drauf: Den Kirchen wird auch von Nichtkirchenmitgliedern eine hohe und breit anerkannte Kompetenz im Blick auf Kinder und Jugendliche zugeschrieben. Nutzen wir die Chance und stellen wir uns der Herausforderung einer Bildungsmitverantwortung im Umfeld der Schule.

Kontakte halten, Beziehungen pflegen

eines Praktikums auch die beglückende Erfahrung machen, gebraucht zu werden.

Wenn wir als Kirche und Gemeinde im Sozialraum, im Bereich der Kindergärten und Schulen eine Rolle spielen sollen, dann müssen Kontakte aufgenommen und Beziehungen gepflegt werden. Sind uns als Kirchengemeinderat oder als verantwortliche Jugendmitarbeiterinnen und Jugendmitarbeiter der Schulleiter, die Schulleiterin namentlich oder gar persönlich bekannt? Welche Kooperationsvorschläge für außerschulische „Lernfelder“ könnten wir dem Schulentwicklungsteam der Haupt- oder Werkrealschule in unserer Gemeinde machen? Waren die Religionslehrkräfte der örtlichen Schule schon einmal zu einem Abendessen und Austausch über den Religionsunterricht und die Schulseelsorge mit dem Kirchengemeinderat eingeladen?

Die christliche Gemeinde mit ihren Aufgaben, den Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitverantwortung ist wichtiges Lern- und Erfahrungsfeld. Jugendliche, die sich für die Mitarbeit in der Kinderund Jugendarbeit gewinnen lassen und eine gute Begleitung erhalten, bekommen eine Talentförderung von unschätzbarem Wert. Vom Projektmanagement bis zur freien Rede reichen die erworbenen Kompetenzen, ganz abgesehen von den theologischen, geistlichen Kenntnissen und Fähigkeiten und der Entwicklung ihrer Gesamtpersönlichkeit. Zentrale und glaubwürdige Lebensäußerungen eines christlichen Lebens im Glauben bleiben vielen Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern ohne die Gemeinde fremd.

Gemeinde als Lernort begreifen Für die Entwicklung junger Menschen ist die Teilhabe an strukturierten und verlässlichen Lebensvollzügen von grundlegender Bedeutung. Schulisches Lernen braucht mehr konkret erfahrbaren Lebensbezug. Deshalb suchen Schulen Partner und außerschulische Experten, die ihren Schülerinnen und Schülern Erfahrungs- und Lernfelder erschließen. Der Lernort Gemeinde ist für das schulische Lernen interessant. Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg hat schon vor über 15 Jahren mit großem Weitblick das Thema „Schule – Jugendarbeit“ aufgegriffen und Qualifizierungsprogramme – wie das Schülermentorenprogramm oder Schüler-Juniorenprogramm - für Schülerinnen und Schüler aller Schularten entwickelt. Im Rahmen diakonischer Arbeitsfelder können junge Menschen im Rahmen

Persönliche Fürbitte, gegenseitige Hilfe und Unterstützung, Fürsorge für kranke und schwache Menschen, gelebte Vergebung, Chancen zum Neubeginn, Geborgenheit und Zuversicht des Glaubens, Zuspruch des Segens – die Gemeinde ist und bleibt der Ort, an dem dies erlebt und erfahren werden kann.

Waren Religionslehrkräfte schon einmal zu einem Abendessen und Austausch mit dem Kirchengemeinderat eingeladen?

Entdecken und öffnen wir unsere Gemeinden als Lernfeld auch im Rahmen der Ganztagesschule. Als Kirche in der Welt – auch der Welt der Schule – zeigen wir Profil, indem wir Gesicht zeigen und so zum Du, zu Partnern, zu Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern werden. Werner Baur, Oberkirchenrat mit dem Arbeitsschwerpunkt Kirche und Bildung, von Hause aus begeisterter Lehrer und Pädagoge, ist der Blick auf die vorhandenen Ressourcen – auch wenn sie sich in „5 Broten und 2 Fischen“ erschöpfen – und unsere Möglichkeiten angesichts Gottes großer Verheißungen wichtig.

5


Schule bildet Gemeinde

Schule – Jungbrunnen für die Gemeinde Kirche, Schule, Fürstenhof – die heiligste Lebensform von diesen dreien bietet die Schule. Das meinte der Reformator Philipp Melanchthon. Eine zitronenfrische und berechtigte Provokation findet Gerhard Müller, württembergischer Pfarrer im Schuldienst.

Billiger als um den Preis der Inkulturation ist das Evangelium nicht zu haben.

„Keine Aufgabe ist Gott so wohlgefällig wie die Erforschung und Verbreitung von Wahrheit und Gerechtigkeit. (…) Deshalb kann kein Zweifel bestehen, dass der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt und dass den Schulen im Blick darauf der Vorrang vor Kirchen und Fürstenhöfen gebührt, weil man in ihnen mit größerem Einsatz nach der Wahrheit strebt.“1 Der vor 450 Jahren verstorbene Melanchthon würde heute staunen, wie viel von dem, was er als Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit noch an der Universität verortet hatte, heute bereits in den Schulen stattfindet.

Lage versetzt werden, diese Fragen zu stellen. Da bieten sich in Deutsch Texte an, in Geschichte das Dritte Reich oder in Erdkunde die Klimaveränderung. Und manches wird nicht nur mit dem Kopf erlernt, sondern auch mit Herz und Hand erlebt: faires Verhalten im Sport etwa. Auch bei Sozialprojekten in den Schulen finden und geben die Kinder und Jugendlichen ihre Antworten nicht nur mit dem Kopf, sondern mit Leib und Seele. Und nicht selten – etwa bei Konflikten oder bei der Notengebung – geht es zwischen Unterrichtenden und Unterrichteten ganz unmittelbar um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Schule ist ein Lern- und Lebensraum geworden, in dem Schülerinnen und Schüler mit Lehrerinnen und Lehrern in ganz verschiedenen Zusammenhängen nach Wahrheit und Gerechtigkeit fragen oder in die

An diesem Lern- und Lebensraum darf die Kirche durch den Religionsunterricht teilhaben. An den Fragen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, an den kreativen Antworten der Kinder und Jugendlichen, an

Was haben Sie heute von Ihren Schülern gelernt?

6

Die Aufgabe der Inkulturation Diese Teilhabe ist für die Kirche nach meiner Auffassung von unschätzbarem Wert. Denn nirgendwo sonst ist die Kirche so nahe an der Gesellschaft dran. Nirgendwo sonst ist die Nahtstelle zwischen beiden länger: Sowohl was die Anzahl der Teilnehmer am Religionsunterricht angeht, als auch seine Dauer – von Klasse 1 bis 13 kommt man auf ca. 1000 Unterrichtsstunden. Vor allem aber treffen nirgendwo sonst die Fragen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, die frohe Botschaft und die biblischen Erzählungen so unmittelbar auf Popkultur und Medienwelt wie in den Herzen und Köpfen der Schülerinnen und Schüler. Was dann geschehen muss, nennt man „Inkulturation“. Der Missionar Gerhard Wegener, der für die Inuit eine Bibelübersetzung anfertigte, schilderte einmal, welche Umstände ihn zu konkreten Schritten der Inkulturation zwangen. Er konnte beim Übersetzen den Ausdruck „Lamm Gottes“ nicht verwenden. Denn die Inuit kannten in ihrer Eiswelt neben Hitze, Wüste und Feigenbäumen auch keine Lämmer. Also sprach er statt vom „Lamm Gottes“ vom „kleinen Seehund Gottes“. Der neue Begriff bedeutete aber auch eine inhaltliche Akzentverschiebung: Weil Robben für die Inuit in vielerlei Hinsicht die Lebensgrundlage bildeten, wurde Jesus bei ihnen sehr viel mehr als Lebensmittel und Lebensmittler verstanden. Umgekehrt spielte der Gedanke an ein Opfer(tier) fast keine Rolle mehr. Billiger als um den Preis der Inkulturation ist das Evangelium nicht zu haben. Überall in der Ökumene prägt der Glaube die Kulturen der Glaubenden. Aber umgekehrt wird eben auch der Glaube durch die Kultur geprägt. Inkulturation zeigt, wie dynamisch der Heilige Geist die frohe Botschaft in ganz verschiedene Lebenswelten einpflanzt.

© Christian Schwier - Fotolia.com

1 zitiert nach: Philipp Melanchthon, Grundlegung des gesellschaftlichen Lebens in der Schule; in: (ders.) Glaube und Bildung, Texte zum christlichen Humanismus (Lateinisch/ Deutsch), Stuttgart 1989 (Reclam), S.209

ihren Bildungsprozessen, an ihren Erfolgen und ihren Misserfolgen, an ihren Konflikten und Hoffnungen, Erwartungen und Ideen, ihren Sehnsüchten und ihrer Produktivität.

Die heutige westliche Kultur entwickelt sich rasant und fordert auch von uns Inkulturation. Und unsere Schülerinnen und Schüler sind bei der kulturellen Entwicklung „an vorderster Front“ mit dabei. Sie beherrschen mit Internet und Computer

die neuen Kulturtechniken. Sie entwickeln neue Sprachspiele, sehen die Welt mit Augen, die von Clips, Apps und Displays geschult sind. Wenn es jemand gibt, der uns dabei helfen kann, die biblische Botschaft heute angemessen zu inkulturieren, dann sind sie es. Es ist ja nichts anderes als Inkulturation, wenn Kinder und Jugendliche im Religionsunterricht die biblische Botschaft mit ihren Mitteln zu erfassen suchen. Wenn Kirche davon profitieren will, muss sie von Kindern und Jugendlichen lernen wollen und Schule als Lernort für die Gemeinde begreifen.

Rückwirkungen und Umkehrungen Es geht letztlich um die biblische Verheißung, dass durch Gottes Geist auch junge Menschen zu Lehrenden werden: „Eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen…“ (Apg. 2,17) heißt es in der Pfingstpredigt des Petrus. Darum sind Schule und Religionsunterricht keine Nebensachen für die Kirche. Im Gegenteil: Hier werden Bilder neu gedeutet und Worte neu verstanden. Hier wird überlegt und gestritten, gezweifelt und gehofft, wie bei Paulus und seinen Gemeinden. Immer schön entlang der Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft, froher Botschaft und Lebenswelt. Und zwar in einer Breite, Offenheit und Intensität, wie es sie in unseren Gemeinden selten gibt. Ein früherer Oberkirchenrat soll nach seinen Unterrichtsbesuchen die besuchten Vikare mit der Frage überrascht haben: „Was haben Sie heute von Ihren Schülern gelernt?“ Ob er dabei an Inkulturation dachte, weiß ich nicht. Aber Schule war für ihn keine Wissensabfüllstation und Bildung keine Einbahnstraße.

Schule ist ein Ort, der Kirche entscheidend belebt, bildet, entwickelt und sprachfähig macht.

Schule ist im Sinne Melanchthons ein Ort, der Kirche entscheidend belebt, bildet, entwickelt und sprachfähig macht. Insofern ist sie selbst Gemeinde.

Gerhard Müller ist evangelischer Pfarrer im Schuldienst, unterrichtet an zwei Schulen in katholischer Trägerschaft im Landkreis Sigmaringen.

7


Schule bildet Gemeinde

Schule bildet Gemeinde

Die Menschen wahrnehmen! Impulse der Religionspädagogik für die Gemeinde Gemeindearbeit kann von Fragestellungen und Perspektiven der Religionspädagogik profitieren. Axel Wiemer fragt besonders nach einem stimmigen Verhältnis von Vermittlung und Aneignung. Religionspädagogik kann die Gemeindearbeit befruchten. Damit meine ich nicht nur die Aufnahme von methodischen Ideen aus dem RU (= Religionsunterricht) in der Gemeindearbeit. Es geht vor allem um Fragestellungen und Perspektiven.

Wenn solche Die Menschen wahrnehmen Begegnung In der Religionspädagogik ist es unstritgelingen soll, müssen die Schüler und Schülerinnen genauso wahr- und ernst genommen werden wie die Inhalte des RU.

tig, dass die Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen entscheidend ist. RU muss von ihrer Lebenswelt und ihren Fragen ausgehen. Natürlich geht es im RU z.B. um die Begegnung mit biblischen Texten. Begegnung heißt aber: Kinder und Jugendliche sollen erkennen können, dass und wie diese Geschichten für sie relevant sind. Das gilt auch und gerade dann, wenn für immer mehr Kinder der RU der erste Kontakt mit biblischen Texten, mit Gebeten und Liedern oder mit Gesprächen über Gott ist. Wenn solche Begegnung gelingen soll, müssen die Schüler und Schülerinnen genauso wahr- und ernst genommen werden wie die Inhalte des RU.

Relevanz erkennen

© Rakan - Fotolia.com

Welche Erfahrungen prägen die Kinder und Jugendlichen – welche Erfahrungen

stehen hinter z.B. einem biblischen Text? Welche Wahrheiten formuliert der Text – welche Wahrheiten bringen die Kinder und Jugendlichen mit (oder suchen sie!)? Religionspädagogik möchte diese beiden Seiten in Kontakt bringen. Die Erfahrungen und Wahrheiten auf beiden Seiten achten und wertschätzen, das ist die Basis für guten RU. Da geht es dann nicht nur um die Vermittlung von Inhalten – entscheidend ist deren Aneignung durch die Schüler und Schülerinnen. Wichtig wird etwas nicht dadurch, dass die Lehrerin es wichtig findet. Wichtig ist, was mich betrifft. Und wie ich das dann ausdrücke, das muss ich selber entdecken.

In der Gemeinde Gemeinde ist, anders als Schule, freiwillig. Über Relevanz muss wenig diskutiert werden, wenn wir uns – nur von den Konfis gestört – in der Kerngemeinde der Gleichgesinnten sammeln. Aber gilt das Evangelium nicht allen Menschen? Frommen und Unfrommen, Zweiflern und Verzweifelten, Fragenden und Wissenden? Auch solchen, die ganz anders mit der Bibel umgehen als „wir“? Dabei ließe sich von der Religionspädagogik einiges lernen. Kurz gesagt: Wenn Menschen die Relevanz des Glaubens für ihr Leben nicht erkennen, muss das nicht ihre Schuld sein. Es könnte auch daran liegen, dass wir in einer Weise von der guten Botschaft sprechen, die an ihnen und ihren Fragen vorbeiredet. Relevant ist, was mich betrifft. Werden die Erfahrungen, Überzeugungen und Fragen ganz verschiedener Menschen in unseren Gemeinden geschätzt?

Axel Wiemer, Schwäbisch Gmünd, lehrt an der Pädagogischen Hochschule Evangelische Theologie und Religionspädagogik.

8

Zweit- und Drittgemeinden für alle Wer den modernen Alltag ernst nimmt und Christsein nicht nur als Hobby sieht, der muss Gemeinde mehrdimensional denken, meint Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw, und plädiert für die Zweit- und Drittgemeinde. Für meine Oma war die (kirchliche) Welt noch in Ordnung. Sie war Mesnerin auf dem Land und Bäuerin. Was Soziologen heute als die drei Orte moderner Existenz, als Wohn-, Alltags- und Freizeitort differenzieren, war für sie eine Einheit. Abends um sechs, beim Abendläuten der vertrauten Kirchturmglocke, sprach sie auf dem Feld ihr Abendgebet. Ihre Alltagsbeziehungen vor Ort und die Menschen am Sonntag waren dieselben. Für die meisten aber ist das heute völlig anders. Den Blick für unsere moderne Lebenswirklichkeit schärft die soziologische Sichtweise des ersten, zweiten und dritten Ortes.

Leben an drei verschiedenen Orten Dabei ist der erste Ort unsere Adresse, unser Wohnort. Für junge Familien, für „Alteingesessene“ ist das der wichtigste Ort, für hochmobile „young urban professionals“ dagegen manchmal nur ein Schlafplatz. Am zweiten Ort, dem Alltagsort (Arbeit, Schule, Studium), verbringen viele den größten Teil des wöchentlichen Zeitbudgets. Darüber hinaus wird der dritte Ort der Freizeitaktivitäten am Abend oder Wochenende wichtig. Denken wir nur an Dauercamper auf Campingplätzen, Kneipen oder Sportgaststätten. Modernes Leben spielt sich an drei Orten ab. Unser Christsein auch?

Gemeinde ist organisches Netzwerk Für die Frage nach der Zweit- und Drittgemeinde müssen wir die Denkblockade „Ortsgemeinde“ aufheben. Ekklesia im NT ist viel weiter, hat wenig mit einem heiligen Tag und einem heiligen Ort gemein. Die ersten Christen versammelten sich weder am staatlichen Sonntag noch auf Dauer in den jüdischen Synagogen. Ekklesia sind im NT die „zwei oder drei versammelt in Jesu Namen“, vor allem aber die Hausgemeinde von 15 bis 40 Personen um den Esstisch. Daneben auch die „Gemeinde in Rom“ (die sich als Stadtgemeinde aber so gut wie nie traf!), die „Gemeinde in der Provinz“ bis hin zur „ekklesia tou theou“. Ekklesia ist die soziale Ge-

stalt des Miteinanders von Christen, klein oder groß, an allen möglichen Orten, organisch als „Leib Christi“ verbunden, ein intensiv gelebtes Netzwerk. So gedacht wird der Raum frei für Gemeinde an Alltagsorten wie zum Beispiel der Schule.

Nicht nur „Sonderpfarrämter“, sondern Alltagsgemeinden Auch Gottesdienst müssen wir neu biblisch definieren. Gerade wenn Religion bei uns Privatsache ist und Glaube am zweiten und dritten Ort scheinbar nichts verloren hat. Nach Paulus (Römer 12,1+2) zeichnet es gerade Nachfolger Jesu aus, dass sie nicht ein „kleines Opfer“ zu heiligen Zeiten an heiligen Orten darbringen, sondern dass ihre gesamte Existenz ein Dankopfer ist für Gott. Der einzige „logische“ Gottesdienst ist deshalb der 360-Grad-Gottesdienst mitten im Alltag. Wie gewinnt dann Ekklesia Gestalt am zweiten und dritten Ort? Sind wir dort nur als Einzelne jeweils „auf Sendung“? Spricht nicht Jesus uns im Plural zu: „Ihr seid das Licht der Welt“? Und wenn, wie gerne gesagt wird, die einzige Bibel, die die Menschen heute noch lesen, das Leben der Christen ist, was lesen sie dann? Gerade dort, wo sie niemand vermutet, an Alltags- und Freizeitorten kann die Gemeinde Gottes von Menschen neu gelesen und entdeckt werden. Gut, dass es Sonderpfarrämter gibt, von den Schaustellern über Binnenschiffer bis zum Polizeipfarramt. Doch ist hauptamtliche kirchliche Präsenz an diesen Orten schon alles? Braucht es nicht neu die Gemeinde auch am zweiten und dritten Ort? Solche Reich Gottes-Zellen sind dann, wie es der Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein treffend formuliert hat, immer „ganz Kirche, aber nie die ganze Kirche“.

Gerade dort, wo sie niemand vermutet, an Alltags- und Freizeitorten kann die Gemeinde Gottes von Menschen neu gelesen und entdeckt werden.

Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw für Jugendgottesdienste, Jugendgemeinden, Jugendkirchen.

9


„Christliche Schulen“

&

Pro

Contra

Christliche Bekenntnisschulen erleben regen Zulauf, und es werden immer weitere gegründet. Manche Familien nehmen lange Anfahrtswege in Kauf, um ihren Kindern dort einen Schulbesuch zu ermöglichen. Andere entscheiden sich für wohnortnahe

Schulen, um Nachbarschafts- und Schulkontakte nicht grundsätzlich zu trennen. Aber brauchen Kinder nicht eine optimale Förderung ihrer Entwicklung? Wir haben zwei pädagogische Fachleute um ihre Stellungnahme gebeten.

Warum wir christliche Bekenntnisschulen brauchen

Warum meine Kinder nicht auf einer christlichen Schule sind

hungsarbeit. Das Lernziel „Gott vertrauen“ steht im Mittelpunkt des Leitbildes unserer Schule.

Keine dogmatische Enge

„Mir gefällt an der Schule die Identifikation der Schüler, Eltern und Lehrer mit ‚ihrer’ Schule. Dies führt zu einer insgesamt positiven Einstellung dem Lernen gegenüber und schafft eine entspannte Atmosphäre zwischen Schülern und Lehrern.“ Diese Elternrückmeldung aus einer Umfrage steht für viele Eltern, die ihre Kinder an unserer Schule anmelden.

Glauben glaubwürdig vermitteln Glaubenserziehung ist in erster Linie Prägung durch glaubwürdige Persönlichkeiten. Da freie Bekenntnisschulen sich ihr Personal selbst aussuchen dürfen, haben sie es leichter, Lehrkräfte zu finden, die das Bekenntnis ihrer Schule aus eigener Überzeugung vertreten. Glaube als wesentliches Element der Lebensbewältigung kann so in unserer pluralistischen Gesellschaft am ehesten glaubwürdig vermittelt werden.

Christlich motivierte Wertschätzung Schülerinnen und Schüler sehen wir in ihrer Einzigartigkeit von Gott geschaffen und wertgeschätzt. Wir unterstützen sie in ihrer Entwicklung und nehmen sie in ihrer gesamten Persönlichkeit wahr. Dabei bestimmt unser christliches Welt- und Menschenbild die gesamte Unterrichts- und Erzie-

Eckhard Geier ist Leiter der Freien Evangelischen Schule Stuttgart in Möhringen mit Grund-, Werkreal- und Realschulzweig (www.fes-stuttgart.de)

10

Da die Kinder im Religionsunterricht nicht nach Konfessionen aufgeteilt werden, können fächerübergreifende Unterrichtseinheiten in Verbindung mit anderen Fächern durchgeführt werden. So werden wichtige Welt- und Lebensfragen mit Glaubensfragen verknüpft. Den Schülern wird in altersgerechten Ritualen ebenso wie in Gesprächen und Diskussionen ein Zugang zum Glauben eröffnet. Die Weite der Allgemeinbildung lässt keine dogmatische Enge zu. Wir wünschen uns, dass dieser Glaube den Jugendlichen zu Gelassenheit und zu Toleranz Andersdenkenden gegenüber verhilft.

Mut für morgen Wenn die jungen Leute mit einem zuversichtlichen Gottvertrauen, das ihnen auch durch Krisen helfen kann, die Schule verlassen, dann haben wir eines unserer wesentlichen Ziele erreicht, das seit Gründung der Schule unser Motto ist: „Weil Jugend Mut für morgen braucht…“

Die Argumente für christliche Privatschulen teile ich in vieler Hinsicht. Solche Schulen sind eine wichtige Ergänzung unserer Schul-Landschaft und bieten hilfreiche Anregungen für die Bildungspolitik, weil sie aufgrund ihrer Eigenständigkeit „einen Schritt voraus“ sein können. Nein, ich bin kein Gegner christlicher Schulen. Sie sind in mancherlei Hinsicht „bessere“ Schulen.

Lernen auch durch Irritation Trotzdem bin ich froh, dass meine eigenen Kinder eine „ganz normale“ Schule besuchen. Warum? Weil ich Konflikt und Irritation für wichtige pädagogische Impulsgeber halte. Beispiele aus dem Alltag unserer Familie: Die türkische Klassenkameradin wird zum Mittagessen eingeladen, mit dem Hinweis unserer Tochter: „Kein Schweinefleisch, keine Gummibärchen!“ Ein Klassenkamerad berichtet, sein Papa sei im Gefängnis. Und mit dem besten Kumpel gab’s Streit auf dem Pausenhof, weil er es lächerlich findet, dass die Welt von Gott gemacht wurde – das kann man doch alles wissenschaftlich erklären. Solche Anlässe haben schon zu manchen inten-

Mir gefällt an

Wer Salz der

der Schule die

Welt sein will,

Identifikation der

sollte sich

Schüler, Eltern

hineinwerfen

und Lehrer mit

in die Suppe

‚ihrer’ Schule.

unserer Zeit.

siven Gesprächen mit unseren Töchtern geführt – und durchaus zu Verunsicherungen des Glaubens- und Weltbilds.

Die Welt erleben, wie sie ist Wären unsere Kinder auf einer christlichen Schule, würden manche dieser Irritationen ausbleiben. Christliche Schulen haben (nicht immer, aber oftmals) eine „erlesene“ Lehrer- und Schülerschaft, auch weil der Kontostand der Eltern einen Zugangsfilter bildet. Muslimische Schüler, Kinder aus Hartz IV-Familien oder Lehrer, die süffisant die Kirche schlechtreden – weitgehend Fehlanzeige. Das Leben wird ruhiger, der Glaube sicherer. Die Begegnung mit der realen Pluralität unserer Welt wird in einer solchen „einheitlichen“ Umgebung gedämpft. Für manche mag dies ein Argument für die Privatschule sein. Ich selbst habe das Gefühl, dass da ein Stück „echter Welt“ außen vor bleibt.

Bewährungsort für den Glauben Die Schule ist für mich nicht der Ort, an dem christlicher Glaube vermittelt wird, sondern an dem er sich bewährt. Damit Glaube wachsen kann, brauchen Kinder Begleitung, authentische Christen, Einführung in die biblische Tradition. Das ist Aufgabe der Gemeinde, der Jugendarbeit und – wenn sie ihr Taufversprechen ernst nehmen – der Eltern. Der so wachsende Glaube begegnet dann in wacher Weise den Herausforderungen unserer Welt, in den Fragen und Begegnungen mit Menschen anderer Überzeugung. Wer Salz der Welt sein will, sollte sich hineinwerfen in die Suppe unserer Zeit. Nicht, um fade zu werden, sondern um zu spüren, wo diese Welt das Salz nötig hat. Darum: Suchet der Schule Bestes, mitten in der Welt.

Wolfgang Ilg, Landesschülerpfarrer im ejw (www.schuelerarbeit.de)

11

© belichtungsknecht - Fotolia.com (2)

Pro & Contra


Bausteine

Projekt Schulseelsorge „Schulseelsorge ist ein durch den christlichen Glauben motiviertes offenes Angebot für alle Menschen im Lebensraum Schule.“1 Wie dies im Schulalltag konkret aussehen kann, berichtet Tabea Hieber, die als Schulseelsorgerin am Hans-Grüninger-Gymnasium in Markgröningen tätig ist.

Bepackt mit Büchern und Heften, Ordnern und Mäppchen kommen die Schülerinnen und Schüler am frühen Vormittag an ihrer Schule an. Schwere Taschen baumeln über den Schultern, viel zu schwere Rucksäcke belasten den Rücken. In ihrem Gepäck schleppen sie aber auch – für andere unsichtbar – andere Lasten mit sich herum. Diese hindern sie oft daran, motiviert und konzentriert den Unterrichtsinhalten zu folgen. Schulische oder familiäre Probleme, Mobbing und Ausgrenzung, Überforderung oder pubertäre Probleme prägen so manche Schülerbiographie. Was sind die Kernkompetenzen des Lebens? Wie lernen Schüler und Schülerinnen den Alltag mit seinen Herausforderungen zu bestehen? Und wie kann ich als Schulseelsorgerin sie darin unterstützen und so zu einem gelingenden Schulalltag und Leben beitragen? Diese Fragen beschäftigen mich. Gibt es einen Leitfaden in meinem Umgang mit den Schülerinnen und Schülern, aber auch mit Kollegen und Kolleginnen, der einer „Lebenskultur nach dem Evangelium“ entspricht? Drei „Urwünsche“ der Menschen leiten mich bei meiner Suche:

Individualität – einen Namen haben

Wenn mich jemand ansieht © Maria Vaorin - photocase.com

und sich mit seiner gesamten Aufmerksamkeit mir zuwendet, bekomme ich „Ansehen“. 12

Das bedeutet, nicht austauschbar zu sein und Zuwendung „von Angesicht zu Angesicht“ zu erleben. Wenn mich jemand ansieht und sich mit seiner gesamten Aufmerksamkeit mir zuwendet, mir glaubt und darauf vertraut, dass das, was ich erzähle, auch stimmt, bekomme ich „Ansehen“. In der Schulseelsorge bedeutet das für mich, ganz für die Schülerinnen und Schüler da zu sein. Einen FreiRaum zu schaffen, in dem ich ihnen zuhöre und in dem sie ohne Leistungsanforde1 Flyer „Werkstatt Schulseelsorge“ 2 Paul M. Zulehner, Leibhaftig glauben, Herder Verlag, Freiburg, 1983, S. 20.

rung und Bewertungskriterien Mensch sein können. Schon allein diese Erfahrung bedeutet für manchen eine Wende.

Selbstbestimmung – Macht haben “Wir Menschen wünschen uns, dass wir an der Geschichte unseres Lebens mitschreiben können.“2 In der Schulseelsorge mache ich mich gemeinsam mit meinem Gesprächspartner auf den Weg, um nach Lösungsmöglichkeiten des Konflikts oder nach einer Veränderung der schwierigen Situation zu suchen. Wichtig ist mir dabei, dass die Schülerinnen und Schüler dabei selbst schöpferisch tätig sein können, um aus ihren eigenen Ressourcen heraus eine Veränderung anzugehen.

Dazugehören – beheimatet sein Schülerinnen und Schüler möchten dazugehören, sei es in ihrer Klasse oder in der Schulgemeinschaft. Sie möchten Wurzeln schlagen können. Dazu braucht es den entsprechenden Boden, eine Kultur, die dies fördert. Eine Sensibilisierung der gesamten Schulgemeinschaft ist notwendig, um Missachtung, Ausgrenzung und den Verlust der Würde durch Verleumdung und Mobbing früh zu erkennen und zu beheben. Maßstäbe und Orientierung im Umgang miteinander sollen auch durch die Angebote der Schulseelsorge gegeben werden.

Schulseelsorge konkret  er „Raum der Stille“, ein wöchentliches D Angebot in der Mittagspause, ist ein leistungsfreier Raum, in dem man einfach da sein kann und dazu gehört. Nach einem kleinen Impuls zum Ankommen haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich zu entspannen, auszuruhen oder sich leise zu beschäftigen. Meditative Musik im Hintergrund unterstützt dies. Gesprächsangebote Nach der Kontaktaufnahme, die meist durch die Schülerinnen und Schüler erfolgt, findet ein Gespräch über die persönliche Situation statt. Bei manchen ist eine Begleitung über einen längeren Zeitraum erforderlich. In Situationen, die über meine Kompetenz hinausgehen, vermittle ich an die entsprechenden professionellen Beratungsstellen.

Schulgottesdienste Seit vielen Jahren gehören Schulgottesdienste zu unserem Schulalltag. Sie finden statt zu Beginn des neuen Schuljahrs, am Buß- und Bettag in Form eines Taizé-Gottesdienstes sowie an Weihnachten und am Schuljahresende. Gestaltet werden sie meist von Schülerinnen und Schülern gemeinsam mit ihren Religionslehrern oder Pfarrern und können zu einer Oase im Schulalltag werden.

Wir Menschen wünschen uns, dass wir an der

Vernetzungsmöglichkeiten Geschichte Innerhalb der Schule Als Schulseelsorgerin bin ich Teil eines Beratungsnetzwerkes an unserer Schule, zu dem die Verbindungslehrer und die Beratungslehrerin gehören.

unseres Lebens mitschreiben können

Im Kirchenbezirk In unserem Kirchenbezirk Ditzingen finden regelmäßige Treffen der in der Schulseelsorge tätigen Lehrerinnen und Lehrer zum kollegialen Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung statt. Darüber hinaus bin ich sehr froh über eine andere Möglichkeit der Vernetzung: All die Lasten, die mir anvertraut werden, muss ich nicht alleine tragen, sondern kann sie im Gebet vor Gott bringen. Das landeskirchliche Projekt Schulseelsorge läuft noch bis 2011. Seit Projektbeginn 2007 wurden Qualifizierungsangebote geschaffen, wie z. B. „Die Werkstatt Schulseelsorge“, in der fachliche und persönliche Unterstützung angeboten wird. Inzwischen wird die sechste Werkstatt Schulseelsorge durchgeführt, in der jeweils ca. zehn Religionslehrerinnen und Religionslehrer qualifiziert wurden. Schulseelsorge ist inzwischen ein in vielen Schulen etabliertes Angebot, das dankbar angenommen wird. Eine Kirche, die die veränderte Lebenswelt der Menschen und ihren Auftrag in Seelsorge und Diakonie ernst nimmt, sollte sich auch weiter im Lebensraum Schule engagieren und die entsprechenden Voraussetzungen dafür schaffen.

Der „Raum der Stille“, ist ein leistungsfreier Raum, in dem man einfach da sein kann und dazu gehört.

Tabea Hieber hofft als Religionslehrerin und Schulseelsorgerin, dass das Projekt Schulseelsorge eine Zukunft hat.

13


Bausteine

Bausteine

Vom Schülerbibelkreis zur Schulgemeinde?

© Picturen

etCorp - Fo

tolia.com

Wie lebe ich als Christ an der Schule? Das fragen sich viele – als Lehrerin, Schüler, Jugendarbeiter oder Elternbeirat. Aber vielleicht ist die Frage falsch. „Wie leben wir miteinander Gemeinde an der Schule?“ fragt Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw.

Aber warum nicht dennoch miteinander

Bis heute steht SBK für Schülerbibelkreis. Was sich wie eine religiöse Neigungsgruppe anhört (neben der BasketballAG auch eine Bibel-AG) war im Ursprung revolutionär. Und ist es eigentlich bis heute. Junge Christen versammeln sich in ihrem Schulalltag als „junge Gemeinde“ und verantworten ihre Treffen selber. Konfession wird zweitrangig. Gemeinsam wird Nachfolge mitten im Alltag gelebt. Freilich gibt es auch die andere Realität: manche SBKs sind eher christliche „Durchhalte-Gruppen“ hinter verschlossenen Türen. Wo aber, wie jetzt in der SMD-„Schulbeweger“-Kampagne, eine Reich Gottes-Sicht Einzug hält, können sie zu „Gemeinde-Satelliten“ an der Schule werden. Dazu ist allerdings notwendig, dass sich alle Christen an der Schule wahrnehmen, wertschätzen und zusammenarbeiten.

Gemeinde sein Wahrnehmen was schon ist... und gemeinsam Von Schülerseite her gibt es neben „der Schule Bestes“ suchen?

„SBKs“ auch „Pausenspielmentoren“ oder „Break Time Action-Gruppen“ mit Spielangeboten in der großen Pause auf dem Schulhof. Daneben existiert der „Prayday“ oder andere Einzelaktionen. Bei Schulgottesdiensten können sich junge Christen an der Schule einklinken – z.B. mit einer „JuGo-Band" und dem Erfahrungsschatz aus Jugendgottesdiensten. Dann die Elternseite. Viele engagieren sich als Christen bewusst an „ihrer Schule“ im Elternbeirat. „Mütter in Kontakt“ ist eine ganze Gebetsbewegung, bei der lokale Gruppen gezielt einzelne Schulen ins Gebet nehmen.

Die klassische christliche Präsenz an der Schule ist der Religionsunterricht. Hier bringen Lehrende den christlichen Glauben von einer anderen Seite her ins Spiel. Darüber hinaus hat sich mit der Schulseelsorge ein weiteres Feld eröffnet und „Räume der Stille“ stehen auf der Wunschliste von vielen Schulen. Nicht zu vergessen die vielen christlichen Pädagogen, die nicht nur Englisch oder Mathe vermitteln, sondern ihren Beruf bewusst als Christen leben wollen. Gibt es irgendwo so etwas wie ein „Lehrergebetsfrühstück“? Und die Jugendarbeit? Sie begleitet SBKs, führt „Tage der religiösen Orientierung“ durch und inzwischen auch an vielen Orten Schülermentoren-Programme. In von Young Life inspirierten Projekten wird Schulkontaktarbeit erprobt, werden AGs (z.B. eine Band) begleitet, „Streitschlichter-Seminare“ angeboten oder Haupt- oder Ehrenamtliche fahren mit nach Taizé oder auf eine Klassenfahrt.

Miteinander Gemeinde sein an der Schule Natürlich sind die Rollen verschieden bei Lehrenden, Schülerinnen oder Eltern. Und christliche Vernetzung darf nicht ansatzweise nach „Christenverschwörung“ riechen. Aber warum nicht dennoch miteinander Gemeinde sein und gemeinsam „der Schule Bestes“ suchen? Warum nicht in einer weltanschaulich offenen und pluralen Schule (die weltanschaulich neutrale gab und gibt es nicht!) miteinander unter einem Reich Gottes-Horizont unsere Werte, und unseren Glauben ins Spiel bringen, ob mit oder ohne Worte? Dann kann über Bibelkreise hinaus so etwas wie Gemeinde an der Schule Wirklichkeit werden.

Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw für Jugendgottesdienste, Jugendgemeinden, Jugendkirchen

14

Jugendlich, sozial und verantwortungsbewusst – Vision und Programm „Das Schülermentorenprogramm“ (SMP) wird seit Jahren im Auftrag des Kultusministeriums ökumenisch an Schulen in Baden und Württemberg durchgeführt. Fine Dücker, ehemals Referentin für „Jugendarbeit und Schule“ im ejw berichtet. „Suchet der Stadt Bestes“ wirbt der Prophet Jeremia und ihm möchte ich mich gerne anschließen. Ich träume von einer Kirche, die sich so sehr nach einer anderen Welt sehnt, dass sie gar nicht anders kann, als Menschen jetzt schon damit zu beschenken. Als Christen können wir eine Kultur prägen, die sich unterscheidet. Der Leitgedanke ist dabei nicht „Was habe ich davon?“, sondern die im Überfluss begründete Frage: „Wie kann ich abgeben?“

Die Schule mit den Stärken der Jugendarbeit.

Schüler in ihrer Lebenswelt erreichen Ein oft formuliertes Ziel missionarischer Arbeit. In einer sich so drastisch und schnell verändernden Bildungslandschaft muss nach der Lebenswelt Jugendlicher nicht lange gefragt werden. Durch G8 wird das Gymnasium faktisch zur Ganztagesschule. An keinem anderen Ort werden Jugendliche in Zukunft so viel Zeit verbringen. Diese Veränderungen können wir von Seiten der Kirche positiv oder negativ bewerten. Den Prozess werden wir dadurch nicht stoppen, wir haben aber die Chance, ihn mit zu gestalten!

Ein hervorragendes Modell Das Schülermentorenprogamm (SMP) „Soziale Verantwortung lernen“ beschenkt die Schule mit den Stärken der Jugendarbeit. Mit mittlerweile ca. 1000 ausgebildeten Schülermentoren pro Jahr ist das SMP ein langjährig erprobtes und sehr beliebtes Programm zur Kooperation von Jugendarbeit und Schule. Eine Schülermentorenausbildung besteht aus drei Modulen: 40-stündiger SMP-Grundkurs, 40-stündiges SMP-Praktikum und eintägiger SMPSpezialkurs. Abgeschlossen wird es mit einem Zertifikat. Die meist auf ein Schuljahr angelegte Ausbildung (als AG oder in der Nachmittagsbetreuung) bietet gute Möglichkeiten, Beziehungen aufzubauen und Schüler langfristig zu begleiten. Gemeinsam mit den SMP‘lern kann durch

Vorlesenächte für jüngere Schüler, Patenschaften für neue Fünftklässler oder Pausenspielangebote die Atmosphäre einer Schule verändert werden.

Wer bildet aus Verantwortliche aus Schule und Jugendarbeit bilden gemeinsam die Leitung. Gerne unterstützt die Schülerinnen- und Schülerarbeit im ejw die SMP-Ausbilder vor Ort. Außerdem ist im Sommer 2010 ein Buch mit Praxis-Tipps zur Schülermentorenausbildung erschienen: Dücker, Fine; Röber, Franz; Steinestel, Karin (Hg.): Praxishandbuch zur Schülermentoren-Ausbildung „Soziale Verantwortung lernen“ in Kooperation von Jugendarbeit und Schule, Stuttgart: buch & musik, 2010. Weitere Infos: www.schuelermentor.de

Fine Dücker, 2007-2010 Referentin an der Landesstelle des ejw für den Bereich „Jugendarbeit und Schule“. Seit September 2010 arbeitet sie bei Wunderwerke e.V. in Essen. Die Menschen außerhalb von Kirchenmauern und Gemeindehäusern liegen ihr besonders am Herzen.

15


Schule als Lebens- und Erlebnisraum

Foto: Klaus Franke

Das evangelische Firstwald-Gymnasium in Mössingen ist eine von sieben Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises 2010. Es erhielt den Sonderpreis der Akademie für „Schulentwicklung“. Friedemann Stöffler ist Mitglied des Schulleitungsteams und dort zuständig für Schulentwicklung, „Mensch und Medien“ und das evangelische Profil. Marc Stippich hat ihn nach Erfolgsrezepten für eine „gute Schule“ gefragt.

Lieber Friedemann, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung eurer Schule! Was hat der Jury denn besonders imponiert?

Unser zentrales Anliegen ist es, dass eine Atmosphäre der Geborgenheit entstehen kann.

Mehr Raum zur Persönlichkeitsbildung und weniger Leistungsdruck

Zum einen sind wir eine Schule mit einer alten Internatstradition. Dadurch spürt man bis heute ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Schülern und Lehrern. Irgendwie sind wir so etwas wie eine große Familie. Ein zweiter Punkt betrifft die gut strukturierte und gestaltete Ganztagesschule mit vielen AGs, offenen Angeboten und Hausaufgabenbetreuung. Und ein dritter Punkt besteht in unseren Formen individueller Förderung, die es uns leichter macht, zum einen Hochbegabte, zum anderen auch Schüler mit Behinderungen in unserer Schule zu integrieren. Auch dass wir ein Gymnasium mit Schreinerei und Schreinermeister sind, ist etwas Besonderes. Was die Jury des Deutschen Schulpreises aber besonders überzeugte, waren die Prozesse der Schulentwicklung, die bei uns in den letzten Jahren angestoßen wurden: Ein ziemlich einmaliges Fach „Mensch und Medien“, ein wieder eröffnetes Internat und Aufbaugymnasium und seit dem letzten Jahr eine neu gegründete Grundschule.

Wodurch wird das „Evangelische“ der Schule im Schulalltag sichtbar? Natürlich feiern wir zu verschiedenen Anlässen Schulgottesdienste. Dann gibt

16

es einen sehr schönen Raum der Stille. Dort findet eine Morgenandacht statt, dort trifft sich auch der Schülerbibelkreis. Wir arbeiten gerade daran, dass dieser Raum auch darüber hinaus genutzt wird. Bei uns haben alle Schülerinnen und Schüler evangelischen Religionsunterricht. Wir gestalten jedes Jahr mit allen Schülern einen Kreuzweg. Es gibt einen Austausch mit einer Evang. Schule in Beit Sahour bei Bethlehem in Kooperation mit dem Mössinger CVJM. Es gibt in Klasse 13 für alle Schüler Klostertage, und jedes Jahr wird eine Fahrt zum Kirchentag oder nach Taizé angeboten. Mindestens einmal im Schulleben nimmt jeder Schüler an einer Sozial-AG teil. Das bedeutet, sich ein Jahr lang eine Stunde pro Woche für andere zu engagieren: in der Kinderkirche oder bei der Hausaufgabenbetreuung, in einer Jungschar oder als Anleiter bei den Jugendfußballern. Wir freuen uns, dass wir Schüler mit ganz unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen haben. Es ist uns wichtig, hier Toleranz einzuüben. Unser zentrales Anliegen ist es, dass eine Atmosphäre der Geborgenheit entstehen kann, in der alle mit je ihren Stärken und Schwächen angenommen sind.

„Jugendarbeit und Schule“ bzw. „Schule und Gemeinde“ ist eines der großen Zukunftsthemen in der Kirche. Was kann die Schule von Gemeinde und Jugendarbeit lernen? Und was die Jugendarbeit von eurer preisgekrönten Schule? Ich bin der Meinung, dass die strikte Unterscheidung oder gar Trennung zwischen Jugendarbeit und Schule überholt ist. An unserer Schule haben wir 35 Internatsschüler. Für sie ist Schule selbstverständlich auch Lebens- und Erlebnisraum. Und für alle anderen gibt es an unserer Ganztagesschule viele Formen freiwilliger Angebote, wie sie es bisher nur in der Jugendarbeit gab: Spiele und Basteln, Sport, Theater, Schreinerei, Erlebnispädagogik.

Robert-Bosch-Stiftung, Theodor Barth (5), Max Lautenschläger (1)

Schulporträt

In der gemeindlichen Jugendarbeit genauso wie in der Schule soll es darum gehen, junge Menschen so zu prägen, dass sie sich verantwortungsvoll in unsere Gesellschaft einbringen. Wir wollen ihnen tragfähige Werte vermitteln, und sie sollen sich mit dem christlichen Glauben zumindest auseinandersetzen und ihn dabei auch erleben können. In beiden Bereichen geht es darum, dass Personen da sind, die Jugendliche ernst nehmen, ihnen Perspektiven für ihr Leben eröffnen. Ich würde mir auch an unserer Schule noch viel mehr Kooperationsformen zwischen Jugendarbeit und Schule wünschen. Die große Stärke der Jugendarbeit sind Personen, die altersmäßig und von den Themen her näher an den Jugendlichen dran sind. Wir haben deshalb auch – neben einem Schulseelsorger – FSJ-ler und Zivildienstleistende, Sozialpädagogen und Praktikanten. Die Stärke der Schule liegt ja darin, dass sie junge Menschen mit ganz unterschiedlichen Biographien, sozialen Schichten und Weltanschauungen erreicht. Die Herausforderung für die Gemeinden bestünde darin, diese Mischung in ihren Angeboten und Gruppen für Kinder und Jugendliche auch zu erreichen.

Die Herausforderung für die Schule demgegenüber ist, neben Lern-Raum auch Lebens- und Erlebnis-Raum zu sein, in der Stoffvermittlung und Noten eine geringere Rolle spielen und der Einzelne mit seinen Talenten immer mehr gefragt ist.

Wenn du einen Wunsch offen hättest, wie Schule sich in Zukunft entwickeln soll, … … dann würde ich versuchen, genau in dieser Richtung Schule umzugestalten: Weniger Selektion und mehr Förderung. Mehr Raum zur Persönlichkeitsbildung und weniger Leistungsdruck. Wir wissen, dass jeder in Bildung investierte Euro eine sehr gute Rendite hat. „Keiner soll verloren gehen“ – das Motto der CJDSchulen – das müsste das Ziel von Kirche, Jugendarbeit und Schule sein. Auf der Schulhomepage www.firstwald. de findet man weitere Informationen, z.B. auch über einen Besuch von Jörg Pilawa im September 2010 am Firstwald. Der Träger des Firstwald-Gymnasiums ist die Schulstiftung der Evang. Landeskirche in Württemberg. Weitere Schulen der Schulstiftung befinden sich in Michelbach/Hohenlohe (www.eszm.de) und in Sachsenheim (www.lichtenstern.info)

„Keiner soll verloren gehen“ – das müsste das Ziel von Kirche, Jugendarbeit und Schule sein.

Friedemann Stöffler, 1. Vorsitzender von Kirche für morgen, Studiendirektor am Evangelischen Firstwaldgymnasium, unterrichtet Mathematik, Evang. Religion und „Mensch und Medien“. Er war bis 2002 für fünf Jahre Landesreferent für Schülerarbeit im ejw und hat an mehreren Veröffentlichungen zur Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule mitgearbeitet.

17


Bausteine

Synode aktuell

Wenn Mütter beten …

Nicht nur nachdenken – sondern auch mal vordenken!

Wer hat am Montagmorgen schon Zeit zum Beten? MiK-Mütter! Warum das so ist, beschreibt Ute Mayer.

Ausklinken aus dem Alltag MiK-Mütter sind nichts Besonderes – aber sie haben eine Besonderheit: sie wissen, wohin sie ihre Kinder „tragen“ können. Einmal in der Woche nehmen sie sich Zeit, ganz konkret für ihre Kinder und deren Schulen zu beten. Unsere Kinder verbringen sehr viel Zeit in der Schule – die Herausforderungen und Einflüsse, denen sie dort und auf dem Schulweg ausgesetzt sind, können einem manches Mal Angst machen. Wie gut, wenn wir

dann zusammen mit anderen Müttern diese Nöte vor Gott bringen können.

Wie alles begann MiK ist eine überkonfessionelle Gebetsbewegung von Müttern. Wir sind Teil einer weltweiten Gebetsbewegung – Moms in Touch International – und sind überzeugt, dass Beten einen Unterschied macht: Für unsere Kinder und Schulen, aber auch für uns selbst. Die Idee entstand, als sich Fern Nichols, eine amerikanische Mutter, 1984 mit anderen Müttern traf, um für ihre Kinder an einer Junior Highschool zu beten. Aufgrund ihres Beispiels und der erlebten Gebetserhörungen begannen sich weitere Gebetsgruppen zu bilden. Inzwischen gibt es diese Gebetsbewegung in ca. 120 Ländern. In Deutschland gibt es mehr als 1000 Gruppen mit 2-10 Teilnehmerinnen.

Strukturen geben Sicherheit Im turbulenten Alltag Zeit zum Gebet zu finden, ist nicht immer leicht. Da hilft die Regelmäßigkeit unserer MiK-Stunde: Einmal in der Woche treffen wir uns für eine Stunde zum Gebet. Der Ablauf ist immer gleich – das gibt Sicherheit und hilft dabei, den Zeitrahmen einzuhalten: Anbetung – Schuld bekennen – Dank – Fürbitte.

Wer, wenn nicht ich? Wer betet für mein Kind? Oder für den Klassenkameraden, der gerade so traurig ist, weil die Eltern sich trennen. Für den Lehrer, dem jeder Schultag so unendlich lang erscheint, weil er kurz vor dem Burnout steht. Für die Lehrerin, die ernsthaft erkrankt ist. Wir MiK-Mütter haben einen Traum: Eine Gebetsgruppe für jede Schule in Deutschland. Zugegeben – etwas vermessen. – Aber nicht unmöglich! Helfen Sie mit, den Traum zu verwirklichen?

© ©Torsten TorstenSchon Schon--Fotolia.com Fotolia.com

Weitere Infos: www.muetterinkontakt.de; Mütter in Kontakt, Faullederstr. 3, 70186 Stuttgart, 0711/220 14 85; Fax: 0711/220 12 35; info@muetterinkontakt.de Ute Mayer, Weil der Stadt, freiberufliche Verlagslektorin, engagiert sich im Vorstand und im Team der Bundeskoordinatorin von MiK und ist davon überzeugt, dass betende Mütter einen Unterschied machen.

18

Markus, Du wurdest ja für Dich sehr überraschend in die Synode gewählt. Hast Du Dich mit der Arbeit im Kirchenparlament angefreundet? Tatsächlich hat die Arbeit in der Landessynode zunächst nicht zu meiner persönlichen Lebensplanung gehört. Aber die innovativen Anliegen von Kfm waren es letztlich, die mich überzeugt haben und die ich bekannter machen wollte. Und ja, nach einer längeren „Schrecksekunde“ habe ich den Einzug ins Kirchenparlament als Gottes Weg für mich akzeptiert.

Was ist für Dich Motivation und Antrieb? „Dienet einander mit den Fähigkeiten die Gott euch geschenkt hat, dann seid ihr gute Verwalter der Gnade Gottes.“ ( 1. Petrus 4, 10 ) Meine Hoffnung ist, dass meine drei Kinder und meine sieben Patenkinder eine Heimat im Glauben und in der Landeskirche finden – ebenso meine Sportlerkameraden und meine Arbeitskollegen. Leider haben wir uns als Kirche in vielen Bereichen aus der Lebenswelt von Jugendlichen und Familien zurückgezogen. Durch die Arbeit in der Landessynode will ich mithelfen, dass wir Kirchendistanzierte wieder besser erreichen.

Wo liegen Deine Aufgaben und Schwerpunkte in dieser 14. Landessynode? Ich bin Mitglied im Ausschuss für Kirche, Gesellschaft und Öffentlichkeit. Um Prozesse voran zu treiben, versuche ich durch Anfragen und Anträge Dinge in Bewegung zu setzen; nicht nur nachzu-

denkbar

Montagmorgen, beide Kinder in der Schule, Frühstückstisch abgeräumt, Start frei für die berufliche Arbeit am Schreibtisch… noch nicht: zunächst ist MiK dran. MiK – Mütter in Kontakt –, eine Gebetsgruppe für Kinder und deren Schulen, ist seit vielen Jahren zu einem festen Bestandteil in meinem Leben geworden, den ich nicht mehr missen möchte.

Das ist das Motto unseres Synodalen Markus Brenner. Was das für ihn bedeutet, hat er Markus Haag in einem Interview erzählt.

denken, sondern auch mal vor- oder querzudenken – und dann zum Handeln anregen.

Welche Themen stehen gerade im Vordergrund? Ich möchte, dass die Jugend frühzeitig in Entscheidungsprozesse eingebunden wird. Sie sollten ab der Konfirmation wählen dürfen! Und der Altersdurchschnitt der Synodalen (56 Jahre) könnte durch Zuwahl von Jugenddelegierten gesenkt werden. Außerdem unterstütze ich Initiativen, die Pfarrer in ihrer eigentlichen Berufung stärken und Ehrenamtliche durch Freiwilligenmanagement beteiligen – und nicht nur betreuen.

Was sind Deine Wünsche für die zweite Halbzeit der Landessynode? Dass die vielen Termine, Sitzungen und Synoden mehr mit geistlichen und inhaltlichen Schwerpunkten erfüllt werden. Es geht doch viel Zeit und Energie für Spar- und Gebäudekonzeptionen und innerkirchliche Umstrukturierungen verloren. Ich würde gerne mehr agieren anstatt nur zu reagieren. Oft wird bei „Kirchens“ Gaspedal und Bremse gleichzeitig gedrückt.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch. Markus Brenner ist Naturdesigner und als einer der wenigen echten „Laien“ seit 2007 als Synodaler von Kirche für morgen des Wahlbezirks Bernhausen/Degerloch in der Landessynode. Er arbeitet und wohnt mit seiner Familie in Ostfildern.

Bildung hebt ein Volk und macht es nicht nur geeignet, sich wirtschaftlich zu behaupten, sondern gibt ihm auch die Möglichkeit, politisch richtig zu handeln und Irrlehren als solche zu erkennen. Ziel der Bildung ist die Erreichung einer Bildung des Herzens, einer Anerkennung des Rechtes und des Wertes anderer." (Robert Bosch)

19


Einladung

Zu guter Letzt

Jubiläum & Jahrestagung in Herrenberg

Freitag 14. Januar 2011 19:30 Uhr

„Und sie bewegt sich doch“ Kabarettistisches, Nachdenkliches und Visionäres zu 10 Jahren „Kirche für morgen“ • mit Manfred Geywitz und „Transparent“ • mit dem Kirchenkabarett „Die Jakobiner“ •m  it musikalischen Beiträgen durch Kathrin Messner und „Sister Action“

feiern

uns! Sie mit

•m  it Interviews mit Vertretern der Synodal-Gesprächskreise

Samstag Freitag 15.Januar Januar2011 2011 14. 9:00 Uhr 19:30 Uhr Prof. Dr. Peter Wick, Bochum

Back to the future die Gottesdienstpraxis der ersten Christen als Impuls für die Kirche heute Referat I Austausch I Arbeitsgruppen I Abendmahl I Tischgemeinschaft Das komplette Programm und ausführliche Informationen finden Sie unter: www.kirchefuermorgen.de

• mit Sektempfang

Eintritt frei (mit schriftlicher Anmeldung)

GEMEIND Frische Fo

rmen für

E 2.0

die Kirche von heut 11. – 12. M e ä ärrz 2 20 01111 Fildersta ad dt b be ei St Stu uttttg gar art

Konferenz für Gemeinde-Innovation 11. bis 12. März 2011 in Filderstadt

Zum Thema ‚Frische Formen für die Kirche’ sind haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter aus Gemeinden eingeladen, um in mehr als 50 Seminaren, Foren und Vorträgen über die Zukunft der Kirche nachzudenken und an Modellen der Hoffnung zu betrachten, wie ein eigener Weg aussehen könnte. Zwei anglikanische Bischöfe, Stephen Croft und Graham Cray, Prof. Dr. Michael Herbst sowie viele Praktiker und Denker zu Themen wie Gemeinde-Entwicklung und Gemeinde-Innovation werden die Tage Im März gestalten und prägen. Inhaltlich wird es darum gehen, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem die Ergebnisse der Sinus-Milieu-Forschung, auszuwerten, um die Reichweite bestehender Formen von Kirche und Gemeinde einzuschätzen. Welche Gestalt muss also Kirche, Verkündigung und Glaube haben, wenn wir in dieser hochfragmentierten und segmentierten Gesellschaft die bisherige „Milieugefangenschaft“ von Kirche (W. Huber) überwinden wollen? Für die Konferenz haben sich verschiedene Initiatoren zusammengefunden, wie das Zentrum für Mission in der Region (ZMiR), das Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG), das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW), das Netzwerk Church Convention und die Evangelische Laienbewegung Vineyard-Gemeinschaften in Württemberg. Infos und Anmeldung unter: www.gemeindezweinull.org

Die Tage mit dem T-Shirt... Es gibt Tage, da tauchen am Gymnasium Renningen schwarze T-Shirts auf. Sie werden immer am 2. und 20. jedes Monats in verschiedenen Klassen und Kursen gesichtet, ihre Trägerinnen und Träger kennen sich aus dem Schülerbibelkreis oder aus der Gemeinde. „Erlebt in mir“ steht groß vorne drauf – wer mehr wissen möchte, kann nachschauen unter www.erlebtinmir.de. Eine pfiffige Idee, ganz unspektakulär Gemeinde und Schule zu verbinden.

Claudia Bieneck


/Zitronenfalter_3_2010_final_72